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Werner Nerlich (Leseprobe)

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Werner Nerlich Ehrenbürger Künstler Kulturfunktionär

Herausgegeben im Auftrag der Landeshauptstadt ­Potsdam, Der Oberbürgermeister Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte Jutta Götzmann

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Der Katalog wurde durch das Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg gefördert.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD - ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © Landeshauptstadt Potsdam, Der Oberbürgermeister, Potsdam Museum - Forum für Kunst und Geschichte be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2015 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Konzeption und Koordination: Dr. Jutta Götzmann Redaktion: Dr. Jutta Götzmann, Hannes Wittenberg, Anja Tack Autoren Katalogtexte: Dr. Anna Havemann (»Malerei«, »Baugebundene Kunst«), Hannes Wittenberg (»Stationen eines Lebensweges«), Dr. Sylke Wunderlich (»Plakate«) Bildredaktion: Anja Tack, Judith Granzow Fotografische Reproduktion: Werner Nerlich jun. (S. 14 und 15); alle übrigen Reproduktionen: Michael Lüder im Auftrag des Potsdam Museums; alle Originalfotografien siehe die jeweilige Bildunterschrift. Nicht in allen Fällen war es möglich, die Inhaber der Urheberrechte zu ermitteln. Berechtigte Ansprüche werden im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten. Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Umschlag & Satz: typegerecht, Berlin Schrift: DTL Albertina 10/13 pt Druck und Bindung: Finidr, Cˇesky´ Teˇˇs ín ISBN 978-3-95410-066-8 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt 7 Jann Jakobs

Grußwort 8 Jutta Götzmann

Vorwort

E S SAYS

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Von Babelsberg an die Front und zurück

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Wolfram Adolphi

Der Antifaschist Werner Nerlich

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Anna Havemann

Architekturbezogene Kunst im Dienst des DDR-Staates

Am Beispiel des Wandbildes von Werner Nerlich »Potsdamer Alltag«

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Anja Tack

Bitterfeld in Potsdam

Werner Nerlich: Künstler und Funktionär

K ATA LO G

45 Baugebundene Kunst 57 Malerei 73 Plakate 85 Stationen eines Lebensweges

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Grußwort Aus Anlass des 100. Geburtstages des Potsdamer Ehrenbürgers, des Malers und Grafikers Werner Nerlich, zeigt das Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte eine Ausstellung zum Leben und Werk eines Mannes, dessen Biografie in besonderer Weise von den Turbulenzen des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Der 1915 in Nowawes (heute Babelsberg) Geborene wurde nach dem Kunstgewerbestudium bei Max Kaus und Hans Orlowski in Berlin 1939 direkt in den Krieg eingezogen. Als Soldat der Wehrmacht begab er sich im Inferno von Stalingrad in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Besuch einer Antifa-Schule entschied er sich für den aktiven Einsatz im Kampf gegen den Faschismus. Zunächst entwarf er Flugblätter, später sprach er über Lautsprecher zu den deutschen Soldaten und forderte sie auf, die Waffen niederzulegen. Lang war sein Weg an der Seite der Roten Armee vom Einsatz als Frontbeauftragter des Nationalkomitees »Freies Deutschland« bis zur Rückkehr in seine Heimatstadt Potsdam. Die Kriegserlebnisse und der starke Willen, alles dafür zu tun, dass sich Ähnliches niemals wiederholen darf, bestimmten sein weiteres Leben. Als KPD -Mitglied beauftragte ihn im Sommer 1945 der damalige Präsident der Provenzialverwaltung des Landes Brandenburg mit dem Aufbau des Kraftverkehrswesens. Aber bald organisierte sich das kulturelle Leben in der Landeshauptstadt. Werner Nerlich versuchte, wieder in seinem Beruf als Künstler Fuß zu fassen. Der Gedanke, in Potsdam eine Kunstschule zu gründen, ließ ihn nicht los. 1947 fand er in der Potsdamer Schopenhauerstraße einen geeigneten Ort für die Landesmalschule. Was hier in einem einzigen Raum begann,

Grußwort

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führte er zur Fachschule für Angewandte Kunst Potsdam und später zur Fachschule für Werbung und Gestaltung Berlin mit der Außenstelle Potsdam. Als Kunstlehrer legte er besonderen Wert auf praxisorientiertes, interdisziplinäres, komplexes künstlerisches Arbeiten. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland belegten neben vielen Auszeichnungen bei Wettbewerben den hohen Stellenwert der Schule im Vergleich mit anderen Kunsthochschulen. Der Idee der Einheit von Kunst und Architektur folgend, hat Nerlich in seiner Heimatstadt Potsdam und an vielen anderen Orten vielfältige Zeugnisse von Kunst im öffentlichen Raum geschaffen. Nach seiner Pensionierung im Jahr 1974 wurde in den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens die Beschäftigung mit der Aquarell- und Pastellmalerei der Abschluss seines langen schaffensreichen künstlerischen Lebens. Bilder voller Spannung und Dynamik, die nur durch intensives Erleben und Erfühlen der Natur möglich waren, entstanden. »Ach, hätte ich doch immer nur malen können …«, so resümierte er am Ende seines Lebens. Die Stadt Potsdam erinnert mit dieser Ausstellung an ihren Ehrenbürger Werner Nerlich, der nicht nur durch die Schöpfung des Potsdamer Stadtwappens vielfältige Spuren in seiner Heimatstadt hinterlassen hat. Mein Dank geht an das Projektteam des Potsdam Museums unter Leitung von Frau Dr. Götzmann, das die Ausstellung und den Katalog konzipiert und umgesetzt hat. Jann Jakobs Oberbürgermeister der Stadt Potsdam

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Vorwort Das Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte besitzt in seinem Museumsquartier Am Alten Markt ein großes Wandgemälde des 1999 verstorbenen Malers und Grafikers Werner Nerlich, dem anlässlich der ­Wiederkehr seines 100. Geburtstages eine Werkschau gewidmet ist. Als Teil des Museumsfoyers steht das Wandgemälde in Seccomalerei als Zeugnis für das vielfältige Schaffen des Potsdamer Künstlers, zugleich verweist es aber auch auf die Nutzungsgeschichte des Gebäudekomplexes. Als sozialistisches Kulturhaus in der Bezirksstadt Potsdam zeichnete sich das Alte Rathaus seit 1966 auch als Ort für kulturpolitische Veranstaltungen, Ausstellungen und Ehrungen aus. Folgerichtig erhielt Werner Nerlich hier am 6. Mai 1970 die Ehrenbürgerurkunde zugesprochen. Das Potsdam Museum geht in seiner Ausstellung zu Werner Nerlich über das Thema der Auszeichnung hinaus und stellt das Leben und Werk eines Mannes vor, dessen Biografie in besonderer Weise von den Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Der 1915 in Nowawes, dem heutigen Babelsberg, geborene Sohn eines Malermeisters wurde nach dem Stu-

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dium an der Meisterschule des deutschen Handwerks in Berlin Charlottenburg 1939 in den Krieg eingezogen. Als Soldat der Wehrmacht begab er sich im Kessel von ­Stalingrad in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Besuch einer Antifa-Schule entschied er sich, als deutscher Kriegsgefangener an der Seite der Roten Armee aktiv für die Beendigung des Krieges einzutreten. Zunächst entwarf er Flugblätter, später forderte er deutsche Soldaten auf, die Waffen niederzulegen. Als Frontbeauftragter des Nationalkomitees »Freies Deutschland« kehrte Werner Nerlich Ende April 1945 mit der Roten Armee in seine Heimatstadt Potsdam zurück. Im Sommer 1945 beauftragte ihn der damalige Präsident der Provinzialverwaltung des Landes Brandenburg mit dem Aufbau des Kraftverkehrswesens. Nerlich, der darauf bedacht war, seine künstlerischen Interessen und Fähigkeiten mit neuen Herausforderungen zu verbinden, ergriff in Potsdam die Initiative zur Gründung einer Kunstschule, die sich 1947 in der Etablierung der Landesmalschule realisierte. Seit 1955 bildete sie die Außenstelle der Berliner Fachschule für Angewandte Kunst. Ab 1967 trug sie den Titel Fachschule für Werbung und Gestal-

Vorwort

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tung. Noch heute besteht die Abteilung Restaurierung an der Fachhochschule Potsdam fort. Neben einer großen Zahl von grafischen Arbeiten, die in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg entstanden sind, beschäftigte sich Nerlich nach seiner Pensionierung als Direktor der Fachschule im Jahr 1974 vorzugsweise mit der Aquarell- und Pastellmalerei. Darüber hinaus hat er als Künstler in seiner Heimatstadt Potsdam und an anderen Orten, wie Berlin, Wünsdorf und Minsk, vielfältige Zeugnisse von Kunst im öffentlichen Raum geschaffen. Die Konzeption der Ausstellung spiegelt die Lebensstationen Werner Nerlichs und seine Tätigkeit als Künstler, Gebrauchsgrafiker und Kulturpolitiker in vier Themenkomplexen wider. Die Eingangssektion ist seiner Biografie vor der Folie des 20. Jahrhunderts vorbehalten. Es folgt ein eindrucksvoller Überblick über das vielfältige Spektrum seiner baugebundenen Kunst. Die beiden weiteren Sektionen der Sonderausstellungsfläche sind seiner bildenden Kunst sowie seiner umfangreichen gebrauchsgrafischen Tätigkeit gewidmet. Neben einigen Exponaten aus der eigenen Museumssammlung werden zahlreiche Leihgaben präsentiert.

Vorwort

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An dieser Stelle geht mein besonderer Dank an die Familie, an Dorothea und Werner Nerlich jun., die die Ausstellung mit ihren Leihgaben großzügig unterstützt und alle Phasen der Vorbereitung aktiv begleitet haben. Dem wissenschaftlichen Projektteam unserer Ausstellung, namentlich Anja Tack, Anna Havemann und Oliver Max Wenske, unterstützt durch Hannes Wittenberg, möchte ich für seine intensive Recherche und die Umsetzung der Ausstellung danken. Ihnen, wie auch Wolfram Adolphi, verdanken wir Beiträge im begleitenden Katalog. Für die überzeugende Ausstellungsgestaltung geht mein Dank an Ulrike Riemann, für den Ausstellungskatalog an den be.bra verlag in Berlin. Den Besuchern der Ausstellung wünsche ich eine interessante Begegnung mit dem Leben und Werk Werner Nerlichs.

Jutta Götzmann Direktorin des Potsdam Museums – Forum für Kunst und Geschichte

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Essays

Vorwort

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Von Babelsberg an die Front und zurück Ausbildungszeit Werner Nerlich wurde am 3. Juli 1915 als Sohn des Malers Fritz Nerlich (1888–1974) in der Nowaweser Goethe­ straße 39 geboren. Dort führte der Vater zunächst von 1921 bis zu seiner Meisterprüfung 1922 auch sein erstes Geschäft. Ab 1927 zog die Familie in die Wallstraße 5 (heute Karl-Gruhl-Straße 5) um. Auch die Werkstatt des Maler­ geschäfts befand sich auf dem gleichen Grundstück.1 Ab 1934 wurde in den Adressbüchern der Stadt Potsdam der Eintrag »Fritz Nerlich, Malermeister, ­Wilhelmstraße 96« (heute Alt Nowawes 96) geführt. Hier befanden sich die Wohnung der Eltern und das Geschäft des Vaters, der dort als selbstständiger Malermeister bis zum Eintritt in den Ruhestand 1962 tätig war. Von 1943 bis 1945 war Fritz Nerlich in der NSDAP, gemäß Innungsprotokoll war er nach 1945 in keiner Partei.2 Sein Sohn Werner wuchs nach eigenen Aussagen als Kind eines Handwerkermeisters weitgehend frei von politischer Beeinflussung auf. In einem Interview gab Nerlich 1995 zu Protokoll, dass er einer kleinbürgerlichen Familie entstammte und sein Vater politisch nicht sehr interessiert war. Weiter berichtete er, dass er selbst schon frühzeitig den Wunsch hegte, Architektur zu studieren.3 Doch das Fehlen eines höheren Schulabschlusses und die wirtschaftliche Situation seiner Familie während der

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Weltwirtschaftskrise brachten den jungen Werner Nerlich dazu, ab 1930 eine vierjährige Lehre im väterlichen Betrieb zu beginnen. In mehreren biografischen Skizzen zum Werdegang Werner Nerlichs finden sich Hinweise, dass der väterliche Betrieb zahlreiche Aufträge aus der Villenkolonie Neubabelsberg bekam, die den Sohn schon während der Ausbildungszeit zum Malergesellen und der anschließenden zweijährigen Gesellenzeit auch für die Beschäftigung mit künstlerischen und kulturellen Themen empfänglich machten. Ab 1936 wurde der talentierte Malergeselle Werner Nerlich für ein Studium an der Meisterschule des ­deutschen Handwerks (vormals Kunstgewerbe- und Handwerkerschule) in Berlin Charlottenburg zugelassen. Sein Studium absolvierte Nerlich unter anderem bei Professor Hans Orlowski und Professor Max Kaus. Gleich nach Beendigung seines Studiums 1939 erfolgte die Einberufung zum Militärdienst.

Krieg und Gefangennahme Als junger Soldat wurde Werner Nerlich als Kraftfahrer in einer Pionierkompanie eingesetzt. Die Infanteriedivision, zu der Nerlichs Einheit gehörte, kämpfte zunächst an der Westfront, später in Rumänien und schließlich an

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Werner Nerlich (rechts), während seiner Gesellenzeit mit Kollegen, vermutlich in der Kolonie Steinstücken oder Neubabelsberg, um 1935, Privatbesitz

Werner Nerlich (Mitte, sitzend) beim Naturstudium im ­Babelsberger Park, vermutlich während seines Studiums, 1930er-Jahre, Privatbesitz

der Ostfront von Stalingrad. Hier erlebte Werner Nerlich aus nächster Nähe die Schrecken des Krieges. In aussichtsloser Situation im Kessel von Stalingrad entschloss sich der Obergefreite am 2. Januar 1943, zusammen mit einem Kameraden und zwei zur Rückkehr bereiten Überläufern aus der Roten Armee, freiwillig auf die Seite der sowjetischen Stellungen zu wechseln. In dem bereits erwähnten Interview von 1995 berichtet Nerlich nur in Andeutungen über die Situation nach der Gefangennahme: »Im ersten Lager, dessen Zustände ich nicht näher beschreiben will, bildete sich ein ›Antifa-Komitee‹, bestehend aus drei Mann. Ich gehörte dazu. Großen Einfluss übten hier Politkommissare aus – deutsche Emigranten.« Über den sicherlich tragischen Ausgang nach der Rück-

kehr der beiden sowjetischen Soldaten berichtet Nerlich nur in Andeutungen. Im sowjetischen Gefangenenlager bei Stalingrad bemühte sich Werner Nerlich durch Tätigkeiten in der Bibliothek und als Wandzeitungsgestalter aktiv um eine Aufnahme in die Antifa-Schule. Die seit 1942 in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern bestehenden Antifa-Schulen dienten der politischen Schulung und der Umerziehung deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion für ihren späteren Einsatz als ­Deutsche in der Arbeit mit Deutschen. Mit der Aussicht auf bessere ­Verpflegung, Freistellung von körperlicher Arbeit und einer schnelleren Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wurden neue Schüler angeworben. Als

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Handgeschriebene Rückseite eines Briefkopfes von Werner Nerlich, 1943/45, DHM, Do 2005/498

Teil der Ausbildung an den Antifa-Schulen wurden ­beispielsweise Entwurfsarbeiten für Flugblätter von Absolventen gestaltet, die deutsche Soldaten an der Front erreichen sollten.4 Die Mehrzahl der Flugblattentwürfe von Werner Nerlich, die sich im Familienbesitz erhalten haben und in die Sammlung des Deutschen Historischen Museums übernommen wurden, stammen vermutlich aus seiner Zeit als Antifaschüler. Dass es sich bei diesen Entwürfen um Vorzeichnungen und um Unikate handelt, die nie zur Drucklegung gelangten, ist anzunehmen. Auch der oftmals persönlich gehaltene Inhalt lässt nicht auf die Absicht Werner Nerlichs schließen, seine Eltern in Babelsberg durch die Vervielfältigung und Bekanntgabe seines freiwilligen Überlaufens zur Roten Armee Repressalien

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auszusetzen. Dass aber auf seinen Flugblattentwürfen auch Aufrufe für einen Übertritt zum National­komitee »Freies Deutschland« zu finden sind, kann durchaus als persönliche »Bewerbung« für eine Aufnahme in das Nationalkomitee verstanden werden. Unter Einbeziehung des im Moskauer Exil arbeitenden Politbüros der KPD war 1943 auf Initiative der sow­ jetischen kommunistischen Partei, der Militärführung und unter Aufsicht des Geheimdienstes das Nationalkomitee »Freies Deutschland« als Zusammenschluss von deutschen Kriegsgefangenen und Exilanten zum Kampf gegen den Nationalsozialismus gegründet worden. Über Lautsprecherwagen an der Frontlinie, Rundfunksendungen und durch das Abwerfen von Flugblättern wurde versucht, deutsche Soldaten zum Überlaufen oder zur freiwilligen Gefangennahme durch die Rote Armee zu bewegen. Das Risiko für deutsche Wehrmachtsangehörige war hoch, ergriffenen Überläufern drohte die Todesstrafe. Auch Werner Nerlich, der bereits einige Monate vor der Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« desertiert war, schilderte in mehreren Interviews, dass er sich des Risikos eines Frontwechsels sehr wohl bewusst gewesen war, aber keine andere Möglichkeit des Überlebens mehr für sich gesehen hatte. Umso eindeutiger ist nach dem geglückten Frontenwechsel auch sein überzeugtes Eintreten für einen Übertritt zum Nationalkomitee »Freies Deutschland« in seinen grafischen Arbeiten zu verstehen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt entstand der Wunsch, nicht mehr die Wehrmachtsuniform tragen zu müssen, dem später auch entsprochen wurde. Neben den Flugblattentwürfen haben sich aber auch einige farbige Karikaturen Werner Nerlichs erhalten, die schon seine künstlerische Veranlagung zeigen. Vermutlich sind diverse Vorlagen von sowjetischen Plakatkünstlern für ihn Inspirationsquelle gewesen. So zeigt eine Arbeit Werner Nerlichs etwa eine große Nähe zu einem Plakat der sowjetischen Künstlergruppe Ku­kryniksy

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aufgezeichnet hat. Die Notizen vermitteln einen guten Überblick über die Inhalte der Antifa-Schulung in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.6

Nationalkomitee »Freies Deutschland«

Handgezeichnete Karikatur von Werner Nerlich, Sowjetsoldat schlägt Hitler mit der Faust ins Gesicht, 1943/44, DHM, Do2 2005/491

von 1941, mit dem russischen Titel: »Erbarmungslos zerschlagen und vernichten wir den Feind«. Ohne den Text von Kukryniksy zu übernehmen, verwendet Nerlich die Motivaussage in abgewandelter Form für seinen eigenen Entwurf. Ein sowjetischer Soldat schlägt aus der oberen rechten Bildhälfte auf den karikierten und halb so großen Hitler am linken Bildrand ein.5 Dieser Wunsch, Hitler in seine Schranken zu weisen und an der Seite der Roten Armee zu stehen, scheint für Werner Nerlich in seiner Kriegsgefangenschaft zu einem zentralen Anliegen geworden zu sein. Ein wichtiges Dokument aus dem Nachlass von Werner Nerlich ist ein Notizbuch, in dem er ab Ende 1943 bis Anfang 1944 die Lektionen der Antifa-Schule

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Ab Juli 1944 war Nerlich für das Nationalkomitee »Freies Deutschland« im Fronteinsatz. Dort bestand seine Tätigkeit unter anderem darin, übergelaufene deutsche Soldaten zu ihrer Herkunft und zur Stimmungslage an der Front zu befragen. Auch hierzu finden sich interessante und zugleich erschütternde Dokumente, so zum Beispiel der Bericht von zwei geflohenen Häftlingen aus dem Konzentrationslager Treblinka. Weiterhin gibt ein Arbeitsbericht über die Zeit vom 20. Juli bis zum 28. August 1944 als »Frontbeauftragter« detailliert Auskunft darüber, wie viele deutsche Soldaten übergelaufen waren. In seinen Aufzeichnungen notierte Nerlich immer wieder ausführlich die Antwort auf eine mehrfach gestellte Frage. In dieser ging es um mögliche Konsequenzen für die nächsten Angehörigen der Wehrmachtssoldaten, wenn bekannt wurde, dass diese desertiert waren. Alle Befragten schilderten eindringlich, dass die Truppenführer offen mit Repressalien gegenüber Verwandten drohten, sollte ein Soldat desertieren.7 Durch diese Befragungen muss Nerlich bewusst gewesen sein, dass seine gezeichneten Flugblattentwürfe mit Name und Anschrift seiner Eltern und dem Aufruf, zum Nationalkomitee »Freies Deutschland« überzutreten, die Familie in der Heimat ernsthaft gefährdet hätten. Deshalb ist davon auszugehen, dass ein großer Teil der undatierten Flugblattentwürfe vor Mitte 1944 entstanden sind. Interessant ist auch eine Notiz zum Stimmungsbild in der Truppe nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944. Der Befragte hatte von Enttäuschung in der Truppe berichtet, als bekannt geworden war, dass

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Werner Nerlich (Mitte, in sowjetischer Uniform ohne Rang­ abzeichen) bei einer Rundfunkansprache zusammen mit zwei sowjetischen Offizieren, Ostpreußen, 1944, Privatbesitz

es einen Attentatsversuch auf Adolf Hitler gegeben hatte, der fehlgeschlagen war. Nerlich notierte die Äußerung des Soldaten, dass hinter vorgehaltener Hand spekuliert wurde, der Krieg wäre bei einem geglückten Attentat mit Sicherheit zu Ende gegangen. Für Werner Nerlich gestaltete sich das Kriegsende anders als für die meisten Soldaten. Ohne Dienstgrad und Schulterklappen, unbewaffnet und als deutscher Kriegsgefangener im Auftrag des Nationalkomitees »Freies Deutschland« rückte der knapp 30-Jährige 1945 mit dem sich nach Westen verschiebenden Frontverlauf an der Seite der späteren Siegermacht auf die Heimatstadt vor. Über Minsk gelangte Werner Nerlich schließlich nach Potsdam und Berlin. Je näher er der Heimatstadt kam,

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umso größer wurde sein Wunsch, endlich wieder das Elternhaus betreten zu können. In einer Dokumentation von 1995 äußert sich Werner Nerlich dazu sichtlich bewegt vor der Kamera:8 »… wenn man jahrelang von der Heimat, von der Familie entfernt ist, da ist man daran interessiert, wenn man praktisch so nah lebend vor der Haustür steht, natürlich das Risiko einzugehen, jetzt willst du es unbedingt erleben, was passiert jetzt da. Und nach langem, immer wieder Drängeln, (…) war dann doch mein Stabsoffizier Illjuschenkow, das war ein Oberst, (…) den habe ich, glaube ich, so weich geklopft, der sagte: ›Gut Werner, wir nehmen einen Jeep‹, – wir hatten damals einen amerikanischen Jeep –, ›da fährt der Fahrer, der Grischa mit, (…) die Dolmetscherin kommt mit und noch ein Offizier und du, und ihr saust jetzt nach Potsdam!‹ Die Situation war so, dass Babelsberg sich ergeben hatte und wir praktisch von Großbeeren hereinfuhren in die Stadt, über Güterfelde nach Babelsberg. Da sah ich natürlich schon in der Großbeerenstraße, dass überall die weißen Fahnen aus den Wohnungen raushingen, Straßen waren leer, Geschütze waren ruhig, – praktisch kein Kanonendonner zu hören! Ich kam direkt nach Babelsberg hinein. (…) Die Haustür in dem Haus, wo wir wohnten, war verschlossen, keiner machte auf! Ich hatte ja keinen Hausschlüssel, ich konnte ja nicht rein, – wir haben dann gerufen. (…) Nun muss man sich ja vorstellen, ich war ja nicht in deutscher Uniform. Ich hatte eine russische Offiziersuniform ohne Achselstücke, ohne Waffe, aber sonst war alles wie im Original. Und dann nach langem Drängen öffnete sich diese ­Kette …« In seinem Kalender vermerkte er am 30. April 1945 den Eintrag »Wiedersehen zu Hause«. Eine Zeitzeugin aus Babelsberg berichtet in derselben Dokumentation, dass sich unter den Bekannten und den Nachbarn der Familie Nerlich die Rückkehr des ­Sohnes mit der Roten Armee wie ein Lauffeuer verbreite-

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te. Neben anfänglicher Skepsis über das Erscheinen eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten in sowjetischer Uniformbluse überwog dann doch die Erleichterung. Wenn ein Babelsberger Junge mit den Russen kam, konnte es so schlimm nicht werden. Werner Nerlichs weiterer Werdegang sei an dieser Stelle nur in einer Hinsicht näher betrachtet. Als Angehöriger des Nationalkomitees »Freies Deutschland« und wenig später als Mitglied der kommunistischen Partei war er eigentlich prädestiniert, unter der sowjetischen Besatzungsmacht schnell in der Politik K ­ arriere

Anmerkungen   1 Innungsprotokoll der Malerinnung zu Potsdam, 422.   2 Provinzialverwaltung Mark Brandenburg, Fragebogen für Opfer der Nürnberger Gesetze, 5.12.1946, BLHA , Rep. 401, VDN -5403.   3 Institut für Presse und Zeitgeschichte Potsdam, Gesprächsprotokoll, März 1995.   4 Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Gutachterliche Einschätzung der Unterlagen aus dem Nachlass von Prof. Werner Nerlich, 17.08.2000.   5 Osteuropa-Institut München, Mitteilungen Nr. 55, S. 23.   6 Heft mit Aufzeichnungen von Werner Nerlich zu den Umschulungsmaßnahmen in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, DHM , Inv. Nr. Do2 2005/566.

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zu machen. Zunächst sah es auch so aus, als ob ihn die im Sommer 1945 von dem Präsidenten der Provinzial­ verwaltung des Landes Brandenburg, Karl Steinhoff, übertragende Aufgabe, das Kraftverkehrswesen neu zu organisieren, für eine politisch-administrative Laufbahn vorbereitete. Aber nach seinen eigenen Aussagen lag ihm selbst viel mehr daran, wieder künstlerisch tätig werden zu können. Spätestens mit der Gründung der Landesmalschule in Potsdam entschied sich Werner Nerlich 1947 dann ganz für die Kunst und die Kultur­ politik.

7 Befragung eines übergelaufenen deutschen Soldaten. ­Werner Nerlich notierte am 29.10.1944 nach der Befragung eines übergelaufenen deutschen Soldaten als abschließendes Urteil: »Der Befehl, wenn jemand überläuft, werden seine Angehörigen erschossen, hat bei allen tiefen Eindruck hinterlassen. Keiner will durch diesen Schritt seine Familie preisgeben.«, DHM Do2 2005/553.11.   8 »Ein Ende von Potsdam«, Dokumentation, Havel-Film Babelsberg, 1995.

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Der Antifaschist Werner Nerlich Werner Nerlich wurde am 6. Mai 1970, am Vorabend des Jahrestages der Befreiung vom Faschismus, zum Ehrenbürger der Stadt Potsdam ernannt. Der Tag war mit Bedacht gewählt. 25 Jahre zuvor, am 8. Mai 1945, hatte in Berlin-Karlshorst Deutschland kapituliert, und Nerlich, in Babelsberg geboren, hatte auf der Seite der Sieger und Befreier gestanden, war in der Uniform der Roten Armee in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Wiederum vier Jahre früher, am 22. Juni 1941, war er Teil jenes über drei Millionen Mann starken deutschen Heeres gewesen, das dem Willen Adolf Hitlers und seiner Gesinnungsgenossen in Politik, Wehrmacht, Wirtschaft und Bevölkerung folgend die Sowjetunion in einem Blitzkrieg niederringen und unterwerfen sollte. Aber im Kessel von Stalingrad hatte er Anfang 1943 die Seiten gewechselt.

Kriegserlebnisse und Gefangenschaft Der Kraftfahrer Nerlich ahnte 1941 sehr bald, dass aus den Blitzkriegsplänen nichts werden würde. Zu stark war nach dem Schock der ersten Kriegswochen die sowjetische Gegenwehr. Für ihn bewies dies die Sinnlosigkeit des ganzen Krieges. Er war von seiner Einberufung im Jahre 1939 an stets nur widerwillig Soldat gewesen. Dabei hatte er zunächst Glück gehabt: Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 war er im Saarland eingesetzt, wo es noch keine Kampfhandlungen

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gab; später wurde seine Einheit nach Ostpreußen verlegt, und erneut blieb er von Kampfeinsätzen verschont. Aber militärischer Drill und Standesdünkel stießen ihn auch da ab, für Kriegsbegeisterung war er nicht zu haben. In Ostpreußen brachte ihn eine Befehlsverweigerung bei der Routinekontrolle seines Fahrzeugs ins Militärgefängnis. Nach einer Verlegung seiner Einheit 1941 nach Rumänien wurde er ein zweites Mal verurteilt – diesmal, weil er in Briefen an die Eltern seinen Aufenthaltsort mitgeteilt hatte. Weil seine Einheit aber beim Überfall auf die Sowjetunion gebraucht wurde, musste er diese zweite Strafe nicht mehr antreten. So nahm er teil am Vormarsch der Wehrmacht und geriet im Herbst 1942 mit der 6. Armee und weiteren Kampfverbänden – insgesamt fast 300.000 Mann – in den Kessel von Stalingrad. Ende Januar 1943 wurde die Lage völlig aussichtslos. »Die deutschen Truppen«, so beschrieb es im Rückblick der Divisionskommandeur Generalmajor Dr. Korfes, »elende Trümmer, durch Hunger geschwächt, ohne schwere Waffen und ohne Munition, waren gerade noch fähig, mit dem Aufgebot der letzten Kräfte dumpf und apathisch den Widerstand hinzuschleppen. Unter den Kämpfenden nahm das Massensterben seinen Fortgang. Unbestattet blieben die Toten liegen, vor den wenigen, dem Feuer ausgesetzten Lazaretten türmten sich die Haufen der in hartem Froste erstarrten Leichen. Grauen und grässlicher Jammer hatten ihren Einzug gehalten.«1 Nerlich, gerade mit knapper Not

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einem Spähtruppunternehmen entronnen, entschloss sich mit drei Kameraden zur Flucht auf die andere Seite, zur Roten Armee. Das war ein todesmutiges Wagnis. Denn allen war klar: Würden sie entdeckt werden bei ihrer Desertion, wäre ihnen das Todesurteil sicher. Sie hatten einen Eid geschworen, der Hitler persönlich galt: »Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jeder Zeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.«2 Und Hitler hatte schon in »Mein Kampf« verkündet, welches Schicksal er Deserteuren zugedacht hatte: »Es muss der Deserteur wissen, dass die Desertion gerade das mit sich bringt, was er fliehen will. An der Front kann man sterben, als Deserteur muss man sterben.«3 Der geleistete Eid galt, und dies – wie Nerlich erfahren musste – für viele auch über die Zeit der Kämpfe hinaus. Wenige Stunden nach seiner Desertion kapitulierte die ganze 6. Armee. Gemeinsam mit Tausenden Kriegsgefangenen wurde er zum nächsten Lager in Marsch gesetzt. Tage und Nächte waren sie unterwegs, Kälte, Hunger und Krankheiten forderten weitere Menschenleben, und im Lager kam Hass auf die Überläufer, die Eidbrecher, hinzu. Um die 90.000 deutsche Soldaten und Offiziere, dazu einige Tausend verbündete Rumänen, Ungarn, Kroaten und Italiener gerieten im Kessel in Gefangenschaft. Von den einst 300.000 waren 200.000 in den Kämpfen gefallen, verhungert, an der Ruhr gestorben oder erfroren. Die Rote Armee bezahlte den Kampf um Stalingrad, mit dem sie den deutschen Vormarsch endgültig stoppte, mit dreimal so vielen – fast 600.000 – Menschenleben. Von den 90.000 deutschen Kriegsgefangenen, viele von ihnen schon bei der Gefangennahme krank, unterernährt und demoralisiert, überlebten nur 6.000.

Der Antifaschist Werner Nerlich

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Werner Nerlich vor einem Lkw der Wehrmacht im Fronteinsatz, vermutlich 1940, Privatbesitz

Werner Nerlich war einer von ihnen. Er hatte in a­ llem Unglück unerhört viel Glück. Aber er hatte auch die Kraft, sich auf den Weg zu einem Neuanfang zumachen.

Antifa und Nationalkomitee In den Kriegsgefangenenlagern in der Sowjetunion gab es seit Herbst 1941 Anstrengungen von sowjetischen Propaganda- und Kulturoffizieren, gemeinsam mit antifaschistischen deutschen Soldaten und Offizieren auf die übrigen Gefangenen umerziehend einzuwirken. Diese Anstrengungen blieben lange ohne größeren Erfolg. Nur einige Kommunisten, Sozialdemokraten und andere

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Werner Nerlich in einer sowjetischen Offiziersjacke, ohne Rang­ abzeichen, Mai 1945, Zittau, Privatbesitz

Hitler-Gegner erklärten sich anfänglich zu solcher Zusammenarbeit bereit. Nach der Kapitulation in Stalingrad änderte sich das Bild. Die Schrecken dieser Schlacht bewogen nun eine wachsende Zahl von Soldaten, Offizieren und auch Generälen, über ihre Lage und den künftigen Weg Deutschlands nachzudenken und sich für eine Neuorientierung zu engagieren. Nerlich gehörte zu diesen. Als im Lager deutsche Kommunistinnen und Kommunisten tätig wurden, die in der Sowjetunion im Exil lebten und für Zusammenarbeit warben, verschloss er sich solchen Gesprächen nicht. Bald bekam er den Auftrag, sich um die Lagerbibliothek zu kümmern. Dort gewann er in zahl­ losen Gesprächen andere Gefangene dafür, offen für eine Beendigung des Krieges einzutreten.

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Im September 1943 wurde Nerlich in das Kriegsgefangenenlager Nr. 165 bei Gorki verlegt. Er hatte um diese Verlegung gekämpft – davon überzeugt, dass ihm das dortige Schulungsprogramm helfen würde, sein Leben neu auszurichten. Im Lager hörte er Vorlesungen zu den Ursachen und zum Verlauf des Krieges, zur Entstehung des Faschismus, zur Geschichte der Sowjetunion und zur marxistisch-leninistischen Gesellschaftstheorie. Nerlichs Lehrer waren kommunistische Politiker wie Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Wilhelm Florin und Edwin Hoernle, auch die Schriftsteller Erich Weinert und Willi Bredel. Im Lager Nr. 165 wurde Nerlich auch Mitglied des Nationalkomitees »Freies Deutschland« (NKFD). Das NKFD und der wenig später entstehende Bund Deutscher Offiziere (BDO) waren von Stalin angestoßene Gründungen deutscher Emigranten und Kriegsgefangener, die – ähnlich anderen Widerstands- und Exilgruppen bei den westlichen Alliierten – »eigenständige patriotische Ziele hatten und entwickelten, um auf ihre Weise einen Beitrag zum angestrebten Sturz Hitlers zu liefern«. Sie vereinten Hitlergegner, »die in der Kriegsgefangenschaft vielleicht deutlicher als andere den verbrecherischen Charakter des NS -Regimes erkannten und die bevorstehende militärische Niederlage des Dritten Reiches kommen sahen«, Menschen, die »als Patrioten unterschiedlicher politischer Richtung und Couleur« verhindern wollten, »dass Deutschland als Nation in der Katastrophe unterging«.4 Präsident des NKFD war Erich Weinert, als Vizepräsidenten gewählt wurden Luftwaffen-Leutnant Heinrich Graf von Einsiedel, Soldat Max Emendörfer und Major (Ing.) Karl Hetz. Vizepräsident wurde später auch der BDO -Präsident General Walther von Seydlitz. Als NKFD -Mitglied kam Nerlich im März 1944 ins Gefangenenlager Nr. 27 in Krasnogorsk. Mit seiner ausdrücklichen Bereitschaft, nach dem Krieg am Aufbau eines neuen Deutschland mitzuwirken, hielt man ihn

Wolfram Adolphi

08.04.15 10:28


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