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Leseprobe "Der Reichstag"

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MICHAEL S. CULLEN

DER REICHSTAG SYMBOL DEUTSCHER GESCHICHTE


Inhalt

Vorwort

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Die Anfänge

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Parlamentarischer Alltag 1894–1932

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Symbol der Weimarer Republik

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Parlament ohne Demokratie

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Im Kalten Krieg

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Im wiedervereinigten Deutschland

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Anhang

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Vorwort

In seinem Vorwort zur Geschichte des US-Kapitols schrieb der Architekt Glenn Brown im Jahr 1901, der Bau sei keine fertige Schöpfung, sondern ein Gewächs. Sein höchster Wert liege darin, dass er nie fertig geworden sei, ja, dass er nie fertig werden könne. Dasselbe gilt auch für das Reichstagsgebäude in Berlin – und genauso für die Arbeit, die seine Geschichte festhalten will. So gesehen kann auch ein Buch über das Reichstagsgebäude niemals fertig sein: Man beendet seine Bücher niemals, man setzt sie aus. Auch dieses Werk ist also »ausgesetzt«. Mit der feierlichen Schlüsselübergabe an den Deutschen Bundestag erhielt das Reichstagsgebäude am 19. April 1999 eine neue, alte Identität: Es ist seither (wieder) Sitz eines frei gewählten gesamtdeutschen Parlamentes. Das war nicht immer so. Kein anderes Parlamentsgebäude auf der Welt ist in ähnlich kurzer Zeit historisch derart gebeutelt worden. Deshalb – und wegen der prekären Lage des Hauses unmittelbar an der Berliner Mauer – zögerten die Künstler Christo und Jeanne-Claude nicht lange, meinen Vorschlag anzunehmen, das Reichstagsgebäude für eine ihrer spektakulären Verhüllungsaktionen zu nutzen. Es schien ihnen besser geeignet als das Kapitol in Washington, der Westminster-Palast in London oder das Palais Bourbon in Paris – alle in der universellen Geschichte der Demokratie weitaus bedeutsamer. Sie verhüllten 1995 das Reichstagsgebäude in Berlin, weil hier neben der ästhetischen Wirkung auch eine ideelle Botschaft vermittelt werden konnte, die – wenn auch nicht primär beabsichtigt – doch so verstanden wurde. Das heutige, von Sir Norman Foster restaurierte Gebäude hat nur noch bedingt Ähnlichkeit mit dem von Paul Wallot zwischen 1884 und 1894 errichteten Reichstag. Es präsentiert sich heute so, dass ein Zeit7

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genosse seines Erbauers es nur schwerlich wiedererkennen würde. Die mächtige glaseiserne Kuppel – von Frank Wedekind einst spöttisch als »Bonbonnierendeckel« bezeichnet – ist durch ein im Inneren begehbares »englisches Ei« ersetzt worden. Die Ecktürme sind zum Teil »abrasiert«, die Fensterornamente und -zwickel fehlen, die Fenster selbst sind neu gestaltet. Der Reichstag präsentiert sich als stilbereinigtes, umgebautes, verhülltes, enthülltes und im Inneren völlig verändertes Haus, das seinem Zweck, ein modernes und zweckmäßiges Plenargebäude für den Bundestag zu sein, voll und ganz entspricht. In den ersten hundert Jahren seines Bestehens war das Haus nur ganze 38 Jahre lang tatsächlich Heimstatt für eine gewählte Volksvertretung, die versuchen konnte, die Geschicke Deutschlands zu steuern. Dass die Zeit von der ersten Reichstagssitzung am 6. Dezember 1894 bis zur letzten am 9. Dezember 1932 so kurz war, hat mit Sicherheit dazu beigetragen, dass die meisten Deutschen das Reichstagsgebäude vor allem als Symbol für die Idee einer parlamentarischen Demokratie wahrnahmen – und weniger als den Ort, an dem diese Demokratie tatsächlich praktiziert wurde. Ereignisse mit Symbolkraft gab es in der Tat viele: Am 9. November 1918 rief der Abgeordnete Philipp Scheidemann auf einem Balkon des Reichstags die Republik aus; im Plenum fand im Juni 1922 die Gedenkfeier für den ermordeten Reichsaußenminister Walther Rathenau statt; am 12. Mai 1925 wurde am gleichen Ort Reichspräsident Paul von Hindenburg vereidigt, einer der Totengräber der Weimarer Republik. Der Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 gilt als Fanal für die Macht­ übernahme durch die Nazis. Das Hissen der Roten Fahne auf dem Dach des Reichstags Ende April 1945 war dann zugleich Zeichen der Befreiung von der Nazi-Herrschaft und Symbol für den Beginn einer neuen Diktatur. Über die Jahre der deutschen Teilung hinweg galt das Gebäude – auch wegen seiner exponierten Lage – vielen Menschen im Ostteil Deutschlands als Symbol für ein demokratisches Gesellschaftssystem. Dennoch war es nach der Wiedervereinigung des Landes keine Selbstverständlichkeit, dass der Deutsche Bundestag hier wieder einziehen würde. 8

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Hort der Demokratie oder »Gipfel der Geschmacklosigkeit«? Das Reichstagsgebäude war seit seiner Errichtung stets umstritten. Postkarte, um 1900.

Unumstritten war das Reichstagsgebäude nie. Schon Kaiser Wilhelm II. hatte für das Parlament und sein Haus viele beleidigende Ausdrücke auf Lager: zum Beispiel »Gipfel der Geschmacklosigkeit« oder »Reichsaffenhaus«. Noch um 1920 hatte das Haus mehr Kritiker als Verteidiger. Stadtbaurat Ludwig Hoffmann nannte es einen »Leichenwagen Erster Klasse«, der wortgewaltige Architekturkritiker Werner Hegemann hätte es am liebsten abgerissen gesehen. Um 1960 fand der einflussreiche SPD-Bundestagsabgeordnete Adolf Arndt nur ein mildes Lächeln für die Idee, das Reichstagsgebäude wieder aufzubauen; um 1990 verdammten es der Architekt Günter Behnisch und der Publizist Rudolf Augstein. Die Diskussion um die Details von Nutzung und Gestaltung des Gebäudes, die nach dem Hauptstadt-Beschluss des Deutschen Bundestages am 20. Juni 1991 mit neuer Kraft entflammte, ist vielen Zeitgenossen noch in lebhafter Erinnerung. Als ich 1983 mein erstes Buch über die Geschichte des Reichstags veröffentlichte, stand dahinter der Wunsch, der Verhüllung des Reichstagsgebäudes durch Christo und Jeanne-Claude auf die Sprünge zu 9

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helfen. Das Buch wurde 1990 (sehr zu meinem Bedauern) ohne Korrekturen, ohne Veränderung nachgedruckt. Im Jahr 1995 erschien dann eine überarbeitete und erweitere Ausgabe, die mit der Christo-Verhüllung endete; in der Ausgabe von 1999 setzte der Umbau von Sir Norman Foster den Schlusspunkt. Während es damals darum ging, die Bau- und Nutzungsgeschichte des Gebäudes so umfassend und detailliert wie möglich zu dokumentieren, will dieses neue Buch dem Leser vor allem einen Überblick geben und ihm die Augen dafür öffnen, dass die Bedeutung des Reichstagsgebäudes weniger in seiner Architektur begründet ist – auch wenn gerade über diesen Aspekt immer wieder erbittert gestritten wurde –, sondern vor allem in seiner Symbolkraft und seinem Symbolgehalt. Insofern ist eine Geschichte des Reichstags zugleich auch eine Geschichte von Parlamentarismus und Demokratie in Deutschland. Wer sich auf dieses spannende Thema einlässt, wird erkennen, dass wir es – ganz im Sinne Glenn Browns – nicht mit etwas Endgültigem, Fertigem zu tun haben, sondern mit einem Gewächs, das stetig im Werden begriffen ist. Michael S. Cullen

Berlin, im Oktober 2014

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Im wiedervereinigten Deutschland

Im Mai 1989 beging Bonn ein Doppel-Jubiläum: 2000 Jahre seit der Gründung einer römischen Kolonie und zugleich 40 Jahre Hauptstadt der Bundesrepublik. In seinem Vorwort zum Jubiläums- und Ausstellungskatalog schrieb Bonns Oberbürgermeister Hans Daniels: »Die Hauptstadt Bonn ist aber auch ein Zeichen dafür (…), dass die Bundesrepublik Deutschland sich selbst als nicht endgültig empfindet, dass unser Ziel die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit mit Berlin als Hauptstadt ist.« Ein halbes Jahr später, nach dem Fall der Mauer, wollte Daniels diese Sätze nicht mehr geschrieben haben. Mit dem Untergang der DDR und ihrem Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland änderte sich buchstäblich die ganze Sicht auf die deutsche Geschichte. Während Willy Brandt bereits am 10. November 1989 vor dem Rathaus Schöneberg prophezeite: »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.«, sprach man in Bonn plötzlich von einem »antiquierten Hauptstadtbegriff«. Die Geschichte des Reichstagsgebäudes zerfällt nunmehr in zwei Phasen – die Zeit von 1989 bis 1999, als über das Haus geredet und als am Haus gebaut wurde, und die nachfolgende Zeit der Nutzung. In den ersten elf Monaten, bis zum 3. Oktober 1990, als die Einheit besiegelt und gefeiert wurde, werkelten viele an Plänen und Programmen. In Ost-Berlin und anderswo in Ost-Deutschland gab es ›runde Tische‹, um herauszufinden, was die Bevölkerung wollte und wie dies am besten zu erreichen sei. Die meisten wollten wirtschaftliche und politische Freiheit, die Möglichkeit, frei und ohne staatliche Bevormundung zu leben und eine begehrte Währung – die Deutsche Mark. Viele dachten nicht an einen Exitus der DDR. Im Laufe der ersten Monate des Jahres 1990 dämmerte es aber vielen, dass das eine nicht ohne das andere – 179

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Wiedervereinigung, Aufnahme in die BRD, ›Anschluss‹ – zu haben sein würde. Gleich am Tag nach dem Mauerfall gab es vereinzelt Forderungen, unverzüglich eine Sitzung des Bundestages im Reichstagsgebäude abzuhalten. Doch der Bundestag ließ sich Zeit: Erst am 4. Oktober 1990 kam man im Reichstagsgebäude zusammen. Anfang Februar 1990 hatten immerhin die vier Bundestagsfraktionen Büros im Reichstag eingerichtet. Eine sanfte Renovierung begann – in der Erwartung, dass das Haus auf jeden Fall mehr zu tun haben werde. Die Forderung nach einem Baustopp in Bonn wurde nicht befolgt. Man wartete ab. Im Osten bildeten sich eigenständige politische Parteien: SPD, die CDU, die Liberalen, die Post-Kommunisten – zunächst SDP, dann PDS genannt. Die Ereignisse kamen Schlag auf Schlag. Neben der Parole »Wir sind das Volk« war immer öfter auch zu hören: »Wir sind ein Volk«; die Stimmen, die eine Wiedervereinigung verlangten, mehrten sich. Am 18. März hielt man in der DDR die ersten – und einzigen – freien Wahlen für die Volkskammer ab. 144 Männer und Frauen saßen darin, alle frei und ohne Zwang gewählt; darunter so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Wolfgang Thierse, Joachim Gauck, Gregor Gysi und Hans Modrow. Ganz früh bestellte die Volkskammer den Mecklenburger Abgeordneten Günther Krause als Unterhändler für Verhandlungen, die zu einem Einigungsvertrag führen sollten; im Westen war es Wolfgang Schäuble. Wie zu erwarten, erwiesen sich die Verhandlungen als schwierig. Einer der Punkte, die besonderes Kopfzerbrechen hervorriefen, war die Haupstadtfrage. Nach dem Mauerfall herrschte in Bonn von einem Tag zum anderen ein beklemmendes Gefühl: »Was wird aus uns, wenn Berlin Hauptstadt wird?« Seit Gründung der Bundesrepublik galt Berlin als ›Hauptstadt im Wartestand‹. Das Bekenntnis dazu war jahrelang gebetsmühlenartig wiederholt worden – selbst der Bonner Oberbürgermeister hatte in den Chor eingestimmt, wie wir gesehen haben. Als es aber jetzt darum ging, die Idee mit Leben zu erfüllen, bekamen Daniels und seine Freunde Bedenken: Sie sahen ihre Funk­ tionen, ihren Lebensstil verschwinden und begannen, die Aussage zu 180

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relativieren. Demonstrationen auf dem Bonner Marktplatz zogen immer mehr Bürger an, und es dauerte nicht lange, bis diese ›Donnerstagsdemos‹ die Politik prägten. Bald bugsierte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement folgenden seltsamen Passus in den Einigungsvertrag: »Die Hauptstadt Deutschlands ist Berlin. Die Frage des Sitzes von Parlament und Regierung wird nach der Herstellung der Einheit Deutschlands entschieden.« Es sollte wie eine holländische bzw. südafrikanische bzw. australische Lösung aussehen, in der die Hauptstadt von ihrem Inhalt getrennt wurde – nur in diesen drei Ländern waren bislang Parlament und Regierung in zwei verschiedenen Städten untergebracht. Im Übrigen war nicht klar definiert, wer über den Sitz von Parlament und Regierung entscheiden sollte. Der Vertrag wurde am 30. August 1990 unterschrieben. Wenige Tage zuvor beschloß die Volkskammer, die Vollendung der Einheit am 3. Oktober zu feiern. Souveräne Staaten brauchen Symbole: eine Nationalhymne, eine Nationalfahne, nationale Feiertage und vieles mehr. Wo das Parlament tagt, ist sowohl Symbol als auch eine Frage des Praktischen. Wer am Nachmittag des 3. Oktober 1990 zum Reichstag fuhr, wurde gewahr, was sich geändert hatte: So weit das Auge reichte, standen hier Übertragungswagen von Fernsehgesellschaften aus aller Welt. Sie wussten, dass dieser Tag in die Weltgeschichte eingehen würde. Nach 45 Jahren war Deutschland wieder ein einziger Staat – und der Teil, der sich der Bundesrepublik anschloss, hatte vom Januar 1933 bis zu November 1989 – über ein halbes Jahrhundert lang – nur autoritäre Systeme gekannt. Es sprachen alle bedeutende Politiker jener Zeit: Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Bundeskanzler Kohl, Bundestagspräsidentin Süssmuth. Man feierte vor dem Reichstag und dem Brandenburger Tor ausgiebig und bis spät in die Nacht. Ausländische Zeitungen brachten seitenweise Berichte, ausländische Sendungen sendeten viele Stunden lang. Bereits am nächsten Tag fand die erste Plenarsitzung des Bundestags im Reichstagsgebäude statt, die erste Sitzung eines frei gewählten gesamtdeutschen Parlaments seit 57 Jahren. Sieben Stunden debattier181

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ten die Abgeordneten – in Wirklichkeit gratulierten sie sich und dem Volke. Ein Parlament auf der Durchreise, wie Peter Jochen Winters in der FAZ schrieb: »Der Plenarsaal ist zur ersten Tagung des um die 144 Volkskammer-Abgeordneten erweiterten Bundestages neu hergerichtet worden. Oberflächlich betrachtet erinnert seine derzeitige Ausstattung an den Bundestag in Bonn, wie man ihn seit der Ära Adenauer kennt. Doch wirkt er mit seinem Blumenschmuck auf den Galerien und mit der neuen Bestuhlung für die 663 Abgeordneten mehr wie ein Festsaal denn wie eine parlamentarische Arbeitsstätte.« Diese Sternstunde des deutschen Parlamentes wurde jedoch genau das Gegenteil dessen, was man erhofft hatte; der Tag verlief so chaotisch, dass sich viele Abgeordnete in ihrer Abneigung gegen Berlin bestärkt fühlten. Reisearrangements, Kommunikation, ja die Sitzung selbst waren so schlecht organisiert, dass die Abgeordneten zunächst das Reichstagsgebäude selbst, schließlich die Stadt Berlin dafür verantwortlich machten. Gemessen an Anspruch und Selbstverständnis befand sich der Bundestag in einer Zwickmühle, war doch einer seiner Leitsätze: ›Die leitenden Bundesorgane verlegen ihren Sitz in die Hauptstadt Deutschlands, Berlin, sobald allgemeine, freie, gleiche, geheime und direkte Wahlen in ganz Berlin und in der Sowjetischen Besatzungszone durchgeführt sind.‹ Der Bundestag blieb jetzt aber nicht lange in Berlin, er hatte in Bonn zu tun, und dort wohnten viele Abgeordnete, dort gab es Büros, Mitarbeiter, kurz: alles, was ein Parlament braucht. Der Reichstag war entschieden zu klein und für den vollen parlamentarischen Dienst nicht hergerichtet. Aber: Bundestagswahlen winkten; am 2. Dezember wählte das ganze deutsche Volk gemeinsam sein Parlament, und diesmal fand, am 20. Dezember, die erste Sitzung der neuen Wahlperiode im Reichstagsgebäude statt. Wie schon 1983 und 1987, war Willy Brandt Alterspräsident. Gleich zu Beginn erntete er Heiterkeit und Beifall bei seinem Kommentar der Formel: »Ist hier jemand, der vor dem 18. Dezember 1913 geboren wurde?«: »Das scheint keiner zugeben zu wollen oder zu können.« 182

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Der Zustand im Jahr 1999: Die Kuppel ist fast fertig gestellt, das Gelände vor dem Reichstag is jedoch immer noch eine groĂ&#x;e Baustelle.

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Für Brandt, besonders für ihn, war dieser Tag der Höhepunkt dessen, worauf er in seiner politischen Laufbahn hingearbeitet hatte: Deutschland war frei, Deutschland war wiedervereinigt. Und: man saß im dafür gebauten Reichstagsgebäude, wofür er sich bereits 1957 eingesetzt hatte. Umso mehr empörte ihn, was viele bald als Lösung des aufkommenden ›Hauptstadtstreits‹ vorschlugen: Berlin sollte Hauptstadt sein, aber Bonn sollte die Hauptstadtfunktionen behalten. »Etikettenschwindel« nannte Brandt das. Doch ehe man sich endgültig für eine Hauptstadt entschied, ging es erst einmal darum, Entscheidungen für die Zukunft des Bundestages und des Reichstagsgebäudes zu treffen. Am 6. September hatte der Ältestenrat Frau Süssmuth gebeten, »dafür Sorge zu tragen, dass die Voraussetzungen für die Arbeitsfähigkeit des … Bundestages in Berlin verbessert und hergestellt werden«. Daraufhin bat sie am 25. September das Bundesfinanzministerium »vorsorglich verfügbare Bürogebäude und Grundstücke in der Nähe des Reichstagsgebäudes vorrangig für den Deutschen Bundestag vorzumerken«. Dabei ging man von einer Raumstudie aus, die dem Bundestag 185 000 Quadratmeter für die vorläufige Unterbringung und 225 000 Quadratmeter für die volle Arbeitsfähigkeit in Berlin zubilligte. Am 11. März 1991 behandelte das eigens für einen eventuellen Umzug gegründete ›Informations- und Beratungsgremium‹ die im Februar fertiggestellte Untersuchung ›Unterbringung‹. Gleichzeitig beschloss der Berliner Senat, so schnell wie möglich verbindliche Konzepte für die Hauptstadtwerdung zu bestellen. Grundlage waren die Liegenschaften in Berlin, die dem Bund bereits gehörten. Zwei Lösungen für den Bundestag kamen ins Gespräch: eine bescheidene, in der das Reichstagsgebäude nicht umgebaut, aber arbeitsfähig gemacht werden sollte, und eine große Lösung. Über die Kosten war man nicht einig, aber beide Varianten würden acht Jahre dauern. Noch in der heißen Phase der Hauptstadtauseinandersetzung sammelte der Bundestag Erfahrungen mit dem Reichstagsgebäude. So fanden hier am 14. Mai 1991 eine Bundestagssitzung und am 19. Juni ein KSZE-Gipfeltreffen statt. Dabei stellte sich heraus, dass die Probleme 184

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weniger das Gebäude als die Organisation betrafen. Einhellig war man der Meinung, der Reichstag biete – bis auf die fehlenden Fraktionssäle – genügend Platz. Das nächste historische Darum war der 20. Juni 1991. Auf der Tagesordnung stand eine Debatte über die Frage, welche Stadt Hauptstadt mit allen Funktionen sein sollte: Bonn oder Berlin. Für die BonnFans war es schon unglücklich, dass die Debatte im ›Wasserwerk‹ stattfand – es war eng und führte vor Augen, dass Bonn nicht die Aura von Berlin ausstrahlen konnte. Und auf einmal entdeckten die Bonner auch die magische Wirkung von Zahlen aufs deutsche Gemüt. Ingrid Matthäus-Maier, eine Bonner SPD-Finanz- und Steuerexpertin malte die Zahl von 80 Milliarden Mark an die Umzugswand. Andere rechneten aus, dass diese Zahl auch die Umzugskosten der Diplomaten, Lobbyisten und Journalisten beinhaltete, Kosten, die vom Steuerzahler nicht bezahlt werden müssten. Umfragen sahen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus. Die Meinungen der Abgeordneten standen fast 50 : 50. Natürlich waren die Bonner und andere Parlamentarier aus Nordrhein-Westfalen fast ausschließlich für Bonn, während das Gros der Sozialdemokraten sowie die meisten neuen Abgeordneten aus dem Osten für Berlin standen. Mehrere Anträge standen zur Debatte, aber am Ende, wohl nach einer feurigen Rede von Wolfgang Schäuble, siegte mit 338 : 320 Stimmen der Antrag ›Vollendung der Einheit Deutschlands‹, der Berlin als Sitz von Regierung und Parlament vorsah. Letztlich mag das Argument den Ausschlag gegeben haben, dass Berlin als echte Hauptstadt dem Osten Deutschlands einen gewaltigen Schub hinsichtlich Wirtschaft und Selbstwertgefühl geben würde. Obwohl Bonn sich wehrte, setzte sich nun eine große Umzugsmaschinerie in Gang. Die Regierung und der Bundestag bildeten mehre Kommissionen, um die Situation in Berlin zu ergründen, den Bedarf zu bezeichnen und die Maßnahmen zu beschließen, mit denen dieser Bedarf gedeckt werden konnte. Im Bundestag gab es eine »Konzeptkommission«, die den Umzug koordinieren sollte, während die Regierung eine »Föderalismuskommission« bildete, um Fragen der Vertei185

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lung von Ministerien und Behörden zwischen Bonn, Berlin und den neuen Ländern zu klären. Hinzu kamen eine Bau-, eine Sozial- und eine Personalkommission. Es gab auch in Bonn Kommissionen – denn auch dort musste man Klarheit über die Folgen der Entscheidung gewinnen. Freiwillig wollte sich Bonn von keinem Ministerium, keinem Arbeitsplatz und keiner Behörde trennen. Alles, was besagte Gremien berieten, stand unter dem Vorbehalt von Kosten, Dauer, Effektivität; die Frage »Bonn oder Berlin?« beherrschte die Atmosphäre aller Beratungen von 1991 bis zum Umzug 1999. Tausende von Zeitungsartikeln und mehr als ein Dutzend Bücher beschäftigten sich mit dem Problem. Das Fernsehen erhob es gar zu einer Schicksalsfrage der Nation. Die Frage, in welcher Stadt der Bundestag tagen würde, war nun geklärt, aber: Wo genau sollte er seinen Sitz haben? Wie immer, gingen die Meinungen auseinander. Einige Abgeordnete votierten für einen Neubau, vielleicht an der Stelle des alten Hohenzollernschlosses, aber: eine Mehrheit war für ein Beibehalten des Reichstagsgebäudes. Am 28. Oktober konstituierte sich unter dem Vorsitzenden Dietmar Kansy, CDU, eine neue Baukommission mit 17 Mitgliedern. Ältestenrat und Baukommission berieten vorrangig, ob nun der Bundestag im Reichstagsgebäude oder woanders tagen sollte, wobei sich bis auf den Abgeordneten Peter Conradi, früherer Architekt und Stadtbaurat in Stuttgart, alle Mitglieder einig waren, den Reichstag als Ple­ nargebäude auszubauen, was sich auch in der Abstimmung vom 30. Oktober mit 15 Stimmen für das Reichstagsgebäude zeigte. Die Probleme, vor denen die »Kansy-Kommission« stand, waren immens. Sie reichten vom Hin-und-Her über die Definition von ›Arbeitsfähigkeit‹ der Bundestagsverwaltung bis zur Planung von Wohnräumen. Man behandelte Probleme und Bereiche wie den internationalen städtebaulichen Ideenwettbewerb Spreebogen, den Umbau des Reichstags einschließlich der Einsetzung einer Behörde, der Bundesbaugesellschaft Berlin (BBB), Entscheidungen über den Neubau von Häusern und Räumen – so das Jakob-Kaiser-Haus, das Paul-Löbe-Haus, das MarieElisabeth-Lüders- Haus –, eine Kindertagesstätte, die Sicherung von Grundstücken, den Ausbau des ehemaligen Außenhandelsministeri186

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ums, des ehemaligen Ministeriums für Volksbildung, der ehemaligen Häuser I und III des Innenministeriums, des ehemaligen Justizministeriums, der ehemaligen Akademie der Pädagogischen Wissenschaften, die Erarbeitung eines Verkehrskonzeptes, die Erarbeitung eines Energiesparkonzeptes, die Bewerkstelligung von umzugsbedingtem Wohnungsbau, Mitarbeit bei der Aufstellung des Bebauungsplanes und des Planfeststellungsverfahrens und, und, und … Das einzige, womit die Baukommission nicht beschäftigt war, betraf die Verhüllung durch Christo und Jeanne-Claude. Die Reichstagsverhüllung Ein Teil der Entscheidung für Berlin – nämlich die Verpflichtung, dass Parlament und Regierung bis Juni 1995 nach Berlin umziehen würden – machte den Christos Sorgen. Sie hatten bereits 1984 bekannt gemacht, dass selbst wenn sie grünes Licht bekämen, sie ein ganzes Jahr Vorlauf benötigten. Der plötzlich entstandene Zeitdruck hatte aber auch eine gute Seite. Am Tage nach der Entscheidung zugunsten Berlins richtete der CDU-Abgeordnete Friedbert Pflüger öffentlich die Bitte an Frau Süssmuth, die für Bonn und gegen Berlin votiert hatte, sie möge der Verhüllung des Gebäudes ›als Reichstag‹ und Enthüllung ›als Bundestag‹ zustimmen. Mit der Haltung konfrontiert, dass dies nicht möglich sei, weil die Vorarbeiten am Reichstag ein Jahr benötigen würden, und dass dies die Gegner auf den Plan rufen würde, gab er zu, dass er mit Frau Süssmuth bereits darüber gesprochen hatte und dass diese prinzipiell positiv zur Verhüllung stünde. Das bedeutete, dass ich es nun wagen konnte, mit Frau Süssmuth einen Termin zu vereinbaren. Zuvor hatte Christo mir jegliche Annäherung an die Bundestagspräsidentin untersagt, weil er fürchtete, dass sie negativ regieren und sich damit gegenüber dem Projekt festlegen würde. Da jetzt klar war, dass sie eine positive Einstellung hatte, dauerte es nicht mehr als einige Minuten, einen Termin mit ihr zu vereinbaren. Das Treffen fand am 1. Juli 1991 in ihrem Bonner Büro statt. Tatsächlich begeisterte sich Frau Süssmuth für das Projekt, wollte aber einem direkten Treffen mit den Christos nicht zustimmen. Der Künst187

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ler beharrte dagegen auf seiner frühren Aussage: »Wenn die Deutschen wollen, dass der Reichstag verhüllt wird, müssen sie mir schreiben.« Von Juni bis Dezember versuchte ich also, Frau Süssmuth zu bewegen, die Christos einzuladen. Leichter gesagt als getan. Frau Süssmuth ließ sich nicht festnageln. Endlich sagte sie zu, aber: Es sollte vor der Einladung fest stehen, dass sie auch angenommen würde. Man musste also die Annahme erhalten, bevor die Einladung ausgesprochen war! Zunächst lehnten die Christos das Ansinnen ab, dann jedoch dämmerte ihnen, dass dies ihre letzte Chance war. Eine Woche vor Weihnachten sagten sie zu. Der Brief wurde geschrieben, versendet, beantwortet. Der Termin wurde auf den 9. Februar 1992 vereinbart. So kam es zu der ersten Begegnung zwischen Frau Süssmuth und den Christos. Anwesend waren auch Peter Conradi, Wolfgang und Sylvia Volz, Roland Specker, die Süssmuth-Mitarbeiter Müller und Jung sowie der Verfasser. Niemand brauchte die Frage nach dem Ob zu stellen oder zu beantworten; was man klären wollte, war das Wie. Die Christos betonten, dass sie zwölf Monate vom ›grünen Licht‹ bis zur Realisierung des Projekts brauchen würden – was nicht leicht zu erreichen war, wenn der Umzug bis Juni 1995 abgeschlossen sein sollte. Specker beruhigte jedoch, der Termin sei ohnehin nicht zu halten, dies zeige die Erfahrung. Frau Süssmuth strebte eine schnelle Entscheidung an, verwies aber auf die Bonner Verhältnisse. Sie könne nicht allein entscheiden, sicher brauche sie den Ältestenrat, vielleicht sogar das Plenum. Die Christos müssten also Überzeugungsarbeit in Bonn leisten. Sie würde dies zu unterstützen helfen, wenn sie die Entwürfe und einige Modelle in Bonn ausstellen könnte. Wenige Tage später warnte in Berlin Senator Hassemer die Christos, nicht auf einen späten Termin hinzuarbeiten. Dies würde jegliche Unterstützung aus Berlin gefährden: Der Umzug müsse so schnell wie möglich vollzogen werden. Unterdessen hielt der Bundestag zur Klärung strittiger Fragen am 14. Und 15. Februar 1992 ein Kolloquium im Reichstag ab. Hierzu kamen 300 Experten und Parlamentarier – sogar aus Bern und Wien, zwei Hauptstädten, in denen zur gleichen Zeit wie das Reichstagsge188

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bäude Parlamente errichtet worden waren, die noch immer gute Dienste taten. Unter den Vertretern der Architektenschaft war Günter Behnisch, dessen Plenarbau in Bonn seiner Einweihung im Oktober 1992 entgegen sah. Sollte das Reichtagsgebäude umgebaut und restauriert werden? Und wenn ja, wie? Die Meinungen prallten aufeinander. Behnisch ließ an dem Wallotbau kein gutes Haar. Er war aber in der Minderheit – die Mehrheit sprach sich für die Benutzung des Hauses aus. Nur: Sollte man einen Wettbewerb veranstalten oder würde eine sogenannte Pinselsanierung reichen? Am Ende entschied sich der Bundestag für zwei Wettbewerbe: einen ›städtebaulichen Ideenwettbewerb‹ für die Gegend um Reichstag und Spreebogen und einen Architekturwettbewerb ›Umbau Reichstagsgebäude zum Deutschen Bundestag‹. Die Auslobung fand am 26. Juni 1992 im Reichstagsgebäude statt. Beide Wettbewerbe waren aufeinander abgestimmt. Man hatte inzwischen begriffen, dass das Reichstagsgebäude, auch bei einem sehr extensiven Umbau, niemals genug Raum haben würde für alle Büros der Abgeordneten, Ausschüsse, usw. Im städtebaulichen Wettbewerb sollte es also darum gehen, in der Nähe des Reichstags genug Büroraum zu erschaffen. Und: es ging auch um die Platzierung der Regierung. Kein Wettbewerb ohne Mängel. Kritisiert wurde die widersprüchliche Auslobung: Ein Teil des Ausschreibungstextes besagte, dass sich die Teilnehmer bei der Sitzanordnung an dem neuen Bundestagsple­ narsaal in Bonn orientieren sollten; ein anderer, dass die Frage der Raumgestaltung frei zu lösen sei. Ähnlich wurde die Frage der Kuppel behandelt. Dagegen enthielt die Auslobung seitenweise eine ›Dienstvereinbarung über den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechniken‹, in der selbst vom Winkel eines PC-Monitors und seiner Blendung die Rede war – in diesem Stadium des Wettbewerbs für die Architektur völlig überflüssig. Immerhin war die Jury hochkarätig: Neben Vertretern des Bundestages – Rita Süssmuth, Peter Conradi, Dietmar Kansy – gehörten ihr namhafte Architekten an, darunter der Brite Richard Rogers, die Deutschen Karljosef Schattner, Christoph Sattler und Hans Kollhoff sowie 189

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die Schweizer Katharina Steib und Dolf Schnebli. Auch der Verfasser wirkte als Sachverständiger für die Baugeschichte des Hauses mit. Zum Wettbewerb eingeladen waren zudem bekannte Architekten aus dem Ausland, unter anderem Santiago Calatrava, Sir Norman Foster, Pi de Bruijn, Hans Hollein, Jean Nouvel, I. M. Pei und Aldo Rossi. Die restlichen Monate des Jahres 1992 waren voll der Vorentscheidungen. Beim Treffen im Februar hatte Frau Süssmuth den Christos gegenüber den Wunsch geäußert, eine Ausstellung in Bonn zu veranstalten, um das Projekt voranzubringen. Dort gab es jedoch Widerstand. Die beiden Fraktionsgeschäftsführer der CDU/CSU und FDP, Wolfgang Schäuble und Hermann Otto Solms, lehnten eine Ausstellung strikt ab. Der Plan lief in eine Sackgasse – gleichzeitig tickte die Umzugsuhr. Das Glück erschien im August mit der Anfrage von Gabriele Muschter, Mitglied der CDU und in Fragen der DDR-Identität sehr besorgt: Würde Christo den Palast der Republik, der angeblich wegen Asbestbelastung geschlossen werden sollte, verhüllen? Die Antwort: Nein, aber: Wenn Frau Muschter Christo helfen wolle, dann könne ihr Kulturverein doch eine große Christo-Ausstellung im Berliner Marstall veranstalten. So wurde es vereinbart. Und ebenfalls wurde verabredet, dass die Ausstellung am Vorabend der Konstitutierung der Jury zum Reichstags-Wettbewerb von Frau Süssmuth eröffnet werden solle. Timing war äußerst wichtig. Am 8. Oktober 1992 starb ein Mann, der viel zum Erfolg des Projekts beigetragen hatte: Willy Brandt. Wie selbstverständlich plante die Bundesregierung eine große Staatstrauer, und kein Ort schien geeigneter dafür als der Reichstag. Am 16. Oktober fand dort eine würdige Gedenkfeier statt: Es sprachen unter anderem der spanische Ministerpräsident Felipe Gonzalez und der portugiesische Präsident Mario Soares, politische Freunde Brandts. Bewegend war der Abschiedsgruß von Gonzalez: »Adios, lieber Willy!« Etwas Wasser in den Wein goss lediglich das Pressematerial für die Journalisten: Über einer Liste der Soldaten der Ehrenwache prangten am Kopf des Blattes zwei dicke Fehler: ›Willi‹ statt Willy und ›Brand‹ statt Brandt. 190

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Am 8. Januar 1993 trat die Jury für den Reichstagswettbewerb zusammen und am Abend wurde die Christo-Ausstellung im Marstall eröffnet. Spätestens an diesem Abend wusste man, dass das Projekt von einer Welle der Begeisterung getragen werden würde. In den überfüllten Räumen waren fast alle Jurymitglieder anwesend. Frau Süssmuth war sichtlich bewegt und sprach sich erstmals öffentlich für die Realisierung von Christos Plänen aus: »Ich wünsche Ihnen und uns, dass sie auch mit dieser Ausstellung der Entscheidung entschieden näher kommen im Gespräch mit denen, die darüber zu entscheiden haben. Und ich lebe einfach von der Überzeugung, wir schaffen es, wenn wir es gemeinsam wollen.« Die Arbeit an den beiden Wettbewerben und die Begeisterung für die Reichstagsverhüllung liefen nun völlig parallel. Die Jury arbeitete sehr gewissenhaft, und bald begriff man, dass das gefordete Raumprogramm innerhalb des bestehenden Reichstags nicht zu erbringen war. Wegen der Fülle der Entwürfe für den städtebaulichen Wettbewerb brauchte die Jury mehr Zeit, zumal einige Preisrichter in beiden Jurys saßen. Am 19. Februar wurden die Ergebnisse im Reichstagsgebäude bekannt gegeben. Statt eines ersten Preises gab es eine erste Preisgruppe aus den Entwürfen de Bruijns, Calatravas und Fosters. Die markantesten Zeichen der Entwürfe: De Bruijns runder, konkaver Plenarsaal – »Salatschüssel« – lag außerhalb des Gebäudes; Calatrava hatte eine knospenförmige Kuppel gezeichnet; und in Fosters Entwurf ragte ein großes Segmentdach – »Tankstelle« – über das Reichstagsgebäude. Um das Raumprogramm zu erfüllen, verlegte er viele Funktionen in ein unterirdisches Bauwerk unter dem Platz der Republik. Es stellte sich später heraus, dass Foster zur Lösung der anstehenden Probleme viele Parlamentsbauten untersucht hatte – er hatte seine Hausaufgaben gemacht. Aber auch Christo hatte ›gewonnen‹: Am Schluß ihres Spruches fügte die Jury den Satz ein, dass der Reichstag verhüllt werden möge: »Nach Abschluß der Sitzung des Preisgerichts … haben sich die Fachpreisrichter der Jury mit der Frage auseinandergesetzt, wie die Umhüllung des Reichstagsgebäudes durch Christo zu bewerten ist. Sie emp191

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fehlen dem Deutschen Bundestag, dieses Projekt ausführen zu lassen. Das Projekt hat eine künstlerische Aussagekraft, die den Reichstag nicht abwertet, sondern – im Gegenteil – ihm eine neue Dimension verleiht: Mit der Enthüllung des Reichstagsgebäudes vor dem Umbau zum Bundeshaus wird der Neubeginn in der Geschichte des Baues deutlich gemacht. Das Projekt wird weltweit Aufmerksamkeit und Anerkennung finden und als Zeichen für ein neues offenes Deutschland stehen.« Ein großer Sieg für Frau Süssmuth! Damit war die Verhüllung ein Teil des Wettbewerbs geworden. Da die Ergebnisse in einer Ausstellung, nicht nur in Berlin, sondern auch im neuen Bundeshaus gezeigt werden sollten, bedeutete dies, dass Christos Modell und einige Entwurfszeichnungen von den Abgeordneten gesehen werden würden. Was im Februar 1992 vereinbart worden war, ließ sich also im Frühjahr 1993 endlich realisieren. Um noch offene strittige Fragen zu klären, tagte am 12. und 13. März 1993 ein zweites Kolloquium, das beschloss, die drei ersten Preisträger zu einem beschränkten Wettbewerb mit deutlich geringerem Raumprogramm aufzufordern. De Bruijn sollte seinen Plenarsaal in den Reichstag verlegen; Foster wurde deutlich gemacht, dass sein »Tankstellendach« vor allem aus Kostengründen unausführbar war. In den nächsten drei Monaten gab es mehrere ›Baustellen‹: Die Architekten machten sich an die Arbeit, die verkleinerte Baukomission besuchte sie – Foster in London, de Bruijn in Den Haag und für Calatrava den Satolas-Bahnhof bei Lyon. Unterdessen kam die Verhüllung voran. Die Wettbewerbsentwürfe wurden ab dem 23. April im Foyer des Bonner Behnisch-Baus gezeigt, und von da an konnten wir Termine mit den Abgeordneten leicht vereinbaren. Am 17. Juni präsentierten alle drei Architekten ihre neuen Ent­ würfe in Bonn. Lediglich Calatrava hatte den Hauptgedanken seines preisgekrönten Entwurfs beibehalten, die knospenförmige Kuppel; de Bruijn verlegte seinen Plenarsaal, veränderte allerdings die Eingangssituation und schuf eine Plattform Richtung Brandenburger Tor; Foster hatte sein Segmentdach geopfert und ein Element daraus als fla192

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cheres Dach über den Plenarsaal gelegt. Eine Kuppel zeigte sein Entwurf nicht. Die Wahl fiel auf Foster. Ein Mitglied der Kommission erklärte die Entscheidung so: »Wir suchten nicht den besten Entwurf, sondern den Architekten, mit dem wir glaubten, am besten zusammenarbeiten zu können.« Die Lobbyarbeit für das Christo-Projekt verlief eher beiläufig. Es galt, die Abgeordneten für eine mögliche Abstimmung zu gewinnen. Peter Radunski, Berlins Senator für Bundesangelegenheiten in Bonn, lud das Christo-Team ein, in der Berliner Landesvertretung in Bonn eine Art Kommandozentrale mit Übernachtungsmöglichkeit zu in­ stallieren. In jenem Frühjahr entwickelte sich die Arbeitsweise: Volz und ich besorgten eine Liste der Abgeordneten mit ihren Bürotelefonnummern und vereinbarten bis zu zehn Termine am Tag. Oft war klar, dass man die Abgeordneten nicht gewinnen würde, aber oft war es auch so, dass sie bereits einen Fotografen bestellt hatten, um die Begegnung festzuhalten. Das war dann ein Zeichen, dass sie für das Projekt votieren würden. Ende März hielten sich alle an der Bonner Universität auf. Der Kunsthistoriker Tilmann Buddensieg, ein alter Freund der Christos, präsentierte das Projekt. Im Publikum saß der katholische CDU-Abgeordnete von Sankt Augustin, Heribert Scharrenbroich. Eigentlich war die CDU nicht für das Projekt zu gewinnen. Nun meinte Scharrenbroich, eine Verpackung oder Verhüllung sei keine Verunglimpfung. In der Karwoche werden immer Christusfiguren ver- und enthüllt – er und andere Katholiken sahen darin keine Verletzung der Würde Christi. Mit seiner Erkenntnis war das Eis gebrochen – ab diesem Moment gab es mehr und mehr Leute, die Ja zu Christos Projekt sagten. Der Sommer 1993 war für die Christos voll von Unwägbarkeiten. Zwei Fragen standen im Vordergrund: Würde der Vorstoß klappen? Und würde es genug Zeit geben, das Projekt zu vollenden? Allmählich wurde klar, dass der Umzug des Parlaments nicht vor 1998 stattfinden würde – der Zeitdruck war nun weg. Mit dem Beginn der Parlamentsarbeit im Herbst waren Christo und Jeanne-Claude und deren Team zur Stelle; von früh bis spät gab es 193

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Termine mit Abgeordneten aller Fraktionen. Wir legten eine »Befürworter-Liste« an, und konnten sehen, wie sie von Woche zu Woche wuchs. Ein »normaler Tag« sah so aus: Nach einem Frühstück fuhren wir – meistens Christo, Jeanne-Claude, Volz, seine Ehefrau Sylvia und ich in einem Kleinbus zu den Terminen in Bonn – unser Fahrer war der Fotostudent Aleks Perkovic. Es gab Termine mit Politikern und mit Journalisten, und fast jedes Gespräch war interessant. Meist sprachen Christo oder Jeanne-Claude und erklärten das Projekt – entweder dolmetschten Volz oder ich; der oder die Abgeordnete fragte meist nach der Finanzierung, weniger oft nach Umweltschutzmaßnahmen, und dann hörten wir, man würde dem Projekt seine Zustimmung geben – oder auch nicht. Nach den meisten Gesprächen bekamen wir die Erlaubnis, den Namen auf unsere Liste zu setzen. Am Ende, im Februar 1994, standen 311 Befürworter darauf. Dass wir solchen Erfolg hatten, hängt vielleicht damit zusammen, dass wir auch viele »Hinterbänkler« aufsuchten. Viel zu oft werden sie nicht so ernst genommen, und von manchen hatten wir das Gefühl, dass sie sich von Christos Besuch geehrt fühlten. Einen anderen Grund für den Erfolg kann man darin sehen, daß die Christos sich selbst sagten: »Jetzt oder nie!« Denn mit den Jahren konnten sie davon ausgehen: Wenn es mit diesem Bundestagspräsidenten bzw. -präsidentin nicht gelingt, können wir es später noch einmal versuchen; diesmal wussten sie dagegen, dass das Haus umgebaut werden und es danach keine Chance mehr geben würde. So trieb die Christos eine nervöse Energie an, die für den Erfolg dieser Arbeit sicherlich wichtig war. Ferner war das Engagement von Frau Süssmuth von unschätzbarem Wert. Im September erfuhren wir, dass der vorläufige Zeitplan den Umbaubeginn für den Februar 1995 festlegte. Dies bedeutete, dass das Projekt in den Wintermonaten Dezember 1994 und Januar 1995 realisiert werden musste; demzufolge musste die Entscheidung für das Projekt spätestens in Januar 1994 erfolgen – eine deprimierende Aussicht! Specker, in Bausachen erfahren, wischte die Furcht beiseite: Niemals seien solche Pläne eingehalten worden, die Christos müssten sich nicht sorgen. Specker hatte natürlich recht: Als der Umbauarchitekt Foster 194

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Die Künstler Christo und Jeanne-Claude vor dem unverhüllten Reichstagsgebäude im Jahr 1993. Noch immer stand die Entscheidung über ihr Projekt aus.

der Baukommission im Januar 1994 seine nächsten Pläne vorlegte, löste er eine Diskussion um Kuppel und Plenarsaal aus, die seine Zeitplanung durcheinander brachte. Zuvor kam uns eine Entscheidung zu Hilfe, von der wir nur ahnen konnten. Am 23. September 1993 wurde in Monaco die Entscheidung für die Olympischen Spiele 2000 in Sydney gefällt. Auch Berlin hatte sich beworben. Christo ahnte, dass jetzt, da die Bundeshauptstadt dieses Spektakel nicht für sich vereinnahmen konnte, die Stadtväter die Reichstagsverhüllung hervorheben würden. Wenige Wochen später sprach sich tatsächlich Berlins Regierender Bürgermeister Diepgen für das Projekt aus. Im Dezember 1993 gab es einige Anläufe, das Projekt durch den Ältestenrat des Bundestages zu bringen, sie wurden aber von Projektgegnern vereitelt; Ähnliches geschah im Januar 1994. Ende Januar gelang es jedoch, einen interfraktionellen Antrag auf Plenarbeschluss zu lancieren, und mit dem Datum 3. Februar ging er in Druck; un­ 195

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terschrieben wurde er von 218 Abgeordenten, u. a. von ehemaligen Nicht-Befürwortern wie Peter Kittelmann und Reinhard Freiherr von Schorlemer. Die Debatte war zunächst für den 24. Februar terminiert, später für den 25. Februar. Und: auf Wunsch von Helmut Kohl wurde namentliche Abstimmung vereinbart. Ein herber Rückschlag erfolgte am 19. Januar: Der Gründer und Herausgeber des »Spiegel«, Rudolf Augstein, schrieb an den Ältestenrat: »… mir liegt bei Gott nichts an dem Wallot-Bau in Berlin, im Gegenteil, von mir aus hätte er auch ganz weggebombt werden können. Ich finde auch viele Projekte des Künstlers Christo bemerkenswert. Aber ich bitte Sie doch, angesichts der ja nun einmal unbestreitbaren Armut so vieler Berliner, zu überlegen, ob es wohl angebracht ist, gerade den Reichstag verpacken zu lassen.« Zum Glück für das Projekt: Augstein stand beim »Spiegel« allein und der Brief wurde nicht veröffentlicht. Am 25. Februar 1994: die 211. Sitzung des Bundestags. 9 Uhr. Frau Süssmuth ruft Tagesordnungspunkt 9 auf: Drucksache 12/6767, Verhüllter Reichstag – Projekt für Berlin. Leidenschaftlich wurde diskutiert. Conradi und Scharrenbroich pro Christo, CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Schäuble und FDP-Urgestein Burkhard Hirsch dagegen. Vielleicht aber war es das Schlusswort des SPD-Abgeordneten Freimut Duve, das die Stimmung für das Projekt umschlagen ließ: »Lassen Sie uns diese neue deutsche, demokratische Gelassenheit durch ein großes Symbol für 14 Tage leisten. Dann gehen wir mit großem Vergnügen und mit großem Ernst in den umgebauten Reichstag.« Die Abstimmung: 292 für die Verhüllung, 223 dagegen. Wenige Monate später erlebte das Reichstagsgebäude ein besonderes Spektakel: den 23. Mai hatte man seit zwei Jahrzehnten benutzt, um den neuen Bundespräsidenten zu wählen: der 23. Mai 1949 gilt als Gründungstag der Bundesrepublik. Nun wurde zum ersten Mal eine Bundesversammlung im Reichstag abgehalten. Gewählt wurde Roman Herzog.

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Fosters Kuppel und die Verhüllung Am 21. Juni 1994 beschloss die Kommission, Fosters Entwurf dem Ältestenrat zu empfehlen. Die CDU/CSU-Fraktion diskutierte die Empfehlung am 29. Juni. Der Empfehlung wurde zwar zugestimmt, doch auf Betreiben des ehemaligen Bauministers Oscar Schneider mit dem Zusatz, dass »noch einmal geprüft wird, ob man da eine KuppelLösung machen kann.« Der Ältestenrat nahm die Empfehlung am 1. Juli an und teilte sie Foster mit. Er bestellte eine Reichstags-GmbH mit einem Beirat und Manfred Rettig als versiertem Manager. Damit begann Fosters Dilemma. Von vornherein war er vehement gegen jede Kuppellösung gewesen; er hatte in einem »Spiegel«-Interview sogar gesagt, dass, wenn der Bundestag eine Kuppel wolle, solle er sich nach einem anderen Architekten umschauen. Es widerstrebte ihm, eine Kuppel zu zeichnen. Dennoch war der Auftrag für Foster so wichtig und gewichtig, dass er die Forderung zähneknirschend akzeptierte. Im Herbst 1994 legte er seinen überarbeiteten Plan vor. Für eine Kuppellösung veranschlagte er Mehrkosten von 68 Millionen Mark und zwei Jahre mehr Bauzeit. Vielleicht hoffte er insgeheim, dass sich wegen der Ebbe in den öffentlichen Kassen und der Eile des Berliner Senats in der Umzugsfrage diese Frage von selbst erledigen würde. Doch der Bundestag ließ nicht locker und forderte weiterhin eine Kuppellösung, die Foster am 31. Januar 1995 vorlegte. Auch diese konnte nicht überzeugen. Das Tauziehen ging hin und her, und beide Seiten waren je nach Argumentationslage von Zeit zu Zeit überzeugt, den Gegner ›weichgeklopft‹ zu haben. Foster ›testete‹ 27 verschiedene Kuppelformen und erntete manchen hämischen Kommentar – so sprach »Die Zeit« einmal sogar von einem ›gestrickten Eierwärmer‹. Am 10. Februar 1995 stellte Foster die endgültige Kuppellösung vor: keine Halbkugel, kein »Bienenkorb«, sondern eine Konstruktion in Gestalt eines geköpften Eis, parabolisch, mit offenem Ende, einem abgeschnittenen Kegel nicht unähnlich. Innen sollten sich für die Besucher zwei spiralförmige Rampen bis auf eine Höhe von fast 50 Metern emporwinden. Den Mittelpunkt bildete in Form eines Trichters ein ›Lichtumlenkelement‹, das mit 360 beweglichen Spiegeln das Son197

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Fosters Kuppel begegneten viele sowohl mit Skepsis, als auch mit Begeisterung.

nenlicht ins Plenum lenken sollte. Das Echo auf den Entwurf war geteilt, doch überwogen die positiven Reaktionen. Die endgültige Entscheidung für die Kuppel fiel am 28. April – selbst Frau Süssmuth war nun dafür. Ende Juni 1995 – der Reichstag war gerade durch die spektakuläre Verhüllung in aller Munde – schufen die Baukommission, die Berliner Baugesellschaft und das Büro Foster Fakten: der Architekt ließ detaillierte Pläne ausarbeiten, bestellte die Stützen für die Kuppel und fixierte das Datum für deren Aufstellung. Zurück zur Reichstagsverhüllung: Gleich nach der Bundestagsentscheidung hatte Christo zusammen mit Wolfgang Volz und Roland 198

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»Leuchtturm«, »Seifenblase«, »gestrickter Eierwärmer« lauteten die Kommentare.

Specker die ›Verhüllter Reichstag GmbH‹ gegründet, um das Projekt auszuführen. Der Bundestag erlaubte der GmbH Büroräume im Haus der Kammer der Technik zu benutzen. Aus Radolfzell kam ein Ingenieurbüro, um die technischen Zeichnungen zu machen. In Emsdetten starteten die Maschinen, um 100 000 Quadratmeter Stoff zu weben. Die Stoffballen kamen nach Cottbus und Mailand, wo sie zugeschnitten und genäht wurden. Danach kamen sie in den großen Hangar des Werneucher Flughafens; er hatte mal der Roten Armee gedient. Aufpasser – ›Monitors‹ – wurden engagiert. Das Haus des Reichstagspräsidenten wurde zur ›Kantine‹ für die 600 Monitore und Christos Gäste. 199

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Im Sommer 1995 fand die Reichstagsverhüllung statt, womit Christo und Jeanne-Claude ihren großen Traum realisierten. Am 17. Juni begannen Christos »Jünger« mit dem Abrollen der großen Stoffbahnen; vollendet war die Verhüllung am 27. Juni – und blieb bis zum 7. Juli. Das Kunstwerk wurde von mehr als fünf Millionen Menschen besichtigt und war einer Umfrage zufolge 96 Prozent der erwachsenen Deutschen bekannt. Noch heute schwärmen Leute über die Reichstagsverhüllung, und viele bedauern, dass sie sie nicht live gesehen haben. Es gab großartige Stimmen. Der Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer schwärmte: »Hat jemals der höchste Ort der Demokratie soviel Annahme erfahren wie während dieses künstlerischen Spektakels? Da versammelt sich ein friedliches Volk vor dem eher monströsen Gebäude unserer gebrochenen deutschen Geschichte und steht davor wie vor einem Geheimnis.« Sogar Wolfgang Schäuble änderte seine Meinung und Frank-Walter Steinmeier meinte, schon die Diskussion um die Verhüllung habe zur Lösung der deutschen Frage geführt. Bundespräsident Christian Wulff lobte bei seiner Amtsübernahme am 1. Juli 2010 das Projekt in Worten, die so nie wieder von einem Politiker über ein Kunstwerk gesprochen wurden; er erinnerte sich, »wie fremd und zugleich wie schön dieser Schicksalsort deutscher Demokratie auf einmal wirkte, dank künstlerischer Kraft und auch dank technischem Können. Das Kunstwerk hat damals ein Gemeinschaftsgefühl geweckt zwischen Menschen aller Altersstufen, Nationalitäten, Herkünfte und Berufe. Es hat sein Teil beigetragen zu dem neuen, fröhlichen Gesicht unseres Landes in der Welt«. Unmittelbar nach Abbau der Hülle begannen die Arbeiter das Innere des Reichstagsgebäudes zu entkernen. Alle hatten es sehr eilig: das Haus musste fertig werden, so dass man am 23. Mai 1999 einen Bundespräsidenten wählen konnte. Vor allem Berlin konnte es nicht schnell genug gehen. Das war verständlich: viele Berliner Pläne – für Tourismus, Verkehr, Wohungsbau – hingen vom Umzugstermin ab; vor allem wollten potentielle Investoren Sicherheit haben. Als Anfang 1996 bekannt wurde, dass ich – entgegen Fosters Plänen – auf eine Re200

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Endlich vollendet. Der verhüllte Reichstag zog 1995 Millionen von Schaulustigen an und bescherte der deutschen Hauptstadt weltweite Beachtung in den Medien.

konstruktion der alten Kuppel hoffte, wurde mir bedeutet, dass Berlin meinen Aufenthalt in Bonn nicht gerne sah. An technischen Problemen herrschte beim Umbau keinen Mangel: Welche Farbe sollten die Sitzmöbel haben? (Reichstagsblau). Man stritt darüber, wie der Bundesadler – die ›fette Henne‹ – beschaffen sein sollte; erst am 17. Dezember 1998 wurde die endgültige Version aufgehängt. Kurz vor der Schlüsselübergabe wußte man auch noch nicht, wohin mit den 100 Touristenbussen pro Tag, die für das Gebäude erwartet wurden. Und last but not least die Akustik – noch saß den Parlamentariern das Versagen der Lautsprecheranlage im Bonner Bundeshaus vom Herbst 1992 in den Gliedern – man hatte das Problem sozusagen »im Ohr«. Damals, als die Anlage versagte, gab es viel Häme – jetzt wollte man vorbeugen. Am 24. Februar 1999 wurden daher 1 100 Bundeswehrsoldaten ins Gebäude beordert, um die elektroakustische Anlage zu testen; wie zu erfahren war, gab es lediglich ein »Justierungsproblem« – im Großen und Ganzen war man zufrieden; ausgerechnet auf der Regierungsbank ließ die Akustik allerdings zu wünschen übrig. 201

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Ein Problem am Bau, mit dem auch die BBB zu tun hatte, war die Schwarzarbeit: Berlin war nach der Wende zum Tummelplatz für Bauarbeiter aller Nationalitäten geworden: Ausländer waren billiger, wurden häufig nicht versichert, nicht einmal registriert. Nicht nur einmal war die Gewerbepolizei auf der Reichstagsbaustelle, um zu kontrollieren, wer da eigentlich am Hort der deutschen Demokratie baute – und nicht nur einmal stieß sie dabei auf Schwarzarbeiter. Im Laufe der Jahre wurden es zwar weniger, aber ganz unter Kontrolle haben die Behörden das Problem nie bekommen. Am 19. April 1999 fand die feierliche Schlüsselübergabe statt. Wie 1895 war kein ›Kaiserwetter‹, aber immerhin war man, im Gegensatz zu 1971, zumindest stolz, dass es nun gelungen war, in einem richtig ausgebauten Haus des Parlaments zu tagen. Aus den Wahlen von Oktober 1998 war die SPD als stärkste Kraft hervorgegangen. Der Bundestagspräsident hieß jetzt Wolfgang Thierse, der Bundeskanzler Gerhard Schröder. In der Debatte, die folgte, ging es zeitweise um die Bezeichnung des Hauses. Der Karikaturist vom »Tagesspiegel« zeich­ nete einen Redner: »Sehr geehrter Herr des Hohen Hauses, unseres Parlaments, des Bundestags, im Plenarbereich des Reichstagsgebäudes hier im Reichstag, sehr verehrte Damen und Herren …«, um von Thierse ermahnt zu werden: »Hiermit ist Ihre Redezeit leider zu Ende.« Was wenige wissen: Die Bürokraten der Verwaltung hatten zunächst den 20. April – Hitlers 110. Geburtstag – ausgesucht. Erst als sie darauf aufmerksam wurden, legten sie das Datum einen Tag früher. Das hinderte jedoch die SPD-Abgeordnete Elke Leonhard nicht daran, am 20. April eine Debatte über das Projekt eines Denkmals für die Ermordeten Juden Europas abzuhalten, und zwar ausgerechnet in dem Saal, in dem ein Teil des Reichstagsbrandprozesses 1933 stattfand. Es gehört zu den Ironien der Baugeschichte, dass gerade jener Bauteil, den der Architekt am vehementesten ablehnte, die Kuppel, sowohl für den enormen Besucherandrang als auch für Fosters Standeserhöhung verantwortlich ist – er wurde kurz nach der Einweihung zum Lord ernannt. Kein Zweifel – die Kuppel macht das Reichstagsgebäude und den Deutschen Bundestag extrem populär. Tag für Tag bilden sich 202

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lange Schlangen vor dem Westportal – die Besucher wollen hoch hinauf und den Ausblick auf die wichtigsten Neubauten der Hauptstadt genießen: das Bundeskanzleramt, den Hauptbahnhof, das Paul-LöbeHaus, das Jakob-Kaiser-Haus und schließlich im Süden den Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor, das Holocaust-Mahnmal und das Sony-Center. Auf spiral-förmigen Rampen flaniert der Besucher an der Innenwand der gläsernen Kuppel empor – gleichermaßen beeindruckt vom Ausblick wie von der Raffinesse dieser Architektur. Bis 2014 dürften es mehr als 14 Millionen Besucher gewesen sein. Seit einem Jahr wird die Zahl der Personen, die auf dem Dach gleichzeitig sein dürfen, auf 600 begrenzt. In der Kuppel ist auch eine kleine Ausstellung über die Geschichte des Hauses zu sehen. Große Kunst und Spuren der Geschichte Das Reichstagsgebäude ist nicht irgendein Haus – es ist der Sitz des Verfassungsorgans Deutscher Bundestag. Ein Land – noch dazu ein wiedererstandenes – braucht eine Identität, und um Identität zu stiften, muss man auf seine Geschichte zurückgreifen. Es war daher von großer Bedeutung, dass bereits auf dem ersten Kolloquium für das Haus 1992 beschlossen wurde, soviel Geschichte sichtbar zu belassen, wie überhaupt möglich war. Auch Architekt Foster beherzigte diese Vorgabe; sein Leitgedanke bei der Wiederherstellung war: soviel Wallot wie möglich erhalten, alles Neue solle wie Foster aussehen. In diesem Kontext tauchte ein Problem auf: Nach dem Krieg hatten Rotarmisten Inschriften an die Wände des Reichstagsgebäudes gekritzelt – manche sehr deftig, manche skatologisch, manche zotig. Über mehr als vierzig Jahre hatten viele dieser »Graffiti« die verschiedenen Umbaumaßnahmen überlebt, und nun stand der Bundestag vor dem Problem, wie man mit ihnen umgehen sollte. Das Präsidium und der leitende Architekt beschlossen, sie im Großen und Ganzen zu konservieren, abgesehen von jenen, deren Inhalt als gar zu anstößig empfunden wurde. Die entsprechenden Stellen wurden fotografiert und der Botschaft Rußlands in Berlin zur Übersetzung übergeben. Einige wur203

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den entfernt – entweder auf Wunsch der Botschaft, oder weil sie der Bundestagspräsidentin zu beleidigend vorkamen. Dennoch blieben die Inschriften auf der politischen Tagesordnung. Noch immer meinten viele Abgeordnete, vor allem aus der CSU, dass es eine Zumutung sei, noch so viel »Graffiti« sehen zu müssen. Ihr Antrag auf restlose Entfernung aller Inschriften fand jedoch keine Mehrheit. Da das Reichstagsgebäude und die anderen Häuser des Bundestages auch moderne Kunst aufnehmen sollten, berief die Baukommission eine Kunstkommission. Diese entwickelte Konzepte für die einzelnen Neubauten und bestellte die Künstler. Teil des Konzepts war, dass von jeder Siegermacht des Zweiten Weltkriegs ein(e) Künstler(in) vertreten sein würde. Aus den USA kam Jenny Holzer (mit einer »Wortsäule«), aus Frankreich Christian Boltanski mit seinem »Archiv der Reichs­ tagsabgeordneten«. Als Vertreter Russlands hatte der Beirat zunächst Ilja Kabakov vorgesehen, aber da seine Vorschläge auf Widerstand stießen, kam man auf den ebenfalls aus Russland stammenden Grischa Bruskin – sein großes Werk schmückt den kleinen Erfrischungssaal im Südwesteckzimmer. Weil in Großbritannien kein Konsens bestand, einigte man sich auf Norman Foster, der auf der Rückseite des Bundesadlers einen zweiten, schlankeren Adler schuf. Nunmehr hat der Bundestag in Berlin sieben Häuser; in allen hängen, stehen oder liegen Kunstwerke, zur Zeit mehr als 120, die allermeisten aus Deutschland. Allein im Reichstag gibt es neben den oben genannten auch Werke von Sigmar Polke, Georg Baselitz, Christo, Werner Heisig, Markus Lüpertz, Joseph Beuys, Carlfriedrich Claus, Anselm Kiefer, Wolfgang Mattheuer, Georg Karl Pfahler, Gerhard Richter, Ulrich Rückriem, Emil Schumacher, Katharina Sieverding, Walter Stöhrer, Strawalde und Günther Uecker. Von letzterem stammt der Andachtsraum im südlichen Flügel des Hauptgeschosses. Vertreten sind auch Julia Mangold (Marie-Elisabeth-Lüders-Haus), Ann Hol­ yoke Lehmann (Haus Unter den Linden 71), Neo Rauch und Joseph Kosuth (Paul-Löbe-Haus). Im Jahr 2000 einigte sich der Beirat auf einen Vorschlag des in den USA lebenden deutschen Künstler Hans Haacke – er wollte im Nord204

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Die Graffiti der sowjetischen Soldaten hatten alle Umbauarbeiten überdauert und führten nun zu Diskussionen.

hof des Reichstagsgebäudes einen langen Trog errichten, der mit Erde und Flugsamen aus den Wahlkreisen der Abgeordneten gefüllt werden sollte. Viele Abgeordnete lehnten den Mehrheitsbeschluss des Beirats allerdings ab und sorgten dafür, dass über Haackes Vorschlag im Plenum debattiert und abgestimmt wurde. Nach einer heftigen Debatte beschloss der Bundestag am 5. April 2000 mit nur zwei Stimmen Mehrheit, das Projekt zu verwirklichen. Zum Reichstag gehören auch politische Denkmäler: Vor dem Umbau durch Foster standen am Spreeufer mehrere weiße Kreuze für diejenigen Menschen, die an der Stelle versucht hatten, über den Fluss von Ost- nach West-Berlin zu gelangen und dabei ums Leben gekommen waren. Diese Kreuze befinden sich heute an einem Drahtzaun gegenüber der Südostecke des Reichstagsgebäudes. Vor der Südwestecke des Reichstagsgebäudes befindet sich ein Denkmal zur Erinnerung an 96 von den Nationalsozialisten ermorde205

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te Reichstagsabgeordnete (einen anderen Titel hat es nicht). Es besteht aus Schiefertafeln, an deren Kanten die Namen, Beruf, Geburts- und Sterbedaten im Hochrelief zu sehen sind. Das Werk wurde bereits 1985 geschaffen, aber erst am 12. September 1992 installiert und dem Bundestag übergeben. Vielleicht das eigenwilligste Kunstwerk am Bundestag ist das vom Berliner Aktionskünstler Ben Wa(r)gin geschaffene ›Parlament der Bäume‹, eine Baumreihe auf einem Gelände des früheren Todesstreifens; es soll sowohl an die ums Leben gekommene Menschen erinnern, als auch für ein besseres Umweltbewußtsein werben. Reichstag oder Bundestag? Wie bereits angedeutet, tobte bis zum Umzug im Jahr 1999 ein Streit darüber, wie man das Haus nennen sollte: Reichstag oder Bundestag? Kurz vor der Eröffnung schlug Wolfgang Thierse vor, das Haus in »Deutscher Bundestag« umzubenennen – ihn störte die historisch belastete Bezeichnung »Reich«. Doch stieß sein Vorschlag auf wenig Gegenliebe: Immerhin tagt auch die französische Assemblée nationale noch immer im Palais Bourbon und das englische Parlament im Palace of Westminster. Folglich schien es nicht unbillig, den Deutschen Bundestag im Reichstagsgebäude tagen zu lassen. Es kam schließlich zu einem Kompromiss: Offiziell heißt es jetzt ›Plenarbereich Reichstagsgebäude‹, womit die Silbe ›Reich‹ nun allerdings sogar zweimal vorkommt. Auch der Spott ließ nicht lange auf sich warten: ›Bereichstag‹, ›Bereichsleiter‹, ›Bereichstagsgebäude‹, ja auch, wie der »Tagesspiegel« ironisch schrieb: ›Redestelle des nicht mit dem Reichstag identischen Deutschen Bundestags in Reichstagshülle vor Fraktionsgebäuden des reichstagsunabhängigen Deutschen Bundestags‹. Erst am 7. September 1999 begannen die Plenarsitzungen des Bundestags im Reichstagsgebäude, während die dazugehörigen Bauten ringsum noch im Bau waren. Am 14. September 1999 fand bereits die Schlüsselübergabe für das umgebaute Palais des Reichstagspräsidenten statt (Architekt: Thomas van den Valentyn): Hier zog die 1951 gegründete Deutsche Parlamentarische Gesellschaft ein, in der sich Politiker 206

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Das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus (links) und das Paul-Löbe-Haus (rechts) sind durch eine Doppelbrücke verbunden.

aller Parteien zum geselligen Beisammensein und zum Austausch über die Parteigrenzen hinweg treffen. In den folgenden Jahren wurden auch die anderen Häuser vollendet und bezogen: im Juli 2001 das PaulLöbe-Haus (Architekt: Stefan Braunfels), benannt nach dem SPDAbgeordneten Paul Löbe (1875–1967), im Januar 2002 das JakobKaiser-Haus, benannt nach dem CDU-Abgeordneten Jakob Kaiser (1888–1961), das in acht optisch voneinander getrennten Häusern die Büros für die Abgeordneten aller Fraktionen beherbergt (Architekten: Busmann + Haberer, de Archietekten Cie (de Bruijn), von Gerkan, Marg und Partner sowie van den Valentyn). Zuletzt wurde im Frühjahr 2004 das Haus der parlamentarischen Dienste bezogen, das nach der früheren FDP-Abgeordneten Marie-Elisabeth Lüders (1878–1966) benannt ist und in dem Bibliothek, Archiv und Dokumentation des Bundestages untergebracht sind (Architekt: Stefan Braunfels). Eine schmale Brücke über die Spree verbindet dieses Haus mit dem gegenüber liegenden Paul-Löbe-Haus. 207

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