Julius von Voß (1768–1832), Zeichnung der Gebrüder Henschel.
Rüdiger von Voss
Julius von Voß Offizier, Aufklärer und Schriftsteller im Zeitalter der Revolutionen
Für Monica In Erinnerung an meinen Großvater Generalleutnant Hans von Voß, Ritter des Ordens Pour le mérite (1875–1966)
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»Wunderbar spielen die Generationen ineinander, und nicht bedarf es des Totenreiches, um Menschen tief verschiedener Zeiten zusammen ins Gespräch zu bringen.« Golo Mann: Friedrich von Gentz – Geschichte eines Staatsmanns, Zürich/Wien 1947
Inhalt
Einleitung
9
Herkunft und familiäres Umfeld
17 17 20 23
Die Geschichte der uradeligen Familien des Namens von Voß/von Voss Zur Geschichte des mecklenburgischen Zweiges Herkunft und Lebenslauf
Ein Leben im Zeitalter der Revolutionen
29 29 31 37 47 58
Die preußische Armee 1768 Julius von Voß’ Weg in das Soldatenleben Die Voßsche Kanone und sonstige Erfindungen Ritter des Ordens Pour le mérite und bittere Enttäuschungen Ein Wanderer zwischen den Welten
Ein Schriftsteller zwischen Aufklärern, Reformern und Reaktionären Gestalt und Erscheinung Die Franzosen in Berlin Suche nach Anerkennung Reformvorschläge eines »royalistischen Patrioten« Die Cholera in Berlin 1832 Verwehte Spuren des Julius von Voß
Das literarische Werk des Julius von Voß
77 77 93 106 115 123 126 129 129 132 137 142 144 151
Bestandsaufnahme Bewertung des Werkes Literaturwissenschaftliche Maßstäbe und Urteile Feinde der Juden – Freunde der Juden Judenfiguren in den Werken des Julius von Voß Vom Wert der Standhaftigkeit
Der Militärschriftsteller Julius von Voß: Kritischer Aufklärer, Reformer und Erfinder
153 153 155 156
Bestandsaufnahme der militärischen Schriften Bestandsaufnahme der militärischen Zeichnungen Lehren aus der Geschichte von 1786 bis 1815
Die militärischen Schriften Absichten und Inhalte der militärischen Schriften Beyträge zur Philosophie der Kriegskunst, Berlin 1804 Fragmente über Deutschlands Politik und Kriegskunst Was war nach der Schlacht von Jena zur Rettung des Preußischen Staates zu thun?
161 161 165 170 176
INHALT | 7
Die Geschichte eines bei Jena gefangenen Offiziers Eingetroffene Weissagungen und prophetische Irrtümer der Herren Archenholz, Bülow und Fr. Buchholz mit neuen Ansichten der Zukunft Adam Heinrich Dietrich von Bülow: Der »theoretische Alexander« der Kriegskunst und der verschmähte Ratgeber Georg Heinrich von Berenhorst Anleitung zu einer sublimen Kriegskunst Der »kleine Krieg« oder Dienstlehre für leichte Truppen
179
Kleine Werke und Beiträge in Zeitschriften
203 203
Beiträge in der Zeitschrift »Annalen des Krieges und der Staatskunde« Lebensgeschichte des ehemaligen königlich preußischen General- Lieutnants Graf von Schmettau Zur Belagerung Wiens Zur Revolution der Kriegskunst und andere Beiträge Zum Kampf des Majors von Schill Beiträge in den »Freimüthigen Blättern für Deutsche«: »Ideen über das Preußenthum« Denkschrift zum beginnenden Krieg Russlands mit der Türkei
Praktische Vorschläge und Erfindungen
182 186 192 196
203 205 206 210 213 214
Feld-Taschenbuch für junge Freiwillige, Detachementsjäger und Conscibirte Der militärische Erfinder und leidenschaftliche Patriot
217 217 219
Resumée
227
Verzeichnis der Werke Julius von Voß’ (1790 bis 1833)
237
Literatur- und Quellenverzeichnis
275
Dokumente
309
Anmerkungen
315
Bildnachweis
397
Danksagung
399
8 | INHALT
Einleitung
Der preußische Offizier und Schriftsteller Julius von Voß lebte von 1768 bis 1832. Er gehört zu der Gruppe junger Offiziere wie Heinrich von Kleist, Dietrich von Bülow, Adalbert von Chamisso oder Friedrich Baron de la Motte-Fouqué, die aus unterschiedlichen persönlichen Gründen die preußische Armee verließen und sich für eine Tätigkeit als Schriftsteller entschieden. Bei Julius von Voß sind zwei unterschiedliche Tätigkeitsfelder zu unterscheiden. Zum einen trat er als Unterhaltungs- und Theaterschriftsteller auf. Zum anderen betätigte er sich als Militärschriftsteller sowie militärischer Erfinder und politischer Beobachter; eine Tätigkeit, die ihn in den Umkreis der preußischen Aufklärer und Reformer und damit auch in ein konfliktgeladenes Spannungsfeld führte. Begabt und ehrgeizig wie viele seiner Gefährten, hatte er im Beruf des Offiziers keine Erfüllung gefunden. In seinem Ehrgefühl durch eine aus seiner Sicht unzureichende Würdigung seiner militärischen Verdienste verletzt, rang er bis zu seinem Lebensende mit all seinen Tätigkeiten um Anerkennung. Er hielt sich den größten Teil seines Lebens in Berlin auf. Sein lange unbekanntes Grab befindet sich auf dem Alten Garnisonfriedhof und wurde erst im Jahre 2001 wieder hergestellt. Mit seinem literarischen, militärtheoretischen und militärpraktischen Werk von hier zum ersten Mal nachgewiesenen 607 literarischen Arbeiten (darunter 82 Romane und Erzählungen sowie 288 Lustspiele und Possen) gehört er zu den produktivsten »Vielschreibern« seiner Zeit. Lange weitgehend vergessen oder nur beiläufig wahrgenommen, zieht er in unserer Zeit wieder Aufmerksamkeit auf sich. Das Interesse gilt dem ehemals vielgelesenen Unterhaltungs- und Theaterschriftsteller, der das Leben des Berliner Kleinbürgertums beobachtet, dargestellt und auf die Bühne gebracht hatte. Die Literaturwissenschaften unserer Zeit würdigen ihn als Begründer der »Berliner Posse«, die in seinem »Stralauer Fischzug« einen besonderen Ausdruck fand. Als Theaterschriftsteller hat er wie kaum ein anderer seiner Zunft die Juden auf die Bühne gestellt und damit auch der literaturwissenschaftlichen Forschung Anlass zur kritischen Betrachtung gegeben. Als Verfasser des utopischen Werkes »Ini – Ein Roman aus dem ein- und zwanzigsten Jahrhundert« (1810) und einer Zahl von originellen Theaterstücken und satirischen Schriften fand er in jüngster Zei zunehmend Beachtung. Seine Arbeiten als »Theatermann« und »Theaterkritiker«, seine besondere Nähe zu dem Schauspieler und wohl wichtigsten Theaterintendanten seiner Zeit, August Wilhelm Iffland (1759–1814), haben neues wissenschaftliches Interesse im Forschungsprogramm der »Berliner Klassik« der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ausgelöst.1
EINLEITUNG | 9
Durch seine militärtheoretischen Schriften und die hierin zum Ausdruck kommenden politischen Auffassungen ist Julius von Voß der Gruppe der preußischen Aufklärer und Reformer zuzurechnen. Seine militärtheoretischen und militärpraktischen Schriften und Vorschläge beschäftigten ihn sein Leben lang und zeigen ein ungewöhnliches, trotz aller Enttäuschungen lebendiges patriotisches Engagement. Sein Profil als strategischer wie taktischer Denker und militärpraktischer Erfinder ist bis heute nicht ausreichend dargestellt und bewertet worden. Dies erstaunt, weil er zu jenen Vordenkern gehörte, auf die sich die preußischen Reformer Gneisenau, Scharnhorst, Grolmann und Clausewitz bis hin zum Fürsten Hardenberg stützen konnten. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, Anfang der 1950er-Jahre, hat der Großvater des Verfassers, Generalleutnant Hans von Voß, beiläufig von einem Plan des Julius von Voß zur Verteidigung von Berlin berichtet, der Gegenstand einer Übung des Generalstabs der kaiserlichen Armee gewesen sei. Weitergehende Informationen zu Julius von Voß, zu seiner Person und zu seinem Lebensweg gab es nicht. Die in der Familie zugänglichen Urkunden und die Genealogischen Handbücher der verschiedenen Zweige der Familien des Namens von Voß/von Voss brachten keine Hinweise auf ihn, obwohl er aus der sog. »Luplower-Linie« des mecklenburgischen Stammes der Voß-Familien entstammte. Zu diesem Stamm gehören Personen, die als Militärs, Staatsbeamte oder Hofchargen prominente Positionen im Preußen der damaligen Zeit einnahmen – so z.B. der Staatsminister und Amtsnachfolger des Fürsten Hardenberg, Otto Karl Friedrich von Voß oder die Geliebte des Königs Friedrich Wilhelm II., Julie von Voß, gen. Gräfin von Ingenheim, sowie ihre Tante, die Oberhofmeisterin der Königin Luise von Preußen, Sophie Marie Gräfin von Voß. Angeregt durch den von Leopold Hirschberg verfassten »Taschengoedeke«2 von 1924 und das dort zu findende Verzeichnis der Werke von Julius von Voß aus der Zeit von 1799 bis 1833 sowie durch den Roman »Ini«3, beides ein Geschenk des Antiquars Helmuth Domizlaff (München) an den Verfasser im Jahre 1962, wurde nach und nach die Absicht befördert, diesen Offizier und Schriftsteller dem Vergessen zu entreißen und wieder in Erinnerung zu rufen. Es erwuchs also aus dem familiären, genealogischen Interesse die weitergehende Absicht, das Leben und Werk dieses Autors zu erforschen. Die subjektive, sympathische Einstellung zur Person des Julius von Voß wurde ergänzt durch das sachliche, objektive Interesse, mehr über Herkunft und Familie des mit dem Orden Pour le mérite hochdekorierten Offiziers und über sein Leben als Schriftsteller zu erfahren. Diese Neugierde wurde dadurch maßgeblich gesteigert, dass Julius von Voß auch als Kritiker der preußischen Armee, als Verfasser historischer, politischer und militärischer Schriften und als Erfinder von militärischen Ausrüstungen aufgetreten war; ein für ihn selbst wichtiger Teil seines Schaffens, der bisher kaum Beachtung gefunden hat.
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Orientiert an den von Hans Erich Bödecker dargestellten theoretischen Auffassungen zur Biographie4 sowie den von Beatrix Borchard skizzierten Gestaltungsprinzipien5 liegen dieser Arbeit nachfolgende Überlegungen zugrunde: In der unmittelbaren Nachkriegszeit machte sich in Deutschland ein Verlust der »wissenschaftlichen« Akzeptanz der »klassischen Biographie« bemerkbar, die im Wesentlichen auf eine Darstellung einer Person, ihrer Lebensgeschichte und ihrer äußeren Lebensumstände ausgelegt war.6 Zu dieser Entwicklung hatte zum einen die Auffassung beigetragen, das »dogmatisierte Individualprinzip des Historismus«7 habe den Anschluss an eine zeitgemäße theoretische Sicht verloren und sei deshalb überholt.8 Zum anderen machte sich gerade nach 1945 eine allgemein spürbare Aversion gegen die Gefahr der Heroisierung und Mythisierung von Personen bemerkbar. Diese Auffassung mündete in die Feststellung, dass die Biographik »in die Krise« geraten sei.9 Hinzu kam, dass Sozial- und Strukturhistoriker die Reduktion der Geschichte auf das Denken und Wirken von Individuen ablehnten und gesellschaftliche Strukturen, Prozesse und Massenphänomene mit dem alles entscheidendem Gütesiegel »gesellschaftlicher Relevanz« ausstatteten. Aus dieser Sicht traten an die Stelle der sog. »klassischen Biographie« im äußersten Falle die »Typenbiographie«, die »psychohistorische Biographie« und die »Kollektivbiographie«; alles dies befördert durch eine neomarxistische Wissenschaftstheorie und den hierauf fußenden Klassenbegriff als Fundament der historischen Analyse.10 Der Historiker Fritz Stern beklagte 1978 in der Einleitung seines bedeutsamen Werkes »Gold und Eisen – Bismarck und sein Bankier Bleichröder«, dass die Historiker über das individuelle und das pragmatische Element in der Geschichte hinaus nach der Struktur einer Gesellschaft und nach weitreichenden anonymen Strömungen suchten, die in diesem Gefüge als fundamentale Gebote und Kräfte erscheinen: »Sie meiden die Biographie; bestrickt von der Struktur, verdunkelt sich ihnen oft die Bedeutung des die Struktur belebenden Geistes – auch ist der Geist einer Gesellschaft nicht messbar. Der Glaube an die historische Rolle einer Persönlichkeit ist heute nicht in Mode und die Untersuchung einer Elite wird zu Gunsten von früher vernachlässigten Klassen und Themen hintangestellt«.11 Diese hier gestrafft dargestellte theoretische und methodische Sichtweise einer »modernen Biographie« konnte sich in den Geschichtswissenschaften nicht durchsetzen. Die Kritik an den Vertretern der neomarxistischen Theorie und Methodik sprach von einer »menschenleeren Strukturgeschichte«, die eben den »wirklichen Menschen« im Kontext einer solchen Sicht des Individuums und seiner Lebensbedingungen aus dem Auge verlor und somit nichts mehr zu erzählen hätte. Der Glaubwürdigkeitsverlust und das schwindende Selbstvertrauen der strukturalistisch und funktionalistisch denkenden Struktur– und Sozialhistoriker löste, gleichsam notwendig, die Rückkehr des Individuums in die Geschichte, die »Renaissance« der Biographie sowie die Wiederbelebung der Erzählkunst aus.12
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Die struktur- und sozialgeschichtlichen Theorien hinterließen allerdings eine neue Kombination der Betrachtungen der Person als Individuum und Teil einer Sozialgruppe, und der sie umgebenden und beeinflussenden Lebens- wie Arbeitsbedingungen. Besonders interessant für diese Entwicklung ist der Hinweis von H. E. Bödecker darauf, dass die »Krise des Historismus« und die »Krise des Romans« miteinander in Beziehung standen und die entscheidenden Anstöße zur Neubelebung der Biographie aus der Literatur kamen. Das heißt, die Schriftsteller wie Hans Magnus Enzensberger mit seiner Darstellung des Lebens von Buenaventura Durutti13 und Wolfgang Hildesheimer mit seiner Darstellung Mozarts14 verweigerten sich einer einfachen linearen Erzähltechnik, einer teleologischen Struktur der Erzählung, ohne allerdings bei den Historikern spürbare Wirkung zu hinterlassen.15 Im Verlauf der theoretischen Debatten über eine zeitgemäße Biographik kam es zu einer neuen Synthese von dem darzustellenden Subjekt, der Gesellschaft und Kultur sowie der sich hieraus ergebenden »querlaufenden« Perspektiven und Details.16 Gemeint ist damit eine Berücksichtigung der »Vielheit der Möglichkeiten« (Christian Meier), einer »Vielzahl von Repräsentationen« (David Nye), d.h. eine die Distanz und kritische Betrachtung sichernde Vielzahl von Möglichkeiten der Darstellung und der Interpretationen der in der Biographie zu beschreibenden Person, des Lebensweges, des Denkens, Handelns und Werkes.17 Sucht man in diesem Kontext nach den dieser Sicht entsprechenden Biographien, so nennt H. E. Bödecker ausdrücklich die Werke von Jean Paul Sartre über »Gustave Flaubert«18, von Norbert Elias über »Mozart«19 sowie von Jacques le Goff über »Ludwig den Heiligen«20, in denen neben der individuellen Betrachtung die historische Gesamtbetrachtung als unverzichtbar angesehen wird.21 Somit machen die Einbindung des Individuums in soziale und politische Zusammenhänge die »innovative Dimension« (H. E. Bödecker) der heute als modern zu bezeichnenden Biographie und Erzählweise aus.22
Forschungsstand und Forschungsfragen Zu unterscheiden ist die Erforschung und Darstellung der Persönlichkeit und des Lebens von Julius von Voß als Offizier und als Schriftsteller auf der einen und die Darstellung und Bewertung seines umfangreichen literarischen Werkes auf der anderen Seite. Das schriftstellerische Werk selbst gliedert sich zu einem Teil in literarische Arbeiten wie Romane, Erzählungen, Satiren, Theaterstücke, Lustspiele etc., zum anderen Teil geht es um sein Schaffen als Journalist und Theaterkritiker und schließlich um seine politischen, militärtheoretischen und militärpraktischen Schriften sowie um seine Erfindungen. Die literarischen Werke und deren bisherige literaturwissenschaftliche Untersuchung gehören nicht zu den Schwerpunkten dieser Arbeit. Schätzt man das Gesamt-
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volumen des Voßschen literarischen Werkes auf mehr als 50.000 Seiten (Conrad Wiedemann), so würde der Versuch einer umfassenden neuen Werkdarstellung schon an der inzwischen eingetretenen Unauffindbarkeit einzelner, auch wichtiger größerer und kleinerer Werke scheitern. Anders verhält es sich mit den militärischen Schriften, die weitgehend unbekannt geblieben sind und bisher nicht ausreichend analysiert und bewertet wurden. Die militärischen Schriften und Erfindungen bilden deshalb einen wesentlichen Teil der hier vorliegenden Darstellung seines Lebens und Schaffens. Begibt man sich auf die Spurensuche, so ist auffallend, dass Julius von Voß weder in »Kindlers Neues Literatur Lexikon«23 von 1988 noch in die »Deutsche Literaturgeschichte« von Fritz Martini24 Aufnahme gefunden hat. Gleiches gilt für sonstige literarische Nachschlagewerke25 oder ältere Ausgaben der Geschichte der deutschen Literatur.26 Selbst das »anerkannte Standardwerk«, die »Illustrierte Geschichte der deutschen Literatur« in sechs Bänden,27 erwähnt Julius von Voß in den Kapiteln zur Weimarer Klassik und den Erläuterungen zu Friedrich von Schillers »Jungfrau von Orleans« nur beiläufig als »Vielschreiber«, der 1803 eine »Travestierte Jungfrau von Orleans« publiziert habe. Unter der Rubrik der Schriftsteller mit dem Namen Voß/Voss findet sich auch in den aktuellen literarischen Handbüchern und Gesamtdarstellungen zwischen Ernestine Voß (1756–1834)28, Johann Heinrich Voß (1751–1826)29, (Johann) Heinrich Voß (1770–1822)30 und Richard Voß (1851–1918)31 keine biographische Auskunft zu Julius von Voß. Wenn unter den Genannten Johann Heinrich Voß als Dichter und bedeutender Homer-Übersetzer in Erinnerung geblieben ist, ist dies nur ein bescheidenes Zeichen für die Wahrnehmung der vielschreibenden Schriftsteller des ausgehenden 18. und vor allem des 19. Jahrhunderts, in dem es geradezu zu einer Explosion der literarischen Produktion, des Zeitschriften- und Verlagswesens sowie des Buchhandels, der literarischen Clubs und Lesegesellschaften gekommen ist. Die für diese Zeit festzustellende Zunahme der sog. Unterhaltungsliteratur, vorangetrieben durch »Lesesucht« und »Lesewut«, kam insbesondere spannend geschriebenen Romanstoffen sowie amüsanten Schauspielstücken für das »große« und auch »kleine« Publikum zunutze. Die in Deutschland schnell der Trivialität verdächtigte Unterhaltungsliteratur und ihre oft von der Literaturkritik und der akademischen Literaturgeschichtsschreibung geschmähten Autoren wurden zu tragenden Säulen im »kommerzialisierten Literaturbetrieb«32 und mussten dennoch unter Missachtung leiden. Der Roman machte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ebenso Karriere wie die sonstige Unterhaltungsliteratur für ein breites Publikum, das ganz im Fokus der Aufklärung stand. Trotz der Verachtung der Trivialliteratur von Seiten der »Weimarer Klassiker«, trat in der hier beschriebenen Zeit der »freie Schriftsteller« quasi als Vertreter eines neuen Berufes auf die Bühne, der nur mit Schreiben seinen Unterhalt verdiente.33 Die Schriftsteller ohne Amt und damit auch ohne stetes, die Existenz sicherndes Einkommen, kämpften
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angesichts der damals schon bescheidenen Vergütungen mit Vielschreiberei um einen publizistischen Erfolg und hieraus erwachsendes Sozialprestige.34 Die Vielschreiber mussten dem Zeitgeschmack folgen, um überleben zu können. In der im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels von Hanns W. Eppelsheimer für die Weltausstellung in Brüssel 1958 erstellten »Bibliothek eines geistig interessierten Deutschen«, findet sich keine »triviale« Unterhaltungsliteratur, sondern nur eine für das große, zu zerstreuende Publikum schwer verdauliche Kost.35 Berücksichtigt man die hohen Auflagen z.B. der Anfang des 19. Jahrhunderts erfolgreichen Unterhaltungs-Schriftsteller Carl Gottlob Cramer, August Lafontaine, Johann Gottwerth Müller, Christian Gotthilf Salzmann, Christian Heinrich Spieß36 und, nicht zuletzt, des Schwagers von Goethe, Christian August Vulpius37 mit dessen 40 Bühnenstücken und 70 Romanen sowie der anderen Autoren38 von rund 320 Räuberromanen zwischen 1795 und 1850 und ebenso auch z.B. den Publikumserfolg des Theaterdirektors und Schriftstellers August Wilhelm Iffland39 (rund 70 Theaterstücke) oder August von Kotzebue40 (rund 230 Bühnenwerke), so ist dieser, vielleicht typisch deutsche, Befund der Geringschätzung der zumeist viel gelesenen Schriftsteller in der hier zu behandelnden Zeit schon erstaunlich. Somit verwundert es kaum, dass auch Julius von Voß einer weitgehenden literaturhistorischen Vernachlässigung zum Opfer fiel. Wie andere Vielschreiber ist er mit vielen seiner Werke nur noch auf dem »Friedhof der vergessenen Bücher« (Carlos Ruiz Zafón) zu finden.41 Die Bewertung der sog. Trivial- und Unterhaltungsliteratur, von Ernst Bloch als »Glückskitsch« bezeichnet,42 unterliegt dem Pendelausschlag zwischen der jeweils herrschenden Kunst- und Literaturtheorie auf der einen und der jeweiligen Moralund Gesellschaftsauffassung auf der anderen Seite. So ist zu erklären, dass Julius von Voß und seine Zeitgenossen in jüngster Zeit aus der Versenkung auftauchen und sogar eine literaturhistorische Renaissance und neue Bewertung erfahren. In der Deutschen Biographischen Enzyklopädie (DBE) aus dem Jahre 2001 wird Julius von Voß von Walter Killy mit folgenden Worten dargestellt: »Voss, Julius (Johann Joachim) von, Schriftsteller, geb. 24.8.1768, gest. 1.11.1832 Berlin. Der Sohn eines Offiziers trat 1782 in den preußischen Militärdienst ein. 1798 nahm V. seinen Abschied, ließ sich als freier Schriftsteller in Berlin nieder und lebte hier bis zu seinem Tode infolge seiner alkoholischen und sexuellen Exzesse, die seinem Ruf schadeten, unter ärmlichen Bedingungen. Er war vorwiegend als Militärschriftsteller (Feld-Taschenbuch für junge Freiwillige, 1813), Verfasser von Unterhaltungsromanen (Kleine Romane, 10 Bde., 1811–15; Die Schildbürger, (1823) und Dramatiker (Neue Lustspiele, 7 Bde., 1823-27) tätig. V. war einer der interessantesten Darsteller jüdischen Lebens seiner Zeit (Jüdische Romantik und Wahrheit, 1817).«43 Dieser zur Person knappe, fehlerhafte und eine unfreundliche Beschreibung des gesellschaftlichen Rufes enthaltende Text bedarf aus heutiger Sicht der Überprüfung und
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Korrektur. Die negativen Darstellungen seines Lebenswandels beruhen auf Berichten von Zeitgenossen, die ihm zum Teil nicht wohl gesonnen waren. Die Qualifizierung seiner schriftstellerischen Tätigkeit verzerrt die Gewichtung seines Werkes und weist auch Mängel in der literaturhistorischen Positionsbestimmung aus, was insbesondere auf Kosten seiner auch heute noch hervorzuhebenden Publikationen geht. Die Kategorisierung als »Unterhaltungsschriftsteller« scheint insoweit Wirkung entfaltet zu haben, dass damit alle Publikationen unterschiedslos als entweder geringwertig oder unlesbar oder sogar als sittlich unakzeptabel galten. Die meisten Publikationen zur Person Julius von Voß’ beziehen sich durchgehend auf dessen Autobiographie, die sich in der »Anleitung zu einer sublimen Kriegskunst« aus dem Jahre 1808 findet.44 Zu der biographischen Selbstdarstellung, die allerdings nur einen Teil der persönlichen Herkunft und des Lebens offenlegt, gehört ferner die »Geschichte eines bei Jena gefangenen preußischen Offiziers« aus dem Jahre 1808.45 Darüber hinaus hat Julius von Voß viele seiner sonstigen Publikationen mit eigenen Erlebnissen durchsetzt, die auch sein Wesen und seine Erfahrungen als Offizier hervortreten lassen.46 Die Zahl der biographischen Publikationen über Julius von Voß ist überschaubar: Maßgeblich bleiben die Einleitung zu der Wiederauflage des von Julius von Voß verfassten »Faust –Trauerspiel mit Gesang und Tanz« von Georg Ellinger aus dem Jahre 189047 und die Inauguraldissertation von Johannes Hahn aus dem Jahre 1909.48 Hahns Dissertation ist die bisher detaillierteste literaturwissenschaftliche Untersuchung der Voßschen Publikationen, von der die journalistischen Arbeiten in Zeitschriften und als Herausgeber der Zeitschrift Sphinx sowie die militärischen Schriften allerdings ausgenommen sind. In jüngerer Zeit beschäftigte sich der bis 2002 an der Universität Aarhus lehrende Literaturwissenschaftler Leif Ludwig Albertsen in zwei Publikationen mit Julius von Voß: Zum einen handelt es sich um eine Untersuchung aus dem Jahre 1975 zur Eintagsliteratur in der Goethezeit mit Proben aus den Werken des Julius von Voß,49 zum anderen um die Neuveröffentlichung des »Travestirten Nathan der Weise« nach dem Faksimiledruck von 1804 mit einer hierauf bezogenen Einleitung aus dem Jahre 1985.50 Auch diese beiden Publikationen berücksichtigen nicht die journalistischen und militärischen Schriften. Es kann auch vermutet werden, dass die genannten Autoren diesen Teil des Voßschen Werkes nicht kannten oder bewusst gemieden haben. Die im Anhang dieser Arbeit aufgelistete Sekundärliteratur und auch die Nachrufe tragen mit den Berichten von Zeitzeugen und sonstigen Details zur Abrundung des Charakterbildes bei. Erstaunlicherweise sind von allen Autoren die Personalakten der preußischen Armeen, die bis zum Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig vorhanden waren, ebenso wenig ausreichend eingesehen worden wie die Aktenbestände des Preußischen Geheimen Staatsarchivs, der Staatsbibliothek Berlin und auch nicht der Nachlass des Julius von Voß.
EINLEITUNG | 15
Vor diesem Hintergrund ergaben sich für die vorliegende Untersuchung folgende Fragen und Untersuchungsschwerpunkte: Die Erforschung der genealogischen Herkunft und der Personaldaten von Julius von Voß; die Erforschung des familiären Beziehungsgeflechtes des mecklenburgischen Zweiges der Familie des Namens von Voß; die Erforschung der Lebensgeschichte unter Berücksichtigung der schon existierenden Darstellungen und der Berichte von Zeitzeugen; die Erforschung von bisher nicht ausreichend berücksichtigten Aktenbeständen und Urkunden; die Darstellung und Analyse der theoretischen militärischen Schriften, der Vorschläge und Erfindungen zur militärischen Praxis; die Darstellung und Analyse der Einstellungen zum Judentum; eine kritische Bilanz des Lebens und Wirkens und die Erarbeitung eines umfassenden Werkverzeichnisses nach neuesten Erkenntnissen. Das auf die Beschreibung der Herkunft, des Lebenslaufes und die militärischen Schriften konzentrierte Vorhaben einer Biographie des Julius von Voß stützt sich maßgeblich auf seine bereits erwähnte Autobiographie in der »Anleitung zu einer sublimen Kriegskunst« von 1808, auf einige wenige Zeitzeugenberichte aus seiner Lebenszeit, die schon genannten literaturwissenschaftlichen Darstellungen von Georg Ellinger, Johannes Hahn, Leif Ludwig Albertsen und die insoweit sachlich interessante Sekundärliteratur. Keiner der Autoren, die Julius von Voß darstellten, hat bisher dessen militärische Schriften analysiert oder den militärischen Erfindungen auch nur die geringste Aufmerksamkeit zugewendet, obgleich dieser Teil seiner Publikationen ausschlaggebend für sein Selbstverständnis war. Bis zum letzten Tag seines Lebens hatte dieser sich als patriotischer Offizier »und« Schriftsteller verstanden. Für die vorliegende Untersuchung wurden als Quellen erstmals umfassend herangezogen: die Aktenstände im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin mit Bezug auf das Geheime Zivilkabinett und das Staatskanzleramt, Material aus der Berliner Staatsbibliothek, der Nachlass des Julius von Voß im Bestand des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar, das Material aus dem Aktenbestand der Deutschen Schillerstiftung sowie die Dokumente aus dem Evangelischen Zentralarchiv Berlin (EZA), insbesondere die Kirchenbücher. Jede Biographie ist dem Risiko ausgesetzt, nicht alle Details eines Lebens oder alle Belege gefunden zu haben. Der Historiker Jacques Le Goff hält die Lückenlosigkeit sogar für eine »biographische Illusion« und hält das Bestreben für ausreichend, in überzeugender Weise der historischen Wirklichkeit möglichst nahe gekommen zu sein.51
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Herkunft und familiäres Umfeld
Die Geschichte der uradeligen Familien des Namens von Voß/von Voss Die Ursprünge der Familien des Namens von Voß/von Voss1 führen für die westfälischen wie auch die mecklenburgischen und dänischen Linien in das 13. Jahrhundert zurück. Die verwandtschaftlichen Beziehungen der verschiedenen Zweige untereinander lassen sich für diese weit zurückliegende Zeit nicht ausreichend urkundlich belegen. Sie gründen sich aber zum einen auf den in beiden Familiengeschichten zu findenden »Erzählungen«, ursprünglich dem fränkischen wappengleichen Adelsgeschlecht »Fuchs von Bimbach und Dornheim« entsprungen zu sein, das 1220 mit Albertus Vulpes erstmalig urkundlich nachweisbar ist.2 Zum anderen berufen sich beide Familiengeschichten gleichermaßen auf die Ursprünge in Westfalen im Jahre 12423 oder in Mecklenburg mit dem Ritter Johann im Jahre 1253.4 Johann Diederich von Steinen stellt in seiner 1775 erschienenen »Westphälischen Geschichte«5 im zweiten Teil vier ritterbürtige Geschlechter des Namens von Voß6 dar, die ihren Namen »wegen ihrer weisen und klugen Handlungen beygelegt« bekommen hätten.7 In einer Anmerkung verwies er auf eine Darstellung eines Autors namens »Bütgens«, wonach ein »Wilhelmus Vulpes« Zeuge bei Vergleichen des Herzogs Henrich von Lothringen im Jahre 1200 mit dem Grafen Diederich von Holland gewesen sei.8 Nach einer Beschreibung des Wappens mit dem Silbernen Schild, den drei von rechts nach links gehenden roten Straßen und dem aus dem gekrönten Helm aufsteigenden halben Fuchs mit aufstehendem Schwanz, widmete von Steinen sich ausführlich dem Rittergeschlecht von Voß zum Rodenberg (Aplerbeck). Diese Auflistungen der Namensträger reichen von »Dominus Hermannus, dictus Vos, miles, Zeuge zu Elsey« im Jahre 1313 mit 29 folgenden Namensträgern bis zur Wilhelmina von Voß im Jahre 1723.9 Folgt man hiervon ausgehend der von A. Fahne von Roland 1860 vorgelegten »Geschichte von hundert Rheinischen, Westphälischen, Niederländischen und anderer hervorragender Geschlechtern«, so gab es in Westphalen schon seit dem 12. Jahrhundert drei Voß-Geschlechter; beginnend mit dem Ritter und 1173 in einer Urkunde des Paderborner Bischofs Evergies genannten Zeugen Herbordus Voß. 10 Erwähnt wurden des Weiteren der 1260 auftretende Domherr zu Osnabrück, Lübbert Voß, der im Gefolge des Grafen Theoderich von Cleve genannte Theoderich Vos oder der 1364 im Archiv der Benediktskapelle zu Dortmund urkundlich belegte Franco Voes als Bürger für Sibert von Hamm.11
DIE GESCHICHTE DER URADELIGEN FAMILIEN DES NAMENS VON VOß/VON VOSS | 17
Nach Fahne von Roland sind es drei Geschlechter des Namens von Voß, von dem – mit Blick auf die gemeinsamen Vorfahren der westfälischen und mecklenburgischen Familienstämme – zwei Zweige von Bedeutung sind: Erstens die Voß zu Aplerbeck und Rodenberg beginnend mit dominus Hermannus dictus Voss miles vom Jahre 1313, gefolgt von Rutger Voß 1317, Ritter Rotger und seinem Bruder Henrich 1320, Henrich 1326, um nur die frühest genannten Voß aus dem Hause Rodenberg aufzuführen.12 Zweitens die Voß von Böckel, Bünde, Adorp, Deich, Gerthe, Hamm, Mündelberg, Quackenbrück, Osnabrück, Cornau, Lust und Münte bei Diepholz, Dersborg und Vechte, in Oldenburg, Eickel bei Rahden und Papinghausen bei Minden. Dieser Stamm hat, nach Fahne von Roland, Äste nach Mecklenburg, Pommern, Brandenburg und Preußen gebildet und steht in einer Linie mit den in Preußen auftretenden, später in den Grafenstand erhobenen, Familienzweigen.13 Die von Fahne von Roland ebenfalls genannte Familie von Voß trug ein Wappen ohne Fuchs und findet somit in diesem Kontext keine Beachtung.14 In der von Franz Boll im Jahre 1851 für die in Mecklenburg/Vorpommern angesiedelten von Voß verfasste Familiengeschichte15 wird auf der Grundlage der damals reichlich vorhandenen Urkunden zur Vorgeschichte auf die »Füchse von Bimbach« und sodann auf die »Vösse zu Rodenberg und von Aplerbeck« (Grafschaft Mark) als Ausgangspunkt für die Voss-Stämme in Mecklenburg und Pommern Bezug genommen.16 Die Grafschaft Mark habe die Kolonisten für das entvölkerte Wendenland gestellt und die bewehrten Ritter von Voß nach Osten entsandt. Höchst bemerkenswert sei jedenfalls, dass in der Familie selbst schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts, im Jahre 1697, eine Magdalena Elisabeth von Voss aus dem Hause Flotow Erbansprüche gegen Siegfried von Voss aus dem Hause Luplow erhoben habe.17 Die unterschiedliche Gestaltung des Wappens18 ändert nichts an den Ursprüngen der Namensträger von Voß/von Voss aus Westphalen und dem Stammsitz Schloss Rodenberg in Aplerbeck bei Dortmund19 sowie dem Stammsitz Wasserschloss Böckel bei Bünde.20 Für die Voss-Stämme in Mecklenburg/Vorpommern gelten die Besitzungen Herrenhäuser Luplow und Groß-Gievitz als Stammsitze.21 In der Darstellung der Geschichte der mecklenburgischen Familie findet sich der Hinweis, dass in einer im 17. Jahrhundert aufgezeichneten Leichenrede auf den Stallmeister Adam Christopher von Voß erwähnt wurde. Das »fürnehme hochadelige Geschlecht« von Voß stamme ursprünglich von dem fränkischen Adelsgeschlecht des Namens »Fuchs von Bimbach und Dornheim« ab, das bis zum Jahr 1253 urkundlich zurückgeführt werden könne.22 Das Stammwappen, der Fuchs von Bimbach, enthält wie das der »von Voß/von Voss« den springenden Fuchs auf dem Helm und im Wappenschild. 23 Der westfälische Familienzweig von Voß lässt sich aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn auch bisher urkundlich nicht belegbar, auf die wappengleiche uradelige Familie von Voß mit dem Sitz Schloss Rodenberg/Dortmund-Aplerbeck zurückführen.24 Nach
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der Darstellung von Hans von Voß, der den Verlust seines Familienarchivs in Folge des Einmarsches der russischen Armee 1945 in die Mark Brandenburg (Waldsieversdorf/ Märkisches Höhenland) und somit entscheidender Dokumente beklagte, gab es in Westfalen acht Familien, die reich begütert waren und deren Spuren auch heute noch im Raume von Dortmund, Bünde und Osnabrück zu finden sind. 25 Zu erwähnen sind das Voßsche Wappen am Tor des Wasserschlosses Rodenberg sowie alte Grabsteine von Familienmitgliedern an den Außenwänden der Georgskirche in Aplerbeck,26 das Voßsche Wappen am Eingangstor des Wasserschlosses Böckel bei Bünde27 sowie das große frühbarocke Epitaph des Balduin von Voß im Dom zu Osnabrück.28 Urkundlich nachweisbar sind enge Beziehungen zwischen dem Kurfürsten Friedrich III., Markgraf zu Brandenburg, und Johann Diederich von Voss, der die Geschäfte des Drosten von Lünen und Hörde von 1686 bis 1691 besorgte29 und deshalb auch in Potsdam aufmerksam beobachtet wurde. Die Beziehung zum preußischen Hofe ist hier erwähnt, weil sich der westfälische Zweig der Vossen, dann im 18. Jahrhundert aus Westfalen in das Kernland Preußen und den Militärdienst begab. Diese preußische Geschichte beginnt mit dem im 18. Jahrhundert zu Eickeln in Westfalen lebenden, urkundlich erwähnten Moritz Leopold von Voß,30 dessen Sohn Karl (1726–1804) auf ausdrücklichen Befehl König Friedrich II., anlässlich einer Visitation seiner in Westphalen stehenden Truppen, in das in Minden stehende Regiment eintrat und später zum Generalmajor und Ritter des Ordens Pour le mérite erhoben wurde. Seine großen Verdienste haben ihren Niederschlag in noch im Archiv des Verfassers befindlichen persönlichen Briefen König Friedrich II. und auch in der einschlägigen Literatur gefunden.31 Seine drei Söhne Karl Georg Friedrich August (1763–1823), Ludwig Theodor, gen. Louis (1767–1807) und Carl Heinrich Friedrich (1778–1856) dienten alle in der preußischen Armee. Ungewiss bleibt, wie vielen Voß-Offizieren Julius von Voß während seiner Soldatenzeit begegnet sein mag. Aus einem Brief vom 1. Juli 1813 an seine Schwiegertochter, die »Liebe Caroline«, geht aber sicher hervor, dass er einem Offizier Louis von Voß32 während der Schlacht von Bautzen im Feldlazarett von Görlitz begegnet ist und von diesem ein Pferd geliehen bekam.33 Da dieser Bericht des Julius von Voß aus dem Schlachtengetümmel von 1813 keineswegs den Eindruck hinterlässt, als sei er dem Louis von Voß zum ersten Mal begegnet, kann vermutet werden, dass man sich unter den Trägern des Namens von Voß in der preußischen Armee mehr kannte, als bisher bekannt war. Auch wenn sich die verschiedenen Familienzweige in den zurückliegenden Jahrhunderten unterschiedlich entwickelt haben, besteht doch kein Zweifel an den gemeinsamen historischen Wurzeln. Da Julius von Voß dem mecklenburgischen Zweig zuzurechnen ist, muss auf die Vorgeschichte seines Familienzweiges genauer eingegangen werden.
DIE GESCHICHTE DER URADELIGEN FAMILIEN DES NAMENS VON VOß/VON VOSS | 19
Zur Geschichte des mecklenburgischen Zweiges Sind in Preußen und in Westphalen auch viele Akten- und Urkundenbestände in Folge des Dreißigjährigen Krieges und vor allem in Folge des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen, die insbesondere die Personalakten des preußischen Heeres betreffen, so verfügt der mecklenburgische Zweig doch über eine urkundlich belegte Familiengeschichte von rund 760 Jahren, die mit dem urkundlich am 15. Mai 1253 erwähnten Ritter Johannes Vulpes und Rat des Fürsten Nicolaus von Werle beginnt.34 In ihrer schon erwähnten familiengeschichtlichen Darstellung schilderten Fritz und Sigrid von Voß das erste nachweisbare Auftreten der Familie in Mecklenburg wie folgt:35 Im 12. Jahrhundert wurde Mecklenburg von slawischen Wenden bewohnt, die im Zuge der Völkerwanderung weit nach Westen vorgedrungen waren. Ein Stamm der Wenden, mit dem Namen Obotriten, war gegen den Welfenherzog Heinrich den Löwen 1161 zu Felde gezogen. Im sogenannten Wendenkreuzzug 1147 wurden Mecklenburg und Pommern christianisiert und kolonisiert. Die Grenzen wurden durch Burgen und Bollwerke abgesichert und die Verwaltung des Landes deutschen Kriegern übertragen, die sich Castellani, Vögte oder Burgmannen nannten. Nach dem Tod des Obotritenfürsten Niklot wurde sein Sohn und Erbe, Fürst Pribislaw, Vasall von Heinrich dem Löwen und trat zum Christentum über. Vermutlich kamen ein oder mehrere Ritter des Namens Voß im Gefolge Heinrichs des Löwen aus Hannover oder Westfalen in das unwirtliche Land. Dafür spricht, dass alle später urkundlich erwähnten Vosse urdeutsche und keine wendischen Vornamen trugen. So auch Ritter Johann Voß, der Älteste von drei Brüdern. 1267 wurden er und 1282 sein Bruder Friedrich urkundlich als Castellani von Stovenhagen (dem heutigen Stavenhagen) und Heinrich als Castellan von Demmin genannt. Urkundlich bewiesen ist auch, dass am 29. August 1292 der Ritter Heinrich Voß de Wolde vom Fürsten Nicolaus von Werle mit Gut und Dorf Luplow belehnt wurde, und zwar »für Hilfe in Kriegsnot und beim Bau des Schlosses Kobelbruck.« Somit gilt der heute noch bestehende Besitz Luplow als erster Stammsitz (bis 1945) der Familie von Voß aus Mecklenburg. Der Grundbesitz wurde zur damaligen Zeit der Familie zu gesamter Hand verliehen und konnte nicht zwischen einzelnen Familien aufgeteilt werden. Real besaß jedes 24-jährige männliche Familienmitglied einen gleichen Anteil am Gesamtbesitz. Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg kam bei den meisten Familien eine Trennung des Besitzes zustande, wenn auch in manchen Fällen nach harten Erbauseinandersetzungen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts war das Geschlecht der »Vosse« bis auf zwei Stammhalter zusammengeschmolzen: Achim Voß zu Luplow und Valentin Voß zu Flotow. Valentin wurde am 12. Oktober 1575 im Kittendorfer Holz hinterrücks erschlagen. Damit wurde Achim Voß der letzte gemeinsame Ahnherr aller damals noch lebenden Vosse, nachdem ihre Vettern in Pommern und die Nebenlinien in Mecklenburg ausgestorben waren.
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Wappen der von Fuchs von Bimbach (Franken), Wappen des adeligen Geschlechts Voss aus der Grafschaft Mark, Wappen des adeligen Geschlechts von Voss aus Mecklenburg.
Alle späterhin auftretenden Zweige, die nach den jeweiligen Besitzungen wie Groß-Gievitz, Lüssow, Dölzig, Schorssow, Trossin benannt wurden oder in den Grafenstand erhoben wurden, führen sich auf Achim von Voß und auf den ersten Stammsitz Luplow zurück. Gleiches gilt für die Voß-Stämme in Dänemark und den Vereinigten Staaten von Amerika.36 Auf diesen Sachverhalt ist schon deshalb hinzuweisen, weil alle bekannten Träger des Namens, die in der Lebenszeit des Julius von Voß gelebt und zum Teil in prominenter Weise hervorgetreten sind, zur »Luplower« Verwandtschaft gehörten. Genannt sei vor allen anderen Verwandten die Oberhofmeisterin der Königin Luise, Sophie Marie Gräfin von Voß, geb. von Pannewitz (oder: Pannwitz), die von 1729 bis 1814 lebte und dank ihrer Persönlichkeit und Funktion zur damaliger Zeit unübersehbar war.37 Bisher wenig bekannt und beachtet worden ist, dass die zweite Ehefrau des Majors Heinrich von Kleist (Vater) Juliane Ulrike von Pannwitz (1746–1793), die Mutter von Heinrich von Kleist war.38 Damit war dieser unmittelbar mit der Oberhofmeisterin, Gräfin von Voß, und ihren Nachkommen verwandt und mittelbar (verschwägert) mit dem Ehemann der Oberhofmeisterin, Ernst Johann von Voß, der wie Julius von Voß aus der sog. »Luplower Linie« des mecklenburgischen Zweiges der Familie von Voß, mit dem Stammsitz Groß-Gievitz, entstammte. Diese verwandtschaftliche Beziehung erklärt, warum sich Marie von Kleist, die Heinrich besonders nahestand, mehrfach in Groß-Gievitz aufhielt.39 Nach dem allgemeinen Verhalten des Adels untereinander konnten sich Julius von Voß und Heinrich von Kleist als »Cousins« verstehen und es kann auch vermutet werden, dass sie sich persönlich kannten. Hierfür spricht, dass Kleist auch Karl Andreas von Boguslawski aus seiner Potsdamer Zeit und ebenso Generalmajor von Rüchel begegnet ist, die beide eine erhebliche Rolle im Leben von Julius von Voß gespielt haben.40
ZUR GESCHICHTE DES MECKLENBURGISCHEN ZWEIGES | 21
Wasserschloss Rodenberg, Aplerbeck bei Dortmund, im Besitz der westfälischen Linie von Voss 1422–1755.
Gleiches gilt für die Nichte der Oberhofmeisterin, die Tochter des Hieronymus von Voß (Bruder von Ernst Johann von Voß). Es handelt sich um die junge Hofdame und Geliebte des Königs Friedrich Wilhelm II., Amalie Elisabeth, genannt »Julie« von Voß, vom König erhöht zur Gräfin von Ingenheim. Deren von 1766 bis 1789 dauerndes kurzes Leben hat, sowohl in der Geschichte des preußischen Hofes als auch in der Literatur, einen zum Teil eindrucksvollen Niederschlag gefunden.41 Nicht weniger bemerkens- und erwähnenswert ist Julies Bruder, Otto Karl Friedrich von Voß, der von 1755 bis 1823 lebte. Als Präsident der kurmärkischen Kriegsund Domänenkammer und Staatsminister unter König Friedrich Wilhelm II. war er einer der herausragenden Vertreter der märkischen Ritterschaft und der altständischen Interessen sowie einer der entschiedensten Gegner der Stein/Hardenbergschen Reformen. Unter Friedrich Wilhelm III. übernahm er als Staatsminister 1797/1798 die Departements Südpreußen, Kurmark und Pommern, nach einer kurzen Zeit als Finanzminister im Jahre 1806 trat er 1808 den Vorsitz der Immediat-Friedenskommission in Berlin an. 1822 folgte er dem Fürsten Hardenberg als Vizepräsident des Staatsministeriums und des Staatsrates für ein Jahr im Amt nach,42 das er bis zu seinem Tode 1823 wahrnahm.43 Dieser auch aus dem Luplower Familienzweig entstammende Voß ist der einzige Verwandte aus der Luplower Linie, der in der Lebensbeschreibung des Julius von Voß auftaucht. Es kann auch vermutet werden, dass der damalige Staatsminister wusste, wen er mit dem »Vetter« Julius vor sich hatte, hatte er ihm doch eine Unter-
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Sophie Marie Gräfin von Voß, geb. von Pannewitz (1729–1814).
Staatsminister Otto Karl Friedrich von Voß (1755–1823).
stützung seiner damaligen Bitte um Hilfe, – von der noch zu berichten ist –, nicht abgeschlagen. Es ist nicht auszuschließen, dass Julius von Voß im Verlauf seines militärischen Werdeganges bzw. seiner Tätigkeit als Schriftsteller militärischer Publikationen oder Erfinder militärischer Verbesserungen für die Truppen anderen Namensträgern, außer dem schon erwähnten Louis von Voß, begegnet ist.
Herkunft und Lebenslauf Die bisherigen Darstellungen zur Herkunft des Julius von Voß, die sich eingehend mit dem literarischen Werk beschäftigt haben, erwähnten lediglich seine Abstammung aus dem mecklenburgischen Stamm der Familien des Namens von Voß oder gar nur sein Geburtsdatum und den Geburtsort Brandenburg a. d. Havel und beschränkten sich in der Regel auf die biographischen »Selbstauskünfte« ihres Protagonisten.44 Diese weitgehend marginale Darstellung durch die Autoren Georg Ellinger und Johannes Hahn ist umso bedauerlicher, weil es angesichts des damals noch vorhandenen Bestandes der Personalakten des preußischen Heeres, ein Leichtes gewesen wäre, Daten zu sichern, die seinen Werdegang, sein persönliches Verhalten und seine Beziehungen zu seinem weiteren familiären Umfeld genauer erschlossen hätten. Folgt man der Familiengeschichte von Fritz und Sigrid von Voß und der dort angefügten Stammtafel III, so führt die genealogische Herkunft des Julius von Voß auf den Stammvater und
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Elisabeth Amalie, genannt Julie, Gräfin Ingenheim, geb. von Voß.
Stifter der Luplower Linie, Achim von Voß, gestorben 1575, zurück. Ausweislich dieser Tafel heißt der Großvater Joachim und der Vater Hellmuth. Zu Joachim von Voß auf Luplow und Vossfeld berichtete F. Boll45, dass dieser im Jahre 1728 von Friedrich Ernst von Voss auf Gievitz46 den Anteil des Valentin von Voß an Luplow erworben hatte und damit alleiniger Besitzer dieses Gutes geworden war. Er errichtete dort eine Glashütte und erbaute auf dem dadurch aufgeräumten Ackergelände einen eigenen Hof mit dem Namen »Vossfeld«. Joachim von Voß war zwei Mal verheiratet. Die erste Ehe schloss er am 3. Oktober 1726 mit Elisabeth Christine von Koppelow (1700–1743), einer Tochter des königlich dänischen Majors Jürgen Joachim von Koppelow. Aus dieser Ehe stammten: Maria Elisabeth Auguste, Margarete Magdalina Eva, Hellmuth Jürgen Adam, Friedrich Johann, Annalouise Heinrike, Katharina Margarete Christiane und Ernst Samuel Friedrich. In zweiter Ehe verband sich Joachim von Voß im Jahre 1745 mit einer Tochter des fürstlich mecklenburgischen Oberschenken Georg Ludwig von Bibow, deren Namen im Stammbaum nicht vermerkt wurde und deren Ehe auch kinderlos geblieben zu sein scheint. Ausdrücklich berichtete F. Boll, dass die drei Söhne des Joachim von Voß nicht in der Lage waren, das von ihrem Vater »zu gutem Stande gebrachte Gut« zu erhalten und deshalb den Konkurs herbeiführten. Diese Darstellung könnte dem von Julius von Voß übermittelten Bericht widersprechen, dass sein Vater Hellmuth seinen Anteil an Luplow in der Folge von Kriegseinwirkungen (Plünderung und Zerstörung) verloren habe. In Folge des Konkurses ging das Gut Luplow für 47.000 Thaler in den Besitz des Vetters Adam Karl von Voss über und blieb damit im weiteren Voßschen Familienbesitz bis 1945.
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Zu Hellmuth Jürgen Georg Adam von Voss berichtete F. Boll, dass dieser 1735 zu Luplow geboren worden, späterhin Stabskapitän im Königlich Preußischen Regiment von Münchow gewesen sei und an den Schlachten von Reichenberg, Lowositz und Kollin (in der er verwundet wurde) und an der Belagerung von Schweidnitz sowie an den Gefechten bei Momitsch-Maxen teilgenommen habe. Bei der letzteren Schlacht sei Hellmuth von Voß in österreichische Gefangenschaft geraten und aus dieser nach dem Friedensschluss nach Hause entlassen worden. 47 Würde man nur dem Stammbaum in der Darstellung von Fritz und Sigrid von Voß folgen, hätte Hellmuth einen Sohn »Julius« gehabt, der seinerseits keine Nachkommen gehabt hätte und damit der letzte Voß dieses Familienzweiges gewesen wäre. Zieht man jedoch erneut die von F. Boll 1851 vorgelegte »Geschichte der Familie von Vohs« zu Rate, so findet sich im Anhang des von Dietrich von Voß am 10. November 1994 maschinenschriftlich geschriebenen weiteren Stammbaums der Eintrag zum Nachkommen von Hellmuth: »Julius * 14. August 1763, Brandenburg a. d. Havel, nichtehelicher Sohn von Wies«.48 Dieser allen Autoren bisher unbekannte Sachverhalt zur genealogischen Herkunft erfährt seine Bestätigung durch die Auszüge aus dem Taufregister des Kirchenbuches des Regiments von Kleist resp. von Puttkammer/Brandenburg a. d. Havel (Taufregister vom Mai 1768 bis 1774), in dem vermerkt wurde: »Julius Johann Joachim ist von Catharina Weißen, des Regiments Büchsenmachers Tochter, am 26. August 1768 nichtehelich geboren, wozu sie den Herrn Hauptmann von Voß als Vater angegeben. Den siebenundzwanzigsten ist dieses Kind getauft und Zeugen waren: Der Linsenschleifer H. Caspar, H. Buchholz […] ein Bürger und Frau Stillern des Hoboisten vom Regiment Ehefrau.« 49 Vergleicht man die vorstehend genannten Geburtsdaten, das von F. Boll angegebene Geburtsdatum des Julius von Voß vom 14. August 1763 und das Datum vom 26. August 1768, so ist davon auszugehen, dass das in der Literatur bisher genannte Geburtsdatum vom 24. August 1768 nicht stimmt, sondern der 26. August 1768 gelten muss. Hellmuth von Voß war zu dieser Zeit Hauptmann im Infanterie-Regiment von Puttkammer Nr. 36.50 Catharine Weißen war die Tochter des Regimentbüchsenmachers Christian Ernst Weiß aus Gotha. Vier Jahre später, 1772, wurde beiden noch ein weiterer nichtehelicher Sohn, also der Bruder des Julius von Voß, geboren. Dieser Eintrag lautete: »Hellmuth Carl, ist dem Herrn Joh. Hellmuth von Voß, Hauptmann unterm hiesigen Regimente von Johanna Weißen d. 18th Mai nichtehelich geboren und d. 22th getauft worden. Zeugen waren: Herr Ganzer, Kaufmann, Herr Caspar, Linsenschleifer, Herr Weiß, Büchsenmacher, matris pater, Fr. Heyden, Leutnant Frau und Jgfr. Weiß, matris sorror.«51 Zu beiden Söhnen hat sich der damalige Hauptmann bekannt, die Mutter seiner Kinder laut dem Kirchenbuch von Ankershagen am 28. Juni 1787 als damals aus dem
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aktiven Regimentsdienst abgedankter preußischer Major in Alt-Brandenburg geheiratet und seine Söhne damit nachträglich voll legitimiert.52 Hellmuth Jürgen Georg Adam von Voß nahm nach seinem aktiven Dienst im Infanterie-Regiment Nr. 36 die Funktion eines königlich preußischen Oberstleutnants und Assessors beim 6. Departement des Hohen »Ober-Kriegskollegium« in Berlin wahr. Er starb am 26. Februar 1791 im Alter von 58 Jahren an allgemeiner Entkräftigung und wurde am 2. März 1791 im Gewölbe der Garnisonkirche zu Berlin bestattet. Ausdrücklich wird im Militärkirchenbuch vermerkt, dass er eine Frau und einen »Sohn von 22 Jahren«, wohnhaft in der Neuen Friedrichstraße, im Aschebornschen Hause, neben dem Schwerinschen Lazarett, zurückgelassen habe. Die Angaben zur Wohnung sind allerdings nicht endgültig geklärt.53 Dieser Vermerk zum Sohn auf der Urkunde könnte darauf hinweisen, dass der 1772 geborene Sohn Hellmuth Carl gemeint war. Die militärische Laufbahn des Julius von Voß vollzog sich in ihren wichtigsten Schritten von 1782 bis 1798 wie folgt: Am 10. November 1782 trat er als junger Soldat in das Infanterie-Regiment von Wunsch Nr. 12 in der Garnisonsstadt Prenzlau ein und wurde am 10. November 1785 zum Fähnrich ernannt. Mit der am 4. April 1788 vollzogenen Beförderung zum Seconde-Lieutnant, folgte am 30. Mai 1788 die Versetzung zum Infanterie-Regiment von Pfuhl Nr. 46. Am 14. Oktober 1794 wurde er zum Ritter des Ordens »Pour le mérite« berufen. Im Juni 1795 erfolgte die Versetzung zum Infanterie-Regiment von Grevenitz Nr. 57. Die Beförderung zum Premierleutnant folgte am 15. November 1795 und im Januar 1798 schließlich die Entlassung aus dem Militärdienst. Zu einem wesentlich späteren, aber nicht datierbaren Zeitpunkt seines Lebens als freier Schriftsteller, erfolgte die nachträgliche Beförderung zum Hauptmann, deren Begründung unklar bleibt. An einem unbestimmten Datum der Jahre 1797/1798 entschloss sich Julius von Voß zu einer Verlobung mit einer Baroness von Buddenbrock aus Breslau. Diese Verbindung dauerte nur kurz und wurde unter widrigen Umständen gelöst.54 In der Literatur bisher unbekannt waren Details der für damalige Zeiten ungewöhnlichen Reisetätigkeit, zumal diese mit enormen Mühen und Kosten verbunden war. In der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Berlin fand sich ein Reisepass der Französischen Republik No. 6221, ausgestellt in Paris am 7. November 1801 für »Monsieur Jules Jean de Voß«, den ehemaligen königlich-preußischen Lieutnant, mit der dreimonatigen Gültigkeit und einmonatlichen Frist zum Verlassen des französischen Territoriums, um dann über Dieppe und England nach Hamburg zurückzukehren.55 Als sein Aufenthaltsort in Paris wurde »Maison de Bruxelles« in der Rue du Mai eingetragen. Dieser Reisepass wurde ein Jahr später am 28. Juli 1802 in Rouen, anlässlich eines weiteren Aufenthaltes in Paris, mit dem Vermerk für den Zoll versehen, dass »Jules Jean de Voß« sich mit seinem Domestiken Michel Sabowski unter dem Kapitän Holst per Schiff nach Hamburg begeben würde. Dieses Dokument gibt auch präzise
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Geburtsurkunde des Julius von Voß vom 26. August 1768.
Hinweise auf seine Person, die im Wesentlichen mit dem bisher bekannten Zeichnungen von ihm und den zeitgenössischen Schilderung seiner Erscheinung übereinstimmen. Die persönlichen Daten lauteten wie folgt: Lebensalter 33, Körpergröße 179 cm, Haare schwarz, blaue Augen, braune Augenbrauen, bedeckte Stirn, mittelgroße Nase und Mund, kräftiges Kinn und ovales Gesicht. Einer im Nachlass im Goethe-und Schiller-Archiv (Weimar) zu findenden, reichlich merkwürdigen, von Einnahmen- und Ausgabenziffern übersäten Aufzeichnung, entstammt eine Auflistung von Reisen, die Julius von Voß in der Zeit von 1801 bis 1824 unternommen hat.56 Wie schon auf dem dargestellten Reisepass, tauchen auch hier die Reisen nach Paris und London 1801 und erneut Paris 1802 auf. Es folgen Reisen nach Wien, 1803; 1805 Wien über Regensburg; 1806 Wien über Breslau; 1808 Wien; 1809 über die Schweiz nach Wien; 1811 über Pommern zur Insel Rügen; 1812 Wien; 1813 Wien; 1822 Dresden, Weimar, Magdeburg; 1824 Wien. Auch wenn in seinem Lebensbericht nur einzelne Reisen nach Wien, Frankreich und Dänemark erwähnt wurden, wirft diese enorme Reisetätigkeit ein erstaunliches Licht auf seine gesamte rastlose Lebensgestaltung und seine überbordende Produktivität als Schriftsteller. Besonders auffallend bleibt bei den autobiographischen Aufzeichnungen des Julius von Voß, dass er an keiner Stelle über seine Heirat mit Helene Sophie Johanna, geborene Gerneritz, geboren 1781 und gestorben am 19. März 1836 (zuletzt wohnhaft in Berlin, Ziegelstraße 4), beerdigt am 22. März 1836 auf dem Alten Garnisonfriedhof, berichtete.57 Mit dieser Frau hatte er nach bisherigem Wissensstand drei Söhne: Ein Sohn, dessen Vorname, Alter und militärischer Rang unbekannt ist, fiel in der blutigen Schlacht
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bei Dennewitz 1813. Hinzukommen der Sohn Hellmuth, der in der Literatur bekannt ist, und ein dritter Sohn mit dem Namen Gustav, der 1840 als Soldat verstorben ist.58 Dieser jüngste Sohn Gustav taucht anlässlich des Todes seines Vaters Julius von Voß vom 1. November 1832 in einem Eintrag im Militärkirchenbuch59 auf, in dem es heißt, dass der Verstorbene eine Ehegattin und zwei Söhne, davon einen »majorem« und einen »minorem« hinterlassen habe. Weiterhin wird in dem Kirchenbuch vermerkt, dass Julius von Voß im Alter von 64 Jahren an einer bösartigen Erkrankung in der Stallschreibergasse 48 zu Berlin gestorben sei. Auffallend ist, dass die damals erneut ausgebrochene Cholera nicht genannt wird. Am 4. November 1832 wurde er auf dem Alten Garnisonfriedhof zu Berlin (Kleine Rosenthaler Straße Nr. 3) bestattet. In den bisherigen Darstellungen zum Leben und zur Familie von Julius von Voß ist nichts zu der Nachkommenschaft seiner Söhne zu finden. In den in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Berlin aufbewahrten Unterlagen zu seinem Leben fand sich im Zuge dieser Arbeit ein Brief des Verlagsbuchhändlers und Antiquars Ernst Frensdorff an einen Herrn Wallich vom 2. April 1910.60 Beigefügt war diesem Brief eine Kopie des Confirmationscheins des Helmuth Wichard von Voß, ausgestellt in Berlin am 20. September 1821 durch den Prediger bei der Friedrichs-Werderschen und Dorotheenstädtischen Kirche, Dr. Mehring. In diesem Schein wird bestätigt, dass der genannte Helmuth Wichard von Voß von dem Prediger ein Jahr lang in der christlichen Religion unterrichtet und am 20. September 1821 in der Dorotheenstädtischen Kirche eingesegnet worden sei. Ernst Frensdorff führt in seinem Brief an Herrn Wallich jun. hierzu aus, es sei anzunehmen, dass es sich bei dem in der Confirmationsurkunde Genannten um den Sohn des Hellmuth von Voß und damit um den Enkel des Julius von Voß handeln müsse. Diese von ihm vertretene Meinung zur Deszendenz des Helmuth Wichard leitete er von der Tatsache ab, dass die Briefe61 aus der Sammlung eines Herrn stammten, der »nach seiner Kenntnis« den Nachlass von Julius von Voß erworben habe.62 Diese Erläuterung könnte darauf hindeuten, dass der Nachlass ursprünglich einem Familienmitglied oder Verwandten gleichen Namens gehört hat. Der ganze Vorgang jedoch lässt die Vermutung zu, dass sich die Nachkommenschaft des Julius von Voß nicht auf die schon genannten drei Söhne beschränkte, sondern in der direkten Linie der Namensträger seines Zweiges eine Fortsetzung fand. Neben dieser Nachkommenschaft des Julius von Voß und seiner Ehefrau Helene Sophie Johanna ist seine mit Marianne Adam im Jahre 1799 gezeugte nichteheliche Tochter Charlotte Dorothee Friederike zu erwähnen, die er als sein Kind anerkannt und sich um sie gekümmert hat. Diese Tochter heiratete 1820 Friedrich Wilhelm Rodeck. Eine aus dieser Ehe entstammende Tochter Emmeline Rodeck sollte sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu Worte melden. Hierüber wird noch zu berichten sein.63
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Ein Leben im Zeitalter der Revolutionen
Die preußische Armee 1768 Das Geburtsjahr des Julius von Voß 1768 stand noch ganz im Schatten des von 1756 bis 1763 dauernden Dritten Schlesischen Krieges, der mit dem im Schloss Hubertusburg bei Leipzig vom 15. Februar 1763 geschlossenen Frieden sein Ende gefunden hatte und besiegelt worden war. Mit den zwischen den beteiligten Mächten ausgehandelten Bedingungen1 hatte sich Preußen unter größten Opfern zwar als Großmacht etabliert, stand aber zugleich vor einer nahezu katastrophalen Notlage von Staat und Volk, die durch die langen Kriegsjahre eingetreten war. Nach den von Johannes Kunisch2 dargestellten Verlusten kann davon gesprochen werden, dass sich Preußen am »Rande des Untergangs« wiederfand.3 Ein Wiederaufbauwerk wurde nötig, das die zwei Jahrzehnte bis zum Tode Friedrich des Großen 1786 alle Kräfte fordern würde, um einen Weg zum Wiederaufstieg zu finden. Die durch die Verheerungen bedingten Schuldenlasten des Staates, der Kommunen, der Bürger und die hohen Steuern, samt der von Friedrich II. gezielt betriebenen Münzverschlechterungspolitik, verdichteten sich zu einem Berg von Problemen, die jedermann berührten und um die bloße Existenz fürchten ließen.4 König Friedrich II. selbst war es, der sich des Wiederaufbaues (Retablissement) annahm und diesen mit dem vollen Einsatz seines Alleinherrschaftsanspruches vorantrieb, von der Neuordnung des Ackerbaus bis zur Schafzucht Diese Kraftanstrengungen des Königs, seiner Minister, Beamten und der sonstigen Helfer in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft sollte in den 1870er–Jahren in erstaunlich kurzer Zeit zum Erfolg führen. Es gelang mit einem Gesamtvolumen der materiellen Unterstützungsmaßnahmen von rund 20 Millionen Reichstalern den größten Teil der Kriegsschäden zu beseitigen und Preußen zu konsolidieren.5 Trotz aller im Kriege gefallenen Soldaten belief sich die Friedenspräsenz des Heeres 1786 auf 194.000 Mann, d.h. 3,5 Prozent der männlichen Gesamtbevölkerung dienten im Heer. Der Anteil der Ausländer machte in der Infanterie 65.000 Mann und in der Kavallerie 16.240 Mann aus. Die sog. »Einländer« [Inländer] beliefen sich in der Infanterie auf 85.000 Mann und in der Kavallerie auf 20.430 Mann. Insgesamt 76 Prozent des Staatsbudgets mussten allein für das Heer in dieser Truppenstärke aufgewendet werden.6 Der Mannschaftsstand war streng von dem Offiziersstand getrennt. Schon Friedrich II. hatte drastisch von der »Soldateska« gesprochen, die »aus der Hefe des Volkes,
DIE PREUßISCHE ARMEE 1768 | 29
Reisepass der Französischen Republik vom 7. September 1801, ausgestellt für Julius von Voß
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