Dem Flüchtigen Dauer verleihen (Leseprobe)

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Edition Neu-Cladow Herausgegeben von der Guthmann Akademie gUG (haftungsbeschränkt) Band 4

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Miriam-Esther Owesle

Dem Flüchtigen Dauer verleihen Künstlerinnen und Künstler in Neukladow

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Das Titelbild zeigt einen Ausschnitt aus Ulrich Gleiter: Auf der Terrasse, 2021 (Foto: Ulrich Gleiter)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD - ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2022 Asternplatz 3 12203 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Mona Schlachtenrodt, Berlin Umschlag und Satz: typegerecht berlin Schrift: DTL Elzevir 11/15 pt Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín ISBN 978 -3 -95410 -276 -1 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt 7 9 19 25 33 39 45 53 61 69 75 81 87 93 103 108 109 110

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Vorwort Einleitung Kira Balke Matthias Beckmann Carolin Bernhofer Frauke Bohge Elke Burkert Ulrich Gleiter Matthias Koeppel Micha Otto SOOKI Renata Tumarova Anna-Lisa Unkuri Lilla von Puttkamer Biografien Über die Autorin Bildnachweis Dank

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Vorwort Orte prägen Menschen und Orte prägen die Kunst. Der Gutspark Neukladow ist ein solcher Ort, dessen reiche Geschichte, seine wunderbare Natur und die unbeschreiblich schöne Lage am südlichen Wannsee schon vor über einhundert Jahren Künstlerinnen und Künstler begeisterten und sie in vielerlei Hinsicht inspirierten. Seit der Kunsthistoriker Johannes Guthmann gemeinsam mit seinem Lebenspartner Joachim Zimmermann ab 1909 Haus und Garten für sich umgestalten ließ, hatten bildende Kunst, Literatur, Musik und Theater einen festen Platz in Neukladow. Dieser besonderen Tradition folgend lädt die Kunsthistorikerin Dr. Miriam-Esther Owesle seit vielen Jahren zu besonderen kulturellen Veranstaltungen in Park und Gutshaus ein, um die wechselvolle Kulturgeschichte des Ortes dem Vergessen zu entreißen. Als einen besonderen Höhepunkt innerhalb des engagierten Programms der letzten beiden Jahre konnte sie ein Künstler*innen-Pleinair etablieren, das angesichts der Pandemie die einzige Möglichkeit bot, mehrere Akteurinnen und Akteure zusammen zu bringen. 2021 hat sich das Konzept noch einmal deutlich erweitert, denn es nahmen nicht nur Malerinnen und Maler teil, sondern auch solche Künstler*innen, die zeichnerisch, fotografisch und installativ arbeiten. Gerade sie haben in den zwei Septemberwochen einen ganz besonderen Zugang zu Neukladow gefunden und ebenso ungewöhnliche wie spannende Arbeiten realisiert. Es war für die vielen Besucher*innen, die zufällig vor Ort oder bewusst in den Gutspark gekommen waren, faszinierend zu beobachten, wie das historische Haus und der Landschaftsgarten nicht nur durch die Augen der Maler*innen, sondern auch durch die ihrer Kolleg*innen aus anderen Disziplinen eine andere Gestalt annahmen. Ich freue mich, dass wir einige der vielen beim Pleinair 2021 mit dem Titel Dem Flüchtigen Dauer verleihen entstandenen künstlerischen Arbeiten in einer Ausstellung und in diesem Begleitkatalog vorstellen – und damit wirklich dem Flüchtigen Dauer verleihen können. Mein herzlicher Dank gilt den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern und der Kuratorin Miriam-Esther Owesle. Sie prägen Neukladow auch für die Zukunft als einen Ort der Kunst. Dr. Ralf F. Hartmann, Kulturamt Spandau 7

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Einleitung Kann man dem Flüchtigen Dauer verleihen? Kunst kann das! Dies hat der impressionistische Maler Max Slevogt bewiesen, als er in Neukladow eine Reihe farbsprühender Ölgemälde schuf, die uns noch heute die Blütezeit Neukladows vor rund hundert Jahren unmittelbar vor Augen führen. Dass Kunst dem Flüchtigen Dauer verleiht, bewies zudem auch der Kunsthistoriker und Schriftsteller Johannes Guthmann. Er regte nicht nur Slevogts künstlerisches Schaffen in Neukladow an, sondern entwarf auch selbst in mehreren Schriften und vor allem in seinen Lebenserinnerungen ein Bild von Neukladow, das uns die Zeit um 1912 lebendig macht, da zahlreiche Künstlerinnen und Künstler in den Gutspark kamen, um hier im Genuss der einzigartigen Landschaft Impulse für ihr Schaffen zu empfangen. Die Intention Max Slevogts und Johannes Guthmanns dem Flüchtigen mit künstlerischen Mitteln Dauer zu verleihen, wurde zum Motto des Pleinairs im Park, zu dem die Guthmann Akademie mit dem Kulturamt Spandau im September 2021 nach Neukladow einlud. Zu einer Zeit, in der der Sommer langsam in den Herbst übergeht und es stiller im Gutspark wird, fanden sich mit Matthias Beckmann, Frauke Bohge, Ulrich Gleiter, Matthias Koeppel, Micha Otto, SOOKI , Renata Tumarova, Anna-Lisa Unkuri und Lilla von Puttkamer neun bildende Künstler*innen sowie mit Kira Balke, Carolin Bernhofer und Elke Burkert drei Studentinnen der Berliner Universität der Künste in Neukladow ein, um hier in der Zeit vom 13. bis zum 24. September 2021 zum Thema Dem Flüchtigen Dauer verleihen zu arbeiten. Entstanden sind vielgestaltige Positionen: Über Malereien und Zeichnungen hinaus auch Fotografien und zahlreiche Objekte. Mit ihnen haben die Künstlerinnen und Künstler den traditionellen Begriff von »Pleinair« – der Malerei unter freiem Himmel – erweitert und ein differenziertes Porträt des kulturhistorisch so bedeutenden und landschaftlich einmalig gelegenen Kulturstandorts geschaffen. »Wer langer Jahre mannigfaltigen Glücks gedenkt, Ihm scheint zuletzt die höchste Göttergunst, ein Traum«1 – diese Worte Goethes, zitiert von

Links: Haus und Park Neukladow

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Johannes Guthmann im Rückblick auf seinen Auszug aus Neukladow 1921, machen deutlich, dass das Erinnern, das »Gedenken«, das Träumen und Imaginieren essentiell sind, um dem Flüchtigen Dauer zu verleihen. Auch die in diesem Band – dem vierten Band der Edition Neu-Cladow – präsentierten Werke führen dies vor Augen. Nahezu wie ein roter Faden zieht sich durch die vorgestellten Arbeiten die Beschäftigung mit dem, was nicht auf den ersten Blick sichtbar ist – was unter der Oberfläche schlummert. Ganz sinnfällig wird dies in Micha Ottos Maulwurfshügeln aus Kunstharz, die der Künstler während des Pleinairs temporär rund um die bekannte weiße Gartenbank unweit des Gutshauses verteilt hat, um zur Reflexion über die Geschichte des Ortes einzuladen. Lilla von Puttkamer wiederum hat eben jene Bank im Zuge des Pleinairs nicht nur frisch lackiert, sondern auch mit Holzobjekten versehen, die sowohl auf die Neukladower Historie mit ihren zahlreichen Besitzerwechseln als auch auf das Hier und Jetzt anspielen: Als temporäre Installation hat die Künstlerin Handtaschen, einen Rucksack und – als Reminiszenz an die »Corona-Zeit« – eine Gesichtsmaske an der Gartenbank angebracht. Dass der weitläufige Park mit in künstlerische Gestaltungsprozesse einbezogen, ja einzelne Arbeiten gar auf ihn ausgerichtet wurden, zeigt, dass die Grenzen des traditionellen Pleinairbegriffs sich im Laufe der zwei Neukladower Wochen im Frühherbst 2021 enorm erweitert haben. Und dies in mehrfacher Hinsicht. So entstanden zahlreiche Arbeiten nicht »en pleinair«, sondern gewissermaßen »à la maison« – im Gutshaus selbst. Es war der Wunsch, gleichsam »hinter die Kulissen« zu blicken, der als Quintessenz des Pleinairs 2021 bezeichnet werden kann und der es auch bedingte, dass das Haus die Künstler*innen geradezu magnetisch anzog. Dass oftmals gleichzeitig auf allen Etagen gearbeitet wurde, war keine Seltenheit. Und faszinierenderweise kamen sich die Künstler*innen dabei nie ins jeweilige Arbeitsgehege. Im Gegenteil wurde der persönliche wie fachliche Austausch als äußerst inspirierend, die Atmosphäre als gelöst, anregend und höchst kollegial empfunden. Zahlreiche Porträts, wie jenes von Matthias Koeppel beim Arbeiten auf der Veranda, das Matthias Beckmann gezeichnet hat, künden davon. Park und Gutshaus wurden zur Inspirationsquelle ganz unterschiedlicher künstlerischer Positionen. Dabei trug die ruhige, kontemplative Stimmung des frühherbstlichen Neukladow sicherlich dazu bei, dass die Blessuren und Brüche, die Lücken und Leerstellen in der Historie wie auch Fragen

Links: Pleinair im Park 2021

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Rechts: Matthias Koeppel in Neukladow, Zeichnung von Matthias Beckmann aus der Serie »Neu-Cladower Pleinair«

der gegenwärtigen und künftigen Nutzung die Teilnehmer*innen in besonderem Maße beschäftigten. Dabei entwickelten Künstlerinnen und Künstler, die bereits im Rahmen der Sommerakademie 2020 am Pleinair im Park teilgenommen hatten, neue Perspektiven auf den Ort: Kira Balke malte den nächtlichen Gutspark, Carolin Bernhofer schuf visionäre Architekturphantasien, SOOKI verlieh dem Flüchtigen mit dem koreanischen Tuschpinsel Ausdruck und Matthias Koeppel malte nach Abschluss des Pleinairs im Atelier immer weiter. Dass er damit zwar in seinem Atelier alleine, jedoch im Geiste mit einer Vielzahl weiterer Teilnehmer*innen verbunden war, die bis in die Wintermonate hinein an ihren Werken arbeiteten, zeugt von der Faszination, die Neukladow auf Kunstschaffende ausübt. Die meisten der teilnehmenden Künstler*innen waren 2021 zum ersten Mal im Gutspark und teilten ihre Begeisterung von der nahezu beispiellosen Freiheit und Weite des Ortes, die das künstlerische Schaffen befeuert. Aus dieser Stimmung heraus gelangen den Künstler*innen des Pleinair 2021 – neben den bereits Genannten in jeweils originärer Weise den Maler*innen Frauke Bohge, Ulrich Gleiter, Renata Tumarova und AnnaLisa Unkuri – hervorragende Interpretationen des Themas Dem Flüchtigen Dauer verleihen, das unlösbar mit Neukladow verknüpft ist. Einem Ort, der zeitlos scheint und dabei seit je in stetem Wandel begriffen ist. Dass die Künstlerin Elke Burkert eine ihrer Tuschserien »Der Abdruck der bleibt« nennt, charakterisiert höchst treffend das Konvolut der rund 150 Arbeiten, die im September 2021 in Neukladow entstanden sind. Eine Auswahl an Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen, Fotografien und Objekten wird vom 17. Februar bis zum 1. Mai 2022 im Gotischen Haus in Berlin-Spandau präsentiert und macht das Entstandene sichtbar. Die vorliegende Publikation verleiht ihm Dauer. Miriam-Esther Owesle Projektleiterin, Kuratorin

1 Johannes Guthmann: Goldene Frucht. Begegnungen mit Menschen, Gärten und ­H äusern, Tübingen 1955, S. 324.

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Strichzeichnung mit »Flatterband« von Micha Otto

Maulwurfshügelkomposition von Micha Otto

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Lilla von Puttkamer beim Lackieren der Gartenbank

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Lilla von Puttkamer, Taschen, Objekte, Acryl auf Holz

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