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Ahasver (Leseprobe)

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Sifria – Wissenschaftliche Bibliothek Band IX Herausgegeben im Auftrag des Moses Mendelssohn Zentrums für Europäisch-jüdische Studien von Julius H. Schoeps


Avram Andrei Baleanu

Ahasver Geschichte einer Legende Aus dem Rumänischen von Georg Aescht


Gedruckt mit Unterstützung der Moses Mendelssohn Stiftung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für InternetPlattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2011 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Satz und Gestaltung: Moritz Reininghaus, Berlin Umschlaggestaltung: typegerecht berlin, Berlin Schrift: Minion Pro (11/16 pt) Druck und Bindung: CPI buch bücher.de, Birkach ISBN 978-3-937233-77-2 ISSN 1611-9126 www.bebra-wissenschaft.de


Inhalt Ein Bestseller des Jahres 1602

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Quellen und Vorläufer – die Paradoxe der Unsterblichkeit

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Die Sage vom Schuster aus Jerusalem

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Die Dudulaeus-Version – eine Fälschung

51

Der Mechanismus der Mystifikationen (1) – das Zeugnis der Evangelien

58

Der Mechanismus der Mystifikationen (2) – der Fall Shylock

66

Die Hetzmythen und ihre Profiteure

83

Ahasverus Superstar

96

Der volkstümliche Mythos – ein Künder der unerbittlichen Zeit

121

Von Wotan dem Wanderer zum ewig wandernden Juden

136

Literarische Wandlungen (1) – Goethes „Fetzen“

152

Literarische Wandlungen (2) – Rebell oder Dämon?

164

Das Dogma von der Diaspora als Strafe und die Theorie vom jüdischen Nomadentum

175

Die Stereotype des „unvergänglichen Juden“

190

Bibliografie

201

Personenregister

209

Über den Autor

215


Der Ewige Jude. (Ein deutscher Stich aus dem Jahre 1618) Nach Champfleury, Histoire de l’imagerie populaire, Paris 1869. In: Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden, hg. v. Georg Herlitz/Bruno Kirschner, Berlin 1927, Bd. 1, Sp. 1153f.


Ein Bestseller des Jahres 1602

Während Bücher im mittelalterlichen Europa ein Privileg des Klerus und des Mönchtums waren, die das theologische und philosophische Denken in Lateinisch geschriebenen, versiegelten Bänden vor dem ignoranten Volk verborgen hielten, brachte die Erfindung von Gutenberg eine neue Gesellschaftsschicht hervor: die weltlichen Leser. Ihrer wurden immer mehr, ihr Wissensdurst nahm zu, und sie begnügten sich nicht damit, an Feiertagen den Sängern und Erzählern auf den Märkten zu lauschen, sie wollten vielmehr selbst in den Schriften blättern, und manche taten es so oft, dass sie das, was dort stand, alsbald auswendig wussten. Die Gründung der ersten Papierfabriken und die Erfindung der Brille trugen zur Demokratisierung des Lesens bei. Nach Einschätzung von Bibliografen stellten die deutschen Druckereien im 16. Jahrhundert 130 000 bis 150 000 Druckschriften für rund 800 000 Kunden her. Auch die deutsche Übersetzung der Bibel, die Martin Luther 1534 abschloss, veränderte die Beziehung zwischen Buch und Leser. Neben religiösen und poetischen Werken, die in lateinischer Sprache gedruckt wurden, erschienen jetzt immer mehr Schriften in der Volkssprache: Kalender, Flugblätter und Broschüren, die abends bei flackerndem Kerzenschein von Menschen buchstabiert wurden, denen die Buchgelehrsamkeit abging. Besonders gefragt waren heroische oder satirische Rittergeschichten, biblische Sagen, Reiseberichte, Liebesgeschichten, Fabeln, Märchen aus mündlicher Überlieferung, Berichte über Kriege, wunderbare Ereignisse, Katastrophen, Monster und Dämonen. Diese Veröffentlichungen sollten nicht nur unterhalten, sondern auch bilden, angeboten wurden Kochrezepte, ärztliche und tierärztliche Beratung, geografische und kosmografische Beschreibungen und, natürlich, religiöse Gleichnisse. Zu Anfang waren die Druckerzeugnisse, die von den Literaturhistorikern des 19. Jahrhunderts „Volksbücher“ genannt werden sollten, sehr bescheiden, gelangten aber bald zu


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größerem Umfang, wobei das Quartformat durch das handlichere und billigere Oktavformat ersetzt wurde. Sie wurden mit Stichen illustriert und kündigten ihren spannenden Inhalt durch überlange Titel an, welche von Marktschreiern in den Gassen den Städte kundgetan und Käufern aus allen Bevölkerungsschichten ans Herz gelegt wurden. Eifrig gelesen wurden sie sowohl von Kirchenmännern als auch von Studenten der Universitäten, lokalen Verwaltungsbeamten, Ärzten oder Rechtsgelehrten, aber auch Handwerkern, Händlern, Wirten; da man laut zu lesen pflegte, erhielten auch die Familienmitglieder, Kunden, Freunde oder Nachbarn Kenntnis davon, selbst wenn sie des Lesens nicht mächtig waren. Eines der verbreitetsten deutschen „Volksbücher“ wurde 1602 erstmals auf vier Quartblättern unter dem Titel Kurtze Beschreibung und Erzehlung von einem Juden mit Namen Ahaßverus herausgebracht. Es enthielt die dramatische Lebensgeschichte eines jüdischen Schusters aus Jerusalem, der Zeuge der Leiden des Erlösers gewesen und noch am Leben war. Es heißt, Jesus sei auf seinem Gang mit dem Kreuz nach Golgatha an dessen Haus vorbeigekommen und habe sich hier ausruhen wollen, worauf dieser Jude namens Ahasverus ihn mit Schimpfworten verjagt habe. Jesus habe darauf gesagt: „Ich will stehen und ruhen / Du aber solt gehen.“ Seither irre Ahasverus barfuß durch die Welt, er lebe sehr bescheiden und sei beispielhaft gottesfürchtig. 1542 soll ihm der Student Paulus von Eitzen, später Bischof von Schleswig und Rektor der Theologischen Schule von Hamburg, eine in kirchlichen und gesellschaftlichen Belangen allen Vertrauens würdige Person, in Hamburg begegnet sein. Das konnte allerdings nicht mehr überprüft werden, da Paulus von Eitzen vier Jahre vor Veröf1 fentlichung der Broschüre gestorben war. Das Erscheinen dieses Volksbuchs war ein Meilenstein in der Herausbildung der europäischen Anschauung vom Judentum. Das Thema des Ahasverus, des ewigen Juden, wurde in Hunderten von Gedichten, Geschichten, Romanen oder Theaterstücken, in Essays, wissenschaftlichen 1

Kein Einzelfall. Die Ausgabe von 1618 beruft sich auf die Zeugenschaft des Professors Aegidius Hunnius, der in Wittenberg mit Ahasverus gesprochen haben soll. Professor Hunnius war bereits 1603 gestorben.


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Untersuchungen oder theologischen Kommentaren und einer Unzahl von historischen Schriften oder Memoiren aufgegriffen. In der deutschen Literatur behandelten es unter anderen Goethe, Schubart, Schiller, Arnim, Mosen, Wilhelm Hauff, Chamisso, Brentano, Auerbach, Lenau, Hamerling, Nestroy, Wedekind, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller, Erich Maria Remarque und Stefan Heym; in England Wordsworth, Shelley, Croly, R. Buchanan, Kipling, Galsworthy; in Frankreich Béranger, Edgar Quinet, Eugène Sue, Alexandre Dumas d. Ä., E. Fleg, Apollinaire; in Dänemark Hans Christian Andersen, Paludan-Müller; in Schweden Strindberg, Pär Lagerkvist; in Spanien Blasco Ibánez; in Polen Jan Potocki; in Ungarn Vörösmarty, Arany; in den Vereinigten Staaten von Amerika Mark Twain, Hawthorne, L. Makeever, O’Henry, Thornton Wilder; in Argentinien J. L. Borges; in der jiddischen Literatur A. Goldfaden, David Pinski. Dem ewigen Juden wurden drei Filme gewidmet: eine Jaffa-Produktion mit Jacob Ben-Ami (1933), ein englischer Film mit Conrad Veidt (1935) und der italienische Streifen L’ebreo errante (Sablie del Tempo) mit Vittorio Gassman in der Hauptrolle (1948). Josef J. Gielen, der 1931 in Amsterdam das Buch De Wandelende Jood in Volkskunde en Letterkunde veröffentlichte, stellte eine 1 521 Titel zählende Bibliografie zusammen, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Nur ein kleiner Teil der darin enthaltenen Titel waren Neuauflagen oder Übersetzungen. In der bislang umfangreichsten Studie zu diesem Thema, The Legend of the Wandering Jew, erschienen 1965, erweiterte George K. Anderson Gielens Liste um Hunderte andere Titel und behauptete, diese Sage sei im 17. und 18. Jahrhundert bekannter gewesen als die des Faust. Unter den Sagen des Mittelalters und der Neuzeit hat keine andere eine derartige Verbreitung über die Jahrhunderte in fast allen europäische Ländern, Mittelasien und Nordamerika gefunden. Nicht umsonst hat einer der Exegeten, Professor C. P. Caspari in Cristiania, sie die Königin der Sagen genannt. Der Mythos des Ahasverus wurde auf höchst verschiedene Weise interpretiert, ob von unbedeutenden Autoren oder berühmten Schriftstellern, antisemitisch, philosemitisch oder mehrdeutig, mit spezifischen Akzenten, die auf der philosophischen oder künstlerischen Anschauung


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Titelblatt des Volksbuchs „Kurze Beschreibung und Erzehlung von einem Juden mit Namen Ahaßverus“ (1602).


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eines jeden und der Mentalität und dem Denken der jeweiligen Epoche gründeten. In den deutschsprachigen Ländern wurde „der ewige Jude“ zum Begriff. Zum ersten Mal wurde er in der Ausgabe des Volksbuchs von 1694 Ahasverus zugeordnet, und diese Formulierung hat, wie wir sehen werden, viele Irrtümer und Mystifikationen gezeitigt. Die Veränderungen, welche die Sage im Laufe der Zeit durchgemacht hat, die Kommentare, zu denen sie Anlass gegeben hat, die unzähligen literarischen und theoretischen Schriften dazu reflektieren die Entwicklung der jüdisch-christlichen Beziehungen der letzten vier Jahrhunderte sowie die Auseinandersetzung über Stellung und Schicksal des jüdischen Volkes in der modernen Welt. Die Entstehungsgeschichte dieser Sage ist so spannend wie geheimnisvoll. Kaum ein Kriminalroman enthält so viele Täuschungsmanöver, falsche Fährten, verkappte Identitäten, Irrungen und Wirrungen. Das Gestrüpp der Fälschungen und Mystifikationen zu durchdringen, geduldig die Wahrheit von der Lüge zu scheiden, war ein Erkenntnisabenteuer. Betrachten wir zuerst den Text der Erstausgabe des Volksbuchs über Ahasverus: Kurtze Beschreibung vnd Erzehlung von einem Juden / mit Namen Ahaßverus / Welcher bey der Creutzigung Christi selbst persönlich gewesen / auch das Crucifige über Christum hab helffen schreyen / vnd vmb Barrabam bitten / hab auch nach der Creutzigung Christi nimmer gen Jerusalem können kommen / auch sein Weib vnd Kinder nimmer gesehen / vnd seithero im Leben geblieben / vnd vor etlich Jahren gen Hamburg kommen /auch Anno 1599. im December zu Dantzig ankommen. Es hat auch Paulus von Eitzen / der H. Schrifft Doctor vnd Bischoff von Schleßwig / beneben dem Rector der Schulen zu Hamburg / mit jhme conferirt von den Orientalischen Landen / was sich nach Christi zeit verloffen / hat er solchen guten bericht davon gegeben / daß sie sich nicht gnug darüber verwundern können. Matthei am 16.


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Kapitel 1

Warlich ich sage euch / es stehen allhie etliche / die werden den Todt nicht schmecken / biß daß sie deß Menschen Sohn kommen sehen inn sein Reich. Gedruckt zu Bautzen / bey Wolffgang Suchnach / Anno 1602. Weil dieser zeit bey vns alhie nichtes Newes zuschreiben / wil ich euch etwas altes / welches doch bey vielen mit verwunderung / für etwas newes gehalten wird: erzehlen / welches sich volgender gestalt verhalten. Es hat Paulus von Eitzen / der Heiligen Schrifft Doctor / vnd Bischoff zu Schleßwig / dann er von J. F. Gn. Hertzog Adolff von Holstein zum Bischoff erwehlet vnd bestättiget ist / so nicht allein bey menniglich in ansehen vnd glaubwirdig / sondern auch durch sein in Truck gegeben Schrifften ein berümpter Man ist / mir vnd andern Studiosis / etlich mal erzelet / das als er in seiner jugent zu Wittenberg studirt / vnd ein mahl im Winter / in Anno 1542. zu seinen Eltern gen Hamburg gereyset: hab er den nechsten Sontag hernacher in der Kirchen / vnter der Predigt einen Mann welcher ein sehr lange Person / mit einem langen vber die Achsel abhangenden Har / gewesen / gegen der Cantzel vber auff blosen Füssen barfüssig stehen: Welcher mit solcher andacht die Predigt gehört / daß man an jhm einige bewegung nicht spüren können / ausserhalb wenn der Name Jesus Christus genennet worden / hab er sich geneiget / an seine Brust geschlagen / vnd sehr tieff geseufftzet / und hab kein andere Kleidung angehabt / in demselbigen harten Winter /als ein par Hosen / die an den Füssen durch gewesen /ein Rock biß an die Knie / vnd darüber ein Mandel /biß auff die Füß / sonsten sey er Alters halben anzusehen gewesen / als ein Mann von 50 Jahren ungefehrlich. Als er nun sich wegen seiner grossen gestalt / Kleydung vnd Geberden vber jhme verwundert / hab er nach jhme / wer er were / vnd was sein gelegenheit seye / geforschet / da hat man ihn berichtet /


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Auszug aus dem Volksbuch (1602).

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das derselbige sich nun den Winter vber etliche wochen lang daselbsten auffgehalten / vnd von sich außgeben / daß er ein geborner Jud von Jerusalem / mit seinem Namen Ahasverus / vnd seines Handwerckes ein Schuhmacher / auch bey der Creutzigung Christi selbs Persönlich gewesen / vnd seydt hero im Leben geblieben / vnd durch viel Länder gereyset sey / wie er dann zu bestättigung dessen viel vmbständt / so sich mit CHRISTO / nach dem er gefangen /vnd fur Pilatum geführet / darnach fur Herodem / auch biß er endlich gecreutziget worden / zugetragen /von dem / weder die Euangelisten noch History Schreiber meldung thun / Deßgleichen auch von allerhandt Geschichten vnd Regimenten Verenderungen /so in den Orientalischen Landen nach Christi Leiden / in etlich Hundert Jaren hernacher sich zugetragen / Wie auch von den Aposteln / wo jeder gelebt gelehrt / vnd endtlich gelitten / vollkommen guten Bericht zu geben wüste. Als nun Paulus von Eitzen solches gehöret / hat er sich noch mehr darab verwundert / vnd gelegenheit gesucht / selbsten mit jhm zu reden. Da er nun dasselbige endtlich erlanget / hab jhm der Jüd solches allles mit vmbstenden erzelet: das er nemblich zur zeit Christi zu Jerusalem wonhafftig / auch jme dem Herren Christo / welchen er für ein Ketzer vnd Verführer gehalten / weil er anders nich gewust / auch von den Hohenpriestern vnd Schrifftgelerten / denen er zugethan gewesen / anders nicht gelernet gehabt / gram gewesen / vnd hab derwegen allezeit sein bestes gethan / damit dieser Verfürer / wie er darfur gehalten / möchte vertilget werden: Hab auch endlich jhn fangen / fur die Hohenpriester vnd Pilatum führen / anklagen / vber jhn das Crucifige schreyen / vnd vmb Barnabam bitten / auch so weit bringen helffen / biß er zum Todt verurtheilt worden. Da nun der Sententz gesprochen gewesen / hab er alßbaldt nach seinem Hauß / da der HErr Christus hat furüber sollen gefüret werden / zugeeylet / vnd es seinem Hauß gesindt angesagt / damit sie jhn auch sehen mochten / da hab er selbsten sein kleines Kind auff seinem Arm genommen: mit jhm


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fur die Thür gestanden / jhn den HErrn sehen zu lassen. Als nun der HERR Christus vnter seinem Creutz herzu gefuret worden / hab er sich an sein Hauß etwas angelehnet; da sey er zu mehrer seines Eifers anzeigung herzu gelauffen / vnd mit Scheltworten sich von dannen weg zu packen vnd hinauß / da er hingehöret / zu verfügen / forth gewiesen. Da hat jhn Christus starcke angesehen / vnd jhn auff die meinung vngefehrlich angeredt: Ich wil stehen vnd ruhen / Du aber solt gehen. Als bald hab er sein Kind niedergesetzt / vnd im Hauß nicht bleiben können. Sondern mit nach gefolget vnd zugesehen / wie er ist hingerichtet worden. Nach dem solches alles vollendet worden / seye jhm vnmüglich gewesen / widerumb in die Statt Jerusalem zugehen / wie er auch nicht mehr darein kommen / sein Weib / Kind und Gesind / nicht mehr gesehen / sondern also bald fort in frembe / vnd also eins nach dem andern / biß daher / durch zogen habe / vnd ob er wol vber etlich 100. Jar widerumb ins Land kommen /habe er es doch also verwüst / vnd Jerusalem verstört gefunden / das er es nicht mehr gekandt habe. Was nun Gott mit jhme furhabe / das er jn so lang in diesem elenden Leben herumb führe / ob er jhn vielleicht biß an Jüngsten Tag / als ein lebendigen Zeugen des Leidens Christi / zu mehrer vberzeugung der Gott losen vnd Vngläubigen / also erhalten wölle / sey jm vnwissendt /seines theyls möchte leiden / das jhn Gott aus diesem Jamerthal zur Ruhe abforderte. Auff dieses / habe er Paulus von Eitzen / bey neben dem Rector der Schulen zu Hamburg / welcher ein Gelehrter vnnd in Historijs erfahrner Mann gewesen / mit jme von allerhand Geschichten / so sich in den Orientalischen Landen nach Christi zeiten hero verlauffen / conferiert: Da hab er jhnen alle Vmbständt vnd gnugsamen Bericht davon gegeben /das sie sich darüber nicht gnugsam verwundern könen. In seinem Leben sey er still vnd eingezogen gewesen / nicht geredt / als wenn man jn gefragt / wann man jhn zu Gast geladen / sey er erschienen / doch wenig gessen vnd getruncken / da man jm Geldt verehrt /

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Auszug aus dem Volksbuch (1602).

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hab er nicht vber zween Schilling genomen /doch also baldt wider vnter die Armen getheylt / mit vermelden / er dörffe es nit / Gott werde jn wol versorgen. So hab man jhn die zeit vber / weil er zu Hamburg gewesen / nie sehen lachen: In welches Land er kommen / desselbigen Sprach hat er geredt / wie er dann damal die Sächsische Sprach als wol geredt / als wann er eingeborner Sachß were. Es sein auch / wie D. Eitz berichtet damaln viel Leut auß vielen Landen / vnd weit gelegenen Orten / jn zu sehen vnd zu hören gen Hamburg komen / auch vielerley Judicia über jhn ergangen: dr mehrer theyl aber habs dafur gehalten / er habe ein fliegenden Geist bey sich / der jhm solche ding offenbaret: Welches er aber nicht darfur gehalten / weil er nicht allein Gottes wort gern gehört vnd davon geredt / auch allwegen mit grosser Andacht vnd grossem seufftzen den Namen Gottes genent / Sondern auch das er kein fluchen dulten können / dann wann er jemandt bey Gottes Leyden / vnd Wunden fluchen höret / er darüber erzittert / vnd mit grimmigen eyffer gedrawet. Du Elender Mensch / du Elende Creatur / soltu den Namen Gottes vnd seine Marter also mißbrauchen / Ja soltestu gesehen vnd gehört haben / wie sawr dem HERN Christo seine Wunden vnd Leyden / dein vnnd meinet wegen worden were /wie ichs gesehen / du würdest dir ehe Leyd thun lassen / dann das du seinen Namen nennest. Vnd dieses hat Ehren gemeldter Herr Paulus von Eitzen mir vnd andern Mündtlich / doch mit viel mehr vnd weitern Vmbständen erzelet / welches ich gleichwol seydthero von etlichen Alten Bürgern / allhie zn Schleßwig / die auch zum theyl denselbigen damaln gesehen / vnd mit jhme geredt / affirmieren gehöret. Dieses verschienen 75. Jar sind Secretarius Christoph Ehringer vnd M. Jacobus / welche vnser G. Herr / Hertzog Adolph zu Holstein vngeehrlich vor fünff vierthell Jaren als Legaten an König in Hispanien abgefertiget / wegen der bezalung / so sein Königliche Würden J. F. G. vnd dem Kriegsvolck mit dem sie in Anno 1572. dem Duc de Alba in des Niederland gezogen / noch

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schüldig verblieben/ vmb befürderungen angehalten. Widerumb zu Hauß kommen / vnd alhie zu Schleßwig angelangt / die berichten das sie zu Malduit obgedachten Man in aller gestalt / mit Kleider / geberden / vnd Alter noch zu sehen / angetroffen / mit jhme geredt vnd eben / wie der obgemeldt / neben andern Leuten von im verstanden haben / vnd hab er sein gudt Spanisch geredt. Es sein auch sonsten mehr glaubwürdige personen / die auch guten bericht vnd bescheidt von diesem Man oder Jüden wissen zu geben (insonderheit) ein fürnemer Bürger / in der Löblichen Anse Stadt Bremen wonhafftig / seines Amptes ein Buchfürer / welcher meldeet / wie er in seiner Jugendt / Anno 1546. zu Dantzig gewesen / nd jne daselbst auch gesehen / vnd wie er auff eine zeit in der Pfarkirche gestanden / vnd sich in beywesen vieler Man und Frawes Personen / sich nach dem Crucifix gewendet dasselbe angesehen / vnd gesprochen / das er die gantze Christenheit durch gezogen / vnd noch keine gesehen / das dem Herren Christo so gleich vnd ehnlich gewesen / wie dasselbige / Vnd ist jhme von jederman viele Geldes gegeben worden / welches er dann nicht behalten / sondern alßbald den Armen aufgetheilt. Was nun von dieser Manspersonen zuhalten / davon stehet jedem sein judicium frey/ Die Werck Gottes sind wunderbarlich vnd vnerforschlich / vnd werden je lenger je mehr ding / die bißhero verborgen gewesen / Nun mehr gegen dem zunahenden Jüngsten Tag vnd Ende der Welt offenbaret / wol dem der es in rechtem verstandt auffnimpt vnd erkennet vnd sich daran nicht ärgert. Datum Schleßwig den 9. Junij Anno 1564. Dieser Mann oder Jud / soll so dicke Fußholen haben / das mans gemessen / zweyer zwerch Finger dick gewesen / gleich wie ein Horn so hart / wegen seines langes gehens vnd reysens. Er ist auch Anno 1599. zu Dantzig im December gesehen worden. ENDE


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Das Volksbuch war ein durchschlagender Erfolg. Schon im Erscheinungsjahr ging es in die 20. Auflage. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wurde es über 50-mal in deutscher Sprache aufgelegt, und um 1800 war man bei der 70. Auflage angelangt. Bald nach der Veröffentlichung in deutscher Sprache wurde der Text in Frankreich, Holland, England, Dänemark, Schweden, Italien und anderen europäische Ländern übersetzt. Leonhard Neubaur hat bei seinen Recherchen in mehr als 150 deutschen und anderen Bibliotheken 40 deutsche, sieben holländische und fünf französische Fassungen ausgemacht. Weiterführende Nachforschungen von Josef J. Gielen haben 83 deutsche, 26 holländische, 25 französischsprachige, zwölf englische, drei italienische, 27 dänische und schwedische, sechs estnische, drei finnische und drei polnische Ausgaben zu Tage gefördert. Die deutschen Texte, die Neubaur in seinem Buch Die Sage vom ewigen Juden (Leipzig 1884) erfasst hat, haben den Forschern Rätsel aufgegeben, die bis heute ungelöst sind. Sie zu lösen ist nicht nur von strikt historischem Interesse, sondern kann auch ein Licht auf die ideologischen Ziele werfen, die mit der Veröffentlichung der deutschsprachigen Versionen der Sage vom ewigen Juden verfolgt wurden. Was ist über die Identität des Autors des Volksbuchs bekannt, oder was lässt sich mutmaßen? Die von Neubaur aufgeführten Ausgaben I bis IX sind anonym. Von der Ausgabe X an erscheint es unter dem Pseudonym Chrysostomus Dudulaeus Westphalus. Unter diesem Namen werden stilistische und inhaltliche Veränderungen vorgenommen, die zu dem Schluss führen, dass der Text von einem anderen Autor mit anderen Absichten bearbeitet worden ist. Einige der von Neubaur bis zur Nummer XL aufgeführten Ausgaben, die im 17. und 18. Jahrhundert gedruckt worden sind, gehen aufgrund theologischer Zusätze über den ursprünglichen Umfang von vier Quartblättern hinaus und erreichen 24 oder gar 32 Oktavblätter. Ein Vergleich dieser aufeinanderfolgenden Ausgaben ergibt vielsagende Hinweise auf die Manipulation der Sage des Ahasverus. Auch die kryptischen Hinweise auf die Werkstatt oder die Werkstätten, in denen die Arbeit gedruckt wurde, scheinen bedeutsam. Die ersten zwölf bekannten Ausgaben tragen, obwohl sie im Lauf eines einzigen Jah-


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res erschienen sind, die Namen verschiedener Drucker und Ortschaften: Leyden, Bautzen, Schleswig oder Danzig. Wenigstens einer dieser Vermerke ist offensichtlich erfunden, denn im Falle des einen Textes (Variante I in Neubaurs Katalog) erscheint der Name des Druckers, Christoff Creutzer aus Leyden, eindeutig als annagrammierte Anspielung auf die Leiden des gekreuzigten Christus. Einige Forscher sind – ohne überzeugende Beweise – der Meinung, der Drucker sei Johannes Schröter in Basel gewesen, der sich ein solches Verwirrspiel erlaubte. Es gehört zu den Eigenheiten des Volksbuchs, dass sich die zahlreichen Ausgaben, selbst die im ersten Jahr erschienenen, durch redaktionelle und orthografische Details oder im Umbruch, manchmal durch Zeichnungen und Vignetten, geringfügig unterscheiden, demnach gleichzeitig in verschiedenen Städten gedruckt worden sein können, um so eine weitere Verbreitung zu erreichen. Dennoch: Woher stammte der Grundtext? Literarischer Raub kann nicht ausgeschlossen werden. Zu jener Zeit verfügten Autor, Verleger oder Drucker gewöhnlich über ein „Privileg“, dessen Verletzung schwer geahndet wurde. Wer sich einen Text illegal aneignete, hatte allen Grund, sich hinter erfundenen Adressen zu verbergen. Dennoch scheinen die Signaturen einzelner Drucker echt zu sein. Es ist also ein Dickicht von Widersprüchen und Unstimmigkeiten zu durchforsten, wenn wir hinter die Gründe und Zwecke des anonymen Autors kommen wollen. Zwei Städte bringen die glaubhaftesten Argumente vor, Erscheinungsort der Erstausgabe des Volksbuchs von Ahasverus zu sein: Schleswig und Danzig. Bei einem Symposion in Kiel, der Hauptstadt des Bundeslandes Schleswig-Holstein, händigte mir der Direktor der Bezirksbibliothek die Kopie eines Exemplars des Volksbuchs aus, das dort mit besonderer Sorgfalt aufbewahrt wird. Es ist die von Neubaur unter der Nummer VII verzeichnete Ausgabe mit dem Hinweis „Erstlich gedrückt zu Bautzen / zum andern zu Schleßwig / bei Niclaus Wegener. Anno 1502“. Die unwahrscheinliche Datierung ist sicherlich ein Druckfehler. Unerklärlich erscheint das Datum „Schleswig, 9. Juni 1564“ auf der letzten Seite mehrerer Ausgaben, abgeändert in der Ausgabe V, wo das Jahr 1594 angegeben wird.


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Neubaur schließt die Hypothese von Karl Simrock nicht aus, dass eine erste Version der Broschüre schon im 16. Jahrhundert erschienen und 1602 wiederaufgelegt worden sein könnte. Auf der letzten Seite des Exemplars aus der Kieler Bibliothek ist eine große Vignette zu sehen, möglicherweise ein Kennzeichen der Druckerei. Auch andere Vignetten in verschiedenen Ausgaben sehen den Druckereisiegeln sehr ähnlich, die in den ersten Jahrhunderten der deutschen Buchdruckerei üblich waren. Allerdings sind sie nicht identifiziert worden. In der Tat arbeitete die Druckerei des Nikolaus Wegener zu Anfang des 17. Jahrhunderts in Schleswig. Paulus von Eitzen, der Hauptzeuge der Geschichte, war Bischof von Schleswig und Generalsuperintendent unter Herzog Adolf I. zu Holstein. Auch der Auftrag des Sekretärs Christoph Ehringer und des Magisters Jacobus in Spanien entsprechen der historischen Wirklichkeit. Der anonyme Autor verortet sich zweimal als „alhie in Schleßwig“ und nennt den Herzog von Holstein „unser gnediger Herr“. Das alles unterstützt die These, dass das Volksbuch seinen Ursprung in Schleswig hat. Arno Schmidts Einwand, die Juden seien bis 1622 weder im Fürstentum Holstein noch in Däne3 mark geduldet worden, hat keinen Bestand. Schließlich hätte der Autor gerade das Auftauchen einer exotischen Persönlichkeit, deren Stamm in jenen Breiten bis dahin unbekannt war, als sensationelles Element ausschlachten können. In seiner in Danzig gedruckten Arbeit plädiert Arno Schmidt für seine Stadt als Herkunftsort der Erstausgabe. Alle Ausgaben des Volksbuchs wiesen darauf hin, dass Ahasverus im Dezember 1599 in Danzig gesehen worden sei. Das war für die damaligen Leser zeitlich nachvollziehbar und glaubhaft, hatte doch jeder Bewohner der Stadt irgendwo den Eindruck, zur Winterszeit einem hochgewachsenen schweigsamen Mann in einem bis zum Boden reichenden Mantel begegnet zu sein. Die ursprüngliche Datierung „Schleswig, 9. Juni Anno 1564“ verschwindet in der Ausgabe Nr. VIII und wird ersetzt durch „Danzig, 9. Juli Anno 1602“, und in der Ausgabe Nr. X gibt der Autor vor, „einem guten Freunde“ in Danzig zu 2 3

Vgl. Simrock, Die deutschen Volksbücher, Bd. 6. Vgl. Schmidt, Das Volksbuch vom Ewigen Juden, S. 15.


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Kapitel 1

schreiben. Doch Arno Schmidt bringt noch andere Belege. Als einziger stellt er Mutmaßungen über die Identität des anonymen Autors des Volksbuchs an. Er komme wohl aus dem Gefolge des Marchis d’Oria, eines neapolitanischen Adligen, der zum protestantischen Glauben übergetreten und aus Furcht vor der Inquisition aus Italien geflüchtet war. Nach einer Irrfahrt durch mehrere Länder ließ sich d’Oria 1591 in Danzig nieder und spendete der Stadt eine eindrucksvolle Büchersammlung von 1 140 Bänden. Der Marquis war ein Anhänger Melanchthons und unterhielt enge Verbindungen zu lutherischen Kreisen in Deutschland, wo er wahrscheinlich auch Paulus von Eitzen kennengelernt hatte. Durch ihn mag auch die Kunde von den beiden aus Schleswig an den spanischen Hof entsandten Boten nach Danzig gelangt sein, denn zu seinen engen Freunden zählte auch Graf Heinrich Rantzau, ein Humanist und Bücherliebhaber, der zeitweise zum Gouverneur des Fürstentums Schleswig-Holstein ernannt wurde. Der Marquis d’Oria starb 1599. Im selben Jahr erschienen sein Le4 benslauf und sein Bildnis in einer lateinischsprachigen Veröffentlichung der Druckerei Jakob Rhode in Danzig, deren Firmeneindruck auch in der VIII. Auflage des Volksbuchs zu finden ist. Nach der Hypothese von Arno Schmidt kämen zwei Danziger Publizisten als Autoren des Volksbuchs infrage: Andreas Welsius, Professor für Poesie und Rhetorik am „Gymnasium academicum“, ein Freund des Marquis d’Oria und Verfasser der bei Rhode gedruckten, dem Marquis gewidmeten Monografie, oder Valentin Schreck, Rektor der Priesterschule, ein Theologe, dem calvinistische Ansichten nachgesagt wurden, ehemaliger Professor für Poesie, Stückeübersetzer und Kenner des Volkstheaters. Valentin Schreck starb am 22. September 1602, was einen anderen Autor auf den Plan gerufen haben könnte, wie wir im Folgenden ausführen werden. Wir werden sehen, dass es Marquis d’Oria gewesen sein könnte, der den künftigen Autor des Volksbuchs auf das Thema des ewigen Juden hingewiesen hat. Denn diese in der deutschen Publizistik einzigartige Sage hatte eine lange Vorgeschichte in Italien und in anderen Kulturlandschaften des Mittelalters. 4

Vgl. Miscellanea Hymnorum, Epigrammatum et Paradoxorum quorundam D. Johannis Bernhardini Bonifaci Neapolitani.


Quellen und Vorläufer – die Paradoxe der Unsterblichkeit

Kehren wir für einen Augenblick in Gedanken zurück in die Welt des Mittelalters und stellen wir uns die weitläufigen Gefilde vor, die damals Armenien genannt wurden. Damit bezeichnete man zu dieser Zeit einen Gutteil Kleinasiens am Fuße des Berges Ararat, an dem Noahs Arche angelegt haben soll. Armenien lag an der Schwelle vom Orient zum Okzident. Hier kamen die schwer beladenen Karawanen durch, hier war der Umschlagplatz chinesischer Seide und nubischen Elfenbeins, kaukasischen Silbers und fernöstlicher Gewürze. Und hier kreuzten sich auch die Geschichten und Sagen der Welt. Aus Indien mag die buddhistische Sage des Pindola gekommen sein, der für seine Hoffahrt verurteilt wurde, ewig zu leben und nie Eingang ins Nirwana zu finden. An den langen, kühlen Abenden, wenn in den Karawansereien die Lagerfeuer angezündet wurden, mögen die arabischen Reisenden ihrerseits das Gleichnis von den Engeln Harut und Marut erzählt haben, die auf die Erde gesandt worden waren, um das Verhalten der Menschen zu verbessern. In der Stadt Babil – Babylon – brachten der Wein und die Reize zweier Huren sie um den Verstand, sodass sie den „großen Namen“ verrieten. Gott stellte ihnen frei, ob sie im Diesseits oder im Jenseits bestraft werden wollten. Sie wählten die diesseitige Strafe und hängen seither gefesselt in einem Brunnen in Babil, wo sie bis zum Jüngsten Gericht bleiben werden. Die Sage des Samiri – der nach arabischer Lesart bei den Juden den Kult um das goldene Kalb wiedereingeführt hat und von Moses verurteilt worden ist, ewig umherzuirren und allen zu sagen: „Rührt mich nicht an, ich bin unrein“ – wird auch im Koran erzählt (20. Sure). Auch die griechische Mythologie hält zahlreiche Sagen ewiger Verdammnis bereit: Prometheus, an einen Felsen gekettet, wo ein Adler bis in alle Ewigkeit von seiner Leber frisst; Tantalus, zu ewigem Hunger und Durst verdammt; Sisyphos, der vergeblich versucht, seine Last


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auf einen Berggipfel zu wuchten. Die Begegnung der Kulturen beflügelte die Vorstellungskraft der Menschen, die Sagen vermischten sich wie in einer riesigen Retorte, weitere und immer weitere gingen daraus hervor. In diesem, die Fantasie befördernden Armenien keimte und entwickelte sich auch die Idee einer Gestalt, die auf ewig verdammt ist, weil sie Christus verhöhnt hat. Um das Jahr 600 veröffentlichte der griechische Mönch Johannes Moschos (Eukrates), geboren in Damaskus, unter dem Titel Leimonarium (Der Garten des Geistes) einen Band mit Geschichten vom mönchischen Leben aus verschiedenen Regionen Kleinasiens, auch aus Jerusalem, die in griechischer, lateinischer und slawonischer Sprache weite Verbreitung fanden. In einer Episode dieses Buches erscheint der Mönch Isidor, der schwere Schuld auf sich geladen hat, weil er das heilige, ungesäuerte Brot in den Morast hat fallen lassen. Zwei Tage danach begegnet Isidor auf Zypern einem Äthiopier, der zu ihm sagt: „Du und ich, wir sind zu derselben Strafe verurteilt.“ Und der Äthiopier fügt hinzu: „Ich bin es, der den Schöpfer des Weltalls, unsern Herrn Jesus Christus, während seiner Leiden ins Gesicht geschlagen hat.“ Es ist die älteste schriftliche Version der Sage, deren Held viel später der ewige Jude werden sollte. Wir werden sehen, dass Armenien auch später eine der Hauptquellen von Erfindungen war, mit denen diese Sage gespeist wurde. Sollte Moschos die merkwürdige Geschichte von dem Äthiopier, der Christus geschlagen haben soll und sechs Jahrhunderte später noch am Leben war, erfunden haben? Anzunehmen ist eher, dass er sich von mündlicher Überlieferung oder von einem Passus aus dem Neuen Testament hat inspirieren lassen. Da er zumindest eine theologische Grundbildung besaß, wie seine Schriften erkennen lassen, kannte der Mönch Johannes Moschos wahrscheinlich die Verse 19–22 im Kapitel 18 des Johannesevangeliums: „Der Hohepriester befragte nun Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. Jesus antwortete ihm: Ich habe frei und offen vor aller Welt geredet. Ich habe allezeit gelehrt in der Synagoge und im Tempel, wo alle Juden zusammenkommen, und habe nichts im Verborgenen geredet. Was fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich zu ihnen geredet


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habe. Siehe, sie wissen, was ich gesagt habe. Als er so redete, schlug einer von den Knechten, die dabeistanden, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst 1 du dem Hohenpriester so antworten?“ Später haben Thomas von Aquin und andere Theologen diesen Knecht als Diener des Hohepriesters in jener Schar Soldaten identifiziert, die Jesus verhaften sollte, und dem Simon Petrus das rechte Ohr mit dem Schwert abgehauen hatte, worauf Jesus es durch Berührung heilte. „Und der Knecht hieß Malchus.“ (Joh 18,10) Wenngleich Jesus den Racheakt des Petrus nicht gutgeheißen hat, wurde die Gestalt des Malchus als die eines Bestraften überliefert, dem weitere Vergehen zugeschrieben wurden. In einer ganzen Reihe mittelalterlicher Erzählungen kehrt Malchus wieder als einer, der weiterleben und für seine Schuld Buße tun muss. Er erscheint ebenso im Chanson de geste Fierabras des 12. Jahrhunderts wie in anderen Chansons de geste. In einem Mistère de la Passion aus Arras ist Malchus einer von jenen, die Josef aus Arimathäa vor das judäische Gericht gebracht und beschuldigt haben, er hätte Jesus vom Kreuz genommen und begraben, und in einem 1547 in Valenciennes aufgeführten Mysterienspiel bestellt Malchus beim Schmied die Nägel, mit denen Christus ans Kreuz geschlagen werden soll. Derselbe Diener reißt in einem Donaueschinger Passionsspiel aus dem 15. Jahrhundert den Stuhl weg, auf dem Christus während des Verhörs vor Kaiphas sitzt. Im Freiburger Passionsspiel (16. Jahrhundert) ist es Malchus, der Judas den Beutel mit 30 Silberlingen von Kaiphas aushändigt. Ein deutscher Holzschnitt von 1584 stellt Malchus als geharnischten Soldaten dar, der 2 die Hand erhoben hat, um den Erlöser zu schlagen. Roland Auguet berichtet, dass schon im 14. Jahrhundert die türkischen Fremdenführer in Jerusalem den Pilgern am heiligen Grab den Ort zeigten, an dem Malchus Jesus ins Gesicht geschlagen habe, und die Geschäftstüchtigen unter ihnen sich sogar erbötig machten, diesen Menschen in Fleisch und Blut in dem geheimen Verlies vorzuführen, wo er ewige Buße tat. 1484 habe der flämische Reisende Jan Aerts aus Mecheln, vom portugiesischen König nach 1 2

Alle Bibelzitate nach: Die Bibel. Nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers. Auguet, Le juif errant.


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Jerusalem gesandt, für 40 Dukaten erreicht, dass ihm eine Tür geöffnet wurde, durch die man eigentlich nur mit der Erlaubnis des Sultans gelangt sei. In einer Galerie, die von vier Säulen gestützt gewesen sei, habe schweigend ein nackter Mann gestanden, dessen Körper von langen Haaren bedeckt gewesen sei. Ob das schlichte Erfindungen des Flamen sind, der seinem Bericht Farbe verleihen wollte, oder türkische Inszenierungen für Touristen? In Aerts’ Version heißt der Verurteilte malchusschen Typs Jan Baudewyn. Er habe auf dem Weg nach Golgatha zu Christus gesagt: „Vorwärts, vorwärts. Du bist bisher zu langsam gegangen.“ Und Christus habe ihm geantwortet: „Ich werde gehen, du aber wirst bleiben bis ans Ende der Welt und fragen, ob ich wiedergekehrt bin.“ Seither frage dieser Baudewyn Jahr für Jahr am Karfreitag: „Ist der Mann mit dem Kreuz noch nicht wiedergekehrt?“ Ein anderer Pilger, Peter Brantius Pannalius, habe Malchus gesehen, eingesperrt hinter fünf Eisentüren, und der Türke, der ihn dorthin geführt habe, habe ihm gesagt: „Dies ist der Knecht, der euren Christus vor dem großen Priester Anna geschlagen hat. [...] Er befindet sich an diesem Ort, ohne jemals zu essen oder zu trinken, ohne zu schlafen oder zu ruhen, ständig geht er so umher, wie du siehst. Und schau, die rechte Hand, mit der er Jesus geschlagen hat, zittert in einem fort.“ Der Franziskanermönch Dominique Auberton behauptet in der Broschüre Récit véritable et miraculeux de ce qui a esté vécu en Hierusalem. Par un Réligieux de l’Ordre S. François, et autre personnes de qualité, erschienen 1523 in Paris, er habe 1507 die Wohnung des Pilatus besichtigt und dort in einer Grotte in großer Tiefe Malchus gefunden, der eingegraben war bis zum Nabel und sich ständig verzweifelt an die Brust schlug. Auberton ergänzt: „Et moi, frère Dominique Auberton, certifie cecy estre vray; sur ma foy, sur ma loy et ma part de paradis.“ („Und ich, Bruder Dominique Auberton, versichere, dass dies wahr ist, bei meinem Glauben, meinem Gesetz und meinem Anteil am Paradies.“) Der gläubige Reisende hätte wohl kaum seinen Platz im Paradies aufs Spiel gesetzt, wenn er nicht selbst das Opfer einer Inszenierung gewesen wäre. Welches ist das Geheimnis, dass Malchus in der Erzählung des Leimonariums zum Äthiopier geworden ist? Es ist anzunehmen, dass diese Zugehörigkeit den Zeitgenossen des Johannes Moschos nicht außerge-


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Flämische Illustration, die die Szene mit Jesus und Ahasverus in Golgatha zeigt.

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wöhnlich kurios erschienen ist, gehörten doch häufig befreite afrikanische Sklaven zur Dienerschaft der damaligen Potentaten. Die Sage des Malchus fand im Mittelmeerbecken auch unter anderen Namen Verbreitung. Der italienische Astronom Guido Bonatti, eine bekannte Persönlichkeit, die selbst Dante im 20. Gesang des Inferno nennt, schreibt in seinem Werk De Astronomia Tractatis X: „Manche Menschen haben ein sehr hohes Alter erreicht; ich habe zu meiner Zeit nur einen von ihnen gesehen, einen gewissen Ricardus, der sagte, er habe am Hofe Karls des Großen gelebt und sei 400 Jahre alt. Damals sagte man auch, es gebe noch einen anderen, der zur Zeit von Jesus Christus gelebt habe und Johannes Buttadeus heiße. Da er den Herrn, der zur Kreuzigung geführt wurde, verjagte, habe dieser zu ihm gesagt: ‚Du wirst auf mich warten, bis ich wiederkehren werde.‘ Ricardus habe ich im Jahre 1223 in Ravenna gesehen; jener Johannes kam im Jahre 1267 nach Christus auf einer Pilgerfahrt nach Sankt Jakob durch Forli.“ Der Chronist Sigismondo Tizio, der etwa von 1458 bis 1528 gelebt hat, übernimmt in seinem Diario Senese die Auskunft Bonattis zur „sagenhaften Existenz“ des Johannes Buttadeus. Hinweise auf die außergewöhnliche Langlebigkeit, die Buttadeus zugeschrieben wird, sind in mehreren italienischen und französischen Schriften des 13., 14. und 15. Jahrhunderts anzutreffen, manchmal mit Abwandlungen des Namens zu Johannes (oder Giovanni) Botadeo. George K. Anderson misst einem Manuskript aus dem 15. Jahrhundert, das später im Palazzo Strozzi in Florenz entdeckt wurde, große Bedeutung bei, gibt seinen Inhalt wieder und kommentiert es eingehend. Dessen Autor Antonio di Francesco di Andrea behauptet, ein gewisser Giovanni Votaddio oder Giovanni Servo di Dio sei in den Jahren 1310–1320 in Italien gesehen worden. 1411 sei Antonios Bruder dabeigewesen, als dieser Giovanni Votaddio ein Kind vor dem Tod gerettet habe. Giovanni Votaddio sei mit einer Franziskanerkutte bekleidet gewesen, er sei unsterblich und könne nicht länger als drei Tage an einem Ort verweilen. Dem Manuskript zufolge habe Giovanni die Begebenheit von Golgatha erzählt und zu verstehen gegeben, dass er selbst der Verurteilte sei; das Gespräch mit dem Erlöser habe er folgendermaßen wiedergegeben: „Geh schneller“, habe Giovanni gesagt und Jesus auf den Rücken geschlagen. „Du


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wirst noch schneller gehen und auf mich warten“, sei die Antwort gewesen. Wenn das Manuskript korrekt datiert ist, enthält es wahrscheinlich die erste Version, in der der Held der Sage zur Irrfahrt verurteilt wird. Aus Italien gelangt Buttadeus nach Spanien und Portugal. In Frankreich begegnen wir ihm als Boutedieu, in der Bretagne als Boudedeo, und selbst die Siebenbürger Sachsen kennen ihn als Bedeus. Die Etymologie des Namens Buttadeus (von „batuere“, vulgärlateinisch für schlagen, und „deus“, Gott, also jener, der Gott geschlagen hat) ist ein deutlicher Hinweis auf den Sinn der Sage. Wie aber sind Varianten wie Votadeo oder Votaddio (der Gottergebene) zu erklären, die ebenfalls in einigen Texten auftauchen und denen die bei etlichen spanischen Autoren des 16. Jahrhunderts erscheinenden Namen Juan Espera in Dios oder Juan de Voto a Dios und in Portugal Joao Espera in Dios entsprechen? Sie führen zu einer anderen Quelle und eröffnen ein besonderes Forschungsfeld. Unsterblichkeit als Strafe kommt in den europäischen und orientalischen Mythologien recht oft vor. Wir haben weiter oben einige Beispiele angeführt. Gemeinhin jedoch war das ewige Leben in den alten Mythologien ein Privileg der Götter, und die Volksweisheit sah im Streben nach Unsterblichkeit eine Wette aufs Unmögliche, wenn nicht gar eine geistige Verirrung. Der Held der ältesten in Schriftform bekannten Sage, der sumerische König Gilgamesch, geht auf die Suche nach dem alten Utnapischtim (Prototyp des Noah), um von ihm das Geheimnis des ewigen Lebens zu erfahren. Nach einer Reihe von Abenteuern scheitert sein Versuch, und es erfüllt sich die Weissagung der Nymphe Schenkin Siduri: „Gilgamesch, wohin läufst du? Das Leben, das du suchst, wirst du nicht finden. / Als die Götter die Menschheit schufen, / Bestimmten sie für die Menschen den Tod / Und das Leben behielten sie für sich.“ (Zehnte Tafel des Epos) Die chinesische Tradition bewahrt die Erinnerung an den vergeblichen Versuche des großen Kaisers Zheng, der China vereinigt hat, mit Hilfe der taoistischen Alchimisten ein Unsterblichkeitselixier zu entdecken. In der Vorstellung einiger heidnischer Mythologien fehlt allerdings nicht das Bild eines „jenseitigen“ Lebens als Lohn für diesseitige Tugend.


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Die Wikinger und die alten Germanen glaubten, die im Kampf gefallenen Helden würden in die Walhalla eingehen, wo sie nachts zechen und tagsüber Waffengänge veranstalten würden. Die Verheißung der Unsterblichkeit nimmt in der christlichen Theologie einen zentralen Platz ein. Sie ist beschlossen im Geheimnis der Auferstehung Christi, das bei der Verbreitung des Christentums eine immense propagandistische Rolle gespielt hat. In der Liturgie zur Auferstehung wird der Sieg Christi über den Tod gefeiert, was die Verheißung ewigen Lebens für die gesamte Menschheit bedeutet. Durch Adam hat das Menschengeschlecht den Tod als Strafe für die Erbsünde kennengelernt; Jesus, der neue Adam, bringt der Menschheit die Erlösung vom Tod. Darum zeigen einige byzantinische Fresken und Ikonen ihn umgeben von den zahlreichen Seelen der aus den Gräbern erstandenen Toten. Das ist auch der Inhalt des Gebets, das der orthodoxe Priester am Abend der Auferstehungsnacht spricht: „Jesus ist von den Toten auferstanden, / den Tod mit dem Tode besiegend, / und hat jenen in den Gräbern / Leben geschenkt.“ Die ersten Christen nannten den Tag der Auferstehung den „achten Tag“. Die Welt wurde in sieben Tagen erschaffen, doch die Schöpfung wurde am achten Tag, dem Tag der Auferstehung, abgeschlossen. Die Sieben ist die Zahl des gegenwärtigen Lebens, die Acht ist die Zahl des ewigen Lebens, das durch den Messias kommen wird. In der christlichen Mythologie gibt es keine Strafe durch Unsterblichkeit. Im Gegenteil, die irdische Unsterblichkeit ist ein Geschenk des Messias. Es ist noch hinzuzufügen, dass die Evangelien Christus kein einziges Wort der Verurteilung seiner Feinde zuschreiben. Sogar als Petrus Malchus ein Ohr abhaut, greift Jesus heilend ein. Wie verträgt sich der christliche Messianismus mit der symbolischen Gegenwart einer Gestalt, die von Christus zur Unsterblichkeit verurteilt worden ist? Viele Theologen haben diese Legende kategorisch negiert mit dem Hinweis, sie widerspreche dem Grundsatz des Verzichts auf Gegenwehr, den Jesus in der Bergpredigt klar formuliert hat: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ (Matth 5,39)


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