Abb. 1 Läutender Mesner. Nürnberg, 1425.
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Rainer Oefelein Cornelia Oefelein
Pilgerspuren auf mittelalterlichen ÂGlocken in Brandenburg
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2012 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Silke Pachal, Berlin Korrektorat: Nora Brandau, Berlin Gesamtgestaltung: typegerecht berlin Schrift: Melior 8,5/12,5 pt Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-937233-86-4 www.bebra-wissenschaft.de
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Inhalt 9
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Einleitung
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Die Pilgerzeichenfunde auf den mittelalterlichen Glocken Brandenburgs
28 30 34 36 38 41 43 46 50 53 58 62 69 74 76 78 83 87 92
Atterwasch Barsikow Berlin Alt-Schmargendorf Bertikow Biesen Bollersdorf Börnicke (Barnim) Bornim Cammer Dedelow Eberswalde Falkenhagen Gramzow Groß Kienitz Groß Kreutz Jeserig/Fläming Karwe Manker Metzelthin
96 99 103 105 108 112 114 117 119 127 130 133 137 140 144 148 150 152
Molchow Nackel Papitz Plessow Preddöhl Protzen Radewege Ringenwalde Rohlsdorf Schönberg Schönermark Schwanebeck (Barnim) Stölln Wildberg Wilsnack Wusterwitz Zernikow Zichow
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Die Wallfahrtsziele der Brandenburger Pilger
157 161 165 169 173 177 181 185 189 195 198 201
Aachen Blomberg Canterbury (GB) Einsiedeln (CH) Elende Gottsbüren Halle (B) Jakobsberg Köln, Dom Köln, St. Ursula Königslutter Lucca (I)
253
Die Wallfahrtswege der Brandenburger Pilger
255 267
Landkarten aus der späten Pilgerzeit Pilgerzeichen und Wege im Mittelalter
289
Anhang
291 300 307 318
Tabellen Bibliografie Abbildungsnachweis Die Autoren
204 207 210 213 217 220 227 230 233 238 242 245
Maastricht (NL) Neuss Niedermünster (F/Elsass) Nikolausberg St. Josse-sur-Mer (F) Sternberg Tangermünde Thann (F/Elsass) Trier, Matthiaskloster Werben Willershausen Wilsnack
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Einleitung Pilgern – Eine Massenb ewegung im Mittelalter Zum Ende des 14. Jahrhunderts gab es in und um Wilsnack »keine freien Plätze«. Es herrschten Zustände, die mit denen des großen Woodstocker Musikfestivals im 20. Jahrhundert vergleichbar sind, wobei sie in Wilsnack damals von dauerhafter Art waren. Im Jahr 1475 sah sich Erfurt durch die aus Mittel- und Süddeutschland nach Wilsnack strömenden Pilgermassen vor so unüberwindliche Beherbergungs- und Verpflegungsschwierigkeiten gestellt, dass man sich keinen anderen Rat wusste, als ihnen den Einlass in die Stadt zu verwehren. Andernorts war dieses Problem schon früher aufgetreten. Schon 1140 wurden in St. Denis Mönche von Pilgern fast zu Tode getrampelt. Es gibt die Wallfahrt bereits seit dem 6. Jahrhundert. Zu einem Massenphänomen entwickelte sie sich im Mittelalter. Schätzungen gehen davon aus, dass sich zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert jeweils ein Viertel bis ein Fünftel der europäischen Bevölkerung unterwegs auf Pilgerfahrt befand. Es war die mittelalterliche Pilgerreise auch fast immer eine Fernreise. Unter Umständen führte sie ins Elend oder in die Heimatlosigkeit und war eine »vart« mit unbestimmter Wiederkehr. Die damals wichtigsten Gründe für eine Pilgerfahrt: 1. Freiwillige Pilgerschaft aus religiösen Motiven. Auch Ablasserwartung. 2. Pilgerschaft aufgrund eines Gelübdes. Krankheiten und Seuchen wie z. B. die Pest spielten dabei eine Rolle.
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3. Pilgerschaft per Gerichtsverfügung als Strafe bzw. Buße. So bot sie z. B. für Mörder eine Gelegenheit zur Sühne, wie ein Urteil aus Spandau von 1446 zeigt: für das Seelenheil des Verstorbenen sollte ein Totschläger einen Pilger nach Wilsnack schicken. Straftäter mussten sich aber auch selber auf den Weg machen. So haben sich in Wilsnack noch ihre Votivgaben wie Hals- und Fußketten erhalten. Folgende weitere Straftaten galten für die Gerichte ebenfalls als Anlass: Friedensbruch, Beschimpfung der Behörde, Bedrohung, Ausschreitungen bei einer Hochzeit, unerlaubtes Glockenläuten, aber auch Amtsvernachlässigung, Müßiggang. 4. Pilgerschaft durch testamentarische Verfügungen. Ablass konnte sowohl für den Verstorbenen als aber auch für den Pilger erworben werden. Testamente enthielten mitunter genaue Anweisungen: Wollen gekleidet und barfuß sollte der Pilger gehen. In Lübecker Testamenten finden sich z. B. zwischen 1390–1450 etwa 120 Wallfahrtsverfügungen nach Wilsnack. Unter den unzähligen Wallfahrtsorten in Europa – Schätzungen gehen in die Tausende – stand Aachen an dritter und Wilsnack an vierter Stelle nach Santiago und Rom.
Die Glockenherstellung Welche außergewöhnliche Bedeutung der Klang einer Glocke im Mittelalter hatte, können wir uns heute kaum noch vorstellen. Die Glockengießer – es gab ansässige und fahrende Glockengießer, da das Glockengewicht schwer transportierbar war – waren berühmte Leute, um die sich Legenden bildeten. Voraussetzungen für die Herstellung großer Glocken waren eine Grube und die Mantelschalung. Der Schmelzofen befand sich dicht daneben. Das Schalungsmaterial – Lehm – wurde mit einer Schablone geformt. Schmuck, Schrift, Ritzzeichnungen oder die Pilgerzeichen wurden in diese Schalung gedrückt. Glockengießer waren meist auch gleichzeitig ›Stückgießer‹ – das Material für Kanonen war das gleiche und seine wechselseitige Verwendung reicht bis ins 20. Jahrhundert.
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Abb. 2 Prozession von Pilgern in Santiago de Compostela. Holzschnitt Michael Wolgemut, 1491.
Abb. 3 Totentanz aus Hermann Schedels Weltchronik, 1493.
Abb. 4 Markt in der mittelalterlichen Stadt.
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»Im Mittelalter war der Glockenguss ein Ereignis, an dem viele Zuschauer teilnahmen; selbst Fürsten und Prälaten, auch Könige versäumten eine solche Attraktion nicht (…). Als auf dem Nikolaifriedhof in Saalfeld eine Glocke gegossen wurde, blieben vorsichtshalber drei Tage lang die Stadttore gesperrt. Den in der Nähe wohnenden Handwerkern war jegliche Arbeit, die den Boden hätte erschüttern können, verboten. Man befürchtete wohl, dass der Gießofen mit dem flüssigen Metall oder die Glockenform nach dem Guss, bevor sie erkaltet war, gefährdet würde.«1
1 Schilling, Margarethe, Glocken. Gestalt – Kunst – Zier, Dresden 1988, S. 21.
Die Pilgerzeichenherstellung Die Pilgerzeichen aus Bronze Der technische Vorgang beim Glockenguss unter Verwendung von Pilgerzeichen ist bekannt. Die Pilgerzeichen wurden in die ›Lehmschalung‹ gedrückt, sie schmolzen beim Gießvorgang und der Hohlraum füllte sich mit Bronze aus. Trotzdem weiß man noch wenig. Warum sind manche Pilgerzeichen auf den Glocken und manche nicht? Wie waren die genauen Umstände? Eines scheint gesichert: als reiner Glockenschmuck wurden sie nicht verwandt. Viele Pilgerzeichen sind unvollständig, zum Teil nur fragmentarisch. Bruchstücke finden sich ebenso wie völlig vergossene Pilgerzeichen, wie z. B. in Nackel. Wie erfolgte die zeitliche Koordinierung zwischen der Heimkehr der Pilger und einem anstehenden Glockenguss? Wie heute noch im französischen Le Puy wurden die Pilger vom Bischof verabschiedet. Die Bischöfe gaben auch die Glocken in Auftrag. Ungeklärt bleibt jedoch, in wessen Auftrag Pilgerzeichen in die Glocken gegossen wurden. Dieser Brauch war in Brandenburg, Mecklenburg, Pommern, Skandinavien etc. weit verbreitet, während er in Süddeutschland praktisch nicht existierte. Unsere Arbeit in Brandenburg wies nach, dass es z. B. in der Lausitz, die im Mittelalter noch kein Teil Brandenburgs war, kaum Pilgerzeichen auf Glocken gab. Eines haben alle Pilgerzeichen auf den mittelalterlichen Glocken gemeinsam: durch das neue Material – nun aus Bronze – sind sie im Gegensatz zu den Originalen praktisch unbegrenzt haltbar.
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Abb. 5 Das Herstellen der Glockenform. Glockengießer-
Abb. 6 Glockengießer. Miniatur aus dem Krakauer
fenster. Kathedrale von York (England), 14. Jh.
Behaim-Codex.
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Bl. 8v
Bl. 9r
Bl. 9v
Bl. 10r
Abb. 7 Christof Seselschreiber: »Buch der Büchsenmacherei«, Hs. von 1524. Bayerische Staatsbibliothek München. Bl. 8v: Beschreibung zur Glockenteilung. Bl. 9r: Glockenteilung mit 10 Schlag Höhe. Bl. 9v: Glockenteilung mit 11 Schlag Höhe. Bl. 10r
Bl. 10v
Bl. 11r
Bl. 10r: Horizontal gelagerte Kernspindel, Mantel haken und Hebevorrichtung für Formmäntel. Bl. 10v: »Wie man Glocken in der Grube formen soll«. Bl. 11r: »Wie du das Gehäng aufgießen sollst«.
Abb. 8 Andreas Pegnitzer 1512. Stückgießer in Nürnberg. 14
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2 Köster, Kurt, Meister Tilman von Hachenburg. Studien zum Werk eines mittelrheinischen Glockengießers des fünfzehnten Jahrhunderts. Mit besonderer Berücksichtigung der als Glockenzier verwendeten mittelalterlichen Pilgerund Wallfahrtszeichen, in: Jahrbuch der hessischen kirchengeschichtlichen Vereinigung 8 (1957), S. 1–206, hier S. 55. 3 Eisenhofer, Ludwig, Handbuch der katholischen Liturgik, Band 1, Freiburg 1941, S. 388; Köster, Meister Tilman, S. 55.
Pilgerzeichen auf mittelalterlichen Glocken in B randenburg als Zeugnisse religiöser Mobilität Die Originale der Pilgerzeichen bestanden aus einer Blei-Zinn-Legierung und waren im allgemein sehr fragil. Sie wurden durch verschiedene Hersteller für die gleichen Wallfahrtsorte über die Jahrhunderte hinweg in abgewandelter Form hergestellt. Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, erhielt 1439 den Auftrag, Pilgerzeichen für die Heiligtumsfahrt nach Aachen herzustellen. Aus demselben Material, einer Blei-Zinn-Legierung, goss er 1454 die Lettern für seine Bibel. Diese Pilgerzeichen waren zu Gutenbergs Zeit so wertvoll, dass noch Fragmente davon in Glocken gegossen wurden. In Bornim bei Potsdam fanden wir u. a. ein Bruchstück – ein Drittel – eines Aachener Pilgerzeichens an einer Glocke aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Die Abzeichen, die ein Pilger an den Wallfahrtsorten erwarb, waren mehr als nur ein frommes Reiseandenken oder ein Statussymbol. Aus der damaligen Sicht waren sie selbst heilige Gegenstände, waren Stellvertreter für die an den aufgesuchten Gnadenorten besichtigten Reliquien. Hatte ein Zeichen das Heiligtum direkt berührt, wurde es selbst zur Reliquie. So findet man diese Pilgerzeichen, die zu sogenannten Berührungsreliquien geworden waren, gelegentlich auch in Reliquienbehältnissen und Altären.2 Hatte ein Pilger nach seiner Rückkehr eines der wertvollen Pilgerzeichen der Kirchengemeinde gespendet, wurden sie häufig in die Glocken eingegossen. So konnte sich die Heilswirkung des Pilgerzeichens mit dem Klang der Glocke über die ganze Gemeinde, über das ganze Land ausbreiten. Natürlich wirkte hier noch der im Volksglauben seit alters her verankerte Gedanke an eine magische Wirkung des Glockenklangs mit, die Unwetter und Dämonen vertreiben würde. Diese Wirkung sollte durch das Pilgerzeichen noch verstärkt werden.3 Der Brauch, Pilgerzeichen als Glockenzier zu verwenden, entstand im 14. Jahrhundert in den Kölner Gießerwerkstätten. Er war im 15. und 16. Jahrhundert besonders verbreitet, beschränkte sich jedoch auf bestimmte Landstriche. In Deutschland liegen die regionalen Schwerpunkte vor allem in Norddeutschland – insbesondere in Brandenburg –, sowie im Rheinland und im mitteldeutschen Raum (Hessen, Thüringen und Sachsen). Auch in Skandinavien ist dieser Brauch sehr beliebt gewesen, wohingegen er
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in Frankreich gänzlich unbekannt war. In den Niederlanden, Westfalen und Süddeutschland kommen Abgüsse auf Glocken nur vereinzelt vor.4 Für die Wallfahrtsforschung spielen die auf den Glocken angebrachten Pilgerzeichen eine zentrale Rolle. Sie bilden als Quelle ein einzigartiges Forschungsmaterial, da die ursprünglichen Zeichen selbst bedeutender Wallfahrtsorte vor allem wegen ihrer Zerbrechlichkeit nur selten erhalten geblieben sind. Häufig sind die Glockenabgüsse sogar die einzigen überlieferten Zeugnisse einer völlig in Vergessenheit geratenen Wallfahrtsstätte.5 In manchen Fällen können die Glocken, mit ihren genauen Gussdaten, sogar Hinweise auf die zeitliche Einordnung einer Wallfahrt geben. Die Glockenabgüsse von Pilgerzeichen belegen in besonderem Maße die enorme Mobilität der Menschen im Mittelalter. Als Quelle für die Wegeforschung definieren sie, woher die Pilger kamen und wohin sie gingen. Darüber hinaus markieren und belegen sie Streckenverläufe von Hauptund Nebenwegen, die weder kartografisch erfasst, noch durch schriftliche Quellen, wie Itinerare, überliefert sind. Die Glocken erweisen sich somit »als aussagekräftige und eigenständige Dokumente, die Inhalte anderer Quellen nicht einfach wiederholen, sondern eindrucksvoll ergänzen«.6 Auch die Vielfalt an Formen, Typen und Größen von Pilgerzeichen einer bestimmten Wallfahrtsstätte wird erst durch die Glocken dokumentiert. Datierte Glocken dienen zudem als zuverlässige Quellen für die Entstehungszeit eines Zeichens. Originale aus archäologischen Grabungen hingegen weniger, da hierfür meist datierbare Beifunde fehlen.7 Demgegenüber vermag ein identifiziertes Zeichen eine relativ exakte Datierung für eine undatierte Glocke ermöglichen.8 Die hier katalogisierten Pilgerzeichen auf den mittelalterlichen Glocken Brandenburgs dokumentieren die gesamte Bandbreite des spätmittelalterlichen Pilgerwesens: von den beliebtesten und traditionsreichsten Pilgerzielen zu den Gräbern der Märtyrer, Bekenner und Heiligen in Deutschland und Europa – in Aachen, Canterbury, Einsiedeln, Lucca, Köln, Maastricht, Neuss, Niedermünster, St. Josse-sur-Mer, Thann, Trier – über die im 14. Jahrhundert entlang der Hauptwege neu entstehenden »Transit-« oder »Sekundär-Wallfahrtsorte« – Jakobsberg, Königslutter, Nikolausberg, Werben – bzw. über die zahlreichen neuen Mariengnadenorte – Elende, Halle, Tangermünde, Willershausen – bis hin zu den Heilig-Blut-Wallfahrten – Blomberg, Gottsbüren, Sternberg und Wilsnack. Hierin spiegeln sich zugleich die verschie-
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4 Haasis-Berner, Andreas; Poettgen, Jörg, »Die mittelalterlichen Pilgerzeichen der Heiligen Drei Könige. Ein Beitrag von Archäologie und Campanologie zur Erforschung der Wallfahrt nach Köln«, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 30 (2002), S. 173–202, hier S. 178; Köster, Kurt, »Pilgerzeichen und figürlicher Schmuck auf mittelalterlichen Glocken«, in: Glocken in Geschichte und Gegenwart. Beiträge zur Glockenkunde, bearb. von Kramer, Kurt, Karlsruhe 1986, S. 66–71, hier S. 67. 5 Als Beispiel führt Köster u. a. die Quirinus-Wallfahrt nach Neuss und den Wallfahrtsort Willershausen auf; vgl. Köster, Pilgerzeichen, S. 67. 6 Poettgen, Jörg, Vorreformatorische Wallfahrtsdevotionalien aus dem Matthiaskloster zu Trier, Kurtrierisches Jahrbuch 34 (1994), S. 47–76, hier S. 47. 7 Poettgen, Jörg, »Europäische Pilgerzeichenforschung. Die Zentrale Pilgerzeichenkartei (PZK) Kurt Kösters († 1986) in Nürnberg und der Forschungsstand nach 1986«, in: Jahrbuch für Glockenkunde 7/8 (1995/96), S. 195–206, hier S. 205. 8 Poettgen, Wallfahrtsdevotionalien, S. 75.
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9 Wolff, Friedrich, Die Glocken der Provinz Brandenburg und ihre Gießer, Denkmalarchiv der Provinz Brandenburg, Berlin 1920.
densten Strömungen und Entwicklungen im religiösen Empfinden – der Frömmigkeit und der Spiritualität – jener Zeit. An den mittelalterlichen Glocken Brandenburgs sind die Pilgerzeichen der großen rheinländischen Wallfahrtsorte, die zugleich Zwischenstationen und Treffpunkte deutscher Jakobspilger waren, am häufigsten vertreten. Allen voran liegt Köln mit zwölf Zeichen, gefolgt von Neuss mit acht, Maastricht mit sechs, Aachen mit fünf sowie Halle und St. Josse-sur-Mer jeweils mit vier Zeichen. Dass die Pilgerzeichen aus Jakobsberg (sieben), Königslutter (fünf), Sternberg (sechs) und Nikolausberg (drei) häufig zusammen mit Zeichen aus den großen Pilgerzentren auftreten, belegt deren bedeutende Rolle als Transit-Pilgerorte.
Die Suche nach Pilgerzeichen auf den mittelalterlichen G locken Brandenburgs Die Suche Die Pilgerzeichen auf den Glocken sind Zeugnisse für die Pilgerwege und seit Ihrer Entstehungszeit vor 500, 600 oder 700 Jahren unverändert geblieben. Unsere Untersuchungen in den Kirchtürmen zwischen Berlin und Wilsnack wiesen nach, dass die Pilgerzeichen auf mittelalterlichen Glocken in Brandenburg bisher nur sehr unvollständig erfasst wurden. An vielen Glocken wurden Pilgerzeichen vorgefunden, die in den Inventaren bisher nicht erfasst oder beschrieben sind, so in Nackel, Metzelthin, Karwe und Wildberg. In vielen Fällen ist es sogar gelungen, einige Pilgerzeichen erstmals einem bestimmten Wallfahrtsort zuzuordnen. So kam die Neugier ins Spiel: Wir hatten uns bisher nur mit dem Pilgerweg BerlinWilsnack befasst. Was würde wohl eine flächendeckende Untersuchung ergeben? Gab es Schwerpunktbildungen, Wegebeziehungen? Friedrich Wolff, der einzige, der bisher die Glocken Brandenburgs flächendeckend erfasst hatte und 1920 seine Analysen in einem Inventar veröffentlichte, erwies sich als nicht ganz zuverlässig.9 Er war auch nach eigenem Bekunden gar nicht selber vor Ort gewesen. Seine Tabellen basieren auf Rückmeldungen angeschriebener Pfarrämter in Form ausgefüllter Fragebögen und auf den ihm vorliegenden Archivbeständen.
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Unsere Besuche im Denkmalarchiv in Wünsdorf zeigten, dass auch hier die mittelalterlichen Glocken sehr lückenhaft erfasst waren und die Pilgerzeichen, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt wurden. Auch in den Beständen des Deutschen Glockenarchivs im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ist über Brandenburger Glocken nur wenig zu finden. Der zu den Glocken noch immer nicht aufgearbeitete Archivbestand der Evangelischen Kirche in Berlin enthält zwar die Inventarisierung der Glocken in der ehemaligen DDR, die der Querfurter Architekt Richard Heinzel in den 1950er Jahren vorgenommen hatte. Doch auch diese Inventarisierung war in Bezug auf Brandenburg und die Pilgerzeichen nicht vollständig. Also hieß es, selber auf die Türme zu klettern – aber auf tausend Türme und mehr? Wir konnten davon ausgehen, dass 1920 bei Wolff zwar nicht alle Pilgerzeichen aber doch wohl alle mittelalterlichen Glocken erfasst waren. Im zweiten Weltkrieg geraubte Glocken wurden nur zum Teil eingeschmolzen und kamen in den Nachkriegsjahren wieder zurück in die Kirchtürme. Hier verbirgt sich eine kleine Fehlerquelle, da wir nicht sicher sein können, dass wieder alle an den richtigen Ort zurückkamen. Dennoch erschien uns diese Basis tauglich. Die Alternative hätte eine Begehung aller Brandenburger Kirchen bedeutet. Da Glocken im Allgemeinen beim Um- oder Neubau einer Kirche wiederverwendet werden, sagt das Alter einer Kirche wenig über seine Glocken aus: so fanden wir z. B. in der neugotischen Kirche von Bornim aus dem Jahr 1912 sechs Pilgerzeichen auf einer mittelalterlichen Glocke. Eine entscheidende Voraussetzung für unsere Arbeit war die Zugänglichkeit der Glockentürme: Es stellte sich die Frage: Wer hat die Schlüsselgewalt? Dabei erwies sich die Kirchenbürokratie als keine große Hilfe: Zuständigkeiten – Dienstzeiten – Termine – Anrufbeantworter – Urlaub – Haftungsprobleme – oder es war einfach Unverständnis, auf das wir stießen. Die Hürden erwiesen sich als zu hoch, um einen ordentlichen Zeitplan für den Besuch mehrerer Kirchtürme an einem Tag zu koordinieren. Wenn wir jede Kirche einzeln nach Termin anfahren würden, kämen wir bei 500 Kirchen in durchschnittlicher Entfernung von über 100 km von unserem Wohnort, auf etwa 100 000 km für Hin- und Rückfahrt. Also hieß es, jeweils mehrere Kirchen zusammenzufassen und sich darauf zu verlassen, Zugang zum Turm zu erhalten. Es bewährte sich ein bürokratiefreies Modell: wir klingelten so lange an fremden Haustüren, bis der
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Abb. 9 Aachener Spiegelzeichen. Original.
Abb. 10 Pilgerzeichen aus Köln (Reproduktion).
Sammlung H. J. E. van Beuningen.
Abb. 11 Abguss eines Pilgerzeichens aus Köln auf der Glocke von Bornim (14. oder 15. Jh.).
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Abb. 12  Abguss eines Pilgerzeichens aus Wilsnack auf der undatierten Glocke von Ringenwalde.
Abb. 13  Altes Pflaster am Wilsnackweg.
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Kirchenälteste oder derjenige, der die Schlüsselgewalt hatte, gefunden war. Brandenburger Dörfer können ganz schön ausgestorben sein – aber irgendwie ergatterten wir die großen Kirchenschlüssel dann doch. Es wurde uns Vertrauen entgegengebracht und wir erfuhren viel Hilfsbereitschaft. Hier gilt unser Dank Hundertschaften von Dorfbewohnern! Ein Hüter des Kirchenschlüssels z. B., der gerade bei der Apfelernte war, nahm seine Leiter ab und trug sie durch das halbe Dorf, um uns den Turm aufzuschließen und dabei die Geschichte des Dorfes zu erzählen.
Warum manches Pilgerzeichen der Wissenschaft verborgen bleibt Endlich, nach vielen Erkundigungen und vergeblichem Läuten haben wir den Kirchenältesten aufgespürt und der Turmschlüssel ist organisiert. Fragen über Fragen werden gestellt: ›Wer schickt Sie? Welche Legitima tion haben Sie? Weiß der Pfarrer Bescheid?‹ Später haben wir gelernt, dass die beste Legitimation ein Bauhelm ist. Es folgt die steile, stockdunkle Turmtreppe nach oben: Taubenkot, Eulengewölle, Falkendreck, aufgeschichtete Fledermäuse – morsche Stu fen – eine weitere Treppe – die Bodenklappe muss aufgestemmt werden – noch eine Leiter mit fehlenden Sprossen – und auf der letzten Ebene hängen die Glocken unerreichbar drei Meter über dem Boden. Wo ist die Leiter? Wie kommen wir über einen offenen Boden auf die andere Seite mit einem Blick über fünf Meter hinab ins Bodenlose? Wieder heißt es klettern – Schrift und Schmuck gibt es auf der Glocke – aber keine Pilgerzeichen. So war es in 450 von 500 Glockentürmen, oder waren es mehr? Bei den anderen – wenigen – Glocken tauchte im Licht der Taschenlampe ein verdächtiges oder auch bekanntes Relief auf – vergossen, undeutlich sichtbar. Aufgeregt ging es dann wieder runter vom Turm, um die Kabelrolle, den Fotokoffer, die Lampen und das andere Zubehör über Treppen und Leitern hoch zu transportieren. Das gelang aber ganz ohne Anstrengung, denn die Vorfreude trug alles nach oben. Wenn dann das Streiflicht der Lampe die Details erleuchtete, schien es wie beim Archäologen, wenn der Sand die Schätze freigibt. Es folgte die erste Dokumentation nach 600 Jahren Vergessenheit.
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Gar nicht so selten überraschten uns das Interesse und die Neugier der Menschen. Als Wanderer, allerdings als Wanderer mit Auto, fühlten wir uns an die Erzählungen Fontanes erinnert. Langsam aber stetig sind die Patronatsherren wieder in der Pflicht: die von Salderns, von Knesebecks, von Hagens, von Ribbecks, von Feldheims, usw. Auf Berliner Straßen und Plätzen wurden wir eingeladen zu einer Tasse Tee bei Herrn von Winterfeldt, nachmittags zu Kaffee und Kuchen bei Frau von Holtzendorf.
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Abb. 14 Die Glocke von Jeserig von 1469. Pilgerzeichen aus Neuss, Nikolausberg und einem unbekannten ChristopherusWallfahrtsort.
Abb. 15 Glockengestühl.
Abb. 16 Alter Kirchenschlüssel.
Abb. 17 Eingang zum Turm. E inleitung
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Abb. 18 Hier geht es hinauf.
Abb. 19 Am Abgrund.
Abb. 20 Pilgerzeichen eines unbekannten Marienwallfahrtsortes auf der undatierten Glocke von Radewege.
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Die Pilgerzeichenfunde   auf den mittelalterlichen ÂGlocken Brandenburgs
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Abb. 21 Der Glockenturm eines Klosters. Miniatur, 12. Jh.
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Abb. 22 Abguss eines Pilgerzeichens aus einem unbekannten Marienwallfahrtsort auf der undatierten Glocke von Radewege (frühes 15. Jh.).
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Abb. 23 Karte Brandenburgs. Untersuchte Glockentürme 2005–2010.
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Atterwasch Lkr. Spree-Neiße
Die Kirche ist ein im Kern rechteckiger Feldsteinbau und Ende des 13. Anfang des 14. Jahrhunderts entstanden. Im Osten ist eine spitzbogige Dreifenstergruppe erhalten. Der barocke Umbau fand 1685 statt. Dabei wurde die Kirche verputzt, die Fenster verändert und die Holztonnendecke durch eine Balkendecke ersetzt. 1840 wurde das Kirchenschiff mit Backsteinen erweitert und der quadratische Turm angebaut, ein wenig später schließlich die Südvorhalle. Innen ist in der Ostwand ein spätgotisches, von Backsteinen gerahmtes Sakramentshäuschen aus dem 15. Jahrhundert erhalten, das mit einer Darstellung des Schmerzensmannes verziert ist.1 Von den ursprünglich zwei mittelalterlichen Glocken ist die große, 1,02 m, erhalten. Sie trägt eine Inschrift und ist 1465 datiert. Zwischen den Buchstaben der Inschrift sind noch Schmuckmedaillons vorhanden. Am Glockenkörper befinden sich unregelmäßig verteilt drei größere Rundmedaillons unterschiedlichen Durchmessers mit drei-figürigen Kreuzigungsgruppen in Perlenschnurumrahmungen. Eines dieser Medaillons wird noch von vier eingegossenen Münzen flankiert. Wegen der Ähnlichkeit mit den Pilgerzeichen aus Gottsbüren, könnte es sich um Pilgerzeichen aus einem anderen Heilig-Blut-Wallfahrtsort handeln.
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1 Dehio, Georg, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Brandenburg, bearb. von Vinken, Gerhard, München 2000, S. 29.
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atterwasch
Abb. 24 Glocke Atterwasch; datiert 1465. Drei unbekannte Pilgerzeichen. Wahrscheinlich Heilig-Blut-Wallfahrtsorte. Drei-figürige Kreuzigungs gruppen in runden Rahmen mit umlaufender Perlenschnur. Verzierungen unterschiedlich groß. Neufunde 2010.
Abb. 25 Vermutlich Pilgerzeichen einer Heilig-Blut-Wallfahrt. D ie P ilgerzeichenfunde
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B arsikow
Barsikow Lkr. Ostprignitz-Ruppin
Der Saalbau aus Feldsteinen stammt aus dem 14. Jahrhundert, wurde jedoch im 18. und 19. Jahrhundert stark verändert. Von der ursprünglichen Bauart zeugen noch ein Lanzettfenster und die vermauerten Spitzportale an der Nord- und Südseite. Der Turm wurde 1743 von Grund auf erneuert. Seine Inneneinrichtung stammt von 1842. Von der mittelalterlichen Ausstattung hat sich aus dem dritten Viertel des 15. Jahrhunderts eine Madonna aus Holz erhalten.2 Im Kirchturm von Barsikow hängen drei spätmittelalterliche Glocken aus dem Jahre 1513. Die kleinste, 0,62 m, trägt eine Inschrift und ist sonst schmucklos; die zweite Glocke, 0,76 m, trägt keine Inschrift, ist jedoch mit sechs Medaillons mit Motiven aus dem Leben Christi versehen. Die große Glocke, 1,10 m, hat eine gemischt lateinisch-deutsche Inschrift: »o rex glorie criste veni cum pace. anno domini millesimo. help hilge moder sunte anna sulf drudde. ihs. maria. Anna«. Auf der Flanke der Glocke befinden sich zwei Pilgerzeichen. Das Kleinere zeigt eine Monstranz und stammt aus Sternberg. Das zweite ist ein großes Spiegelzeichen aus Aachen (Köster, mittelgroße Form, Variante 2), das im oberen Feld die Zeigung des Heiligen Rocks Mariens abbildet und im unteren großen Kreis das Motiv »Beweinung Christi«.
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2 Dehio, S. 46–47.
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