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Die Bischofsresidenz Burg Ziesar und ihre Kapelle (Leseprobe)

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VerĂśffentlichungen des Museums fĂźr brandenburgische Kirchen- und Kulturgeschichte des Mittelalters, Bd. 4

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Clemens Bergstedt Heinz-Dieter Heimann Hartmut Krohm Wilfried Sitte (Hrsg.)

Die Bischofsresidenz Burg Ziesar und ihre Kapelle

Dokumentation der Wandmalereien im Kontext der spätmittelalterlichen Kunst- und Kulturgeschichte der Mark Brandenburg und angrenzender Regionen

be.bra wissenschaft verlag

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Mit freundlicher Unterstützung

Redaktion: Felix Henze

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2009 KulturBrauerei Haus S Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Satz und Gestaltung: typegerecht, Berlin Umschlag: Sebastian Richter, Berlin Titelfoto: Jan Stradtmann, Potsdam Lektorat: Marijke Topp, Berlin Schrift: Foundry Sans 10 pt Druck und Bindung: Printer Trento, Italien ISBN 978-3-937233-54-3

www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt

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Zum Geleit

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Grußworte

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Vorwort der Herausgeber

Einführung 17

Die Bischofsresidenz Burg Ziesar und die Bischöfe von Brandenburg Clemens Bergstedt Heinz-Dieter Heimann Andreas Köstler

Die Burgkapelle in Ziesar und ihre Wandmalereien 45

Zur Restaurierung der Wandmalereien in der Burgkapelle im 20. und 21. Jahrhundert Wilfried Sitte 5

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Drei figürliche Wandmalereien aus dem Berlin des Mittelalters. Teilpräsentation der kunsthistorischen Erfassung und Bewertung mittelalterlicher Wandmalereien im historischen Stadtkern von Berlin Birgit Neumann-Dietzsch

»dominus Theodericus […] basilicam hanc primitus pie fundando construxit«. Zur Architektur der Burgkapelle in Ziesar Hartmut Krohm

157

Aspekte der architektur- und kunstgeschichtlichen Einordnung der spätgotischen Gewölbemalerei der Heilig-Geist-Kapelle in Berlin Jenny Hüttenrauch

67

Zur Baugeschichte der Burg und Burgkapelle in Ziesar Detlev von Olk

165

Kunsttechnologische Untersuchung und Bestandsanalyse der spätgotischen Gewölbemalerei in der Heilig-Geist-Kapelle in Berlin Hans-Martin Reintjes

75

Die mittelalterlichen Wandmalereien der Bischofsresidenz Burg Ziesar Wilfried Sitte

179

Spätgotische Fassadenmalerei an Hallenumgangschören. Die Beispiele der Marienkirchen in Herzberg und Frankfurt an der Oder Jan Raue

51

Zur Sanierung der Burgkapelle in Ziesar Walter Bitzer

55

Der denkmalpflegerische Umgang mit der Burg Ziesar Thomas Drachenberg

61

87

Das Votivrelief in der Kapelle der brandenburgischen Bischofsresidenz Burg Ziesar Hartmut Krohm

Wandmalerei in den Nachbarregionen der Mark Brandenburg und im Ostseeraum

Mittelalterliche Wandmalerei in der Mark Brandenburg 97

115

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203

Anmerkungen zur spätmittelalterlichen Wandmalerei in Sachsen-Anhalt. Ein erster Werkstattbericht Thomas Danzl Elisabeth Rüber-Schütte

227

Aus Fragmenten lesen. Darstellungen und Maltechnik der Wandmalereien in der Schlosskapelle zu Wolmirstedt Anja Romanowski

247

Die spätromanischen Wandmalereien der St. Thomaskirche in Pretzien Martina Weber

Bemerkungen zur Wandmalerei der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Brandenburg Peter Knüvener Die Malereien im nördlichen Kreuzgang des Brandenburger Doms Birgit Malter Rüdiger von Schnurbein Im Schatten großer Kirchen. Wandmalereien aus dem 15. Jahrhundert in Dorfkirchen der Diözese Brandenburg Ute Joksch

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265

275

289

Der Passionszyklus im Bürgerhaus Mecklenburger Straße 12 in Wismar. Eine bauhistorische Annäherung Tilo Schöfbeck

Ausblick 365

Die Wandmalereien der St. Petrikirche in Großburgwedel bei Hannover Bettina Hilleckes Die Chorausstattung der Patronatskirche Behrenhoff bei Greifswald. Ein Beispiel früher Wandmalerei und politischer Bildinhalte in Pommern Tobias Kunz

Wandmalereien in der Mark Brandenburg. Tendenzen und Aufgaben Hartmut Krohm

Anhang 370

Quellen- und Literaturverzeichnis

388

Abbildungsnachweis

389

Autorenverzeichnis

Late-Gothic Wall-Paintings in the Franciscan Church of Saint John the Evangelist in Stettin/ Szczecin Lidia und Lesław Czesnik

Fassungen gotischer Innenräume – Rankenmalerei und gemalte Scheinarchitektur 297

Spätmittelalterliche Raumfassungen in brandenburgischen Stadtkirchen Hans Burger

313

Rankenmalerei und illusionistische Maßwerkfüllung an Beispielen spätgotischer Wandmalerei in Torgau Mechthild Noll-Minor

337

Die Wandmalerei des 14. Jahrhunderts und die Entwicklung zur spätgotischen Illusions-, Monochrom- und Grünrankenmalerei in Böhmen Torsten Nimoth

353

Anmerkungen zum Illusionismus in der Wandmalerei Süddeutschlands im 15. Jahrhundert Antje-Fee Köllermann

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Zum Geleit

Mit dem heutigen Land Brandenburg verbinden sich vielfältige Bilder und Namen: altpreußisches Kulturland, fürstliche Schlösser und Gärten, Friedrich der Große und Theodor Fontane. Eine sowohl baulich als auch historisch international bedeutsame mittelalterliche Bischofsresidenz würden wohl nur die wenigsten Besucher dort vermuten. Die Burg Ziesar – in dem gleichnamigen Städtchen ganz im Westen Brandenburgs gelegen – war von der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis zur Auflösung des Bistums im Zuge der Reformation Sitz der Bischöfe von Brandenburg. Ein besonderes Juwel des Ensembles ist die Burgkapelle. Durch die raffinierte illusionistische Maßwerk- und Rankenmalerei im Inneren wirkt sie wie ein Paradiesgarten auf Erden, eine prachtvolle Himmelslaube. Figürliche Malereien von ebenfalls hoher Qualität vervollständigen die atemberaubende Raumwirkung. Zusammen mit den übrigen Gebäuden der Bischofsresidenz Burg Ziesar – insbesondere dem Bischofspalast mit seinen Malereien und der erhaltenen Fußbodenheizung – vermittelt die Kapelle den Besuchern die Lebenswelten geistlicher Würdenträger an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert hautnah. Die »transatlantische« Zusammenarbeit zwischen der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Mittelbrandenburgischen Sparkasse in Potsdam und dem World Monuments Fund (WMF) unterstreicht die außerordentliche kulturgeschichtliche Bedeutung Ziesars. Zusammen mit unseren Partnern haben wir bereits in der Vergangenheit Maßnahmen zum Erhalt der Wandmalereien unterstützt. Die aktuelle Förderung ermöglicht

Der Reichtum der mittelalterlichen Kirchen- und Kulturlandschaft des heutigen Landes Brandenburg wird mit der Bischofsresidenz Burg Ziesar nun einzigartig augenfällig. Der vorliegende Bildband lädt Sie dazu ein, sich vor Ort von diesem herausragenden Zeugnis nordostdeutscher Sakralarchitektur begeistern zu lassen.

Claus Friedrich Holtmann Vorsitzender des Vorstands der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und Geschäftsführender Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes Bertrand du Vignaud Präsident des World Monuments Fund Europe Paris/New York Walter Schubert Vorsitzender des Vorstands der Mittelbrandenburgischen Sparkasse in Potsdam Friedrich-Wilhelm von Rauch Geschäftsführer der Ostdeutschen Sparkassenstiftung

den Abschluss der letzten Restaurierungsphase sowie die Dokumentation der Arbeiten. Seit Jahresende 2008 erstrahlt der Innenraum der Kapelle wieder in seinem nahezu ursprünglichen Glanz. 9

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Grußwort

Das menschliche Auge ist in der Lage, bis zu zehn Millionen Informationseinheiten pro Sekunde aufzunehmen. Natürlich ist demgegenüber die Informationsmenge, die tatsächlich auch unser Bewusstsein erreicht, wesentlich geringer, denn mit solch einer Informationsmasse wäre der Mensch überfordert. Und doch macht dies auf eine Problemlage aufmerksam, der wir tagtäglich ausgesetzt sind – der Bilderflut. Unzählige Bilder erreichen uns jeden Tag, fordern unser Bewusstsein heraus und nehmen uns in Anspruch. Denken wir nur an die Bilder in den Nachrichtensendungen. Außerdem besteht die Gefahr, dass in einer Informationsgesellschaft wie der unseren besonders durch Werbeträger die suggestive Macht der Bilder genutzt wird, um den Menschen als Konsumenten zu beeinflussen. Die Werbeindustrie versteht es, die visuelle Wahrnehmung des Menschen zur Erzeugung von bestimmten Gefühlen und Bedürfnissen zu funktionalisieren. In der christlichen Tradition hat das Bild eine besondere Bedeutung, vor allem für die Ausbildung des religiösen Bewusstseins. Ein Bild vermag den Menschen viel komplexer und nachhaltiger zu prägen als sprachlich-rationale Begrifflichkeit. Es genügt hier darauf hinzuweisen, wie wenige Predigten ein Christ im Laufe seines Lebens in Erinnerung behält, wie stark es aber dagegen die Bilder vermögen, den Glauben dauerhaft zu prägen. Natürlich bleibt auch das religiöse Bild einer Ambivalenz verhaftet, denn es kann immer nur Abbild jener größeren Wirklichkeit sein, die wir Christen Gott nennen. Aber als menschliche Ausdrucksweise vermögen Bilder Hinweis auf diese Größe zu sein, wobei sie allerdings »den ganz anderen« niemals erfassen können. Und doch ist der Mensch als Abbild Gottes geschaffen (Gen 1,27) und auf diese Weise lebendiges Zeichen seiner heiligen Nähe. In Jesus Christus, dem »Bild des unsichtbaren Gottes« (Kol 1,15), findet diese Zuwendung Gottes zum Menschen seinen endgültigen, unüberbietbaren Ausdruck.

So wollen bildliche Darstellungen im Kirchenraum, wenn sie z. B. biblische Erzählungen oder Heiligenlegenden darstellen, dem Betrachter die Augen für diese liebende, tiefere Wirklichkeit öffnen und ihn einladen in der Betrachtung zu verweilen, um sich selbst als Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen zu entdecken. Bereits seit dem 4. Jahrhundert gehören in der Tradition der Westkirche Bilder zum Dekorationsprogramm von Kirchengebäuden. Als Andachts- und Altarbilder kamen sie in der Zeit der Gotik zu besonderer Bedeutung. Davon kündet auch die Burgkapelle in Ziesar. Nicht zuletzt hängt die Schönheit und Erhabenheit dieser Kapelle, die unsere katholische Gemeinde seit 1952 als Gottesdienstraum nutzt, von ihren spätgotischen Wandmalereien ab. Sowohl der gottesdienstfeiernden Gemeinde als auch den Museumsbesuchern können sie einen Raum eröffnen, der zu Besinnung und Erbauung einlädt. So ist es mir eine Freude, dass die Bilder in der Burgkapelle Ziesar nunmehr mit viel Engagement und durch den großen Einsatz der Förderer umfassend restauriert werden konnten. Mein besonderer Dank gilt dabei den Mitarbeitern des Museums Bischofsresidenz Burg Ziesar, allen voran dem Museumsleiter, Herrn Dr. Bergstedt, sowie den weiteren Herausgebern Professor Dr. HeinzDieter Heimann (Universität Potsdam), Professor Hartmut Krohm (Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin) und Wilfried Sitte als zugleich verantwortlichem Restaurator. Ich wünsche allen Betrachtern dieser Bilder, dass sie nicht einfach nur sehen, sondern sich tiefer davon berühren lassen und vielleicht sogar zu Schauenden werden.

Dr. Gerhard Feige Bischof von Magdeburg

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Grußwort

Eigentum verpflichtet! So leicht sich dieser Satz sagt, so gewaltig ist die Aufgabe bei einem derart wertvollen Baudenkmal wie der Burgkapelle. Die Stadt Ziesar als Eigentümerin der Burgkapelle hat sich ihrer Verantwortung für dieses einzigartige Zeugnis mittelalterlicher Sakralarchitektur gestellt. Frühzeitig haben wir uns bemüht, Partner für die Sanierung und Restaurierung zu gewinnen. Und bekanntlich beginnen auch größere Leistungen mit vielen kleinen Schritten. Grundlegende Maßnahmen zur Sanierung von Dach und Fassade setzten ab 1994 ein. Durch die Initiative der ews Stadtsanierungsgesellschaft Berlin und ihres Geschäftsführers wurde Ziesar im Jahre 2000

ein großartiges Zeichen verantwortlichen Mäzenatentums gesetzt! Wir möchten aber zugleich auch den zahlreichen Einzelspendern aus Nah und Fern danken, die mit kleiner Münze die Restaurierung voranbrachten. Mit den 2008 zum Abschluss gekommenen Restaurierungsarbeiten in der Kapelle gilt unser besonderer Dank den verantwortlichen Denkmalpflegern und Restauratoren. Überzeugen Sie sich von der besonderen Ausstrahlung unserer Residenzburg und ihrer Kapelle – und seien Sie herzlich nach Ziesar eingeladen.

Mitglied der Arbeitsgemeinschaft »Städte mit historischen Stadtkernen im Land Brandenburg«. Damit konnten die weiteren Schritte unter günstigen Förderbedingungen in Angriff genommen werden. Das große Verdienst frühzeitig angeregter Förderung der Restaurierung der Wandmalereien in der Kapelle kommt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zu, die im Jahre 2000 einen Aufruf startete und ein Jahr später durch eine hohe Einzelspende die »DSD-Stiftung Ziesar« ins Leben rufen konnte. Damit waren verlässliche Grundlagen für die Restaurierung geschaffen, andere Geldgeber folgten dem Beispiel: das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege, das Bistum Magdeburg, der Landkreis Potsdam-Mittelmark, die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Sparkasse Potsdam-Mittelmark. Die Ostdeutsche Sparkassen Stiftung war es auch, die transatlantische Partner nach Ziesar vermittelte. Der WORLD MONUMENT FUND ® aus New York förderte die Restaurierung mit Mitteln aus dem Kress Foundation European Preservation Program und dem Fond Robert W. Wilson Challenge to Conserve Our Heritage. Dass wir auf solche national und international renommierten Partner und deren Unterstützung stolz sind, bedarf keiner weiteren Ausführungen. Sie alle haben

Dieter Sehm Bürgermeister der Stadt Ziesar Norbert Bartels Amtsdirektor des Amtes Ziesar

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Vorwort der Herausgeber

Weil wir es der Mühe für wert halten, heißt es in Übersetzung der lateinischen Stiftungsurkunde König Ottos I. für das Bistum Brandenburg aus dem Jahre 948. Vergleichbare Gewissheit leitete all jene, die sich an der Restaurierung, Sanierung und Finanzierung sowie der wissenschaftlichen Erforschung der Burgkapelle Ziesar beteiligten. Über ein Jahrzehnt währende Arbeiten von Stadtsanierern, Denkmalpflegern, Bauforschern, Restauratoren, Handwerkern, Historikern und Kunsthistorikern zur Bestandssicherung und grundlegenden Wiederaneignung der Kapelle durch erste bau-, kunst-, kirchen- und landeskulturgeschichtliche Forschungen finden in diesem Band ihren Nachweis. Die vorliegende Dokumentation beschreibt die mannigfachen Überlegungen und Anstrengungen auf dem Weg zur nunmehr erfolgreich abgeschlossenen Restaurierung der im Bestand einzigartigen Wandmalereien in der Kapelle als Bestandteil des Gesamtensembles der spätmittelalterlichen Residenzburg der Bischöfe von Brandenburg in Ziesar. Die Bild-, Restaurierungs- und Forschungsdokumentation macht erstmals in Teilen bislang Ungesehenes öffentlich. Die Grundlage dafür bilden die Leistungen der Denkmalpflege und der Restaurierung, deren konzeptionelles Vorgehen arbeitstechnische Einblicke und restauratorische Details an einem eingangs hoch gefährdeten Original vor Augen führen. Die religiösen und naturalistischen Bildmotive der Kapelle als Zeugnisse einer beeindruckenden Bild- und Formensprache der Gotik und ihre Einbettung in weitere mittelalterliche Kirchen- und Kulturlandschaften geben ein wertvolles Kulturgut zu erkennen, das seinesgleichen schwerlich findet. Erstmals wird hier die Burg Ziesar als im nordostdeutschen Raum einzigartig erhaltene Residenz eines spätmittelalterlichen geistlichen Reichsfürsten herausgestellt. So erfährt die historische Kulturlandschaft des heutigen Landes Brandenburg eine doppelte Bereicherung: Zum

einen tritt in den spätmittelalterlichen Wandmalereien eine Fülle bislang wenig beachteter mittelalterlicher Kunst hervor, zum andern werden brandenburgische Residenzen nicht mehr nur vorrangig mit denen der preußischen Könige verbunden. Der in Ziesar sichtbare Anspruch der spätmittelalterlichen Bischöfe von Brandenburg macht die Bischofsresidenz Burg Ziesar zum Ort und Träger einer eigenen geistlichen und geistigen Kultur. Es ist bereits erkennbar, wie sich mit der veränderten Wahrnehmung des christlich-kulturellen Erbes des Mittelalters das hergebrachte Verständnis von Landeskulturgeschichte erweitert und regionale Identität neue sinnfällige Ausweise und Bezüge gewinnt. Die Bischofsresidenz Burg Ziesar, bestehend aus dem 2005 eröffneten »Museum für brandenburgische Kirchen und Kulturgeschichte des Mittelalters« und der Burgkapelle, ist mit ihrer mittelalterlichen Architektur ein Beispiel für den kulturellen Reichtum ostdeutscher Kulturlandschaften. Als »Jerusalem nebenan« öffentlich längst angesprochen, setzt die Stadt Ziesar mit der Bischofsresidenz und ihrem historischen Stadtkern alte Zeichen weithin sichtbar neu. Dieses Anliegen verfolgt auch die vorliegende Publikation. Die Dokumentationen zur Restaurierung der Burgkapelle auf der einen und die wissenschaftliche Beschreibung und Analyse ihrer Wandmalereien auf der anderen Seite sind einer Zielstellung verpflichtet: der Wiederentdeckung eines einzigartigen kultur- und kirchenhistorischen Juwels. Der erste Teil des Bandes widmet sich der Bischofsresidenz Burg Ziesar mit ihrer Kapelle, der eindrucksvollen Ausmalung und der Architektursituation auch in den ehemaligen Wohnräumen der Bischöfe, den Andachtsräumen mit jener raumgreifenden Darstellung wohl eines »Himmlischen Jerusalem«. Die einleitende Darstellung vermittelt über die Geschichte der Brandenburger Bischöfe und ihrer Beziehungen nach Ziesar hinaus ein

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Halbjahrtausend geistlichen und weltlichen Wirkens der Bischöfe von Brandenburg. Im zweiten Teil des Bandes stehen die Wandmalereien der Bischofsresidenz Ziesar, in Sonderheit die der Kapelle, im Mittelpunkt. Neben die Befunde aus der Kapelle sind eine Vielzahl von kunsthistorischen Vergleichen und Bezügen getreten. Beiträge zu spätmittelalterlichen Wandmalereien in Stadt- und Dorfkirchen aus Brandenburg, Mecklenburg, Sachsen-Anhalt sowie Beispiele aus Böhmen und Süddeutschland weisen auf überregionale stil- und kunsthistorische Beziehungen hin und verdeutlichen das weitreichende Beziehungsgefüge, vor dessen Hintergrund sich am Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts die geistliche Residenzkultur in Ziesar entwickelte. Dieser erweiterte Blick auf die sakrale Bild- und Baukunst in der Bischofsburg Ziesar und ihrer Kapelle führt Prägungen des geistlichen und gesellschaftlichen Lebens, der Deutung der Welt durch das Christentum vor Augen. Die vorgelegten Arbeiten zu den spätmittelalterlichen Wandmalereien beruhen auf dem Kolloquium »Die spätmittelalterliche Wandmalerei in der Bischofsresidenz Ziesar. Wandmalerei in der Mark Brandenburg im Kontext Norddeutschlands und angrenzender Kunstregionen«, das von Hartmut Krohm (Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin/TU Berlin) und Wilfried Sitte (Dresden) angeregt und im Oktober 2005 in Ziesar durchgeführt wurde. Besonderer Dank gilt Kulturland Brandenburg e. V. und dem Evangelischen Diakonissenhaus Berlin Teltow Lehnin für die finanzielle und organisatorische Unterstützung der Tagung, ebenso der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, die als Kooperationspartner der Bischofsresidenz Burg Ziesar die kunsthistorische Erschließung des Themas »mittelalterliche Wandmalereien« unterstützt, sowie Marita Iseler, die das Organisationsbüro umsichtig führte. Mit der Tagung konstituierte sich zugleich auch der »Arbeitskreis zur spätmittelalterlichen Wandmalerei in den neuen Bundesländern«. Diese mit der Restaurierung der Kapelle verbundenen fruchtbaren Initiativen finden ihre willkommenen Fortsetzungen in weiteren Kooperationen. Die Erforschung der spätmittelalterlichen Bischofsresidenzen, zumal in den Kulturlandschaften Nordostdeutschlands, bleibt eine herausfordernde Aufgabe. In Ziesar am

»Museum für brandenburgische Kirchen und Kulturgeschichte des Mittelalters« bietet die von Heinz-Dieter Heimann (Universität Potsdam) eingerichtete Forschungsplattform »Geistliche Residenzen und Landeskultur« dazu weiteren Raum. Unter dem Titel »Spätmittelalterliche Residenzbildung in geistlichen Territorien Mittel- und Nordostdeutschlands« sind soeben Ergebnisse einer Tagung der Historischen Kommission des Landes Brandenburg e.V., des Brandenburgischen Landeshauptarchivs und der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen erschienen. Dass die Burg Ziesar als wiederentdeckte Bischofsresidenz für die Stadt Ziesar und das Land Brandenburg einmal so weittragende Bedeutung gewinnen würde, war nach der deutschen Wiedervereinigung manchem Kundigen kaum vorstellbar. Umso größer ist der Dank heute an all jene, die sich konsequent und auf unterschiedlichen administrativen, technischen und wissenschaftlichen Gebieten in den vergangenen Jahren der Erforschung, Sanierung, Restaurierung und Umnutzung der vormaligen Burganlage angenommen haben. Ihre ungezählten Ideen und Initiativen haben zur Wiederentdeckung eines Juwels mittelalterlicher Kirchen- und Kulturgeschichte und zu dessen heutiger öffentlicher Wiederaneignung geführt. Der vorliegende Bildband verdankt sich dem besonderen Engagement der Ostdeutschen Sparkassen Stiftung und der Stadt Ziesar. Danken möchten wir auch den Autoren, die auf die Veröffentlichung ihrer Beiträge, die Ausweise ihrer eigenen fachlichen Sicht und Verantwortung sind, mit Verständnis gewartet haben. Unsere ganz besondere Anerkennung verdienen Felix Henze (Universität Potsdam) und Marijke Topp (be.bra wissenschaft verlag) für ihre umsichtige Redaktions- und Lektoratsarbeit. Der Blick auf das bis heute Erreichte macht dankbar und stolz zugleich. Dabei erweist sich der sichtbare Abschluss der Restaurierungen der Burgkapelle auch als ein neuer Anfang. Diese Herausforderung sei dem Leser mit auf den Weg gegeben – als Einladung nach Ziesar.

Die Herausgeber Clemens Bergstedt, Heinz-Dieter Heimann, Hartmut Krohm, Wilfried Sitte Ziesar, Mariä Lichtmeß 2009 13

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EinfĂźhrung

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Bischofsresidenz Burg Ziesar, Ansicht von Nordosten.

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Die Bischofsresidenz Burg Ziesar und die Bischöfe von Brandenburg Clemens Bergstedt Heinz-Dieter Heimann Andreas Köstler

Die Burg Ziesar als Bischofsresidenz Am Anfang stand der Bischof – Thietmar war sein Name. In der Gründungsurkunde des Bistums Brandenburg von König Otto I. (936–973) aus der Mitte des 10. Jahrhunderts wird nicht nur der erste Bischof von Brandenburg namens Thietmar genannt, sondern auch Ziesar als »civitas Ezeri« bezeichnet. Diese Nennung Ziesars im Zusammenhang mit der Einrichtung der Bischofssitze zur Missionierung der Slawen im Zuge der Reichspolitik Ottos ist zweifellos prominent. Allerdings muss bedacht werden, dass der Schreiber mit »civitas« keine Stadt vor Augen hatte, wie es die lateinische Wortbedeutung nahelegt, sondern eine Befestigung, eine slawische Burg mit dazugehöriger Siedlung. Die Kathedralstadt der brandenburgischen Bischöfe wurde – und blieb es das Mittelalter hindurch – Brandenburg an der Havel. »Civitas Ezeri« meint also noch nicht die Bischofsstadt Ziesar. Ziesar, bereits im Mittelalter mit der Kathedralstadt Brandenburg über einen von Magdeburg kommenden 17

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Handelsweg verbunden, findet man auf der historischen Karte »Fürstliche Residenzen im Reich« recht schnell. Seine Entwicklung von der Burg zur Bischofsresidenz setzte erst spät ein und währte gerade einmal von der Mitte des 14. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Dennoch heben die Zeugnisse dieser Zeit die Bischofsresidenz Ziesar innerhalb der historischen Kulturlandschaft des nordöstlichen Deutschlands hervor. Die Entstehung von Residenzen im Heiligen Römischen Reich des Mittelalters verlief in den einzelnen Herrschaftsgebieten unterschiedlich. Für die großen Bischofsstädte am Rhein – wie Köln, Mainz, Worms, Speyer oder auch Straßburg – galt, dass die Kathedralstadt für die geistlichen Landesherren das kirchliche und soziale Zentrum markierte. Dies findet für Ziesar keine Entsprechung, denn die Burg als Bischofsresidenz war das Resultat zweier unterschiedlicher und dennoch parallel verlaufender Entwicklungen: einerseits des vergleichsweise späten und dann seit der Mitte des 12. Jahrhunderts beschleunigten Aufbaus kirchlicher Strukturen östlich der Elbe und andererseits der gleichzeitig entstehenden Städtelandschaft in der Mark Brandenburg, aus der auch die Stadt Ziesar hervorgegangen ist. Dass die Burg zur Residenz wurde, war daher wohl weniger ein Qualitätsmerkmal der Stadtentwicklung als vielmehr eines der bischöflichen Herrschaft und des Selbstverständnisses eines geistlichen Reichsfürsten. Den Anfang hierzu machte in der Mitte des 14. Jahrhunderts der Bischof. Die Anwesenheit eines Bischofs von Brandenburg in der Burg Ziesar ist erstmals 1214 belegt, und bereits ein Jahr später nutzte er den Ort für eine reichspolitisch bedeutende Fürstenversammlung. Die Stadt Ziesar war herrschaftsrechtlich eine bischöfliche Stadt. Vor 1237, vielleicht Ende der 1220er Jahre schon, siedelte sich hier – vemutlich mit bischöflichem Beistand – ein Franziskanerkonvent an, der wenige Jahre später in die nahegelegene Altstadt Brandenburg verlegt wurde. Zwischen 1330 und 1340 gründete der Brandenburger Bischof Ludwig von Neindorf (1327–1347) in Ziesar einen Zisterzienserinnenkonvent, der an die Pfarrkirche Heilig Kreuz im Zentrum des historischen Stadtkerns angegliedert war. Diese Förderung der Stadtbildung zeigt zugleich, dass der Bischof nicht nur ein geistliches Amt 18

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ausübte. Wie es die mittelalterliche Verfassung vorsah, nahm der geistliche Reichsfürst ebenso weltliche Pflichten und Rechte wahr, indem er seine Interessen gegenüber anderen – sowohl geistlichen als auch weltlichen – Herrschaftsträgern vertrat. Der Weg der Burg zur bischöflichen Residenz führte nicht über die Stadt, vielmehr war es so, dass die Stadt von der Burg profitierte. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts war die Burg häufig Aufenthaltsort der Bischöfe von Brandenburg. Die Gründe allerdings, weshalb Ziesar letztendlich zur Bischofsresidenz wurde, bleiben unbestimmt. Gewiss ist einer der Gründe in dem bescheidenen Eigenbesitz der Bischöfe zu suchen; die kleine, zu Ziesar gehörige Eigenwirtschaft ermöglichte die Versorgung des bischöflichen Hofes. Hinzu kam, dass ein Kloster bei der Pfarrkirche – als geistliches Zentrum in der entstehenden Stadt angesiedelt – für den Bischof hohe liturgische Bedeutung besaß. Die wachsende Anwesenheitsdauer der Bischöfe auf der Burg lässt darüber hinaus auch auf einen politisch-administrativen Herrschaftsmittelpunkt schließen. Nachdem die Anfänge Ziesars als Residenz zunächst unspektakulär waren, gestalteten sich die Um- und Neubauten in der Mitte des 15. Jahrhunderts umso prachtvoller. Unter Einbeziehung älterer Teile der Burg ließ Bischof Dietrich von Stechow (1459–1472) an ihrer Nord- und Westseite eine neue Kapelle errichten, die er 1470 weihte und zu seiner Grablege bestimmte – seine Grabplatte zeugt bis heute davon. Mit seiner Begräbnisstätte blieb Bischof Dietrich allerdings allein – und man kann rätseln warum. Seine Nachfolger wählten wieder den Dom in Brandenburg zu ihrem Begräbnisort. Ungeachtet dessen aber setzten auch sie den Ausbau der Bischofsresidenz und der Kapelle in Ziesar fort. Seit dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts gewann die Burg als administrativer Mittelpunkt der bischöflichen Herrschaft an Rang, war Ausgangspunkt anspruchsvoller Hofhaltung und einer im Selbstverständnis eines geistlichen Reichsfürsten hervorgehobenen Repräsentation, die Liturgie, Amt und Macht demonstrativ verband. Dem Beispiel Bischof Dietrichs, der den Neubau der Kapelle mit ihrer Schmuckfassade veranlasste, folgten seine Nachfolger. Sie setzten die Umbauten an Teilen der Burg und der Vorburg fort, Burgkapelle und bischöfliche Gemächer erhielten erneut

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2 Ansicht der Stadt und der Burg Ziesar von Daniel Petzold, um 1710, Kupferstich.

prachtvolle Malereien. In diesen fortgesetzten Initiativen erhielt die Residenzburg architektonische und baukünstlerische Elemente eines Schlossbaus – Anfänge, die infolge der Aufhebung des katholischen Bischofsamts und des Bistums mit Einführung der Reformation abbrachen. Nach 1571 verzeichnen die Quellen die Burg Ziesar nur noch als Sitz der markgräflich-landesherrlichen Amtsverwaltung. Die geistliche Residenz war Vergangenheit geworden, ihre repräsentativen Wahrzeichen dem Vergessen anheim gestellt. Aber in jedem Ende steckt zugleich auch ein neuer Anfang: zuletzt 1989 in der deutschen Wiedervereinigung. Dieser Band erinnert daran, dass die neue Bundesrepublik eine bis dahin kaum für möglich gehaltene denkmalpflegerische Wiederaneignung der Burgkapelle als kulturelles Erbe kirchlicher Überlieferung eröffnete. Die wiedergewonnene Bischofsresidenz sucht heute ihresgleichen in den jungen Bundesländern.

Berühmt machte die Residenzburg Ziesar nicht die Ersterwähnung als »civitas Ezeri« und auch nicht ihr historisches Alter. Beeindruckender fallen die spätmittelalterliche Kirchenbaukunst und die Wandmalereien als wieder sichtbar gewordene Zeichen bischöflicher Repräsentation aus. Doch das ist es nicht allein, denn Kunst und Schmuck wissen auch Fürstenresidenzen weltlicher Herren zu zeigen. Im Unterschied zu jenen geben die Ausgestaltung von Kapelle und Palas in Ziesar bildreiche Einblicke in die christliche Deutung von Zeit und Welt, weisen Liturgie und Gottesdienst in glaubenswürdigen Formen aus. Das zeichnet die Bischofsresidenz Ziesar aus, die sich gemeinsam mit ihrer Kapelle als landschaftlich einzigartiger Schauplatz der reichen Kulturgeschichte des Mittelalters zeigt. Und so teilt sich in einer Fernwirkung die mittelalterliche Bischofsresidenz Ziesar den Ansprüchen gegenwärtiger Gedächtnis- und Erinnerungskultur mit.

Die Bischofsresidenz Burg Ziesar und die Bischöfe von Brandenburg

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Repräsentation und Frömmigkeit Die Geschichte der Bischöfe im mittelalterlichen Heiligen Römischen Reich kennt viele beachtenswerte Residenzen. Die Bischofsresidenz Burg Ziesar nimmt unter ihnen einen besonderen kunstgeschichtlichen Rang ein, insbesondere wenn man zum Vergleich andere geistliche Residenzen außerhalb von Bischofsstädten heranzieht. Solche Residenzen sind in den Quellen zwar reich überliefert, baulich jedoch zum großen Teil erst aus der Neuzeit erhalten, während die mittelalterlichen Vertreter fast ausnahmslos zerstört oder zumindest nachmittelalterlich überformt sind. Die Entstehung von auswärtigen Hofhaltungen für geistliche Hirten einer Gemeinde, die vom Amt her weder vorgesehen noch der Seelsorge förderlich waren, verdankt sich häufig den Konflikten der Bischöfe mit ihren Städten, bisweilen auch mit ihren Domkapiteln. Im westlichen Europa kam es üblicherweise im Verlauf des 13. Jahrhunderts zur Beschneidung ihrer Rechte als Stadtherrn, oft gar zu ihrer Vertreibung. Daher können die etwa zwanzig bis dreißig Kilometer außerhalb der Städte liegenden geistlichen Residenzen, von ihrer Genese her gesehen, nicht selten auch als Fluchtburgen der Bischöfe verstanden werden. Bonn oder Brühl für den Kölner Erzbischof, Aschaffenburg für den Mainzer und Marsal für den Metzer Bischof boten sichere Rückzugsmöglichkeiten für die vorübergehend oder endgültig entmachteten geistlichen Stadtherren. In der Neuzeit wurden viele dieser Außen- oder Nebenresidenzen prächtig barock ausgestattet und zu Schlossanlagen erweitert – unter Verlust der mittelalterlichen Bausubstanz. Häufig sind es diese umgebauten und erweiterten Residenzen, die die geläufigen Vorstellungen einer bischöflichen Residenz prägen – zu unrecht, wie sich an der Bischofsresidenz Burg Ziesar eindrucksvoll ablesen lässt. Ziesar ist wohl die einzige baulich so intakte Residenz aus dem Mittelalter außerhalb eines Kathedralsitzes. Während sich von den städtischen Bischofsresidenzen des Mittelalters durchaus anschauliche Beispiele erhalten haben, etwa im englischen Wells oder im französischen Laon, sucht Ziesar als Einzelresidenz ihresgleichen. Der Kathedralbezirk von Wells mit seinem charakteristischen Gegenüber von Bishop’s Palace und Vicars’ Close in unmittelbarer Nähe zur Kathedrale repräsentiert das Bin20

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nengefüge eines Kathedralsitzes nahezu idealtypisch; er verkörpert die Bipolarität, wenn nicht sogar den Antagonismus von Bischof und Domkapitel in einer architektonischen Großform. Unter den auswärtigen Bischofsresidenzen dagegen ist Ziesar das einzige Beispiel eines ähnlich eindrucksvollen Ensembles. Andernorts haben sich nur kleinere Niederlassungen dieses Typs erhalten, die allenfalls als bischöfliche Nebenresidenzen angesprochen werden dürfen, die keinesfalls den Hauptsitz ersetzen sollten: etwa das dem Erzbischof von Sens dienende Hôtel de Sens in Paris oder das Hôtel de Cluny des burgundischen Großabts. Diese beiden bekannteren Beispiele sind als städtische »Botschaften« geistlicher Würdenträger in der Kapitale, nicht aber als eigentliche Residenzen mit Amtsfunktion zu verstehen. Die in Ziesar zum großen Teil im 15. Jahrhundert entstandene Anlage, vor allem Palas mit Kapelle, ist also ein äußerst selten erhaltenes Zeugnis dafür, wie ein mittelalterlicher Diözesanbischof außerhalb seiner Stadt amtierte. Die Residenz Ziesar ist aber nicht nur eine große Ausnahme im erhaltenen Denkmälerbestand, auch ihre Entstehungsumstände sind keineswegs gewöhnlich. Bis heute kann nur vermutet werden, was die Brandenburger Bischöfe im 14. und 15. Jahrhundert dazu verleitete, sich vermehrt in Ziesar aufzuhalten und die Cathedra auf der Dominsel Brandenburg zu vernachlässigen. Nahe liegende Gründe – wie Streitigkeiten des Bischofs mit der Stadt, innerhalb des Domkapitels oder mit dem Landesherrn – können im Fall der Diözese Brandenburg ausgeschlossen werden. Allgemein lassen sich diese Charakteristika in der Geschichte westlicher Bistümer nicht auf die später gegründeten mitteldeutschen Missionsbistümer östlich der Elbe übertragen. Und ebenso, wie bis heute nicht befriedigend geklärt werden konnte, weshalb die Bischofsresidenz in Ziesar angelegt wurde, bleibt derzeit noch undurchsichtig, warum sie relativ spät, im 14. Jahrhundert, ausgebaut wurde und ihre Blüte erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erlebte. Der Versuch, diesen Sachverhalt zu deuten, führt von den gängigen Erklärungsmustern weg. Es sei hier deshalb vorgeschlagen, weniger von politischen oder kirchenpolitischen Zwängen als von positiven Faktoren des Zuzugs auszugehen. So ist einerseits etwa der Versuch einer territorialen Arrondierung im Ge-

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biet zwischen den Diözesen Magdeburg und Brandenburg denkbar, andererseits könnte aber auch eine durch den jeweiligen Bischof persönlich motivierte Stiftung einer Memoria in Erwägung gezogen werden. Vor allem Bischof Dietrich von Stechow baute die Residenz umfassend um und definierte sie für sich neu. Die Vergrößerung des Palas und seine enge Verzahnung mit der vollständig neu errichteten Kapelle, die seine Grablege aufnahm, hatte möglicherweise Motive, die weniger in herrschaftsrepräsentativen Funktionen als in der Frömmigkeitsgeschichte des Spätmittelalters zu suchen sind. Dafür spricht die Ausstattung, die der Memoria eines Würdenträgers, der nicht auf die dynastische Verankerung seines Amts hoffen konnte, sehr entgegen kommen musste: die unbedrängte Position der Grabtumba des Bauherrn in der Mitte der Kapelle, die zentrale Ausrichtung dieses Grabes auf den Altarstein mit den Hauptund Schutzheiligen und nicht zuletzt die Ausmalung mit alttestamentlichen und mariologischen Motiven sowie die große Empore mit direktem Zugang aus dem Palas. Noch heute lässt sich an der geschickten Zurichtung der südlichen Schaufassade zum Hof ablesen, wie sie den Bau nach außen um ein Joch verlängert und ihn gleichzeitig um das Hauptportal symmetrisiert. Hinter dem aufwändig geschmückten Eingang stieß der Besucher zur damaligen Zeit nicht nur auf die großzügigen Emporenöffnungen der Nordwand, sondern auch gleich auf den Grabstein Stechows, der von den Emporenarkaden visuell gerahmt wurde. Bevor man sich also zur Ostwand und dem Altar als liturgischem Zentrum der Kapelle wandte, wurde man zunächst effektvoll zu dem Memorialstein des Stifters geführt. Ein ähnlicher Parcours führte über die ursprünglich brüstungslosen Emporen, die auf der oberen Etage vom östlichen Zugang her um die Tumba des Bischofs herumführten, bevor der Blick auf den Altar und sein Retabel freigegeben wurde. Die asymmetrische Innenraumdisposition der vierjochigen, einhüftigen Kapelle kam also vor allem der Memoria Dietrichs von Stechow zugute. Auch aus der weiteren Geschichte der Kapellenausstattung lassen sich Argumente für eher religiöse denn säkulare Beweggründe Dietrichs von Stechow ableiten: Die spätere architekturillusionistische Ausmalung der Kapelle im frühen 16. Jahrhundert verzichtet allzu sehr auf eine religiöse Ikonographie, um das Ausstattungspro-

3 Bischof Dietrich von Stechow bestätigt dem Domstift Brandenburg die Inkorporation der Pfarrkirche des Dorfes Berge. Die Urkunde wurde am 11. Juni 1462 in Ziesar ausgestellt.

gramm des von Stechow nicht als ein religiös bestimmtes und darüber hinaus wohl personalisiertes erscheinen zu lassen. Die heutige Raumfassung, die auf den ersten Blick als einheitlich und auf der ersten Raumschale aufbauend wahrgenommen wird, verschleiert den ursprünglichen Raumeindruck, der Bischof Dietrich von Stechow vorgeschwebt haben muss: Weder die hochgemauerten Emporenbrüstungen noch die gemalte Scheinarchitektur der Gewölbe zogen den Blick nach oben; vielmehr unterstrich die Ausmalung den Vorrang des Erdgeschosses. Die ursprüngliche Offenheit der Empore und die Konzentration der Ausmalung auf das Hauptgeschoss ließen den Raumeindruck weniger steil erscheinen und lenkten von der Hauptfunktion der Kapelle weniger ab als die folgende Ausmalung. Das Ziel der zweiten, rein architekturillusionistischen Ausmalungskampagne bestand vermutlich nicht nur in der Verlagerung des Schwerpunkts der Raumwahrnehmung nach oben, sondern auch darin, den Fokus etwas vom Altar abzuziehen und gleichzeitig die marianische Ikonographie weniger dominant erscheinen zu lassen. Die damals vorgenommenen Veränderungen

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an der Kapelle, für die bis heute noch kein genaues Datum gefunden werden konnte, fügen sich mit ihren Verschiebungen der liturgischen Funktionszuweisungen recht gut in die frühe Zeit der eigentümlich verlaufenen Einführung der Reformation in der Mark Brandenburg. Mit der Restaurierung und Wiedereröffnung der Bischofsresidenz Ziesar stellen sich der Landes- wie Kirchengeschichte eine Reihe von offenen Fragen, die weit über die Grenzen Brandenburgs hinaus Gewicht haben. Mag die Interpretation des singulären Ziesaraner Ensembles auch schwierig bleiben, da Vergleichsbeispiele fehlen, so unterstreicht gerade dies im Umkehrschluss, wie sehr die in großen Zügen noch erhaltene mittelalterliche Bischofsresidenz Burg Ziesar in mehrfacher Hinsicht ein einzigartiges Ensemble bildet.

Das Halbjahrtausend der Bischöfe von Brandenburg Die Errichtung des Bistums Brandenburg in der Mitte des 10. Jahrhunderts war kein singulärer Vorgang. Das Reich Karls des Großen und die Ausbreitung des Christentums in einer rombezogenen Kirchenorganisation endeten im 8. Jahrhundert an der mittleren Elbe. König Otto I., von den Zeitgenossen bereits der Große genannt, knüpfte bewusst an das Kaisertum Karls an und begann – aus dieser Tradition heraus – mit der Christianisierung der Westslawen zwischen Elbe und Oder. Um diese slawischen Stämme in das ostfränkisch-deutsche Königreich einzubinden und das Christentum bei ihnen durchzusetzen, gründete der Herrscher das Bistum Brandenburg und die Bistümer Havelberg (948/965), Merseburg, Zeitz und Meißen (965), die er allesamt dem Erzbistum Magdeburg (968) organisatorisch unterstellte. Mit den Anfängen des Bistums Brandenburg und seiner Bischöfe ist die Ersterwähnung Ziesars in jener Gründungsurkunde König Ottos I. verbunden. Er bestimmte die slawische Burg Brandenburg zum Kathedralsitz, ernannte Thietmar zum ersten Bischof, legte die Grenzen des Bistums fest und übertrug ihm Grundbesitzungen aus seinem königlichen Eigengut, nämlich die nördliche Hälfte der Insel, auf der heute der Dom zu Brandenburg steht, sowie die Burgbezirke Pritzerbe und eben Ziesar, erwähnt 22

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als »civitas Ezeri«. Die Gründungsurkunde des Bistums hat sich erhalten und gibt der Forschung bis heute Rätsel auf. Sie liegt als ein Pergament aus dem 10. Jahrhundert vor und wird im Domstiftsarchiv Brandenburg aufbewahrt. Ihre Echtheit und Datierung und damit die Frage nach der Ersterwähnung Ziesars wurden in jüngster Zeit diskutiert. Die Befürworter der Echtheit setzen den Gründungsakt in das Jahr 948, wenngleich die in der Urkunde vorhandenen Angaben nicht alle auf dieses Jahr weisen. Die Anhänger der Fälschungsthese plädieren hingegen für das Gründungsjahr 965. Mit den neu gegründeten Bistümern waren erste Voraussetzungen kirchlicher Raumorganisation und Missionierung geschaffen. Die Ausbreitung des christlichen Eingottglaubens traf auf die slawischen (Natur-)Religionen. Die westslawischen Stämme betrachteten nach den vielen Kämpfen und ihrer erzwungenen Unterwerfung das Christentum als Religion ihrer Unterdrücker. Besonders erfolgreichen Widerstand leisteten im Jahr 983 die slawischen Stämme der Lutizen – d. h. der Redarier, Zirzipanen, Kessiner und Tollensanen –, die die Bischofssitze in Havelberg und Brandenburg zerstörten. Infolge dieses Aufstands wurden die Gebiete zwischen Elbe, Oder, Ostsee und Fläming für rund 150 Jahre von der christlichdeutschen Herrschaft befreit. Diese Ereignisse setzten unbestreitbar eine deutliche Zäsur, nicht nur im Bistum Brandenburg, das die römische Kirche gleichwohl als rechtlich fortbestehend betrachtete. Volkmar, der dritte Bischof von Brandenburg (980– 992), musste wie sein Havelberger Amtsbruder seine Diözese verlassen und begab sich ins Exil. Gut 150 Jahre währte diese besondere Situation der Brandenburger und Havelberger Bischöfe und der ihnen zugewiesenen Bistümer, in denen die übergroße Mehrheit der Slawen wieder ihren heidnischen Kulten anhing. Gleichwohl finden sich auch für diese Zeit schwache Spuren christlicher Missionierung. Mit Beginn des 12. Jahrhunderts setzten neue und verstärkte Aktivitäten der ostsächsischen Fürsten ein, die verlorengegangenen slawischen Gebiete zurückzugewinnen. Diese Vorgänge sind regional von großer Bedeutung und zugleich Ausweis einer mannigfach auszumachenden Neuaneignung der Welt. So spiegeln die politischen Vorgänge und Expansionsbestrebungen des 12. und 13. Jahr-

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4 Stiftungsurkunde des Bistums Brandenburg, 948, Domstiftsarchiv Brandenburg.

hunderts auch das veränderte Verhältnis zwischen König und Fürsten wider. Zudem hatte die römische Kirche infolge des so genannten Investiturstreits in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts eindrucksvolle Reformen bis ins Papsttum erfahren, die Auswirkungen auf das Selbstverständnis des Klerus und eines erneuerten Mönchtums in einer neu belebten Christianisierung und Missionierung zeitigten. Hiervon profitierte die Wiedereinrichtung der Bistümer, der einsetzende Aufbau der Pfarreien, die Gründung von Klöstern und Stiftskapiteln der neuen religiösen Gemeinschaften: der Prämonstratenser, der Zisterzienser und der so genannten Bettelorden, vor allem der Franziskaner und der Dominikaner, in den neu entstehenden Städten. Als der Gründer des Prämonstratenserordens, Norbert von Xanten (1080/85–1134), 1126 Erzbischof von Magdeburg wurde, brachte er Glaubensbrüder mit nach Magde-

burg und übergab ihnen das Kloster Unser Lieben Frauen. Aus diesem Stift kamen die Bischöfe Wigger und Anselm, die Norbert als zuständiger Erzbischof den Bistümern Brandenburg (1138) und Havelberg (1129) voranstellte. Damit legte er den Grundstein für die Besetzung beider Bistümer mit Prämonstratensern. Bis ins frühe 16. Jahrhundert hatte diese Verknüpfung der Klerikergemeinschaft der Prämonstranser mit dem Domkapitel Verfassungsrang. Neben Brandenburg und Havelberg lebte man noch in Ratzeburg nach den Regeln und Gewohnheiten der Prämonstratenser. Wegweisend für die Wiedererrichtung des Bistums Brandenburg wurde das westlich der Elbe gelegene Stift Leitzkau. Bischof Wigger von Brandenburg (1138–1161), der zuvor Propst des Liebfrauenstifts in Magdeburg gewesen war, siedelte 1138/39 Prämonstratenser aus Magdeburg in Leitzkau an. Dieser Konvent übernahm zunächst die Aufgaben des Domkapitels.

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Die Bischöfe aber wirkten in der Christianisierung und Herrschaftsentfaltung nicht konkurrenzlos, denn auch für weltliche Herrscher barg die Christianisierung Chancen der Machtentfaltung durch den Aufbau eigener, neuer Herrschaften. Ein Ergebnis dieser Konstellationen war die Entstehung der Markgrafschaft Brandenburg und der davon eigenständig organisierten Bistümer Brandenburg, Havelberg und schließlich Lebus. Ein Beispiel kooperierender Konkurrenz war der so genannte Wendenkreuzzug des Jahres 1147, ein Teilunternehmen des Zweiten Kreuzzuges, mit dem nach weitem Werben um Teilnehmer die heidnischen Gebiete jenseits der Elbe befreit werden sollten. Die Umsetzung allerdings gestaltete sich anders und zog weitreichende Konsequenzen nach sich: Der Kreuzzug berührte das Brandenburger Gebiet nicht und lief damit den päpstlichen Forderungen zuwider, was wohl diplomatischen Anstrengungen Albrechts des Bären, des Markgrafen der Nordmark, und Bischof Wiggers zuzuschreiben ist. Als Gegenleistung musste nun der slawische Fürst von Brandenburg, Pribislaw-Heinrich, der Ansiedlung von Prämonstratensern aus Leitzkau vor der Burg Brandenburg bei der St. Gotthardtkirche zustimmen. Der slawische Fürstensitz wurde schon bald Ziel neuer Aktivitäten: Als Pribislaw-Heinrich 1150 starb, trat Albrecht der Bär vereinbarungsgemäß seine Nachfolge im slawischen Fürstentum Brandenburg an. Als der Askanier endgültig am 11. Juni 1157 die Burg Brandenburg mit Hilfe des Magdeburger Erzbischofs Wichmann eroberte, nannte sich Albrecht fortan Markgraf von Brandenburg. Die Prämonstratenser jedoch verblieben einstweilen bei der Gotthardtkirche, zu ihrem eigentlichen Kathedralsitz auf der Burginsel kamen sie erst unter Bischof Wilmar (1161–1173). 1161 erhob er den Konvent zum Brandenburger Domkapitel, 1165 erfolgte die Grundsteinlegung für den Dom auf dem Burggelände. Diese Verzögerung der Übersiedlung auf die Dominsel kam nicht von ungefähr, denn hier konkurrierten die Bischöfe und das Domkapitel mit den Markgrafen und Burggrafen von Brandenburg, die die Rechte des deutschen Königs an der Reichsburg sicherten. Die Bischöfe befanden sich mithin in einer denkbar schwierigen Situation, was sich auch darin zeigt, dass sie keinen Anteil an der Stadtwerdung von Brandenburg an 24

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der Havel hatten. Ferner gelang es ihnen auch nicht, im Wettlauf um die Besitzergreifung und den Ausbau der slawischen Gebiete ihre wenigen und zudem verstreuten Besitzkomplexe zu geschlossenen territorialen Einheiten zusammenzuführen. Im Unterschied zu anderen Reichsgebieten stand ihnen das Königtum als Machtstütze kaum zur Verfügung. Aus diesen Konstellationen erklärt sich, weshalb die Bischöfe von Brandenburg als eigenständige geistliche Reichsfürsten schon bald und immer wieder in Auseinandersetzungen mit den Markgrafen von Brandenburg standen, die ihrerseits Zugriff auf kirchliche Ordnungsinstrumente suchten. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts plante Markgraf Albrecht II. (1205–1220) die Errichtung eines von der bischöflichen Gewalt unabhängigen Stifts in der Diözese des Bistums Brandenburg, wodurch bischöfliche Einnahmen (unter anderem der Zehnt) in erheblichem Maß infrage gestellt wurden. Der daraufhin einsetzende Streit wurde in seinem Ergebnis wegweisend: Als Zehntstreit in die landesgeschichtliche Literatur eingegangen, endete er 1237 mit einem für die Bischöfe ungünstigen Kompromiss, der die Einkünfte im nordöstlichen Teil der Diözese den Markgrafen zusprach, die zudem das Recht erhielten, Pröpste einzusetzen, mithin wichtige Ämter der Bistumsverwaltung mit eigenen Vertrauten zu besetzen. Übergriffe der Markgrafen auf Kirchengut nahmen fortan zu und führten an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert zu derart erbitterten Streitigkeiten, dass die Bischöfe von Brandenburg und Havelberg zeitweilig aus ihren Bistümern fliehen mussten. Kirchenstrafen wurden gegen die Markgrafen und ihre Markgrafschaft verhängt. 1305 erfolgte eine Einigung, die dieses Mal die bischöflichen Rechte weitgehend wiederherstellte. Die Askanier, die von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis 1319/20 der Markgrafschaft Brandenburg vorstanden, waren erfolgreiche Initiatoren im Landesausbau, die mit allen Mitteln und in einer relativ kurzen Zeitspanne eine weiträumige, aus Teillandschaften gebildete Landesherrschaft aufbauten. Solche Herrschaftsexpansion bedurfte beständiger Ressourcen, die jedoch fehlten. Die weitläufige Ausdehnung der Markgrafschaft um 1300 darf deswegen auch nicht über deren Defizite hinwegtäuschen, und manche Schwächen zeigten sich nicht erst unter ihren Nachfolgern.

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Mit dem Aussterben der brandenburgischen Askanier 1320 übernahmen im 14. Jahrhundert die Dynastien der Wittelsbacher und Luxemburger die Herrschaft in der Mark. Mehr noch bestimmten aber vermutlich die Auswirkungen der Krise des abendländischen Papsttums und der nachfolgende Weg einer Reform von Kirche und Reich die spätmittelalterliche Bistumsgeschichte. Der Konflikt zwischen der römischen und avignonesischen Kurie, in den auch der römisch-deutsche König und Kaiser verwickelt war, beeinflusste die Bischöfe und Gläubigen in der Mark ebenso wie später das abendländische Papstund Kirchenschisma, vor allem dann, wenn neue Bischöfe in ihre Ämter zu bestellen waren. Aufs Ganze gesehen machten die Bischöfe von Brandenburg in diesen Auseinandersetzungen keine schlechte Figur, so Bischof Ludwig von Neindorf in seiner Haltung gegenüber dem von der Kurie gebannten König beziehungsweise Kaiser Ludwig dem Bayern (1314–1347) oder Bischof Dietrich von der Schulenburg (1365–1393) gegenüber dem böhmischen König und römischen Kaiser Karl IV. (1346–1378), der als König und Markgraf aus dynastisch-hausmachtpolitischen Kalkulationen vehement in die Mark eingriff. Ganz unterschiedlich gewannen die bis ins frühe 15. Jahrhundert häufig wechselnden Markgrafen aus dem Hause Luxemburg die Bischöfe für sich. Dabei war die Mark für diese weiträumig agierenden Königsdynastien als neue Landesherren teils ein Nebenschauplatz, teils aber banden sie die Bistümer und deren Vorsteher in ihre kirchen- und hausmachtpolitischen Erwägungen ein und bereicherten die Kirchen- und Kulturlandschaft als Stifter mit ihrer neuen und repräsentativen Kunst, so dass sich hier politische Schwerpunktverschiebungen ebenso zeigen wie ein wechselhaftes Mächtespiel, in denen der politische Spielraum für die Bischöfe von Brandenburg fallweise sich vergrößerte oder einengte. Sie gerieten dadurch häufiger in Konflikte um bischöflich-landesherrliche Rechte mit den Nachbarmächten, ohne dass sie aus den neuen politischen Konstellationen letztlich fruchtbaren Nutzen für ihr Bistum ziehen konnten. Doch auch eine Gegenbewegung ist unverkennbar, wenn etwa die Bischöfe die Ausformung landständischer Interessenvertretung gegenüber dem Markgrafen förderten. So stellten sich die Bischöfe von Brandenburg und Havelberg zeitweilig an die Spitze der sich allmählich for-

mierenden Landstände, um größtmöglichen Einfluss auf die landespolitischen Entwicklungen nehmen zu können. Folglich wirkten die Bischöfe in verschiedenen Verfahren und den wohl zahllosen Konfliktregelungen im Land mit. Aus solchen Umständen erklärt sich schließlich die häufige Tätigkeit der Bischöfe als Ratgeber der Markgrafen. Über diesen Modus erkannten sie freilich – willig oder widerstrebend – die Herrschaftsinteressen der Markgrafen nach und nach an. Ungeachtet dessen behaupteten die Bischöfe ihr fürstliches Selbstverständnis, mit dem sie die Führung ihres geistlichen Amtes zeitgemäß verbanden, diesseits und jenseits der Grenzen ihres bescheidenen, aber aus souveränen Rechten geführten Grundbesitzes – in Ziesar und andernorts. Die Belehnung der Hohenzollern mit der Markgrafschaft Brandenburg 1413 und 1417 war kirchenrechtlich eigentlich von geringer Bedeutung für das Bistum Brandenburg. Dass die Bischöfe als geistliche Amtsträger, als Ratgeber, Parteigänger wie als sektorale Konkurrenten eigener, weltlicher Herrschaftsbildung großen Stellenwert für jedweden Markgrafen besaßen, war auch nicht neu. Entscheidender für die Bistümer und deren geistliche Vorsteher wurde langfristig die im Ergebnis der großen Konzilien von Konstanz (1414–1418) und Basel (1431– 1437/49) erreichte Überwindung der Krise in der abendländischen Kirche. Zu den folgenreichen Ergebnissen für die Reichsverfassung gehörte, dass letztlich die Bischöfe in ihrem ureigensten Bereich gegenüber den weltlichen Landesherren rechtlich zurückgesetzt wurden, denn die weltlichen Fürsten konnten bei dem mit ihrer Hilfe wiedererstarkten Papsttum Einwirkungsrechte auf kirchliche Institutionen, etwa die Domkapitel, in ihren Landesherrschaften aushandeln. Solche rechtlichen Vorteile, die die brandenburgischen Markgrafen erstmals und zunächst befristet 1447 von Papst Nikolaus V. (1447–1455) erlangten, förderten letztlich den Ausbau ihrer uneingeschränkten Souveränität. Zugleich gewann auch die Frömmigkeit als Ausweis landesherrlicher Fürsorge und Repräsentation weitere Bedeutung, insbesondere für Kurfürst Friedrich II. (1440–1471). Ungeachtet dessen zeigt sich ebenso, dass einzelne Bischöfe seit der Jahrhundertmitte konziliare Reformimpulse in ihre geistliche Amtsführung und Fürsorge aufnahmen. Damit verbunden brachten sie selbstbewusst ihr Verständnis kirchlicher Gesamtverantwortung und

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Freiheit in ihrer geistlichen und weltlichen Herrschaftsweise und Weltsicht zum Ausdruck. In der Residenz der Brandenburger Bischöfe in Ziesar tritt dies sinnfällig vor Augen – einzigartig und zeitgemäß. Markgraf Friedrich I. von Brandenburg (1415–1440) machte kurz nach seinem Amtsantritt gegen den Willen des Domkapitels seinen Vertrauten, Johann von Waldow, zum Bischof von Brandenburg. Als dieser 1421 ins Bistum Lebus wechselte, setzte Friedrich nicht erneut einen Gefolgsmann als Bischof durch, sondern akzeptierte mit Stephan Bodecker den Kandidaten des Domkapitels: ein beachtliches Ergebnis. Im Gegenzug, wenngleich nicht ohne Widerstand, fand sein Parteigänger Peter von Klitzing als Dompropst dort Anerkennung. Somit blieb der kurfürstliche Einfluss auf das so wichtige Bistum Brandenburg gewahrt. Landesherrschaft bedurfte zusehends funktionaler Mittelpunkte, nicht nur in Gestalt von Burgen oder Städten. Zur Festigung der lange Zeit keineswegs gesicherten Landesherrschaft der Hohenzollern in der Mark gehörten nicht nur harte politische Auseinandersetzungen. Hohe integrative Bedeutung besaßen fromme Stiftungen ebenso wie die Einrichtung neuer kirchlicher, den religiösen Bedürfnissen der Menschen entsprechender Zentren, etwa Stiftskirchen, Wallfahrtsorte oder Grablegen. Deshalb stiftete 1435 Kurfürst Friedrich I. unter Beteiligung seines gleichnamigen Sohnes an der Marienkirche auf dem Harlungerberg in Brandenburg ein Prämonstratenserstift. Die Hauptaufgabe der neuen Klerikergemeinschaft, die sich aus Teilen des Domkapitels rekrutierte, bestand in der Verehrung der Jungfrau Maria. Die populäre Marienverehrung fand damit in der Mark einen neuen Mittelpunkt und besondere Förderung. 1440 gründete Friedrich II. in der Nachfolge seines Vaters dann die »Gesellschaft Unser Lieben Frauen« (selschapp unnser liven frowen). Dieser so genannte Schwanenorden war eine adlige Bruderschaft, die auf dem Wege religiöser Gemeinschaft die Bindungen des märkischen Adels an das Herrscherhaus der Hohenzollern festigte und vertiefte. Die Marienkirche wurde so dauerhaft zu einem kultischen Zentrum adliger, laikaler und klerikaler Frömmigkeit. Eine dort eigens errichtete Kapelle diente als Versammlungsort der Gesellschaft und Stätte der Memoria wie auch des Mariengebets. Entsprechend 26

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bedeutungsvoll war ihre Ausstattung. Die Schwanenordenskasel, ein priesterliches Gewand, das nach 1466 von Friedrich II. gestiftet wurde, weist in seinem gestickten Bildprogramm auf ihn als Stifter dieser Gesellschaft hin. Die Reliefstickerei zeigt die Ordenskette: Maria auf der Mondsichel im Strahlenkranz, darunter sich anschließend ein zu einem Ring gedrehtes Band, das einen Schwan mit ausgebreiteten Flügeln einschließt. Die Klerikergemeinschaft auf dem Harlungerberg wurde schließlich aus dem organisatorischen Verband des Domkapitels herausgelöst und in ein eigenständiges prämonstratensisches Stiftskapitel überführt. Der Kurfürst gewann so ein weiteres Einflussgremium für sich. Bischof Stephan Bodecker (1421–1459) gab dazu seine Zustimmung, wenngleich nicht zu übersehen ist, dass die Förderung des Marienstifts unter maßgeblicher Beteiligung jenes Propstes Peter von Klitzing erkennbar gegen das Domkapitel gerichtet war. Doch Bodecker, der mit zahlreichen Schriften die Marienverehrung förderte, konnte und wollte als Oberhirte einem solchen Zentrum des Marienkultes schwerlich entgegenwirken. Zudem blieben Domstift und Marienstift eng miteinander verbunden. Nachdrücklichere Eingriffsmöglichkeiten in die Bistumsorganisation verschaffte sich Kurfürst Friedrich 1447 durch den Erwerb entsprechender päpstlicher Privilegien. Neben dem Recht, auf Lebenszeit die Bischöfe von Brandenburg, Havelberg und Lebus vorzuschlagen, erhielt der Landesherr auch die Erlaubnis, die Ordensregel der Prämonstratenser in Brandenburg und Havelberg aufzuheben und beide Domstifte mit Weltgeistlichen zu besetzen. Mit dem fadenscheinigen und politisch gern genutzten Argument, die Domherren lebten nicht regelkonform, wollte der Hohenzoller hier die führenden Institutionen in ihren Rechten mindern und neu ordnen. Doch der Versuch scheiterte am Widerstand der Bischöfe und Domherren. Der Kurfürst hielt jedoch daran fest, durch kirchlichreligiöse Initiativen seinen Einfluss und sein Ansehen als Landesherr zu steigern. Dies zeigt sich auch am energisch durchgesetzten Bau eines Schlosses in Berlin – Zeichen und Anspruch fürstlicher Macht und eines ausgeweiteten Fürstenhofs in Gestalt repräsentativer Residenzbauten. Dazu gehörte unverzichtbar eine spezifische, hofnahe geistliche Institution, möglichst in der Bedeutung eines

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religiösen Mittelpunktes des Landes und der damit verbundenen Herrschaft. Im Ergebnis entstand nach dem zuvor schon eingerichteten Stiftskapitel 1465 die Stiftskirche in Berlin, deren Geistliche dem Kurfürsten unterstellt und somit der Aufsicht des Brandenburger Bischofs, Dietrichs von Stechow, entzogen waren. Dass der Kurfürst dessen Bruder, Henning von Stechow, zum Vorsteher des neuen Stifts machte, demonstriert die Reichweite fürstlicher Interessen in den Reihen des Klerus. Die Bischöfe von Brandenburg und auch ihr Domkapitel versagten sich soweit markgräflichen Interessen nicht, suchten aber zugleich nach neuen Mitteln zur Sicherung ihrer geistlichen Macht und Herrschaft. Dass dazu der Bischof und sein Domkapitel durchaus in verschiedene Richtungen, wenn nicht gar getrennte Wege, gehen konnten, zeigte sich bald. Ein Beispiel dafür ist der Neubau der Kapelle und der Umbau der Burg Ziesar zur repräsentativen Bischofsresidenz durch Bischof Dietrich von Stechow um 1470. Dietrich von Stechow knüpfte dazu einerseits an das Wirken seiner Vorgänger an, andererseits hatte die Burg bis ins 14. Jahrhundert eine eigene Entwicklung erfahren. Erst für das Jahr 1214 existiert ein sicherer Beleg dafür, dass ein Bischof von Brandenburg in Ziesar vor Ort war. Teile der bis heute erhaltenen Kernburg dürften zu dieser Zeit bereits errichtet gewesen sein, denn im September des darauffolgenden Jahres fand in Ziesar eine wichtige Fürstenversammlung statt. Die im Schutz der Burg entstehende neue Siedlung nahm bald städtischen Charakter an. Eine Bevorzugung Ziesars als bischöflicher Aufenthaltsort setzte ab 1336 unter Bischof Ludwig von Neindorf ein, der größere Baumaßnahmen am Ostflügel und am Torbau veranlasste. Für seinen Nachfolger, Dietrich von Kothe (1347/49–1365), hatte die Bischofsburg dann bereits die Bedeutung einer Residenz, worauf – wenn auch schwierig zu datierende – Reste von Wandmalereien wohl liturgisch genutzter Räume hinweisen. Dietrich ließ darüber hinaus seine Verwandten in der Heilig-Kreuz-Kirche bestatten – ein deutlicher Ausweis bischöflicher Herrschaft und Präsenz in Ziesar. Personal und Funktionsbereiche der Hofhaltung beschreibt ausführlicher erst eine Quelle des frühen 16. Jahrhunderts mit Kanzlei, Wirtschaftsbetrieben wie Back- und Brauhaus, ebenso mit einer Pferdezucht und einem Jagdgehege. Wie an anderen Fürstenhöfen auch erhielten Söhne adliger Familien in Ziesar ihre ritter-

liche Ausbildung und Erziehung. Der Hauptmann war der oberste der bischöflichen Hofbeamten. Weiterhin zählten Kapläne zum Hof, die ihren Dienst in der Burgkapelle und in der Stadtkirche versahen. Dazu kamen Schreiber, Kammerdiener, Wächter, Köche, Bäcker, Stallmeister und anderes Personal zur Bewirtschaftung. Als der Brandenburger Dompropst und kurfürstliche Ratgeber Dietrich von Stechow 1459 als erster Geistlicher von Kurfürst Friedrich II. zum Bischof nominiert und vom Domkapitel anerkannt wurde, kam es nicht, wie bisher üblich, im Brandenburger Dom, sondern in der Berliner Residenz zur Amtseinführung. Eine bezeichnende Änderung! Doch diesem Bischof mangelte es genauso wenig wie seinem Vorgänger, Stephan Bodecker, an Initiativkraft. Schon Stephan Bodecker hatte ein beachtliches Bauprogramm mit dem Neubau des Langhauses am Brandenburger Dom, mit Umbauten an der benachbarten St. Gotthardtkirche und mit der Ausmalung der Bibliothek im Nordflügel der Brandenburger Domklausur veranlasst und damit deutliche Zeichen gesetzt. Der Ausbau der bischöflichen Residenzburg in Ziesar hatte soweit also Vorgänger – in Brandenburg. Durch Dietrich von Stechow entstand in Ziesar Neues und demonstrativ Repräsentatives, in dem sich die baukulturelle Formensprache der fürstlichen Hofkultur mit dem Selbstverständnis geistlicher Herrschaft, mit Liturgie und Memoria verband. Frömmigkeit setzte also neue Zeichen. Mit dem Neubau der Kapelle und dem Umbau des Palas schuf der Bischof ein aufeinander bezogenes und durch die Wege innerhalb der Burg miteinander verbundenes Gesamtensemble. Die Ausmalung der Kapelle mit Bildthemen aus dem Leben der Gottesmutter Maria in den drei Nischen spricht für sich. Zugleich verweist sie auf die im Brandenburger Domkapitel gepflegte Marienfrömmigkeit, das Marienstift auf dem Harlungerberg und die dortige Marienbruderschaft. In der Marienverehrung trafen sich offenbar Bischof und Markgraf. Die Marienmotive verdeutlichen einerseits das durch die Prämonstratenser geprägte religiöse Selbstverständnis Dietrichs und andererseits die öffentlich gemachte Marienfrömmigkeit des Kurfürsten im Marienstift auf dem Harlungerberg. In Anbetracht der wachsenden Bedeutung der Berliner Stiftskirche könnte im intensivierten Ausweis der Marienfrömmigkeit eine

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Versicherung der religiösen Mittelpunktfunktion des Brandenburger Bistums beabsichtigt gewesen sein. In Ziesar geschah damit aber mehr. Mit der Verlagerung der Marienfrömmigkeit geriet sie in den neu gesetzten Handlungshorizont bischöflicher Hofkultur und brachte diese Bischofsresidenz – so aufgewertet – in Konkurrenz zur profanen Repräsentation einer weltlichen Residenz, wie sie etwa in Berlin entstand. Hinzu kam in Ziesar noch der Anspruch bischöflicher Stiftermemoria. Als Stätte der bischöflichen Memoria hoben die Inschrift im Weihestein und das bischöfliche Grabmonument die neu gestaltete Kapelle hervor. Dietrich von Stechow, der einzige in Ziesar bestattete Bischof von Brandenburg, setzte seiner Person und seinem Selbstverständnis ein bedacht situiertes Denkmal: Die Tumba mitten in der Kirche mit liegender, zum Chor blickender Bischofsskulptur. Daraus ergaben sich nachvollziehbare spirituelle Beziehungen zwischen dem Bischof, den auf ihn herabschauenden Heiligen, die als Schutzpatrone der Kirche den Votivstein zierten, und den in den Nischen neben seinem Grab angebrachten Darstellungen der Gottesmutter. Diese Situation überzeugt durch Anspruch und Frömmigkeit. Sie blieb in Ziesar freilich ohne Nachfolge. Die Markgrafen des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts suchten, nicht weniger als die Generation zuvor, ihre Souveränität über kirchliche Institutionen auszudehnen. Das gelang Kurfürst Joachim I. (1499–1535) an entscheidender Stelle, als er 1506/07 mit päpstlicher Genehmigung die Prämonstratenserstifte von Brandenburg und Havelberg in so genannte Säkularstifte umwandelte. Er kappte so – versehen mit höchstem Recht – die seit der Wiedererrichtung dieser Domkapitel im 12. Jahrhundert für sie charakteristische Bindung seiner Mitglieder an den Prämonstratenserorden. Widerstand dagegen scheint es gegeben zu haben, doch eher subtil. Der Brandenburger Bischof Joachim von Bredow (1485–1507), der 1505 »in ansehung seines betagten alders vnnd leibs swachheyt« den kurfürstlichen Dienst quittierte, hielt zeitlebens an der prämonstratensischen Ordenstracht fest. Ähnliches wird seinem Havelberger Amtsbruder Johannes von Schlabrendorff (1501–1520) nachgesagt. Als Joachim von Bredow 1507 starb, bestimmte der Kurfürst aus dem Kreis seiner vertrauten Geistlichen Hieronymus Schultz (1507– 1520) für den Brandenburger Bischofsstuhl. Bischof Hie28

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ronymus Schultz wich den Erwartungen des weltlichen Landesherrn nicht aus, was dessen Eingriff in die Domkapitel beförderte. 1507 setzte Kurfürst Joachim I. mit dem Ablagerecht noch eher wirtschaftliche Ansprüche durch, 1514 erhielt er dann das Besetzungsrecht über die Stellen der Dompropsteien in Brandenburg und Havelberg. Die Bischöfe des jungen 16. Jahrhunderts, die sich den zunehmenden Einflussmöglichkeiten der Kurfürsten ausgesetzt sahen, fanden dagegen kaum Partner, auch nicht auf Reichsebene. Hier versagten sie sich den vom Reichsfiskal intensivierten Forderungen nach Steuern und Heeresfolge für das Reich. Mit einer solchen auch gerichtlich verfochtenen Verweigerungspolitik standen die brandenburgischen Bischöfe nicht allein, aber in ihren Argumenten gegen das Reichsgebot schwangen stets Hinweise auf ihre Untertänigkeit gegenüber den Markgrafen von Brandenburg mit. Auch sind in dieser Situation Momente ihrer politischen, mehr noch der ökonomischen Schwäche ihres eigenen Herrschaftsgebiets nicht zu übersehen. Gleichwohl – in der Bischofsresidenz Ziesar zeigten die brandenburgischen Bischöfe auch anderes: Sie investierten in eine repräsentative Kunst. Die heute noch sichtbare Ausmalung der Kapelle und des bischöflichen Wohnbereichs mit illusionistischem Maßwerk und grünen Ranken datiert – bei mangelnden urkundlichen Nachrichten – in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. Als Ausweis fürstlicher Hofkultur der Bischöfe spricht das für sich. Zugleich widerspiegeln diese Bildprogramme und die Inszenierung der neu ausgemalten Burgkapelle Veränderungen der Lebensgewohnheiten im Brandenburger Domstift und der nach 1500 amtierenden Bischöfe. Kulturelle Selbstbehauptung und religiöse Identität auf der einen Seite und verfassungspolitische Rückzugsbewegungen der Bischöfe im Zeichen heraufziehender Glaubensspaltung im Reich auf der andern Seite liefen wohl parallel. Die Einführung der Reformation im Domstift Brandenburg begann unter Bischof Matthias von Jagow (1526– 1544), der sich – nicht ohne politische Nähe zum Kurfürsten – der neuen Lehre bedacht und schrittweise zuwandte. Kurfürst Joachim II. (1535–1571) bekannte sich am 30. November 1539 zur neuen Lehre, woran Bischof Matthias gebotener Weise mitwirkte. Ein Jahr später stimmte er auch den Bestimmungen der ersten evangeli-

Clemens Bergstedt · Heinz-Dieter Heimann · Andreas Köstler

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schen Kirchenordnung des Landes zu, und wiederum ein Jahr darauf heiratete er noch im hohen Alter. All das bedeutete jedoch nicht das Ende der römisch-katholischen Kirche und ihrer Bischöfe in Brandenburg. Die Haltung des Kurfürsten und des Bischofs von Brandenburg zog nicht automatisch die Anerkennung der neuen Lehre durch die Bischöfe von Havelberg und Lebus sowie durch die Domherren nach sich. Auch gab es Widerstand gegen die Einführung der neuen Lehre in Pfarreien und in Konventen der verschiedenen Ordensgemeinschaften. Das Ende der »Alten Kirche« kam schleichend – und in Rechte gehüllt. Der rechtliche Einfluss des Kurfürsten auf die Besetzung der Bischofsstühle und Domherrenstellen führte schrittweise dazu, dass dort die Gegner hohenzollernscher Kirchenpolitik wirklich ausstarben. Am Ende dieses Prozesses bestanden die Domstifte Brandenburg und Havelberg als evangelische Einrichtungen fort, ging das römisch-katholische Bischofsamt unter, während das neue kirchliche Leitungsrecht die Souveränität des weltlichen Landesherrn stärkte. Mit dieser Verfassungssäkularisation in der Aufhebung hergebrachter geistlicher Herrschaft ging schließlich eine Aneignung des kirchlichen Besitzes zugunsten des weltlichen Landesherrn und seines Staatsverständnisses einher. Mit diesen beiden Entwicklungen endete die Geschichte der Bischofsresidenz Ziesar. Die Burg fungierte zunächst einige Jahrzehnte als Nebenresidenz der Hohenzollern, dann folgten Verfall und Umbauten, während die dazugehörigen Liegenschaften als kurfürstliches Amt verwaltet beziehungsweise verpachtet oder verpfändet wurden. Der evangelische Bischof Joachim von Münsterberg (1544–1560), Nachfolger Matthias’ von Jagow, setzte eigene Zeichen: Aus der Burgkapelle Ziesar übergab er liturgische Gewänder, eine Mitra, Pontifikalringe, mit Perlen bestickte Handschuhe sowie silberne und goldene Kelche dem Domstift Brandenburg. Das kirchliche Leben nach dem Ritus der »Alten Kirche« fand soweit dort sein protokolliertes Ende. Doch damit nicht genug. Aus Prozessakten der Jahre 1562/64 geht hervor, dass der Kurfürst zur Rechtfertigung seiner Ansprüche auf das Bistum gegenüber dem märkischen Landadel behauptete, die Bistümer seien einst von den Markgrafen gestiftet und ausgestattet worden. Hier wurde Geschichte zu einem Argument – freilich zu einem

missbrauchten. Überzeugender führt der Rückgriff in die Geschichte zur Gründungsurkunde König Ottos I. für das Bistum Brandenburg aus der Mitte des 10. Jahrhunderts und verweist damit nicht nur auf den Beginn der Christianisierung, sondern auch auf ein Halbjahrtausend der Bischöfe von Brandenburg.

Literatur: ABB/WENTZ, 1929. ASSING, 2002/03. BADSTÜBNER u. a., 2008. BERGSTEDT, 2002/03. BERGSTEDT/DRACHENBERG/HEIMANN, 2005. BERGSTEDT/HEIMANN, 2005. BULACH/CANTE, 2007. HEIMANN, 2004. HEIMANN, 2007. HEIMANN u. a., 2007. HEIMANN/NEITMANN, 2008. HILSEBEIN, 2005. KURZE, 1991. KURZE, Mittelalter, 1999. KURZE, Prämonstratenser-Domstifte, 1999. KURZE, 2003. LAMINSKI, 1999. MATERNA/RIBBE, 1995. NEUMEISTER, 2003. PARTENHEIMER, 2007. PUHLE/HAGEDORN, 1996. REIHLEN, 2005. RIEDEL, 2007. WENTZ, 1933. WIGGER, 1992. WIGGER, 1996/97.

Die Bischofsresidenz Burg Ziesar und die Bischöfe von Brandenburg

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Bischofsresidenz Burg Ziesar, Ansicht von Norden.

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Die Bischofsresidenz Burg Ziesar und ihre Kapelle (Leseprobe) by BeBra Verlag - Issuu