Potsdamer JĂźdische Studien Herausgegeben von Thomas Brechenmacher und Christoph Schulte Bd. 1
Johann Nicolai
»Seid mutig und aufrecht!« Das Ende des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1933–1938
Das Manuskript hat 2014 als Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Potsdam vorgelegen (Gutachter: Prof. Thomas Brechenmacher, Prof. Julius Schoeps). Die Arbeit wurde von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Gedruckt mit Unterstützung der Stiftung Irène Bollag-Herzheimer in Basel und des Deutschen Historischen Instituts Moskau.
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Inhalt
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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»Ende der Emanzipation?«. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vom ruhigen Abwarten zur Kampagne gegen »Greuelpropaganda« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der »Judenboykott« und die Gründung des Zentralausschusses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zeitbetrachtungen der Presseorgane des Centralvereins zur Emanzipationsfrage . . . . . . . . Die Centralvereinsarbeit in der Reichsvertretung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Centralverein zwischen Zionisten und NS-Staat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Wir müssen weiterarbeiten« – Der Centralverein vor den Nürnberger Gesetzen . . . . . . . »Mit kopfhängerischem Nachtrauern meistert man kein Schicksal« – Die Lage der deutschen Juden nach den Nürnberger Gesetzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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»Assimilation, Dissimilation, Auswanderung«. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 Nachrufe auf drei Verstorbene im Geiste des 150. Todestages Moses Mendelssohns . . . . . Die Gründung der nichtzionistischen Auswanderungsschule in Groß-Breesen. . . . . . . . . . . Ein neuer Centralverein? Die Episode Herzfeld und der »Jüdische Centralverein e. V.« . . . Zwei Fallbeispiele der Übersee-Auswanderung deutscher Juden 1933–1938 . . . . . . . . . . . Südafrika: Einwanderung in eine rassistische Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Brasilien: Einwanderung in unbeständige Verhältnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Die Bude ist dicht gemacht, der Betrieb ist geschlossen« – Das Ende des Centralvereins im Novemberpogrom 1938. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Fazit und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300 Quellen- und Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
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Einleitung
»Seid mutig und aufrecht!« − mit diesem Schlagwort wandte sich der Vereinsanwalt Alfred Wiener1 in einem Leitartikel in der C.-V.-Zeitung vom 23. März 1933 an die deutschen Juden.2 Niemand könne ihnen die deutsche Heimaterde streitig machen. Beide Güter − Judentum und deutsche Heimaterde − würden die deutschen Juden mit eiserner Faust verteidigen. Diese kämpferischen Worte fielen aus zweierlei Sicht in sehr bemerkenswerte Zeitpunkte der deutschen Geschichte: Zunächst waren sie Schlusswort eines Zeitungsberichts, welchen der Potsdamer Alfred Wiener über die Ereignisse am 21. März 1933 in seiner Heimatstadt verfasste. Dieser »Tag von Potsdam« zelebrierte die Eröffnung des Anfang März 1933 neu gewählten Reichstags in der »heimlichen Hauptstadt Preußens«.3 Die so inszenierte Symbolik war als eine Aussöhnung zwischen den alten konservativen preußischen Eliten und der neuen, den Reichstag dominierenden Macht der Nationalsozialisten zu verstehen. Die Festivitäten sollten auch das Bekenntnis des neu gewählten und vom Reichspräsidenten Hindenburg ernannten Reichskanzlers Adolf Hitler zu »alter Größe« und »junger Kraft« unterstreichen.4 Diese »junge Kraft« würde freilich einen Großteil ihrer Energie auf die Ausgrenzung, Diskriminierung, Vertreibung und schließlich die Vernichtung der Juden Europas aufwenden. Und auch die sich stets zum deutschen Patriotismus bekennenden Eliten des deutsch-jüdischen Bürgertums sollten unter den Opfern des zur Staatsform gewordenen Antisemitismus in Deutschland sein. So war es dann von einer besonderen Ironie, dass Wiener seine tapferen Worte auch in Zusammenhang mit einem anderen Jubiläum schrieb, nämlich dem 40. Jahrestag der Gründung des »Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen
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Alfred Wiener (1885–1964) war ein aus Potsdam stammender deutsch-jüdischer Orientalist. Er studierte in Heidelberg und an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und diente im Ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg 1919 arbeitete er als Vereinssyndikus für den C.-V. in Berlin. 1933 emigrierte er zunächst in die Niederlande und gründete in Amsterdam das Jewish Central Information Office, welches er vor dem deutschen Einmarsch in die Niederlande nach London verlegte und das dort zur Grundlage für die bis heute existierende Wiener Library wurde. Vgl. Tetzlaff, Walter: 2000 Kurzbiographien bedeutender deutscher Juden des 20. Jahrhunderts, Lindhorst 1982, S. 355. CVZ, Nr. 12, XII. Jahrgang, Berlin 23.03.1933, S. 98. Winkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen − Deutsche Geschichte vom ›Dritten Reich‹ bis zur Wiedervereinigung, Band 2, München 2000, S. 11. Ebd.
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Glaubens« (C.-V.) am 26. März 1893. Diese Organisation des bürgerlichen deutschen Judentums entstand im Zusammenhang mit den Wahlerfolgen antisemitischer Kleinparteien bei den Reichstagswahlen in den 1890er-Jahren und der dadurch im jüdischen Bürgertum erkannten Notwendigkeit, die im Zuge der Judenemanzipation gewährten Bürgerrechte in Deutschland zu verteidigen. Indes war der C.-V. nicht die erste Organisation, welche diese Problematik erkannte: Schon 1892 existierte in Berlin das kurzlebige »Comité zur Abwehr antisemitischer Kräfte«5, ein Jahr zuvor war außerdem der überkonfessionelle »Verein zur Abwehr des Antisemitismus« (VAA) durch den freisinnigen Reichstagsabgeordneten Heinrich Rickert gegründet worden.6 Anlass, eine weitere Abwehrorganisation zu gründen, waren die Wahlerfolge des »Marburger Bauernkönigs« Otto Böckel, welcher ab 1890 als erster antisemitischer Abgeordneter im Reichstag einzog. 1893 stieg die Zahl der Antisemiten auf 16 Abgeordnete, welche angesichts einer Zahl von insgesamt 397 Mandaten jedoch keine erhebliche Macht darstellten. Dennoch begannen auch andere politische Parteien, wie die Deutsch-Konservative Partei in ihrem »Tivoli«-Programm vom Dezember 1892, antisemitische Elemente aufzunehmen, sodass sich die judenfeindliche Denkweise langsam auch auf andere Parteien und gesellschaftliche Schichten auszuweiten begann. Raphael Löwenfeld, ein aus Posen stammender Theaterdirektor in Charlottenburg, nahm schließlich die Initiative der Jüdischen Gemeinde in Berlin, sich zur Gewährung der Schutzrechte für die deutschen Juden an den deutschen Kaiser zu wenden, im Februar 1893 zum Anlass, ein politisches Manifest mit dem Titel »Schutzjuden oder Staatsbürger?« zu verfassen und darin die Verteidigung der staatsbürgerlichen Rechte durch die deutschen Juden selbst zu fordern.7 Damit war die Grundlage für die Entstehung des »Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« ab März 1893 gelegt. Besonders im Jahr seiner Entstehung bildete vor allem die Reichshauptstadt Berlin mit mehr als zwei Drittel der Mitglieder einen starken Schwerpunkt des C.-V., der allerdings schon zwei Jahre später auf etwas über 40 % zurückgehen sollte, da nun auch in anderen Teilen des Reiches die Mitgliederzahlen zunahmen. Neben Berlin traten nun vor allem die Provinz Schlesien mit einem Mitgliederanteil von 7,95 % im Jahr 1895 und die im polnischsprachigen Teil des Deutschen Reiches gelegene Provinz Posen mit einem Anteil von 12,27 % im Jahr 18958 hervor. Damit bildete in den ersten
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Meyer, Michael (Hg.): Deutsch-Jüdische Geschichte in der Neuzeit, Band 3, München 2000, S. 253. Barkai, Avraham: »Wehr Dich!« − Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1893–1938, München 2002, S. 21. Löwenfeld, Raphael: Schutzjuden oder Staatsbürger? − Von einem deutschen Staatsbürger, Berlin 1893, S. 6f. Borut, Jacob: Not a small number of notables. The geographical and occupational Structure of the Central Verein Membership during its first years, in: Jewish History, Vol. 9, Nr. 1, Frühling 1995, Haifa 1995, S. 50.
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Jahren des C.-V. mit einem Mitgliederanteil von über 60 % der Osten des damaligen Deutschen Reiches einen eindeutigen Schwerpunkt der Organisation. Auch die berufliche Struktur der Vereinsmitglieder war aufschlussreich: So waren knapp zwei Drittel der Berliner Mitglieder im Jahr 1893 im Berufsfeld »Handel und Transport« tätig, 14,92 % im Feld »militärische Berufe, Höflinge, kirchliche oder öffentliche Institutionen und freie Berufe« sowie 11,71 % in den Bereichen »Bergbau, Hüttenwesen, Industrie und Bau«. Die Zahlen waren ähnlich in Schlesien und der Provinz Posen, in denen der Anteil der Berufe im Berufsfeld »Handel« mit um die 60 % (1895) einen vergleichbaren Anteil erreichte.9 Der neue Verein sprach folglich vor allem ein städtisch-bürgerliches Milieu des deutschen Judentums an. Die Entwicklung der Mitgliederzahlen stieg sprunghaft von etwa 1.000 Mitgliedern in Berlin10 1893 auf 1.750 Mitglieder 1895 an.11 Bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs schnellten die Zahlen bis auf 35.000 Mitglieder hinauf und stagnierten lediglich in den Kriegsjahren. Nach Kriegsende begann erneut eine Beitrittswelle zum C.-V., welche mit 70.000 Mitgliedern im Jahr 1924 ihren Höhepunkt erreichte.12 Durch den Sterbeüberschuss und die Überalterung der deutschen Juden sowie die ab Beginn der 1930er-Jahre verstärkt einsetzende Auswanderung13 reduzierte sich die Gesamtzahl der Juden in Deutschland drastisch und folglich sanken auch die Mitgliederzahlen aller anderen jüdischen Organisationen.14 Die Tätigkeiten des C.-V. umfassten in seinen ersten Jahren die Felder Rechtsschutz, Wahlpolitik, aber auch die Entwicklung der »C.-V.Idee«, einer Vereinsideologie, welche auch den lang anhaltenden Erfolg des Vereins als Gegenpol zum Zionismus deutscher Ausprägung erklärte. Zunächst sah der C.-V. in der Rechtsschutzarbeit, also der gerichtlichen Klage gegen antisemitische Verunglimpfungen und Diskriminierungen, sein wichtigstes Instrument. Um die Jahrhundertwende bearbeitete die Kommission etwa 100 Gerichtsfälle jährlich15, welche nach dem Grundsatz bearbeitet wurden, vor allem in der nichtjüdischen Öffentlichkeit ein Bewusstsein für den Antisemitismus der deutschen Gesellschaft zu schaffen.16
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Ebd., Appendix 2. Reichsweit hatte der Verein 1.420 zahlende Mitglieder; vgl. Barkai, »Wehr Dich!« (wie Anm. 6), S. 26. Borut, Not a small number of notables (wie Anm. 8), S. 49. Barkai, »Wehr Dich!« (wie Anm. 6), S. 121. CVZ, Nr. 33, XV. Jahrgang, Berlin 13.08.1936, erste Seite. Die Mitgliederzahl des C.-V. von 1932 betrug immerhin noch 60.000; vgl. Paucker, Arnold: Der jüdische Abwehrkampf gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus in den letzten Jahren der Weimarer Republik, Hamburg 1968, S. 45. Barkai, »Wehr Dich!« (wie Anm. 6), S. 31. Die Rechtsschutzarbeit »im Lichte der Öffentlichkeit« im Kaiserreich und der Weimarer Republik untersuchte Inbal Steinitz in ihrer Dissertation »Der Kampf jüdischer Anwälte gegen den An-
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Bei den Berliner Stadtratswahlen von 1893 hatte der C.-V. außerdem begonnen, unter den jüdischen Wählern Empfehlungen für bestimmte Kandidaten auszusprechen. Daraus entwickelte sich die politische Strategie, durch offene Parteinahme die Wahl antisemitischer Kandidaten sowohl bei Landtags- als auch bei Reichstagswahlen zu verhindern.17 Allerdings gab es, abgesehen von den Linksliberalen, kaum mögliche Verbündete. Nach der »antisemitischen Wende« der Konservativen und dem ebenfalls problematischen Verhältnis mit der katholischen Zentrumspartei18 kamen diese Parteien als mögliche Bündnispartner der deutschen Juden nicht mehr in Frage. Entscheidend für die Langlebigkeit des C.-V., neben diesen mäßig erfolgreichen Arbeitsfeldern, aber war vor allem die Entwicklung der »C.-V.-Idee«, welche von den C.-V.-Vorsitzenden Maximilian Horwitz19 und vor allem auch Eugen Fuchs20 ausging. Der erste Grundpfeiler der Ideologie des C.-V. waren die Schlagwörter »Innere Mission« und »Apologetik«. Die »Innere Mission« zielte auf die Erziehung der deutschen Juden zu besseren Staatsbürgern, welche sich in der Öffentlichkeit »gut benehmen« und »normalisieren« sollten. Dies folgte dem von Horwitz geprägten Grundsatz: »Stiefkinder müssen doppelt artig sein, um die Liebe der Stiefmutter zu gewinnen.«21 Die zweite Säule der C.-V.-Arbeit richtete sich auf die Aufklärung der Nichtjuden über das »wahre Wesen« des Judentums durch den Appell an die Vernunft. Die Mitgliederzeitschrift »Im Deutschen Reich« wurde dazu auch an nichtjüdische Persönlichkeiten versendet und sollte Verständnis für die Lage der deutschen Juden im Kaiserreich schaffen und ihnen Reden der Vereinsleitung zugänglich machen.22 Eugen Fuchs, welcher dem C.-V. am Ende des Ersten Weltkriegs kurzzeitig als Vereinsvorsitzender diente, wandte sich darüber hinaus Franz Oppenheimers Unterscheidung von Stammesbewusstsein
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tisemitismus − die strafrechtliche Rechtsschutzarbeit des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (1893–1933)«, Berlin 2008. Barkai, »Wehr Dich!« (wie Anm. 6), S. 33. In den 1890er-Jahren wurde u. a. im C.-V. über die Gründung einer jüdischen Partei, einer jüdischen »Zentrumspartei«, nachgedacht. Aufgrund der ohnehin schon geringen Einwohnerzahl der Juden in Deutschland und der durch das Wahlsystem erschwerten Erfolge für eine solche Partei wurde der Plan schnell wieder verworfen. Vgl. Friesel, Evyatar: The political and ideological Development of the Centralverein before 1914, in: Leo Baeck Institute Year Book 31 (1), London 1986, S. 130f. Maximilian Horwitz (1855–1917), war ein in Berlin geborener deutsch-jüdischer Rechtsanwalt und diente dem C.-V. bis zu seinem Tode 1917 als langjähriger Vorsitzender. Vgl. Lowenthal, Ernst G. (Hg.): Juden in Preußen. Ein bibliographisches Verzeichnis, Berlin 1981, S. 98. Eugen Fuchs (1856–1923) war ein deutsch-jüdischer Rechtsanwalt in Berlin und Mitbegründer des C.-V. Von 1917 bis 1919 diente er dem Verein außerdem auch als kurzzeitiger Vorsitzender. Vgl. Tetzlaff, 2000 Kurzbiographien deutscher Juden (wie Anm. 20), S. 95. Horwitz, Maximilian: Ehrenpflichten, in: Im deutschen Reich, IV. Jahrgang, Nr. 4, Berlin, April 1898, S. 187. Barkai, »Wehr Dich!« (wie Anm. 6), S. 38.
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und Volksbewusstsein in der Zeitung »Die Welt« vom 25. März 1910 zu und entwickelte diese These für die Arbeit des C.-V. weiter. In einer viel beachteten Ansprache von 1917 formulierte Fuchs seine Sichtweise über das Verhältnis von Deutschtum und Judentum: »So wenig mein Deutschtum durch mein Judentum verkümmert wird, so wenig wird mein Judentum, d. h. meine Glaubens- und Stammestreue dadurch beeinträchtigt, daß ich sie nicht zu einem Nationalbewußtsein mache.«23 Die Stoßrichtung einer solch selbstbewussten deutschpatriotisch-jüdischen Ideologie war erkennbar gegen die größte innerjüdische Rivalin: die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZVfD), welche bis weit in die Jahre des Nationalsozialismus hinein einen Gegensatz zum C.-V. bilden sollte. Der deutsche Zionismus begann sich bereits um die Jahrhundertwende merklich zu radikalisieren und erblickte in dem kontrovers diskutierten Standpunkt Werner Sombarts, die Juden seien eine eigene Nationalität, die zwar die volle Gleichberechtigung verdiene, aber den »Takt« besitzen müsse, keine sozialen und kulturell einflussreichen Positionen zu besetzen, die Außenseitern nicht zukämen, einen Mitstreiter in ihrer Sache.24 Eugen Fuchs wies die Thesen Sombarts in einer von begeisterten Zwischenrufen immer wieder unterbrochenen Rede im Frühjahr 1913 scharf zurück und schloss seine Ausführungen mit dem Schlagwort: »Wir sind Deutsche und bekennen uns als Juden!«25 Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs waren damit die Positionen zwischen liberalen Anhängern des C.-V. und den Zionisten derart angespannt, dass nach 1912 die Unterscheidung zwischen »Centralvereinlern« und Zionisten in der jüdischen Szene zu einer Selbstverständlichkeit wurde.26 Nach wenigen Jahren, zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914, waren diese innerjüdischen Spannungen jedoch vorerst vergessen. C.-V. und Zionisten riefen in eigenen Erklärungen die deutschen Juden dazu auf, sich »in den Dienst des Vaterlandes« zu stellen.27 Der kaiserlich angeordnete »Burgfrieden« in Deutschland erfasste somit auch die tief zerstrittenen Fraktionen des deutschen Judentums und führte viele junge deutsche Juden an die Front. Im Kriegsverlauf allerdings brannte die antisemitische Propaganda wieder auf und mündete schließlich in der sogenannten »Judenzählung«, welche die Anzahl der im Heer dienenden deutschen Juden erfassen wollte. Der preußische Kriegsminister Wild von Hohenborn begründete diese Erhebung mit Klagen der Bevölkerung, dass eine unverhältnismäßig große Zahl wehrpflichtiger
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Fuchs, Eugen: Um Deutschtum und Judentum, Frankfurt am Main 1919, S. 254. Meyer, Deutsch-jüdische Geschichte (wie Anm. 5), Band 3, S. 298. Im deutschen Reich, XIX. Jahrgang, Nr. 5/6, Berlin, Mai 1913, S. 224. Meyer: Deutsch-Jüdische Geschichte (wie Anm. 5), Band 3, S. 299. Der C.-V. veröffentlichte einen zuvor zu Kriegsbeginn verbreiteten Aufruf in seiner Mitgliederzeitung Im deutschen Reich vom September 1914, während die Zionisten in ihrer Vereinszeitung »Jüdische Rundschau« vom 7. August 1914 die »stammesstolzen Juden« dazu aufrief, zu zeigen, dass sie zu den »besten Söhnen des Vaterlandes« [sic!, JN] gehörten.
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Angehöriger israelitischen Glaubens sich dem Heerdienst entziehe. Obgleich die erhobenen Zahlen nie veröffentlicht wurden, genügten sofort einsetzende Gerüchte über »vernichtende Ergebnisse«, die von der Heeresleitung nicht dementiert wurden, um ein verstärkt judenfeindliches Klima in Deutschland heraufzubeschwören.28 Die Konsequenz aus dieser Situation war die 1919 erfolgte Gründung des Reichsverband jüdischer Frontkämpfer (RjF), welcher in der Öffentlichkeit immer wieder auf die 12.000 für das Deutsche Reich gefallenen deutschen Juden hinwies und damit versuchte, den Vorwurf der jüdischen »Drückebergerei« von antisemitischer Seite zurückzuweisen. In der Zwischenkriegszeit und nach der Gründung der Weimarer Republik ab 1919 begann für den C.-V. eine Phase der besonderen Entfaltung. Die Mitgliederzahlen wuchsen rasch und die Vereinsstrukturen mussten aus diesem Grunde reformiert werden. Der Verein umfasste Anfang der 1920er-Jahre 26 Landesverbände, 36 Bezirksgruppen und 632 Ortsverbände.29 Auch personell erneuerte sich der Verein: Nach dem Tod des zweiten Vereinsvorsitzenden Max Horwitz 191730 und mit dem Rücktritt des kurzzeitigen dritten Vorsitzenden Eugen Fuchs »auf dringenden ärztlichen Rat« im Dezember 191931 begann mit dem vierten Vorsitzenden Julius Brodnitz32, welcher dem C.-V. von 1920 bis 1936 vorsaß, eine überaus lange Periode der Stabilität. Zusätzlich trat auch die Persönlichkeit Ludwig Holländers33 stark in den Vordergrund, welcher als charismatischer Redner und engagierter Schreiber für die Zeitungen des C.-V. herausragte. Ab 1921 schuf der C.-V. für Holländer eigens das Amt des Vereinsdirektors, ein gewissermaßen präsidiales Amt über dem Vereinsvorsitzenden, welches Holländer als Einziger in der Vereinsgeschichte ausfüllte und welches nach seiner Pensionierung aus Gesundheitsgründen 1933 nicht mehr besetzt wurde. Auf sein Engagement ging auch die Gründung der C.-V.-Zeitung im Jahr 1922 zurück34, welche ein Zusammenschluss der Mitgliederzeitung »Im Deutschen Reich« mit der einflussreichen liberalen »Allge-
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Barkai, »Wehr Dich!« (wie Anm. 6), S. 59. Ebd., S. 120. Todesanzeige in: Im deutschen Reich, XXIII. Jahrgang, Nr. 11, Berlin, November 1917, S. 434. Im deutschen Reich, XXIV. Jahrgang, Nr. 1, Berlin, Januar 1920, S. 1. Julius Brodnitz (1866–1936) war ein aus Posen stammender deutsch-jüdischer Rechtsanwalt in Berlin und von 1920 bis 1936 auch Vorsitzender des C.-V., vgl. Tetzlaff, 2000 Kurzbiographien deutscher Juden (wie Anm. 20), S. 43. Ludwig Holländer (1877–1936) war ein aus Berlin stammender deutsch-jüdischer Rechtsanwalt. Seit 1896 war er Vorsitzender des Kartell-Convents der deutschen Studenten jüdischen Glaubens, einem Verbund von in mehreren deutschen Universitätsstädten ansässigen schlagenden Verbindungen. Ab 1900 war er für den C.-V. tätig und übernahm nach dem Ersten Weltkrieg bis 1933 auch das Amt des Vereinsdirektors. Vgl. Tetzlaff, 2000 Kurzbiographien deutscher Juden (wie Anm. 20), S. 147. Vgl. Diehl, Katrin: Die jüdische Presse im Dritten Reich – Zwischen Selbstbehauptung und Fremdbestimmung, Tübingen 1997, S. 190.
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meinen Zeitung des Judentums«35 war. Für die 1925 gegründete Literaturzeitschrift Der Morgen36 entdeckte und förderte Holländer weiterhin das Talent Eva G. Reichmanns37, welche in den 1930er-Jahren eine herausragende Bedeutung für den C.-V. einnehmen sollte. Holländers Nachfolger als Herausgeber der C.-V.-Zeitung, Alfred Hirschberg38, würdigte ihn 1923 als ideologischen Führer des C.-V. nach dem Tode von Eugen Fuchs. Seine politische Heimat fand Holländer in der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, deren Einfluss in der Weimarer Republik jedoch durch stark zurückgehende Wahlergebnisse stetig nachließ.39 Von weiterer Bedeutung war für die Arbeit des C.-V. in den 1920er-Jahren der Philo-Verlag, welcher ab 1923 u. a. das Handbuch »Anti-Anti« verlegte. In diesem kleinen Buch fanden sich Hinweise in gedrängter Form, wie antisemitische Propaganda widerlegt werden konnte und auch antisemitischen Rednern an Ort und Stelle mit begründeten Argumenten begegnet werden konnte.40 Darüber hinaus veröffentlichte der Philo-Verlag aber auch eine Reihe von wissenschaftlichen Publikationen über die Geschichte und die Tradition des deutschen Judentums. Ende der 1920er-Jahre, mit Beginn der Weltwirtschaftskrise, begann auch der Aufstieg der NSDAP zu einer bedeutsamen politischen Kraft, welche anfing, die Strömungen des Antisemitismus in Deutschland in einer Partei zu bündeln. Im Herbst 1929 richtete der C.-V. aufgrund dieser bedrohlichen Situation für die Juden in Deutschland nach langer Überzeugungsarbeit von Walther Gyßling41 das »Büro Wilhelmstraße« ein,
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Die Allgemeine Zeitung des Judentums gründete Ludwig Philippson 1836 als »pro-reformerische« jüdische Zeitung; vgl. Meyer: Deutsch-Jüdische Geschichte (wie Anm. 5), Band 3, S. 128. Die Gründung der Literaturzeitschrift Der Morgen ging auf Julius Goldstein zurück, welcher die Zeitschrift von 1925 bis 1929 herausgab. Seine Position übernahm ab 1929 Eva G. Reichmann. Vgl. Meyer: Deutsch-Jüdische Geschichte (wie Amn. 5), Band 4, S. 87. Eva Gabriele Reichmann (1897–1998), geborene Jungmann, war eine deutsch-jüdische, in Oberschlesien geborene Journalistin und Historikerin. Sie promovierte 1921 in Heidelberg und war ab 1923 als Funktionärin tätig. Ab 1929 gab sie die Literaturzeitschrift Der Morgen heraus. 1939 emigrierte sie zusammen mit ihrem Mann Hans Reichmann nach London und war dort bis 1956 für die Wiener Library tätig, danach im Leo Baeck Institut. 1945 promovierte sie erneut an der London School of Economics. Vgl. Tetzlaff: 2000 Kurzbiographien deutscher Juden (wie Anm. 20), S. 273f. Alfred Hirschberg (1901–1971) war deutsch-jüdischer Journalist und Funktionär des C.-V. Er stammte aus Gnesen in der Provinz Posen und war von 1920 bis 1938 für den C.-V. zunächst im Jugendreferat, danach als Vereinssyndikus tätig. 1939 emigrierte er über Frankreich zunächst nach England und 1940 von dort aus weiter nach São Paulo in Brasilien, wo er bis 1945 als geschäftsführender Direktor der »Congregação Israelita Paulista« und bis 1961 als Direktor des Keren Hajessod tätig war. Darüber hinaus war er von 1941 bis 1969 auch Chefredakteur der »Cronica Israelita«. Vgl. Lowenthal, Juden in Preußen (wie Anm. 19), S. 95. Barkai, »Wehr Dich!« (wie Anm. 6), S. 157. Paucker, Arnold: Jüdischer Abwehrkampf gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus (wie Anm. 14), S. 48. Walter Gyßling (1903–1980) war als nichtjüdischer Deutscher zunächst ab 1928 beim Verein für
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eine separate Institution des Vereins zur systematischen Bobachtung und Erforschung aller Lebensäußerungen der NSDAP.42 Gegen die Kampagnen der Partei sollte nach der Auswertung die Anti-Nazipropaganda mit Material versorgt werden. Eine Methode war die Nachahmung von NS-Propaganda, wie Flugblätter oder Klebezettel, welche dann mit kritischen Texten versehen wurden. Ein Beispiel dafür war die Flugschrift mit der Parole: »Deutschland erwache − los von Hitler!«, die in Berlin zu Straßenkrawallen führte.43 Im Stil des Handbuches »Anti-Anti« war auch das vom »Büro Wilhelmstraße« herausgegebene »Anti-Nazi« gehalten, welches in ähnlicher Weise wie sein Vorgänger die Argumente der NS-Propaganda zusammenfasste und widerlegte. Schon 1932 erreichte die Auflage 180.000 Exemplare, die dazu dienen sollten, »der NS die heuchlerische Maske vom Gesicht zu reißen« und »die Gegensätze zwischen Theorie und Praxis in der NS […] zu beweisen«44. Mit der sogenannten »Machtergreifung« durch die Nationalsozialisten in Deutschland am 30. Januar 1933 begann schließlich ein tiefer Einschnitt in die Geschichte des C.-V., was diese Arbeit noch weiter beleuchten wird. Zu unterscheiden sind im Grunde drei Entwicklungsphasen: 1. Die Phase der »nationalen Revolution«, in welcher die NS-Regierung nach und nach alle Institutionen des Deutschen Reiches »gleichschaltete« und die deutschen Juden vor allem durch das Gesetz zur »Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933 in einem ersten Schritt von öffentlichen Ämtern ausgrenzte. Das in verschiedenen Vereinen organisierte deutsche Judentum reagierte unmittelbar auf diese Entwicklungen durch die Gründung des »Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau« am 13. April 1933. Im Herbst 1933 gründete man zusätzlich, nach schwierigen Verhandlungen im Sommer, die Reichsvertretung der deutschen Juden (RV) unter Vorsitz von Rabbiner Dr. Leo Baeck als Gesamtvertretung aller deutsch-jüdischen Organisationen im Deutschen Reich. 2. Die Phase der Konsolidierung der nationalsozialistischen Macht bis zu dem einschneidenden Erlass der Nürnberger Gesetze im Herbst 1935. In diesem Zeitraum vollzog sich eine weitgehende Abkoppelung deutsch-jüdischen Lebens aus der nicht-
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die Abwehr des Antisemitismus tätig, wechselte aber, nachdem er den C.-V. von der Notwendigkeit der Gründung des »Büro Wilhelmstrasse« überzeugt hatte, 1929 zum C.-V. und war dort bis zur Auflösung des »Büros Wilhelmstrasse« Anfang 1933 in der Abwehr des Nationalsozialismus tätig. Vgl. Matthäus, Jürgen: »Pillen gegen Erdbeben – Antisemitismusabwehr des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vor 1933«, in: »Jahrbuch für Antisemitismusforschung« 12, Berlin 2003, S. 312. Paucker: Jüdischer Abwehrkampf gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus (wie Anm. 14), S. 114. Matthäus: Pillen gegen Erdbeben (wie Amn. 41), S. 313. Gyßling, Walter: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933 und Der Anti-Nazi: Handbuch im Kampf gegen die NSDAP, Hill, Leonidas E. (Hg.), Bremen 2003, S. 233.
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jüdischen Mehrheitsgesellschaft. Durch die Schaffung eigener Kulturinstitutionen, wie dem Jüdischen Kulturbund, aber auch einer separaten deutsch-jüdischen Zeitungslandschaft, welche sich im Wesentlichen aus der C.-V.-Zeitung, der zionistischen Jüdischen Rundschau und dem Israelitischen Familienblatt zusammensetzte45, entstand ein Konflikt vor allem zwischen dem C.-V. und der ZVfD über den Dissimilationsbegriff, d. h. darüber, welche Elemente Bestandteil der jüdischen Kultursphäre in Deutschland sein sollten und welche nicht. 3. Die Phase nach den Nürnberger Gesetzen im Herbst 1935 bis zum November 1938, die die noch verstärkte Ausgrenzung der Juden in Deutschland markierte und die Umbenennung und organisatorische Umstrukturierung jüdischer Organisationen erzwang. In diesem Zeitabschnitt rückte auch verstärkt die Auswanderungsplanung in den Vordergrund, welche die weltweite Auswertung von Aufnahmeländern, die Berufsumschichtung und Auswanderungsvorbereitung jugendlicher Auswanderer einschloss. Wichtige Aufnahmeländer neben dem britischen Mandatsgebiet Palästina waren die USA, lateinamerikanische Länder, wie Brasilien und Argentinien, sowie mindestens 1934/35 kurzzeitig auch die Südafrikanische Union. Die Aufnahme deutscher Emigranten in diese Länder erwies sich allerdings aufgrund der durchaus offenen Sympathien für das NS-Regime, aber auch wegen einer schwierigen innenpolitischen Lage als nicht unproblematisch, sodass Südafrika und Brasilien schon 1936 wegen zu restriktiver Einwanderungsbestimmungen als Aufnahmeländer für deutsche Juden ausfielen. Darüber hinaus machte auch der Ausgang der Konferenz in Évian im Sommer 1938 deutlich, dass viele britischen Dominien, welche an sich hohen Bedarf an qualifizierten Einwanderern hatten, aufgrund von einer auch in diesen Ländern herrschenden antisemitischen Stimmung nicht bereit waren, im größeren Umfang jüdische Emigranten aus Deutschland aufzunehmen.46 Erwähnenswert sind für diesen Zeitabschnitt, neben dem Herausgeber der C.-V.-Zeitung ab 1933, Alfred Hirschberg und die Herausgeberin der Literaturzeitschrift Der Morgen, Eva G, Reichmann47, außerdem die stellvertretende Herausgeberin der C.-V.-Zeitung, Margarete Edelheim48, der C.-V.-Vor-
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Die durchschnittlichen Auflagen dieser Zeitung waren in den 1930er-Jahren: C.-V.-Zeitung 40.000 Exemplare, Jüdische Rundschau 35.000 und das Israelitische Familienblatt 30.000. Vgl. Diehl, Jüdische Presse im Dritten Reich (wie Anm. 34), S. 126ff. Vgl. Friedländer, Saul: Das Dritte Reich und die Juden − Erster Band: Die Jahre der Verfolgung 1933–1939, München 1998, S. 270. Eva Gabriele Reichmann verwendete in den 1930er-Jahren den Namen »Reichmann-Jungmann.« Margarete Edelheim (1891–1975), nach der Emigration in die USA Margaret Muehsam, war eine aus Berlin stammende deutsch-amerikanisch-jüdische Juristin und Redakteurin. 1914 bis 1922 arbeitete sie im Ulstein-Verlag und danach von 1924 bis 1938 bei der C.-V.-Zeitung. Danach nahm sie zusätzlich die Position als stellvertretende Chefredakteurin bei der Zeitung ein. 1938 emigrierte sie in die USA und war dort von 1939 bis 1942 als Redakteurin des »ORT-Bulletin« tätig. Nach
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sitzende nach 1936, Ernst Herzfeld49, sowie der vor allem eher im Hintergrund aktive Hans Reichmann.50 In der Forschung behandelte man den letzten Abschnitt in der Geschichte des C.-V. bisher eher am Rande. In Avraham Barkais Gesamtgeschichte des C.-V.51, welche bis heute die detaillierteste Arbeit über die wichtigste deutsch-jüdische Organisation ist, nahm dieser Zeitabschnitt immerhin drei von acht Kapitel ein. Barkai zeichnete zwar die wesentlichen Entwicklungen des Vereins in den Jahren 1933 bis 1938 angemessen nach, indem er die Diskussion des Jahres 1933 um die Rolle der Juden in Deutschland, den Aufbau der jüdischen Selbsthilfe sowie die innerjüdische Neuorientierung klar benannte. Dennoch vernachlässigte er die vor allem ab 1935 wichtige Frage der Emigration nach Übersee und die sich daraus ergebenden Spannungen zwischen C.-V. und Zionisten vollkommen.52 Enttäuschend ist insbesondere auch das letzte Kapitel über das Jahr 1938, das vornehmlich als Nacherzählung der Lebenserinnerungen Hans Reichmanns erscheint und kaum mehr auf die von Barkai ansonsten umfangreich genutzten Quellen, wie die C.-V.-Zeitung oder die Bestände aus dem Moskauer »Osoby-Archiv«, Bezug nimmt. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die letzten Jahre des C.-V. im Gegensatz zu den zuvor ausführlich diskutierten Jahren des Kaiserreichs und der Weimarer Republik keine besondere Relevanz mehr für den C.-V. hatten. Insbesondere aber zwei herausragende Persönlichkeiten, Alfred Hirschberg und Eva G. Reichmann, die beide in dieser Zeit ihre berufliche Tätigkeit begannen, verdienen es, dass ihre Arbeit in diesem Zeitabschnitt genauer betrachtet wird.
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1955 arbeitet sie für das Leo Baeck Institut in New York bis zu ihrem Tode 1975. Vgl. Lowenthal, Juden in Preußen (wie Anm. 19), S. 162. Ernst Herzfeld (1875–1948) war ein deutsch-jüdischer Rechtsanwalt in Posen (1902) und siedelte 1903 nach Essen über; dort wurde er noch im selben Jahr Vorsitzender des einflussreichen Landesverbandes Rheinland-Westfalen. Ab 1924 war er Mitglied des Hauptvorstandes des C.-V. und von 1936 bis 1938 der letzte Vereinsvorsitzende. Außerdem war Herzfeld auch Vizepräsident der Synagogengemeinde in Essen und Mitbegründer der RV, die von 1933 bis 1938 existierte. 1939 emigrierte er zunächst nach Palästina, verstarb aber 1948 in Buenos Aires. Vgl. Lowenthal, Juden in Preußen (wie Anm. 19) S. 91. Hans Reichmann (1900–1964) war ein deutsch-jüdischer Rechtsanwalt und von 1927 bis 1938 für den C.-V. tätig. Er war mit Eva G. Reichmann verheiratet, mit welcher er 1939 nach London emigrierte. Dort war er als Leiter der Hebrew Immigrant Aid Society sowie von 1949 bis 1964 als Geschäftsführer der Restitution Organization und des Council of Jews from Germany tätig. Reichmann verstarb 1964 in Wiesbaden. Vgl. Tetzlaff, 2000 Kurzbiographien deutscher Juden (wie Anm. 20), S. 274. Barkai, »Wehr Dich!« (wie Anm. 6) Barkai behandelte dieses Thema sehr knapp im Rahmen seines Beitrags in dem von Michael Meyer herausgegebenen Sammelband »Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit«, Band 4, München 2000.
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Erwähnenswert sind auch vier weitere Forschungsbeiträge der letzten Jahre über den C.-V. in der Zeit des Nationalsozialismus: So beschäftigte sich Daniel Fraenkel in einem Beitrag zu einem Sammelband über den deutschen Antisemitismus mit der Arbeit des C.-V. unter den nationalsozialistischen Restriktionen.53 Seine beachtenswerte Analyse mündet in drei Hauptthesen: Erstens konnte der Rechtsschutz des C.-V. von der Tatsache profitieren, dass es keine einheitliche antisemitische Kampagne in den ersten Jahren des Nationalsozialismus gab, sodass der C.-V. den Gegensatz zwischen SA-»Rowdytum« und dem Interesse der Zentralregierung, eine Fassade von Recht und Ordnung zu bewahren, zu seinem Vorteil nutzen konnte. Zweitens kam die Unterwerfung des Rechtsstaats nicht über Nacht, sondern gestaltete sich als längerer Prozess, sodass sich eine Doppelstruktur aus Maßnahmenstaat und Normenstaat54 entwickelte, welche ebenfalls Raum für die Auslegung des Rechts bot. Drittens hob Fraenkel hervor, dass der C.-V. nicht zuletzt auch bis 1937 auf den menschlichen Anstand derjenigen bauen konnte, welche der Diskriminierung der deutschen Juden nicht zustimmten?55 Dieser Beitrag Fraenkels für einen Sammelband über den Antisemitismus in Deutschland ist insofern gelungen, indem er auf dem gedrungenen Raum die Hauptentwicklungslinien des C.-V. exzellent herausarbeitet. Jedoch fehlt hier vor allem die Auseinandersetzung mit der Entwicklung der »C.-V.-Idee«, welche sich auch in den 1930er-Jahren fortsetzte und die innerjüdischen Auseinandersetzungen zwischen C.-V. und Zionisten bestimmte. Da sich der C.-V. als Korrektiv zum ZVfD verstand, war dies ein wichtiger Grund für den Verein, seine Arbeit auch in der Zeit des Nationalsozialismus fortzusetzen. Der Hinweis auf die Rechtsschutzarbeit allein genügt an dieser Stelle nicht, da die Arbeitsfelder des Vereins in jener Zeit weit umfassender waren. Um die Jahrtausendwende widmete sich auch der deutsche Historiker Jürgen Matthäus in zwei Beiträgen der Geschichte des C.-V. im Nationalsozialismus. In seinem Beitrag »Kampf ohne Verbündete« von 199956 gibt er einen vertiefenden Einblick in die Entwicklungen der Wahrnehmungen von C.-V.-Anhängern im Zuge der nationalsozialistischen Durchdringung von Staat und Gesellschaft. Er bearbeitete dabei auch den zunächst bestehenden Wunsch bei vielen bürgerlichen Juden in der Anfangszeit des NS-Regimes, an der nationalen Restauration beteiligt zu werden, während die Angst
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Fraenkel, Daniel: Jewish self-defense under the constraints of national socialism: The final years of the Centralverein, in: Bankier, David (Hg.): Probing the Depths of German Antisemitism, Jerusalem 2000, S. 339–359. Die Unterscheidung zwischen Maßnahmenstaat und Normenstaat geht auf eine Studie über den NS-Staat des Politikwissenschaftlers Ernst Fraenkel (1898–1975) zurück; vgl. ders., Der Doppelstaat, Frankfurt am Main 1974. Ebd., S. 358f. Matthäus, Jürgen: Kampf ohne Verbündete – Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1933–1938, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Berlin 1999, S. 248–277.
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vor dem Verlust des eigenen sozialen Status sehr viel weniger ausgeprägt war.57 In diesem Zusammenhang zeichnete der Autor auch die Arbeit des C.-V. in einer deutschen Gesellschaft nach, welche aufgrund des Verfalls moralischer Wertmaßstäbe immer isolierter wurde und aus diesem Grunde als »Kampf ohne Verbündete« in der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft scheitern musste.58 Bemerkenswert an diesem Beitrag von Jürgen Matthäus ist, dass er sich als einer der ersten Forscher zum C.-V. auch Gedanken über die Gründe des Scheiterns der Organisation und damit auch über den Sinn der Fortsetzung deren Arbeit im Nationalsozialismus machte. Seiner These, dass ohne die gesellschaftliche Unterstützung der nichtjüdischen Deutschen ein Kampf für die Rechte der jüdischen Deutschen erfolglos sein musste, ist sicherlich zuzustimmen. Dennoch ließ Matthäus außer Acht, dass sich das Engagement des C.-V. nach den Nürnberger Gesetzen vor allem auf die Auswanderungsfrage richtete, d. h. trotz der Isolation nicht in eine Passivität verfiel, sondern im Gegenteil in verstärkte Aktionen, welche buchstäblich bis zum Abend des 9. November 1938 anhielten. In einem weiteren Beitrag beschäftigte sich Jürgen Matthäus 2001 spezifisch mit der jüdischen Emigration und dem C.-V. in den 1930er-Jahren.59 In diesem Beitrag bezieht sich der Autor auf einen grundlegenden Artikel des deutsch-australischen Historikers Konrad Kwiet, welcher die Kernfrage deutsch-jüdischer Existenz besonders in den Jahren nach 1935 auf die Formel brachte »Gehen oder Bleiben?«.60 Matthäus analysierte, dass es Ziel des C.-V. gewesen sei, alle deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens zu sammeln, wie auch die Pflege »deutscher Gesinnung«.61 Dabei arbeitete Matthäus den Gegensatz zwischen dem C.-V. und der koexistierenden ZVfD heraus, die dem C.-V.-Konzept Palästina als Zielpunkt entgegensetzte. Von dieser Grundkonstellation ausgehend zeichnete der Autor die Rivalitäten zwischen C.-V. und der ZVfD bis in die 1930er-Jahre nach. Aus Sicht der Nationalsozialisten deckte sich das zionistische Programm dabei durchaus mit der NS-Parole »Juden raus aus Deutschland!«62, während der C.-V. vor allem noch bis zu den Nürnberger Gesetzen seinen »Kampf um den deutschen Lebensraum« fortsetzte. Zum Abschluss seines Artikels berichtete Matthäus noch knapp von der Auswanderungsplanung durch den C.-V., wobei er die Auswande-
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Ebd., S. 253. Ebd., S. 270. Matthäus, Jürgen: Abwehr, Ausharren, Flucht − Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und die Emigration bis zur ›Reichskristallnacht‹, in: Jüdische Emigration 19, München 2001, S. 18–40. Vgl. Kwiet, Konrad: Gehen oder bleiben? Die deutschen Juden am Wendepunkt, in: Pehle, Walter (Hg.): Der Judenpogrom 1938: Von der ›Reichskristallnacht‹ zum Völkermord, Frankfurt am Main 1988, S. 132–145. Matthäus: Abwehr, Ausharren, Flucht (wie Anm. 59), S. 18. Ebd., S. 27.
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rungsschule in Groß-Breesen und die Auswanderung nach Argentinien, Brasilien und in die USA erwähnte, die in der vorliegenden Arbeit einen deutlichen größeren Raum einnehmen werden. Im Fazit kam der Autor zu dem zutreffenden Schluss, dass eine Abwehrarbeit im Umfeld umfassenden NS-Terrors unmöglich war und eine Flucht zunehmend illusorisch erschien,63 wenngleich sich der C.-V. bis zum Ende für die Wahrnehmung aller möglichen Fluchtwege, darunter auch Australien und Fernost, einsetzte. Auf Grundlage dieser bereits geleisteten Forschungsarbeit erfolgte allerdings noch keine gründliche Auswertung der Moskauer Archivbestände zum C.-V., welche sich speziell mit den Jahren 1933 bis 1938 auseinandersetzte. Des Weiteren hat noch keine Arbeit bislang die vielschichtigen Aspekte der C.-V.-Arbeit im Rechtsschutz bzw. der juristisch-wirtschaftlichen Beratung des C.-V. im Rahmen des »Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau«, der publizistischen Arbeit der C.-V.-Zeitung und der Literaturzeitschrift Der Morgen, der Auswanderungsvorberatung und der Auswanderungsschulung in einem Gesamtkontext diskutiert. Dieses Ziel setzt sich nun diese Arbeit. Sie möchte dabei nicht alle Verästelungen der organisatorischen Strukturen nachvollziehen, sondern stellt die Frage: Mit welchen Maßnahmen hat der C.-V. die Fortsetzung seiner Arbeit gegenüber seinen Mitgliedern begründet, obwohl im Nationalsozialismus die grundlegenden Bürgerrechte für die deutschen Juden, die er ursprünglich verteidigen wollte, nicht mehr gewährleistet waren? Da diese Frage vor dem Hintergrund der Entwicklungen der NS-Diktatur zu beantworten ist, wird sich die Arbeit chronologisch in zwei Blöcke gliedern, welche jeweils auf einen bestimmten Abschnitt des Zeitraums von 1933 bis 1938 Bezug nehmen. Das Jahr 1933 mit seinen dramatischen Wandelungen wird hier Teil des ersten thematischen Blocks sein. Auf Grundlage von Presseartikeln und zu gegebener Stelle auch Quellenmaterial aus dem Archiv des C.-V., wie beispielsweise interne Korrespondenz oder Leserbriefe, sollen aus Sicht des C.-V. und seiner Anhänger die Entwicklungen des Jahres nachgezeichnet werden. Die Perspektive wird dabei stark auf die Hauptgeschäftsstelle des Vereins in Berlin gerichtet sein, da zum einen dort die C.-V.-Zeitung verlegt wurde und zum anderen auch die meisten Initiativen zur Umgestaltung der Strukturen jüdischer Selbstorganisationen von der »Berliner Zentrale« ausgingen. Weiterhin war auch einer der wichtigsten Protagonisten dieser Arbeit, Alfred Hirschberg, an der Berliner Zentrale ansässig und übernahm in einer Doppelfunktion zum einen das Amt des Herausgebers der C.-V.-Zeitung, in der er regelmäßig Leitartikel publizierte, die die Zeitumstände kommentierten. Zum anderen fungierte er als Vereinssyndi-
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Ebd., S. 36; weitere Studien zur jüdischen Emigration, in welchen am Rande auch die Arbeit des C.-V. behandelt wurde, finden sich auch bei Adler-Rudel, Salomon: Jüdische Selbsthilfe unter dem Naziregime 1933–1939, Tübingen 1974, bzw. Benz, Wolfgang (Hg.): Die Juden in Deutschland 1933–1945. Leben unter nationalsozialistischer Herrschaft, München 1988.
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kus, in dessen Funktion er interne Leitfäden für den Verein zur NS-Gesetzgebung erarbeitete und auch in den Funktionärsstrukturen des C.-V. eine wichtige Rolle einnahm. Der erste thematische Block wird sich auch mit der Übergangszeit von 1934 bis Mitte 1935 beschäftigen, in der sich das NS-Regime zu konsolidieren begann und auch innerjüdische Streitigkeiten über den Einfluss auf die gemeinsame RV wieder aufflammten. Den umfangreicheren Teil der Arbeit wird der zweite thematische Block einnehmen, welcher die strikte chronologische Ordnung der Arbeit aufbrechen und die Wandlung des C.-V. nach den Nürnberger Gesetzen sowie die darauf erfolgte zweifache Umbenennung und Umstrukturierung behandeln wird. Wesentlicher Bestandteil ist auch die Auseinandersetzung mit der jüdischen Emigration nach Übersee, welche anhand der Fallbeispiele Südafrika und Brasilien diskutiert und auch die historischen Entwicklungen dieser beiden Länder in den 1930er-Jahren einbeziehen wird. Der Abschluss der Arbeit beschäftigt sich mit den Geschehnissen des Jahres 1938, wobei sich an den Leitthemen des »Anschlusses« Österreichs im März des Jahres, der Évian-Konferenz vom Sommer und schließlich dem Novemberpogrom und der Auflösung des C.-V. orientiert wird. Die Forschungsgeschichte zum »Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« blickt jedoch abgesehen von den fünf letzten Jahren des Vereins im Nationalsozialismus auf weit mehr Publikationen zurück. Einen wichtigen Impuls setzte Ende der 1960er-Jahre fraglos der in London lebende deutsche Emigrant Arnold Paucker64 mit seiner schon erwähnten Studie zum Abwehrkampf gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus, wobei der Autor auf die in dieser Zeit zur Verfügung stehenden Quellenmaterialien in der Wiener Library in London zurückgriff und sich in seiner Arbeit nur auf die Jahre von 1929 bis 1932 beschränkte. Im Gegensatz dazu relativ unbeachtet blieb bis heute eine aus Deutschland stammende Doktorarbeit an der Freien Universität Berlin von Reiner Bernstein über die C.-V.-Zeitung im Zeitraum von 1924 bis 1933.65 Weitere Impulse im angelsächsischen Raum erhielt die C.-V.-Forschung durch den aus Hannover stammenden deutsch-amerikanischen Historiker Ismar Schorsch, welcher auch als langjähriger Direktor des Jewish Theological Seminary in New York amtierte. Schorsch setzte sich vor allem mit dem organisierten Abwehrkampf gegen den Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich auseinander, in welchem auch die Arbeit des C.-V. einen breiten Raum einnahm.66
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Paucker, Arnold: Jüdischer Abwehrkampf gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus (wie Anm. 14). Bernstein, Reiner: Zwischen Emanzipation und Antisemitismus – die Publizistik der deutschen Juden am Beispiel der ›C.V.-Zeitung‹, Organ des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, 1924–1933, Berlin 1969. Schorsch, Ismar: Jewish Reactions to German Antisemitism 1870–1914, New York 1972.
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In den USA setzte infolge auf Schorschs Publikation in den 1970er und 1980er-Jahren eine rege Beschäftigung mit der Antisemitismusabwehr im Deutschen Kaiserreich ein, an deren Ende weitere Publikationen der Autoren Jehuda Reinharz67, Marjorie Lamberti68, Sanford Ragins69 und Herbert A. Strauss70 standen. Der Schwerpunkt lag vor allem auf der Erforschung der organisatorischen jüdischen Strukturen im späten 19. Jahrhundert im Deutschen Kaiserreich und dem Antisemitismus der nichtjüdischen deutschen Mehrheitsgesellschaft. Durch Beiträge Jehuda Reinharz’71 und des israelischen Historikers Evyatar Friesel72 begann in den späten 1980er-Jahren das Thema der Antisemitismusabwehr durch den C.-V. zunehmend auch in Israel auf Interesse zu stoßen. Dadurch begann sich die C.-V.-Forschung allmählich auch mit den Jahren der Weimarer Republik vor 1929 zu beschäftigen. In den 1990er-Jahren begünstigten das Auseinanderbrechen der UdSSR und die damit einhergehende Öffnung bis dahin geheimer Archive die Forschung über das nationalsozialistische Deutschland, da sich im Moskauer Sonderarchiv bislang als verschollen betrachtete Bestände auffanden, darunter auch das 1938 von der Gestapo beschlagnahmte Archiv des C.-V.73 Dies löste zunächst vor allem in Israel eine Welle von neuen Publikationen zum Thema des C.-V. aus, die von den Autoren Evyatar Friesel74, Jacob Borut75 und Avraham Barkai76 stammten. 67
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Reinharz, Jehuda: Fatherland or Promised Land? − The dilemma of the German Jew, 1893–1914, Ann Arbor 1975. Lamberti, Marjorie: Jewish Activism in Imperial Germany. The Struggle for Civil Equality, New Haven u. a. 1978. Ragins, Sanford: Jewish Responses to Anti-Semitism in Germany 1870–1914. A Study in the History of Ideas, Cincinnati 1980. Strauss, Herbert A.: Jewish Reactions to the Rise of Antisemitism, in: Strauss, Herbert A. (Hg.): Conference on Antisemitism in Germany. Papers delivered at the fourth Lerntag of the American Federation of Jews from Central Europe, New York 1969, sowie Strauss, Herbert: Deutsches Judentum vor 1933, in: Strauss, Herbert und Kampe, Norbert (Hg.): Lerntag über den Antisemitismus und dessen Abwehr, Berlin 1984. Reinharz, Jehuda: The Response of the Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens to Antisemitism during the Weimar Republic, in: Transition and Change in Modern Jewish History, Jerusalem 1987. Evyatar: Political and Ideological Development of the Centralverein (wie Anm. 18). Barkai, Avraham: The C. V. and its Archives. A Reassessment, in: Leo Baeck Institute Year Book 45 (1), London 2000, S. 175f, und auch Barkai, Avraham und Habashan, Lahavot: Der CV im Jahre 1933: Neu aufgefundene Dokumente im Moskauer ›Sonderarchiv‹, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, Tel Aviv 1994, S. 233–246. Friesel, Evyatar: The Centralverein and the American Jewish Committee: A Comparative Study, in: Leo Baeck Institute Year Book 37, London 1991. Borut, Jacob: Der Central-Verein und seine Vorgeschichte, in: v. Hesing, Jakob (Hg.): Jüdischer Almanach 1996/5756 des Leo Baeck Instituts, Frankfurt am Main 1995, sowie Borut, Not a small number of notables (wie Anm. 8). Barkai, Avraham: Zwischen Deutschtum und Judentum. Richtungskämpfe im Centralverein deutscher Staatbürger jüdischen Glaubens, 1919–1933, in: Barkai, Avraham (Hg.) Hoffnung
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Durch die israelische Forschung begannen sich die Fragestellungen an die Geschichte des C.-V. erheblich zu erweitern. Neben die noch immer behandelte Frage der Antisemitismusabwehr der deutschen Juden (Borut, Barkai) trat nun auch eine vergleichende Arbeit zwischen dem C.-V. und dem American Jewish Committee (Friesel). In der deutschen Forschung begann das Interesse am C.-V. Ende der 1990er-Jahre insbesondere auf Anregung der israelischen Forschungsergebnisse auf Grundlage erster Auswertungen der Moskauer Aktenfunde zu wachsen. Den wichtigsten Impuls für die Beschäftigung mit dem C.-V. im letzten Jahrzehnt setzte allerdings Avraham Barkai mit seiner Monographie über die gesamte Geschichte des C.-V. von 1893 bis 1938.77 Neben weiteren Publikationen in Israel durch Simcha Epstein78, Evyatar Friesel79 und Jacob Borut80 fand die Thematik auch in Deutschland zunehmend großen Anklang, wie die Beiträge Ulrich Wyrwas81, Ricarda Haases82 und auch die Doktorarbeit Christian Dietrichs83 der vergangenen Jahre zeigten. Die vorliegende Arbeit möchte an das in der deutschen Forschung verbreitete Forschungsinteresse über die Fortsetzung der C.-V.-Arbeit anknüpfen und zu einer vertieften Einsicht darüber gelangen, was die Rolle des C.-V. in den 1930er-Jahren war und welche Bedeutung der Verein für den heutigen Staat Bundesrepublik Deutschland einnimmt, dessen Werte er durch seine Satzung vertreten hatte.
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und Untergang. Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Hamburg 1998. Barkai, Avraham: »Wehr Dich!« – Diese Monographie rezensierte u. a. Trude Maurer in Aschkenaz, 13. Jahrgang, 2, Tübingen 2003. Epstein, Simcha: The struggle of the German Jews against Nazism and the emergence of the myth of their passivity, in: Hoffmann, Andrea: Die kulturelle Seite des Antisemitismus, Tübingen 2006. Friesel, Evyatar: From self-defense to self-affirmation. The transformation of the German-Jewish Centralverein, in: Hoffmann, Kulturelle Seite des Antisemitismus. Borut, Jacob: From Optimistic Belligrency to Quiet Reserve. The Use of Defense by the CV from the 1890s to the 1930s, in: Moreshet. Journal for the Study of the Holocaust and Antisemitism, 6/2009, Tel Aviv 2009. Wyrwa, Ulrich: Die Reaktion des deutschen Judentums auf den Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich: Eine Rekapitulation, in: Fritz Bauer Institut (Hg.): Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocausts 2010, Frankfurt am Main 2010. Haase, Ricarda: Verteidiger des Judentums. Der ›Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens‹, in: Tribüne, 51. Jahrgang, Heft 20, 1. Quartal 2012, Frankfurt am Main 2012. Dietrich, Christian: Verweigerte Anerkennung: Selbstbestimmungsdebatten im ›Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens‹ vor dem Ersten Weltkrieg, Berlin 2014.
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»Ende der Emanzipation?«1
Vom ruhigen Abwarten zur Kampagne gegen »Greuelpropaganda« Der 30. Januar 1933 war ein Schicksalstag in der deutschen Geschichte, welcher seine fatalen Folgen jedoch erst in den darauffolgenden Monaten völlig entfalten sollte. Eine Organisation allerdings − den »Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« − traf dieses Datum im Besonderen, hatte sich der 1893 gegründete Verein doch wegen dem an Stärke gewinnenden politischen Antisemitismus gegründet und bis zum Beginn der NS-Herrschaft in Deutschland auf politische, publizistische und juristische Wege versucht, diese Diktatur zu verhindern. In seiner unmittelbaren Reaktion auf die Reichskanzlerschaft Hitlers wollte sich der Verein noch nicht geschlagen geben und verkündete in einer knappen Erklärung des Präsidiums am 30. Januar 1933:»Wir stehen einem Ministerium, in dem Nationalsozialisten maßgebendste Stellungen einnehmen, selbstverständlich mit größten Mißtrauen gegenüber, wenn uns auch bei der gegebenen Lage nichts anderes übrig bleibt, als seine Taten abzuwarten. Wir sehen als als ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht den Herrn Reichspräsidenten [Hindenburg, JN] an, zu dessen Gerechtigkeitssinn und Verfassungstreue wir Vertrauen haben. »Aber auch abgesehen davon sind wir überzeugt, daß niemand es wagen wird, unsere verfassungsmäßigen Rechte anzutasten. Jeder nachteilige Versuch wird uns in entschiedener Abwehr auf dem Posten finden. Im übrigen gilt heute ganz besonders die Parole: Ruhig abwarten!«2 Der Verein positionierte sich als gleichermaßen abwartend, aber auch in einer fast angriffslustigen Weise abwehrbereit. Mit einer solchen Positionierung stand der C.-V. aber nicht allein da: Auch beispielsweise die Gewerkschaften riefen ihre Mitglieder angesichts der Ereignisse zur Besonnenheit auf.3 Die Vereinszeitung der ZVfD, die Jüdische Rundschau, bewertete die neue Regierung hingegen stärker als Ende einer Epoche: »Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler […] beendet einen Zustand der Unklarheit und sich immer erneuernden Verwirrungen, der die letzte Epoche inne-
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Überschrift eines Artikels von Heinz Kellermann in der Literaturzeitschrift Der Morgen, 9. Jahrgang, Heft 3, Berlin, August 1933, S. 173–177. CVZ, Nr. 5, XII. Jahrgang, Berlin 02.02.1933, S. 33. Wildt, Michael: Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008, S. 72.
VOM RUHIGEN ABWARTEN ZUR KAMPAGNE GEGEN »GREUELPROPAGANDA« | 23
rer deutscher Geschichte charakterisiert. Wir stehen als Juden vor der Tatsache, daß eine uns feindliche Macht die Regierungsgewalt in Deutschland übernommen hat.«4 Im Gegensatz zur kämpferischen Stellungnahme des C.-V. erscheint diese Bewertung der Lage durch die Zionisten als schon resigniert, da sie nun von einer gewonnenen Klarheit der Umstände sprach. Auffällig war auch die Abgrenzung der jüdischen Organisation gegenüber den nichtjüdischen Deutschen, von denen sie keinerlei Beistand gegen die »feindliche Macht« der Nationalsozialisten erwartete. Begründet wurde diese Bewertung durch die Charakterisierung der Motivation des Nationalsozialismus als »judenfeindliche Bewegung«, »programmatisch in einem Maße antisemitisch, wie es noch keine Partei war«, und sie verdanke ihren Erfolg einer »skrupellosen Judenhetze«.5 Die Differenz dieser Bewertungen der Lage zwischen dem liberalen C.-V. und den in der ZVfD organisierten Zionisten ist offensichtlich: Der C.-V. sah noch wesentliche Elemente des Staates intakt − das Amt des Reichspräsidenten, der zwar politisch nationalkonservativ, aber eben nicht Nationalsozialist war. Die Zionisten hingegen bewerteten die Situation aus heutiger Sicht viel klarer und pragmatischer, indem sie erkannten, dass die nationalsozialistische Bewegung vor der Zerschlagung der demokratischen Institutionen nicht haltmachen würde. Gleichwohl beschränkte sich der C.-V. selbst nicht auf das ruhige Abwarten der nun über ihn hereinbrechenden Ereignisse: In der Ausgabe vom 2. Februar 1933 berichtete die C.-V.-Zeitung umfangreich über die Tagung des Verwaltungs- und Arbeitssausschusses des Vereins. Geprüft wurden die finanziellen Voraussetzungen für die Arbeit, die Analyse der Situation der Lage im Reich und die Möglichkeiten der »Verknüpfung mit der deutschen Umwelt«, wie auch eine verstärkte Zusammenarbeit mit dem RjF und eine Erörterung der Boykottfrage.6 Ebenfalls erklärte sich der C.-V. durch seinen langjährigen Vereinsdirektor und Herausgeber der C.-V.-Zeitung, Ludwig Holländer, der als präsidiale Figur innerhalb des Vereins eine integrierende Rolle einnahm. Der Autor hob in seinem Leitartikel hervor, dass Hitler bei seiner Amtseinführung einen Eid auf die Reichsverfassung abgelegt habe und gab damit seiner Hoffnung Ausdruck, dass der neue Reichskanzler nun auf die Weimarer Verfassung verpflichtet sei. Zusätzlich wird hier ein Auszug des Eides aus dem Ende des Artikels abgedruckt: »Hitlers Eid, und was er beschwor! Verordnung über die Vereidigung der öffentlichen Beamten. Vom 14. August 1919. Artikel 1. Ich schwöre der Verfassung, Gehor4 5 6
JR, Nr. 9, 38. Jahrgang, Berlin 31.1.1933, S. 41. Ebd. CVZ, Nr. 5, XII. Jahrgang, Berlin 02.02.1933, S. 33.
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sam den Gesetzen und gewissenhafte Erfüllungmeiner Amtspflichten. Artikel 109. Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Artikel 128. Alle Staatsbürger ohne Unterschied sind nach Maßgabe der Gesetze und entsprechend ihrer Befähigung ihren Leistungen zu den öffentlichen Ämtern zugelassen. Alle Ausnahmebestimmungen werden beseitigt. Artikel 135. Alle Bewohner des Reichs genießen volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die ungestörte Religionsausübung wird durch die Verfassung gewährleistet und steht unter staatlichen Schutz. Die allgemeinen Staatsgesetze bleiben hiervon unberührt.«7 Insbesondere hob der Artikel in der C.-V.-Zeitung hier die Artikel 109, 128 und 135 hervor, welche den ernannten Reichskanzler zur Gleichbehandlung aller Deutscher verpflichtete und die freie berufliche Betätigung aller Staatsbürger sowie die Religionsfreiheit gesetzlich festschrieben, und gab damit der Hoffnung auf eine Gleichbehandlung der deutschen Juden auch unter einer Regierung Hitler Ausdruck. In Bezug auf die Regierungsbildung vom Januar 1933 räumte Holländer ein, dass das Zustandekommen der neuen Regierung »niemanden verwundern [könne], der die Entwicklungen der innerdeutschen Verhältnisse in den letzten Jahren beobachtet hat«.8 Gleichwohl wies Holländer aber darauf hin, dass niemand die Versprechungen vergessen habe, welche die Nationalsozialisten »dem Deutschen Volke für eine bessere Zukunft unter seiner Führung«9 gemacht hätten. Auch sah er unvereinbare Gegensätze zwischen einer »Massenpartei, die sich Arbeiterpartei nennt « [also der NSDAP, JN], die den Kanzler stellte, und dem »Exponenten kapitalistischer Interessen« als Wirtschaftsminister.10 Die Hoffnung Holländers, die hier offenbar wurde, zielte auf das rasche Scheitern der Regierung ab. Dies war nach den Erfahrungen der Jahre 1930 bis 1932 durchaus keine unrealistische Erwartung, gab es doch allein in diesen Zeitraum drei Reichstagswahlen, davon zwei im Jahr 1932 mit einem halben Jahr Abstand.11 Und folgerichtig scheiterte diese neue Reichsregierung bereits nach den Koalitionsverhandlungen ab dem 31. Januar 1933, welche die NSDAP zum Schein mit der Zentrumspartei eingegangen war.12 Seit dem 4. Februar begann der Reichspräsident mit Notverordnungen zu regieren, welche die Versammlungs- und Pressefreiheit einschränkten.13 Vor diesem Hintergrund wurden dann auch Vorbereitungen für Neuwahlen im März 1933 getroffen, welche die NSDAP deutlich begünstigten. Ludwig Holländers
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Ebd. Ebd. Ebd. Gemeint war Alfred Hugenberg, DNVP; vgl. Bauer, Kurt: Nationalsozialismus, Wien u. a. 2008, S. 104. Statistisches Jahrbuch des Deutschen Reiches 1934, 52. Jahrgang, Berlin 1933, S. 539. Bauer, Nationalsozialismus (wie Anm. 10), S. 198. Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus (wie Anm. 3), S. 74f.
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Vorbehalte gegen die neue Reichsregierung waren in Anbetracht dieser rasanten Entwicklungen also gewissermaßen, während er sie formulierte, zur Makulatur geworden. In Stellung gegen Hitler brachte Holländer aber vor allem die Figur des zu diesem Zeitpunkt schon betagten Reichspräsidenten Hindenburg, den Holländer als Garanten gegen einen Angriff auf die »verfassungsgemäßen Rechte von Teilen der deutschen Volksgemeinschaft«14 ansah. Freilich übersah Holländer auch die Möglichkeit des absehbaren Todes des Reichspräsidenten und der dann neu entstehenden Frage der Nachfolge. So richtete er den Appell an die Mitglieder des C.-V., vom »Kampf um das Recht der deutschen Juden nicht abzulassen«, und bewertete die Lage der Dinge als eine Bewährung vor der Geschichte.15 Die Kombination aus couragiertem Aufruf zur Fortsetzung der C.-V.-Arbeit und dem Vertrauen auf das Amt des Reichspräsidenten als Schutzmacht von Verfassungsrechten der deutschen Juden war dabei allerdings bemerkenswert, wendete sie doch ähnliche Denkmuster von Hilfesuchen bei staatlichen Institutionen an, die Raphael Löwenfeld in seinem Pamphlet, »Schutzjuden oder Staatsbürger?«, noch scharf verurteilt hatte und welche zur Gründung des C.-V. 1893 geführt hatten: »Und die Vertreter der [durch die Antisemiten, JN] Angefeindeten? Der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin tritt zusammen und beschließt, eine Abordnung an seine Majestät den Kaiser zu schicken und den Monarchen um Schutz und Schirm gegen den Antisemitismus anzuflehen. So hat die Angst diesen Herren die Köpfe verwirrt, dass sie nicht mehr unterscheiden können zwischen Gleichberechtigung und Vorrecht. Oder hat auch nur Einer der Herren die Folgen eines solchen Schrittes überlegt? Denken wir uns den Antrag ausgeführt! Was erwartet die Abordnung von seiner Majestät − im besten [im Original gesperrt gedruckt, JN] Falle? Der Kaiser wird die Herren freundlich empfangen und wird ihnen unzweifelhaft sagen, dass vor seinem Throne alle guten Bürger gleiche Rechte haben; er wird sie auf die Verfassung verweisen, in der die Gleichberechtigung der Juden geschrieben und gesiegelt steht. Wissen wir das auch nicht so? Kann das gewichtige Wort des Monarchen in dieser Richtung etwas fördern? Die Gutgesinnten und Vorurteilslosen haben nie daran gezweifelt, auf die böswilligen und wahnwitzigen Gegner aber wird auch das Wort des Monarchen keinen Eindruck machen.«16 Löwenfelds Feststellung aus dem 19. Jahrhundert galt im Jahr 1933 ohne Kaiser, dafür aber mit einem betagten Reichspräsidenten und einer aggressiv-antisemitischen NS-Bewegung um so mehr, als das Vertrauen auf in sich in Auflösung befindliche de-
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CVZ, Nr. 5, XII. Jahrgang, Berlin 02.02.1933, S. 34. Ebd. Löwenfeld, Raphael: Schutzjuden oder Staatsbürger? − Von einem deutschen Staatsbürger, Berlin 1893, S. 6f.
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mokratische Institutionen den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens erst recht keine Genugtuung verschaffen konnten. Ein weiteres Anzeichen dafür, dass sich die Situation für die deutschen Juden drastisch verschärfte, wurde durch einen auf den 15. Februar 1933 datierten Drohbrief an den C.-V. deutlich, welcher in der Ausgabe der C.-V.-Zeitung vom 23. Februar 1933 abgedruckt wurde: »Wir warnen alle Juden! Wenn einem der Führer der nationalen Regierung auch nur ein Haar gekrümmt werden sollte, wird das unser Signal zum allgemeinen Massenmord aller Juden sein, der erst dann sein Ende finden soll, wenn alle Juden getötet sein werden.«17 Unterzeichnet war dieser anonyme Brief mit »Der Femeausschuss der Judenjäger Europas«. In einem knappen Kommentar reagierte die C.-V.-Zeitung auf diese »besondere Tonart nationalsozialistischer Agitation«18 und merkte an, dass solche Unterstellungen die deutschen Juden in die Nähe von »Blut- und Terrorakten […] bringen, die von Kreisen der radikalen deutschen Linken ausgehen sollen«19. Der C.-V. habe nach Auftreten dieser Vorwürfe die Inhalte festgestellt und die Anführung von Tatsachen verlangt, was nicht geschehen sei. Demgegenüber habe die C.-V.Zeitung in »Dutzenden von Sätzen und Veröffentlichungen«20 die Austragung politischer Gegensätze »auf das schärfste verdammt und erklärt […], daß wir [die deutschen Juden, JN] den Mord als Mittel des politischen Kampfes entrüstet ablehnen«21. Der Autor des Artikels stellte jedoch noch eine Verstärkung der Verleumdungen gegen die Juden fest, wofür der abgedruckte Drohbrief nur ein Beispiel sei. Der C.-V. sei weit entfernt, derartige Drohbriefe ernst zu nehmen. Jedoch seien sie Ausdruck einer Stimmung, welche planmäßig eine Gedankenverbindung von politischem Mord und Judentum herstellen wollte. Der Kommentar schloss mit dem Appell, diese Politik der Hetze gegen Juden zu beenden. Im Kontext des Zeitverlaufs leitete dieser kurze Artikel jedoch einen langsamen Wandel ein: von der Position des ruhigen, aber widerstandsbereiten Abwartens, wie sie Holländer Anfang Februar 1933 noch formuliert hatte, hin zu einer zunehmend konfusen, sowohl das deutsche Judentum verteidigenden als auch sich gewissermaßen dem neuen Regime andienenden Position. Bemerkenswert ist auch, dass die unverhohlene Morddrohung weit weniger Anlass gab, diesen Kommentar zu schreiben, als die Beschuldigung, der C.-V. als jüdische Institution sei in einem Mordkomplott gegen
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CVZ, Nr. 8, XII. Jahrgang, Berlin 23.02.1933, S. 59. Ebd. Ebd. Ebd. Ebd.
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Regierungsmitglieder involviert. Für den Verein erschien also der Eindruck, gegen das deutsche Staatswesen gerichtet zu sein, schwerwiegender als die Drohung der Vernichtung aller Juden, welche der C.-V. wie wohl auch viele seiner Zeitgenossen für schlicht nicht denkbar erachteten. Gleichzeitig traf der C.-V. aber in den letzten Februarwochen offenbar Maßnahmen, die bewiesen, dass man sich der Gefahr bewusst war, in der man als deutscher Jude im Jahr 1933 schwebte: Das Archiv des »Büros Wilhelmstrasse«, welches in der Kampagne gegen die Nationalsozialisten (Publikation des »Anti-Nazi«)22 und gegen Antisemitismus (»Anti-Anti«23) besonders in den Jahren 1930 bis 1932 aktiv war, wurde vernichtet. Auch Kassenbelege wurden »weggeschafft« und Notbüros in verschiedenen Stadtteilen eingerichtet.24 Dass diese Maßnahmen gerade noch rechtzeitig kamen, um den Verein vor seiner vorzeitigen Auflösung zu bewahren und seinen Mitgliedern die Verhaftung und Inhaftierung im Konzentrationslager zu ersparen, bewiesen die sich nach dem Reichstagsbrand vom 27./28. Februar 1933 überschlagenden Ereignisse: Am Abend des 27. Februar brannte das Berliner Reichstagsgebäude. Der Anstifter war der niederländische Rätekommunist Marinus van der Lubbe, welcher laut seines Geständnisses die deutschen Kommunisten zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufrufen wollte. Für die NS-Führung war genau dieser Moment eine günstige Gelegenheit, sich ihrer Gegner zu entledigen. Auf Grundlage von allerdings bereits vorbereiteten Listen wurden führende Kommunisten verhaftet und die KP-Presse unbefristet sowie die SPD-Zeitungen für 14 Tage verboten.25 Am 1. März unterzeichnete Reichspräsident Hindenburg die von der NS-Regierung vorgelegte Notverordnung »zum Schutz von Volk und Staat«, welche wichtige Grundrechte der Weimarer Verfassung − die Freiheit der Person, Recht auf freie Meinungsäußerung, Presse- und Versammlungsfreiheit − außer Kraft setzte.26 Auch der C.-V. war unmittelbar von diesen Entwicklungen betroffen, als am selben Tag SA und Polizeikräfte das Hauptbüro des Vereins in der Emser Straße in Berlin-Wilmersdorf durchsuchten.27 In der am Tag darauf erscheinenden C.-V.-Zeitung gab es Stellungnahmen zu beiden Ereignissen:
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Vgl. Paucker: Der jüdische Abwehrkampf gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus in den letzten Jahren der Weimarer Republik, Hamburg 1968, S. 118. Die Idee der Broschüre »Anti-Anti« war es, antisemitischen Äußerungen unmittelbar mit Gegenargumenten zu begegnen; vgl. Paucker: Der jüdische Abwehrkampf (wie Anm. 22), S. 48. Barkai, »Wehr Dich!« – Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1893–1938, München 2002, S. 273. Bauer, Nationalsozialismus (wie Anm. 10), S. 199. Ebd., S. 200. Ebd., S. 273.
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»Zu den polizeilichen Durchsuchungen in den Räumen des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens C. V. erklärt der Central-Verein: ›Der Central-Verein ist die Vereinigung der deutschen Juden, deren Aufgabe die Bekämpfung des Antisemitismus ist. Diesen Kampf führt der Central-Verein im vollen Lichte der Oeffentlichkeit und ausschließlich auf legalem Wege. Die Druckschriften des Central-Vereins sind in vielen tausend Exemplaren der deutschen Oeffentlichkeit immer zugänglich gewesen. Aus der grundsätzlichen Einstellung des Central-Vereins, die ihm die unbeirrte Pflege der deutsch-vaterländischen Gesinnung und die kraftvolle Verteidigung der jüdischen Religion gegen jegliche Angriffe zur Pflicht macht, ergibt sich die Unmöglichkeit jeder Verbindung mit kommunistischen Zielen. Wir weisen jede Behauptung eines wie immer gearteten Zusammenhangs mit jeder staats- und religionsfeindlichen Bewegung voll Entrüstung zurück.‹«28 Mit diesem Tenor sprach der C.-V. eine offenkundige Wahrheit aus. Unbestreitbar war der Verein selbst fern jeglicher Sympathien für den Kommunismus, rekrutierte er sich doch aus dem liberalen Bürgertum von Anwälten und Journalisten.29 Gleichwohl hatte das kurz zuvor aufgelöste »Büro Wilhelmstrasse« Kontakt zu KPD und SPD30, sodass die Verbindung zwischen C.-V. und linken politischen Strömungen nicht völlig aus der Luft gegriffen war. Das war der Grund, warum der C.-V. nun versuchte, sich gegenüber dem NS-Regime als »anständiger« Verein im Sinne von Treue gegenüber dem Staat darzustellen. Und so machte der Verein damit einen ersten Schritt in die Richtung der Verleugnung der in den Jahren zuvor geleisteten Abwehrarbeit gegen die Nationalsozialisten. Ausführlicher äußerte sich eine Woche später ein Augenzeuge des Geschehens, Alfred Wiener, welcher ausführlich in der C.-V.-Zeitung über die Durchsuchung berichtete: »Am Mittwoch, den 1. März, gegen 3 Uhr nachmittags, erschien in der Berliner Hauptstelle des C. V. mehrere Kriminalbeamte mit einer SA-Abteilung. Die Polizei gab an, die Dringlichkeit der Bestellung eines Koffers durch einen Angestellten habe den Verdacht erregt, als geschehe etwas was mit kommunistischen Umtrieben in Zusammenhang stehe. Ferner wurde staatsfeindliches Material in einem Kellerraum des Vereins vermutet. Dieser wurde durchsucht. Dabei wurde altes, heute unbrauchbares antinationalsozialistisches Flugblatt- und Broschürenmaterial in
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CVZ, Nr. 9, XII. Jahrgang, Berlin 02.03.1933, S. 69. Der Historiker Arnold Paucker gibt das Wahlverhalten der C.-V.-Mitglieder − unter Vorbehalt − bis 1930 mit folgenden Werten an: DDP 64 %, SPD 28 %, DVP 4 %, KPD 4 %. Bei den Wahlen im Jahr 1932 ergab sich demnach folgende Verschiebung: DStP 19 %, SPD 62 %, DVP 3 %, Zentrum 5 %; vgl. Paucker, Arnold: Das Berliner liberale jüdische Bürgertum im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens‹, in: Rürup, Reinhard (Hg.) Jüdische Geschichte in Berlin, Berlin 1995, S. 222. Paucker: Der jüdische Abwehrkampf (wie Anm. 22), S. 116f.
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kleinem Umfange gefunden, das aus dem Jahre 1930 stammte. Der Keller wurde versiegelt. Der Syndikus des Centralvereins, Dr. Alfred Wiener, konnte der Polizei die nötigen Aufklärungen geben. Die Räume des Vereins blieben mehrere Stunden bis zum Eintreffen der politischen Polizei besetzt. Zwei Mitarbeiter wurden schon vorher der Polizei zur Vernehmung vorgeführt und in später Nachstunde entlassen, da sich keine strafbare Handlung bei ihnen ergab. Die politische Polizei ließ alle Angestellten des Vereins und inzwischen erschienene Besucher aus den Vereinsräumen sich entfernen. Dann fand die Durchsuchung sämtlicher Räume statt, bei der nicht gefunden wurde, was für den Centralverein belastend wäre. Die Polizei rückte zu später Stunde wieder ab.«31 Auffällig an Wieners Bericht war vor allem der vorletzte Satz, in der ein C.-V.-Syndicus betonte, dass »nichts Belastendes« für den C.-V. gefunden worden sei. Dieses so Bezeichnete waren aber wohl Materialien, mit welchen der Verein in den frühen 1930er-Jahren das Zustandekommen einer nationalsozialistischen Diktatur bekämpfte. Selbst antisemitische Flugblätter aus dem Jahr 1930 wurden nun als Belastungsmaterial angeführt, welches aber wohl für schärfere Maßnahmen nicht ausreichte. Mit dieser Darstellung übernahm der C.-V. durch seine Zeitung bereits die Logik der Nationalsozialisten und begab sich auf einen, wenn auch kurzen Irrweg, der sich bis zum Ende des Jahres 1933 fortsetzen sollte. Zum Reichstagsbrand äußerte sich der Verein in der Ausgabe der C.-V.-Zeitung vom 2. März 1933. Auch hier schlug der C.-V. einen »patriotischen«, sich mit der Regierung gemein machenden Tonfall an. Der Verein brachte seine aufrichtig gemeinte Erschütterung zum Ausdruck, indem er die Tat als Schandtat verurteilte. Als Konsequenz sollte den Hetzern, »die Deutsche gegen Deutsche aufwiegeln, unterschiedslos das Handwerk gelegt werden, und möge vor allem die Staatsgewalt die Kraft aufbringen, dem unseligen Bürgerkrieg mit eiserner Faust ein Ende zu bereiten«.32 Mit dieser Bewertung der Lage rechtfertigte der zutiefst liberal und demokratisch gesinnte C.-V. die Verhaftungen von kommunistischen Oppositionellen durch die Nationalsozialisten und stimmte nun einen gar martialisch anmutenden Ton an, um sich nochmals deutlich als nicht staatsfeindliche Institution hervorzuheben und seinen wahrhaft empfunden Patriotismus herauszustellen, der allerdings in dieser Situation in keiner Weise angebracht war. Als besonderen Beleg zog der Verein die im Ersten Weltkrieg für Deutschland gefallenen jüdischen Frontkämpfer heran, um sich gegen Ausschreitungen nichtjüdischer Deutscher zu schützen. Geradezu konfus mutete dann wiederum der Schluss des Artikels an, in dem der C.-V. ankündigte, den Kampf um Gleichberechtigung »mit allen erlaubten Mitteln
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CVZ, Nr. 10, XII. Jahrgang, Berlin 09.03.1933, S. 78. Ebd.
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