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Leseprobe "Charlottenburgs rote Insel"

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Kiezplan (2011)


Gottfried Schenk

Charlottenburgs rote Insel Vom Zille-Milieu zum Klausenerplatz-Kiez

be.bra verlag


Dieses Buch wurde gefördert durch: Kiezbündnis Klausenerplatz e.V. Heimatverein Charlottenburg e.V.

Umschlagabbildung vorne: Radrennen in der Danckelmannstraße (1980), Schloss Charlottenburg mit Weihnachtsmarkt (2014). Umschlagabbildung hinten: Musiker bei einem Straßenfest vor dem Laden der Mieterinitiative in der Nehringstraße 11 (1978).

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © berlin edition im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2016 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Robert Zagolla, Berlin Gesamtgestaltung: Anne-Luise Groß, Gottfried Schenk Schrift: Engel 10 Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín ISBN 978-3-8148-0227-5

www.bebraverlag.de


Rückblick auf turbulente Jahre Als ich 1975 Baustadtrat in Charlottenburg wurde, war eine meiner wichtigsten Aufgaben die Sanierung des Klausenerplatz-Kiezes, eines Gebiets mit früher 13.000 Einwohnern. Es ging also nicht um die Sanierung einzelner Bauten oder eines Häuserblocks. Es ging um eine kleine Stadt,. Der Klausenerplatz-Kiez war 1975 nicht mehr das alte Arbeiterviertel der Vergangenheit. Viele Familen waren weggezogen, teilweise auf Grund von Angeboten des Sanierungsträgers, teilweise auch von sich aus. Der Zustand der Häuser war schlecht, die Sanitäreinrichtungen unzureichend. Wie in vielen Sanierungsgebieten der Stadt hatte sich die Bewohnerschaft verändert, sie bestand weitgehend aus älteren Menschen und Studenten sowie einem höheren Anteil türkischstämmiger Berliner. Die ursprüngliche Planung sah überwiegend den Abriss der bestehenden Bausubstanz und einen Neubau vor. Die bebauten Innenblöcke sollten entkernt und durch Grünflächen ersetzt werden. In einem Modellblock (Block 118) wollte man unter der Verantwortung des Architekten Hardt-Waltherr Hämer etwas anderes versuchen: „behutsame Stadterneuerung“ unter fast vollständigem Erhalt der bisherigen Bausubstanz. Die Wohnungen sollten modernisiert werden, die Mieterinnen und Mieter für kurze Zeit umgesetzt (oder in Urlaub geschickt) werden. Mein Einstieg als Baustadtrat begann mit einer endlosen Kette von Mieterversammlungen. Es gab eine engagierte Mieterinitiative, die sehr stark studentisch geprägt war. Entsprechend emotional waren die Versammlungen. Mein Verhältnis zu der Initiative

war von zwei unterschiedlichen Eindrücken geprägt: Einerseits sah ich die Berechtigung der Argumente, die Furcht der Mieterinnen und Mieter vor Vertreibung und nicht mehr leistbaren Mieten, andererseits sah ich auch manche überzogene Forderung an den Staat, die nicht erfüllbar war. Wir haben uns nicht geliebt, aber doch gegenseitig respektiert. Mit Unterstützung des damaligen Bausenators Harry Ristock gelang es, eine Mietpreisbegrenzung für das Sanierungsgebiet festzulegen. Damit wurde s­ichergestellt, dass die Bewohner, insbeson­dere auch die älteren und die türkischstämmigen, im Gebiet bleiben konnten. Die Mischung im Kiez blieb erhalten. Ebenso gelang es, die modellhafte Sanierung des Blocks 118 auf andere Blöcke zu übertragen. Auch hier haben sich allerdings nicht alle Träume erfüllt. Insbesondere der Traum von der preiswerten, behutsamen Stadterneuerung ist nicht immer realisiert worden. Das gilt auch für die Vorstellung, die Häuser könnten ganz schnell modernisiert werden und die Bewohner müssten nur kurze Zeit ausziehen. Es hat sich schnell gezeigt, dass der Umfang der notwen­ digen Arbeiten zu hoch war und dass die Koordination der Baugewerke zwar in der Theorie funktionierte, aber leider nicht in der Praxis. Die Bauarbeiten an einem Haus zogen sich nicht nur über ein, zwei Monate hin, sondern meistens ein halbes Jahr oder länger. Aber auch, wenn man die Schwierigkeiten und Mängel berücksichtigt, war die behutsame Stadtsanierung am Klausenerplatz erfolgreich. Sie hat vorweggenommen, was wir heute mit Milieuschutz-

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verordnungen mühsam in vielen Bereichen der Stadt erreichen wollen und müssen: eine Sanierung für die Bewohnerinnen und Bewohner. Es ist nicht mehr der Kiez von 1900, aber er ist in Teilen erhalten geblieben. Hier und dort, das sieht man bei einem Spaziergang durch die Nehring- oder die Danckelmann­straße

Mieterversammlung in der Gaststätte ZAP mit Baustadtrat Dr. Körting (1979)

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oder auf dem Wochenmarkt am Klausenerplatz, kann man ihn noch durch Zilles Augen betrachten. Dr. Ehrhart Körting Baustadtrat 1975 bis 1979


Persönliches Vorwort Wegen Ärger mit einem WG-Mitbewohner brauchte ich im Herbst 1974 eine neue Bleibe. Ich fand sie in der Charlottenburger Nehringstraße, durch Vermittlung einer Freundin, die beim Vermieter, der Neuen Heimat Berlin, arbeitete. Vorderhaus, zwei Zimmer, Bad und Ofenheizung, günstiger Mietpreis – alles stimmte! Einziger Haken war der Mietvertrag, der mir lediglich eine vorübergehende Nutzung der Wohnung erlaubte. Denn die neue Heimstätte befand sich im Viertel am Klausenerplatz, einem traditionellen Arbeiterquartier, das 1963 zum Sanierungsgebiet erklärt worden war und in dem bereits erste Baumaßnahmen im Gange waren. Der Ernst der Lage wurde mir schlagartig bewusst, als nicht einmal ein Jahr später der Brief mit der Ankündigung von Sanierungsmaßnahmen im Briefkasten lag. Was tun? Ich hatte mich in meinem neuen Wohnumfeld gut eingelebt, schätzte die Innenstadtlage, die Nähe zum Schloss Charlottenburg, die vielen kleinen Läden und Kneipen, die gute Nachbarschaft. Es war ein bisschen wie Kreuzberg, aber überschaubarer, und zudem in der Nähe der Technischen Universität, meiner Ausbildungsstätte. Doch ohne richtigen Mietvertrag hatte ich keinen Anspruch auf eine Ersatzwohnung. Die Rettung erschien in Person zweier Aktivisten der Mieterinitiative Sanierungsgebiet Klausenerplatz e.V., die eines Tages vor meiner Wohnungstür standen. Sie überzeugten mich, mein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und bei der Initiative mitzumachen. Bald hing ein kämpferisches Transparent an meinem Balkon, gab es eine helfende Hand mehr beim Plakatieren und Flugblattverteilen. Die zum

Tribunal auserkorene Mieterversammlung, die im Sommer 1975 in der Aula der Nithackschule stattfand, sicherte schließlich meinen Verbleib im Kiez. Im Beisein des neuen Baustadtrats Ehrhart Körting musste der vermeintlich allmächtige Wohnungsbaukonzern klein beigeben und mir eine Ersatzwohnung im Gebiet anbieten. Es folgten Jahre des Engagements in der „MI“, wie der etwas sperrige Name der Mieterinitiative abgekürzt wurde, die mich zum Experten für Sanierungsbelange und Mietrecht machten. Und vor allem zum Fotografen! Die handliche Canon A1 immer griffbereit in der Tasche zog ich durch die Straßen und Hinterhöfe meines Kiezes, mit wachem Blick für seine morbide Schönheit – aber auch für die Untaten des Sanierungsträgers. Haarsträubende Wohnungsmängel, unzumutbare Wohnverhältnisse in den bereits teilentmieteten Häusern, ja sogar zugemauerte Eingangstüren – all das wurde fotografisch festgehalten und fand seinen Niederschlag auf Flugblättern, Wandzeitungen und in der Mieterzeitung. Zum fünfjährigen Bestehen der Mieterinitiative wurde eine Auswahl dieser Bilder im Rahmen einer Ausstellung einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Der Eintritt ins Berufsleben brachte zwar nicht das Ende, aber doch eine Einschränkung meines Engagements. Mit dem Konzept der „behutsamen Stadterneuerung“, das inzwischen Einzug gehalten hatte, waren ohnehin bereits viele Konfliktpunkte entschärft worden. Meine veränderte Lebenssituation, die mit einer persönlichen Neuorientierung einherging, führte schließlich 1989 zum Umzug ins Grüne, in die Nähe des Schlachtensees nach Zehlen-

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dorf. Was aber nicht hieß, dass ich dem Kiez verloren ging. Regelmäßige Marktbesuche und der Kontakt zu ehemaligen Nachbarn und Freunden ließen das Band zum alten Wohngebiet auch in den Jahren danach nicht abreißen. Ausdruck der Verbundenheit zu einem Viertel, in dem ich vierzehn Jahre gelebt und für dessen Erhalt ich gekämpft hatte. Aus dieser Zeit stammen auch ungehobene Schätze in Form von mehreren tausend Farb-Diapositiven und Schwarzweiß-Negativen: Fotografien, auf denen eine wichtige Etappe der Geschichte West-Berlins zu besichtigen ist und die viele Jahre darauf warten mussten, in angemessener Form präsentiert zu werden. Dieses Vorhaben verbinde ich nun mit der Herausforderung, den Wandel des Viertels und die Situation seiner Bewohner durch neue Aufnahmen sichtbar zu machen. Mein aufrichtiger Dank gilt deshalb meinem ehemaligen Mitstreiter Bernd Maier von der argus GmbH, dem ich wichtige Hinweise und Anregungen verdanke. Aber auch dem Kiezbündnis Klausenerplatz e.V., dessen sorgfältig recherchierte „Kiez-Geschichten“ und „Geschichtsstationen“ bei diesem anspruchsvollen Unterfangen sehr hilfreich waren. Gottfried Schenk im Laden der Mieterinitiative (1977)

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Straßenfest vor dem Laden der Mieterinitiative in der Nehringstraße 11 (1978)


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Wo die behutsame Stadterneuerung ­erfunden wurde Bis in die 1970er-Jahre schien West-Berlin vom Wirtschaftswunder vergessen worden zu sein. Während in den westdeutschen Städten der Wiederaufbau zügig voranging und die Wirtschaft boomte, hing der Westen der geteilten Stadt am Tropf. Das schlug sich auch im Stadtbild nieder. Außerhalb der City um den Kurfürstendamm überwogen heruntergekommene Altbauquartiere mit schlecht ausgestatteten Wohnungen und engen Hinterhöfen, zwischen denen oft Baulücken klafften und nackte Brandmauern eine beklemmende Kulisse abgaben. Mit dem Stadterneuerungsprogramm von 1963, das in den Altbaubezirken zwölf Sanierungs­ge­biete auswies, sollte das Konzept der „Neuen Stadt“ Anwendung finden. Das Ziel, vom Architekten Hans Scharoun bereits unmittelbar nach Kriegsende formuliert, war die entkernte, autogerechte Stadt, in der gewachsene Stadtstrukturen keine Berücksichtigung mehr finden sollten. Dem Bestreben, eine durch NS-Terror und Preußentum diskreditierte Vergangenheit auch städtebaulich auszulöschen, war nicht nur das Berliner Stadtschloss zum Opfer gefallen. Die von Geschichtsvergessenheit geprägte Baupolitik der Nachkriegszeit führte auch zum großflächigen Abbruch ganzer Straßenzüge und Wohnquartiere, an deren Stelle Monsterbauten wie das Neue Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor oder gesichtslose Neubauten mit dem Charme von LegoBausätzen traten. Teil dieses Programms war auch das Viertel am Klausenerplatz. Es hatte, im Gegensatz zum schwer zerstörten Schloss Charlottenburg, die Bombennächte

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des Krieges weitgehend unbeschadet überstanden, doch nun drohte Gefahr durch die Hand der Planer und Architekten! Die ursprünglich vorgesehene Kahlschlagsanierung wurde allerdings (aufgrund der Nähe zum bereits wiederaufgebauten Schloss) aufgegeben. Stattdessen entwickelte man ein Konzept, das den Erhalt der Jugendstilfassaden bei gleichzeitigem Abriss und Neubebauung der Block­ innenbereiche vorsah. Erklärtes Ziel blieb jedoch, neben der Schaffung eines städtebaulichen „Gründerzeit-Disneylands“, auch die soziale Struktur des traditionellen Arbeiterviertels anzuheben. Diese hatte sich seit der förmlichen Festlegung als Sanierungsgebiet im Jahre 1972 bereits schleichend verändert. Wer es sich leisten konnte, war in die angebotenen Neubauwohnungen gezogen, und zurück blieben Alte, Kriegerwitwen, Gastarbeiter und Studenten. Vor allem für letztere waren die preisgünstigen Hinterhauswohnungen trotz des zunehmenden Verfalls der Häuser attraktiv. Sie ermöglichten aufgrund der geringen Mietbelastung vielfältige Freiräume zur Selbstverwirklichung, und oft stellten sie angesichts der herrschenden Wohnungsnot sogar die einzige Chance auf eine bezahlbare Unterkunft dar. Für den Sanierungsträger, die Neue Heimat Berlin, hatte dies allerdings unerwünschte Konsequenzen. Denn anders als ihre Nachbarn, die sich mehr oder weniger bereitwillig ins Altenheim oder an den Stadtrand abschieben ließen, wollten die jungen, vielfach politisierten Mieter ihre Heimstätte in bester Citylage nicht aufgeben.


Bereits 1972, also drei Jahre vor dem Start des Pilot­ projekts im Block 118 (Schloßstraße, Neue Christstraße, Nehringstraße, Seelingstraße), entstand die Stadtteilgruppe Charlottenburg. Aus ihren Reihen ging 1973 die Mieterinitiative Sanierungsgebiet Klausenerplatz e.V. hervor. Ihre wichtigsten Anliegen waren der Erhalt und die Reparatur des Viertels sowie der Verbleib der Bewohner im Gebiet – auch während der Sanierung. Letzteres sollte mit der Begrenzung der Mieterhöhung nach der Sanierung auf maximal 30 Prozent erreicht werden. Es war vor allem diese Forderung, die bei den Sanierungsverantwortlichen auf schroffe Ablehnung stieß. Unterstützung für die Belange der Mieter kam hingegen vom Architekten Hardt-Waltherr Hämer, der in einem Gutachten nachgewiesen hatte, dass die Sanierung und Modernisierung von Altbauten kostengünstiger waren als deren Abriss und Neubau. Sein ganzheitliches städtebau­liches Konzept für den zum Pilotprojekt erhobenen Block 118 sah außerdem die Einbeziehung der Bewohner vor, wofür er sich auf das 1972 verabschiedete Städtebauförderungsgesetz stützen konnte. Fortschrittlicher Architekt und rebellische Mieterschaft vereint im Kampf für eine Wende in der Sanierungspolitik! Bald hingen an den Häusern in der Schloßstraße und Neuen Christstraße Transparente. Die Betroffenen-Anhörungen und Mieterversammlungen wurden zu Tribunalen, auf denen die Verantwortlichen Rede und Antwort stehen mussten. Ein Autokorso zum Senator für Bau- und Wohnungswesen schuf öffentliche Aufmerksamkeit, während der Drohung, bei Nichterfüllung der Forderungen die Baumaßnahmen zu verhindern, mit dem Anschlag auf eine Baumaschine Nachdruck verliehen wurde.

In dieser zugespitzten Situation brachte ein Wechsel beim politischen Personal den Durchbruch. Der als Hardliner bekannte bisherige Baustadtrat wurde von Ehrhart Körting, einem jungen Hoffnungsträger der SPD, abgelöst. Ihm gelang es, die Verantwortlichen von Neue Heimat und Senat zum Einlenken zu bringen. Die Wohnungen verblieben im kostengünstigen Altbau, der Quadratmetermietpreis wurde lediglich um 30 Prozent erhöht oder auf maximal drei DM begrenzt, und die Mieter erhielten während der Bauzeit Zwischenumsetzwohnungen im Gebiet. Der Blockinnenbereich wurde nur teilweise entkernt, sodass viel preisgünstiger Wohnraum erhalten blieb. Das Konzept der „behutsamen Stadterneuerung“ war geboren! Es war ein Anfangserfolg, der jedoch keinen Automatismus zur Folge hatte. Von den insgesamt elf Blöcken zwischen Spandauer Damm, Schloßstraße, Knobelsdorffstraße und Sophie-Charlotten-Straße war einer gerettet worden, und die Strategen von Neue Heimat und Senat setzten alles daran, die Zugeständnisse als einmaligen Sonderfall hinzustellen. So bedurfte es noch Jahre des zähen Ringens, um dem selbstherrlichen Agieren der Sanierungsverantwortlichen Einhalt zu gebieten und dem Modell der „behutsamen Stadterneuerung“ im gesamten Gebiet zur Umsetzung zu verhelfen. Die im Block 118 erkämpfte Mietobergrenze wurde in der Folge zwar überschritten, blieb jedoch generell unter dem Niveau des Sozialen Wohnungsbaus. In mehreren Häusern wurden auf Wunsch der Bewohner lediglich Instandsetzungsarbeiten oder Mietermodernisierungen durchgeführt, und Anwohnerinitiativen konnten alternative Nutzungskonzepte wie den „Ziegenhof“ in der Danckelmannstraße durchsetzen.

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Mit dem Aufkommen der Hausbesetzerbewegung Anfang der 1980er-Jahre erhielt der Kampf um den Erhalt der Berliner Altbauquartiere eine neue Qualität. Der unhaltbare Zustand, dass in den Sanierungsgebieten Tausende von „freigemachten“ Altbauwohnungen leer standen, während die Wohnungsnot dramatisch zunahm, führte zur Besetzung von mehr als 160 Häusern in den Bezirken Kreuzberg, Schöneberg und Charlottenburg. Die Gebäude wurden zwar innerhalb weniger Jahre zu einem großen Teil wieder geräumt, aber in der Folge konnte sich das am Klausenerplatz erkämpfte Konzept der „behutsamen Stadterneuerung“ auch in anderen Sanierungsgebieten West-Berlins durchsetzen. Stadtplaner und Bauwirtschaft hatten dazugelernt: Sanierung wurde als Stadtreparatur begriffen, bei der die Anliegen der Bewohner an zentraler Stelle zu stehen hatten, während Neubau nicht mehr als das Nonplusultra galt. Federführend hierbei war wieder Hardt-Waltherr ­Hämer, dem der große Verdienst zukommt, Berlins Altbaubezirke, und damit die Seele der Stadt, nicht nur bewahrt, sondern auch für ein zeitgemäßes Wohnen ausgerüstet zu haben. Eine Plakette in der Charlottenburger Neuen Christstraße 8 würdigt den 2012 verstorbenen Architekten. Kreuzberger Sanierungsgebiet (1977)

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Schloss Charlottenburg Vom Musenhof Sophie Charlottes zum GrĂźndungsbau Charlottenburgs


Wer heute vom Sophie-Charlotte-Platz über die Schloßstraße zum Schloss Charlottenburg läuft, kann sich nur noch schwer vorstellen, dass man hier einst von den Wiesen und Äckern des Dorfes Lietzow umgeben war. Der ländliche Charakter der Gegend änderte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als mit der Industrialisierung Berlins neuer Wohnraum für die Arbeiterschaft geschaffen werden musste. In dieser Zeit wuchs Charlottenburg zu einer der wohlhabendsten Städte Deutschlands heran, und es entstand auch das Viertel am Friedrich-Karl-Platz, dem heutigen Klausenerplatz. Keimzelle dieser Entwicklung war das bescheidene, im niederländischen Stil errichtete Lustschlösschen der Kurfürstin Sophie Charlotte, das 1699 fertiggestellt worden war und in Anlehnung an die nahegelegene Siedlung den Namen Lietzenburg erhielt. Der Platz an der Spree, auf halbem Weg zwischen Berlin und Spandau gelegen, war gut gewählt. In sicherem Abstand zum Berliner Hof versprach er Naturnähe und Beschaulichkeit und war doch über den Wasserweg von der 7,5 Kilometer entfernten Hauptstadt aus mühelos zu erreichen. Die kunstsinnige Schlossherrin pflegte in ihrem „Musenhof“ den Umgang mit Geistesgrößen ihrer Zeit, wie dem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz. Daneben konnte sie sich ihrer großen Leidenschaft, der italienischen Oper, widmen. Mit der Beschaulichkeit war es allerdings bereits nach zwei Jahren vorbei. Die Krönung des Kurfürsten Friedrich III. zum preußischen König ging einher mit einem gestiegenen Repräsentationsbedürfnis, im Zuge dessen der schmale zweigeschossige Bau zu einer dreiflügeligen Schlossanlage mit Kuppelturm

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und Kavalierstrakt nach französischem Vorbild ausgebaut wurde. Zur gleichen Zeit legte man auch die Große Allee, die heutige Schloßstraße, an – jedoch lediglich als Sichtachse auf das Schloss und ohne Funktion für den Verkehr. Alle nachfolgenden Preußenherrscher hinterließen an dem Schloss, das nach dem frühen Tod der ­Kö­ni­gin in Charlottenburg umbenannt worden war, ihre Spuren. Die zahlreichen räumlichen Umgestaltungen und Änderungen der Innenausstattung folgten dem jeweiligen Zeitgeist und der gängigen Mode. Der barocke Schlossgarten wurde im frühen 19. Jahrhundert in einen Landschaftspark im englischen Stil umgewandelt. Mit der Abdankung von Wilhelm II. im November 1918 endete die royale Nutzung des Schlosses. Schloss und Parkanlagen gelangten unter staatliche Obhut und wurden einer musealen Verwendung zugeführt. Der Wiederaufbau nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs erfolgte bereits in den 1950er-Jahren unter der Regie der Direktorin Margarete Kühn, der es zu verdanken ist, dass die Anlage weitgehend im Originalzustand wiederhergestellt wurde. Heute fungiert das Schloss, nach einer vorüber­ gehenden Nutzung als Amtssitz des Bundespräsidenten, als Museumsquartier, das mit einer bedeutenden Gemäldesammlung, der Goldenen Galerie und dem Porzellankabinett glänzen kann. Der im Volksmund Schlosspark genannte Schlossgarten erfreut sich sowohl bei Touristen wie auch bei den Bewohnern des Viertels großer Beliebtheit, seine Annehmlichkeit und sein architektonischer Glanz lassen auch den Autor immer wieder an seine alte Wohn- und Wirkungsstätte zurückkehren.

Puttenbalustrade am Karpfenteich (1988)


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Schloss Charlottenburg vom Spandauer Damm (1988)

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Schloss Charlottenburg mit Karpfenteich und Hoher BrĂźcke (1979)

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Folkpub-Konzert im Schlossgarten (1978)

Spaziergänger, Sonnenbadende, Freizeitsportler, Touristen, Familien mit Kindern – der Charlottenburger Schlossgarten hat für jeden etwas zu bieten. Ursprünglich für die Repräsentationszwecke des Herrscherhauses geschaffen, diente er den Berlinern bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert als Freizeit- und Erholungsstätte. Während das Große Parterre mit seinen prachtvollen Beeten den kulturbeflissenen Besucher anlockt, zieht es die Erholungssuchenden vor allem in den rückwärtigen Teil, wo neben den Liegewiesen ein bewaldeter Hügel und ein Kinderspielplatz zum Verweilen einladen. Die Zweiteilung in Hochkultur und Populärkultur fand in den späten 1970er-Jahren auch musikalisch ih-

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ren Ausdruck. Hatten die im Schloss abgehaltenen Schlosskonzerte vornehmlich klassische und höfische Komponisten im Programm, so verschafften die Freiluftkonzerte rund um den Lenné-Hügel internationalen Folk- und Bänkelsängern Auftrittsmöglichkeiten. Die von der Kleinkunstbühne „Folkpub“ organisierten Festivals fanden in den Sommer­monaten sonntags ab dem späten Vormittag statt und erfreuten sich weit über das Viertel am Klausenerplatz hinaus großer Beliebtheit. Heute sind Liveacts dieser Art im Schlossgarten Vergangenheit, die klassische Musik hingegen hat mit „Perückenkonzerten“ und begleitendem Dinner ein angemessenes Domizil in den Räumen der Großen Orangerie gefunden.


Minerva-Rondell im Schlossgarten (1986)

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Schlossgarten Charlottenburg mit Puttenbalustrade und winterlichem Karpfenteich (1985)

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Barockparterre im Schlossgarten Charlottenburg (1988)

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Ehrenhof am Schloss Charlottenburg mit Gladiatoren und StĂźlerbauten (1979)

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Auf den Spuren von Heinrich Zille Die Erkundung eines traditionellen Arbeiterquartiers im Herzen Charlottenburgs


Als Heinrich Zille im Jahre 1892 seine Wohnung im vierten Stock des Eckhauses Sophie-CharlottenStraße/Potsdamer Straße (heute Seelingstraße) bezog, lagen vor seinen Fenstern noch die Wiesen und Gärten der Villenkolonie Westend. Auch das umliegende Wohngebiet war noch im Entstehen begriffen. Ausgehend von der Randbebauung der Schloßstraße und den Quartieren des königlichen Wachregiments erfolgte der Bau der Häuserblöcke südlich des Friedrich-Karl-Platzes (heute Klausenerplatz) erst im Gefolge der Industrialisierung Berlins, als mit dem Hobrecht-Plan die systematische Bebauung der Außenbezirke und Vororte Berlins in Angriff genommen wurde. Die als „Mietskasernen“ zu zweifelhaftem Ruf gekommenen Wohnanlagen beherbergten bald auf engstem Raum 30.000 Menschen, wobei das Prinzip der „sozialen Durchmischung“ nicht die vom Erfinder beabsichtigte „Durchdringung aller gesellschaftlichen Stände“ bewirkte. Für den Maler, Grafiker und Fotografen Heinrich Zille bot dieses Umfeld jedoch vielfältige Anregungen, seine liebevollen „Milljöh“Studien machten ihn weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. In der Weimarer Republik wurde das Viertel zu einer Hochburg der KPD und damit Teil des „roten Berlins“. Viele Bewohner organisierten sich in Häuserschutzstaffeln und paramilitärischen Verbänden, die sich blutige Auseinandersetzungen mit den Sturmtruppen der NSDAP lieferten. Der für seine Brutalität berüchtigte SA-Sturm 33 bezog ein Lokal in der heutigen Zillestraße, von wo er zu Überfällen auf den ihm verhassten „Kleinen Wedding“ loszog. Bekannteste Opfer dieser Auseinandersetzungen waren der SA-Mann Hans Maikowski und der Kommunist Otto

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Grüneberg; nach Letzterem ist heute eine Seitenstraße der Schloßstraße benannt. Es war ein großer Glücksfall für meine Entwicklung als Fotograf, dass 1975 die wiederentdeckten Foto­ grafien von Heinrich Zille veröffentlicht wurden. Mit den Zilleschen Bildern im Kopf begann ich mein neues Wohnumfeld systematisch mit der Kamera zu erkunden. Hier gab es Dinge zu entdecken, die mein Herz höher schlagen ließen: Ehemalige Reitställe, idyllische Hinterhofremisen, verwitterte Fassaden­ skulpturen, historische Straßenschilder, Altberliner Gaslaternen. An einer Brandmauer in der Nehringstraße stieß ich sogar auf eine verwaschene KPDParole, die zum Widerstand gegen den Nazi-Terror aufrief! Aber es waren nicht nur der morbide Charme des alten Arbeiterquartiers und die Ästhetik des Verfalls, die mich in den Bann zogen. Ich erlag auf eine unwiderstehliche Weise dem Mythos des alten Berlin, dessen Spuren überall zu besichtigen waren. Zeugnisse, die dem Nachgeborenen bewusst machten, dass es eine Zeit davor gab - eine Zeit ohne Teilung, Mauer, Nazi-Gräuel und Kriegszerstörungen. Ihre Abbilder nahmen Nacht für Nacht in den Entwicklerschalen meiner provisorischen Dunkelkammer Konturen an. Aber es war Eile angebracht! In einem unmittelbar am Schloss gelegenen Block wütete bereits die Abrissbirne, und leerstehende Läden und tote Fenster zeugten vom zunehmenden Exodus der Bewohner in die Neubaugebiete am Stadtrand. So gerieten meine Fototouren zum Versuch, einer sich im Untergang befindenden Welt noch im letzten Moment ein Gesicht zu geben.

„Fensterkiekerin“ in der Seelingstraße 45 (1977)


Altbaufassaden in der NehringstraĂ&#x;e 3A (1979)

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Christstraße zwischen Danckelmannstraße und Nehringstraße, mit den im Rahmen der Berliner Bauwochen bereits 1966 sanierten Altbauten (1977)

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Sightseeing-Bus mit dem Bausenator Harry Ristock (vierter von links) vor dem Haus NehringstraĂ&#x;e 3A/ChriststraĂ&#x;e 43 (1980)

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Altbaufassade in der NehringstraĂ&#x;e 2 (1979)

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Gedenktafel fĂźr Heinrich Zille am ehemaligen Wohnhaus in der Sophie-Charlotten-StraĂ&#x;e 88 (1979)

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