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Das Friedrich-Loeffler-Institut 1910–2010 (Leseprobe)

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Annette Hinz-Wessels Jens Thiel

Das Friedrich-Loeffler-Institut 1910–2010 100 Jahre Forschung für die Tiergesundheit Herausgegeben vom Friedrich-Loeffler-Institut Greifswald-Insel Riems

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg 2010 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Übersetzung der Abstracts: Martina R. Jones, Düsseldorf Satz: typegerecht berlin, Berlin Schrift: Walbaum 9,5 /14 pt Druck und Bindung: Dami Editorial & Printing Services ISBN 978-3-937233-69-7 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhaltsverzeichnis

Thomas C. Mettenleiter

Vorwort des Herausgebers

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Ilse Aigner

Grußwort der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

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Annette Hinz-Wessels

Friedrich Loeffler und die Kommission zur Erforschung der Maul- und Klauenseuche in Berlin und Greifswald Abstract

11 30

Annette Hinz-Wessels

Das erste virologische Institut weltweit: Die Gründung der Forschungsanstalt Insel Riems im Jahr 1910 Abstract

35 53

Annette Hinz-Wessels

Unter dem Dach der Tierseuchenforschungsstiftung: Der Ausbau des Riems in den 1920er und 1930er Jahren Abstract

57 80

Annette Hinz-Wessels

Im Dienst für das »Vaterland«: Der Riems im Zweiten Weltkrieg Abstract

87 111

Jens Thiel

Wiederaufbau und Neuausrichtung: Der Riems zwischen 1945 und 1970 Abstract

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Jens Thiel

Vom Akademieinstitut zum Volkseigenen Betrieb und wieder zurück: Der Riems zwischen 1970 und 1991 Abstract

163 180

Annette Hinz-Wessels

Der »West-Riems« oder das Traub’sche Institut: Die Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere in Tübingen Abstract

187 217

Annette Hinz-Wessels

Eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte: Das Friedrich-Loeffler-Institut nach der Wiedervereinigung Abstract

225 260

Anhang Abkürzungsverzeichnis Abbildungsnachweis Danksagung Die Autoren

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Vorwort

»Euerer Excellenz berichte ich gehorsamst, daß ich sofort nach dem Eintreffen einer frischen Lympheprobe aus Witkowo am Montag, dem 10. October mit den Arbeiten auf der Insel Riems begonnen habe.« Mit diesen Worten beginnt das auf den 13. Oktober 1910 datierte Schreiben von Friedrich Loeffler an den Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten in Berlin, in dem er die Aufnahme seiner Forschungsarbeiten anzeigt. Damit begann auch die Geschichte des weltweit ältesten Virusforschungsinstituts, das seit 1952 den Namen seines Begründers trägt. Am 10. Oktober 2010 feiert das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) demnach sein 100. Gründungsjubiläum. Es war daher an der Zeit, die wechselvolle Geschichte des Instituts umfassend zu recherchieren und zu dokumentieren. Diese sollte von ausgewiesenen Historikern erarbeitet werden, die vorher keine Verbindung zum Institut hatten, um eine größtmögliche Objektivität zu gewährleisten. Das vorliegende Buch zeigt, dass dieser Ansatz zum Erfolg geführt hat. Friedrich Loeffler selbst hat das Institut nur kurze Zeit geleitet. Im Jahr 1913 als Nachfolger seines Lehrers Robert Koch nach Berlin berufen, starb er schon bald darauf. Prägend für das Institut auf der Insel Riems waren die langjährigen Präsidenten Otto Waldmann und Heinz Röhrer. Das FLI hat in seiner Geschichte mehrfach Situationen »erlebt«, die zu einem unwiderruflichen Ende dieser Forschungsstätte hätten führen können. Sowohl am Ende des Ersten als auch des Zweiten Weltkriegs war die Zukunft des Instituts gefährdet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Bundesrepublik Deutschland, in Tübingen, ein Institut mit gleicher Aufgabenstellung gegründet. Zu Ende der DDR-Zeit war das FLI als Volkseigener Betrieb (VEB) zu einer Produktionsstätte geworden, die Zeiten der Forschung schienen weitgehend vorbei. Doch das FLI gibt es immer noch und seine Forschungsaktivitäten sind umfassender denn je. Das FLI ist weit über die Insel Riems hinaus gewachsen. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands erfolgte die organisatorische Zusammenführung der virologisch und epidemiologisch arbeitenden Institute auf der Insel Riems, in Tübingen und in Wusterhausen. Am Anfang des neuen Jahrtausends wurde das bakteriologisch orientierte Institut in Jena eingegliedert, wenige Jahre später etablierte sich das FLI durch Aufnahme der in Mariensee,

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Vorwort

Celle und Braunschweig an Nutztieren forschenden Institute als ein zentrales Kompetenzzentrum für alle Bereiche der Nutztierhaltung in Deutschland. Zwar wurde das Institut ursprünglich für die Erforschung der Maul- und Klauenseuche gegründet und hat gerade bei der Bekämpfung dieser Infektion große Erfolge erzielt. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde es aber in den letzten Jahren besonders durch seine Arbeiten zu der Rinderseuche BSE, der »Vogelgrippe« H5N1, der Tollwut und der Schweinepest bekannt. Infektionsmedizinische Forschung bleibt weiterhin die Kernkompetenz des FLI, aber sein Aufgabenbereich hat sich weiter ausgedehnt. In der Ressortforschung des für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zuständigen Bundesministeriums bearbeitet das FLI als Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit alle Fragen, die die Gesundheit und das Wohlbefinden landwirtschaftlicher Nutztiere betreffen. Als »Collaborating Centre for Zoonoses in Europe« der Weltorganisation für Tiergesundheit OIE bildet es aber auch ein Bindeglied zur Humanmedizin nach dem Grundsatz »One World – One Health – One Medicine«, also der Verbindung von human- und veterinärmedizinischer Expertise, um in einer globalisierten Welt eine umfassende Gesundheitsstrategie zu erreichen. Mit den kurz vor der Inbetriebnahme stehenden bzw. geplanten Neubauten an den drei endgültigen Standorten des FLI – Insel Riems, Jena und Mariensee – werden die Weichen für eine weitere erfolgreiche Arbeit in der Zukunft gestellt. Zugleich dokumentieren Instandsetzung und Rekonstruktion der historisch gewachsenen, denkmalgeschützten Bauten aber auch, dass sich das FLI seiner historischen Bedeutung und Verantwortung bewusst ist. Die ersten 100 Jahre des Instituts sind Geschichte, die nächsten 100 beginnen gerade erst. Das FLI ist dafür gut aufgestellt. Ich wünsche den Leserinnen und Lesern eine interessante, spannende Lektüre über dieses Institut, das in seiner Entwicklung auch 100 Jahre deutscher Geschichte in vielen Facetten widerspiegelt. Und ich hoffe, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des FLI sind mit mir auch ein wenig stolz darauf, an diesem traditionsreichen Institut arbeiten und forschen zu können. Prof. Dr. Dr. h.c. Thomas C. Mettenleiter Präsident und Professor

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Grußwort der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Ilse Aigner

Hohe Qualität und Kontinuität zeichnen das wissenschaftliche Arbeiten des Friedrich-Loeffler-Instituts aus, das in diesem Jahr 100 Jahre alt wird. Es ist damit das älteste virologische Forschungsinstitut der Welt und hat sich nicht nur national, sondern auch im internationalen Rahmen einen hervorragenden Ruf erworben. Hinter der Leistung und Kompetenz dieses Instituts steht die exzellente Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über diese lange Zeit. Friedrich Loeffler, der Namensgeber, hat durch sein Engagement den Grundstein für den herausragenden Ruf des heutigen Bundesforschungsinstituts gelegt. Es ist ein wichtiger und unverzichtbarer Bestandteil der Ressortforschung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, denn gute und zukunftsweisende Politik braucht eine fundierte Beratung durch die Wissenschaft. Deshalb gehört es zu den wesentlichen Aufgaben des Friedrich-Loeffler-Instituts, auch weiterhin verlässliche Politikberatung zu betreiben und auf drängende Fragen fachlich fundierte Antworten zu liefern. Seit den Anfängen dieses Instituts haben sich die Anforderungen an die veterinärmedizinische Infektionsmedizin erheblich ausgeweitet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die Nachweise von Tierseuchenerregern nicht nur einschneidende Auswirkungen auf die unmittelbar betroffenen Tiere und Betriebe, sondern auch auf die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Heute sind Tierseuchen vor allem im Bezug auf den Handel von existenzieller Bedeutung. Der weltweite Handel mit Tieren und Lebensmitteln, die Veränderungen der klimatischen Bedingungen und nicht zuletzt die Wandlungsfähigkeit der Tierseuchenerreger, von denen einige auch die menschliche Gesundheit schädigen, stellen die Verantwortlichen in Forschung und Politik ständig vor neue und immer vielschichtigere Herausforderungen. Dem Anspruch an exzellente wissenschaftliche Expertise wird das Friedrich-Loeffler-Institut aber nicht nur national – so z. B. als nationales Referenzzentrum für über 50 Tierseuchen, einschließlich der Zoonosen –, sondern auch über die Grenzen Deutschlands hinaus gerecht. Eine Reihe internationaler Aufgaben, wie Tätigkeiten für die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) belegen eindrucksvoll die internationale Orientierung des Bundesforschungsinstituts.

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Grußwort

Für die weitere Entwicklung des Friedrich-Loeffler-Instituts gilt: »Wer baut, hat Vertrauen in die Zukunft.« Deshalb freue ich mich, dass die nunmehr 100-jährige Tradition des Forschungsinstituts durch den Ausbau zu einer der modernsten Forschungsstätten für Tiergesundheit fortgeführt wird und die Geschichte dieses weltweit ältesten Virusforschungsinstituts erfolgreich fortgeschrieben werden kann. Ilse Aigner Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

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Annette Hinz-Wessels

Friedrich Loeffler und die Kommission zur Erforschung der Maul- und Klauenseuche in Berlin und Greifswald

Die Geschichte des heutigen Friedrich-Loeffler-Instituts, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit auf der Insel Riems bei Greifswald, das am 10. Oktober 1910 seine Arbeit aufnahm und zwei Monate später die Bezeichnung »Forschungsanstalt Insel Riems« erhielt,1 ist insbesondere in seinen Anfangsjahren eng mit der wissenschaftlichen Erforschung der Maul- und Klauenseuche (MKS) verbunden. Die MKS ist eine meist akut und fieberhaft verlaufende, hoch ansteckende Erkrankung der Klauentiere. Typische Krankheitsmerkmale sind Blasen (Aphthen) und Erosionen insbesondere an den Schleimhäuten und unbehaarten Hautstellen. Die Krankheit endet nur selten tödlich, jedoch können bei bösartigen Verlaufsformen zwei Drittel der infizierten Jungtiere sterben. Im 19. und 20. Jahrhundert war die MKS die wirtschaftlich bedeutendste Tierseuche weltweit. Nachdem es bereits für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Hinweise auf ein Auftreten der Seuche gegeben hatte, kam es in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts infolge der Intensivierung der landwirtschaftlichen Tierhaltung und der rasanten Zunahme von (Vieh-)Handel und Verkehr zu einem erheblichen Anstieg der Krankheitsfälle. Verheerende Seuchenzüge wurden in Europa in den Jahren 1845, 1855, 1862, 1871, 1882 und 1892 registriert.2 Im Deutschen Reich war man trotz der im Viehseuchengesetz vom 23. Juni 1880 festgelegten Bekämpfungsmaßregeln, die sich im Wesentlichen auf Anzeigepflicht, Sperrmaßnahmen und Vieheinfuhrverbote erstreckten, der MKS seit ihrem erneuten Ausbruch im Sommer 1887 nicht mehr Herr geworden. Hier war es insbesondere 1892 und 1896 trotz Verschärfung der sanitätspolizeilichen Bekämpfungsmaßregeln3 zu einer erheblichen Ausbreitung der Seuche gekommen. Im Jahr 1892 registrierte man reichsweit 105.929 betroffene Gehöfte und 4.153.519 erkrankte Tiere (davon 1.504.299 Rinder) und vier Jahre später 68.874 verseuchte Gehöfte und 1.548.437 erkrankte Tiere (davon 710.481 Rinder).4 Die Etablierung der Bakteriologie als eine neue Leitwissenschaft der Medizin, die spektakulären Erregernachweise und die Entwicklung wirksamer Impfstoffe und Therapien durch Robert Koch, Louis Pasteur und ihre Schüler warfen auch die Frage nach einer wissenschaftlichen Erforschung der Ursache bzw. des Erregers der MKS auf. Insbesondere die Landwirtschaft und ihre politischen Vertreter drängten aufgrund der hohen wirtschaftlichen Verluste, die die Bauern durch die Seuche erlitten, auf

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Anschauungstafel MKS, 1910

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Kaiserliches Gesundheitsamt in der Berliner Luisenstraße

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Annette Hinz-Wessels

eine schnelle und effektive Suche nach dem »Ansteckungsstoff« und einem geeigneten Mittel zu dessen Bekämpfung. Die beim Preußischen Landwirtschaftsministerium angesiedelte Technische Deputation für das Veterinärwesen befasste sich bereits seit den 1870er Jahren mit der MKS-Bekämpfung. Im August 1893 schrieb sie im Auftrag des Preußischen Landwirtschaftsministeriums einen Preis in Höhe von 3.000 Mark für die Entdeckung des bisher unbekannten Stoffs aus, »durch welchen die Ansteckung bei der Maul- und Klauenseuche vermittelt wird«5. Die Bewerber sollten »nicht nur den gesuchten Stoff unter Anwendung der für derartige Untersuchungen gebräuchlichen, eventuell neuer Methoden […] ermitteln und ihn möglicherweise […] isoliren, sondern auch die Wirksamkeit desselben« durch Tierversuche nachweisen. Die Ausschreibung erwies sich als Fehlschlag: Insgesamt wurden zehn Beiträge eingereicht, von denen lediglich zwei nach Ansicht der Juroren überhaupt einen wissenschaftlichen Wert besaßen. Aber selbst diesen beiden Arbeiten wollte man den Preis nicht zuerkennen, da sie den von ihnen beschriebenen Mikroorganismus nicht ausreichend als ursächlichen Erreger der MKS nachgewiesen hatten.6 Das Landwirtschaftsministerium billigte diese Entscheidung und regte angesichts des drängenden Problems zugleich eine erneute Auslobung – diesmal mit einer Frist von 15 Monaten – an.7 Doch auch bei dem zweiten Preisausschreiben kam die Technische Deputation nach Durchsicht der sieben Bewerbungsschriften zu dem Schluss, keinem der Teilnehmer den Preis zuzuerkennen.8 Parallel zu den staatlichen Bemühungen nahmen sich Vertreter der agrarischen Interessen im Reichstag politisch der Angelegenheit an. Am 23. März 1896 wurde bei der Beratung des Etats des Reichsamts des Innern für das Jahr 1896/97 mit großer Mehrheit ein Antrag der Deutschkonservativen Partei (Abgeordneter von Podbielski und Genossen) angenommen, den Reichskanzler zu ersuchen, »für die sofortige Einrichtung von Versuchsanstalten zur gründlichen Erforschung der Maul- und Klauenseuche von Reichswegen und bei den einzelnen Bundesstaaten Sorge tragen zu wollen«9. Am 14. Juli 1896 beschloss der Bundesrat die Überweisung der Resolution an den Reichskanzler mit dem Zusatz, »darauf hinzuwirken, daß durch die Gesundheitsbehörde des Reiches und der Bundesstaaten nicht nur der Krankheitserreger der Maul- und Klauenseuche, sondern auch ein geeignetes Heilverfahren ermittelt werde«10. Auch aufseiten der Preußischen Regierung sah man angesichts der weiten Verbreitung der MKS und der geringen Erfolge der gesetzlich vorgeschriebenen Maßnahmen die Notwendigkeit, auf dem Wege der wissenschaftlichen Erforschung der Seuche bessere Mittel zu ihrer Bekämpfung zu gewinnen. Dabei war man sich auf Ministerebene einig, dass diese Arbeit nicht durch »private Forschung« zu bewerkstelligen war, sondern allein durch wissenschaftliche Einrichtungen – und zwar am besten durch verschiedene, voneinander unabhängige Stellen.11 Entsprechend den geäußerten Forderungen bewilligte der Reichstag in seinen Sitzungen am 21. und 22. Januar 1897 für die wissenschaftliche Erforschung der MKS im Haushaltsjahr 1897/98 eine Summe von 35.000 Mark und der Preußische Landtag in seiner Sitzung am 8. Mai 1897 weitere 20.000 Mark. Diese Beträge wurden auf Reichsebene dem Kaiserlichen Gesundheits-

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Friedrich Loeffler und die Kommission

amt und in Preußen dem von Robert Koch geleiteten Preußischen Institut für Infektionskrankheiten überwiesen. Der Auftrag an das Kaiserliche Gesundheitsamt erging aus naheliegenden Gründen: Seit Beginn der 1880er Jahre waren hier eine Reihe bahnbrechender Entdeckungen von tierpathogenen Erregern gemacht und 1892 bereits umfangreiche Untersuchungen über die MKS durchgeführt worden.12 Auf preußischer Seite war zunächst beabsichtigt gewesen, die Tierärztlichen Hochschulen in Berlin und Hannover mit den Forschungen zu betrauen.13 Das Kaiserliche Gesundheitsamt hatte jedoch dem vorgesetzten Ministerium zu bedenken gegeben, dass die geplanten Untersuchungen großenteils auf bakteriologischem Gebiet lägen und diesbezüglich umfangreiche Kenntnisse und Erfahrungen voraussetzen würden, und daher empfohlen, das Preußische Institut für Infektionskrankheiten zur Mitarbeit heranzuziehen. Diese Empfehlung deckte sich ganz offensichtlich mit den Vorstellungen des zuständigen Referenten im Preußischen Kultusministerium und »heimlichen Kultusministers«, Friedrich Althoff (1839 –1908), der den Direktor des Preußischen Instituts für Infektionskrankheiten bereits mündlich mit der Erarbeitung eines Kostenplans für die Einrichtung einer MKS-Forschungsstation beauftragt hatte. Am 24. August 1896 übersandte Koch eine entsprechende Aufstellung mit einem Umfang von insgesamt 23.000 Mark, die sogar die Miete für zwei Stadtbahnbögen und deren Einrichtung zum Stall sowie die Anschaffung von Versuchstieren einschloss.14 Auch im Preußischen Landwirtschaftsministerium hielt man es für erforderlich, die Forschungen durch bakteriologisch geschulte Wissenschaftler durchführen zu lassen. Aus diesem Grund kündigte der Preußische Landwirtschaftsminister im Januar 1897 vor dem Reichstag an, man habe in Preußen die Einrichtung eines Instituts für Seuchenerforschung und Tierhygiene – nämlich in Verbindung mit der Tierärztlichen Hochschule in Berlin – in Aussicht genommen. Zugleich betonte er jedoch, dass zunächst das Preußische Institut für Infektionskrankheiten die geplanten MKS-Forschungen durchführen werde.15 Damit erkannte das Landwirtschaftsministerium unumwunden an, dass der notwendige wissenschaftliche Sachverstand zur Klärung der anstehenden Fragen nicht im eigenen Ressort, sondern ausschließlich im konkurrierenden Kultusministerium vorhanden war. Die Zuständigkeit für die MKS-Forschung ging damit vom Landwirtschaftsministerium und seiner Technischen Deputation auf das Kultusministerium über. Dabei blieb es auch in den nächsten Jahren, da die angekündigte Errichtung eines Instituts für Seuchenerforschung und Tierhygiene nicht zustande kam. Die hier auf ministerieller Ebene offensichtlich gewordene Konkurrenz sollte sich später auch auf wissenschaftlicher Ebene wiederholen. Bereits mehrere Monate vor der Zustimmung des Preußischen Landtags war Robert Koch am 31. August 1896 vom Preußischen Kultusminister mit der Aufnahme von ätiologischen, prophylaktischen und therapeutischen Untersuchungen über die MKS beauftragt worden.16 Institutsintern gab Koch den Auftrag an den Vorsteher der wissenschaftlichen Abteilung, Richard Pfeiffer (1858–1945), und an den dortigen Assistenten, Paul Frosch (1860 –1928), weiter.17 Koch selbst übernahm weder die Oberaufsicht noch die Leitung der

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Friedrich Loeffler und Robert Koch

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Paul Frosch, 1891

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Annette Hinz-Wessels

vorgesehenen Versuche, vielmehr verließ er Berlin am 11. November 1896, um in den folgenden Monaten auf Einladung der englischen Regierung Forschungen über Rinderpest in Südafrika durchzuführen.18 Erst am 20. Mai 1898 – lange nach den entscheidenden Entdeckungen der eingesetzten MKSKommission – kehrte er nach Berlin zurück. Richard Pfeiffer konnte ebenfalls nur kurz an dem vorgesehenen Forschungsprogramm teilnehmen. Nachdem Vertreter des Reichsamts des Innern sowie des Preußischen Kultusministeriums am 15. Februar 1897 beschlossen hatten, kurzfristig eine Kommission zur Erforschung der Pest nach Indien zu schicken, verließen Pfeiffer und die weiteren vier vorgesehenen Expeditionsteilnehmer bereits in den folgenden Tagen ihre Arbeitsstätte, um sich am 21. Februar 1897 mitsamt der wissenschaftlichen Ausstattung im italienischen Brindisi auf einem englischen Postdampfer Richtung Bombay einzuschiffen.19 Der plötzliche Ausfall des vorgesehenen Projektleiters bildete offensichtlich den Anlass, kurzfristig den Professor für Hygiene an der Universität Greifswald, Friedrich Loeffler (1852–1915), um Mitarbeit in der Kommission zur Erforschung der MKS zu bitten. Dies lässt sich aus einem Telegramm schließen, das Loeffler am 22. Februar 1897 an Althoff schickte. Darin heißt es: »[…] bin prinzipiell gern bereit erbitte nähere Informationen würde gern zur Besprechung nach Berlin kommen.«20 Ob die Anfrage an Loeffler auf Vorschlag des Koch’schen Instituts oder aufgrund eigener Überlegungen Althoffs erging, muss offen bleiben. In der am 1. März 1897 geschlossenen Vereinbarung heißt es jedenfalls ausdrücklich: »Die Bearbeitung dieser Aufgabe übernehmen vom Institut für Infektionskrankheiten der Assistent bei demselben Dr. Frosch und der ad hoc berufene Geheime Medizinalrath Prof. Dr. Loeffler [Hervorhebung A. H.-W.] aus Greifswald. Letzterer wird mit der geschäftsordnungsmäßigen Leitung der Kommission betraut.«21 Die Berufung Loefflers als Ersatz für den ausgefallenen Pfeiffer war aus fachlicher Sicht naheliegend.22 Loeffler war 1879 fast zeitgleich mit Georg Gaffky (1850–1918) als Sanitätsarzt an das Kaiserliche Gesundheitsamt in Berlin kommandiert worden und gehörte damit zu den ältesten Schülern Robert Kochs. 1881 entdeckte er den Erreger der Rotzkrankheit und 1883 den Erreger des Rotlaufs und der sogenannten Schweineseuche (Pasteurellose).23 Im darauffolgenden Jahr 1884 beschrieb Loeffler erstmals das Diphtheriebakterium. Nachdem er 1884 als Stabsarzt zum Friedrich-Wilhelm-Institut versetzt worden war, erhielt er 1888 einen Ruf auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Hygiene an der Universität Greifswald. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Reputation als Bakteriologe und seiner erfolgreichen Forschungen über tierpathogene Erreger war Loeffler für die gestellten Aufgaben zweifellos geeignet. Zum außerordentlichen Beirat für veterinärtechnische Fragen wurde der Professor für pathologische Anatomie an der Tierärztlichen Hochschule in Berlin, Wilhelm Schütz (1839 –1920), bestimmt. Schütz war seit 1876 außerordentliches Mitglied des Kaiserlichen Gesundheitsamts und hatte sich schon früh der bakteriologischen Schule Kochs angeschlossen. In den 1880er Jahren hatte er am Kaiserlichen Gesundheitsamt gemeinsam mit Loeffler über die Rotzkrankheit geforscht und deren Erreger entdeckt.24 Darüber hinaus besaß

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Friedrich Loeffler und die Kommission

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S-Bahn-Bögen an der Berliner Charité; vorne links Stadtbahnbogen Nr. 262, 2010

Schütz konkrete Erfahrung in der MKS-Forschung dank seiner im Sommer 1893 in der Provinz Brandenburg mit Genehmigung des Landwirtschaftsministeriums an mehreren Rindern durchgeführten Impfversuche.25 Zum Zeitpunkt seiner Berufung als außerordentlicher Beirat für veterinärtechnische Fragen versah er neben seinem Ordinariat als Veterinärpathologe zudem die Stelle eines Rektors der Tierärztlichen Hochschule in Berlin.26 In den aufsehenerregenden Publikationen der MKS-Kommission wurde Schütz allerdings nicht als Co-Autor genannt, was Otto Waldmann, den späteren langjährigen Leiter der Riemser Forschungsanstalt, rückblickend zu der Feststellung veranlasste: »Schütz ist in dieser Kommission kaum in Erscheinung getreten. (Die Akten aus dieser Zeit bis 1907 lehren, wie das Preußische Kultusministerium ängstlich darüber wachte, daß die MKS.-Forschung in humanmedizinischen Händen blieb).«27 In der Tat lassen sich sein Einfluss und seine wissenschaftlichen Leistungen innerhalb der Kommission durch die überlieferten Quellen kaum bestimmen. Schon kurz nach Beginn der Arbeiten stellten Frosch und Loeffler fest, dass die vorhandenen Institutsställe für die vorgesehenen Experimente nicht ausreichen würden, woraufhin der Minister die Anmietung von 1 ½ Stadtbahnbögen (Nr. 262 und 280) für die Einrichtung von Stallungen für MKSUntersuchungen genehmigte.28 Am 17. April 1897 erstattete die Kommission einen ersten Bericht an den Kultusminister, den sie am 24. Mai 1897 auch dem Kaiserlichen Gesundheitsamt zur Verfügung stellte.29 Zunächst hatten Loeffler und Frosch vorrangig Forschungen über die Ätiologie der Seuche durchgeführt und durch verschiedene Experimente nachgewiesen, dass die von anderen Wissenschaftlern zuvor mitgeteilten Bakterienfunde nicht als Erreger der MKS in Betracht kamen. Parallel hatten sie Untersuchungen aufgenommen, die die Frage einer experimentellen Übertragung der Krankheit auf verschiedene Tierarten, den Modus der Infektion, das Infektionsmaterial, die Dauer der Virulenz, die Entstehung der Immunität nach überstandener

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Friedrich Loeffler als Sanitätsoffizier

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Wilhelm Schütz, um 1900

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Krankheit sowie die Aussichten auf eine erfolgreiche Schutzimpfung betrafen, und hierzu erste Ergebnisse vorgelegt.30 Schon früh war man sich im Kultusministerium bewusst, dass diese Resultate einen erheblichen Fortschritt in der MKS-Forschung darstellten. Bereits im Juni 1897 erhielt die Kommission die ministerielle Empfehlung, die »bisherigen Ergebnisse ihrer Untersuchungen unverzüglich in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen«31. Hinter dieser Aufforderung stand zweifellos der Wunsch des vorgesetzten Ministeriums nach größtmöglicher Publizität der Fortschritte angesichts der Popularität der Bakteriologie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und des nationalen und internationalen Konkurrenzkampfs um die spektakulärsten Erreger-Entdeckungen. Bereits der erste, von Loeffler und Frosch gemeinsam verfasste »Summarische Bericht über die Ergebnisse der Untersuchungen der Commission zur Erforschung der Maul- und Klauenseuche«, der im September 1897 praktisch zeitgleich in drei wissenschaftlichen Zeitschriften (Deutsche Medizinische Wochenschrift, Centralblatt für Bakteriologie und Berliner Tierärztliche Wochenschrift) veröffentlicht wurde, erzielte eine ernorme Wirkung.32 Die Autoren stellten darin fest, dass aufgrund umfangreicher Tierversuche alle bisher beschriebenen Bakterien als Krankheitserreger auszuschließen seien. Rinder und Schweine hatten sich bei ihren Experimenten als besonders empfänglich gezeigt, während bei verschiedenen anderen Tieren, wie Schafen, Hunden, Kaninchen, Meerschweinchen oder Mäusen, keine künstliche Infektion gelungen war. Aufgrund ihrer Versuche sahen sie es »entgegen den herrschenden Ansichten tierärztlicher Autoritäten« als erwiesen an, dass »die Krankheit bei der überwiegenden Mehrzahl der durchseuchten Tiere 2 bis 3 Wochen nach der Erkrankung Immunität« hervorrufe. Schließlich erklärten sie, dass im Blut der immun gewordenen Tiere Stoffe vorhanden seien, welche – mit frischer Lymphe gemischt – diese bei Injektion des Gemisches in den Körper empfänglicher Tiere unwirksam machten. Die künstliche Immunisierung von Rindern und Schweinen gelinge »durch Injection von Lymphe, welche bis zur Aufhebung ihrer Infektionstüchtigkeit erwärmt worden ist, sowie auch durch Injection von Lymph-Immunblutgemischen«. Insbesondere in den Reihen der Veterinärmediziner, für die die MKS-Bekämpfung seit Jahren eine besondere Herausforderung darstellte, fand der Bericht große Beachtung. Ein Redakteur der einflussreichen Berliner Tierärztlichen Wochenschrift (BTW) kommentierte den zuvor referierten Summarischen Bericht mit den Worten: »Wenn die Serum-Immunisirung gegen Maul- und Klauenseuche sich als eine practisch anwendbare Thatsache erweist, so haben damit die Entdecker Loeffler und Frosch […] einen der grössten Erfolge errungen, dessen sich die Bacteriologie bisher überhaupt rühmen kann, und haben der Landwirthschaft einen unschätzbaren Dienst geleistet. Dass bei dieser zur Zeit wichtigsten Thierkrankheit der Sieges-Preis einem Mediziner überlassen bleiben muss, ist freilich, das braucht man sich nicht zu verhehlen, zugleich eine Art von Niederlage für die Vertretung der Veterinärwissen-

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Friedrich Loeffler und die Kommission

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schaft, welche in Deutschland unter der bisherigen Führung auf bacteriologischem Gebiet überhaupt noch nicht viel selbständige Erfolge zu erringen vermocht hat.«33 Dieses Zugeständnis traf postwendend auf heftigen veterinärärztlichen Widerspruch. Unter der Überschrift »Der Siegespreis doch einem Thierarzt!« meldete sich nur eine Woche nach Erscheinen des kommentierten Kommissionsberichts der praktische Tierarzt Carl Hecker (1868–1910)34 an gleicher Stelle zu Wort, um die Priorität eines von ihm entwickelten Immunisierungsverfahrens zu reklamieren. »Schon im November vorigen Jahres, ferner im März d. J.« habe er, so Hecker, »bei Seuchenausbrüchen auf hiesigen Gütern Schutzserum aus dem Blute immunisirter Rinder« hergestellt, dieses erfolgreich getestet und der Landwirtschaftskammer für die Provinz Sachsen entsprechende Vorschläge zur Immunisierung unterbreitet. Hecker konnte zudem nachweisen, bereits im April 1897 beim Kaiserlichen Patentamt Nachforschungen angestellt zu haben, ob ein Impfverfahren gegen die MKS patentrechtlich geschützt sei.35 Da dies offensichtlich nicht der Fall war, stellte er selbst einen entsprechenden Antrag.36 Sein »Verfahren zur Herstellung eines Schutz- und Heilmittels gegen Maul- und Klauenseuche« galt nach dem üblichen Genehmigungsverfahren mit dem Datum vom 14. Januar 1898 als patentgeschützt.37 Schließlich wehrte sich Hecker entschieden gegen die Behauptung Loefflers, das Entstehen einer Immunität nach überstandener Erkrankung würde in der Veterinärmedizin weitgehend abgelehnt:

Erster Bericht der MKS-Kommission, 1897

»Die herrschenden Ansichten der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Thierärzte und thierärztlichen Autoritäten gehen wohl nach dem heutigen Stande der Erfahrungen über die Maul- und Klauenseuche dahin, dass das Ueberstehen der Seuche Immunität hervorruft. Nur wird die Dauer dieser Immunität von vielen Fachgelehrten begrenzt dahin, dass sie nur eine gewisse Zeit, ½ Jahr bis 2 Jahre, als Immunitätsgrenze betrachten. Ein definitives Urtheil, durch wissenschaftliche experimentelle Untersuchungen begründet, kann wohl noch nicht erbracht werden.«38 In der BTW wurde Heckers ausführliche Darlegung seiner eigenen Ergebnisse zwar begeistert gewürdigt, ihre verzögerte Veröffentlichung jedoch nachdrücklich kritisiert: »Jetzt können zwar wir Thierärzte uns freuen, dass ein Thierarzt nicht nur erfolgreich betheiligt ist, sondern sogar in der Praxis dem medicinischen Laboratoriumsversuch vorausgeeilt. Aber die Meinung des grossen Publicums wird doch unter dem nachhaltigen Eindruck der ersten Publication stehen bleiben.«39 In der Folgezeit thematisierte die BTW mehrfach den »Wettstreit um die Auffindung eines practisch-brauchbaren Verfahrens der Immunisirung von Rindern gegen Maul- und Klauenseuche« zwischen Loeffler und Hecker sowie

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die aus Sicht der BTW nicht ausreichende Würdigung der bisherigen veterinärmedizinischen Arbeiten durch die preußische MKS-Kommission und die Gefahr, die der Veterinärmedizin durch die wissenschaftlichen Ergebnisse drohte:

Patentschrift für Carl Hecker, 1898

»Die Thatsache, dass in einer die ganze Landwirthschaft bewegenden Frage das Kaiserliche Gesundheitsamt für eine medicinische Commission und das Preussische Cultus-Ministerium desgl. reichliche Mittel und Institutionen erlangten, während die thierärztlichen Institute und Sachverständigen unverkennbar beiseite treten mussten, hat in thierärztlichen Kreisen […] einen niederschlagenden Eindruck gemacht. […] Und das Urtheil unserer Behörden über thierärztliche Fähigkeiten, an dem uns doch am meisten liegen muss, könnte davon ebenfalls höchst nachtheilig beeinflusst werden. Und so könnte sich allmählich eine allgemeine Anschauung herausbilden dahin, dass es durchaus vortheilhaft sei, die wissenschaftliche Leitung der Veterinärmedicin wieder in ärztliche Hände zu legen, wie es früher war und wozu bei der Maul- und Klauenseuchenfrage von neuem ein Anfang gemacht worden ist. Was seit 1872 von Thierärzten geleistet worden ist, kann ja leicht in Vergessenheit gerathen.«40 Mit ihrer Einschätzung hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung der Berichte von Loeffler und Frosch sollte die BTW Recht behalten. Bis heute gelten die Arbeiten der Preußischen Kommission als ein Markstein in der Geschichte der Mikrobiologie. Allerdings weniger aufgrund der gelungenen Immunisierung gegen MKS, sondern dank der Entdeckung der »Filtrierbarkeit« ihres Erregers. Über diese Eigenschaft referierten Loeffler und Frosch erst in ihrem dritten, am 8. Januar 1898 verfassten und am 10. Februar 1898 in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (DMW) veröffentlichten Bericht.41 Im Anschluss an die ausführliche Darstellung der praktischen Ergebnisse trugen sie Resultate vor, die nach ihrer richtigen Einschätzung »von nicht geringem wissenschaftlichen Interesse und, soweit sich jetzt schon urtheilen lässt, für die weitere Erforschung nicht nur der Maul- und Klauenseuche, sondern auch zahlreicher anderer Infectionskrankheiten der Menschen und Thiere von weittragender Bedeutung werden können«. Loeffler und Frosch hatten zunächst bakterienfreie Filtrate von Lymphe hergestellt und anschließend beobachtet, dass die mit den Filtraten behandelten Tiere zur selben Zeit erkrankten wie die Kontrolltiere, welche entsprechende Mengen derselben nicht filtrierten Lymphe erhalten hatten, und zwar mit allen typischen Erscheinungen der MKS – hohem Fieber und Blasen im Maul und an den Klauen. Für diese Beobachtungen gab es ihrer Auffassung nach zwei mögliche Erklärungen: »Entweder enthielt die bacterienfrei filtrierte Lymphe ein gelöstes, ausserordentlich wirksames Gift, oder aber die bisher noch nicht auffindbaren Erreger der Seuche waren so klein, dass sie die Poren eines Filters, welches die kleinsten bekannten Bacterien sicher zurückhielt, zu passiren imstande waren.« Ausgehend von dem Giftwert des Tetanusgifts kamen sie aufgrund von vergleichenden Berechnungen zu dem Schluss, »dass es sich bei den Wirkungen der Fil-

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trate nicht um die Wirkungen eines gelösten Stoffes handelt, sondern um die Wirkung vermehrungsfähiger Erreger«. Loeffler und Frosch stellten die These auf, dass diese kleiner sein müssten als die kleinsten bisher bekannten Bakterien, nämlich »die von Pfeiffer aufgefunden Bacillen der Influenza«. Dies würde auch das bisher vergebliche Bemühen erklären, »die Erreger in der Lymphe mit dem Mikroskop zu entdecken«, dessen Leistungsfähigkeit »auch bei den besten modernen Immersionssystemen« bei einer solch geringen Größe nicht ausreiche. Angesichts ihrer Beobachtungen lag für beide Wissenschaftler »der Gedanke nahe, dass auch die Erreger zahlreicher anderer Infectionskrankheiten der Menschen und Thiere, so der Pocken, der Kuhpocken, des Scharlachs, der Masern, des Flecktyphus, der Rinderpest u. s. f., welche bisher vergeblich gesucht worden sind, zur Gruppe dieser allerkleinsten Organismen gehören«. In einem vierten Bericht an den Kultusminister konkretisierte Loeffler die bisher gemachten Aussagen über die Erregerbeschaffenheit: »Für die Annahme, dass es sich bei dem Virus um ein corpusculäres und nicht etwa um ein gelöstes Agens handelt, spricht die mehrfach gemachte Beobachtung, dass verdünnte Lymphe, welche wiederholt durch sehr dichte Kitasatofilter hindurchgesaugt war, nicht mehr imstande war, empfängliche Tiere zu inficiren, selbst wenn die einem Quantum von 4/50 ccm reiner Lymphe entsprechende Menge des Filtrates zur Injection gelangte. In den besonders engen Poren des Kitasatofilters ist demnach das krankmachende Agens zurückgehalten worden.«42

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Anschauungstafel Größenordnung von Bakterien und Virus, 1939

Diese Forschungsergebnisse der MKS-Kommission im Jahr 1898, über die Loeff ler auch auf dem 9. Internationalen Kongress für Hygiene und Demographie im April 1898 in Madrid berichtete,43 markieren – neben der Identifizierung des pflanzenpathogenen Tabakmosaikvirus als einem nicht sichtbaren, belebten und filtrierbaren Agens durch Dmitri Iwanowski (1864–1920) sowie Martinus Beijerinck (1851–1931) in den Jahren 1892 bzw. 1898 – die Anfänge der modernen Virusforschung.44 Tatsächlich kam Loeffler mit seinem von Beijerinck abgelehnten Konzept einer »corpusculären« Natur des MKS-Erregers der modernen Virus-Definition näher als alle seine Zeitgenossen.45 Die Entdeckungen der Preußischen Kommission berührten nicht nur die im Falle der MKS-Forschung offen ausgetragene Rivalität zwischen Humanund Veterinärmedizinern, sondern auch die Konkurrenz zwischen preußischen Institutionen und Einrichtungen des Deutschen Reichs. Das Kaiserliche Gesundheitsamt verstand sich aufgrund seiner reichsweiten Zuständigkeit als überregionaler Koordinator sämtlicher MKS-Untersuchungen. Folglich ignorierte man jede Eigenständigkeit der Versuche der Preußischen Kommission; vielmehr betrachtete man sie als Teil eines unter dem Dach des Kaiserlichen Gesundheitsamts laufenden und vom Reichsamt des Innern gebilligten Arbeitsplans zur MKS-Erforschung. Die Stellung des Kaiserlichen Gesundheitsamts als Koordinierungs- und Kontrollinstitution wurde durch dessen beantragte Bildung einer Spezial-Kommission zur Mitwirkung bei der wissenschaftlichen Erforschung der MKS noch unterstrichen. Diese Kommission, der

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Friedrich Loeffler auf dem 9. Internationalen Kongress für Hygiene und Demographie vom 10. bis 17. April 1898, Sektion 1: Mikrobiologie in ihrer Anwendung auf die Hygiene Die Sitzung, zu deren Präsident Herr Loeffler erwählt war, begann pünktlich um 9 ¼ Uhr unter überaus zahlreicher Betheiligung. Um zu verhüten, dass etwa durch ausgedehnte Debatten die Erledigung der sechs auf die Tagesordnung gesetzten Vorträge in Frage gestellt wurde, machte der Vorsitzende den Vorschlag, dass die Discussion erst nach Beendigung der sechs Vorträge stattfinden möchte, ein Vorschlag, welcher dann auch einstimmig angenommen wurde. Den ersten Vortrag über die Ergebnisse der Forschungen der Maul- und Klauenseuche hielt Herr Loeffler. Während desselben übertrug er das Präsidium Herrn Nocard. Herr Loeffler berichtete, dass der präsumptive Erreger der Maul- und Klauenseuche ein mit den jetzigen Hülfsmitteln nachweisbarer Mikroorganismus nicht sein könne, weil nach den von ihm gemeinsam mit Prof. Frosch angestellten Untersuchungen mit wirksamer Blasenlymphe die Krankheit erzeugt werden konnte, nachdem diese Lymphe durch engporige, auch die kleinsten Bacterien sicher zurückhaltende Berkefeldfilter filtrirt sei. Dass es sich hierbei nicht etwa um die Wirkung eines in der Blasenlymphe enthaltenen gelösten Giftes handeln könne, gehe daraus hervor, dass es gelungen sei mit je 1/50 ccm solcher filtrirten Lymphe die Krankheit durch sechs Thiere hinter einander von Thier zu Thier zu übertragen, wiewohl die von jedem Thiere gewonnene Lymphe jedes Mal wieder von Neuem filtrirt sei. Nehme man an, dass jedes Thier etwa 3 ccm Lymphe in den bei ihm enstandenen Blasen producirt habe und dass jedes Thier die gesammte zu seiner Infection benutzte Lymphemenge in diesen 3 ccm wieder ausgeschieden habe, so müsse das sechste Thier mit weniger als ein Zweibillionstel der ursprünglichen, zur Infection des ersten Thieres benutzten Lymphemenge krank gemacht sein. Da nun nach früheren Versuchen 1/50.000 ccm frische Lymphe nicht

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mehr wirksam sei, so müsse eine Reproduction des Virus in dem Körper der Thiere stattgefunden haben. Der Erreger müsse daher sehr viel kleiner sein als die kleinsten bisher bekannten Bacterien. Habe er aber nur 1/5 der Grösse der kleinsten hier bekannten Bacillen, der Influenzabacillen, so könne er nach den Untersuchungen von Helmholtz und von Abbe über die Leistungsfähigkeit unserer optischen Systeme überhaupt nicht mehr erkannt werden. Es läge dann noch die Möglichkeit vor, den als Einzelindividuum nicht mehr erkennbaren Erreger mit Hülfe der Culturmethode zum Nachweis zu bringen. Alle Culturversuche hätten jedoch bisher zu einem positiven Ergebnis nicht geführt. Der Körper eines empfänglichen Thieres sei bisher, wie die eben geschilderten Versuche bewiesen hätten, das einzige Cultursubstrat, in welchem der Erreger zur Vermehrung gebracht werden könne. Von hoher praktischer Bedeutung sei es, dass es gelungen sei, ein wirksames, praktisch verwerthbares Schutzimpfungsverfahren gegen die Krankheit zu ermitteln. Thiere, welche die Krankheit überstanden hätten, seien immun gegen das Krankheitsvirus. Sie vertrügen etwa drei Wochen nach der überstandenen Infection die intravenöse Einspritzung grosser Dosen wirksamer Lymphe. In dem Blute solcher Thiere seien dann Schutzstoffe vorhanden, welche im Stande seien, wirksame ihm zugesetzte Lymphe für gesunde Thiere unschädlich zu machen. Solche gesunden, mit diesem Serumlymphegemisch vorbehandelte Thiere seien gegen die natürliche Infection geschützt. Es werde daher gelingen, mit Hülfe dieser Methode die Krankheit, welche jetzt alljährlich der Landwirthschaft enorme Verluste zufüge und den Volkswohlstand erheblich schädige, in wirksamer Weise zu bekämpfen. Nachtrag: Der Vortrag Loefflers war zusammen mit fünf weiteren Vorträgen zweier deutscher (Dö-

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nitz, Behring) und dreier französischer (Nocard, Borrel, Metschnikoff) Bakteriologen kurzfristig ins Programm aufgenommen worden. Die Reaktionen der ausländischen Kollegen auf Loefflers Ausführungen sind nicht bekannt, da eine Diskussion aus Zeitgründen entfallen musste.

Quelle: Auszug aus dem Tagungsbericht Friedrich Loefflers in der Deutschen Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheitspflege 30 (1898), S. 777–806, hier S. 783 f.

sowohl Bakteriologen (unter anderem auch Loeffler) als auch Tierärzte und Landwirte angehörten, trat am 14. Januar 1898 im Kaiserlichen Gesundheitsamt zusammen, um sich auf der Grundlage der bisherigen Ergebnisse über die Richtung der weiteren wissenschaftlichen Forschungen zu beraten.46 Darüber hinaus referierte der Direktor des Kaiserlichen Gesundheitsamts, Karl Köhler (1847–1912), am 28. Januar 1898 vor dem Reichstag über die bisherigen Ergebnisse der Forschungen.47 Dabei erwähnte er sehr zum Unmut Loefflers, der die Sitzung als interessierter Zuhörer verfolgte, mit keinem Wort die Preußische Kommission und ihren – aus Loefflers Sicht – wesentlichen Anteil an den aktuellen Erkenntnissen. Die Mitglieder des Reichstags und auch die Öffentlichkeit mussten, so Loefflers Befürchtung, durch das Referat Köhlers und eine zeitgleich vom Kaiserlichen Gesundheitsamt herausgegebene Druckschrift den Eindruck gewinnen, das Kaiserliche Gesundheitsamt habe die wichtigen Versuche über die Immunisierung selbst angestellt. Unter dem Hinweis, die Preußische Kommission fühle sich durch Köhlers Unterlassung in hohem Maße zurückgesetzt und in ihren wissenschaftlichen Rechten beeinträchtigt, bat Loeffler um die Genehmigung, den gesamten Sachverhalt »wahrheitsgetreu öffentlich«48 darlegen zu dürfen. Er verzichtete schließlich darauf, nachdem Köhler eine bewusste Unterschlagung der preußischen Verdienste verneint und das Reichsamt des Innern diesen angewiesen hatte, bei den bevorstehenden Verhandlungen des Nachtragsetats eine entsprechende kurze Erklärung abzugeben.49 Nicht zuletzt stießen die Ergebnisse der Preußischen Kommission auf das Interesse der noch jungen pharmazeutisch-chemischen Industrie im Deutschen Reich. Nach einem Bericht Loefflers an den Kultusminister im Juli 1898 hatten die Höchster Farbwerke vormals Meister Lucius und Brüning im Anschluss an die Veröffentlichungen »umfangreiche Einrichtungen […] getroffen, um die Herstellung der Schutzimpfungsmaterialien in der Praxis durchführen zu können. Durch ihro seit 5 Monaten ausgeführten Vorarbeiten sind die Höchster Farbwerke nach den mir zugegangenen Informationen in der Lage, ein den praktischen Anforderungen genügendes Schutzimpfungsmaterial zu liefern.«50 Anfang November 1898 gaben die Höchster Farbwerke bekannt, dass in ihrer bakteriologischen Abteilung ein Schutzstoff hergestellt werde, mit dem man Tiere gegen MKS immunisieren könne.51 Das unter dem Namen Seraphthin (Serum gegen Aphthen52) in den Handel gebrachte Mittel erwies sich jedoch nur wenige Wochen nach der Markteinführung als Fehlschlag. Am 22. Dezember 1898 informierte der Wiesbadener Regierungspräsident das

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Karl Köhler, um 1890

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Friedrich Loeffler an den preußischen Kultusminister vom 19. Februar 1898 Euer Excellenz beehre ich mich in meiner Eigenschaft als Vorsitzender der Kommission zur … Nachstehendes gehorsamst vorzutragen: In der Reichstagssitzung am 28. Januar d. Js. kam bei dem Kapitel »Etat des Gesundheitsamtes« die Frage der Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche zur Verhandlung. Durch einen mir befreundeten Reichstagsabgeordneten erhielt ich Kenntniß von der Tagesordnung, so daß ich der Sitzung beiwohnen konnte. Ich erwartete, daß der Direktor des Gesundheitsamtes die Ergebnisse der Forschungen über die Maul- und Klauenseuche, welche von Seiten des Gesundheitsamtes und der Preußischen Kommission bei dem Institute für Infektionskrankheiten angestellt und in der am 14. Januar d. J. im Gesundheitsamt zusammengetretenen Reichs-Kommission, über deren Verlauf Euer Excellenz ich gehorsamst berichtet habe, mitgetheilt worden sind, berichten würde. In der That machte der Direktor des Gesundheitsamtes … Köhler, in der genannten Sitzung Mittheilung von den bisherigen Ergebnissen der Forschungen – ohne jedoch, wie ich zu meiner großen Ueberraschung konstatiren mußte, der Preußischen Kommission auch nur mit einem Worte Erwähnung zu thun. Es war mir dieses Vorgehen des Herrn Direktor Köhler um so überraschender, als derselbe bei dem Beginn der Verhandlungen der Reichskommission am 14. Januar lebhaft betont hatte, daß jedem Forscher sein volles Autorrecht gewahrt werden sollte. Wenn ich auch ganz sicher war, eine Erwähnung der Preußischen Kommission nicht etwa überhört zu haben, so wollte ich doch zunächst den stenographischen Bericht der Sitzung sowie den Bericht über die Verhandlungen in den Veröffentlichungen des Kaiserlichen Gesundheitsamtes selbst abwarten, bevor ich mich entschloß, gegen das Vorgehen des Herrn Direktors Einspruch zu erheben. In der mir soeben zugegangenen Nr. 7 der Veröffentlichungen des Gesundheitsamtes vom 16. Februar findet sich auf S. 145 ganz in Ueber-

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einstimmung mit dem stenographischen Berichte der Sitzung Seite 687 B folgender Passus: »Die Forschungen, welche mit Zustimmung des hohen Hauses im Gesundheitsamte hinsichtlich der Maulund Klauenseuche angestellt worden sind, sind zusammengestellt in einer Druckschrift, welche in diesen Tagen auch in dem hohen Hause vertheilt werden wird, so daß die Herren in der Lage sind, sich selbst darüber zu informiren. Wenn ja auch nicht alles gefunden ist, was wir gewünscht hätten zu finden, so dürfen wir aber keineswegs unzufrieden sein mit den Ergebnissen der Arbeit. Es ist schon vieles erreicht. Ich will nur hinweisen auf die Thatsache, daß wir jetzt wissen, daß der Keim längere Zeit wirksam sein kann, als man früher annahm, daß er außerordentlich widerstandsfähig ist namentlich niederen Temperaturen gegenüber, sodann auf die Versuche mit der Immunisierung, deren Ergebnisse solche sind, daß sie zur Fortsetzung ermuthigen. Es ist deshalb auch von den verbündeten Regierungen im Etat der Antrag gestellt, daß wiederum eine Summe ausgeworfen werden möchte, um das Reichsgesundheitsamt in die Lage zu versetzen, diese Versuche fortzusetzen. Es besteht die wohlbegründete Aussicht, daß wir nach einem Jahre weiter sein werden als heute. Ob wir das Ziel völlig erreichen werden, kann zur Zeit Niemand versprechen, am guten Willen wird es sicher nicht fehlen.« Die offiziellen Berichte stimmen mithin mit meinen persönlichen Wahrnehmungen durchaus überein. Die Preußische Kommission ist nicht erwähnt. Die Mitglieder des Reichstages sowie jeder Leser der Veröffentlichungen des Kaiserlichen Gesundheitsamtes muß hiernach nothwendig die Ansicht gewinnen, daß das Gesundheitsamt es gewesen ist, welches die wichtigen Versuche über die Immunisirung angestellt hat, »deren Ergebnisse solche sind, daß sie zur Fortsetzung ermuthigen«. Das entspricht aber nicht den thatsächlichen Verhältnissen. Die Preußische Kommission hat

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bereits im September 1897 in der Nummer 39 der Deutschen medizinischen Wochenschrift einen summarischen Bericht über die Ergebnisse ihrer Untersuchungen veröffentlicht, in welchem Sie mittheilt, daß ihr die Immunisierung von Kälbern und Schweinen mittels verschiedener Methoden gelungen sei, und in der Reichs-Kommissionssitzung im Gesundheitsamte vom 14. Januar d. J. habe ich genau die beste Methode der Immunisierung, die Immunisierung mit wirksamer Lymphe und dem Blute gut immunisierter Thiere, dargelegt, und berichtet, daß es der Preußischen Kommission gelungen sei, mit dieser Methode 95 % der Schweine und 75 % der Kälber immun zu machen nicht nur gegen die natürliche Infektion, sondern sogar auch gegen die intravenöse Einführung einer Lymphmenge, von welcher der hundertste Theil zur sicheren Infizirung gesunder Thiere genügt. Wie Euer Excellenz ich gehorsamst berichtet habe, hat der Vertreter des Gesundheitsamtes Herr Oberstabsarzt Weisser in derselben Sitzung mitgetheilt, daß es ihm wohl gelungen sei, die von uns festgestellte Thatsache der Unschädlichmachung virulenter Lymphe durch einen Zusatz von Immunblut zu bestätigen, daß er aber einen Immunisierungsaffekt mit den Lymphe-Immunblutgemischen nicht habe erzielen können. In derselben Sitzung

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konnte ich, nach Einblick in die im Gesundheitsamte angestellten diesbezüglichen Versuche darthun, daß mit größter Wahrscheinlichkeit die von uns behauptete und konstatirte Immunisierungswirkung der Lymphe-Immunblutgemische bei den Versuchen im Gesundheitsamte deshalb nicht erkannt und bestätigt sei, weil bei der Prüfung auf Immunität den Thieren übergroße Lymphemengen eingespritzt worden seien, eine Erklärung, deren Berechtigung sofort von Herrn Weisser anerkannt worden ist. Die zur Fortsetzung der Immunisierungsversuche ermuthigenden Ergebnisse sind daher ausschließlich von der Preußischen Kommission gewonnen. Recht und Billigkeit hätte es nach meinem Dafürhalten erheischt, daß Herr Direktor Köhler vor den Vertretern des Reiches dieses Faktum offen anerkannt hätte. Die Preußische Kommission fühlt sich durch die Unterlassung des Direktors Köhler in hohem Maße zurückgesetzt und in ihrem wissenschaftlichen Rechte beeinträchtigt und richtet deshalb an Euer Excellenz die gehorsamste Bitte, Euer Excellenz wolle der Preußischen Kommission Ihren hohen Schutz angedeihen lassen und wolle genehmigen, daß der ganze Sachverhalt wahrheitsgetreu öffentlich dargelegt werde. Quelle: BAB R 86 Nr. 4895

Preußische Landwirtschaftsministerium, dass mehr als 120 Kühe auf drei verschiedenen Milchhöfen nach der Impfung mit dem in den Höchster Farbwerken hergestellten Seraphthin mit den typischen MKS-Symptomen erkrankt seien.53 Auch aus München wurde ein ähnlicher Erkrankungsfall infolge der Impfung mit Seraphthin gemeldet.54 Obwohl die Höchster Farbwerke bereits selbst auf eine weitere Verbreitung des Mittels verzichtet hatten, verbot der Landwirtschaftsminister ausdrücklich die weitere Ausgabe, bis durch neue Versuche seine Ungefährlichkeit bewiesen sei. Dem Kultusminister übersandte er den Wiesbadener Bericht mit der Bemerkung: »Bei der anerkannten Autorität des Professor Löffler hatte ich keinen Anlaß, die Ausgabe des von den Höchster Farbwerken unter dem Namen ›Seraphthin‹ hergestellten Schutzmittels zu verhindern. Eine besondere Genehmigung zur Anwendung des Mittels war nach Lage der Gesetzgebung nicht erforderlich und ist von mir auch weder erbeten noch ertheilt worden.«55 Die Gründe für die aufgetretenen Erkrankungsfälle blieben zunächst unklar. Auf ministerielle Anfrage erklärte Loeffler, dass nach seinen Ermittlun-

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Hauptkontor der Höchster Farbwerke, 1893

gen dem immunisierenden Blutserum eine zu virulente Lymphe zugesetzt worden sei, deren pathogene Wirkung durch das Serum nicht aufgehoben wurde.56 Um weitere »unliebsame Zwischenfälle« zu vermeiden, hielt es der Kultusminister für erforderlich, dem Institut für Serumforschung und Serumprüfung in Steglitz die Kontrolle des Seraphthins zu übertragen. Zur Vereinbarung der weiteren Modalitäten beraumte er für Anfang März ein Treffen in Berlin an, an dem unter anderem der Direktor des Instituts, Paul Ehrlich (1854–1915), Friedrich Loeffler und ein Direktor der Farbwerke Höchst teilnahmen. Konkrete weitere Schritte erfolgten jedoch nicht, da die Farbwerke Höchst die Produktion des Seraphthins nicht wieder aufnahmen. Trotz dieses Fehlschlags ließ sich Loeffler in seinen Forschungen nicht beirren. Der Regierungskommissar im Preußischen Abgeordnetenhaus berichtete bereits am 31. Januar 1899, dass Loeffler den Fehler gefunden zu haben glaube und jetzt ein Mittel vorbereite, das von den Mängeln des ersten Präparats frei sein solle. Diese Nachricht erschien umso wichtiger, als in der gleichen Sitzung über gute Erfahrungen mit dem Heckerschen Mittel in der Provinz Sachsen berichtet wurde.57 Allerdings sollte sich auch dieser Impfstoff nach einer umfangreichen, vom Preußischen Landwirtschaftsministerium veranlassten Prüfung als unbrauchbar erweisen. Infolge der Auswertung von insgesamt 1.000 auf vier Gütern in den Regierungsbezirken Breslau, Potsdam und Frankfurt/Oder vorgenommenen Impfungen war das Ministerium zu dem Schluss gekommen, die Anwendung des Mittels in seiner jetzigen Form weder zu Schutz- noch zu Notimpfungen empfehlen zu können.58 Nach dem Misserfolg des Seraphthins suchte Loeffler vor allem nach Möglichkeiten, wie die schwankende Virulenz der verwendeten Lymphe sicher bestimmt werden konnte. Auf dem VII. Internationalen Tierärztlichen Kongress im August 1899 in Baden-Baden gab er bekannt, in jungen Ferkeln sichere Reagenztiere gefunden zu haben. Nach seinen Experimenten würden vier bis fünf Wochen alte Ferkel durch die Einspritzung von 1/10 ccm frischer Lymphe

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Carl Hecker

Wilhelm Schütz

Karl Köhler

innerhalb von 26 Stunden bestimmt getötet, während ¼ ccm Serum imstande sei, die tödliche Dosis zu neutralisieren. Zuversichtlich verkündete Loeffler, noch vor dem Ende des Jahrhunderts eine zuverlässige und brauchbare Methode der Schutzimpfung anbieten zu können.59 Allerdings folgten seinen Ankündigungen zunächst keine weiteren Veröffentlichungen, was ihm angesichts seines selbstbewussten Auftretens in Baden-Baden im darauffolgenden Jahr von verschiedenen Seiten vorgehalten wurde.60 In der Reichstagssitzung vom 13. Januar 1900 fragte der Abgeordnete Schrempf nach den Erfolgen der bisher mit hohen Summen unterstützten MKS-Forschungen und fügte hinzu:

Friedrich Loeffler

7. Internationaler Tierärztlicher Kongress in Baden-Baden; unter den Teilnehmern auch Friedrich Loeffler und Carl Hecker, 1899

»Auf dem veterinär-medizinischen Kongreß in Baden-Baden, vom 7.–12. August vorigen Jahres, wurde von einem Herrn Professor Löffler aus Greifswald in ganz bestimmter Weise behauptet, die Wissenschaft habe nun ein Mittel gefunden, um ›noch vor Beendigung des Jahrhunderts‹ dieser Seuche so weit Herr zu werden, wie das überhaupt möglich sei, d. h. in der Bekämpfung der Seuche wenigstens nachweisliche Erfolge zu erringen. Ich weiß nun nicht, ob der Herr Professor den Beginn des Jahrhunderts auf den 1. Januar dieses Jahres oder erst auf den 1. Januar des nächsten Jahres setzt (Heiterkeit); aber mir wäre es, wie gesagt, von größtem Interesse, zu erfahren, und gewiß allen betheiligten Kreisen: haben die seit 3 Jahren […] angestellten Forschungen bezüglich der Maul- und Klauenseuche zu irgend einem Resultat geführt oder nicht?«61 Tatsächlich hatte Loeffler seine vielversprechenden Versuchsergebnisse mit Ferkeln zum Anlass genommen, sich in der Folgezeit auf die praktische Durchführung einer Schutzimpfung bei Schweinen und Schafen zu konzentrieren. Die Ergebnisse der von ihm und seinem Mitarbeiter Paul Uhlenhuth (1870 –1957) durchgeführten Versuche veröffentlichte er schließlich Ende 1900/Anfang 1901 sowohl in der BTW als auch in der DMW.62 Darin hieß es:

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»Wenn man die für ein Ferkel tödtliche Dosis Lymphe mit steigenden Mengen des Serums vermischt und diese Gemische einer Reihe von Ferkeln einspritzt, so sieht man, daß von einer gewissen Dosis Serum an das Serumlymphegemisch nicht nur nicht mehr tödtet, sondern nicht einmal mehr krank macht. Spritzt man einer Reihe von Ferkeln steigende Mengen des Serums ein und bringt dann diese Ferkel in einen Stall, in welchem sich andauernd frisch kranke Thiere befinden, d. h. setzt man dieselben einer intensiven natürlichen Infection aus, so erkranken die Ferkel von einer bestimmten Dosis Serum an nicht.« Dieser Serumschutz hielt nach Loefflers Beobachtungen je nach Menge des eingespritzten Serums zwischen drei bis acht Wochen an. Loeffler nutzte diese Erkenntnisse, um hieraus eine Schutzimpfung für Schweine und Schafe zu entwickeln. Diese waren wesentlich kleiner und weniger empfänglich für Maul- und Klauenseuche als Rinder. Für die Gewinnung des Serums verwendete er Großtiere wie Rinder oder Pferde, die er mit steigenden Mengen von Lymphe, bis zu 100 ccm, vorbehandelt hatte. Für eine Schutzimpfung von Rindern eignete sich diese Methode wegen der für sie benötigten großen Serummengen und der hierdurch entstehenden Kosten allerdings nicht. Trotz des Misserfolgs bei der Einführung des Seraphthins erklärten sich die Farbwerke Höchst nach eingehenden Versuchen bereit, die Herstellung dieses neuen Schutzserums aufzunehmen. Die vom Ministerium geforderte staatliche Prüfung wurde, da entsprechende Möglichkeiten im Institut für experimentelle Therapie in Frankfurt am Main nicht bestanden, durch Paul Ehrlich und seinen Mitarbeiter im Hygienischen Institut in Greifswald vorgenommen. Tatsächlich erfüllte aber auch das zweite von Loeffler entwickelte Schutzserum nicht die in das Mittel gesetzten Erwartungen. Noch im Jahr seiner Markteinführung 1901 stellten die Farbwerke Höchst die Produktion wieder ein.63 Mehrfach musste sich Loeffler eingestehen, dass seine Versuche, »eine wirksame aktive Schutzimpfung mittels Lymphe, wie bei den Pocken, herbeizuführen« zu keinen »praktisch brauchbaren Ergebnissen« geführt hatten.64 Auch Versuche mit einer durch Erwärmen bzw. durch Lagerung im Eisschrank abgeschwächten Lymphe hatten keine Resultate gezeitigt, die aus seiner Sicht eine Einführung »diese[r] Art der Immunisierung in die Praxis«65 gestatteten. Zwar suchte er auch weiterhin nach Möglichkeiten zur aktiven Immunisierung,66 zugleich richtete er sein Interesse aber verstärkt auf die Gewinnung eines wirksamen Schutzserums für Rinder, nicht zuletzt, weil dieses – abgesehen von kleineren Nebenwirkungen – gefahrlos verabreicht werden konnte. In der Tat machten seine langjährigen Versuche zur Herstellung eines hoch wirksamen Serums größere Fortschritte als die unter Verwendung von virulenter Lymphe durchgeführten Experimente zur Entwicklung einer aktiven Schutzimpfung. Hierüber berichtete er sowohl im September 1905 auf dem VIII. Internationalen Tierärztlichen Kongress in Budapest als auch im Oktober 1905 an das Kultusministerium.67 Durch die Behandlung von Rindern mit steigenden Lymphemengen war es ihm nach eigenen Angaben

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gelungen, ein hochwertiges Serum zu gewinnen, mit dem Rinder bei der Einspritzung von 60 –100 ccm Serum ca. drei bis fünf Wochen vor einer Infektion bewahrt blieben. Bei weiteren Versuchen stellte Loeffler fest, dass Rindern durch die viermalige Injektion von etwa 20 ccm Serum sogar eine über fünf Monate währende Immunität verliehen wird. Den nach seiner Einschätzung erfolgreichen Einsatz seines Serums bei einzelnen Seuchenausbrüchen in Westpreußen, Brandenburg und Posen betrachtete Loeffler als Bestätigung des Verfahrens. Die »Frage der Serumschutzimpfung gegen die Maul- und Klauenseuche auch für Rinder« erschien ihm durch die Versuche »definitiv gelöst«. Zugleich musste er allerdings eingestehen, dass die Herstellung eines derartig hoch wirksamen Serums mit erheblichen Kosten verknüpft war. Für eine allgemeine Schutzimpfung kam es daher nicht infrage. Bereits im August 1898 hatte Loeffler das vorgesetzte Kultusministerium gebeten, angesichts seiner dienstlichen Verpflichtungen – insbesondere als Dekan der Medizinischen Fakultät in Greifswald – die weiteren Arbeiten im Hygienischen Institut in Greifswald ausführen zu dürfen.68 Dieses Ansinnen genehmigte der Kultusminister mit Schreiben vom 11. Oktober 1898; gleichzeitig machte er Mitteilung von der beim Kriegsminister beantragten Zuweisung von Paul Uhlenhuth für die Dauer der beantragten MKS-Arbeiten an das Hygienische Institut in Greifswald. Uhlenhuth war 1897 als Oberarzt an das Preußische Institut für Infektionskrankheiten kommandiert worden und arbeitete seit Januar 1898 für den beurlaubten Frosch in der MKS-Kommission mit.69 Mit dem Wechsel nach Greifswald übernahm Uhlenhuth gänzlich die Rolle Froschs, der im gleichen Jahr an der Koch’schen Malariaexpedition nach Grosseto und Brioni teilnahm.70 In Greifswald setzte Loeffler seine Experimente zunächst im Hygienischen Institut mitten im Stadtzentrum fort. Dies führte wegen der andauernden, durch die Versuchstiere verursachten Geruchsbelästigung zu Protesten von Anwohnern sowie benachbarten Hausbesitzern, die um eine Entwertung ihrer Grundstücke fürchteten. Der Kurator der Universität Greifswald sah sich daher genötigt, zur Fortsetzung der Loeffler’schen Arbeiten dem übergeordneten Ministerium die Nutzung eines leerstehenden, außerhalb der Stadt gelegenen Gehöfts an der Gützkower Chaussee zu empfehlen. Im September 1899 genehmigte der Kultusminister die Anmietung des Grundstücks ab 1. Oktober 1899.71 In den folgenden Jahren erhielt Loeffler regelmäßig einen Jahresetat von 30.000 Mark für seine weiteren MKS-Forschungen. Darüber hinaus wurde das Versuchsgehöft an der Gützkower Chaussee im Jahre 1902 für insgesamt 31.000 Mark angekauft.72 Im Preußischen Abgeordnetenhaus stieß die fortdauernde ministerielle Unterstützung der Arbeit Loefflers nur vereinzelt auf Widerspruch, die Bereitstellung außerordentlicher Mittel wurde regelmäßig genehmigt.73 Lediglich bei den Beratungen für das Haushaltsjahr 1903 traf die erneute Forderung nach Zuwendungen in Höhe von 30.000 Mark auf offene Widerworte. Nachdem der zuständige Regierungskommissar die weitere Finanzierung mit der bereits ausgegebenen Summe, der persönlichen Inaugenscheinnahme der Untersuchungen und den weiteren Aussichten begründet hatte, verwies der Abgeordnete von Arnim auf seine eigenen miss-

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Versuchsgehöft in der Gützkower Chaussee

lichen Erfahrungen mit dem Loeffler’schen Verfahren und bezeichnete den bisherigen Erfolg als minimal. Trotz lebhafter Zwischenrufe, die eine Vertagung des Punktes verlangten, schloss der Präsident des Abgeordnetenhauses anschließend die Besprechung und erklärte den Betrag für bewilligt.74 Tatsächlich machten die Loeffler’schen Versuche nicht die von staatlicher Seite erwarteten Fortschritte. Angesichts der bisher erfolglos verlaufenen Forschung – sowohl an einer sicheren aktiven Schutzimpfung als auch an einer finanziell tragbaren Serumimpfung – sowie der von Loeffler selbst beschriebenen Schwierigkeit, eine Lymphe von gleichbleibender Wirksamkeit zu gewinnen, äußerte der Landwirtschaftsminister am 5. Mai 1905 gegenüber dem Kultusminister erstmals Zweifel, ob ein positives Ergebnis in absehbarer Zeit möglich sei.75 Der Finanzminister ging noch weiter und schlug im folgenden Jahr sogar die Einstellung der Forschungen vor.76 Die Fortsetzung der MKS-Arbeiten wurde aber nicht nur durch staatliche Zweifel gefährdet, sondern auch durch Loefflers allzu sorglosen Umgang mit dem gefährlichen Erreger und den mangelnden Vorkehrungen gegen eine Seuchenverschleppung. Bereits im April 1905 hatte das Landwirtschaftsministerium unter dem Hinweis, dass für die mehrfachen MKS-Ausbrüche in der Provinz Pommern auch die von Loeffler betriebenen Versuche ursächlich sein könnten, diesem die Rückgabe von Versuchstieren an die entleihenden Landwirte untersagt und auf ihre ausnahmslose »alsbaldige[n] Abschlachtung«77 gedrungen. Im Februar 1906 berichtete der landwirtschaftliche Verein des Kreises Franzburg von wiederholten MKS-Erkrankungen in der Umgebung von Greifswald infolge der »Verschickung sogenannter immunisierter Tiere«78 und bat, Loeffler keine weiteren Mittel für seine Versuche bereitzustellen. Schließlich brach am 27. August 1906 die MKS unter dem Viehbestand des Mädchenheims der Johanna-Odebrecht-Stiftung aus.79 Das Auftreten der Seuche wurde sofort auf eine Verschleppung der Krankheitserreger aus dem benachbarten Versuchsgehöft Loefflers zurückgeführt und der Landwirtschafts-

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minister von mehreren Seiten bestürmt, die Schließung oder Verlegung des Versuchsgeländes zu verfügen. Bei der Besichtigung des Gehöfts durch zwei Ministerialbeamte des Landwirtschaftsministeriums am 31. August 1906, der neben Loeffler auch der Department- sowie der Kreistierarzt beiwohnten, wurden zahlreiche bedeutende Mängel festgestellt: »Auf dem Versuchsgehöft befanden sich zur Zeit der Besichtigung in einem Stalle mehrere mit frischer Maul- und Klauenseuche behaftete Rinder. Aus diesem Stalle floß die Jauche in offenen Rinnen auf den ungepflasterten Hof, wo sie sich in mehreren Pfützen angesammelt hatte. Der Dünger aus dem verseuchten Stall wurde in eine auf dem Hofe gelegene offene Düngergrube gebracht, wo er nach Überstreuen mit Kalk frei liegen blieb. Die Düngergrube war überfüllt; auch aus ihr lief Jauche auf den Hof. Auf dem Hofe wurden in einer durch einen niedrigen Drahtzaun abgesperrten Ecke Geflügel (Gänse und Hühner) gehalten.« Dieser Befund gab nach Ansicht der Visitation »veterinär-polizeilich zu erheblichen Bedenken Anlaß«. Das Landwirtschaftsministerium forderte vom Kultusministerium umgehend einschneidende Verbesserungsmaßnahmen sowie die Anbringung verschiedener Schutzvorrichtungen, zumal noch ein weiterer Seuchenausbruch bei Greifswald registriert worden war, der auf den nachweisbaren Personenverkehr mit dem MKS-Versuchsgehöft zurückgeführt wurde. Das Kultusministerium schickte daraufhin mit Georg Gaffky, der im Jahre 1904 die Nachfolge Kochs als Direktor des Preußischen Instituts für Infektionskrankheiten angetreten hatte, einen Fachmann aus dem eigenen Ressort nach Greifswald. Dieser sollte gemeinsam mit Loeffler am 21. September 1906 prüfen, »inwieweit die Einrichtung und der Betrieb des Gehöftes zu hygienischen Bedenken Veranlassung gibt, ob die in dem Schreiben des Herrn Landwirtschaftsministers angegebenen sanitätspolizeilichen Maßnahmen nach dortseitiger Auffassung erforderlich und durchführbar sind, und was etwa sonst noch notwendig ist, um die Ungefährlichkeit der wissenschaftlichen Arbeiten zur Erforschung der Maul- und Klauenseuche auf dem Gehöft zu gewährleisten«80. Auch Gaffky vertrat nach der Besichtigung die Überzeugung, die Einrichtungen des Versuchsgehöfts gäben »zu hygienischen Bedenken begründeten Anlaß«. Die Gefahr einer Seuchenverschleppung war seiner Ansicht nach nicht nur durch Vögel, sondern auch durch den engen Kontakt zwischen dem angestellten Diener und den erkrankten Rindern gegeben. Zur Vorbeugung einer Seuchenverschleppung empfahl er angesichts der mit dem passiven Immunisierungsverfahren erzielten praktischen Erfolge eine Beschränkung der Arbeiten auf die Herstellung eines hochwertigen Serums und machte Vorschläge zur Verbesserung der hygienischen Zustände auf der Anlage. Wie Loeffler selbst vertrat auch Gaffky die Überzeugung, dass »die Schutzimpfung mittels hochwertigen Serums auch für Rinder praktisch weiter verfolgt, und zu diesem Zwecke die Errichtung eines allen hygienischen Anforderungen genügenden Serum-Institutes in Aussicht genommen werden

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sollte«81. Bis dahin allerdings sollten die notwendigen Experimente weiterhin auf dem Versuchsgehöft stattfinden. Gaffkys Vorschläge wurden jedoch nicht aufgegriffen. Im November 1906 beschlossen die landwirtschaftlichen Vereine Pommerns einstimmig, die Staatsregierung um ein generelles Verbot der Loeffler’schen Versuche zu bitten.82 Angriffe erfolgten auch aus der Gruppe derjenigen Veterinärmediziner, die in der Seuchenbekämpfung vor allem auf traditionelle Methoden wie Quarantäne und Notschlachtungen setzten und den durch Bakteriologie und Immunologie entwickelten modernen Behandlungsmethoden skeptisch gegenüberstanden.83 Im Februar 1907 wiesen das Landwirtschafts- und das Kultusministerium Loeffler in einem gemeinsamen Schreiben an, »die auf dem Gehöfte und im Hygienischen Universitätsinstitute selbst im Gange gewesenen Untersuchungsarbeiten, soweit dies nicht bereits geschehen ist, unverzüglich einzustellen«. Weiter machten sie deutlich, dass eine Fortsetzung der Versuche »vor der Hand nicht in Aussicht genommen« sei und entsprechende Mittel in den Entwurf des Staatshaushalts 1907 nicht eingestellt würden. Abschließend sprachen sie dem Greifswalder Wissenschaftler für »die geleistete mühevolle Arbeit« ihren Dank aus.84 Zwei Monate später übersandte Loeffler die Schlussübersicht über den MKS-Fonds: »Dank den Einnahmen aus dem abgegebenen Serum ist es mir gelungen einen Bestand von 3832 M 26 Pf abzuschließen. Weitere Ausgaben sind nicht zu erwarten. Nur der Diener, der auf dem Gehöft wohnt, muß bezahlt werden bis über das Gehöft Bestimmung getroffen ist. Ich bitte um Anweisung, ob er noch aus dem Fonds bezahlt werden darf, da offiziell ja mit dem 1. April das Gehöft aufgehört hat, für Zwecke der Maulund Klauenseucheforschung zu dienen.« 85

Abstract The history of the current Friedrich-Loeffler-Institute, the Federal Research Institute for Animal Health on the Isle of Riems near Greifswald, is closely associated with scientific research into foot-and-mouth disease (FMD), especially in its early years. In the 19th and 20th centuries, this highly contagious disease that predominantly affects pigs and cattle was the most economically significant animal disease in the world. The cause of the disease, however, was completely unknown. The establishment of bacteriology as a new leading science in the medical field, the spectacular evidence of pathogens and the development of effective vaccines and therapies also raised the issue of carrying out research into FMD. The people involved in agriculture, and their political representatives in particular, pressed for an effective search for the »infectious agent« and a suitable means to combat the disease. After two competitions initiated by the Prussian Ministry of Agriculture to discover the unknown infectious agent had not achieved the desired success, the Reichstag and the Prussian State Parliament approved a total of RM 55,000 for the systematic research into FMD in 1897. These sums were trans-

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