»Was kann das Vaterland dafür!?« »Bewahre mir die Briefe für später auf.« Otto Meyer
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Andreas Meyer (Hrsg.) Martin Albrecht
Als deutscher Jude im Ersten Weltkrieg Der Fabrikant und Offizier Otto Meyer
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Na tionalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb. d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zu stimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfäl tigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Sys temen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2014 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Johanna Munzinger, Berlin Umschlaggestaltung: typegerecht, Berlin Innengestaltung: Friedrich, Berlin Schrift: Augury 10/14pt Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín ISBN 978-3-95410-034-7
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Inhalt
Vorwort 7 Einführung 9 Otto Meyer – Eine biografische Skizze
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Juden im preußischen Heer
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Mitteilungen aus dem Feld
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Illustrierte Briefe von der Westfront 1915–1918
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Feldpostbriefe und Tagebücher 1915–1918
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Epilog des Herausgebers
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Anhang 135
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Vorwort
Eines muss man meinem Onkel Andreas Meyer in Israel, dem Herausge ber dieses Buches lassen: Ohne ihn wäre so mancher historische Schatz nicht gehoben und so manches Kapitel unserer Familiengeschichte nicht aufgeschlagen worden. In unermüdlicher Kleinarbeit hat er Stammbäume erstellt und Fotographien gescannt, hat Dokumente archiviert und Erinne rungen gesammelt. Er hat dafür gesorgt, dass das Leben deutscher Juden in Israel, ihre erzwungene Flucht dorthin und ihre Herkunft in Ausstellun gen und Museen, Filmen und Veröffentlichungen festgehalten und an schaulich gemacht wurde und wird. Vor einigen Jahren initiierte er die Neuauflage der bereits 1908 erschienen »Berliner Bilder und Erinne rungen – Aus guter alter Zeit« seines Großvaters Alexander Meyer, eine Sammlung von Aufsätzen über das zur Weltstadt erwachende Berlin. Nun hat er aus der Hinterlassenschaft seines Vaters Otto Meyer ein Buch zusammengestellt, das dessen Lebensgeschichte und Erfahrungen im Ersten Weltkrieg auf vielfältige Weise wiederspiegelt. Am Beispiel Otto Meyers werden uns Nachgeborenen noch einmal – für manche vielleicht erstmalig – Drama und Elend des Ersten Weltkriegs und der darauf fol genden Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten bewusst gemacht. Die reichhaltigen Materialien, die Otto Meyer uns hinterlassen hat, seine Tagebuchaufzeichnungen, seine Fotografien und seine Zeichnungen for men und vertiefen die Erinnerung an eine Zeit, die nahezu alle von uns nur noch aus Büchern kennen können. Er hat sie seinen Kindern und nun auch uns hinterlassen, um »damit ein Andenken an eine Zeit zu geben, die spä tere Geschlechter sicher einmal als eine der wichtigsten Epochen unserer Geschichte betrachten werden«. Der persönliche Ton und seine Bildhaf tigkeit machen aus dem vorliegenden Band mehr als nur eine historische Dokumentation und politische Analyse. »Wenn meine Schrift gegenüber offiziellen Kriegsgeschichten irgendetwas voraus hat, so ist es eben, wie ich glaube, das, dass in ihr der Alltag des Soldaten, die kleinen Erlebnisse,
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die Gedanken an die Heimat und alle die Sorgen und Hoffnungen lebendig sind, die in Geschichtswerken fehlen müssen«. Hier wurde eben nicht nur Familiengeschichte geschrieben, sondern eine Seite deutscher Geschichte, eine Seite jüdischer Geschichte aufgeschlagen und damit auch ein Ein blick in die Zeit ermöglicht, die dem Holocaust voranging. Andreas Meyers hartnäckiges Bewahren und sein umfassender Einsatz für dieses Buchprojekt wurden kongenial ergänzt durch die Recherchen und Texte des Historikers Dr. Martin Albrecht. Ihm ist es gelungen, aus dem biographischen Material Otto Meyers ein lesenswertes Stück Zeitge schichte zu machen. Dafür danken wir ihm. Ebenso geht ein Dank an die verschiedenen Förderer, die dieses Buch möglich machten. »Was kann das Vaterland dafür!? Bewahre mir die Briefe für später auf«, schrieb Otto Meyer an seine Frau Gertrud. Mögen auch wir seine Erinnerungen bewah ren und uns seine Lebenserfahrungen zu eigen machen, auf dass unser kritischer Blick auf das »Vaterland«, wo und wie immer wir es auch ansie deln, nicht getrübt werde und wir die Gefahren für ein tolerantes, gerech tes und friedliches Miteinander rechtzeitig erkennen. Es ist nur folgerich tig, dass das Leben Otto Meyers auch in der großen Ausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden zur hundertjäh rigen Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkrieges (»14 – Menschen – Krieg«) seinen Platz gefunden hat. Großenohe, im Mai 2014 Ulfilas Meyer
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Einführung
Otto Meyer war ein typischer Bürger der Wilhelminischen Ära. Wissbegie rig, klassisch gebildet, künstlerisch interessiert. Das Elternhaus erzog ihn zu Kaisertreue und preußischem Pflichtgefühl. Als Heranwachsender und junger Unternehmer während des Kaiserreichs, als königlich-preußischer Offizier im Ersten Weltkrieg und danach wieder als gutbürgerlicher Ge schäftsmann in der ersten deutschen Republik erfuhr er all jene Momente einer Zugehörigkeit zur deutschen Kultur, die ihm, seiner Familie und sei nen Glaubensgenossen den Bruch nach der braunen Machtergreifung so unfassbar erscheinen ließen. Schon in seiner Jugend registriert er das Aufkommen antisemitischer Stimmungen und Klischees in seinem Berliner Umfeld. Als Soldat an der Westfront muss er mehrfach Sticheleien und kleinere Schikanen durch sei ne Unteroffiziere und Offiziere erleben. Ganz besonders erschreckend ist für Otto die offizielle »Judenzählung« des Jahres 1916 in der preußischen Armee. Dieses schockierende Erlebnis veranlasst den jungen Unteroffizier schon Ende 1916 zu der fast seherischen Bemerkung, die er an seine Gat tin richtet: ». . . manchmal scheint mir, als ob wir nach dem Krieg erst noch lernen werden, was Willkür und Unterdrückung ist«1 Der Sieg der Nazis in Deutschland zwingt Otto Meyer, mit seiner Fami lie 1937 nach Palästina zu gehen, um ein neues Leben aufzubauen. Die übrigen Bewohner von Nahariya (Nahariyya) im Norden des damaligen britischen Palästinagebiets waren ebenfalls aus Deutschland geflohen, die deutsche Kultur und Lebensweise wurde auch hier im Exil gepflegt. 2 Wie Otto Meyer fühlten sie sich bis zur Entrechtung im Dritten Reich als Deut sche jüdischen Glaubens. Lange meinten sie, mit gleichen Rechten und Pflichten wie ihre christlichen Nachbarn und Geschäftspartner im Deut schen Reich ausgestattet zu sein. Für diese Gleichberechtigung hatten sie gekämpft, dafür waren viele ihrer Glaubensgenossen und Verwandten im Ersten Weltkrieg gefallen.
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Otto Meyer. Lithographie von seinem Bruder Wolfgang Meyer-Michael
Für den Leutnant der Reserve Otto Meyer war es selbstverständlich, seine privaten Unterlagen aus dem Militärdienst nach Palästina mitzuneh men. Dazu zählen Feldpostbriefe, Tagebuchaufzeichnungen, Fotografien und Zeichnungen, die den Krieg in ganz persönlichem Licht erscheinen lassen. 3 Eine Auswahl dieser Unterlagen zeigt dieses Buch.4 Die Briefe, die Otto Meyer an seine Familie richtet, und die farbigen Skizzen, die er für seine Kinder anfertigt, erzählen vom Alltag an der Front, dem Leben im Schützengraben und der Normalität des Grauens – und sie geben Auf schluss darüber, wie ein Deutscher jüdischen Glaubens den Krieg erlebte.
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Otto Meyer – Eine biografische Skizze
Otto Meyer wurde am 5. Juni 1886 in der Berliner Brunnenstraße gebo ren. 5 Der Hof des Wohngebäudes war eng, eine Spedition brachte es mit sich, dass Pferde und Wagen ständig für Bewegung sorgten. Zu den frü hesten Kindheitserinnerungen gehören Spaziergänge in den Humboldt hain, der sich durch sein Grün so eindrucksvoll vom Grau der Häuser ab hob. Dem hektischen städtischen Leben konnte die Familie entkommen, wenn sie am Wochenende zum Onkel Hermann in die Prinzenallee pilger te. Dort residierte Großmutter Sabine mit ihrer Schwester, Tante Lenchen, als Mittelpunkt der Großfamilie. Kaffeetrinken in der Laube und geselli ges Familienleben am Rande der großen Stadt prägten Ottos Kindheit. Der Vater war beteiligt an der elterlichen Lederfabrik, geführt von sei nem Bruder, dem Onkel Hermann, der im großen, geräumigen Gebäude neben dem kleinen Häuschen der Großmutter wohnte. Der Firmenanteil war nur gering. Otto Meyers Vater arbeitete dort mehr als ein Angestellter zur Pflege der Auslandskontakte. Er konnte seinen Anteil erst in späteren Jahren nach einer Auseinandersetzung mit Hermann erhöhen. Noch vor Ottos Einschulung 1891 entkam die Familie der Brunnenstraße. »Wir ver besserten uns und kamen in die Chausseestraße 29 gegenüber der ›Maikä fer‹ Kaserne.« 6 Hinter dieser Bezeichnung stand das Garde-Füsilier-Regi ment. Die neue Wohnung war groß, geräumig und hatte einen Portier. Die Unruhe war dort aber noch größer als in der Brunnenstraße. Eine Riesen zahl von Schornsteinen erblickten die beiden Brüder Otto und der vier Jah re später geborene Wolfgang und ihre ältere Schwester von den Fenstern aus: Ein stadtbekanntes Industriegebiet, das alte »Feuerland«, war dort an gesiedelt. Bis um die Wende zum 20. Jahrhundert lagen dort traditionelle Berliner Metallbaubetriebe. Borsig, Egells und Schwarzkopff erlangten von hier aus Weltruhm. Viele kleine Zulieferer in den angrenzenden Hinterhö fen wollten sich ihren Teil am Aufschwung der Gründerzeit sichern. Die Schornsteine der unzähligen Öfen gaben dem Gebiet seinen Namen. Der
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industrielle Schwerpunkt an der Chausseestraße verlor in jenen Jahren aber langsam seine Bedeutung, die großen Firmen verließen das Areal. Sie wanderten an den Rand der Metropole. Dort lockten geringere Mieten und größere Freiflächen. Dadurch änderte sich der Charakter des Kiezes: Schritt für Schritt zog das etablierte Bürgertum in die Straße ein. Die Nähe zum Zentrum beförderte jene Umschichtung stark. Ottos Vater benutzte nun für die tägliche Fahrt in die Lederfabrik die Pferdebahn, kam zum Mittagessen zurück, gönnte sich – gutbürgerlich – einen kurzen Mittags schlaf und fuhr zu den Bürostunden wieder in die Firma zurück. Der Vater war häufig auf Geschäftsreisen, die ihn auch ins Ausland führten. Die staunende Familie erfuhr so von England, Schweden und den Vereinigten Staaten. Mit sieben Jahren kam der häufig kränkelnde Otto ins Friedrichsgymnasium im Norden der Friedrichstraße. Bei den kleinen Balgereien auf dem Schulweg und im Invalidenpark hörte er das erste Mal den Ruf »Jude Itzig«, ohne ihn eigentlich zuordnen zu können. Die Sprösslinge verlebten eine glückliche Kindheit. Die Familie war sehr gesellig. Hausmusik spielte eine große Rolle. Die Schwester spielte Klavier, Otto lernte Violine, Wolfgang Cello und der 1895 geborene Bruder Rudolf ebenfalls Violine und Klavier. Alle waren sehr musikalisch. Otto meinte rückblickend von sich, er wäre derjenige mit den geringsten entsprechen den Anlagen, obwohl man ihn als begabten und aktiven Musikfreund kann te. Häufig wurde Theater gespielt. Die kleinen Stücke wurden bei Familien jubiläen und Geburtstagen aufgeführt. Die großen Ferien waren die Zeiten von Sommerreisen. Seit 1896 ver brachten die Meyers den ganzen Sommer »auf dem Land«. Dahinter ver barg sich zunächst eine Sommerwohnung in Niederschönhausen, dann in der Prinzenstraße. In den Gärten begann Otto zu zeichnen. Ganze Skizzen bücher füllte er. Dieses Interesse und seine Freude am Malen sollten ihn ein Leben lang begleiten. Mit vierzehn Jahren kam er in das »Deutsche Lander ziehungsheim (DLEH)« des Dr. Lietz bei Ilsenburg am Harz. Aus dem kränkelnden Kind entwickelte sich hier ein gesunder junger Mann. Die Schule sah ihr Ziel in der Erziehung von selbständigen jungen Menschen, die dem Leben offen gegenüber treten konnten. Vorbild waren die Engli schen Public Schools. Der gymnasiale Stoff wurde in Anlehnung an Ele mente der Realschulen gelehrt, alte Sprachen strich die Schulleitung zu gunsten von Englisch und Französisch. Der Nachteil der Schule war, – aus Otto Meyers Sicht der 30er Jahre – dass ihr Besuch kostenpflichtig war. Das elterliche Vermögen entschied also darüber, ob man in die Schule auf
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Familienbild aus dem Bildfonds Andreas Meyer
genommen wurde. Viele Söhne der Oberschicht besuchten daher das Heim am Rande des Harzes, einige von ihnen waren Juden. Besonders betont wurde trotzdem oder gerade deswegen der »deutsche Charakter« der Ein richtung. Jüdische Schüler fühlten sich gleichberechtigt und im selben Maße gefordert und gefördert wie ihre christlichen Kameraden. Ihre An zahl und ihr Einfluss gingen um 1900 nach der Einschätzung von Otto Meyer allerdings langsam zurück. Schon in der Oberprima verlobte sich Otto. Seine Braut war die Tochter des Vorstehers der Kleinbahnstation am Schloss Bieberstein. Otto konnte sich sicher auch deshalb nicht mehr voll auf die Schule konzentrieren und seine Leistungen fielen ab. Er musste die Verlobung lösen, ging von der Schule ab und versuchte mit Erfolg, sich mit Hilfe von Privatstunden in Berlin auf das Abitur am Friedrichwerderschen Gymnasium vorzuberei ten. Die junge Liebe hielt nicht lange und Ottos Sympathie und Zuneigung fand die Schwester Trude seines Berliner Freundes Ulfilas Meyer. Trude
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Das Borsighaus in der Chausseestraße in Berlin, Zentrum des alten »Feuerlandes«, Zustand 2009
und Ulfilas waren Kinder von Alexander Meyer, dem damaligen Vorstand der Schultheiss AG.7 Trude arbeitete als Kindergärtnerin und Hortnerin, widmete sich dem Volkstanz und sammelte ethnografisches Material dazu in Deutschland und Schweden. Die Liebe zum Tanz hat sie ein Leben lang begleitet. Otto und Trude beschlossen bald, gemeinsam durchs Leben zu gehen. Dass Otto Jude und seine Gattin Trude evangelisch getauft war, störte niemanden ernsthaft. Nach dem Abitur versuchte Otto zunächst an der Technischen Hoch schule Charlottenburg Architektur zu studieren, sattelte dann aber um. An der Friedrich-Wilhelms-Universität begann er ein Jurastudium. Sechs Se mester dauerte es nur. Bald zogen Ottos Eltern mit der Familie in Berlin um und wohnten nunmehr in der Oranienburger Straße 16. Otto richtete sich dort auf dem »Hängeboden« ein. Damit war die obere Ebene in einem zweigeteilten hohen Zimmer gemeint. Zu dieser Zeit feierten die Eltern ihre Silberhochzeit. Schwere Zerwürf nisse zwischen dem Vater und dessen Bruder Hermann erschütterten als bald den Familienzusammenhalt und führten dazu, dass die Lederfabrik Emanuel Meyer, deren Mitinhaber der Vater war, liquidiert wurde. Der Be trieb musste nach Guben verlegt werden, wo Hermann schon ein Zweigun ternehmen gegründet hatte. Der Vater zog das Geld aus der Firma ab und legte es nun im »Westfälischen Wasch- und Sortierwerk Max Reinhard« in
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Rheda/Westfalen an. Max Reinhard stellte sich bald als Schwindler her aus, der mit dem Geld seines Kommanditisten verschwand. Vater Meyer hätte nun aus der Ferne einen fremden Betrieb mit fremden Mitarbeitern leiten müssen. Um näher an der neuen Firma zu sein, zog man nach Biele feld. Otto stellte sich der Verpflichtung, den Vater im Betrieb zu unterstüt zen, beendete sein Universitätsstudium mit der Promotion zum Dr. jur. beim Heidelberger Professor v. Lilienthal und beschloss, nach Rheda zu ziehen. Da wurde er im Jahr 1910 zum Militärdienst einberufen. Er sollte zu den »Maikäfern« einrücken. Doch ein Militärarzt musterte ihn wegen einer schweren Grippe aus. Der Bescheid erging: Geeignet nur für Land wehr ohne Waffen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs spielte das frei lich keine Rolle mehr. Der Heirat stand nun nichts mehr im Wege. Am 21. September 1910 heirateten Otto und Trude Meyer, geborene Meyer. Ihr Lebensmittelpunkt lag nun in Westfalen. Die Fabrik stabilisierte sich langsam. Rheda gefiel ihnen, wenn sie auch beide unter den »Rhedaer Pfahlbürgern« nicht so recht heimisch wurden. Vier Kinder erblickten das Licht der Welt und be lebten das neue Haus: Heinrich 1911, Justus 1913, 1916 Brigitte und 1921 Andreas. Otto liebte den Garten und pflegte seine Interessen: die Musik, das Lesen und das Zeichnen. In seiner Freizeit beschäftigte er sich zudem gerne mit Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie. Die Familie hatte sich in der Kleinstadt eingerichtet. Rheda hatte in jenen Jahren um die 5 000 Einwohner. Protestanten und Katholiken waren damals noch gleich vertreten. Hinzu kamen etwa 100 Juden. Der Erste Weltkrieg traf die Gesellschaft hart. Otto wurde nachgemus tert und musste zur Landwehr einrücken. Er ging sicher nicht freiwillig, doch hielt er es für seine selbstverständliche Pflicht, für sein Vaterland zu kämpfen. Als Deutscher jüdischen Glaubens fühlte er sich mit seinen christ lichen Kameraden gleichberechtigt. Am 1. März 1915 wurde Otto Soldat bei der Artillerie. Sechs Wochen später musste er ins Feld und kam erst im Dezember 1918 zurück. Bis auf kurze Lazarett- und Urlaubsaufenthalte stand er die ganze Zeit an der Westfront. Der Weltkrieg stellte für Otto Meyer in der Rückschau eine historische Zäsur dar: »Damit endete eine Epoche, von der die später aufgewachsenen Generationen wohl hören und lesen, von der sie sich aber keine wirkliche Vorstellung machen können.« 8 Nach dem Krieg übernahm Otto Meyer wieder die Leitung der Fa- brik, und es gelang ihm, nach Überwindung erheblicher wirtschaftlicher Schwierigkeiten, die Fabrik auf gesunde Füße zu stellen. Einige kleine
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Verleihungsurkunde des Ehrenkreuzes für Frontkämpfer, Januar 1935
Erfindungen festigten die Position am Markt. 1929 verstarb der Vater, die Mutter bezog eine kleinere Wohnung in Bielefeld, in der sie bis 1934 ihr Alter genoss. Den großen Bruch musste sie nicht mehr miterleben. Otto Meyer nahm aktiv am gesellschaftlichen Leben in Rheda teil. Er war Mit glied der Gesellschaft Eintracht sowie im Schützenverein, sang im Chor des Musikvereins in Bielefeld, spielte Skat mit dem Bahnhofswirt und an deren, war als guter Jäger bekannt und insgesamt ein beliebter Arbeitge ber. Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war er ein ange sehener und wohlhabender Bürger seiner Stadt. Es dauerte jedoch nicht lange, bis die antijüdischen Gesetze und Bestimmungen auch in Rheda spürbar wurden. Von einigen Bürgern wurden sie mit Begeisterung durch geführt. Heute mag es widersinnig erscheinen, dass ihm im Auftrag des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler – wie vielen jüdischen ehemali gen Soldaten – noch im Januar 1935 der Landrat das »Ehrenkreuz für Frontkämpfer« verlieh. Das soziale Leben wurde den jüdischen Familien jedoch mehr und mehr eingeschränkt. Die Gesellschaft Eintracht schloss ihr langjähriges, aktives Mitglied Otto Meyer im Oktober 1935 aus. Bald blieben nur wenige Freunde.
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Ausschluss Otto Meyers aus der Gesellschaft Eintracht, Oktober 1935: »In der Generalversammlung am 13. März 1935 ist eine Satzungsänderung dahingehend beschlossen: ›Mitglieder der Gesellschaft können nur Arier sein.‹ Gemäß dieser Bestimmung hat die Generalversammlung am 16. Oktober 1935 Ihren Ausschluß beschlossen.«
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»Als die Nazis die Nürnberger Gesetze herausbrachten, wurde mir klar, dass ich in Deutschland nicht bleiben konnte. Der Gedanke auszuwandern war für mich nicht fassbar. Meine ganze Erziehung und meine Ehe mit ei ner ›Arierin‹ hatten bei mir zwar nicht das Bewusstsein verdrängt, dass ich Jude war, auch nicht den Entschluss Jude zu bleiben. Aber ich fühlte mich völlig als Deutscher. Ich war mir aber auch, freilich nicht in Einzel heiten, bewusst, dass die Entwicklung, die eingesetzt hatte, mit Folter und Blutvergießen enden würde. [Unser Sohn] Heinrich war schon 1933 nach Argentinien gegangen, es lag nahe zu versuchen, dorthin zu folgen. Aber ich war über 50 Jahre alt. Möglichkeiten, auch nur einen kleinen Vermö gensteil nach Argentinien mitzunehmen, wusste ich nicht, und ich traute es mir nicht zu, ganz mittellos drüben anzufangen. [Mein Bruder] Wolf gang entschloss sich nach Palästina zu gehen, der Gedanke, das Gleiche zu tun, gewann bei mir an Boden. Zweimal, im Winter 1935/36 und im Winter 1936/37, fuhr ich als Tourist nach Palästina. Beim zweiten Mal war mein Bruder dort schon eingewandert und mit einer kleinen Summe, die ich aus Deutschland herausgeschmuggelt hatte, machte ich eine Anzah lung auf ein Siedlergrundstück in Nahariya. Der Verkauf meines Betriebes war ungewöhnlich schwierig, denn für die technischen Artikel, die ich für die Industrie herstellte, gab es nur einen verhältnismäßig kleinen Kreis von Fachleuten. Aber ich hatte für die letzten Jahre gute Bilanzen aufzu weisen. Mein Betriebsleiter Otto Oberem, der genau wusste, was aus dem Betrieb rauszuholen war, brachte schließlich zwei Interessenten zusam men. Mit ihnen gründete er eine Kommanditgesellschaft, wobei ich ihm noch einen erheblichen Teil seiner Einlage als Kredit bei meinem Schwa ger Ulfilas verschaffte. Die Kommanditgesellschaft hat meinen Betrieb schließlich übernommen. Im Juli 1937 schickte ich Justus und Brigitte nach Palästina vorab, am 27. Dezember 1937 bin ich mit Trude und Andreas selber dort eingewandert.« 9 Ende 1937 wurde Meyer Bürger der ganz jungen landwirtschaftlichen Siedlung Nahariya. Zu dieser Zeit fanden dort große Unruhen statt, Nahariya wurde fast allnächtlich von den umliegenden Hügeln aus beschossen. Hier kamen ihm seine Erfahrungen mit dem Bauen von Unterständen und Stel lungen aus den Schützengräben an der Westfront zugute. Er war nicht der einzige Einwanderer aus Deutschland, der solche Kenntnisse mitbrachte. Infolge der Ruhrerkrankung, die er sich während des Ersten Weltkriegs zuzog, musste er sein Leben lang Diät halten. Er starb im Alter von 68 Jahren am 22. September 1954 in Nahariya im Staat Israel.
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Juden im preußischen Heer
Im Deutschen Kaiserreich war die Gleichberechtigung der deutschen Ju den mit den Deutschen der christlichen Konfessionen im Prinzip durchge setzt. Seit 1871 waren Juden offiziell zum Militärdienst zugelassen. Bis hin zu dieser rechtlichen Gleichstellung war es allerdings ein längerer Weg. Im christlich geprägten Europa des Mittelalters stellten Juden eine dis kriminierte Minderheit dar. Im Zuge der Aufklärung setzte seit dem 18. Jahrhundert von Frankreich ausgehend allmählich die sogenannte Juden emanzipation ein, an dessen Ende die Juden zu gleichberechtigten Mit gliedern der Gesellschaft werden sollten. In Preußen wurde die Zulassung der Juden zum Militärdienst, besonders dem gehobenen Militärdienst, zu einem wichtigen Ziel der Emanzipationsbewegung, war diese doch ein Zeichen von hohem gesellschaftlichen Ansehen und Rang. Seit dem 18. Jahrhundert wurde Juden in verschiedenen deutschen Fürstentümern die Aufnahme in die Armee gewährt, sofern die Männer zur Konversion zum Christentum bereit waren. Die Beförderungen erfolgten dann wie bei allen anderen Militärangehörigen, sie unterlagen den sozialen und militä r ischen Vorgaben und Ansprüchen. Beförderungen ergaben sich zuneh mend aus den persönlichen Eignungen und Befähigungen. Anders ver hielt es sich jedoch, wenn die Juden an ihrem Glauben festhielten: dann nämlich blieb ihnen der Eintritt ins Heer verwehrt. Der Schriftsteller David Friedländer und andere Juden baten im König reich Preußen erstmalig 1787 um die Verbesserung der Lage der Juden. Mittels einer Petition ersuchten sie das Recht, in der Armee dienen zu dür fen. Das Oberkriegskollegium lehnte dieses Gesuch 1790 mit der Begrün dung ab, »dass die Juden wohl nicht für den Kriegsdienst brauchbar ge macht und dabei employirt werden können.«10 Erst das Emanzipationsedikt vom 11. März 1812, das im Zuge weitreichender Staatsreformen in Preu ßen erlassen wurde, dehnte die Militärpflicht auf alle Juden aus. In den
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Befreiungskriegen gegen Napoleon 1813/1814 kämpften dann zahlreiche Juden auf der Seite Preußens. Nach unterschiedlichen Angaben nahmen von den zu dieser Zeit in Preußen lebenden »Glaubens-«Juden mindestens 444 als Freiwillige teil. Hinzu kamen mehr als 560 Konskribierte,11 d. h. eingezogene Soldaten. Staatssekretär Hardenberg schrieb 1815: »Die jun gen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffengefährten ihrer christli chen Mitbürger gewesen, und sie haben auch unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmutes und der rühmlichen Verachtung der Kriegsgefahr aufzuweisen.«12 Eine in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom preußischen Kriegs ministerium im Auftrag des Ministeriums des Inneren angefertigte Analy se über den Militärdienst der Juden kam dementsprechend zu dem Schluss, »dass die Juden des preußischen Heeres von den Soldaten der christlichen Bevölkerung im allgemeinen nicht erkennbar zu unterscheiden sind, dass sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben; dass ferner insbesondere die jüdischen Religionsverhältnisse nirgends als ein Hindernis beim Kriegsdienste hervorgetreten sind.«13 Durch ihre Beteiligung an den Befreiungskriegen glaubten die Juden eine neue Grundlage für die Wehrfrage gefunden zu haben. Zwar erreich ten die wenigsten Männer Offiziersdienstgrade oder entsprechende Ver wendungen; Hoffnung machte den aufgeklärten Reformern wie auch den jüdischen Bürgern aber die Tatsache, dass ein offizieller Anfang gemacht war. Auch wenn letztlich keines der königlichen Versprechen an die Kriegsfreiwilligen – wie etwa Berücksichtigung der Freiwilligen bei spä teren Einstellungen in den Zivildienst, Versorgungsleistungen für Ver sehrte usw. – eingehalten worden war, so war doch ein wichtiger Schritt hin zur Gleichberechtigung getan. Für die Kriege der 1860er Jahre existiert kein vergleichbares amtliches Material zur Beteiligung der Juden an den zum Teil sehr blutigen Kämp fen gegen Dänemark und das Habsburger Reich. Eine lückenhafte Zusam menstellung weist aber 1 025 zumeist preußische Juden für den Feldzug von 1866 gegen Österreich nach. Am deutsch-französischen Krieg nah men 4 700 Deutsche jüdischen Glaubens teil. 483 Juden fielen oder wurden verwundet, 373 erhielten das Eiserne Kreuz oder vergleichbare Auszeich nungen. Damit lag die jüdische Kriegsbeteiligung auf dem statistischen Niveau ihrer christlichen Kameraden. Über 100 der jüdischen Soldaten bewährten sich so, dass sie zu Reserveoffizieren befördert werden konn
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