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Monika Nakath (Hrsg.)
Aktenkundig: »Jude!« Nationalsozialistische Judenverfolgung in Brandenburg 1933–1945 Vertreibung – Ermordung – Erinnerung
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Einzelveröffentlichung des Brandenburgischen Landeshauptarchivs herausgegeben von Klaus Neitmann Band X Förderer: Ein Projekt im Rahmen von Kulturland Brandenburg 2009 »Freiheit. Gleichheit. Brandenburg. Demokratie und Demokratiebewegungen« mit Förderung durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, das Ministerium für Infrastruktur und Raumordnung des Landes Brandenburg sowie mit freundlicher Unterstützung der brandenburgischen Sparkassen gemeinsam mit der Ostdeutschen Sparkassenstiftung
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© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2010 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Satz & Umschlag: typegerecht berlin, Berlin Schrift: Serifa 9,5/13 pt Druck und Bindung: Pustet, Regensburg ISBN 978-3-937233-63-5 www.bebra-wissenschaft.de
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Inhaltsverzeichnis
Zum Geleit
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Einleitung
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Boykott und Ausgrenzung (1933 bis 1937)
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Haft in der »Judenkompanie« im KZ Oranienburg Durchführung des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft Der »Fall Einstein« »Nürnberger Gesetze« Emigration
Novemberpogrom und Radikalisierung der Judenverfolgung (1938 bis 1941) »Verzeichnis über das Vermögen von Juden nach dem Stand vom 27. April 1938« Novemberpogrom Kennzeichnung von Juden Abschluss der Enteignung Hauptauswanderungsjahr 1939 Jüdische Frauen im KZ Ravensbrück
Deportation und Ermordung (1941/42 bis 1945)
30 30 31 32 33 34 36
Jüdischer Alltag Organisation der Deportationen Deportationstransporte »Vermögenserklärung« und »Verfügung über die Einziehung des Vermögens« »Vermögensverwertung«
37 37 38 39 41 43
Editorische Vorbemerkungen
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Dank
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Dokumente Übersicht der abgedruckten Dokumente Boykott und Ausgrenzung (1933 bis 1937) Novemberpogrom und Radikalisierung der Judenverfolgung (1938 bis 1941) Deportation und Ermordung (1941/42 bis 1945) Anmerkungen zu den Dokumenten
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Anhang Übersicht über jüdische Einwohner in der Provinz Brandenburg 1932/33 Zeittafel Auswahlbibliografie Abkürzungsverzeichnis Personenregister Ortsregister Abbildungsnachweis
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Vor einem knappen Jahrfünft spielte während einer laufenden Debatte um eine verwaltungsorganisatorische Entscheidung zu Potsdamer Kultureinrichtungen eine Pressepolemik verschiedenartige in Archiven überlieferte Zeugnisse der Vergangenheit gegeneinander aus: Wertvolle Dichterhandschriften sollten, so empörte sich der Verfasser, alten Behördenakten beigelegt werden! In seinem Eifer hatte er sich nicht klargemacht, dass Archivalien in ihrer historischen Aussagekraft von den Personen oder Institutionen abhängen, deren Wirken sie ihre Entstehung verdanken, und dass gerade die im vieltausendfachen Vollzug einer politischen bzw. gesetzlichen Regelung entstandenen, scheinbar belanglosen Verwaltungsakten höchste Brisanz gewinnen können, wenn ihr Gegenstand einen historischen Vorgang von einem für eine Epoche zentralen Rang berührt oder gar mitten in ihn hineinführt. Dass das dem Alltag einer Staatsbürokratie entstammende Archivgut für die wissenschaftliche Erkenntnis der Zeitgeschichte und für die aktuelle historisch-politische Bildungsarbeit umfassend fruchtbar gemacht werden kann, zeigt die hier von Dr. Monika Nakath, Abteilungsleiterin im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, vorgelegte Quellenedition zur nationalsozialistischen Judenverfolgung in Brandenburg in beeindruckender Weise. Es ist nicht dem Zufall zuzuschreiben, dass ein solches Werk jetzt im Landeshauptarchiv entstanden ist. Denn dieses ist seit 20 Jahren mit einem erheblichen Teil seiner Kräfte damit befasst, Einzelschicksale verfolgter Juden in Brandenburg während der NS-Zeit zu verwaltungsbedingten Zwecken ebenso wie für die individuelle und kollektive Erinnerungskultur aufzuhellen, wie weiter unten noch näher erläutert wird, und hat sich daher, wie es zur Bewältigung dieser Aufgaben zwingend erforderlich ist, um die archivwissenschaftliche Ermittlung, Erschließung und Analyse der diesbezüglichen Quellen wie um ihre geschichtswissenschaftliche Einordnung, Interpretation und Auswertung intensiv bemüht. Als der Verein Kulturland Brandenburg die brandenburgischen Kultureinrichtungen dazu aufforderte, aus Anlass des bevorstehenden 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls Vorhaben unter dem Rahmenthema »Demokratie und Demokratiebewegungen« zu gestalten, entschloss sich das Landeshauptarchiv rasch dazu, seine Arbeiten an der archivalischen Überlieferung und die dabei erzielten historischen Forschungsergebnisse zur NS-Judenverfolgung zusammenzufassen und einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Gerade dieses Thema unter der Überschrift »Demokratie und Demokratiebewegungen« zu präsentieren, mag zwar auf den ersten Blick überraschen, ist aber in historischer Perspektive verständlich und gerechtfertigt, denn die Demokratie in Deutschland verdankt ihre Annahme in der Bevölkerung vor allem der Erfahrung mit zwei totalitären Diktaturen. Die demokratische politische Kultur lebt seit Jahrzehnten in zunehmendem Maße davon, dass die großenteils von zivilgesellschaftlichen Initiativen getragene Erinnerungsarbeit sich vorbehaltlos mit den nationalsozialistischen Verbrechen beschäftigt, dabei insbesondere
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die Vernichtung des deutschen und europäischen Judentums eingehend untersucht und daraus ihre Kraft zur Behauptung und Vertiefung demokratischer Überzeugungen und zur Abwehr aller entgegenstehender Bestrebungen zieht. Die Überlegungen des Landeshauptarchivs mündeten in die Vorbereitung zweier aufs engste miteinander verbundener und zusammengehöriger Vorhaben, einer Wanderausstellung und einer Quellenedition. Die Ausstellung unter dem Titel »Aktenkundig: ›Jude!‹ Nationalsozialistische Judenverfolgung in Brandenburg. Vertreibung – Ermordung – Erinnerung« wurde zum ersten Mal am 19. Februar 2009 im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam eröffnet und dort ca. zwei Monate lang mit beachtlichem Publikumszuspruch gezeigt. Seitdem wandert sie im Land Brandenburg umher, ist mittlerweile jeweils zwei bis drei Monate lang in sieben verschiedenen kommunalen Museen präsentiert worden. Angesichts des regen Interesses und anhaltender Nachfrage ist ein Ende ihrer Wanderschaft noch nicht absehbar, nach gegenwärtigem Stand reicht ihr Fahrplan bis in die zweite Hälfte des Jahres 2011 hinein. Die Ausstellung verfolgt zwei Schwerpunkte: Zum größeren Teil widmet sie sich der historischen Darstellung der NS-Judenverfolgung in der preußischen Provinz Brandenburg, zum kleineren Teil den Bemühungen im 1990 wiedererstandenen Land Brandenburg um die politische, rechtliche und moralische Auseinandersetzung mit dem damaligen Unrecht (vgl. die Beiträge in: Brandenburgische Archive 26 [2009], S. 51ff.). Die jetzt vollendete Quellenedition ist wie erwähnt im selben Zusammenhang beschlossen und angegriffen worden, setzt allerdings die Akzente teilweise anders. Sie speist sich ausschließlich aus zeitgenössischen Dokumenten der Jahre 1933 bis 1944, in denen sich unmittelbar die nationalsozialistische Behandlung der jüdischen Bevölkerung Brandenburgs widerspiegelt, mit denen unmittelbar die Ziele des nationalsozialistischen Antisemitismus umgesetzt wurden. Die Quellenauswahl geht dabei über die Ausstellungspräsentation noch merklich hinaus. Das Werk will mit der Darbietung von Zeugnissen der damaligen Zeit, die bislang weitgehend unbekannt geblieben sind, die historischen Vorgänge aufklären, will mit deren wissenschaftlicher Herausgabe die Möglichkeiten zur detaillierten Untersuchung des Gegenstandes wesentlich verbessern. Die schriftlichen Unterlagen entstammen nahezu gänzlich den Beständen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs. Aus der Art der in seine archivische Zuständigkeit fallenden Bestandsbildner ergeben sich zugleich die vorrangig dokumentierten Inhalte. Es ist daher zum besseren Verständnis angebracht, hier ein paar Bemerkungen zu den Auswahlkriterien der Edition anzufügen. Laut Brandenburgischem Archivgesetz vom 7. April 1994 ist das Brandenburgische Landeshauptarchiv zuständig für das Archivgut der heutigen brandenburgischen Landesbehörden und ihrer Rechts- und Funktionsvorgänger und verwahrt dementsprechend die archivwürdigen Unterlagen staatlicher Verwaltungsstellen, die in zurückliegenden Jahrhunderten auf der territorialen bzw. provinzialen, der regionalen und lokalen Ebene für die gesamte Mark, die Provinz oder das Land Brandenburg oder größere oder kleinere Teile davon Vorgänge im Auftrag der staatlichen (brandenburg-)preußischen oder deutschen Zentrale zu bearbeiten hatten. In den im Landeshauptarchiv befindlichen Papieren spiegeln sich also nicht die politischen Diskussionen und Entscheidungen wider, die in den hauptstädtischen Zentralbehörden (Brandenburg-)Preußens bzw. des Deutschen Reiches geführt worden sind; die daraus hervorgegangenen Akten sind im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz bzw. im Bundesarchiv einzusehen. Stattdessen ist den schriftlichen Hinterlassenschaf-
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ten der brandenburgischen Provinzial-, Regional- und Lokalbehörden zu entnehmen, wie die Beschlüsse und Vorgaben zentraler Instanzen vor Ort umgesetzt wurden. Gerade darin besteht ihr besonderer Reiz: Sie offenbaren in aller wünschenswerten Anschaulichkeit die unmittelbare »Begegnung« von Politik und Verwaltung einerseits und den Bewohnern des Landes, den Untertanen und Bürgern, andererseits. Diese allgemeinen Überlieferungsumstände haben gewichtige Folgen für die Akzentsetzung unserer Edition. In ihren Dokumenten stößt der Leser nicht auf die Erörterungen der obersten Behörden und höchsten Politiker des nationalsozialistischen Staates um ihren mit letzter Konsequenz geführten Kampf gegen das Judentum, um ihre Entscheidungsfindung und die dabei beschlossenen Maßnahmen, sondern er erfährt, wie die nachgeordneten Verwaltungen die grundsätzlichen Ziele und die daraus im einzelnen abgeleiteten Schritte aufgrund der ihnen erteilten Anweisungen in ihrem regionalen Zuständigkeitsbereich verwirklichten. Die provinzialen, regionalen und lokalen Instanzen hatten demnach vornehmlich »Einzelfälle« zu bearbeiten, kleine Gruppen von Juden oder einzelne Juden in kleineren Räumen entsprechend den antisemitischen Grundsätzen zu behandeln und damit deren Absichten ihnen gegenüber durchzusetzen. Die Auswirkungen des NS-Antisemitismus auf die betroffenen Personenkreise treten so sehr konkret hervor. Es wird dabei auch offenkundig, dass sich die NSDAP, Hitler und seine maßgeblichen Helfer des gesamten vorhandenen Verwaltungsapparates bedienten, um die Juden aus dem Deutschen Reich zunächst zu entfernen und schließlich zu vernichten. Eine Vielzahl von Behörden war damit betraut, innerhalb ihres jeweiligen sachlichen Aufgabenbereiches dafür zu sorgen, dass die Juden aus dem Leben des deutschen Volkes zurückgedrängt und ausgemerzt wurden. Die Verfolgung des jüdischen Bevölkerungsanteils wurde mit aller einer Staatsbürokratie eigenen und ihr möglichen Konsequenz betrieben, nachdem einmal die Staatsspitze den Antisemitismus gleichsam zum offiziellen Staatsziel erklärt hatte. Freilich dominiert in den hier veröffentlichten Dokumenten ein Gesichtspunkt eindeutig alle anderen: der Umgang des NS-Staates mit dem jüdischen Vermögen. Der Vorrang dieses Themas rührt daher, dass es im gesamten Spektrum der NS-Judenverfolgung in den Beständen des Landeshauptarchivs am besten und am breitesten belegt werden kann. Die Edition (wie auch die erwähnte Ausstellung) stützt sich in ihrem Kern auf scheinbar unspektakuläre Papiere einer nachrangigen Finanzbehörde, des Oberfinanzpräsidenten (OFP) von BerlinBrandenburg. Der 1919 für die Reichshauptstadt Berlin und die preußische Provinz Brandenburg geschaffenen, dem Reichsfinanzministerium unterstellten Behörde (die dann lange Zeit in zwei Behörden für die Reichshauptstadt Berlin und die übrige Provinz Brandenburg aufgespaltet war) wurden während der Weltwirtschaftskrise und unter der nationalsozialistischen Herrschaft nach 1933 in mehreren Stufen Sonderaufgaben im Bereich der Vermögensbeaufsichtigung übertragen. Dazu gehörten zunächst die Kontrolle des Devisenverkehrs mit dem Ausland und schließlich, während des Zweiten Weltkrieges, die Behandlung des sogenannten reichsfeindlichen Vermögens. Unter diese Überschriften fiel auch der Umgang mit dem Eigentum von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern des Deutschen Reiches, die die NS-Rassepolitik von Anfang an systematisch aus der »Volksgemeinschaft« ausgrenzte, die in den ersten Jahren nach 1933 durch Diskriminierung, durch Einschränkung ihrer freien Lebensgestaltung zur Auswanderung aus Deutschland, zur Emigration nach Palästina, nach Westeuropa oder Amerika gebracht und dann nach 1939, um das Reich endgültig »judenfrei« zu machen, in die eroberten und besetzten Ostgebiete deportiert und dort ermordet wurden. Der Oberfinanz-
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präsident war an diesen Geschehnissen insofern unmittelbar beteiligt, als er dabei die jüdischen Vermögenswerte zu überwachen hatte, also im Falle der Auswanderung ihren Abfluss ins Ausland zu begrenzen oder zu unterbinden und im Falle der Deportation ihre Beschlagnahme und Einziehung durchzuführen hatte. Die für die Edition ausgewählten 155 Dokumente sind chronologisch geordnet. Gerade in ihrer zeitlichen Abfolge zeigen sie die wechselnden Schwerpunkte und Ziele der NS-Judenpolitik: zunächst die sogleich nach der Machtergreifung einsetzende Diskriminierung der Juden und ihre Ausgrenzung aus der deutschen »Volksgemeinschaft«, dann ihre 1938 schon vor dem Novemberpogrom eingeleitete gänzliche Ausschaltung aus dem deutschen Wirtschafts- und Finanzleben, schließlich, nach dem Beginn des Russland-Feldzuges, ihre Deportation in die besetzten Ostgebiete und Ermordung. Da die Edition, wie gleich noch näher zu begründen sein wird, besonderen Wert darauf legt, jüdische Einzelschicksale zu dokumentieren, sind gelegentlich ein und dieselbe Person betreffende Unterlagen auf verschiedene Stellen verstreut. Die Verbindung ist – außer über das Personenregister – vor allem über die Einleitung herzustellen. Ihr kommt besonderes Gewicht zu, weil sie übersichtlich die größeren Zusammenhänge, in denen die einzelnen Dokumente eingebettet sind, beschreibt. Sie fügt die die jeweilige Persönlichkeit berührenden Informationen zusammen und zeichnet, u.U. unter Auswertung weiterer Quellen, ein abgerundetes Bild. Und sie ordnet den Einzelfall in die verschiedenen Phasen und Themen der allgemeinen NS-Judenpolitik ein, sodass aus deren grundsätzlichen, übergeordneten Tendenzen die speziellen Gegebenheiten, die im Mittelpunkt der einzelnen Quelle stehen, erläutert und interpretiert werden. Die archivalische Hinterlassenschaft des OFP besteht größtenteils aus Einzelfallakten, die die Behörde über bestimmte Personen oder Familien und die Behandlung ihres baren und unbaren Eigentums angelegt hat. Ihnen ist abzulesen, wie die allgemeine antijüdische Politik des NS-Regimes auf den einzelnen Juden und unter Umständen auf sein familiäres Umfeld angewandt wurde, wie eine Finanzbürokratie unnachsichtig ihre politischen Aufträge gegenüber dem ausgewählten Personenkreis durchsetzte. Anders ausgedrückt: In den Routinevorgängen der Finanzverwaltung spiegelt sich wider, wie sich die grundsätzlichen antisemitischen Entscheidungen der NS-Machthaber auf die konkreten Lebensbedingungen der Menschen »nichtarischer« Herkunft auswirkten, die es aus dem »Volkskörper« auszuscheiden galt. Ein wesentliches Anliegen der Edition besteht darin, die NS-Judenverfolgung in Brandenburg vornehmlich anhand des damaligen jüdischen Lebensalltages und anhand ausgewählter Personen möglichst anschaulich zu schildern, von der Ebene der »großen Politik« abzusehen und stattdessen deren Wirkung auf den einfachen jüdischen Bürger nachdrücklich zu verdeutlichen. Dadurch wird dem Betrachter verständlich zu machen gesucht, wie die individuelle Existenz im Rahmen des sich immer mehr radikalisierenden Maßnahmenkataloges der Judenverfolgung in ihren alltäglichen Arbeits- und Daseinsverhältnissen drastisch eingeschränkt und an den unbeachteten und verachteten Rand gerückt wurde, wie sie zur notgedrungenen Aufgabe ihrer vertrauten heimatlichen Umgebung gebracht und zur Auswanderung gezwungen wurde, wie sie, wenn sie trotz aller negativen Erfahrungen ausgeharrt hatte, alles, was ihr noch an Hab und Gut verblieben war, abgeben musste und deportiert wurde in ferne östliche Orte, an denen ihre Schergen auf sie warteten. Vielleicht kennzeichnet nichts mehr den bürokratischen Rigorismus der NS-Judenpolitik als die sogenannte Vermögenserklärung, die der schon namentlich stigmatisierte Jude mit Angabe all seiner ihm noch ver-
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bliebenen Habseligkeiten bis hin zum letzten Handtuch auszufüllen hatte, unmittelbar bevor er seinen letzten Aufenthaltsort in Brandenburg oder Berlin mit einem Transport zu einem ihm unbekannten Ziel verließ. Der von der Behörde auf dem Formular vermerkten, der Identifizierung dienenden Vorgangsnummer ist vom quellenkundigen Archivar der Deportationszug oder die Deportationswelle zu entnehmen, die die Opfer seit Anfang 1942 aus Brandenburg in das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, ins Generalgouvernement oder ins Baltikum führte. Auch wenn in der Edition wegen ihrer Quellengrundlage, den Beständen staatlicher Behörden im Landeshauptarchiv, die aus deren Arbeit stammenden Schriftstücke weitaus überwiegen, konnten sie glücklicherweise an einigen Stellen ergänzt werden um Zeugnisse betroffener Juden zu ihren damaligen Lebensumständen, sei es, dass sie – was selten genug der Fall ist – in die Verwaltungsakten eingegangen sind, sei es, dass sie – ausnahmsweise – unabhängig davon überliefert geblieben und zur Kenntnis der Editorin gelangt sind. Das Quellenwerk gewinnt einen Teil seiner Anziehungskraft, mit der es wohl den Leser mit fortschreitender Seitenzahl immer mehr in seinen Bann zu ziehen vermag, aus der unübersehbaren Diskrepanz zwischen dem behördlichen Schriftgut und den Briefen jüdischer Opfer, zwischen deren so unterschiedlichem Stil und deren so entgegengesetzter Tonlage. Auf der einen Seite treibt die mittlere und untere Staatsbürokratie auf der Grundlage von Gesetzen, Verordnungen und Anweisungen ihrer vorgesetzten Stellen, auf die sie sich immer wieder bezieht und aus denen sie die geplanten Maßnahmen ableitet, die Ausgrenzung und Deportation der Juden in Brandenburg voran, in einer scheinbar sachlichen, nüchternen Sprache, mit einer verwaltungsrechtlichen, Rechtsstaatlichkeit vorspiegelnden Technik und gelegentlich unter Betonung behördlicher Zuständigkeiten, die die ganz konkreten Eingriffe in das jüdische Leben zuweilen mehr erahnen lässt als in aller Deutlichkeit offenlegt. Was in der verschleiernden Bürokratensprache nur angedeutet wird, kommt auf der anderen Seite in den Briefen einzelner Juden umso offenkundiger zum Ausdruck: die Beseitigung der normalen Lebensgrundlagen, die Ausgrenzung aus der vertrauten Umwelt, die Furcht vor einem ungewissen Schicksal und dessen Grauen. Der Leser wird vielleicht bei der Lektüre der Dokumente am stärksten diesen Kontrast empfinden. Die Überlieferung des Oberfinanzpräsidenten enthält, archivkundlich betrachtet, vornehmlich massenhaft gleichförmige Akten, also Unterlagen, die nach dem gleichen bürokratischen Bearbeitungsschema angelegt sind. Der Archivar wählt üblicherweise aus einem solchen Aktenberg nur einen sehr schmalen Ausschnitt zur dauerhaften Aufbewahrung aus, damit die Verfahrensweise der Behörde beispielhaft dokumentiert wird. Im Falle des OFP ist das Landeshauptarchiv von dieser Lehrbuchweisheit abgewichen und hat sich dazu entschlossen, die Einzelfallakten in Gänze dauerhaft zu archivieren und sich nicht mit einer kleinen Teilmenge davon zu begnügen, weil der Bestand insgesamt ein historisches Kernstück des Nationalsozialismus, seine rassenbiologisch begründete Judenverfolgung in der Spielart der bürokratischen Umsetzung des Vermögensentzuges und Vermögensraubes, in seltener Klarheit widerspiegelt. Wegen dieser historischen Aussagekraft hat das Landeshauptarchiv große Anstrengungen unternommen, den Inhalt der Unterlagen genau zu verzeichnen, insbesondere die darin benannten Juden möglichst vollständig zu erfassen. Die intensive Erschließung war auch die Voraussetzung dafür, dass das Landeshauptarchiv in den 20 Jahren seit der deutschen Wiedervereinigung dem Verlangen nach fundierten Aussagen zum Schicksal der
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jüdischen Bevölkerung in Brandenburg und Berlin nach 1933 gerecht werden konnte. Damit sind unsere vom historischen Vorgang ausgehenden Betrachtungen mitten in unserer eigenen Gegenwart angekommen und sollen sich noch knapp der Frage zuwenden, wie wir Heutigen denn mit dieser historischen Erblast umgehen. Die in den letzten Jahren drastisch vermehrte Benutzung des Bestandes Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg – wie auch ergänzender anderer Bestände – gibt darauf eine doppelte Antwort, die zugleich verdeutlicht, dass ein Archiv wie das Brandenburgische Landeshauptarchiv mit den Zwecken, die es mit seinen Arbeiten verfolgt, mitten im gegenwärtigen Leben steht und seine Anforderungen zu bewältigen trachtet. Die archivalischen Quellen werden zunächst zur materiellen Wiedergutmachung der jüdischen NS-Opfer ausgewertet. Sie werden von zuständigen Behörden, von den betroffenen Personen oder ihren Erben, von den von ihnen beauftragten Rechtsanwälten oder von den mit Streitfällen befassten Gerichten herangezogen, damit die jeweils interessierenden Vorgänge in ihrem damaligen Ablauf erkannt und so die verfolgungsbedingten Eigentumsverluste durch Rückgabe oder durch Entschädigung wieder ausgeglichen werden können. Die derzeit viel erwähnte Provenienzforschung zu Kunstgütern und ihren Eigentumswechseln seit 1933 ist nur ein schmaler Ausschnitt aus der großen Aufgabe, präzise festzustellen, wie der nationalsozialistische Staat jüdisches Eigentum in seine Hand gebracht und verwertet hat Die Klärung der Verfolgungsmaßnahmen, wie sie für Zehntausende von Fällen in den Akten des Oberfinanzpräsidenten penibel beschrieben sind, ermöglicht die Entscheidung über den materiellen Ausgleich der damaligen Vermögensverluste, der jetzt den Verfolgten, ihren Erben oder ihren Interessenorganisationen zukommt. Dass Restitution und Entschädigung in den neuen Ländern über 60 Jahre nach Kriegsende Betroffene, Behörden und Gerichte immer noch in Atem halten, ist darin begründet, dass die antifaschistische DDR, wie sie sich selbst verstand, diesbezügliche Verpflichtungen nie anerkannt hat. Vor diesem Hintergrund sind gerade die Einzelfälle dokumentierenden Akten des Oberfinanzpräsidenten in eine zentrale Stellung für die Klärung der Vermögensfragen, die sich ja um individuelle Personen und Objekte drehen, eingerückt. In ganz anderer Beziehung vermögen die Papiere ebenfalls heutigen Erkenntniswünschen in besonderer Weise gerecht zu werden. Seit geraumer Zeit konzentriert sich die öffentliche Erinnerung an die Judenverfolgung nicht mehr ausschließlich auf die großen Leitlinien und die herausragenden Ereignisse, deren Erforschung den akademischen Historiker vorrangig beschäftigen mag. Gerade die gesellschaftlichen Initiativen »von unten« haben sich darauf verlegt, den Weg der einst in ihrem lokalen Umfeld wohnenden Juden und ihrer Familien zu erhellen. Die »Stolperstein«-Initiativen wollen, indem sie den Namen eines verfolgten und ermordeten Juden auf einem Stein vor seinem ehemaligen Wohnsitz festhalten, bewusst machen, dass der jüdische Nachbar seit 1933 auf einmal allein wegen seiner »Rasse« aus seiner vertrauten Umwelt herausgerissen, daraus vertrieben oder gar ermordet worden ist. Auch diese Bestrebungen sind darauf angewiesen, dass sie archivalische Dokumente zu den Verfolgten mit archivarischer Unterstützung ausfindig machen und auswerten. Das Landeshauptarchiv ist besonders erfreut darüber, dass Schülerinnen und Schüler in verschiedenen brandenburgischen Städten in Projekten durch die Lektüre der OFP-Akten einzelne jüdische Lebensbilder erarbeitet, durch den lokalen, personenbezogenen Ansatz die rassischen Verfolgungen der NS-Zeit von der Ebene der Haupt- und Staatsaktion heruntergeholt, ihnen gewissermaßen
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ein Gesicht vor Ort gegeben und durch die konkrete Veranschaulichung die Radikalität der NS-Politik hervorgehoben haben. Die Erinnerung daran, dass die dargestellte Einzelperson plötzlich ihre rechtsstaatliche Sicherheit verlor und staatlicher Unterdrückung hoffnungslos ausgeliefert war, schärft das Bewusstsein von der Gefährdung der menschlichen Existenz in besonderem Maße. Quellenedition (und Ausstellung) des Landeshauptarchivs waren eingebettet in das Rahmenthema des Kulturlandjahrs 2009 »Demokratie und Demokratiebewegungen« und sein Motto »Freiheit und Gleichheit«. Thema und Motto erinnern daran, dass die deutsche Demokratie nach ihrem ersten Scheitern ihre innere Überzeugungskraft aus der Erfahrung der NS-Diktatur gewonnen hat, aus der Erkenntnis heraus, dass demokratische Grundwerte wie Freiheit und Gleichheit nach 1933 in zuvor unvorstellbarer Weise Hunderttausenden von deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens wegen ihrer »Rasse« verweigert worden waren. Die Verkündung der allgemeinen unveräußerlichen Menschenrechte in der UN-Menschenrechtsdeklaration von 1948 ebenso wie im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland von 1949 war gespeist aus der Anschauung der Zeitgenossen, dass eine totalitäre Diktatur alle moralischen Schranken in der Verfolgung und Vernichtung ihrer Gegner eingerissen hatte. Wenn unsere Edition das einzelne jüdische Schicksal nach 1933 in den Vordergrund stellt, verdeutlicht sie damit zugleich, dass die Menschenrechte dazu dienen, dem Einzelnen eine menschenwürdige Existenz zu gewährleisten und zu garantieren. Sie haben in der deutschen Gesellschaft in den Jahrzehnten seit 1945 breite Akzeptanz dadurch gewonnen, dass die Notwendigkeit zu ihrer Beachtung und Einhaltung aus der bewussten, im Laufe der Zeit erheblich vertieften Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord erwachsen ist. Unsere Quellenveröffentlichung hat ihren Zweck erreicht, wenn sie durch die Dokumentierung von Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung der Juden und einzelner jüdischer Persönlichkeiten in Brandenburg uns Nachfolgenden vergegenwärtigt, dass der Einsatz für die Menschenrechte seine Kraft der in der historischen Erfahrung begründeten Einsicht in beispiellose Menschenrechtsverletzungen verdankt hat – und weiterhin verdanken wird –, wenn wir uns diese historische Erfahrung auch künftig bewusst halten. Potsdam, im Juli 2010 PD Dr. Klaus Neitmann Direktor des Brandenburgischen Landeshauptarchivs
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Am 30. Januar 1933 übernahm die NSDAP in Deutschland die politische Macht. Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt. Zu diesem Zeitpunkt lebten in Deutschland rund 450.000 Personen, die laut Statistik als »Glaubensjuden« bezeichnet wurden. Ihr Anteil an der deutschen Gesamtbevölkerung betrug knapp 0,77 Prozent. In der Provinz Brandenburg waren insgesamt 7.616 jüdische Personen ansässig.1 Mehr als ein Drittel davon lebte in den Städten und größeren Orten der Region.2 Die bald darauf einsetzende nationalsozialistische Judenverfolgung hatte verschiedene Facetten: staatsbürgerliche Entrechtung und Ausgrenzung, Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz, Vertreibung, Genozid. Betrachtet man den Verlauf dieser Verfolgungs- und Vernichtungspolitik, so lassen sich unterschiedliche Phasen erkennen: einzelne antijüdische Maßnahmen auf der Grundlage von Notverordnungen und Ermächtigungsgesetzen sowie die legislatorische Ausgrenzung auf der Basis der »Nürnberger Gesetze« und nachfolgender Verfügungen und Verordnungen von 1933 bis 1937; Pogrome, erste Massenverhaftungen und Deportationen von 1938 bis 1941 sowie Deportationen und physische Massenvernichtung von 1941/42 bis 1945. Schon Boykott und Ausgrenzung trieben einen großen Teil der Brandenburger Juden ins Exil. Relativ schnell nach der nationalsozialistischen Machtübernahme emigrierten aus politischen Gründen Verfolgte. Jüdische Unternehmer aus der Region, denen die finanziellen Mittel für eine Flucht zur Verfügung standen, verließen Deutschland mit ihren Familien bis Mitte der 1930er Jahre. Der Novemberpogrom 1938 führte noch einmal zu einer Massenflucht. Einige Familien suchten zunächst Zuflucht bei Verwandten sowie in der Anonymität der Großstadt Berlin. Viele wurden ab 1941 von dort gemeinsam mit ihren Familienangehörigen deportiert. In den Jahren 1939/40 lebten in der Provinz Brandenburg überwiegend Juden, denen die Emigration nicht gelungen war. Darüber hinaus befanden sich in den zu Zwangsarbeits- bzw. Sammellagern umfunktionierten ehemaligen Umschulungslagern sowie in den Haftanstalten und Konzentrationslagern (KZ) Menschen aus unterschiedlichsten Gegenden Deutschlands. Sie teilten das Schicksal von Deportation und Ermordung. Entrechtung und soziale Isolierung der Brandenburger Juden vollzogen sich keinesfalls anonym und abstrakt. Nationalsozialis-
1 Vgl. Arndt, Ingo/Boberach, Heinz: Deutsches Reich, in: Benz, Wolfgang (Hrsg.): Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, München 1991, S. 24. 2 Vgl. die Übersicht über jüdische Einwohner in der Provinz Brandenburg 1932/33 im Anhang. Zur Geschichte des jüdischen Lebens in den wichtigsten Orten Brandenburgs vgl. Diekmann, Irene A. (Hrsg.): Jüdisches Brandenburg Geschichte und Gegenwart. (= Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Band 5), Berlin 2008.
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tische Judenverfolgung wurde wie überall in Deutschland auch in der Provinz Brandenburg »verwaltet«. Traditionelle Behörden beteiligten sich aktiv an der Umsetzung der antisemitischen Gesetze, Verordnungen und Verfügungen. Fast alle Institutionen des NS-Regimes waren im Zuge der Gleichschaltungspolitik in die Verfolgungsmaschinerie eingebunden. Die Erfassung der Opfer mittels Überwachungsakten sowie unterschiedlichster personen-, sachund ortsbezogener Karteien und Listen spielte hierbei eine zentrale Rolle. Betrachtet man die Akteure, so sind neben der Geheimen Staatspolizei insbesondere auch die Regierungspräsidien Potsdam3 und Frankfurt (Oder)4, das Oberpräsidium der Provinz Brandenburg5, die Landräte, Bürgermeister und Amtsvorsteher sowie die Finanzbehörden zu nennen. Der Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg nahm als mittlere Finanzbehörde bei der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Brandenburg einen zentralen Platz ein. Er wurde unterstützt von den lokalen Finanzämtern. Geheime Staatspolizei und Finanzbehörden arbeiteten intensiv zusammen. Die fiskalische Verfolgung beinhaltete vorrangig folgende Aspekte: steuerliche Diskriminierung, Erhebung von Sonderabgaben, Konfiszierung von Eigentum jüdischer Emigranten sowie die Verwaltung und Verwertung des Eigentums der Deportierten. In unmittelbarem Zusammenhang mit den Deportationen wurde die »Vermögensverwertungsstelle« als Sonderstrukturteil eingerichtet. Darüber hinaus beteiligten sich als »Akteure« Banken, Versicherungsgesellschaften, Energiebetriebe, aber auch Vermieter und Nachbarn. Das Verhalten der Bevölkerung in Brandenburg gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern unterschied sich nicht von der allgemeinen Situation im NS-Staat. Juden wurden denunziert und diskriminiert. Zahlreiche Personen profitierten von der fiskalischen Judenverfolgung, wie z. B. die Vielzahl der im Zuge von »Arisierungen« im Jahr 1938 »gegründeten« Unternehmen und seitenlange Protokolle von Versteigerungen der letzten Habseligkeiten der Deportierten dokumentieren. Die schriftliche Hinterlassenschaft der NS-Verwaltung fordert zur demokratischen Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Unrecht heraus. Dies geschieht in der Gegenwart mittels der im Brandenburgischen Landeshauptarchiv (BLHA) überlieferten Quellen auf verschiedene Art und Weise. Vielfach gelingt es mit Hilfe dieser Unterlagen, das Schicksal von Opfern des Holocaust in der Provinz Brandenburg aufzuklären. Im Rahmen der Wiedergutmachungspolitik der Bundesrepublik Deutschland werden die relevanten Bestände seit vielen Jahren zur Klärung offener Vermögensfragen herangezogen. Anfragen zu diesem Thema stellen einen wichtigen Arbeitsschwerpunkt des Brandenburgischen Landeshauptarchivs dar. Hierbei werden sowohl deutsche als auch ausländische Institutionen tätig. In weiteren Fällen können die Archivalien für Verfahren zur Wiedererlangung der deutschen Staatsbürgerschaft genutzt werden. Verschiedene Projekte im Bereich der politisch-historischen Bildungsarbeit tragen dazu bei, im Land Brandenburg eine direkte Auseinandersetzung mit dem in der Region begangenen Unrecht zu fördern. Die Beschäftigung mit den im BLHA verwahrten Quellen
3 Als Regierungspräsident in Potsdam waren tätig: 1933 bis 1938 Ernst Fromm, 1938 bis 1945 Gottfried von Bismarck-Schönhausen. Vgl. Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815–1945, Reihe A: Preußen, Hubatsch, Walther (Hrsg.): Band 5: Brandenburg, bearbeitet von Werner Vogel, Marburg/Lahn 1975, S. 61. 4 Als Regierungspräsident in Frankfurt (Oder) waren tätig: 1933 bis 1934 Felix Eichler, 1935 bis 1936 Hermann Bresgen, 1937 bis 1945 Heinrich Refordt. Vgl. ebenda, S. 131. 5 Als Oberpräsident der Provinz Brandenburg waren tätig: 1933 bis 1936 Wilhelm Kube, 1936 bis 1945 Emil Stürtz. Vgl. ebenda, S. 37.
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hilft, Strukturen und Wirkungsweisen der nationalsozialistischen Herrschaft besser zu verstehen, und fördert eine demokratische Erinnerungskultur. Im vorliegenden Band werden in exemplarischer Auswahl Dokumente publiziert, die die Verantwortung der regionalen und lokalen Verwaltungsbürokratie bei der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Brandenburg aufzeigen. Einzelne Selbstzeugnisse von Betroffenen wie Briefe ergänzen das Bild. Daraus werden die Ausmaße der Judenverfolgung in Brandenburg im Ganzen, aber auch erschütternde Einzelschicksale deutlich.
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Haft in der »Judenkompanie« des KZ Oranienburg Die Entrechtung von Juden in Deutschland verlief seit 1933 stufenweise. Sie begann für jüdische Regimegegner bereits unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten mit dem Verlust der persönlichen Freiheit. Auf dem Territorium der Provinz Brandenburg entstand während der NS-Zeit ein verzweigtes Netz von Konzentrationslagern mit dazugehörigen Außenkommandos und Arbeitslagern.6 Die ersten nationalsozialistischen Konzentrationslager wurden in Deutschland 1933 eingerichtet. Sieben Wochen nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten öffnete am 21. März 1933 in der alten Brauerei in Oranienburg, Berliner Straße, ein erstes KZ. Bei den Häftlingen handelte es sich vorwiegend um politische Gegner des NS-Regimes, die aufgrund der sogenannten »Reichstagsbrandverordnung«7 unter »Schutzhaft«8 gestellt wurden. Juden waren hiervon fast ausschließlich infolge ihrer politischen Aktivitäten in Parteien und Gewerkschaften, als Abgeordnete bzw. als dem NS-Regime kritisch gegenüberstehende Intellektuelle betroffen. Die Insassen des KZ leisteten Erd-, Straßenbau- und Forstarbeiten in der Umgebung der Stadt Oranienburg und waren unvorstellbaren Haftbedingungen ausgesetzt. Zunächst erfolgte die Bewachung durch SA-Mannschaften, die im Juni 1934 durch SS-Personal ausgetauscht wurden. (Vgl. Dokumente 7, 8) Das Konzentrationslager wurde schließlich am 31. Juli 1934 geschlossen. Insgesamt waren dort bis zu diesem Zeitpunkt etwa 3.000 Personen inhaftiert. Eine genaue Zahl der Todesopfer ist bisher nicht bekannt.9 Die Lagerleitung separierte die jüdischen Häftlinge in einer speziellen »Judenkompanie«, in der sich insgesamt ca. 55 Personen befanden. Nicht selten erfolgte bereits in der bei der Einlieferung in das KZ erstellten Personenbeschreibung des Inhaftierten eine zusätzliche Kennzeichnung als »jüdisch«. (Vgl. Dokument 1) Jüdische Häftlinge trugen spezielle Armbinden und waren besonderen Schikanen ausgesetzt. Über den Haftalltag berichtete nach geglückter Flucht in das Ausland der Rabbiner Max Abraham aus Rathenow, der seit Juni
6 Vgl. Verzeichnis der Konzentrationslager und ihrer Außenkommandos gemäß § 42 Abs. 2 BEG, in: BGBl., 64, Bl. 1787 ff. 7 Am 28. Februar 1933 als »Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat« erlassene Notverordnung. Zum Anlass wurde der Brand des Reichstages am 27. Februar 1933 genommen. Mit der »Reichstagsbrandverordnung« wurden die bürgerlichen Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt. Vgl. RGBl. 1933 I, S. 83. 8 Bereits die »Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes« vom 4. Februar 1933 hatte der Polizei die Befugnis einer längeren Inhaftierung von Personen ohne richterlichen Haftbefehl gegeben, die jedoch drei Monate nicht überschreiten durfte. Die »Reichstagsbrandverordnung« ermöglichte eine zeitlich unbegrenzte Inhaftierung, gegen die keinerlei Rechtsbehelf zur Verfügung stand. Vgl. ebenda, S. 35. 9 Vgl. Morsch, Günter (Hrsg.): Konzentrationslager Oranienburg (= Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Band 3), Berlin 1994, S. 9 ff.
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1933 im KZ inhaftiert war.10 Unter den Häftlingen befand sich eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die als Zöglinge des Jüdischen Jugend- und Lehrheimes in Wolzig unter dem Vorwand von angeblich kommunistischer Betätigung und illegalem Waffenbesitz verhaftet worden waren. Abraham schildert: »Durch schreckliche Foltern wurden […] die Kinder zu dem Geständnis gezwungen, dass sie sich kommunistisch betätigt hätten. […] Die Kinder wurden stundenlang auf das grauenhafteste geschlagen und zu den schwersten körperlichen Arbeiten herangezogen.«11 (Vgl. Dokument 6) Der jüngste inhaftierte Zögling war zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt. Zu den prominenten Häftlingen gehörte der jüdische Schriftsteller, Publizist und Anarchist Erich Mühsam, der in der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1934 nach mehrmonatiger Haft im KZ Oranienburg zu Tode gefoltert wurde.12 Bei dem Potsdamer Ludwig Levy handelte es sich um einen der weniger bekannten Inhaftierten. Sein Schicksal ist symptomatisch für den Weg vieler jüdischer Intellektueller: Levy hatte mehrere Jahre in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung ein Mandat der SPD innegehabt. Er gehörte damit zu den Personen, die unmittelbar nach der Machtübernahme durch das NS-Regime in doppelter Weise verfolgt wurden: als politischer Regime-Gegner und als Jude. Bereits am 24. Juni 1933 kam es zu Verhaftung und Einlieferung in das Polizeigefängnis in Potsdam mit anschließender Überstellung nach Oranienburg am 28. Juni 1933. Ludwig Levy war bis zum 24. Juli 1933 im KZ Oranienburg inhaftiert. Seine Ehefrau bemühte sich unterdessen verzweifelt um eine Freilassung. Sie wandte sich an verschiedene Stellen, darunter an das Geheime Staatspolizeiamt in Berlin mit einem Gesuch um Freilassung. (Vgl. Dokument 2) Am 24. Juli 1933 wurde Ludwig Levy aus dem KZ Oranienburg entlassen.
Durchführung des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« Zwei Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde am 7. April 1933 das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums«13 verabschiedet. Auf dessen Grundlage erfolgte die Gleichschaltung des öffentlichen Dienstes im Land und die Entlassung von Regimegegnern. Der sogenannte »Arierparagraph« (§ 3) bildete den Ausgangspunkt für die Verdrängung jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus allen Bereichen des beruflichen und gesellschaftlichen Lebens. Er verbot die Beschäftigung von »Nichtariern« im öffentlichen Dienst. Als »nichtarisch« galt, wer einen jüdischen Eltern- oder Großelternteil besaß. Die Betroffenen wurden in den sofortigen Ruhestand versetzt.14 Verbände und berufsständische Organisationen wendeten das Gesetz auch außerhalb des öffentlichen Dienstes an. (Vgl. Dokument 19)
10 Vgl. Abraham, Max: Juda verrecke. Ein Rabbiner im Konzentrationslager, in: Diekmann, Irene A./Wettig, Klaus (Hrsg.): Konzentrationslager Oranienburg. Augenzeugenberichte aus dem Jahre 1933, Potsdam 2003, S. 113 ff. 11 Ebenda, S. 133. 12 Vgl. Kreiler, Kurt: Vom zufälligen Tod eines deutschen Anarchisten. Leben und Tod des Schriftstellers Erich Mühsam, in: Morsch: Konzentrationslager Oranienburg, S. 95 ff. 13 Vgl. RGBl. 1933 I, S. 175. 14 Von dieser Regelung ausgenommen waren vorerst jüdische Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges sowie Personen, die vor dem 1. August 1914 verbeamtet worden waren. Mit der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze im September 1935 entfielen auch diese Ausnahmen.
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In der Provinz Brandenburg fand seit Frühjahr 1933 eine systematische Ausgrenzung von jüdischen Angestellten und Beamten statt. Hiervon zeugt die Vielzahl an Personalverfahren, die in dieser Zeit eingeleitet wurden. Zu den betroffenen Berufsgruppen gehörte unter anderem die Lehrerschaft.15 Die Schulabteilung des Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg und von Berlin ermittelte umgehend den Personenkreis, auf den das Gesetz anzuwenden war. Hierunter fiel auch die gebürtige Potsdamerin Rose Cohn, die nach langjähriger Beschäftigung in ihrer Heimatstadt im April 1933 an der Wilhelm-Conrad-Schule in Berlin-Zehlendorf im Schuldienst tätig war. Ihre Personalakte, die zu einem wesentlichen Teil Unterlagen zur Durchführung des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« enthält, dokumentiert den üblichen Ablauf der Verfahren.16 Mit Schreiben vom 11. April 1933 wurde die zunächst aufgrund eines ärztlichen Attestes bis zum 20. April für die »wissenschaftliche Mittelschullehrerin Rose Cohn, mosaisch«17 bestehende Beurlaubung durch das Oberpräsidium »bis auf weiteres« verlängert. Die Lehrerin erhielt in Vorbereitung des üblichen Personalverfahrens einen Fragebogen18, den sie ausfüllte und am 9. Juli 1933 unterzeichnete. (Vgl. Dokument 4) Bereits am 11. August 1933 teilte der Oberpräsident Rose Cohn mit, dass er beabsichtige, das Gesetz auf sie anzuwenden. (Vgl. Dokument 5) Es wurden Erkundigungen über das dienstliche Verhalten eingeholt, ein »Ausschuss politischer Vertrauensmänner« beim Oberpräsidium prüfte und bestätigte die Anwendung des »Arierparagraphen«, der Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung traf als oberster Dienstherr die abschließende Entscheidung über die Versetzung in den Ruhestand, die ihr am 23. September 1933 durch die Schulabteilung des Oberpräsidenten mitgeteilt wurde.19 Mit dieser Entscheidung war die berufliche Laufbahn der 36-jährigen Lehrerin beendet.20 Sie gab ihre Wohnung in Berlin-Lichterfelde auf und zog nach Potsdam in das elterliche Haus zurück. Die weitere Ausgrenzung als Jüdin und den Verlust der bürgerlichen Existenz erlebte Rose Cohn an der Seite ihrer Eltern in ihrer Geburtsstadt Potsdam.21 Am 7. April 1933 wurde für die jüdischen Rechtsanwälte mit dem »Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft«22 eine analoge Regelung getroffen. Nach seiner Haftentlassung erteilte das Preußische Justizministerium auch Ludwig Levy ein Berufsverbot. (Vgl. Dokument 3) Er arbeitete daraufhin bis 1938 als Angestellter in einer Konservenfabrik, wurde im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom erneut verhaftet und in das KZ Sachsenhausen
15 Eine systematische Untersuchung zur Verdrängung jüdischer Lehrer aus dem Schuldienst in der Provinz Brandenburg liegt bisher nicht vor. 16 Vgl. Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Rep. 2 A Regierung Potsdam Abt. II Pers. Nr. C 49. 17 Ebenda, Bl. 43. 18 Bei dem Fragebogen handelt es sich um ein fünfseitiges Formular, in dem u. a. nähere Angaben zu den Eltern und Großeltern einschließlich der Konfession sowie die Mitgliedschaft in politischen Parteien und Gewerkschaften erfragt wurden. 19 Vgl. BLHA, Rep. 2 A Regierung Potsdam Abt. II Pers. Nr. C 49, Bl. 43 ff. 20 Offensichtlich war Rose Cohn im Januar und Februar 1936 kurzzeitig noch einmal im Jüdischen Landschulheim in Caputh bei Gertrud Freytag als Lehrerin tätig. Vgl. BLHA, Rep. 2 A Regierung Potsdam Abt. II Pers. Nr. C 49, Bl. 79. 21 Das Grundstück in Potsdam, Burgstr. 54 wurde am 14. Juli 1936 vom Vater, Max Cohn, verkauft. Die Mutter, Dora Cohn, war unmittelbar davor verstorben. Rose Cohn und ihr Vater bezogen eine Mietwohnung in Potsdam. Nach dem Tod ihres Vaters am 9. Juni 1940 zog Rose Cohn in eine Sammelwohnung in Potsdam, Körnerweg 4 und wurde später im Sammellager Potsdam-Babelsberg, Bergstr. 1 (Jüdisches Altersheim) untergebracht. Sie wurde am 11. Januar 1942 mit dem ersten Deportationstransport aus Potsdam über Berlin nach Riga deportiert. Im September 1942 verstarb Rose Cohn in Riga. Vgl. BLHA, Rep. 36 C Finanzamt Potsdam Nr. 219; BLHA, Rep. 36 A Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg (II) Nr. 55105. 22 Vgl. RGBl. 1933 I, S. 699.
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verschleppt. Im Dezember 1938 gelang ihm mit seiner Familie die Flucht nach Palästina.23 Weitere Unterlagen bezüglich der Ausschaltung jüdischer Rechtsanwälte aus dem Berufsleben sind bei einzelnen Landgerichten überliefert.24
Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft Eine weitere Facette staatlicher Willkür gegenüber jüdischen Bürgern zeigte sich im Umgang mit ihrer Staatsbürgerschaft.25 In der Provinz Brandenburg lebte eine Reihe von Personen und Familien, denen nach einem langwierigen Prüfverfahren Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre die deutsche Staatsangehörigkeit zuerkannt worden war. Es handelte sich hierbei überwiegend um osteuropäische Juden. Aufgrund des »Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit«26 vom 14. Juli 1933 wurde dieser Personenkreis erneut überprüft. Nach § 1 des Gesetzes konnten Einbürgerungen widerrufen werden, »falls die Einbürgerung nach völkisch-nationalen Grundsätzen als unerwünscht anzusehen ist«27. (Vgl. Dokument 9) Die »nicht erwünschten« Einbürgerungen widerriefen in der Regel die Landes- und Polizeibehörden. In einem mehrseitigen Fragebogen wurden Angaben zur Person sowie den Familienangehörigen erhoben. (Vgl. Dokument 10) Das Schicksal des seit 1901 in Deutschland lebenden Kantors der Synagogengemeinde Potsdam, Josef Apriasky, verdeutlicht die Vorgänge. Am 26. November 1926 hatte ihm das Polizeipräsidium in Potsdam die Einbürgerungsurkunde ausgehändigt.28 Mit einer Verfügung des Regierungspräsidenten in Potsdam vom 10. Juli 1934 begann eine erneute Überprüfung, die zum Widerruf der Einbürgerung führte. Als Begründung wurde angegeben: »Apriasky ist eingewanderter Ostjude, hat auf deutscher Seite im Weltkrieg an der Front nicht gekämpft und sich auch sonst um die deutschen Belange nicht besonders verdient gemacht.«29 Üblicherweise wurde der gesamten Familie die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen.30 Josef Apriasky lebte bis Anfang 1942 in Potsdam. Er erlitt mit seiner Familie als eines der ersten Opfer aus der Provinz Brandenburg das Schicksal der Deportation. (Vgl. Dokumente 93, 97, 121) In der Stadt Cottbus war das Ehepaar Jozefa und Josef Baumwollspinner betroffen. Die Ortspolizeibehörde vermerkte am 20. Dezember 1933 den Tatbestand der Ausbürgerung. (Vgl. Dokument 9) Die in diesem Zusammenhang eingezogenen und »ungültig« gestempelten Reisepässe blieben erhalten. (Vgl. Dokumente 16, 17)
23 Vgl. Bergemann, Hans/Ladwig-Winters, Simone: Für ihn brach die Welt, wie er sie kannte, zusammen … Juristen jüdischer Herkunft im Landgerichtsbezirk Potsdam, Köln 2003, S. 120 f. 24 Auf weitere Beispiele kann in dem vorliegenden Band verzichtet werden, da für den Landgerichtsbezirk Potsdam eine umfassende Studie vorliegt. Vgl. ebenda. 25 Ausführlich hierzu: Lehmann, Hans Georg: Acht und Ächtung politischer Gegner im Dritten Reich, in: Hepp, Michael (Hrsg.): Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger 1933–1945 nach den im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen, Bd. 1, München u. a. 1985, S. IX ff. 26 Vgl. RGBl. 1933 I, S. 480. 27 Ebenda. 28 Vgl. BLHA, Rep 2 A Regierung Potsdam I St Nr. 1446, o. Bl. 29 Ebenda. 30 Das Bundesverwaltungsamt präsentiert in seinem Hauptgebäude unter dem Titel »Menschenschicksale. Die deutsche Staatsangehörigkeit im Dritten Reich. Einbürgerung – Widerruf – Aberkennung« eine Dokumentation zur Ausbürgerung von überwiegend prominenten Opfern dieser Form staatlicher Willkür. Vgl. http://www.bva.bund.de/nn_681506/DE/Aufgaben (17.5.2010).
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Der »Fall Einstein« Das Leben und Wirken von Albert Einstein war in den Jahren 1929 bis 1933 eng mit der Provinz Brandenburg verknüpft. Er erwarb in Caputh ein Grundstück, auf dem ein Sommerhaus errichtet wurde. Aus Anlass seines 50. Geburtstages schenkten Freunde ihm ein Segelboot, mit dem Einstein sich gern auf den brandenburgischen Gewässern erholte. Caputh wurde damit zu einem beliebten Treffpunkt jüdischer Intellektueller. Albert Einstein kehrte mit seiner Ehefrau Elsa nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 von einer Reise in die USA nicht nach Deutschland zurück. Er erfuhr in der Folge aber auch aus der Ferne zahlreiche Facetten nationalsozialistischer Verfolgung. Als prominenter Jude und Pazifist war er besonderen Anfeindungen durch das NSRegime ausgesetzt. Dazu zählten diffamierende Pressekampagnen sowie die Vernichtung seiner Schriften bei der öffentlichen Verbrennung »undeutschen Schrifttums« am 10. Mai 1933 in Berlin. Bereits einige Tage zuvor, am 20. März 1933, hatten Nazis das Sommerhaus in Caputh nach angeblich versteckten Waffen durchsucht. Am 24. März 1934 erfolgte schließlich die Ausbürgerung von Albert Einstein.31 Im Januar 1933 wurde sein kompletter Besitz beschlagnahmt und zugunsten des preußischen Staates eingezogen. Hierunter fiel auch das in Caputh in einer Bootswerft liegende Segelboot, das in den folgenden Monaten »arisiert« wurde. Nachdem der Regierungspräsident in Potsdam zunächst die »dienstliche Verwendung« des Bootes bei Polizeibehörden erfolglos geprüft hatte, kam es zur Versteigerung. (Vgl. Dokument 12) In der Rubrik »Kleine Anzeigen« erfolgte in der »Potsdamer Tageszeitung« vom 28. Februar 1934 die öffentliche Ankündigung.32 Verschiedene Interessenten bemühten sich daraufhin um das Segelboot. (Vgl. Dokument 13) Den Zuschlag erhielt der Zahnarzt Wilhelm Fiebig aus Nowawes. Im Ergebnis der Versteigerung ging laut Bericht des Regierungspräsidenten in Potsdam an den Preußischen Finanzminister vom 12. Juni 1934 ein Betrag von 1099,50 Reichsmark an die Regierungshauptkasse in Potsdam. (Vgl. Dokument 14) Im Jahr 1935 wurde auch das Sommerhaus von Albert Einstein nebst Gartenhaus beschlagnahmt und durch den preußischen Staat eingezogen. Zunächst nutzte das Jüdische Kinder- und Landschulheim das Gebäude, bevor es im Zuge weiterer Enteignungen an die Gemeinde Caputh überging.33 Mit der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 erfolgte von einem Tag zum anderen die endgültige Enteignung aller jüdischen Emigranten. Die sogenannte Vermögensverwertungsstelle beim Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg erfasste in diesem Zusammenhang auch das im Exil lebende Ehepaar Albert und Elsa Einstein. (Vgl. Dokument 122)
31 Vgl. Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger 1933–1945 nach den im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen, Band 1, S. XXVI ff. 32 Vgl. BLHA, Rep. 2A Regierung Potsdam I Pol Nr. 1165, S. Bl. 43. 33 Vgl. Grundmann, Siegfried: Einsteins Akte. Einsteins Jahre in Deutschland aus der Sicht der deutschen Politik, Berlin/ Heidelberg/New York 1998, S. 384 ff.
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»Nürnberger Gesetze« Das Jahr 1935 brachte einschneidende antisemitische Gesetze und Verordnungen mit sich. Bereits im Mai wurden alle Juden vom Wehrdienst ausgeschlossen. Die diesbezüglichen Überprüfungsverfahren zogen sich – wie das Beispiel von Klaus Otto Ascher zeigt – in der Provinz Brandenburg zum Teil bis in das Jahr 1940. (Vgl. Dokument 87) Die »Nürnberger Gesetze« bildeten die Handhabe für eine weitere Ausgrenzung und Stigmatisierung der jüdischen Bevölkerung. Besonders tief greifende Auswirkungen auf das Alltagsleben hatten das »Reichsbürgergesetz« und das »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre«.34 Beide Gesetze wurden am 15. September 1935 auf dem Nürnberger Parteitag der NSDAP verkündet und bildeten fortan die Grundlage der antijüdischen Politik in Deutschland. Das »Reichsbürgergesetz« stufte Menschen jüdischer Herkunft nach rassistischen Prinzipien in verschiedene Kategorien ein. Zahlreiche Ausführungsbestimmungen sowie Durchführungsverordnungen ergänzten dieses Gesetz in der Folgezeit.35 Den Alltag der jüdischen Bevölkerung prägte indes nicht nur staatliche Verfolgung, sondern zunehmend auch aggressiver Antisemitismus der Mitbürger. Die Ausgrenzung der Juden vollzog sich auf verschiedenste Weise.36 Viele Betroffene waren angesichts der Vernichtung ihrer bürgerlichen Existenz fassungslos. Ein Beispiel hierfür stellen die Vorgänge um den in Falkenberg/Mark bekannten und beliebten Arzt Werner Jaffé dar. Denunzierende Artikel in der nationalsozialistischen Presse und anonyme Drohungen prägten ab Mitte 1935 das Leben seiner Familie. (Vgl. Dokumente 25, 26) Am 29. Dezember 1935 schilderte er in einem Schreiben an den Reichsminister des Innern seine Situation und äußerte die Bitte, »einen anständigen und vaterlandsliebenden Deutschen – auch wenn er nur Staatsangehöriger ist – vor Ehrabschneidung und Verleumdung zu schützen«37. (Vgl. Dokument 27) Werner Jaffé dürfte nicht bekannt gewesen sein, dass sich der Deutsche Automobil-Club e.V. bereits am 16. März 1935 »vertraulich« an den Gemeindevorsteher des Ortes gewandt hatte, um in Erfahrung zu bringen, ob der Arzt »Nichtarier« sei. (Vgl. Dokument 19) Letzteres bestätigte die Ortspolizeibehörde schriftlich. Die Lehrerin Katharina Gaeßner aus Oderberg/Mark wurde von den Eltern eines Schülers denunziert, weil sie ein jüdisches Kind nicht ausgrenzte. (Vgl. Dokument 31) In Jüterbog führte der Bürgermeister der Stadt seit Sommer 1935 eine Kampagne gegen Albert Joel. Dieser lebte seit 1922 in der Stadt und betrieb als Generalvertreter ein Schuhgeschäft der Salamander Aktiengesellschaft. Es erfolgte massiver Druck zur Liquidierung des Ladens. (Vgl. Dokument 23) So schrieb der Bürgermeister am 12. September 1935 an den Landrat des Kreises Jüterbog-Luckenwalde: »Ich bitte zu genehmigen, dass seitens der Stadt-
34 Vgl. RGBl. 1933 I, S. 195 ff.; RGBl. 1935 I, S. 1146 ff.; RGBl. 1935 I, S. 1333 f. Vgl. hierzu auch Hilberg, Raul: Die Vernichtung der europäischen Juden. Frankfurt (Main) 1990; Adam, Uwe Dietrich: Judenpolitik im Dritten Reich. Düsseldorf 1972. 35 Vgl. Walk, Joseph (Hrsg.): Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat. Eine Sammlung der gesetzlichen Maßnahmen und Richtlinien – Inhalt und Bedeutung, Heidelberg/Karlsruhe 1981, S. 599 ff. 36 Im BLHA sind im Bereich der Regierung Potsdam (Politische Polizei) mehrere Sammelakten mit entsprechenden Vorgängen überliefert. Vgl. u. a. BLHA, Rep. 2 A I Pol Nr. 1919, 1920. 37 BLHA, Rep. 2 A Regierung Potsdam I Pol Nr. 1919, Bl. 191.
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verwaltung weiterhin auf die Salamander Akt[ien] Ges[ellschaft] eingewirkt wird, damit diese dem Joel die Vertretung entzieht.«38 Gleichzeitig drängte er die Vermieterin des Schuhhändlers zur Kündigung des Mietverhältnisses für den Laden. (Vgl. Dokument 22) Die Verzweiflung von Albert Joel, der eine Familie mit zwei minderjährigen Kindern zu versorgen hatte, zeigt sich in seinem Schreiben vom 2. August 1935 an den Regierungspräsidenten in Potsdam: »Was bleibt mir da, wo man mir meine Existenz vernichten will, noch übrig, als den letzten Schritt zu tun: Den freiwilligen gemeinsamen Tod!«39 (Vgl. Dokument 24) Das Geschäft wurde in der Folgezeit liquidiert. Das weitere Schicksal der Familie Joel ist unbekannt. Für alle Beamten und im öffentlichen Dienst Beschäftigten galt das Verbot des »Verkehrs mit Juden«. Der Bürgermeister von Jüterbog gab bereits am 1. Juli 1935 eine entsprechende Verfügung bekannt und ließ sie von jedem mit Unterschrift zur Kenntnis nehmen. (Vgl. Dokument 20) In den anschließenden Monaten erfassten unterschiedliche staatliche Dienststellen die jüdischen Gewerbetreibenden und Inhaber von freien Berufen in Listen und Verzeichnissen. (Vgl. Dokumente 32, 35) Der Polizeipräsident in Potsdam ließ in seinem Zuständigkeitsbereich 1936 erstmals ein derartiges Verzeichnis erstellen, das im Jahr 1937 mehrfach aktualisiert wurde.40 Die Auflistung enthält »nichtarische« Geschäfte, Ärzte, Dentisten und Rechtsanwälte in Potsdam und Nowawes. Für die Stadt Frankfurt (Oder) ist ein undatiertes »Verzeichnis der nichtarischen Geschäfte und Inhaber von freien Berufen« überliefert.41 Unter der Überschrift »Wer beim Juden kauft, schadet der deutschen Volksgemeinschaft« liegt für Potsdam eine weitere »Liste der jüdischen Geschäfte« mit Stand vom 1. November 1937 vor, die hier nur erwähnt werden kann.42 Auch diese Listen und Verzeichnisse dienten nicht nur der Erfassung jüdischer Betriebe. Die im unmittelbaren Umfeld der Veröffentlichung erlassenen Verfügungen des Polizeipräsidenten in Potsdam zum »Umgang mit Juden« zielen eindeutig auf die Ausgrenzung des erfassten Personenkreises. (Vgl. Dokumente 33, 34)
Emigration Zahlreiche jüdische Bürgerinnen und Bürger sahen relativ schnell nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ihre Existenz bedroht und verließen Deutschland. Die Auswanderungsbemühungen wuchsen parallel zur Radikalisierung der NS-Verfolgungspolitik. Die Gesamtzahl der zwischen Ende Januar 1933 und dem 1. September 1939 emigrierten Personen kann nur geschätzt werden. Anhand der Volkszählungsunterlagen aus den Jahren 1933 und 1939 lässt sich nachweisen, dass in diesem Zeitraum etwa 239.000 Juden das Land ver-
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Ebenda, Bl. 149. Ebenda, Bl. 142. Vgl. BLHA, Rep. 30 Polizeipräsidium Potsdam Nr. 261, S. 277 ff. Beide Listen werden im vorliegenden Band vollständig publiziert. Das erste Blatt der »Liste der nichtarischen Geschäfte in Potsdam« vom 20. August 1937 wurde bereits veröffentlicht in: Schockenhoff, Volker (Hrsg.): Ich weiß nicht, was mit ihnen geschehen ist… Eine Spurensuche. Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung Potsdamer jüdischer Bürgerinnen und Bürger in der NS-Zeit, Potsdam 1999. Das undatierte Verzeichnis aus Frankfurt (Oder) wird aufgrund der zu vermutenden Entstehungszusammenhänge neben der entsprechenden Liste aus der Stadt Potsdam eingeordnet. 42 Vgl. BLHA, Rep. 12 B Staatsanwaltschaft Potsdam Nr. 352, Bl. 70.
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ließen.43 Bis zum endgültigen Auswanderungsverbot am 23. Oktober 1941 emigrierten etwa 455.000 nach den Kriterien der »Nürnberger Rassegesetzgebung« als Juden bezeichnete Personen aus Deutschland.44 Die Rahmenbedingungen für die Emigration waren kompliziert. Häufig behinderten eine widersprüchliche Auswanderungspolitik des NS-Regimes und restriktive Einwanderungsquoten der potentiellen Emigrationsländer die Flucht. Die Beobachtung und Erfassung von Emigranten stellte einen integralen Bestandteil der NS-Verfolgungspolitik dar. Ging es zunächst vorrangig um die Beobachtung politischer Gegner des Regimes, wurden innerhalb kürzester Zeit Juden massiv einbezogen. Das Geheime Staatspolizeiamt verfügte bereits am 4. Mai 1933 in einem Runderlass, sämtliche Emigranten so genau wie möglich zu erfassen.45 Die Staatspolizeistellen erhielten die Anweisung, dem Geheimen Staatspolizeiamt Listen über sämtliche Emigranten ihres Zuständigkeitsbereiches vorzulegen. Die Ortspolizeibehörden hatten die Emigranten ihres Bezirkes an die Kreispolizeibehörden zu melden, die wiederum die Meldungen in einer Liste zusammenfassten.46 (Vgl. Dokument 11) In der Rundverfügung der Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeistelle Potsdam, an alle Landräte des Regierungsbezirkes Potsdam vom 15. Mai 1936 wird der Begriff »Emigrant« wie folgt definiert: »Als Emigranten im Sinne dieses Erlasses sind diejenigen Personen anzusehen, die vor dem 30.1.1933 in Deutschland ansässig waren und die das Reich […] aus politischen Gründen verlassen haben. […] Bei Juden ist grundsätzlich anzunehmen, dass sie Deutschland aus politischen Gründen verlassen haben.«47 (Vgl. Dokument 28) Offensichtlich wurde auch die Post überwacht, um Fluchtbestrebungen im Voraus zu ermitteln. (Vgl. Dokument 29) In den Jahren 1933/34 handelte es sich um eine vorrangig politisch motivierte Emigration. Am 8. Februar 1934 meldete der kommissarische Amtsvorsteher von Caputh dem zuständigen Landrat unter der Tagebuchnummer »Pol. 316. Emigrantenerfassung« in der Kategorie »c) Marxistische Zersetzer und Verbrecher in führenden Stellungen« Albert und Elsa Einstein. Unter Kategorie »d) Bedeutungslose kleine Leute und grundlos verängstigte Volksgenossen« wird über die Emigration der »ganzen Familie Beyer nach Palästina« informiert.48 (Vgl. Dokument 11) Die Verschärfung der antisemitischen Repressalien im Zusammenhang mit den »Nürnberger Gesetzen« führte jedoch zu einer verstärkten Flucht breiter Bevölkerungskreise. Georg Kempe war in Oderberg/Mark seit 1913 in zweiter Generation als praktischer Arzt tätig. Seit 1935/36 bemühte er sich um die Ausstellung eines Reisepasses für sich und seine Familienangehörigen. (Vgl. Dokument 30) Es begann das übliche, diskriminierende Prozedere: Der Bürgermeister als Ortspolizeibehörde berichtete »über das Treiben des Juden Kempe«49. Diesem wurde zunächst der Pass verweigert und ein Polizeihauptwachmeister angewiesen,
43 Vgl. Benz, Wolfgang: Die Juden in Deutschland 1933–1945. 3. Auflage, München 1993, S. 738. 44 Vgl. Herbst, Ludolf: Das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Die Entfesselung der Gewalt: Rassismus und Krieg, Frankfurt (Main) 1996, S. 213. 45 Vgl. Lehmann, Hans Georg: Acht und Ächtung politischer Gegner im Dritten Reich, S. X. 46 Vgl. BLHA, Rep. 41 Amtsbezirk Caputh Nr. 15, Bl. 1 ff. Aus der Stadtverwaltung Liebenwalde ist eine Akte mit dem Titel »Bekämpfung der Juden und Emigranten« überliefert. Vgl. auch BLHA, Rep. 161 NS-Archiv des MfS Z/C Nr. 13960. 47 BLHA, Rep. 41 Amtsbezirk Caputh Nr. 15, Bl. 7. 48 Vgl. ebenda, Bl. 1 f. 49 Ebenda.
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ihn dementsprechend »mündlich zu bescheiden«. Georg Kempe widersprach und die Geheime Staatspolizei, Staatspolizeistelle Potsdam, wurde eingeschaltet. Am 21. Juni 1937 befragte der Bürgermeister von Oderberg/Mark als Ortspolizeibehörde den Rechtsbeistand von Kempe: »Sie wollen mir umgehend mitteilen, wohin der Jude Kempe auswandern will.«50 Erst kurze Zeit vor dem Novemberpogrom 1938 gelang der Familie Kempe die Flucht aus Deutschland.51 Am 9. Dezember 1938 informierte der Bürgermeister von Oderberg/Mark als Ortspolizeibehörde den Landrat in Angermünde darüber, dass der »Jude Dr. Georg Kempe und seine Familie […] am 13. September 1938 nach Amerika (New York) zur Abmeldung gekommen«52 sind. Zur Unterstützung der Auswanderung regte die Reichsvereinigung der Juden an, im deutschen Reichsgebiet sogenannte Umschulungslager einzurichten. Hier sollten insbesondere jüngere Juden auf landwirtschaftliche Berufe vorbereitet werden, um deren Einwanderungschancen für Länder wie Palästina, aber auch Nord- und Südamerika zu erhöhen. Für die Einwanderung nach Palästina forderte die britische Mandatsbehörde ein Zertifikat über einen landwirtschaftlichen, handwerklichen oder hauswirtschaftlichen Beruf. Aufgrund des durch die NS-Gesetzgebung beschränkten Zugangs zu Ausbildung und Beruf blieb insbesondere jungen Juden nur der Weg über die sogenannten »Umschulungslager«. Neben der beruflichen Ausbildung suchten dort viele Jugendliche nach ihrer jüdischen Identität. In den Lagern der Provinz Brandenburg fanden junge Juden aus ganz Deutschland eine zeitweilige Heimat. Hier entstanden zahlreiche Gruppen, die nach Palästina gingen, um als Siedler ein neues Leben aufzubauen. Das Mindestalter für die Auswanderung betrug 15 Jahre. Von 1934 bis März 1939 wanderten im Rahmen der Jugend-Alijah rund 3.300 Mädchen und Jungen im Alter von 15 bis 17 Jahren direkt bzw. über europäische Transitländer nach Palästina aus. (Vgl. Dokument 83) Die jüdischen Umschulungslager unterlagen einer strengen Beobachtung und Kontrolle durch unterschiedlichste staatliche Behörden der Provinz. Regelmäßig wurden Anzahl der Ausbildungsstätten, Betreiber bzw. Eigentümer, aber auch die Anzahl der Insassen durch die Ortspolizeibehörden erfasst und unter anderem an die Geheime Staatspolizei gemeldet.53 (Vgl. Dokument 21) In der Provinz Brandenburg befanden sich rund 24 derartige Einrichtungen.54 Das Landwerk Havelberg (»Umschulungslager Havelberg«) entstand zum 1. April 1934. Ein Jagdgehöft am Damlacker Weg 2 wurde Ausbildungsstätte für männliche und weibliche Jugendliche in »Gärtnerei-Landwirtschaft«, Handwerk und Hauswirtschaft. Es verfügte über ca. 50 Ausbildungsplätze. Die Jugendlichen blieben in der Regel ein Jahr bis zur Erlangung eines Berufsabschlusses, um dann nach Palästina auszureisen. Über den gesamten Zeitraum seiner Existenz berichtete die Geheime Staatspolizei an zahlreiche staatliche Behörden, darunter den Regierungspräsidenten in Potsdam und den Landrat des Kreises Westprignitz, über das »Umschulungslager«. (Vgl. Dokument 15) Der Leiter der Einrichtung, Siegfried Freund, musste wiederholt nachweisen, dass die dort befindlichen Jugendlichen auf die Auswande-
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Ebenda. Ebenda. BLHA, Rep. 8 Stadt Oderberg, Nr. 808, o. Bl. Vgl. BLHA, Rep. 161 NS-Archiv des MfS Z/C Nr. 13960. Vgl. Paetz, Andreas/Weiss, Karin (Hrsg.): »Hachschara«. Die Vorbereitung junger Juden auf die Auswanderung nach Palästina, Potsdam 1999, S. 47 ff.
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Boykott und Ausgrenzung (1933 bis 1937)
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rung vorbereitet wurden.55 So reichte er in den Jahren 1936 bis 1937 unterschiedliche Pläne zur Gestaltung des Lagergeländes ein, mit denen er belegte, dass eine Ausbildung in landwirtschaftlichen Berufen durchgeführt werden konnte. (Vgl. Dokument 36) Im Sommer 1941 wurden die »Umschulungslager« geschlossen. Nur wenige existierten als Zwangsarbeits- und Sammellager weiter. Hierzu gehörte z. B. das Landwerk Neuendorf im Sande. Jugendliche, denen die Auswanderung nicht mehr gelang, wurden »zusammen gezogen«. Sie leisteten schwere körperliche Arbeit in Betrieben der Region. Auch staatliche Bereiche wie Förstereien bedienten sich ihrer Arbeitskraft. Ab Sommer 1942 erlitten die Zurückgebliebenen gemeinsam das Schicksal der Deportation. Ein vollständiger Überblick für den Anteil von in Brandenburg ausgebildeten Jugendlichen liegt bisher nicht vor.
55 Vgl. BLHA, Rep. 2 A Regierung Potsdam I Pol Nr. 1172, Bl. 294 ff.; Rep. 2 A Regierung Potsdam I LW Nr. 173, Bl. 197 ff.; Rep. 2 A Regierung Potsdam III F Nr. 3105, Bl. 55, 64 f., Nr. 3106, Bl. 7; Rep. 8 Stadt Havelberg Nr. 1845.
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Novemberpogrom und Radikalisierung der Judenverfolgung (1938 bis 1941) »Verzeichnis über das Vermögen von Juden nach dem Stand vom 27. April 1938« Das Jahr 1938 wurde zum Schlüsseljahr für den weiteren Umgang mit der jüdischen Bevölkerung. In Umsetzung der »Nürnberger Rassegesetze« hatte das NS-Regime bis zu diesem Zeitpunkt wesentliche Ziele seiner antisemitischen Politik bereits realisiert. Offen blieben nur noch die Kennzeichnung und die Zusammenfassung der Juden in einem Zwangsverband.56 Mit dem Novemberpogrom radikalisierte sich die antijüdische Politik erneut. Schon vor dem November 1938 wurden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die noch in Deutschland verbliebene jüdische Bevölkerung festgestellt. Nach einer Verfügung vom 26. April 1938 mussten alle Juden bzw. mit einem Juden verheirateten Personen ihr 5.000 RM übersteigendes Bruttovermögen nach dem Stand vom 27. April 1938 bei der »höheren Verwaltungsbehörde«, dem zuständigen Regierungspräsidenten, anmelden.57 Hinsichtlich des zu erfassenden Personenkreises heißt es in der Präambel des Formulars: »Jeder Anmeldepflichtige, also auch jeder Ehegatte und jedes Kind für sich. Für jedes minderjährige Kind ist das Vermögensverzeichnis vom Inhaber der elterlichen Gewalt oder von dem Vormund einzureichen.«58 Die Verpflichtung zur Anmeldung des Vermögens sogenannter »nichtjüdischer« Ehepartner entfiel nur unter der Bedingung, dass die Ehe am 27. April 1938 nicht mehr bestand. (Vgl. Dokument 38) Für den Fall der Nichteinreichung bzw. einer Verzögerung wurde »schwere Strafe (Geldstrafe, Gefängnis, Zuchthaus, Einziehung des Vermögens)« angedroht. (Vgl. Dokument 42) Anzugeben waren: I. Land- und forstwirtschaftliches Vermögen, II. Grundvermögen (Grund und Boden, Gebäude), III. Betriebsvermögen und IV. Sonstiges Vermögen, insbesondere Kapitalvermögen. Gleichzeitig wurden Schulden und Lasten, die im April 1938 bestanden, erfasst. Die Verteilung der Vordrucke an die Betroffenen erfolgte durch die zuständige Ortspolizeibehörde. Bei der Auswertung der erhobenen Angaben wurden wiederum die verschiedensten Instanzen tätig, darunter an erster Stelle Finanzbehörden. So kündigte der Vorsteher des Finanzamtes Beeskow, von Rauchhaupt, am 12. Oktober 1938 dem Regierungspräsidenten in Potsdam per Schreiben »zum Zwecke der angeordneten steuerlichen Auswertung der im Finanzamtsbezirk Beeskow wohnhaften Anmeldepflichtigen«59 für den 14. Oktober 1938 einen Kontrollbesuch an. Der Regierungspräsident wandte sich andererseits selbsttätig an die zuständigen Finanzämter »mit der Bitte um Nachprüfung, ob die Anmeldungen dem wirklichen Vermögensstand entsprechen«. Hierzu
56 Vgl. hierzu ausführlich Gruner, Wolf: Der geschlossene Arbeitseinsatz deutscher Juden. Zur Zwangsarbeit als Element der Verfolgung 1938–1943, Berlin 1997, S. 22 ff. 57 Vgl. RGBl. 1938 I, S. 41. 58 BLHA, Rep. 2 A Regierung Potsdam I HG Nr. 211, Bl.376. 59 Ebenda, Bl. 383.
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