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Edith Stein (Leseprobe)

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Ernst Freiberger-Stiftung

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Edith Stein

Wolfdietrich von Kloeden Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

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Inhalt

Ernst Freiberger Ein Denkmal für Edith Stein Wolfdietrich von Kloeden Das Lebensbild der Edith Stein Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz »Ringen um die ewigen Fragen« Edith Steins Bedeutung

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Dokumentenanhang

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Werkverzeichnis

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Zu den Autoren

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Bildnachweis

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Abkürzungsverzeichnis

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Ernst Freiberger Ein Denkmal fĂźr Edith Stein

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Die Gemeinschaft von außerordentlichen Persönlichkeiten, die in der »Straße der Erinnerung« versammelt sind, erfährt durch das neue Denkmal für Edith Stein eine besondere Dimension. Es ist die »Heiligkeit«, eine Kategorie, die zunächst jenseits der wissenschaftlich nachprüfbaren historischen Bedeutung eines Menschen liegt. Das Heilige gehört zu den ältesten Vorstellungen der Menschheit und ist dennoch aktuell in der unmittelbaren Gegenwart. Seine ungebrochene Vitalität im Denken der Weltreligionen, insbesondere in der katholischen Kirche, spricht für seine Unverzichtbarkeit für das religiöse Leben. Edith Stein wurde von Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz in Rom am 11. Oktober 1998 feierlich als »Teresia Benedicta a Cruce« heiliggesprochen. Sie ist, sieht man von den heiligen Frauen der biblischen Heilsgeschichte ab, die erste katholische Heilige, die eine geborene Jüdin ist. Ein Jahr später hob der Papst Edith Stein noch weiter hervor, als er sie mit einem demonstrativ hohen Rang in der abendländischen Religionsgeschichte versah: Am 1. Oktober 1999 wurde sie zur »Patronin Europas« ausgerufen, zusammen mit Birgitta von Schweden und Katharina von Siena. Damit rückte ein Leben, das vorher in der Fachöffentlichkeit der Philosophie und nach 1933 im Verborgenen gespielt hatte, in den Mittelpunkt öffentlicher Wahrnehmung. Sichtbar wurde nicht nur ein ergreifendes Märtyrerschicksal, sondern auch die Vita einer herausragenden Wissenschaftlerin, die durch phänomenologische und religionsphilosophische Studien das Denken ihrer Zeit zu prägen begann, bevor sie 1933 eine dramatische Lebenswende vollzog und dem Gebetsorden der Karmelitinnen beitrat. Edith Steins Ermordung in Auschwitz ist Teil eines unfassbaren Verbrechens an Millionen von Menschen. Nach allem, was wir über Edith Stein wissen, ist sie ihren Opfergang auf doppelte Weise bewusst gegangen: in der Identifizierung mit dem jüdischen Volk, dem sie entstammte, und in der tiefreligiösen »Nachfolge Christi« im Leiden. In Edith Steins Persönlichkeit verbanden sich Wissenschaft und Religiosität, Intellekt und Hingabe, anspruchsvolles Denken und Demut, Judentum und Christentum. Geprägt war sie zunächst durch die im Denken jüdischer Familien vor 1914 so typische Mischung von strenger Religiosität, Preußentum und deutschem Patriotismus. Im Ersten Weltkrieg arbeitete sie als freiwillige Rotkreuzschwester. Die hochbegabte Philosophiestudentin in Göttingen und Freiburg machte rasch Karriere und war schon in den 20er Jahren angesehen bei der Elite der Philosophen Europas. Sie

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engagierte sich als Vordenkerin der Bildungsfrage und im Bemühen um die gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen. In einer religiösen Krise entschloss sie sich 1921, Christin zu werden. 1933 mit der Judenverfolgung des NS-Regimes konfrontiert, fasste sie den Entschluss, den Papst um eine Privataudienz zu bitten, um ihm den Gedanken an eine Enzyklika vorzuschlagen. Niemand in der kirchlichen Hierarchie wollte die Idee aufgreifen, und Edith Stein verzichtete auf die Reise nach Rom. Sie trug ihr Anliegen stattdessen schriftlich vor. Der Brief wurde dem Papst versiegelt übergeben. Nach einiger Zeit wurde Edith Stein der päpstliche Segen für sie und ihre Angehörigen übermittelt – von einer Enzyklika zur »jüdischen Frage« war darin nicht die Rede. Vom Scheitern ihres hochpolitischen Gedankens an hat Edith Stein ihr Verfolgungsschicksal mit dem Sinn christlichen Leidens versehen. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schrieb sie in ihrem Testament den Schlüsselsatz: »Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter Seinen heiligsten Willen mit Freuden entgegen. Ich bitte den Herrn, daß Er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu Seiner Ehre und Verherrlichung«. Auf dem Weg nach Auschwitz erschien Edith Stein Augenzeugen wie eine »Pietà ohne Christus«, von einem tiefen Kummer durchtränkt. Rettungsangebote, die ihr als christlicher Ordensfrau gemacht wurden, hat sie abgelehnt. »Tun Sie das nicht, warum soll ich eine Ausnahme erfahren. Ist dies nicht gerade Gerechtigkeit, daß ich keinen Vorteil aus meiner Taufe ziehen kann? Wenn ich nicht das Los meiner Schwestern und Brüder teilen darf, ist mein Leben wie zerstört.« Für Theologen und Geschichtsphilosophen mag das Problem herausfordernd sein, ob Edith Stein als Jüdin oder als Christin den Märtyrertod gestorben ist. Für unsere Denkmalsstraße steht jenseits solcher Grenzfragen im Mittelpunkt, dass Edith Steins Geschichte eine große, denkwürdige und erinnerungswerte Erzählung ist, die der Mit- und Nachwelt Kunde gibt von einem vorbildlichen, in äußerster Hingabe für das Gute geführten Leben. Je mehr man darüber nachdenkt, umso berührender, desto denkmalwürdiger erscheint es. Es fügt sich, dass Bert Gerresheim mit seinem Porträt ein tiefsinniges, Edith Steins Stellung zwischen Judentum und Christentum kongenial deutendes Werk geschaffen hat. Die »Straße der Erinnerung« wird um ein großes Kunstwerk reicher.

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Wolfdietrich von Kloeden Das Lebensbild der Edith Stein

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Erna und Edith Stein, Kinderbild um 1898.

Edith Stein (Schwester Teresia Benedicta a Cruce, OCD) wurde am 12. Oktober 1891 in Breslau geboren und am 9. August 1942 in Auschwitz ermordet. Sie war eine bedeutende katholische Religionsphilosophin, Pädagogin und Ordensfrau jüdischer Abstammung. Am 1. Mai 1987 wurde sie seliggesprochen, am 11. Oktober 1998 zur Heiligen und schließlich zur Conpatronin Europas erhoben. Edith Stein war die jüngste Tochter eines jüdischen Holzhändlers und das elfte Geschwisterkind. Im Alter von zwei Jahren ver-

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lor sie den Vater, zur Mutter hatte sie bis zu deren Tode ein Vertrauensverhältnis. Zwar war Auguste Stein, geb. Courant, über die religiöse Abtrünnigkeit der Tochter betrübt, gab aber die Verbindung zu ihr nicht auf und rang bis an ihr Lebensende 1936 um die Seele des nun christlichen Kindes. Die Hoffnung, Edith zur mosaischen Religion zurückzuführen, erfüllte sich nicht. Ab 12. Oktober 1897 besuchte Edith Stein die Viktoriaschule in Breslau, von 1908 bis 1911 ging sie auf deren Oberlyzeum. Wegen der guten Leistungen vom mündlichen Abitur befreit, studierte sie an der Universität ihrer Geburtsstadt Germanistik und Geschichte. Dazu kamen Vorlesungen bei dem Philosophen Richard Hönigswald (1875 –1947) und dem Psychologen William Stern (1871–1938). Vor allem beschäftigte sie das Problem der Denkpsychologie. Wichtig wurde der Wechsel an die Universität Göttingen. Neben den Fächern in Breslau wählte sie dort das Studium der Philosophie und Psychologie – beide Grundsteine für ihr späteres Werk. In Göttingen begegnete sie Edmund Husserl (1859 –1938), dem Vater der phänomenologischen Methode. Edith Stein wurde seine Schülerin und wählte Philosophie als Hauptfach. Auch die Geschichtsvorlesungen des Historikers Max Lehmann, eines Schülers von Leopold von Ranke, faszinierten sie; vor allem seine Vorlesungen über das Zeitalter des Absolutismus und über Bismarck. 1915 absolvierte sie ihr Staatsexamen »pro facultate docendi« in philosophischer Propädeutik, Geschichte und Deutsch. Edmund Husserl blieb weiterhin bestimmend für das Leben der jungen Philosophin. Schon in der Breslauer Studienzeit hatte sie seine Logischen Untersuchungen (1900/1901), besonders den zweiten Teil, durchgearbeitet. Die neue Wahl des Studienortes Göttingen war also die Konsequenz ihrer frühen Husserl-Lektüre. Dieser Lehrer stellte von der Phänomenologie her die Methoden der zeitgenössischen Philosophen infrage. Skeptizismus und Ausprägungen des Neukantianismus sollten nicht mehr dominieren. Husserl suchte von den Erscheinungen her nach dem Kern der Dinge und nannte es die »eidetische Reduktion«. Edith Stein sah im Studium der phänomenologischen Methode die Möglichkeit, in der eigenen Wahrheitsfindung voranzukommen. So wurde die Georg-August-Universität Göttingen für die 21-jährige Studentin zum Ort strenger denkerischer Suche nach der Durchgründung des Menschlichen seitens der philosophischen Wissenschaft. Husserl sollte dabei ihr geistiger Führer sein. Er forderte von seinen Studenten die Bereitschaft,

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Die Mutter Auguste Stein, geb. Courant, inmitten ihrer Familie; Edith rechts unten neben Erna. Das Bild des Vaters wurde hinzugefügt, da er zum Zeitpunkt der Aufnahme schon tot war.

unentwegt nach Wurzeln und Bedingungen des Menschseins zu fragen. Sehr bald gehörte Edith Stein zum engeren Kreis um Husserl. Sie schloss Freundschaft mit dessen schon habilitiertem Schüler Adolf Reinach (1883 –1917). Enge Studiengefährten wurden außerdem: Dietrich von Hildebrand, Johannes Hering, Fritz Kaufmann, Alexander Koyre, Hans Lipps, Roman Ingarden u. a. Das Freundschaftsverhältnis mit Hedwig Conrad-Martius, einer weiteren Husserl-Schülerin, ergab sich erst später. Jenem verdankt die Forschung einen Band mit Briefen Edith Steins an die Freundin (München 1960). Zu Lipps und Ingarden hatte sie eine vertrauliche Beziehung. Die Briefe an Letzteren geben zahlreiche Aufschlüsse über ihr Suchen nach der Wahrheit.1 Roman

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Ingarden lebte von 1893 bis 1970 und lehrte später in seiner polnischen Heimat als Philosophieprofessor, erst in Lemberg, dann ab 1945 in Krakau. Edith Stein erlebte 1931 die Veröffentlichung seines ersten Hauptwerks Das literarische Kunstwerk, das in deutscher Sprache erschien. Nach dem Staatsexamen Januar 1915 folgte ein freiwilliger Dienst beim österreichischen Roten Kreuz im Seuchenlazarett Mährisch-Weißkirchen. Da man die Hilfsschwester in Deutschland nicht einstellen wollte, trat sie noch im gleichen Jahr für kurze Zeit in den Breslauer Schuldienst ein. Außerdem machte sie das Graecum nach, das für die Doktorpromotion in Göttingen gefordert wurde. Nach den Stunden des Schuldienstes arbeitete Edith Stein an ihrer Dissertation. Diese hatte das Thema der »Einfühlung« zum Gegenstand. Seine Wahl wurde von Husserls phänomenologischem Subjektivismus her bestimmt. Das Suchen nach Innen, wobei das Leben des anderen miterfasst wird, ist hier schon dem späteren Ringen um das Religiöse vorgelagert. Ende 1915 erhielt Husserl einen Ruf nach Freiburg i. Br. als Nachfolger von Heinrich Rickert, der nach Heidelberg ging. Zur gleichen Zeit legte Edith Stein einen Teil der Ausarbeitungen zur Dissertation ihrem Lehrer vor. Ab Februar war sie zunächst auf Bitten der Schulbehörde in Breslau tätig; sie gab Unterricht in Latein, Deutsch, Geschichte und Geographie. So konnte sie auch ab Ostern das Seminarjahr beginnen, was für einen Lehrerberuf notwendig war. In der freien Zeit, meist am Abend, arbeitete sie an der Schlussphase der Dissertation. Am 3. August 1916 wurde Edith Stein in Freiburg zum Dr. phil. mit summa cum laude promoviert. Ein Jahr später gelang ihr die Veröffentlichung ihrer Dissertation. Der Titel lautete Zum Problem der Einfühlung, wobei Teil I und der letzte Teil nicht gedruckt worden waren. Der Band enthielt die Teile II–IV. Von der Drucklegung her nennt die Edith Stein-Forschung 1917 als Jahr der Promotion. Ab 5. Oktober 1916 bis 1918 arbeitete die Wissenschaftlerin als Assistentin von Husserl in Freiburg. In die vielen stenographischen Notizen ihres Lehrers suchte sie Ordnung für die Veröffentlichungen zu bringen. Sie bereitete u. a. Husserls Göttinger Vorlesungsmanuskript von 1913, in Natur und Geist, nun zu Ideen II zugehörig, für eine mögliche Drucklegung vor. Ähnlich verfuhr sie später mit Husserls überarbeiteter VI. Logischer Untersuchung. Sie selbst hielt pro Semester eine ordentliche Lehrveranstaltung zur Phänomenologie für Anfänger an der Universität Freiburg ab.

Freiwilliger Lazarettdienst 1914/15.

1 Vgl. Edith Steins Werke Bd. I–XVIII. Hg. von Lucy Gelber und Romaeus Leuven OCD; ab Bd. XI von Lucy Gelber und Michael Linssen OCD, Freiburg – Basel – Wien (Herder), 1950 –1998 (= ESW), hier Bd. XIV, und Edith Stein Gesamtausgabe Bd. 1 – Bd. 25. Hg. im Auftrag des Internationalen Edith Stein Instituts Würzburg von Michael Linssen OCD, seit 2002 von Klaus Mass OCD, Freiburg – Basel – Wien (Herder) 2000 ff (ESGA), hier Bd. 4.

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2 Vgl. Teresia a Matre Dei = Waltraut Herbstrith OCD: Edith Stein auf der Suche nach Gott, 1963, S. 39. 3 Vgl. Brief an R. Ingarden vom 3.2.1917, ESGA Bd. 4, S. 45. 4 ESW Bd. XIII, ESGA Bd. 8.

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Bei ihrer Sicht der Geschichte war Edith Stein ausgehend von ihrem Lehrer Lehmann auf das Werk Leopold von Rankes gestoßen, was sie zu der Bemerkung veranlasste, Husserl ist der »Meister der Wesensschau«, »Ranke der Meister des Verstehens«.2 Das Problem der Husserlschen Philosophie lag in der Begrenzung auf eine immanente Bewusstseinsphilosophie. Es zeigte sich deutlich an der Bewegung von seinen Logischen Untersuchungen (1900/01) zu den Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Methode (1913). Dahinter konnte man die Hinwendung zu einem neuidealistischen Ansatz sehen, was ab 1917 von Edith Stein und anderen jungen Husserl-Schülern zunehmend kritisch beleuchtet wurde. Vor allem Edith Stein erkannte bei ihrem Lehrer die Entwicklung von einer reallogischen Wesensschau zur transzendentalen Idealschau. Für sie musste die Ausformung vom Bewusstsein anders verlaufen. Hinter dieser Erkenntnis steckte ein tieferer, radikalerer Ansatz zur Wahrheitssuche an sich. Ihr stellten sich, zusammengefasst, folgende Fragen: 1. Wieweit kann Bewusstseinsphilosophie zur personalen Wahrheitsfrage beitragen? 2. Was ist Philosophie überhaupt? Ist sie nicht jedem Zeitalter, wo sie sich verständlich machen will, verhaftet? Gibt es den Pendelschlag in den Zeitströmungen? Reicht er aus für spannungsreiche Denkbewegungen? 3. Warum wendet sich Husserl von der Strenge seiner Logischen Untersuchungen zu einem möglichen, wenn auch kritischen Neuidealismus? Unterliegt diese Wende den Zeitläufen selbst?3 Erste Gedanken dazu wurden 1917–1931 weiter ausgeführt und fanden Eingang in das bedeutende Werk Einführung in die Philosophie, das erst 1991 veröffentlicht werden konnte.4 Edith Stein blieb ihrem Lehrer Husserl freundschaftlich verbunden, begegnete aber seinem Werk, dem sie durch das Ordnen seiner Manuskripte nahe gekommen war, nun kritischer. Zwei Ereignisse hatten die 1917 25-jährige tief bewegt. Zum einen ließ sich der als Soldat eingezogene Lehrer und Freund Adolf Reinach mit seiner Frau unter dem Eindruck der entsetzlichen Materialschlachten des Weltkriegs und dessen Folgen für die Menschheit taufen. Reinach sah ausschließlich in dem christlichen Glauben Trost, Kraft und Hoffnung für die Menschheit und bekundete, nur noch im Sinne der christlichen Wahrheitssuche zu philosophieren. An die Stelle der von ihm vertretenen Rechtsphilosophie sollte die Religionsphilosophie treten.

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Edith Steins Lehrer, der Philosoph Adolf Reinach, und seine Frau.

Reinach befand sich im Sommer zur weiteren militärischen Ausbildung in Norddeutschland und wurde im Herbst wieder an die Front gerufen; er fiel am 16. November 1917 in Flandern. Diese Nachricht warf Edith Stein aus der Bahn. Sie fühlte sich verzweifelt und leer. Ihre Briefe an Roman Ingarden bezeugen das.5 Reinach war in Göttingen nach Husserl ihr Wegbereiter zur Phänomenologie gewesen, als Freund hatte er ihren Weg zur Dissertation und darüber hinaus begleitet. Adolf Reinach wandte sich unter dem Einfluss der Phänomenologie Husserls gegen die philosophische Richtung seines Doktorvaters Theodor Lipps (1851–1914). Er wurde Husserls erster Verfechter und baute die Rechtsphilosophie in dessen Sinne aus, erarbeitete eine apriorische Rechtslehre. Die phänomenologische Sicht bestand darin, dass er Rechtssätze (a priori) im Sinne logischer Axiome gleich unbedingter Wahrheiten anwandte. Bei Edith Stein kommen Reinachs Gedanken in der zweiten Abhandlung zur geplanten ersten Habilitationsschrift klar zum

5 Vgl. ESGA Bd. 4, S. 67 und 73, Briefe vom 24.12.1917 und 19.2.1918.

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6 E. Stein, Beiträge zur philosophischen Begründung der Psychologie und der Geisteswissenschaften, 2. Abt., in: Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung, hg. von Edmund Husserl, Halle 1922, S. 272 – 273. 7 Jahrbuch, a. a. O. Bde I u. II, 1913 –1916.

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Ausdruck. In Individuum und Gemeinschaft arbeitet sie die apriorische Struktur der empirischen Geistesgestaltungen heraus; zu den apriorischen Geisteswissenschaften gehört dann die apriorische Rechtslehre.6 Reinachs Vermächtnis hieß, nur noch Philosophie lehren zu wollen, wenn er damit Menschen zum Glauben führen konnte. Als Edith Stein auf Bitten Husserls im April/Mai 1918 nach Göttingen fuhr, um zusammen mit der Witwe Anne Reinach den Nachlass ihres Mannes zu ordnen, traf sie auf eine glaubensstarke Frau. Stein machte eine neue Erfahrung: Das Leben in dem christlichen Glauben bringt die Kraft, die Trauer zu bewältigen. Was sie im Hause Reinach erlebte, war Zuversicht und Hoffnung. Es war das Aufleuchten eines Wahrheitsweges im religiösen Raum. Dazu kam eine weitere, sie schon von 1913 an begleitende Erfahrung. Es war die Begegnung mit dem zweiten bedeutenden Vertreter der Phänomenologie, Max Scheler (1874 –1928), in der »Philosophischen Gesellschaft« in Göttingen. Ihr Studienfreund Georg Moskiewicz (1878 –1918) hatte sie dort eingeführt. Scheler kam regelmäßig zu Vorträgen in die Gesellschaft. Er war neben Eduard Spranger der bedeutendste Schüler des Jenaer Philosophen Rudolf Eucken (1846 –1926, Nobelpreis für Literatur 1908). Eucken vertrat eine spiritualistisch-idealistische Metaphysik gegen Materialismus und Naturalismus. Edith Stein war von der bei Scheler stark an die Persönlichkeit gebundenen Phänomenologie begeistert. Das Fühlen rückt bei ihm in den Vordergrund. Hier liegt die Basis für die Erkenntnis. So kann der Mensch am Wesenhaften teilnehmen und seine ganz persönliche »natürliche Weltanschauung« durchleben. Schelers Anthropologie ermöglicht Freiheitserfahrung, die in die Glaubenserfahrung münden kann, was er mit seinem Wiedereintritt in die katholische Kirche 1916 bestätigte. Hier schien Edith Stein ein Weg gewiesen, auf dem sie später gehen konnte. Und es ist kein Wunder, dass die Grundtendenzen von Schelers Denken in die Dissertation Edith Steins eingeflossen sind. Schelers Hauptwerk Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik,7 war während Steins Studienzeit erschienen und gab ihr wichtige Impulse zur eigenen Auffassung von der Anthropologie. Im Februar 1918 kündigte Edith Stein ihr Arbeitsverhältnis mit Edmund Husserl. Das lag nicht an der kärglichen Entlohnung (100 Mark im Monat), sondern an der Überbeschäftigung mit den vielen Manuskriptseiten und stenographisch notierten Zetteln ihres »Meisters«. Das ganze Jahr 1917 war sie damit be-

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schäftigt gewesen, in mühevoller Kleinarbeit die Teile in Kurrentschrift umzusetzen, sie lesbar zu machen und zu ordnen. Das galt zunächst für die Ideen II und III, die damit als Arbeitsmanuskripte vorlagen (s. o. und später Husserliana IV und V, Haag 1952), dann aber auch für die Neuordnung der Vorlesung über die Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins von 1905. Letztere gab die äußersten Möglichkeiten der Reduktion und Konstitution frei. Die Überarbeitung weiterer Beiträge (Bernauer Manuskripte über das Zeitbewusstsein 1917/18, später Husserliana XXXIII, Dordrecht 2001) erforderte den ganzen Einsatz. Edith Stein war erschöpft. Die Grundarbeit über die Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins wurde schließlich von Husserls Schüler Martin Heidegger, der als Assistent 1918 Steins Nachfolge antrat, im Jahrbuch für Philosophie und Phänomenologische Forschung Bd. IX in Halle / S. 1928 veröffentlicht. Neuer Mittelpunkt Edith Steins wurde das Haus der Mutter in Breslau. Sie pendelte von 1918 bis 1921 zwischen Breslau, Göttingen und Freiburg hin und her. Im Herbst 1918 reiste sie nach Freiburg, um den an Grippe erkrankten Husserl zu pflegen. Zuvor, wahrscheinlich am 8. Juni, gab es den »religionsphilosophischen Spaziergang« Edith Steins mit Husserl und Heidegger in Freiburg. Ende 1918 trat sie in Friedrich Naumanns demokratische Partei, die DDP, ein. Die sich aus dieser gesellschaftlichen Perspektive ergebenden Beobachtungen flossen in die Schriften über Staat und Gemeinschaft mit ein (s. u.). 1918/19 arbeitete Edith Stein von Breslau aus an einer Untersuchung (Psychische Kausalität) für die geplante Festschrift zum 60. Geburtstag ihres Lehrers Edmund Husserl. Aus dem Vorhaben wurde jedoch nichts. Unverdrossen schrieb sie an einer zweiten Abhandlung Individuum und Gemeinschaft. Beides fasste sie zusammen unter dem Titel Beiträge zur philosophischen Begründung der Psychologie und der Geisteswissenschaften (s. auch o.). Danach folgte noch Eine Untersuchung über den Staat. Diese Beiträge sollten als Vorlage zur geplanten Habilitation dienen. Husserl gab seiner Schülerin ein glänzendes Zeugnis zum Abschied mit auf den Weg. Aber das Entscheidende fehlte: Er wollte sie in Freiburg nicht zur Habilitation vorschlagen. Edith Steins Vorhaben war damit schon gescheitert. In Breslau, wo sie sich bewarb, fragte man, warum sie sich nicht nach Freiburg gewandt hatte. Schlimmer noch erging es ihr bei dem Versuch in Göttingen. Hier galt noch das Vorurteil gegenüber Frauen, was sogar der

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8 S. 1–283, jetzt ESGA Bd. 6. 9 jetzt ESGA Bd. 7. 10 Vgl. die spätere Vorlesung aus dem Wintersemester 1932/33 in: ESW Bd. XVI, ESGA Bd.14.

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Weimarer Verfassung widersprach. Auch Hamburg und Kiel lehnten ab. Erst 1946 konnte sich die erste deutsche Philosophin an der Berliner Humboldt-Universität habilitieren. Es war die Leibniz- und Kierkegaard-Forscherin Liselotte Richter, die ein Jahr später zur Professorin mit vollem Lehrauftrag für Philosophie, 1951 zur ordentlichen Professorin, erst der Philosophie, dann der Theologie (Religionsphilosophie) berufen wurde. Edith Stein hatte noch keine Chance; sie gründete nach Absagen und wegen der Fehlschläge in Breslau ihre »Hausakademie«, um die Phänomenologie zu lehren. Auf Husserls Empfehlung konnten ihre Beiträge im Jahrbuch für philosophische und phänomenologische Forschung Bd. 5, hg. von Edmund Husserl, 1922 in Halle erscheinen.8 Eine Untersuchung über den Staat folgte im diesbezüglichen Jahrbuch Bd. 7, Halle 1925.9 Die umfangreichen wie tiefsinnigen Abhandlungen zeigen die Ausprägungen der phänomenologischen Methode und loten die geistige wie gemeinschaftliche »Lebenskraft« aus. 1920 lernte Edith Stein Hedwig Conrad-Martius persönlich kennen. Die beiden Frauen schlossen Freundschaft. ConradMartius und ihr Mann Theodor waren ebenfalls Husserl-Schüler. Als Frau war ihr wie Edith Stein und der Phänomenologin Gerda Walther die Habilitation verwehrt worden. Erst 1949 erhielt Hedwig Conrad-Martius eine Dozentur für Naturphilosophie an der Universität München, 1955 wurde sie zur Honorarprofessorin berufen. Als Edith Stein ihr begegnete, hatte jene schon zwei bedeutende Arbeiten vorgelegt: Über die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Positivismus (1912), eine preisgekrönte Dissertation, angenommen von Alexander Pfänder in München, und Zur Ontologie und Erscheinungslehre der realen Außenwelt (1916). Während der ersten Freundschaftsjahre beider Frauen erschienen das Büchlein Metaphysische Gespräche (Halle 1921), dann die bedeutsame Abhandlung Realontologie (Jahrbuch, a. a. O., Bd. VI, 1923). Der Freundin Anliegen war: Bei aller Achtung vor Husserls Eidetik muss auf den Seinsbestand und die Seinsgestalten selbst zurückgegangen werden. Diese Betrachtungsweise hatte großen Einfluss auf Steins Anthropologie.10 Im Sommer 1921 erhielt Edith Stein eine Einladung vom Ehepaar Conrad-Martius nach Bad Bergzabern, wo dieses für den Lebensunterhalt eine Obstplantage bewirtschaftete. In der Bibliothek fand sie ein Buch, das ihr ganzes Leben verändern sollte. Es hieß: Das Leben der heiligen Theresia von Jesus und die besonderen ihr von Gott erteilten Gnaden, auf Geheiß ihrer Beichtväter von ihr

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selbst geschrieben.11 Es ging um die große spanische Heilige und Mystikerin Teresa von Avila. Edith Stein las den Band in einem Zug und stellte dann befreit fest: »Das ist die Wahrheit«. Vor dieser Lektüre hatte sie Sören Kierkegaards Einübung im Christentum (1850) gelesen. Dessen Glaubensforderung an den Einzelnen mit dem Eingehen in die Situation der Gleichzeitigkeit vor Christus war ihr zu modellhaft erschienen und konnte sie nicht befriedigen. Wichtig war ihr die Intensität des Gebetslebens, der Innenschau und das fand sie bei Teresa von Avila. Diese »Seelenburg« mit ihren Gebetsstufen sollte ihr der richtige Weg zur Wahrheit des christlichen Glaubenslebens sein.12 Am 1. Januar 1922 wurde Edith Stein in der Pfarrkirche St. Martin in Bad Bergzabern durch den Dekan Eugen Breitling getauft. Sie wählte als Taufnamen »Theresia Hedwig«. Taufpatin war die evangelische, mit Dispens durch den Bischof anwesende Hedwig Conrad-Martius. Lichtmess 1922 empfing Stein in der Hauskapelle von Bischof Dr. Ludwig Sebastian durch diesen das Sakrament der Firmung. Für die Mutter und einen Teil der Geschwister war es ein Schock. Edith Stein reiste nach Breslau, um vor allem der im Judentum streng erzogenen, gläubigen Auguste Stein ihre Konversion zu erklären. Dekan Breitling tat sehr viel für seinen Täufling. Er übergab sie der seelsorgerlichen Betreuung des Generalvikars Prälat Josef Schwind in Speyer. Dieser vermittelte ihr ab 1922 die Stelle einer Lehrerin am dortigen Lyzeum und Lehrerinnenseminar der Dominikanerinnen. Sie konnte im Pfortenhaus mit freier Kost und Wohnung leben. 1925 trat unter dem Einfluss von Prälat Schwind der bedeutende Religionsphilosoph, Newman- und Thomaskenner Erich Przywara in Edith Steins Leben. Er bat sie, Abhandlungen und Briefe des englischen Kardinals John Henry Newman vor dessen Konversion zu übersetzen. Das führte zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Möglichkeit der Glaubensintensivierung und stellte eine große Arbeitsleistung neben dem Lehrpensum dar. Die Newman-Übersetzung erschien 1928.13 Schon 1922 in Breslau hatte ihr der damalige Domvikar Professor Günther Schulemann geraten, sich mit Thomas von Aquin, dem großen Kirchenlehrer, zu befassen. Ermuntert von Erich Przywara, begann sie, eines der Hauptwerke des Thomas Quaestiones Disputatae De Veritate (Die Untersuchungen über die Wahrheit) zu übersetzen. Sie drang dabei tief in das Lehrgebäude der Hochscholastik vor, was für ihre späteren Werke wichtig wurde.14

11 Neue deutsche Ausgabe, Regensburg, Rom, Wien 1919. 12 Vgl. T. von Avila, »El Catillo interior o las Moradas«, »Die innere Burg und die Wohnungen«, 1577. 13 Jetzt: ESGA Bd. 21, Bd. 22). 14 Das Werk erschien in zwei Bänden 1931, in: ESW Bd. III, 1952, Bd. IV 1955, ESGA Bde 23, 24.

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15 Leipzig 1949, 4. Aufl. 1956; vgl. Frauenbildung, a. a. O., S. 85 –104, ESGA Bd. 13, S. 16 – 29. 16 Vgl. den Sammelband ESGA Bd. 16, vor allem S. 50 –113, 114 –125. 17 Vgl. ESGA Bd. 16, S. 143 –156. 18 Ergänzungsband zum Jahrbuch, a. a. O. 1929, S. 315–338, 2. Aufl. 1974, übernommen in: H. Noack, Hg., E. Husserl, Wiss. Buchgesellschaft Darmstadt 1973, S. 61– 83. 19 ESW Bd. XVIII, ESGA Bd. 10

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In der Karwoche 1928 reiste Edith Stein zur Einkehrwoche nach Beuron in das Gästehaus »Maria Trost«. Hier im Benediktinerkloster begann die Freundschaft mit dem Erzabt Raphael Walzer (1888 –1966), der ihr geistlicher Berater wurde. Bis zum Eintritt in den Karmel fuhr sie jedes Jahr zur Osterzeit nach Beuron, um Kräfte zu sammeln. Ebenfalls 1928 begann die öffentliche Vortragstätigkeit. Im April hielt sie bei einer Tagung des Bayerischen Lehrerinnenvereins ein Referat mit dem Titel Der Eigenwert der Frau in seiner Bedeutung für das Leben des Volkes. Sie verwies auf die Chancen, die es durch die Weimarer Verfassung und die Forderung der Frauenverbände zu nutzen galt. Eine große Rolle spielte dabei die Mädchen- und Frauenbildung. Für Edith Stein war es zugleich auch ein Herzensanliegen, auf die Möglichkeit, in einem geistlichen Orden zu leben und zu arbeiten, hinzuweisen. Das geschah z. B. im Referat während der Salzburger Hochschulwochen in Das Ethos der Frauenberufe (1930). Hier konnte in einer Dreiteilung neben dem natürlichen Frauenberuf auch der »übernatürliche« herausgestellt werden. Mit diesem Vortrag wurde Edith Stein international bekannt. Im Sammelband Frauenbildung und Frauenberufe15 findet sich dieser auch separat veröffentlichte Vortrag mit seinen Grundideen der weltlichen Berufschancen der Frau. Es folgte eine Vielzahl von Auftritten. Allein zum 750. Todestag der hl. Elisabeth von Thüringen hielt Edith Stein 12 Vorträge. Dazu kamen Referate über das christliche Bildungsideal, die Rolle der katholischen Erzieher und über Jugenderziehung allgemein16. Die Verpflichtung der »Intellektuellen« zum Gemeinsinn wurde in einem anderen wichtigen Vortrag 1930 gefordert.17 Am Ende der Jahre in Speyer vertiefte sich Edith Stein außerdem in die Lehre des Thomas von Aquin, angeregt durch ihr bedeutsames Übersetzungswerk. Sie wollte Thomas’ und ihre eigene neue Stellung zur Philosophie gegenüber Husserls Werk herausarbeiten. Dabei ging es ihr nicht um Distanzierung zur phänomenologischen Methode, sie wollte aber eine Grenze ziehen. Religionsphilosophie und theologische Anthropologie sind nun neu von der kirchlichen Traditionslehre her zu bedenken. So erschien die bedeutsame Abhandlung Husserls Phänomenologie und die Philosophie des hl. Thomas von Aquin in der Festschrift zum 70. Geburtstag des einstigen Lehrers.18 Weiter schrieb sie unter Einfluss der Gedanken des Aquinaten an einem Entwurf mit dem Thema Akt und Potenz (später folgerichtig umgewandelt in Potenz und Akt 19). Die Abhandlung gedachte sie 1931 als Habilitations-

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Edith Stein als Dozentin in Speyer (nach 1923).

schrift heranzuziehen, die Schrift ging später allerdings ein in das Hauptwerk Endliches und ewiges Sein (1936, s. u.). Zu Ostern 1931 kündigte Edith Stein ihren Dienst in St. Magdalena zu Speyer. Die Vortragstätigkeit hatte ihr keine Zeit und Kraft mehr für das Lehrerdasein gelassen. Außerdem wollte sie nochmals die Habilitation wagen. Und wieder war es ein vergebliches Unterfangen. Sie wandte sich an ihren früheren Mitassistenten Martin Heidegger, inzwischen angesehener Philosophieprofessor in Freiburg/Br., von dessen philosophischer Ansicht sie sich klar unterschied. Von ihrem christlichen Standpunkt aus konnte sie in der Metaphysik nicht nur den Sinn des endlichen menschlichen Seins sehen, sondern den Gesamtsinn des Lebens. Das Seinsverständnis gehört nicht allein der Endlichkeit an! Auch Heideggers Kollege in Freiburg, Martin Honecker, der für Edith Steins Habilitation zuständig gewesen wäre, konnte ihr nicht helfen. Immerhin hatte er die Arbeit zur möglichen Habilitation

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Vgl. ESGA Bd. 16, S. 157–168. ESW Bd. XVI, ESGA Bd. 14. Kap. IX, ESW Bd. XVI, S. 193–200. ESW Bd. XVII, ESGA Bd. 15.

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durchgelesen. Auch in Kiel und Breslau scheiterten Steins weitere Versuche. Es dominierten immer noch die alten Vorurteile. Während der Verhandlungen mit der Freiburger Universität war Edith Stein bei ihrer Freundin, der Benedektinerin Adelgundis Jaegerschmid, OSB (1895 –1996) im Kloster St. Lioba in Freiburg-Günterstal untergekommen und führte später mit ihr eine rege Korrespondenz. Das traf noch mehr zu auf den Briefwechsel zwischen Edith Stein und der Oberin des Ursulinenklosters in Dorsten Petra Brüning (1879 –1955). Letzterer vertraute sie ihre inneren Nöte an. Brüning lud Stein, die außerhalb von Breslau keinen festen Wohnsitz hatte, zu Weihnachten 1932 nach Dorsten ein. Beuron, St. Lioba und Dorsten wurden im Vorfeld zur klösterlichen Heimstatt. Das ist zu bedenken, wenn man später an Edith Steins Eintritt in den Karmel denkt. Es war keine Flucht vor dem Nationalsozialismus, sondern der Weg, der klar vor ihr lag. Zum 100. Todestag von Goethe sollte Edith Stein durch Vermittlung von Professor Johann Peter Steffes einen Vortrag im Deutschen Institut für Wissenschaftliche Pädagogik in Münster halten.20 Danach wurde ihr am gleichnamigen Institut eine Dozentur angeboten; sie nahm an und stürzte sich in die Arbeit. Im Sommersemester las sie über Probleme der neueren Mädchenbildung. Dann kam sie im Wintersemester 1932/33 zu ihrem Lieblingsprojekt, der Frage nach dem Menschen. Ihr Thema lautete Der Aufbau der menschlichen Person. Es war eine glänzend aufgebaute philosophische Anthropologie. Die Vorlesung konnte erst 1994 veröffentlicht werden.21 Diese gipfelt in der Überleitung von der philosophischen zur theologischen Betrachtung des Menschen22 Das Ganze zielte auf eine Vollendung durch die theologische Anthropologie. Sie war unter dem Generalthema Was ist der Mensch für das Sommersemester 1933 geplant. Auch diese Arbeit konnte erst 61 Jahre später erscheinen.23 Beide Vorlesungen sind als eine Einheit anzusehen, klar kommt der christliche Gehalt zum Ausdruck. Er bildet ein Gegengewicht zur ideologischen Vereinnahmung des Menschen durch den Nationalsozialismus. Durch die Machtübernahme Adolf Hitlers und die folgenden Gesetze wurde die Lehrtätigkeit Edith Steins ab dem Sommersemester 1933 unmöglich. Sie wollte sogar Papst Pius XI. gegen die Judenverfolgung einschalten. Man schlug ihr vor, noch im Marianum Münster wohnen zu bleiben. Der nun definitiv ausgeschlossene Weg zum Lehramt war eine bittere Tatsache, zumal sie in Jusify/Frankreich 1932 auf einer Thomas-Tagung in ihrem

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theologischen Weg bestärkt worden war. Aber, es blieb der andere Schritt offen, der Weg in die Tiefe. Dieser Weg war vorbereitet durch die lange Beschäftigung mit der Ordensmystik. So war es kein leichter, aber konsequenter Entschluss, als sie am 14. Oktober 1933 in den Kölner Karmel eintrat. Sie wurde damit Postulantin im Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen zu Köln-Lindenthal. (Die Karmeliter bilden einen Gebetsorden.) Unbeschreiblich schwer wurde der Abschied von der Mutter und den Geschwistern in Breslau. Edith Stein schrieb die Szenen später, im Jahre 1938 in Wie ich in den Kölner Karmel kam nieder (siehe Dokumententeil). Die Mutter verstummte danach fast. Als tief gläubige, streng im Judentum erzogene Frau konnte sie den Entschluss ihrer jüngsten Tochter nicht verstehen. Nur die Schwester Rosa sah Ediths Schritt positiv. Sie selbst konvertierte später zur römisch-katholischen Kirche und wurde Ediths Leidensgefährtin. Am 15. April 1934 war die Einkleidung Edith Steins. Sie gab sich den Namen »Teresia Benedicta a Cruce« mit deutlicher Anspielung auf ihr großes Vorbild Teresa von Avila und die Beziehung zum Benediktinerkloster Beuron. Bei dem Akt der Einkleidung war die Öffentlichkeit zugelassen. Das Pontifikalamt hielt Erzabt Raphael Walzer, der aus Beuron angereist war. Dazu kam seine Festansprache mit deutlichem Hinweis auf die wissenschaftliche Leistung der neuen Karmelitin. Peter Wust, Philosophieprofessor der Universität Münster, im tiefen Glauben der ehemaligen Kollegen vom Marianum verbunden, war beim Fest anwesend und berichtete in der Kölnischen Volkszeitung unter der Überschrift »Von Husserl zum Karmel«. Husserl selbst ließ sich in Freiburg ausführlich über die Einkleidung berichten. Am 21. April 1935 erfolgte die »Profess«, also die Ablegung der zeitlichen Gelübde für drei Jahre. Novizenmeisterin für Edith Stein war Mutter Teresia Renata vom Heiligen Geist (Renate Posselt), ab 1936 achtmal Priorin des Kölner Karmel. Sie war gegenüber der Novizin sehr einfühlsam und schrieb später die erste Biographie über Edith Stein.24 Trotz der vielen praktischen Verrichtungen konnte Stein, nun Sr. Teresia Benedicta a Cruce, literarisch und wissenschaftlich arbeiten. Sie stellte 1934 den Wortindex zur Thomas-Übersetzung fertig und schrieb im gleichen Jahr im Auftrag des Ordens eine Schrift über »Teresia von Jesus« (Augsburg 1934). Dem folgte u. a. eine Studie über »Eine Meisterin der Erziehungs- und Bildungsarbeit Teresia von Jesus« in »Katholische Frauenbildung im deutschen Volke«.25

24 Theresia Renata »Edith Stein: Schwester Theresia Benedicta a cruce. Philosophin und Karmelitin. Ein Lebensbild«, Nürnberg 1948 ff., später Herdertb. Nr. 3, Freiburg 1957 ff. 25 48. Jg. 1935, jetzt ESGA Bd. 16, S. 91–113.

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Der Kölner Karmel im damaligen Vorort Lindenthal, Dürener Straße 89, zur Zeit als Edith Stein Insassin war; er war 1899 von den Schwestern bezogen worden, die nach dem sogenannten Kulturkampf aus den Niederlanden zurückkehrten.

26 Endliches und ewiges Sein, ESW Bd. II, § 1 – § 4, S. 1–30; dazu ESGA Bd. 11/12, S. 9 –36.

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Der Herbst 1936 brachte drei Geschehnisse: Nach langem Leiden starb Edith Steins Mutter; ihre Todesstunde war die Stunde der Gelübdeerneuerung Edith Steins. Das Zusammenfallen dieser beiden Ereignisse erschütterte tief. Zweitens wollte die Schwester Rosa konvertieren. Sie wird später zu Edith stoßen und im Kloster Echt Laiendienst tun. Und drittens konnte Edith Stein nach der Umarbeitung von Potenz und Akt ihr großes Werk zum Thema Endliches und Ewiges Sein vollenden. Es umfasst 1366 Einzelblätter und durfte mit dem Einverständnis der Priorin verfasst werden. Eine Veröffentlichung freilich war trotz aller Bemühungen wegen des »Arierparagraphen« nicht möglich. So konnte es erst 1950 (ESW Bd. II) erscheinen. Dieses umfangreiche Werk bildet einen wichtigen Weg durch die philosophia perennis. Es geht um das Durchdringen des wahren Seins. Im Einleitungsteil steht die »erste Einführung in die Akt- und Potenzlehre« des Aquinaten. Darauf folgt die Frage nach dem Sein im Wandel der Zeiten. Das führt dann hin zur entscheidenden Frage nach Sinn und Möglichkeit einer christlichen Philosophie.26 Und diese letzte Frage sieht die Verfasserin auch persönlich an sich gerichtet. Wie kann Denken und Glauben verbunden werden? Die Beantwortung geschieht mit Hilfe des Aquinaten durch den Einstieg in die Kirchenväter-Lehre; sie

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wird mit ihren verschiedenen Strömungen auf Plato und Aristoteles im Sinne der Hochscholastik bezogen und ausgelotet. Der Grenzziehung zum Begriff »christliche Philosophie« – auch von Thomas von Aquin her – ist sich Edith Stein voll bewusst. Für sie wird die Philosophie in der möglichen Vertiefung zu einer »christlichen Philosophie« durch die Wahrheitssuche unter eigenem Lebenseinsatz bestimmt. Die Einsicht, dass Philosophie den Sinngrund des Menschlichen nicht allein finden kann, führt zur christlichen Orientierung. Nochmals: Philosophie ist immer die Denkmöglichkeit, zur Wahrheit zu kommen. Da aber die Wahrheit nur vom christlichen Suchen und Aufbruch her bestimmt werden kann – und zwar coram Deo –, gilt es, das Verhältnis von Wissen und Glauben so abzustecken, dass dieser Gewicht erhält. Edith Steins grundlegendes Werk, das als Untertitel den Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins hat, nimmt die phänomenologische Methode ihres Lehrers Husserl auf. Sie grenzt sich dabei scharf von ihm ab. Gleichzeitig versucht sie, durch die Aufnahme des Thomismus diesen in seiner Einseitigkeit zu überwinden. Geht Husserl stark vom Rationalismus aus, damit anthropozentrisch, muss der theozentrische Zug dagegen gesetzt werden. Oben ist schon dargestellt worden, dass der christliche Impuls durch die Dopplung des Personseins und der Wahrheitssuche sichtbar ist. Der Begriff »Wesen« ist griech. »ousia«, lat. »ens« und »essentia«. Darin liegt beides, nämlich das Allgemein-Substantielle, damit das endlich Seiende, und zweitens das ungeschaffene Sein. In der Überwindung Husserls wird nun das geschaffene Sein, also das Essentielle in zwei Modalitäten aufgeteilt: a) in das zeitlich existierende, konkrete Sein, b) in das eigentliche essentielle Sein, das unzeitlich ist. Die Nur-Ausrichtung auf die Existenzmodalität im Sinne der Phänomenologie wird durch die Wesenspotenzierung überwunden. Bei Letzterer geht es um die Potenzlehre im Sinne der Scholastik, d.h. um die Ansetzung einer reinen, idealen Möglichkeit (»Forma«), die sich verwirklichen kann. Wenn nun der Thomismus die Person eingebettet sieht in die Gattung, so kann Edith Stein jene in ihren großen Werk von 1936 dort herausbrechen. Das gelingt durch die oben beschriebene Wesensverdopplung. Der Mensch ist durch sein Ich ein frei bestimmendes Wesen. Das Einzelsein ist seine Eigenart, ohne dabei die Gemeinschaftsbezüge zu verlieren. Der Mensch lebt aus der Tiefe der Seelenschicht. Und hier greift Edith Stein zur Mystik der Teresa von Avila und des Johannes vom Kreuz. Die Einheit der Person wird durch den Dreiklang »Psyche, Geist und Seele« garantiert.

Edith Stein als Karmelitin.

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27 Endliches und ewiges Sein , a. a. O., S. 399; dazu ESGA Bd. 11/12, S. 366. 28 Ebd. 29 Ebd. 30 Endliches und ewiges Sein, a. a. O. S. 400; dazu ESGA Bd. 11/12, S. 367. 31 Ebd. 32 Ebd. 33 Endliches und ewiges Sein, a. a. O., S. 402; dazu ESGA Bd. 11/12, S. 369. 34 ESGA Bd. 18, s. u.

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Diese Einheit ist durch die »Seelenburg«, Hauptbegriff, Hauptschrift (Avila 1577) und Sinnbild der Teresa von Avila, bestimmt. Die Seele wird am Schluss des großartigen Werks der Teresa zum Ganzopfer der Liebe. So kann gefragt werden: Was ist Erkenntnis gegenüber der Hingabe? Was ist Wissen gegenüber der Demut? Die Antwort kann nur lauten: An der Grenze menschlicher Fähigkeiten der Fülle des Lichts zu begegnen. So ist die Seele offen und kann als Wesensform des Leibes in Anspruch genommen werden. Die Seele im Paradigma der »Seelenburg« vertieft die bisherigen Definitionen. Die Synthese »Leib – Seele – Geist« wird jetzt bestimmt durch die neue Verbindung (den oben angegebenen Dreiklang) »Psyche – Geist – Seele«. Die Seele als Ganzes ist etwas Geformtes, aber so, dass sie diese Form in sich trägt. Das Wesen der Seele macht den Menschen zu dem, was er ist. Es enthält Sinn und Kraft. »Der Sinn ist die Zielgestalt, auf die die Seele durch ihre Wesensbestimmtheit hin geordnet ist.«27 Die Kraft ist dann die Seinsmacht. Sie ermöglicht Werden und Entfaltung. Das ist wichtig für das Leben des Ichs. Denn hier muss sich die Seele mit etwas auseinandersetzen, »was nicht sie selbst ist«28. »Grundrichtungen des Ichlebens (als empfangendes, innerlich verarbeitendes und antwortendes)« erfordert die Ausformung »verschieden gerichteter Kräfte (= Potenzen)«.29 Hier dringt die klassische Lehre des Thomas von Aquin durch. Es ist an die Vorarbeit in Potenz und Akt zu denken. Das Innere der Seele muss im Durchdenken immer wieder ausgelotet werden. Die Erkenntniskräfte sind dabei nicht zu unterschätzen. Eine mystische Erhebung ohne ein geistiges Sich-Abklären ist nicht möglich, wenn sie echt sein soll. Wozu dienen dann die Erkenntniskräfte? Sie »versehen gleichsam den Außendienst in der Seelenburg«.30 Der Verstand muss »erobernd in die räumliche Ferne« dringen.31 Die Sinne bilden dann die »Eingangstore«.32 Zuerst geht es hier um das Gedächtnis. Was einmal gedacht wurde, kann wieder hervor geholt werden. Wichtig ist die Tiefe und Offenheit der Seele. Immer ist entscheidend, was die Seele tut, wie sie gelagert ist. In einem schönen Satz ist die Potenzierung des Seelenbegriffs ausgedrückt: »Im ›Inneren‹ ist das Wesen der Seele nach innen aufgebrochen«.33 Die Grundlinien dieses bedeutenden Werks führten dann direkt zur »Kreuzeswissenschaft« (1941/42), jenem in die Mystik gehenden, durch die Verhaftung nicht vollendeten Buch über Johannes vom Kreuz.34 Das Eindringen in die »dunkle Nacht«, den notwendigen Gang durch das Leiden als Bedingung zum Glauben bei dem spani-

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schen Heiligen wurde für Edith Stein zum eigenen Zeugnis der unbedingten Nachfolge. Das religionsphilosophische Werk über die Ontologie fand auch wegen der Rassengesetze von 1935 keinen Verleger. Zur Freude der Schwester ließ sich Rosa Stein Heiligabend 1936 in Köln taufen. November 1937 fand die Jubiläumsfeier zu dem 300 Jahre bestehenden Karmel in Köln statt, für die Edith Stein das Material bearbeitete. Am 21. April 1938 war die Zeit der ewigen Gelübde und am 1. Mai erhielt die nunmehrige Kapitularin Sr. Benedicta den schwarzen Schleier. Im Oktober 1938 verabschiedete sich der Bruder Arno von seiner Schwester in Köln in die Emigration. Auch die Schwestern Erna und Else gingen mit ihren Familien ins Exil, in die USA und nach Kolumbien. Nach der Pogromnacht vom 9./10. November fühlte sich Edith Stein in Köln nicht mehr sicher. Die Priorin nahm Kontakt mit dem Karmelkloster in Echt/Holland auf. Von dort kam noch im Dezember die Zusage, die Mitschwester aus Köln aufzunehmen. So war der Weg dorthin frei. Am 31. Dezember 1938, direkt vor der Einführung des »J« auf der Kennkarte am 1. Januar 1939, brachten sie der Arzt Dr. Paul Strerath und Dr. Leo Sudbrack, damals geistlicher Direktor, beide aus Schlebusch, nach Echt. Am 26. Mai 1939 verfasste Edith Stein ihr zweites Testament, da das erste aus Sicherheitsgründen vernichtet worden war. Eine besondere Freude war für sie, dass nun nach vielen Umwegen ihre Schwester Rosa nach Echt kam. Als Klosterschwester an der Pforte konnte sie nicht dienen. Aber es gab andere Funktionen für sie, bis sie dann als Laienschwester, als »Terziarin« (Schreibweise auch: »Tertiarin«) mit dem Namen »Rosa Maria von Jesus« aufgenommen werden konnte. Am 10. Mai 1940 wurde Holland von deutschen Truppen besetzt. Große Sorgen machten sich die beiden Schwestern aus Deutschland über den Verbleib der restlichen Verwandten in Breslau. Der Bruder Paul mit seiner Frau, die Schwester Elfriede und die Nichte Eva kamen in das KZ Theresienstadt und starben 1943. 1941 wurde Edith Stein von vielen Hausarbeiten freigestellt, um zum 400. Jubiläum des Johannes vom Kreuz, geb. 24. Juni 1542, eine Gedenkschrift zu schreiben. Vorher verfasste sie Wege der Gotteserkenntnis. Studie zu Dionysius Areopagita und Übersetzung seiner Werke.35 Das Werk über Johannes vom Kreuz nannte sie »Kreuzeswissenschaft«, nicht »Kreuzesmystik«. In der Einleitung unterschied sie die »kindliche« von der »künstlerischen« und

35 Vgl. ESGA Bd. 17, zuerst in Deutschland veröffentlicht 1948.

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Im Karmel Echt (Holland) 1941.

36 ESW Bd. I, S. 6, ESGA Bd. 18, S. 6.

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»heiligen Sachlichkeit«. Die unmittelbare Eindruckskraft des Kindes ist dem Heiligen verwandt. Jedes echte Kunstwerk ist »Sinnbild«. Alles künstlerische Schaffen ist »heiliger Dienst«. Johannes vom Kreuz war selbst Maler und Dichter! Die »heilige Sachlichkeit« kommt aus der Tiefe der Seele, die »aus dem Heiligen Geist wiedergeboren« ist.36 Bedingt durch die neue Gefährdung versuchte Edith Stein, zusammen mit ihrer Schwester unter Vermittlung von Dr. Hilde Vérène Borsinger, Vorsitzende des Schweizer Akademikerinnenverbandes, in die Schweiz zu kommen. Der Emigrationswille erforderte eine Überprüfung des Passes Ende Januar 1942 in Maastricht. Im März 1942 mussten beide Schwestern nach Amsterdam zur Zentralstelle für jüdische Auswanderung. Diese Stelle war direkt rückverbunden mit dem Referat IV B 4 von Eichmann in Berlin. Durch die »Wannseekonferenz« am 20. Januar 1942, auf der die »Endlösung der Judenfrage« beschlossen wurde, war der Weg in das Ausland verschlossen, was man den beiden Schwestern nicht sagte. Die Karmelklöster Le Paquier und Seedorf in der Schweiz waren, nachdem einige Hürden genommen worden waren, bereit, je eine der Schwestern aufzunehmen. Aber die Nachricht kam zu spät. Außerdem wäre eine Ausreise nie erteilt worden. Spekulationen über eine mögliche Rettung zu diesem Zeitpunkt sind also sinnlos. Am 26. Juli 1942 wurde ein mutiges Hirtenschreiben der holländischen Bischöfe, das sich gegen die Willkür der Besatzungsmächte richtete, von allen katholischen Kanzeln verlesen. Die Antwort der Machthaber kam schnell. In allen holländischen Ordenshäusern wurden die Nichtarier festgenommen. Man hatte durch die Registrierungen alle Adressen der Klosterinsassen. Am 2. August wurden Edith Stein und ihre Schwester gegen 17 Uhr verhaftet und über den Weg Amersfoort in das Lager Westerbork gebracht. Es gibt bewegende Zeugnisse darüber, wie Edith Stein im Lager versuchte, die Leidensgefährten aufzurichten. Außerdem sandte sie noch Nachrichten aus Westerbork. Der Transport in das Vernichtungslager Auschwitz ging am 7. August ab und kam in Auschwitz-Birkenau am 9. August 1942 an. Dort erlitten beide Schwestern noch am gleichen Tag den Tod durch Vergasung. Mit ihnen starben die Freundinnen Ruth Kantorowicz, die alle späteren Arbeiten der großen Philosophin in die Maschine geschrieben hatte, und Alice Reis. Es war der achte Transport von Westerbork nach Auschwitz mit 987 Personen. Anne Franks

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