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Samariteranstalten Fürstenwalde (Leseprobe)

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Den Kindern, Frauen und Männern, die die »Übungen der Barm­herzigkeit« in den ­Samariteranstalten erfahren und gelebt haben.

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Jens C. Franze · Paul-Gerhardt Voget (Hrsg.)

Die Samariteranstalten ­Fürstenwalde Eine diakonische Stiftung zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik

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Einzelveröffentlichungen zur Medizingeschichte, Bd. 7 bei der Brandenburgischen Historischen Kommission e. V. herausgegeben von Kristina Hübener

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg 2012 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Redaktion des Bandes: Dr. Kristina Hübener Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Satz: typegerecht, Berlin Umschlag: hawemannundmosch, Berlin Schrift: Swift 9,5 /14 pt Druck und Bindung: Bosch-Druck, Landshut ISBN 978-3-95410-005-7 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

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Manfred Reim

Insel im Meer oder Teil unserer Stadt?

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Die Samariteranstalten und die Stadt Fürstenwalde – eine ganz persönliche Reflexion Guido Strohfeldt

Elendengilde, Hospitäler und Jungfrauenverein

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Die Geschichte sozialer Einrichtungen in Fürstenwalde – von der Gründung der Stadt bis ins 19. Jahrhundert Wolfgang Rose

Sozialer Aufbruch und Moderne – die Samariteranstalten 1888 bis 1930/33

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Wolfgang Rose

Die Samariteranstalten im Nationalsozialismus (1933 –1945)

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Wolfgang Rose

Die Samariteranstalten in der SBZ und DDR (1945 –1990)

105

Wolfgang Rose und Paul-Gerhardt Voget

Die Jahre 1988 bis 2012

141

Paul-Gerhardt Voget

Anspruch und Wirklichkeit

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Ein Essay zu Geschichte und Gegenwart nicht nur der Samariteranstalten Romana Germann

Die Korczak-Schule der Samariteranstalten

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Der Aus- und Weiterbildung von Menschen für Menschen stets verpflichtet

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Susanne Rabe

Versorgungskonzepte für autistische Kinder

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Frank-Michael Würdisch

Die Christophorus-Werkstätten

195

Von der Arbeitstherapie zur modernen Werkstatt für behinderte Menschen Jens C. Franze

Zur Satzungsentwicklung der Stiftung bürgerlichen Rechts »Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree«

207

Matthias Kube

Kooperation in der Diakonie

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Anhang Verzeichnis der Leitenden Funktionsträger der Samariteranstalten 1892 bis 2012 Auswahlbibliografie Autorenverzeichnis Abbildungsnachweis

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Vorwort

Zu einem nicht ganz willkürlich ausgewählten Datum – Anlass ist der 120. Geburtstag der Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree – erscheint der hier vorliegende Aufsatzband. Angeregt durch Dr. Kristina Hübener entstand dieses Konzept: Es sollte ein Buch geschrieben werden, das, wie ein Foto, die Samariteranstalten zu ihrem 120. Geburtstag darstellt. Dazu gehören ausführlich die Historie, die Entwicklung ihrer Arbeitsfelder, also ihres Zwecks und ihrer Struktur, dazu gehört ihr Umfeld, nämlich die Stadt Fürstenwalde/Spree. Schließlich darf ein solches Buch nicht ohne Bilder erscheinen, Bilder, die den Texten Lebendigkeit geben, eigene Eindrücke hervorrufen. Anlass ist also ein Geburtstag. Nun haben wir dazu interessante Rituale: Zu Geburtstagen oder Arbeits- oder Ehejubiläen, sogar zu Beginn eines neuen Jahres, gratuliert man sich, wünscht alles Gute – was immer das beinhalten möge –, im persönlichen Bereich vor allem Gesundheit, im institutionellen Bereich vor allem Erfolg. Nach Gratulation und Gesundheit sitzt man in fröhlicher Runde zusammen, um vor allem über die Vergangenheit zu reden, um eben diese in die Gegenwart zu holen. Dass dabei häufig und lauthals gelacht wird, entspricht nicht immer erlebter Vergangenheit und oft auch nicht einem realistischen Gegenwartsbild, wohl aber einer landläufig bekannten Verklärungstendenz. Vertiefen Sie sich in die hier vorgelegten Arbeiten, so werden Sie schnell erkennen: Gratulationen und gute Wünsche für die Zukunft können Sie nur hier und da implizit vernehmen. Autorinnen und Autoren haben sich nicht zu einer lustigen Runde versammelt, die Erfolge der Vergangenheit verklärend überhöht. Geschichte wird entstaubt, eher nüchtern dargestellt. Das lässt die Samariteranstalten nicht immer in einem weichgezeichneten Licht erscheinen. Jedoch vermag diese Art der Schilderung den tatsächlichen Ereignissen und ihren Auswirkungen, sofern dies in einem zeitlichen Abstand überhaupt möglich ist, sehr nahezukommen. Es ist uns wichtig, Entwicklungen diakonischer Arbeit in den Samariteranstalten nachzuzeichnen. Wir sind gewiss, dass sich vergleichbare Momente in anderen diakonischen Einrichtungen aufzeigen lassen. Einen allgemeingültigen Anspruch erheben wir gleichwohl nicht. Die Sisyphus-Arbeit der geschichtlichen Aufarbeitung und Darstellung hat Wolfgang Rose auf sich genommen. Die Schilderung einzelner Geschichtsab-

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Vorwort

schnitte, wie auch die Darstellung des Ganzen, sollte aus einer Feder stammen. Für den äußeren Rahmen, also die sozialgeschichtliche Entwicklung der Stadt Fürstenwalde/Spree, konnten wir Guido Strohfeldt, Leiter des Museums in Fürstenwalde, gewinnen. Aus neuerer Perspektive schreibt – und dafür sind wir besonders dankbar – der nach der Wende über Jahrzehnte tätige Bürgermeister i. R. Manfred Reim. Seine Besonderheit ist gewiss, da er lange vorher schon als Bürger die Samariteranstalten kennenlernte. Den »Dienst der Barmherzigkeit« haben wir bewusst am Beispiel der Christophorus-Werkstatt nachgezeichnet. Frank Michael Würdisch beschreibt die Spanne zwischen gesellschaftlichem Auftrag und diakonischem Dienst. Der zweite Aspekt des Gründers war die Qualifizierung zum Dienst der Barmherzigkeit. Am Beispiel der Janucz Korczak-Schule berichtet Romana Germann über die gegenwärtige Umsetzung dieses Auftrags. Notwendigerweise hat sich diakonische Arbeit mehr und mehr spezialisiert. Das Thema Menschen mit Autismus bildet hier einen guten Hintergrund, um Fragen der Spezialisierung darzustellen. Susanne Rabe hat diesen Prozess über viele Jahre gestaltet und kann deshalb auch künftige Perspektiven aufzeigen. Es erscheint heute sinnvoll, Kooperationen anzustreben, um qualitativ hochwertige Dienstleistung weiterhin anbieten zu können. Im diakonischen Kontext ist das noch ein recht neues Umgehen miteinander. Matthias Kube berichtet am Beispiel der gemeinsam von den Samariteranstalten und der Wicherngruppe in Frankfurt (Oder) gegründeten Gesellschaft »aufwind« von einem solchen Kooperationsprojekt. Den Inhalten und dem Rahmen muss eine Struktur entsprechen. Die strukturelle Entwicklung lässt sich am besten an der Entwicklung der Satzung nachzeichnen. Dass solche Entwicklung grundsätzlich auf Zukunft offen sein muss, mithin nie als abgeschlossen betrachtet werden kann, zeigen zum einen die jüngsten Entwicklungen, zum anderen der gesamte Beitrag, den Jens C. Franze zu diesem Band beisteuert. In alledem spiegelt sich zugleich die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit. In Form eines Essays der biblische Wurzeln, geschichtliche Erinnerungen und gegenwärtige Fragestellungen zusammenbringt, spürt Paul-Gerhardt Voget der Balance zwischen Anspruch und Wirklichkeit nach. Dessen Wahrnehmungshorizont ist dabei durchaus weiter als die Samariteranstalten in Fürstenwalde/Spree, zeigt Ansätze zu einer neuerlichen Beschreibung der Diakonie auf. Ein solcher Band bliebe eine Buchstabenwüste, gäbe es nicht sensible Bilder, die durchaus aus heutiger Perspektive Geschichte und Gegenwart der Samariteranstalten einfangen. Wenn Sie die Bilder von Harald Birck betrachten, werden Sie zu dem Ergebnis kommen, dass dies hier in außergewöhnlicher Weise gelungen ist. Die Herausgeber danken allen Beteiligten, die viel Zeit und Überlegungen in ihre Beiträge gesteckt haben. Vor Ihnen liegt ein Band mit Bildern und Texten von heute, die Geschichte und Gegenwart ernsthaft aufwecken. Mögen Sie staunend davorstehen und neugierig auf die Zukunft sein. Wenn die Lektüre Sie dazu anregt – dann hat sich die Arbeit gelohnt. Jens C. Franze, Paul-Gerhardt Voget

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Manfred Reim

Insel im Meer oder Teil unserer Stadt? Die Samariteranstalten und die Stadt Fürstenwalde – eine ganz persönliche Reflexion

Diese Frage wurde vor 20 Jahren in einer Festschrift anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Samariteranstalten gestellt. Sie ist wohl so alt wie die Samariteranstalten selbst und ich will ihr auch in meinen Überlegungen nachgehen. Christlich motivierte Fürstenwalder stellten sich am Ende des 19. Jahrhunderts in humanistischer Verantwortung der Sorge um Menschen, die wegen ihrer körperlichen oder seelischen Behinderungen oder ihres Alters besonderer Zuwendung bedurften. Pastor Albert Burgdorf beschrieb 1911 in der Stiftungsurkunde die Intentionen für die Samariteranstalten folgendermaßen: »Der Zweck der Anstalten soll nach wie vor sein, Übung der Barmherzigkeit an Unmündigen und Elenden aller Art ohne Unterschied der Konfession. Ferner ist der Zweck die Ausbildung von Arbeitern und Arbeiterinnen für den Barmherzigkeitsdienst und die Verbreitung christlicher Literatur.«1 Seither hat die Sorge um Behinderte in Fürstenwalde ihren festen Platz – nicht nur in historischen Beschreibungen und auf alten fotografischen Abbildungen, sondern vor allem auch durch die gegenwärtige Wahrnehmung. Die bewundernswürdige Entwicklung der Samariteranstalten war nur möglich, weil die humanistische Absicht von vielen mitgetragen wurde, von Mitarbeitern, Spendern, Bürgern der Stadt und auch ihren Institutionen. Sie wurden in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens in der Stadt aufgenommen, anerkannt und geachtet und waren bald durch ihre städtebauliche Präsenz unübersehbar. Unabhängig davon, in welcher Art und Weise die Menschen in Fürstenwalde die Samariteranstalten wahrnahmen und -nehmen: Der historische und gesellschaftliche Kontext bildete immer den Rahmen ihrer Reflexionen. Besonders galt dies in Zeiten, in denen die Samariteranstalten stärker ein Inseldasein führen mussten, das Leben und die Arbeit ihrer Bewohner und Mitarbeiter abgeschottet von der Stadt verliefen. Trotzdem wurden sie von den politischen und sozialen Entwicklungen mitunter auf das Härteste betroffen, hatten sie unter Ideologien und deren Systemen zu leiden, die den Idealtypus ihres jeweiligen Menschenbildes propagierten und durchzusetzen versuchten. Im extremsten dieser Systeme, dem Nationalsozialismus, führte die menschenverachtende Ideologie schließlich zur industriellen Vernichtung von Menschen, die nicht in das vorgestanzte Bild vom »Herrenmen-

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Manfred Reim

schen« passten. Die »Euthanasie«-Aktionen betrafen auch Bewohner der Samariteranstalten. Die Versorgung der zur Pflege und zum Schutz Anvertrauten wurde systematisch reduziert. In dieser aufgehetzten Atmosphäre wurden die Samariteranstalten unterwandert, man versuchte sie zu isolieren und wirtschaftlich zu ruinieren. Sie waren eine Insel in der Brandung eines feindlich tosenden Meeres und viele ihrer Bewohner fielen letztendlich dem Krieg zum Opfer, der vom nationalsozialistischen Deutschland entfesselt worden war. Der Sozialismus, der nun folgte, sollte die Menschen beglücken. Vorgezeigt wurde auf Plakaten und Transparenten, was dieser Ideologie entsprach, also die Sonnenseite. Doch den humanistischen Anspruch, den sich die DDR gab, konnte sie schon aus wirtschaftlichen Gründen – wie so manches andere Postulat – nicht umfassend erfüllen. Die Probleme wurden versteckt, aber nicht gelöst. Deshalb duldete man Einrichtungen wie die Samariteranstalten, gleichwohl förderte man sie nicht. Und wenn, dann nur nach zähen Verhandlungen oder sofern sich dadurch dem Staat Chancen eröffneten, sein soziales Gesicht zu wahren. Dafür konnte die materielle Unterstützung westlicher Kirchen als ein teilweiser Ausgleich in der andauernden Mangelwirtschaft genutzt werden. Das Verhältnis zwischen den diakonisch basierten Samariteranstalten und dem sozialistischen Staat blieb stets gespannt. Und das auch bis in die unteren Gliederungen seiner Gremien und der führenden Partei, der SED. Das Inseldasein setzte sich fort. In den engen Grenzen und Vorgaben, doch unter etwas lichteren Vorzeichen und auch in dem Bewusstsein einer Solidarität unter diakonischen Einrichtungen innerhalb und außerhalb der DDR. In dieser Zeit, diesen 40 Jahren forcierten die Leitung und die Mitarbeiter unter den gegebenen Umständen eine fachlich-konzeptionelle Entwicklung, die den Ansprüchen einer modernen Sicht der diakonischen Arbeit entsprach. In der Stadt wurde das zunächst kaum wahrgenommen. Es gab ja keinen öffentlichen Austausch, keine »Erfolgsmeldungen«, die die Bürger erreicht hätten. Das Wirken der Samariteranstalten in die Stadt hinein erfolgte eher in Form zufälliger Alltagswahrnehmungen, die oft genug auch Anlass zu Spekulationen gab. Für mich selbst waren die Samariteranstalten im Wortsinn »naheliegend«. Wir wohnten in der Petersdorfer Straße, also in der Nachbarschaft. In Fürstenwalde-Süd, dem einstmaligen Ketschendorf, wurde kurz und bündig von »Bethanien« gesprochen. In meiner Kindheit verbanden sich mit diesem Namen menschliches Leid und bittere Not. Wenn die Bewohner in Gruppen geführt ihre Spaziergänge unternahmen, fuhr das uns Außenstehenden schon unter die Haut. Meine Mutter ging dann oft hinunter und verteilte ein paar Süßigkeiten. Mich schickte sie an Feiertagen, wenn Kuchen gebacken wurde, ins Lutherhaus zu zwei betagten Frauen, die sie kannte, um ihnen eine kleine Freude zu bereiten. Sie fanden das natürlich sehr nett, denn Angehörige hatten sie nicht mehr. Da gab es dann auch schon mal ein Fünfzigpfennigstück für mich – alle hatten so ihre Freude an der guten Tat. In ähnlicher Art und Weise haben vermutlich die meisten Ketschendorfer die Anstalt wahrgenommen. Doch was sich hinter dem sichtdichten Bretterzaun verbarg, der

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Insel im Meer oder Teil unserer Stadt?

das Grundstück um das Haus Bethanien umgab, blieb für die Öffentlichkeit weitestgehend verborgen. Erst später, als ich während der Semesterferien bei einer Fürstenwalder Firma arbeitete und dadurch auch Einblick in Gebäude dieses Areals bekam, nahm ich die Unterkunftsbedingungen der behinderten Menschen wahr und war erschüttert. Das war Verwahrung nach dem Muster, aber auch den Möglichkeiten einer überkommenen Zeit. Diese persönlichen Eindrücke und Erlebnisse bildeten für mich den Ausgangspunkt, wenn ich spätere Entwicklungen einschätzte. Wenngleich sich die inhaltlichen Fortschritte in der diakonischen Arbeit für die meisten Fürstenwalder nicht erkennbar erschlossen, konnte doch, wer die baulichen Veränderungen bewusst verfolgte, bemerken, was sich veränderte, verbesserte. Ich denke z. B. an die Baumaßnahmen am Lutherhaus oder auch um den Rosalienhof am Alten Postweg, deren Zweck bald für jeden offensichtlich war. So rückten die Samariteranstalten mehr und mehr in das Bewusstsein der Fürstenwalder. Dies wohl auch durch den heimlichen Stolz darauf, eine Einrichtung der Behinderten- und Altenpflege in der Stadt zu wissen, in der sich etwas tat, die nicht stagnierte – ja, die sich inzwischen einen ausgezeichneten fachlichen Ruf erworben hatte. Dies gilt erst recht für die Bewohner, die Patienten und ihre Angehörigen sowie die alten Menschen, die die gebotenen Leistungen in Anspruch nehmen konnten. Die jährlichen Samariterfeste schufen Verbindungen in die Stadt und Akzeptanz durch Einblicke in das Leben der Bewohner und die Arbeit der Mitarbeiter. Neben all dem waren die Samariteranstalten auch eine kleine politische Insel. Sie gaben Leuten, die sich nicht mit dem sozialistischen Staat arrangieren konnten oder wollten, eine Nische, in der sie sich auf ihre Art entfalten konnten. Im Stadtbild erkannte man sie als Begleitung der Ausflugsgruppen, aber auch an ihrem Outfit. Die Fürstenwalder nannten sie mit heimlicher Sympathie und politischer Zuneigung »Samis«. Den Funktionären und Staatsdienern waren sie sicher nicht sympathisch und erst recht nicht den Herren von der Staatssicherheit, die in ihnen eher Staatsfeinde erkannten. Sicher war

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Leben auf der Insel, um 1985.

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Manfred Reim

den »Samis« von vielen Seiten jedoch die Achtung vor ihrer engagierten Arbeit in dieser diakonischen Einrichtung. Damit schafften sie – gewollt oder nicht – Verbindungen und Wahrnehmungen der Samariteranstalten in der Stadtbevölkerung. Nach dem Mauerfall eröffneten sich ganz neue Perspektiven. Nun galten für die diakonische Arbeit die gleichen Ziele und die dafür nötigen Bedingungen wie im übrigen Deutschland. Das bedeutete einerseits bessere Möglichkeiten, andererseits aber auch neue Herausforderungen. 1990 – nach den ersten freien und demokratischen Wahlen – veränderten sich auch in der Stadt Fürstenwalde die politischen Verhältnisse grundlegend. Die Ansprüche der Bürger wuchsen schnell, und alle, die mutig politische Verantwortung, in welcher Art auch immer, übernahmen, standen unheimlich unter diesem Druck und auch dem, der selbst gesteckten Ziele. Gesetze änderten sich fast täglich, die Versorgung musste gesichert werden, Arbeitsplätze waren in Gefahr und wir als neue Stadtverwaltung waren gefordert, auf diese Veränderungen im Rahmen unserer Möglichkeiten zu reagieren. Die Zukunft unserer Stadt musste konzipiert werden, unter völlig unerwarteten und vorher nie gehabten Bedingungen. Kein Wunder, wenn das Schicksal, die Entwicklung der Samariteranstalten in der endlosen Agenda dieser Tage nicht an vorderer Stelle der »Stadtregierung« stand. Weitergeführte Aktivitäten wie neu begonnene wurden in der Stadt zunächst kaum wahrgenommen. Die Tagesarbeit funktionierte ja und gab keinen Anlass zu Hilfeleistungen. Außerdem konnte die Stadt nicht viel dazu tun. Für die Finanzierung oder Genehmigungsvorgänge waren wir gar nicht der Ansprechpartner. Das bewegte sich auf Landes- und Bundesebene. Mit dem ersten Atemholen, bei den ersten Kontakten ging es zunächst darum, einander näherzukommen, einander zuzuhören, miteinander auf Augenhöhe umzugehen, Sorgen und Nöte, Erfolge und Wünsche wahrzunehmen. Die grundsätzlichen Ziele für die Samariteranstalten bestanden darin, die Qualität der Betreuung dem Anspruch der Gleichwertigkeit aller Menschen entsprechend zu entwickeln und dafür angemessene Lebensbedingungen zu schaffen. Wie notwendig und richtig sie waren, wusste ich aus eigener Anschauung. Für die Stadt war es von Bedeutung, in allen Bereichen Bedingungen anzustreben, wie sie im Westen der Republik bereits üblich waren. Was hätte unsere Bürger sonst hier halten sollen? Es ging um Arbeitsplätze, es ging um eine zügige Stadtentwicklung mit all ihren Facetten. Die nun offenen demokratischen Strukturen boten einen für beide gleichartigen Ansatz: Die Gleichwertigkeit aller Menschen war ab jetzt Programm. Wir wollten alle erreichen, unabhängig von ihrer Stellung in der Gesellschaft, ihren politischen Ansichten, ihrem Alter, ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht oder ihrer ganz persönlichen Möglichkeit der Teilhabe am Leben. In der Konsequenz galt es, das Inseldasein zu relativieren, Brücken zur diakonischen Einrichtung und hinaus in die Stadt zu bauen. Nun erfüllten die Samariteranstalten nicht mehr allein die karitativen Aufgaben, deren jedes Gemeinwesen bedarf. Im Rahmen der Subsidiarität leisteten und leisten auch andere Träger Sozialer Arbeit Wichtiges bei der

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Insel im Meer oder Teil unserer Stadt?

Bildung behinderter Kinder und Altenpflege in unserer Stadt. Die AWO nahm beispielsweise eine zaghafte Tradition der PGH Statron auf und betreibt unter anderem eine profilierte Behindertenwerkstatt. Gleichwohl standen die Samariteranstalten niemals – so wie oft genug zuvor – infrage, unterlagen nicht der Gefahr politischer Gleichschaltung. Ihre Leistungen, ihre Kompetenz, ihre Erfahrungen sollten ebenso der Stadt und ihren Bürgern nützlich sein, den Zweck erfüllen, den Pastor Burgdorf in der Stiftungsurkunde verpflichtend begründet hatte. Aus den eigenen Erfahrungen, die wir beim Voranbringen jeglicher kommunaler Projekte sammelten, ob bauliche oder gesellschaftliche, erwuchsen der Respekt und die Achtung vor jedem, der in seinem speziellen Bereich Ideen in die Praxis umsetzte. Hier leisteten die Leitung und die Mitarbeiter der Samariteranstalten Enormes, wohl auch in dem Bewusstsein, die Gunst der Stunde zu nutzen, die Aufbruchsstimmung, das Investitionsklima und die noch wohlwollende Begleitung von Genehmigungsverfahren. Auf die mannigfaltigen Veränderungen, die einen neuen Rahmen für die inhaltlichen Orientierungen boten, muss ich hier nicht eingehen. Vielmehr auf die Wirkungen, mit denen so auch Brücken zur Stadt geschlagen wurden. Der »blickdichte Bretterzaun« war einer weitestgehenden Öffnung gewichen. Die Bewohner aus den neuen, offenen Wohnbereichen bewegen sich nun frei und ungezwungen in der Stadt. In den Christophorus-Werkstätten wird den Bewohnern auch mit ihrem Handicap die Chance auf ein erfüllendes Arbeitsleben geboten. Die Verbandsschwester Irmchen Braun schildert dieses neue Erleben in der Festschrift von 1992: »Mit der neuen Zeit gefällt es mir gut. Es ist mehr drin für die Behinderten. Soviel Platz hatten wir noch nie. Vom 30-Betten-Saal zum Zweibett- und Einzelzimmer – das ist eine feine Sache. Unsere Heimbewohner haben heute ihre Namen an der Tür. Sie sind keine Nummern mehr. Die Toiletten kann man abschließen. Früher war das anders. Ringsum Mauern, alles dicht, keine Öffentlichkeitsarbeit. Die Bevölkerung war völlig ausgeklammert. Wenn wir ausgingen, in Gruppen, hieß es: ›Da kommt das doofe Bethanien.‹ Oder: ›Die Blöden kommen.‹ Heute ist das Verständnis gut. Ausfälle kommen selten vor.«2 Was konnten wir, die Stadt, zu diesen Veränderungen beitragen? Gemessen an der umfassenden Entwicklung nur Kleinigkeiten; so die Überlassung eines Teils der Petersdorfer Straße aus dem öffentlichen Straßenraum oder die gemeinsame Instandsetzung des Alten Postweges. Gewiss war das auch notwendig und für die Bewohner von Nutzen und Wert, aber doch recht bescheiden. Von Bedeutung war wohl, die Öffentlichkeitsarbeit der Samariteranstalten zu unterstützen, ihre Entwicklung im Blick auf den Stellenwert in der Stadt wohlwollend zu begleiten. Wichtig war, kurze Wege zueinander offenzuhalten. Bereitwillige Ansprechbarkeit und achtungsvolle Dialoge wurden der Normalfall. Bei Feierlichkeiten für die Bewohner, zu den Samariterfesten, bei offiziellen Anlässen, bei baulichen Etappenfeiern war die Stadt präsent, wenn immer möglich, durch den Bürgermeister selbst vertreten. So wie andere erfolgreiche Unternehmen, Institutionen, Vereine die aufwerten-

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Baustelle Haus Joseph.

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Manfred Reim

de Wahrnehmung der Stadt erwarten konnten. Ebenso wie in der Stadt mit den »Stolpersteinen« des Künstlers Gunter Demnig der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird, wurden diese Gedenksteine auch für Opfer der »Euthanasie« aus den Samariteranstalten gesetzt. Die Wertschätzung durch die Stadt wird ebenso durch Besuche von Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung und Beratungen des Sozialausschusses unterstrichen. Ein vorläufiger Höhepunkt war die Ausrichtung des traditionellen Neujahrsempfangs der Stadt 2012 im neu errichteten Haus Joseph. In all dem offenbart sich ein grundlegender Wechsel im Verhältnis zur Stadt, von der Anfeindung, der Duldung hin zur Akzeptanz, zur Wertschätzung und zu achtungsvoller Zusammenarbeit, wo sie möglich und notwendig ist, und zu dem Bewusstsein, dass in den Samariteranstalten Menschen mit Behinderungen und Senioren die Chance auf ein erfülltes, menschenwürdiges Leben gegeben ist. Und wenn es auch profan klingt, so muss doch mit Vehemenz gesagt werden, dass die Samariteranstalten mit ihren rund 700 Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern der Stadt zählen und damit vielen hier eine Berufs- und Lebensperspektive eröffnen. Wenn nun immer noch die Frage nach dem Inseldasein der Samariteranstalten in unserer Stadt im Raum steht, heißt meine Antwort: Ja, sie sind eine Insel in der Stadt, ein Ruhepol, ein Rückzugsgebiet, ein überschaubarer Teil Heimat für dieser Ruhe Bedürftige. Das sollen sie auch bleiben! Aber sie werden nicht mehr von feindlichen Stürmen umtost. Sie sind mit dem Leben in der Stadt über viele Brücken verbunden. Und davon kann es in unserer Gesellschaft noch mehr und wohl nie genug geben.

Anmerkungen 1 Archiv SAF, Stiftungsurkunde der von dem Pastor Burgdorf Fürstenwalde/Spree unter dem Namen »Samariter Anstalten Fürstenwalde« beabsichtigten Stiftung, 11. Februar 1911.

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2 Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree (Hrsg.), Insel im Meer oder Teil der Stadt. 100 Jahre Samariteranstalten, Fürstenwalde/Spree 1992, S. 32.

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Guido Strohfeldt

Elendengilde, Hospitäler und ­Jungfrauenverein Die Geschichte sozialer Einrichtungen in Fürstenwalde – von der Gründung der Stadt bis ins 19. Jahrhundert

Fürstenwalde vor gut 750 Jahren: Wie sah sie aus, unsere Stadt? Wer waren ihre Bürger, wie und wovon lebten sie? Präzise Antworten kann man leider nicht geben. Keine Urkunden, keine Chroniken erzählen uns über die Gründerjahre Fürstenwaldes und seine Einwohner. Doch können wir einige begründete Vermutungen anstellen. Der Grundriss der ältesten erhaltenen Karte Fürstenwaldes aus dem Jahre 1725 zeigt uns eine Stadt mit einem gleichmäßigen, gitterartigen Straßennetz an einem wohlbedachten Siedlungsstandort. Fürstenwalde ist wahrscheinlich eine planmäßig angelegte Stadt der sogenannten deutschen Ostexpansion. Das heißt, die ersten Fürstenwalder waren über Lokatoren angeworbene Neusiedler aus den deutschen Gebieten westlich der Elbe. Solche Werbungstätigkeit für Neusiedlungen im Osten, wie sie im 12. und 13. Jahrhundert häufig waren, sehen Wissenschaftler auch in dem Märchen des Rattenfängers von Hameln. Natürlich sind hierbei nicht die Ratten das Entscheidende, sondern die Jugend, die ihre Heimat verlässt. So wird die erste Generation Fürstenwalder auch hauptsächlich aus jungen, kräftigen und tatendurstigen Menschen bestanden haben. Der Gedanke an Fürsorge war in dieser Aufbruchsstimmung wahrscheinlich noch nicht präsent. Gleichwohl blieben schwerwiegende Verletzungen beim Bau einer neuen Stadt nicht aus und auch Krankheiten werden sich bald eingestellt haben. Doch bleiben wir zunächst bei der Stadt. Die archäologischen Befunde und die ältesten Überlieferungen legen den Schluss nahe, dass Fürstenwalde bereits für ca. 2.000 Menschen geplant war, eine Einwohnerzahl die sich bis Ende des 18. Jahrhunderts kaum änderte. Die Stadt lag an einem handelsstrategisch entscheidenden Punkt der Spree. Von der Nordsee kommend, ging der Handel über Elbe, Havel und Spree bis Fürstenwalde, doch hier endete die Schiffbarkeit gen Osten. Sämtliche Waren mussten umgeladen werden, um auf dem Landweg bis nach Frankfurt (Oder) zu gelangen. Dies lässt vermuten, dass einige Fürstenwalder ihren Broterwerb als Kaufleute und Händler hatten. Andere waren Fischer oder Ackerbürger (Bauern mit Bürgerrecht), doch die meisten Bürger gingen einem Handwerk nach. So lässt es sich zumindest aus dem frühesten Einwohnerverzeichnis aus dem Jahre 1581 erkennen.1 Die Stadt entwickelte sich für brandenburgische Verhältnisse zu einer vermögenden Kommune, die sich schon sehr früh eine Stadtbefestigung mit

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Guido Strohfeldt

Stadtplan aus dem Jahr 1725.

Wall, Toren und Graben leisten konnte. Selbst die erste Kirche hatte nach archäologischen Erkenntnissen schon ähnliche Ausmaße wie unser heutiger Dom. Diese Bedeutung Fürstenwaldes führte schließlich 1373 zur Verlegung der Bischofsresidenz in unsere Stadt. Die bereits vorhandene Burg wurde ausgebaut und Fürstenwalde, als Hauptstadt des Bistums Lebus, zu einem politischen und religiösen Zentrum in der Mittelmark. Das Leben in Fürstenwalde war sicher typisch für die meisten Städte des Mittelalters. Innerhalb der Mauern gab es nur wenig Platz. Straßenseitig stand das »Wohn- und Geschäftshaus«, natürlich als Fachwerkbau, im Hof waren Stallungen und Schuppen. Die Abwässer wurden über die Gossen am Straßenrand in den Stadtgraben geleitet, die Straßen selbst waren meist ungepflastert und schmierig. Der Müll, organisch oder anorganisch, wurde in der Stadt verteilt. Das Vieh, das nicht auf der Weide stand, wie Schweine und Hunde, lief durch die Stadt und lebte von dem, was es fand. Natürlich führten solche Verhältnisse auch in Fürstenwalde gelegentlich zur Anhäufung von Krankheitsfällen oder gar Epidemien. So wütete in den Jahrhunderten immer wieder die Pest in Fürstenwalde. Am schlimmsten war es wohl im Jahre 1598, denn hier verlor die Stadt mehr als die Hälfte ihrer Einwohnerschaft, also mehr als 1.000 Bürger. Der Altstädter Platz, der bis 1885 »Pestkirchhof« hieß, kündet heute noch von dieser tragischen Geschichte. Es gab kein Gesundheitswesen, das in diesen Fällen griff. Die Chroniken überliefern uns, dass, wer konnte, die Stadt verließ und die anderen in den Häusern blieben. Die Toten wurden nachts außerhalb der Stadt begraben. Sonst konnte man nur warten und hoffen. Doch wie war es im alltäglichen Leben? Wer kümmerte sich um Arme und Kranke in unserer Stadt? Die älteste Nachricht über eine Organisation, die sich diesen Aufgaben in Fürstenwalde widmete, stammt aus dem Jahre 1365. In einer Urkunde verspricht der Bischof von Lebus einem Jeden, der Mitglied

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Elendengilde, Hospitäler und ­Jungfrauenverein

der Fürstenwalder Elendengilde (oder auch Kalandbruderschaft) wird oder diese unterstützt, einen Ablass, der nicht geringer sein sollte als bei der Stiftung einer Kirche, eines Klosters oder von Altären.2 Vereinigungen dieser Art gab es in vielen Städten des Mittelalters in ganz Europa. Der Name Kalandbruderschaft leitet sich vom lateinischen Wort »kalendae« ab und bedeutet »der erste Tag des Monats«. Die Namensgebung deutet auf den Brauch, sich immer am Ersten des Monats zu treffen. Mitglieder der Bruderschaft waren in der Regel wohlhabende Bürger einer Gemeinde, die es sich zur Aufgabe machten, Armen und Kranken ihrer Stadt zu helfen. In Fürstenwalde, wie wohl in einigen Städten der Mark, waren die Wirren und Auseinandersetzungen Mitte des 14. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem falschen Waldemar ein Grund für die Einrichtung von Kalandbruderschaften.3 Während dieser Zeit wurden bei Kampfhandlungen immer wieder Klöster niedergebrannt und geplündert. Viele Mönche und andere Betroffene zogen hungernd, krank und verarmt durch die Lande und hofften auf Mildtätigkeit. Diese machten sich die in den Städten der Mark gegründeten Kalandbruderschaften zur Aufgabe. Oft waren es Geistliche, die führende Funktionen in der Bruderschaft übernahmen, nicht zuletzt da es in der ersten Zeit häufig um die Betreuung der erwähnten obdachlosen Brüder aus den Klöstern ging. Neben tatsächlicher medizinischer Versorgung von Kranken und Speisung von Armen lag die Hauptarbeit aber im gemeinsamen Gebet und dem Abhalten von Seelenmessen für Verstorbene. Da in dieser Zeit strenger Religiosität die heiligen Sakramente nicht kostenlos zu erlangen waren, hatten Seelenmessen und Bestattungen Armer auf Kosten der Kalandbruderschaft eine erhebliche Bedeutung. Für Fürstenwalde wissen wir, dass Mitte des 15. Jahrhunderts ein Kaplan namens Johannes Leßlow die Bruderschaft anführte. Dieser Kaplan war auch

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Fürstenwalde, Kupferstich von Caspar Merian, um 1650.

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der zuständige Priester für die Kirche zum Heiligen Geist am Müncheberger Tor (heute zwischen Sparkasse und Platz am Stern). Diese Kirche wird erstmals in einer Urkunde von 1451 im Zusammenhang mit der Kalandbruderschaft erwähnt.4 Leider kennen wir ihren genauen Standort nicht, da sie mit der fortschreitenden Reformation in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts abgerissen wurde. Aus der Urkunde lässt sich aber erkennen, dass diese Kirche mit Kirchhof der Bruderschaft zur Verfügung stand. Kaplan Johannes Leßlow ließ 1457 ein Haus errichten, das er per Urkunde seinen amtlichen Nachfolgern vererbte, mit der Auflage, dass auch diese weiter so verfahren sollten. Weitere Nachrichten über die Bruderschaft und ihr soziales Engagement in Fürstenwalde sind leider nicht bekannt. Vermutlich ist sie, wie auch ihre Kirche, mit der Reformation verschwunden. Überall in Deutschland war die Kalandbruderschaft in Kritik geraten. Brauch war es, jedes Mitgliedertreffen mit einem reichhaltigen Mahl zu beenden. Im Laufe der Jahrhunderte artete dieses Mahl zu großen Gelagen aus und im Volk sprach man nur noch abschätzig von Trunkenbolden. Doch die Kalandbrüder waren nicht die Einzigen, auf die Hilfebedürftige im Mittelalter in unserer Stadt hoffen durften. Die Chroniken beschreiben weiterhin zwei Hospitäler. Selbst der noch recht zeitnahe Chronist und Bürgermeister Jacob Lotichius beschrieb 1679 bewundernd die Tatsache, dass es bei der Größe Fürstenwaldes zwei Hospitäler gab: »Noch hab ich nicht gesagt von zweien Hospitalen, / Die erst das Bisthum hatt in Stuben und in Saalen, / Fast herrlich abgetheilt, den besten Klöstern gleich, … / … Ein ander Hospital ist jüngst auch von Intraden / Und Gütern abgesetzt; durch Brand, der großen Schaden / Zum Mühlen-Thor warf ein, trieb arme Leut hinaus, / Macht einen steinern Bau zum ganz verwüsten Haus …« Dieser Auszug aus der Lotichiuschronik beschreibt die beiden Hospitäler zu einem Zeitpunkt, als sie ihre Glanzzeit schon weit hinter sich hatten.5 Die Klärung der Standortfrage der beiden Häuser ist ein schwieriges Unterfangen, da offenbar die früheren Chronisten zu unterschiedlichen Erkenntnissen gelangten. In diesem Beitrag wird auf die Angaben von Lotichius zurückgegriffen, der unsere früheste Quelle ist. Er beschrieb das eine Hospital als wunderschönen Bau mit eigener Kirche, das früher vom Bistum Lebus unterhalten wurde, 600 Taler Einnahmen im Jahr zu verzeichnen hatte und in der Nähe des Müncheberger Tores (ungefähr im Bereich der heutigen Sparkasse) gestanden haben soll. Folgt man Lotichius, war dieses Hospital schon lange vor dem Erscheinen seiner Chronik im Jahr 1679 verschwunden: »O Kirch und Hospital! Ihr Werke / last uns fragen: / Wor ist ein Stein von euch? Last hundert Jahre sagen / und hundert noch; seit dem ist dieser kostbar Ort / Der Armen reiche Bau mit allem Zieraht fort: …« Ob dieser Bau so schön war, ist natürlich auch nur eine Spekulation des Chronisten. Schließlich kannte auch Lotichius das Gebäude nicht mehr. Das zweite Hospital, dessen Trägerschaft leider unerwähnt blieb, befand sich am Mühlentor (heute in der Nähe der Ampelkreuzung Wassergasse) und brannte 1659 ab. Vermutlich wurde es als Hospital nicht mehr aufgebaut, denn 1705 beschloss die königliche Kammer, das »ehemalige« Hospital zur

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Mühlenmeisterwohnung auszubauen. Nach Lotichius gab es dennoch ein Hospital mit angeschlossenem Siechenhaus, sicher ein Neubau nach dem Brand von 1659. Da auf der ältesten Stadtkarte ein Hospital auf dem heutigen Ottomar-Geschke-Platz dargestellt ist, kann davon ausgegangen werden, dass es sich hierbei um diesen Neubau handelt. Aber was waren nun die Aufgaben dieser Hospitäler? Heute verstehen wir unter diesem Begriff meist Krankenhäuser oder bei dem Namen Hospiz eine Einrichtung zur Sterbebegleitung. Das erwähnte Siechenhaus wäre am ehesten mit dem heutigen Hospiz zu erklären. Hier wurden Kranke versorgt, bei denen die Hoffnung auf Genesung meist nicht mehr vorhanden war. Der frühere Hospital-Begriff entspricht jedoch nur teilweise der heutigen Bedeutung. Die Quellenlage zum Fürstenwalder Hospital zeigt, dass dieses eher mit einem Altenheim vergleichbar war. Vermögendere, alte Bürger der Stadt konnten im Hospital sogenannte Pfründe erwerben.6 Sie erhielten damit eine bessere Versorgung und waren von Arbeitsleistungen befreit. Arme Bürger hatten nur das Recht auf eine sogenannte Bettstatt, außerdem mussten sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten Arbeiten für das Hospital leisten. Mit dem Einzug ins Hospital verbunden war aber in jedem Fall die Einbehaltung jeglichen Vermögens für die Hospitalkasse nach dem Tod der Hospitaliten. Daher ist es naheliegend, dass es sich meist um kinderlose Menschen handelte. Das Hospital auf dem heutigen Geschke-Platz wurde im 18. Jahrhundert mit zwölf Stuben, welche sich um einen Gemeinschaftsraum reihen, beschrieben. Der zum Hospital gehörige Friedhof ist mit dem heutigen Ottomar-Geschke-Platz gleichzusetzen. Der Tagesablauf im Hospital wurde von den Insassen selbst geregelt. In bischöflicher Zeit waren sicher Geistliche des Bistums mit der Betreuung beauftragt. In nachreformatorischer Zeit lag die geistliche Betreuung bei der nun evangelischen Kirchengemeinde. Für die materielle Unterstützung ka-

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Links neben der Mühle das ­ ühlenmeisterhaus, gebaut M auf den Resten des 1659 abgebrannten Hospitals.

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Das Hospital an der Prome­ naden­straße (Dr. W.-Külz), ­abgerissen 1892.

men offenbar die Stadt und das königliche Amt in Fürstenwalde auf. Zur medizinischen Versorgung gab es keinen eigens für das Hospital angestellten Arzt, jedoch konnte im Notfall mit medizinischer Hilfe gerechnet werden. In der Chronik von J. Lotichius werden neben zwei Ärzten auch drei Apotheker erwähnt. Der Finanzierung des Hospitals dienten neben den Pfründen und der festgelegten Unterstützung durch Stadt und Amt noch die verschiedenen Legate (Vermächtnisse) vermögender Fürstenwalder Bürger.7 Besondere Bedeutung in der Fürstenwalder Geschichte erlangte eines der Fürstenwalder Hospitäler im Jahre 1566. Zu diesem Zeitpunkt lebte Frau Dorothea von Reppen im hiesigen Hospital. Sie war in Fürstenwalde als Hexe bekannt und auch geschätzt. Letzteres für ihre Zauberkunst, verdorbenes Bier genießbar zu machen. Eines Tages im Jahr 1566 »verunliebte« sie sich mit einem der anderen Spitalsinsassen, wie es im Vernehmungsprotokoll heißt. Grund für den Streit war ein gefällter Hollunderbusch, der zum Hexen wohl vonnöten war. Nun ließ sie sich zur schwarzen Magie hinreißen und schüttete ihrem Kontrahenten einen Krankheit bringenden Sud vor die Tür. Nach tatsächlich eingetretener Krankheit folgten Anzeige und Verhaftung der vermeintlichen Hexe. Bei der Vernehmung gelobte sie die Rettung des Klägers, doch zu ihrem Pech verstarb der Kranke bevor sie einen Gegenzauber anwenden konnte. So führte ihre Hexenkunst in der Wahrnehmung ihrer Zeitgenossen zum Tod eines Menschen und die allseits bekannte Bestrafung musste erfolgen. Die eigentliche Verbrennung der Hexe ist zwar nicht überliefert, da aber die Schöffen aus Brandenburg den Fürstenwalder Verantwortlichen eine eindeutige Weisung erteilten, kann davon ausgegangen werden, dass Dorothea von Reppen den Tod auf dem Scheiterhaufen fand.8 Trotz der sicher nicht ausreichenden Quellenlage zu den ersten Jahrhunderten unserer Heimatgeschichte scheinen die Hospitäler bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts die einzigen erwähnenswerten Sozialeinrichtungen gewesen zu sein. Vieles an sozialer Betreuung musste von den Familien selbst organisiert und praktiziert werden. Da sich bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts weder die Strukturen noch die Einwohnerzahlen Fürstenwaldes änderten, ist dies sicher auch nachvollziehbar. Ein Hospital war offenbar als soziale Einrichtung ausreichend, wenn auch die dortigen Zustände um 1810 katas­

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Stadtansicht Fürstenwaldes im frühen 19. Jahrhundert.

trophal gewesen sein müssen. So schrieb der Kaufmann Kecht an den Magistrat, nachdem er das zum Hospital gehörende Siechenhaus inspiziert hatte, »dass das weißen der Stuben vorzüglich nötig ist; der Anblick derselben erregt Schauder, wenn man noch dazu auf die entblößten Körper einiger Kranken hinblickt, deren Umstände sich durch die Unreinlichkeit und Beschaffenheit der Zimmer noch verschlimmern«9. Mit der Reformbewegung in Preußen nach den Napoleonischen Kriegen und geprägt durch die Revolution von 1848 zog auch in Fürstenwalde langsam modernes Denken ein. Das Zeitalter der Industrialisierung begann, viele ehemalige Landarbeiter suchten nun ihr Glück in den Fabriken, die vielerorts in den Städten entstanden. Durch die nach wie vor günstige Infrastruktur der Stadt und die seit 1842 an Fürstenwalde vorbeiführende Eisenbahn, siedelten sich nach und nach auch hier Fabriken und in deren Gefolge Arbeiter an. Die Einwohnerzahl stieg langsam von 3.000 im Jahr 1800 auf 8.000 im Jahr 1850 und schließlich 18.000 im Jahr 1900.10 Natürlich hatte dies nicht nur positive Folgen. Die Stadt war bald ständig zu klein. Neue Stadtquartiere mussten erschlossen und Wohnungen gebaut werden. Jeder Schulneubau reichte zum Zeitpunkt seiner Einweihung schon nicht mehr aus. Die Sozialstruktur änderte sich. Während die Stadt früher durch Handwerks- und Kaufmannsfamilien geprägt war, Familien die teilweise über Jahrhunderte die Geschicke der Stadt gelenkt hatten, entwickelte sich Fürstenwalde nun zu einer Arbeiterstadt. In früheren Zeiten konnte die Betreuung von Hilfebedürftigen durch die familiären Beziehungen in der Stadt abgedeckt werden. Doch in der neuen »großen« Stadt gab es solche sozialen Bande oft nicht mehr und so bedurfte auch dieser Bereich dringender Reformen. Anfang der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand auf der Südseite der Spree ein Armenhaus (heute AWO- Altenheim). Hier wurden, wie schon der Name verrät, arme Menschen betreut und versorgt. Um diese Einrichtung zu unterhalten, gab es beim Magistrat den »Deputierten für Armen- und Sanitätssachen«und die dazu gehörige Armenkasse. Zum Nutzen der Betroffenen gab es regelmäßige Sammlungen und für das eigene Seelenheil stifteten immer wieder betuchtere Bürger Geld für die Armenkasse.

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Der Brückenbau, 1913. Im Hintergrund das Armenhaus der Stadt.

Das alte Hospital wurde zu dieser Zeit zu einem Schandfleck mitten in einer prosperierenden Stadt. So sollte 1883 nach Antrag der St. Marien Kirchengemeinde ein neues Hospital gebaut werden. Es sollte, durch einen zu durchlaufenden Behördendschungel, neun Jahre dauern, bis das Gebäude in der Kirchhofstraße schließlich eingeweiht werden konnte. Die Funktion des Hospitals lag 1892 zur Einweihung immer noch in der Betreuung von Menschen im Spätherbst ihres Lebens. Oder wie Oberpfarrer Meltzer zur Einweihungsansprache für uns etwas befremdlich meinte: »[…] dies Haus in der Kirchhofstraße sei eine Vorhalle des Friedhofs, eine Vorbereitung für die Ewigkeit.«11 Nun stand dem Abriss des eingeschossigen Fachwerkbaus auf dem alten Hospitalsplatz nichts mehr im Weg und an seiner Stelle entstand ein Schmuckplatz im neuen Zentrum der Stadt.12 Natürlich war mittlerweile auch eine bessere medizinische Versorgung vonnöten und so wurde um 1870 ein Krankenhaus in der Frankfurter Straße mit angeschlossenem Siechenhaus errichtet. Beim Bau dieser Einrichtung erkannte man offensichtlich die weitere Entwicklung Fürstenwaldes und überließ dem Krankenhaus ein beträchtliches Grundstück.13 So konnten im Laufe der Jahre leicht Ergänzungsbauten wie eine Isolierstation entstehen. Aber nicht nur die Versorgung von Alten, Armen und Kranken musste gewährleistet werden, es gab auch ganz neue Probleme. So stellte man in den 1870er Jahren fest, dass es eine auffällige Anzahl an Kindern gab, die bettelnd und Unfug anstellend durch die Stadt zogen. In den großen Fabriken in Fürstenwalde arbeiteten nicht mehr nur Männer, auch Frauen fanden hier eine Beschäftigung. Um den Unterhalt für die Familien zu stärken waren nun oft beide Elternteile tagsüber außer Haus. Doch ebenso Krankheit und damit einhergehende Arbeitslosigkeit führten zu Armut und bettelnden Kindern. Eine Kinderbetreuung gab es aber nicht und der Staat mischte sich zunächst in derartige, scheinbar private Probleme nicht ein. Da offenbar die

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Damen der besseren Fürstenwalder Gesellschaft besonderen Anstoß an diesen marodierenden Kindern nahmen, gründeten sie eine Organisation, die diese Probleme lösen sollte. Am 6. Februar 1877 bildete sich der »Fürstenwalder Frauen- und Jungfrauenverein«.14 In seinen Aufrufen in der Fürstenwalder Zeitung versuchte der Verein zum einen, die Leserschaft über den Umgang mit bettelnden Kindern aufzuklären, und zum anderen, die Spendenbereitschaft in der hiesigen Einwohnerschaft zu fördern. Ziel war es, eine »Kleinkinderbewahranstalt« in Fürstenwalde zu errichten. Die Aufrufe verfehlten ihre Wirkung nicht, schon 14 Tage nach Gründung des Vereins gab es 400 Mitglieder zu verzeichnen. Der Mitgliedsbeitrag belief sich auf 50 Pfennig im Monat. Bereits am 29. September 1877 konnte die erste Kleinkinderbewahranstalt eröffnet werden. Zunächst standen einige Räume im Hause der Witwe Pache in der Berliner Vorstadt 16 (heute Berliner Straße, gegenüber dem Unionkino) zur Verfügung. Im Juli des Folgejahres zog die Kleinkindereinrichtung in die Bergstraße, wo 70 Kinder eine Betreuung fanden. Da auch hier der Verein nur Mieter war, bestand über Jahre der Wunsch, ein eigenes Haus unterhalten zu können. Sehr aktiv warben die Damen um Mittel für einen Hausbau, besonders bei ihren eigenen Männern. Den größten Erfolg hatte bei dieser Mittelakquise unverkennbar Marie Grasnick. Die Einweihung des eigenen Hauses, das als Kleinkinderbewahranstalt und Gemeinde- und Diakonissenhaus errichtet wurde, geschah am 3. Juli 1895 in der Alten Neuendorfer Straße. Aus der Zeitung erfahren wir dann Folgendes: »Begründet durch die Freigiebigkeit der beiden Herren Otto und Fritz Grasnick erinnert das Marienheim mit seinem Namen an die geistliche Aufgabe des Hauses und an die Familie der hochherzigen Geber.«15 Fritz Grasnick stellte sein Grundstück zur Verfügung, während sein Bruder Otto Grasnick, Ehemann der erwähnten Marie, die Mittel für den Bau spendete. Zur Versorgung der Kinder entsandte das Oberlinhaus aus Nowawes seit 1888 Schwestern nach Fürstenwalde.16 Als das Oberlinhaus 1904 mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hatte, endete auch sein Engagement in Fürstenwalde. Es folgten Schwestern aus dem Auguste Viktoria Krankenhaus in Neu-Weißensee. Erst ab 1908 konnte die Leitung in Fürstenwalde wieder durch eine Schwester des Oberlinhauses übernommen werden.17 Im Marienheim befanden sich zur Zeit der Einweihung eine Wohnung für die Mutter Oberin, Räume für die Kleinkinderbewahranstalt, eine Volksküche, Räume zur Pflege alleinstehender, hilfebedürftiger Damen und eine Badewanne auf dem Dachboden. Im Ersten Weltkrieg und durch die Wirren der Nachkriegszeit drohte dem Verein das Aus. Die Gewährleistung der Versorgung der Pfleglinge wurde auf eine harte Probe gestellt und Unterstützung aus Übersee war notwendig. Fräulein Martini aus Milwaukee, eine ehemalige Fürstenwalderin und dem Verein eng verbunden, organisierte Lebensmittelspenden aus Amerika. Auch die hiesige Stadtküche musste gelegentlich aushelfen. Doch trotz aller Bemühungen musste die Kleinkinderbewahranstalt am 1. April 1921 geschlossen werden. Erst im darauffolgenden Jahr, am 1. August, konnte die Anstalt wieder öffnen. Im Anschluss wurde die mildtätige Arbeit des Frauen- und Jungfrauenvereins noch bis in das Jahr 1933 wie gewohnt fortgesetzt.

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Blick über den Pferdemarkt auf das 1892 errichtete neue Hospital, das Gebäude unterhalb des Domturms.

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Das Krankenhaus in der ­ rankfurter Straße, F Ende des 19. Jahrhunderts.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam das Ende des Vereins. Alle Frauenvereine und -organisationen wurden unter der NS-Frauenschaft zusammengefasst, auch die Arbeit der Fürstenwalder Frauen wurde unter die Kontrolle des NS-Systems gestellt. Zwar blieb das Programm als solches bis 1945 erhalten, allerdings bestimmte jetzt die Staatsideologie, welche Menschen würdig waren, Unterstützung zu erhalten. Erst mit dem Neuanfang nach dem Zusammenbruch des NS-Staates zog wieder eine soziale Einrichtung in das Marienheim ein, die Samariteranstalten Fürstenwalde.18 Noch bevor sich der Frauen- und Jungfrauenverein in Fürstenwalde engagierte, war in Fürstenwalde bereits eine andere Einrichtung für Hilfebedürftige entstanden. Am 15. Juli 1873 eröffnete der jüdische Taubstummenlehrer Markus Reich die erste jüdische Taubstummenanstalt Deutschlands, eine Einrichtung, die im Laufe ihrer Entwicklung eine hervorragende Stellung in der Unterrichtung taubstummer Kinder in Deutschland erreichen sollte. Markus Reich hatte nach einer Begegnung mit einem an der Wiener Taubstummenanstalt ausgebildeten taubstummen Erwachsenen den Entschluss gefasst, ebenfalls solchen Kindern zu einem selbstständigen Leben zu verhelfen. Er absolvierte eine Ausbildung zum Taubstummenlehrer und machte sich auf die Suche nach Unterstützung für sein Projekt. Vor allem durch den Einsatz und die finanzielle Unterstützung der Bankiers Jacob Nachod (1814–1882) und Julius Bleichröder (1828–1907) gelang es, das nötige Startkapital zusammenzubringen. Am Beginn gab es Plätze für sieben Knaben in der privaten Wohnung von Markus Reich. Doch bald schon konnte ein Gartengrundstück in der Alten Neuendorfer Straße 5 gepachtet werden, auf dem ein Gebäude für die Anstalt errichtet wurde. Durch das weitere Engagement von einflussreichen Freunden gelang es, im Jahr 1879

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Die Kleinkinderbewahranstalt »Marienheim«, um 1900.

eine Mädchenabteilung aufzubauen. Die Betreuung dieser Mädchen übernahm die Schwester von Markus Reich, Anna Reich. Am 19. Oktober 1879 heiratete Markus Reich die Tochter des Fürstenwalder Tischlermeisters Carl Maschke. Emma Reich, geb. Maschke war eine ausgebildete Kindergärtnerin und brachte sich ebenfalls in die Betreuung der Kinder ein. Trotz der Bemühungen Reichs blieb die finanzielle Grundlage der »Israelitischen Taubstummenanstalt«, wie die Einrichtung seit der Gründung hieß, unsicher. Erst die Gründung des »Verein Freunde der Taubstummen Jedide Ilmim« 1884 konnte durch regelmäßige Mitgliedsbeiträge für Sicherheit sorgen. Der Zweck der Anstalt bestand laut Statut des Vereins darin, »allen in Deutschland vorhandenen armen jüdischen taubstummen Kindern, die im schulpflichtigen Alter stehen, Unterricht und Erziehung unentgeltlich zu gewähren«19. Ab 1893 wurde der Vereinszweck um die Förderung der Berufsausbildung und Gewährung von Beihilfen für die berufliche Existenzgründung erweitert. Somit sah die Ausbildung vor, aus taubstummen Kindern gebildete und selbstständige Erwachsene zu machen. Die Schulpflicht für Taubstumme wurde von staatlicher Seite erst 1911 eingeführt. Viele bedeutende und vermögende jüdische Persönlichkeiten Deutschlands wurden Mitglieder dieses Vereins. So zählte er bereits zwei Jahre nach seiner Gründung 930 Mitglieder in 93 Orten Deutschlands. Die Kinder kamen ebenfalls aus dem ganzen Land und lebten oft von ihren Eltern getrennt im zur Anstalt gehörenden Internat. So kam bei der wachsenden Bedeutung der Anstalt die Frage auf, ob Fürstenwalde noch der richtige Standort war. Auf der 4. Generalversammlung im Mai 1888 entschied man, ein Grundstück in Neu-Weißensee zu erwerben. Im Jahr darauf kaufte der Verein ein rund 3.000 Quadratmeter großes Grundstück im späteren Berlin-Weißensee. Das Ende der Einrichtung für Fürstenwalde und der Beginn der Arbeit in Weißensee kamen mit der Einweihung der Anstalt im neuen Domizil am 31. Mai 1891. In Weißensee entwickelte sich die Anstalt, trotz der

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Das Krankenhaus in der ­ rankfurter Straße, nach 1924. F

ebenfalls belastenden Jahre des Ersten Weltkriegs und seiner Folgen, zu einer der bedeutendsten ihrer Art in Deutschland. Doch auch für die Taubstummenschule war das Ende mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten eingeläutet. Durch Verhaftungen, staatliche Behinderungen und Verlassen der Heimat einiger Mitglieder schrumpfte die Einrichtung immer mehr. Mit der Anordnung zur Auflösung aller jüdischen Schulen in Berlin vom 26. Juni 1942 hörte auch die Existenz der »Israelitischen Taubstummenschule« auf. Über den Verbleib der letzten Bewohner ist leider nichts bekannt, doch sicher sind sie mit der Auflösung verhaftet und in Vernichtungslager deportiert worden. Vermutlich haben die meisten, wenn nicht gar alle, das Ende der NS- Zeit nicht mehr erlebt.20 Vielleicht ist es ein interessanter Zufall, dass nur ein Jahr nach dem Wegzug der Israelitischen Taubstummenschule in Fürstenwalde von Pastor Albert Burgdorf eine Behinderteneinrichtung in Fürstenwalde gegründet wurde. Vielleicht war es aber kein Zufall und Burgdorf war inspiriert durch die Arbeit von Markus Reich. Es bleibt Spekulation, bisher ist keine Quelle bekannt, die eine Verbindung zwischen den beiden herstellt. Fakt ist, dass Burgdorf am 1. Mai 1892 die Lutherischen Anstalten, die heutigen Samariteranstalten, in Fürstenwalde gründete. Zum Schluss soll ein kurzer Blick ins 20. Jahrhundert zeigen, wie sich die Strukturen sozialer Einrichtungen weiterentwickelten und neue Einrichtungen entstanden. Das bereits um 1870 gebaute Krankenhaus war Anfang des 20. Jahrhunderts an seine Grenzen geraten. Die Stadt drängte auf einen Erweiterungsbau, doch der Erste Weltkrieg ließ diesen Traum platzen wie so viele Planungen dieser Zeit. Erst 1924 konnte die Erweiterung erfolgen und es entstand ein, für seine Zeit, modernes, großes und schönes Krankenhaus. Die erneuten Kriegsereignisse im April 1945 vernichteten diesen Bau. Ein neues

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Die Heilstätte Waldfrieden, 1909.

Krankenhaus wurde anschließend im Stadtteil Nord errichtet, auf dem Gelände des Flugplatzes aus dem Ersten Weltkrieg, teilweise sogar unter Einbeziehung ehemaliger Flugzeughallen. Mit der Fusion der Krankenhäuser, Fürstenwalde und Bad Saarow, kam um 2010 das Ende des Krankenhausstandorts Fürstenwalde. Im Jahre 1900 kaufte der Berliner Bezirksverein zur Bekämpfung des Alkohols 170 Morgen Land an der nördlichen Peripherie unserer Stadt. Dort entstand die sogenannte »Heilstätte Waldfrieden«, eine Trinkerheilanstalt die mit 19 Kranken begann. Mitte 1910 wurden bereits 1.674 Suchtkranke in der Heilstätte behandelt. Trotz der Bedeutung der Einrichtung und ihrer guten Erfolge kam 1937 das Aus. Die Heilstätte Waldfrieden musste einer Kaserne der Luftwaffe mit angeschlossenem Flugplatz weichen.21 Nachdem 1945 bis 1994 die Sowjetarmee die Fläche besetzt hielt, folgte hierauf der Verfall und spätere Abriss. Die Flächen sind heute wieder renaturiert und der Flugplatz ein Solarfeld. Doch Fürstenwalde bot noch mehr Platz für ähnliche Einrichtungen. Das Gut Palmnicken, nördlich der Stadt, konnte 1913 von der Provinz Brandenburg erworben werden. Hier sollte die »7. Provinzial-Irrenanstalt« entstehen. Insgesamt sah die Planung 1.624 Betten vor. Im April 1915 sollte der eigentliche Anstaltsbau beginnen. Seit Juni 1914 lebten aber schon die ersten »leichtkranken Irren« in den vorhandenen Gebäuden. Der Erste Weltkrieg sorgte auch hier für bauliche Verzögerungen, dennoch wurden 1918 die Mittel für den Bau bewilligt. Erst die Folgen der Nachkriegszeit zerschlugen das Projekt. So wurde aus der »Landesirrenanstalt Fürstenwalde« wieder ein landwirtschaftliches Gut, in dem sich heute das Oberstufenzentrum Palmnicken befindet.22 Wenn heute auf die Geschichte der sozialen Einrichtungen Fürstenwaldes zurück geschaut wird, so ist festzustellen, dass Fürstenwalde schon immer

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ein bedeutender Ort der Fürsorge war. Doch von den vielen Einrichtungen und Anstalten der Vergangenheit blieben am Ende nur die Samariteranstalten übrig.

Anmerkungen   1 Einwohnerverzeichnis der Stadt Fürstenwalde aus dem Jahr 1581, in Kreisarchiv Landkreis Oder Spree, Akte 570, Fürstenwalde.   2 Vgl. Georg Friedrich Gottlob Goltz, Diplomatische Chronik der Stadt Fürstenwalde, Fürstenwalde 1837, S.109 f.   3 Mit dem Tod des kinderlosen Markgrafen Waldemar aus dem Haus Askanien im Jahre 1319 war die Mark Brandenburg vakant. In den folgenden Jahrzehnten gab es Erbstreitigkeiten, bei denen auch versucht wurde, den Tod Waldemars zu leugnen und der »angebliche« Waldemar die Mark zurückerhalten sollte. Die damit zusammenhängenden Kämpfe führten zum Aufblühen des Raubrittertums und zu einer gewissen Verrohung der Sitten in Brandenburg. Vgl. u. a. Helmut Assing, Die Landesherrschaft der Askanier, Wittelsbacher und Luxemburger (Mitte des 12. bis Anfang des 15. Jahrhunderts), in: Ingo Materna/Wolfgang Ribbe (Hrsg.), Brandenburgische Geschichte, Berlin 1995, S. 85–169, hier S. 132 ff.   4 Vgl. Goltz, Diplomatische Chronik, S. 112 f.   5 Vgl. Jacobus Lotichius, Die Stadt Fürstenwalde, Fürstenwalde 1679.   6 Pfründe könnte man als Anrecht auf Unterkunft und Versorgung betrachten. Pfründner hatten mehr Rechte und eine bessere Unterkunft in den Hospitälern als mittel­ lose Alte.   7 Vgl. Goltz, Diplomatische Chronik, S. 508 f. u. 511 ff.   8 Vgl. Sammlung von Schöffensprüchen im Museum Fürstenwalde.   9 Vgl. Emil Unger, Manuskript Chronik »Fürstenwalde im 19. Jahrhundert«, Museum Fürstenwalde (unveröff. Manuskript), S. 92.

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10 Die Zahl von 18.000 Einwohnern enthält auch die 2.000 Einwohner der Kolonie. Die »Amtskolonie Fürstenwalde« war bis 1904 eine eigenständige Gemeinde und befand sich zwischen der Wilhelmstraße und der heutigen Uferstraße. In der Einwohnerzahl nicht inbegriffen ist der heutige Stadtteil »Süd«, damals die Gemeinde Ketschendorf mit 1900 auch schon mehr als 2.000 Einwohnern. 11 Artikel zur Einweihung des neuen Hospitals zum heiligen Geist in der Kirchhofstraße, Fürstenwalder Zeitung 6.7.1892. 12 Seit 1887 war die Spitze des Hospitalplatzes zum Denkmalplatz, mit einem Denkmal für gefallene Fürstenwalder der preußischen Einigungskriege, umstrukturiert. Nach dem Abriss des Hospitals entstand der Kaiserplatz, eine Parkanlage mit steinernen Sitzplätzen und Kaiserbüsten für Wilhelm I. und Friedrich III. 13 In etwa das gesamte heutige Grundstück des Geschwister-Scholl-Gymnasiums. 14 Vgl. Fürstenwalder Zeitung, 10.2.1877. 15 Fürstenwalder Zeitung, 5.7.1895. 16 Nowawes ist der heutige Potsdamer Stadtteil Babelsberg. 17 Vgl. Uta Meissner, Vortrag zur Geschichte des Frauen und Jungfrauenvereins zu Fürstenwalde, 2011. 18 Vgl. das Kapitel Die Samariteranstalten in der SBZ und DDR in diesem Band, S. 105 ff. 19 Vera Bendt/Nicola Galliner, »Öffne deine Hand für die Stummen« Die Geschichte der Taubstummen-Anstalt Berlin-Weißensee 1873–1942, Berlin 1993, S. 44 ff. 20 Vgl. ebd. 21 Christophorus, H. 3–7, März–Juli 1933. 22 Aus der Akte Baugeschichte, Sammlung des Museums Fürstenwalde.

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Sozialer Aufbruch und Moderne – die ­Samariteranstalten 1888 bis 1930/33

Am 29. April 1888 wurde Albert Burgdorf in das lutherische Pfarramt in Fürstenwalde/Spree eingeführt.1 Er bezog mit seiner Frau Wilhelmine und den vier Söhnen das unmittelbar an die Kirche angrenzende »eigenartige« Pfarrhaus in der Promenadenstraße am Kaiserplatz (heute: Dr.-Wilhelm-KülzStraße und Ottomar-Geschke-Platz), mit seinen auf drei Etagen verteilten Räumen und der im Keller befindlichen Küche.2 Schon wenige Wochen später, im Juli 1888, füllte sich das Haus mit weiteren, zumindest zeitweiligen Bewohnern. Albert und Wilhelmine Burgdorf richteten in ihrem Privathaushalt eine Kleinkinderschule (Kindergarten) ein. Damit begann die Geschichte der Samariteranstalten Fürstenwalde.

Die Burgdorfs – zwischen Innerer Mission und protestantischer Freikirche Der 1855 im Königreich Hannover geborene Albert Burgdorf wollte schon als Kind nach dem frühen Tod seiner Mutter Pastor werden.3 Da sein Vater nicht in der Lage war, ein Theologiestudium zu finanzieren, schlug er zunächst eine Laufbahn bei der Post ein. Im Jahr 1877 heiratete er die zwei Jahre jüngere Wilhelmine Blümner. Um 1880 wuchs in dem jungen hannoverschen Postbeamten der Wunsch, einen neuen Weg für sein weiteres Leben einzuschlagen. Bestärkt durch den Abt des Klosters Loccum, Gerhard Uhlhorn (1826–1901), und den Vorsteher des Stephansstifts in Hannover, Pastor Ludolf Wilhelm Fricke (1840 –1899), entschloss sich Burgdorf zu einem radikalen Neuanfang. Er wollte seinen ursprünglichen Berufswunsch verwirklichen und ein Theologiestudium aufnehmen. Insbesondere Pfarrer Fricke soll ihn ausdrücklich ermuntert haben, »er würde innerlich nicht eher zur Ruhe kommen, bis er seinem alten Wunsch gefolgt sei«4. Die Formulierung verweist auf die Nähe Burgdorfs zu den Erweckungsbewegungen, die zu einer der wesentlichen Quellen religiösen Handelns im 19. Jahrhundert wurden. Diese bedeutenden Strömungen innerhalb des deutschen Protestantismus hatten vor allem in der ersten Jahrhunderthälfte ihre Blütezeit.5 Wenn auch Burgdorf wahrscheinlich nicht selbst an einer Erweckungsbewegung beteiligt war, so erinnert doch der »innere Ruf«6, dem er nun folgen wollte, an ihren Bezug

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Albert Burgdorf (1855 –1933), um 1880.

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auf den persönlichen Glauben, ihre Auffassung, dass lebendiges Christentum mit der Antwort des Menschen auf den Ruf des Evangeliums zu Umkehr und geistiger Erneuerung beginnt. So gab Burgdorf im Mai 1882 seine bisherige Stellung auf und bereitete sich im Stephansstift durch Privatunterricht auf das Abitur vor. Für seine Familie brachte dieser Neuanfang zunächst eine Trennung mit sich: Wilhelmine Burgdorf zog mit den beiden inzwischen geborenen Söhnen Albert (geb. 1878) und Johannes (geb. 1880) zu ihren Eltern in die Nähe Göttingens.7 Burgdorf folgte seiner Familie, nachdem er das Abitur abgelegt hatte, und begann ein Theologiestudium in Göttingen. Doch schon bald waren die zur Finanzierung des Studiums gesparten Mittel verbraucht. Damit schienen Burgdorfs Lebenspläne akut gefährdet, die von ihm empfundene Berufung drohte an den materiellen Umständen seiner Existenz zu scheitern. Doch Burgdorf hatte spätestens von Göttingen aus Kontakt zu dem einflussreichen Hofprediger Adolf Stoecker (1835–1909) in Berlin aufgenommen.8 Stoecker war seit 1877 Leiter der Berliner Stadtmission, eines protestantischen Vereins, dessen Ziel in der [Wieder-]Gewinnung vor allem der städtischen Unterschichten für die Religion bestand.9 Eine Anstellung bei der Stadtmission, die ihm offenbar Stoecker selbst vermittelte,10 verbesserte Burgdorfs finanzielle Situation und erlaubte ihm, sein Studium in Berlin fortzusetzen, wohin er noch 1883 mit seiner Familie zog. Burgdorf schloss sich damit einer Bewegung an, die sich als eine spezifische Antwort auf die sozialen Herausforderungen des 19. Jahrhunderts verstand und eine unverzichtbare Ergänzung der öffentlichen Fürsorgesysteme für sozial schwache, kranke und behinderte Menschen war – der Inneren Mission. Getragen wurde die Innere Mission vor allem von bürgerlichen Schichten, die in Deutschland bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts von ­einer politischen Partizipation weitgehend ausgeschlossen waren, denen sich jedoch relativ große gesellschaftliche Gestaltungsspielräume eröffneten.11 Erschlossen wurden diese Spielräume bereits in der ersten Jahrhunderthälfte durch eine Vielzahl von Vereinsgründungen. Neben kulturellen Belangen war es vor allem die soziale Situation der Zeit, die im Mittelpunkt des Wirkens der bürgerlichen Vereinsbewegung stand. Durch das schnelle Bevölkerungswachstum, die zunehmende Landflucht und die beginnende Industrialisierung wurde seit Beginn des Jahrhunderts die frühere ständische Gesellschaftsstruktur mit ihren sozialen Sicherungssystemen mehr und mehr ausgehöhlt. Die Probleme, die aus einer Massenarmut bisher ungekannten Ausmaßes, aus der Auflösung herkömmlicher Beziehungsnetzwerke und aus dem Zerfall traditioneller Welterklärungsmodelle entstanden, wie auch die Möglichkeiten ihrer Lösung waren ein durchgehendes Element politischer Diskurse des 19. Jahrhunderts. Aus dem bürgerlich-protestantischen Milieu erwuchs als Resultat der beschriebenen Prozesse die Innere Mission, »ein neuartiges Netzwerk umfassender protestantischer Sozial- und Kulturarbeit« mit seinem, im Revolutionsjahr 1848 entstandenen, gesamtdeutschen Koordinierungsgremium, dem Central-Ausschuss (CA). Vertreter dieser Bewegung – an ihrer Spitze der Hamburger Theologe Johann Hinrich Wichern (1808–1881) – sahen als we-

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