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Die Villa Ingenheim in Potsdam (Leseprobe)

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Vom Hohenzollernpalais zum Militärgeschichtlichen Forschungsamt

Die Villa Ingenheim in Potsdam

Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes herausgegeben von Jörg Duppler, Hans Ehlert und Arnim Lang Unter Mitarbeit von Andreas Groh

be.bra wissenschaft

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Das Militärgeschichtliche Forschungsamt bedankt sich bei allen, die das Entstehen des Werkes mit der Bereitstellung von Abbildungen und Informationen unterstützt haben. Dazu zählt insbesondere die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG). Als Fotografen in Verbindung mit dem MGFA haben mitgewirkt: Daniela Morgenstern, Michael Staś und Joachim Tessmer. Sollten trotz sorgfältiger Nachforschungen nicht alle Rechteinhaber ermittelt worden sein, so bitten wir um Mitteilung an das Militärgeschichtliche Forschungsamt oder den Verlag.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Bearbeitung in elektronischen Systemen. © be.bra wissenschaft verlag gmbh, Berlin-Brandenburg 2009 KulturBrauerei, Haus S Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Redaktion und Herstellung: MGFA, Potsdam, Schriftleitung Koordination: Wilfried Rädisch Medienrecherche und Lizenzen: Marina Sandig Satz: Carola Klinke, Maurice Woynoski Grafiken: Bernd Nogli Umschlag und Layout: Maurice Woynoski Druck: Printer Trento, I-Trento ISBN 978-3-937233-51-2

www.bebra-wissenschaft.de

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INHALT Vorwort

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Hans-Joachim Kuke

Mars und die Musen

Potsdam und die Villa Ingenheim

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Geschichte der Besitzer Anfänge Landgut und Sommersitz Villa Ingenheim Kaiserliche Villa Ingenheim

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Klassischer als Cecilienhof? Eine kleine Baugeschichte

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Rüdiger Wenzke

Zwischen Propaganda und Forschung Das Militärgeschichtliche Institut der DDR

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Die Anfangsjahre: Propagandainstitut und »Heldenfriedhof«

83

Militärgeschichtsforschung in der DDR: Wissenschaft auf Parteikurs

87

Von der NVA-Dienststelle mit Hochschulcharakter zum Zentrum der Militärgeschichtsforschung in der DDR

94

Dem Ende entgegen – Aufbruch, Auflösung, Abwicklung

102

Albrecht Kästner

Das Militärarchiv Potsdam

Vom historischen Archiv der KVP zum Militärarchiv der DDR

108

Das Deutsche Miltärarchiv

112

Das Militärarchiv der DDR

116

Wiedervereinigung und Eingliederung des Militärarchivs in das Bundesarchiv

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Hans-Erich Volkmann

Das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Freiburg i.Br. Entstehungs- und Wirkungsgeschichte

128

Jörg Duppler

Von der Dreisam an die Havel

Die Verlegung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes von Freiburg i.Br. nach Potsdam

144

Die Standortfrage

145

»Der langsame Umzug«

147

Der Wissenschaftsstandort Potsdam

153

Die ersten zehn Jahre in der Villa Ingenheim

159

Der wissenschaftliche Neubeginn und neue Aufgaben

159

Fazit

169

Hans Ehlert

Forschungseinrichtung am Wissenschaftsstandort Potsdam

Dienstleister für die Bundeswehr – das Militärgeschichtliche Forschungsamt heute

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Autoren und Herausgeber

182

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VORWORT

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as Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) ist eine 1957 gegründete Ressortforschungseinrichtung der Bundeswehr, die 1994 von Freiburg im Breisgau nach Potsdam verlegt wurde. Zu ihren Hauptaufgaben gehört die wissenschaftliche Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Militärgeschichte und die Förderung der historischen Bildung in der Bundeswehr. Das Potsdamer MGFA hat seinen Dienstsitz in der repräsentativen Villa Ingenheim, einem ehemaligen Hohenzollern-Besitz mit wechselhafter Geschichte. Somit befindet sich das Militärgeschichtliche Forschungsamt selbst auf historischem Grund in einem sehr geschichtsträchtigen Umfeld, das Arbeitsmaterial liegt sozusagen vor der Haustür. Das MGFA hat sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten vieler dieser Themen angenommen, die aus der Geschichte des neuen Standorts in Potsdam und Brandenburg erwachsen. Dazu zählen beispielsweise die sechs erfolgreichen Bände aus der Reihe »Potsdamer Ge(h)schichte«, die von Mitarbeitern des MGFA im Rahmen einer Lehrveranstaltung mit Studenten der Universität Potsdam erarbeitet wurden und im gleichen Verlag wie der vorliegende Band erschienen sind. In Vorbereitung befindet sich darüber hinaus ein großes und reichhaltig ausgestattetes militärgeschichtliches Handbuch, das die historische Entwicklung von Brandenburg – Berlin aus der Frühzeit bis zur Gegenwart in den Blick nimmt. Neben einem einleitenden geschichtlichen Überblick über die gesamte Region werden in einem Ortsteil weit über einhundert historische Stätten einzeln beschrieben und mit Abbildungen, Karten sowie Grafiken vorgestellt. Das vorliegende Buch wendet sich geschichtlichen Verläufen zu, deren gemeinsamer Schnittpunkt die Villa Ingenheim ist. Deren Entwicklungsgeschichte von der Ziegelei und Kalkbrennerei an der Havel hin zu einem bedeutenden Beispiel für die Potsdamer Villenlandschaft beschreibt Hans-Joachim Kuke in seinem

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Beitrag mit reichhaltigen Bezügen zu Politik, Gesellschaft, Kultur und Architektur in Potsdam und Preußen. Rüdiger Wenzke konzentriert sich auf die Phase, in der die Villa Ingenheim als Standort für das Militärgeschichtliche Institut der DDR und seiner Vorläufer diente. Albrecht Kästner berichtet über das Militärarchiv, einem weiteren Nutzer der Villa Ingenheim in der NVA-Zeit. Hans-Erich Volkmann wirft den Blick zurück auf die Anfänge und wissenschaftliche Entwicklung des MGFA in Freiburg. Jörg Duppler schildert die Phase des Umzuges sowie die Zeit der Etablierung und Konsolidierung in Potsdam. Hans Ehlert betrachtet das MGFA eineinhalb Jahrzehnte nach der Verlegung und verortet es als produktive Forschungseinrichtung in der Wissenschaftslandschaft von Potsdam und Berlin. Für das Zustandekommen des Bandes habe ich gemeinsam mit meinen Herausgeberkollegen Jörg Duppler und Arnim Lang – der das Projekt im MGFA routiniert betreut hat – vielen zu danken. Dies gilt vor allem für die Autoren, die nun endlich ihre Beiträge im Druck sehen können. Darüber hinaus möchte ich stellvertretend einige Unterstützer und Mitwirkende hervorheben. Hier sei zunächst Heinz Ruppert genannt, der selbst Autor einer erfolgreichen privaten Publikation zur Geschichte der Villa Ingenheim ist und als einer ihrer besten Kenner gilt – auf seine dienstlichen Bildrecherchen konnte teilweise zurückgegriffen werden; Andreas Groh entwickelte die erste Konzeption und sichtete zahlreiche Materialien. In der Schriftleitung des MGFA haben Carola Klinke, Knud Neuhoff, Bernd Nogli, Marina Sandig, Wilfried Rädisch sowie Maurice Woynoski in unterschiedlichen Funktionen an der Publikation mitgewirkt. Ihnen allen gilt mein herzlicher Dank.

Dr. Hans Ehlert Oberst und Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes

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Jan Mytens, Der Große Kurfürst und seine Familie, nach 1666, GK I 1019.

Pieter Nason, Bildnis Johann Moritz von Nassau-Siegen, 1666.

SPSG/Foto: Wolfgang Pfauder

Warschau, Nationalmuseum (Inv.Nr. 18/1142)

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Hans-Joachim Kuke

Mars und die Musen

Potsdam und die Villa Ingenheim

V

iele Geschichten über Potsdam beginnen mit diesem Zitat: »Das gantze eylandt mus ein paradis werden«, so schrieb Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604–1679) am 20. August 1664 nach Berlin. Adressat war Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der Große Kurfürst. Mit dem »eyland« war die »Insel Potsdam« gemeint, damals noch eher ein Dörfchen, in dem in jenem zitierten Jahr der Bau einer Schlossanlage begonnen worden war. Der Ort war allerdings von Wasser umgeben und inmitten von Wiesen, Wäldern und einem topografisch abwechslungsreichen Landschaftsbild gelegen – ein geschultes Auge konnte hier schnell das Potenzial zu einem Idyll erkennen. Und dieses weltläufig geschulte Auge hat der Fürst von Nassau ohne Zweifel bewiesen, als er den brandenburgischen Kurfürsten zum Ausbau Potsdams ermunterte. Die Briefstelle ist tatsächlich beinahe zahllos oft zitiert worden, vielleicht, weil die ihr innewohnende schlichte Poesie aus der Feder eines der einflussreichsten europäischen Staatsmänner des 17. Jahrhunderts erstaunlich scheint. Wahrscheinlich jedoch auch, weil sie in wenigen Worten ein Projekt skizziert, das in den folgenden drei Jahrhunderten überaus konsequent realisiert werden sollte. Jenseits der zahlreichen und sich ändernden

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juristischen Gründungsakte der Stadt drücken sie die Quintessenz dessen aus, was Potsdam unverwechselbar machen sollte. Es ging um nicht weniger als ein von Menschen geformtes Paradies, die Gestaltung eines ganzen Landschaftsraumes als ideales Abbild einer geordneten, damit gerechten und schließlich schönen Welt. Die weit ausgreifenden Landschaftsprospekte, in die Schlösser und Gärten eingebettet werden sollten, die Alleen, Perspektiven und mannigfaltigen Architekturkunststücke, die Formung der Landschaft als Gemälde und die gegenseitige Durchdringung von bis ins Detail geplanter Stadt und Landschaftsraum, von Architektur und Gartenkunst werden schon Johann Moritz in den Formvorstellungen seiner Epoche vor Augen gestanden haben. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts ist dieses Konzept im Wesentlichen umgesetzt worden. Die teilweise eklektizistische Baupolitik Friedrichs des Großen und die einsetzende Begeisterung für Exotismen bereichern es um ein weiteres Charakteristikum, nämlich nicht nur Reminiszenzen großer Bauwerke der europäischen Architekturgeschichte bis in die Antike in Potsdam zu versammeln; zu den lokalen Eigenarten der kleinen märkischen Residenz gesellten sich sogar Bauwerke, die auf die damals entferntesten Weltgegenden verwiesen.

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 Neues Palais, 1763–1769, Ansicht der Westfassade. SPSG/Tessmer

 Neues Palais, Ansicht der Ostfassade. SPSG/Tessmer

 Neues Palais, Detail des zentralen Staatswappens. SPSG/Tessmer

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Blick von Charlottenhof auf die Kuppel des Neuen Palais.

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SPSG/Tessmer

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Diese »architecture parlante avant la lettre«, das Bestreben, ferne Zeiten und andere Welten in Potsdam zu vereinen, wurde mit sich wandelnden Formen und unterschiedlichen Intentionen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts weiterentwickelt. Selten ist ein Epochenwechsel so sinnfällig greifbar wie in dem Nebeneinander von Neuem Palais und Charlottenhof, die ja in direktem Sichtbezug zueinander stehen. Hier die für viele monströse »fanfaronade« (so der Bauherr Friedrich der Große bewusst abfällig und wieder einmal an seinem Nachruhm strickend), imposante Barockresidenz, die, wiederum ganz bewusst, nicht auf der Höhe ihrer Erbauungszeit stehen will; dort ein Schlüsselwerk des Klassizismus, das sich auf Anhieb in die Spitzenleistungen eines aufblühenden europäischen Stils katapultiert. Ganz der Zukunft zugewandt, bauen Karl Friedrich Schinkel (mit Ludwig Persius und Peter Joseph Lenné) ab 1826 für den zukünftigen König Friedrich Wilhelm IV. und die zukünftige Königin Elisabeth ein antikisierendes, im Vergleich zum spätbarocken Nachbarn winziges Landgut, übrigens nur ein Umbau eines schon bestehenden bescheidenen Hauses. Es könnte in keinem größeren Gegensatz als zum Neuen Palais stehen, dem architektonischen Vermächtnis Friedrichs des Großen und deutlichen, ja fast politischen Ausrufungszeichen hinter Preußens legitimer (und insgeheim immer angezweifelter) Großmachtstellung und der Legitimität des aufgeklärten Absolutismus. Das neue, das bürgerliche 19. Jahrhundert verlangt jedoch nach anderen Überzeugungsformen. Es gewandet sich edel und

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einfach, hell und zweckmäßig und scheinbar ungezwungen. Die Hinwendung zur Formensprache der Antike geht einher mit humanistischer Bildung, der Bautypus der ländlichen Villa, der »villa rustica« entspricht dem Idealismus der Zeit und ihrer Sehnsucht nach dem Wahren, Schönen und Guten. Der Form entsprach auch der Inhalt: In der Kronprinzenzeit Friedrich Wilhelms IV. entwickelte sich Charlottenhof zu einem »Musenhof«, an dem die Brüder Humboldt, Schlegel, Tieck, Ranke und Niebuhr und natürlich Künstler wie Schinkel, Persius, Rauch und Lenné verkehrten. Charlottenhof ist eines der Schlüsselwerke für die Potsdamer Baukunst des 19. Jahrhunderts geworden. In dieser Tradition steht letztlich auch die Villa Ingenheim, die im Verlauf dieses Jahrhunderts ihre heutige Gestalt angenommen hat. Sie ist damit Teil der Potsdamer Villenkultur, des letzten wichtigen Charakteristikums der Stadt. Diese »Villegiatura« hat König Friedrich Wilhelm IV., selbst ein begabter Entwerfer und Zeichner und der vielleicht beste Architekturkenner auf dem Hohenzollernthron, weniger durch Verordnungen oder Vorschriften als durch Beispiele, Hilfen und Argumente zum Blühen gebracht. Der »Romantiker auf dem Thron«, dessen Vorstellungen einer christlich gebundenen Monarchie als Garant von Ausgleich, ja sogar Harmonie der Stände und Klassen von vielen als unzeitgemäß in den Verwerfungen der industriellen Revolution mit ihren sich verschärfenden Gegensätzen und lauter werdenden Tönen empfunden wurde (und

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 Schloss Charlottenhof, 1826, Ansicht von Südost, von Nordost und der Eingangsseite von Südost. SPSG/Tessmer/Woynoski

 Römische Bäder, CALDARIUM, 1829. SPSG/Tessmer

  Römische Bäder, IMPLUVIUM. SPSG/Tessmer

Blick von der Pergola Charlottenhofs auf das Neue Palais. SPSG/Tessmer

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wird), hatte jedoch stilbildende Kraft weit über Potsdam und Berlin hinaus. Das Potsdamer »Atelier einer im italienischen Style verschönerten Landschaft, [...] welche für den Sommer die Annehmlichkeit des Landlebens mit den Bedürfnissen städtischer Wohnungsräume für den Winter verbindet«, so ein Zeitgenosse 1855, wurde über die Regierungszeit hinaus beispielhaft und »dem Butt« (so der von Friedrich Wilhelm IV. selbst mit verbreitete Spitzname) gelang es, für die Kunstentwicklung des ganzen 19. Jahrhunderts maßgebliche Künstler an sich zu ziehen. Aus dem barocken »paradis«, das Fürst Johann Moritz von Nassau angeregt und der Große Kurfürst, sein Sohn Friedrich I. und sein Enkel Friedrich der Große ausgestaltet hatten, sollte nun ein preußisches Arkadien werden. Dieses Kontinuum ist nun ein Phänomen, das angesichts des dramatischen Epochenwandels keinerlei Selbstverständlichkeit hat. Waren die Gärten des Barock noch Kunsträume für sich, die mit Achsbezügen in die Landschaft ausgriffen, so war es Peter Joseph Lenné, der erstmals die Prinzipien der Gartenkunst seiner Zeit auf die gesamte Landschaftsplanung anwandte. Das harmonisch vereinte Schöne und Nützliche des Gartens nun auch weiträumig auf die Wälder, Seen, Wiesen und Feldfluren, also auf einen ganzen Landschaftsraum anzuwenden, ist von einigen Zeitgenossen bisweilen als größenwahnsinnig kritisiert worden und ein von Lenné überlieferter Ausruf dem König gegenüber ist vielleicht typisch: »Majestät begreifen noch immer nicht das Geniale meines Gedankens!« Aber auch hier ist das

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Ergebnis, so es sich noch erhalten hat, von großartiger Wirkung. Es ist wahrscheinlich unzulässig, weil anderthalb Jahrhunderte umfassend, von sich schließenden Kreisen zu sprechen – der Fürst von Nassau war für die Kunst- und Kulturgeschichte des Nordens im 17. Jahrhundert einer der wichtigsten Vermittler. Qua Amt und qua seiner Besitzungen, die von der Neumark bis nach Brasilien reichten, hat er den Villenklassizismus des Renaissancearchitekten Andrea Palladio mit »globalisiert«. Die Villa war zunächst ein mehr oder weniger repräsentativer Landsitz, in der römischen Antike erst einmal ein Wohnhaus auf dem Lande, das auch palastartige Züge annehmen konnte – und in den Rezeptionsepochen der Antike auch annahm. Mit ihren lang zurückweisenden literarischen, philosophischen und historischen Bezügen bedeutete ein solcher Bau allerdings auch eine geistige Selbstverpflichtung, ein Bekenntnis zur Zivilisation, das die Besitzer zum Ausdruck bringen wollten und mit dem sie ihre Besucher nicht nur materiell und ästhetisch, sondern auch ethisch beeindrucken wollten. Natürlich war der »Traum vom Lande« anti-urban, natürlich hatte die Flucht aus den Zwängen von Palast, Kirche, Rathaus oder Marktplatz künstliche, idealisierte, wenn man will auch irreale Züge. »Charlottenhof oder Siam« sind die dem preußischen König vorgelegten und auch veröffentlichten Pläne betitelt. »Siam« stand für die gebildete Welt der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts für eine Welt des liebevollen, ungezwungenen, harmonischen Umgangs mit-

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 Die Römischen Bäder, Ansicht der Eingangsseite. SPSG/Tessmer

Römische Bäder, Detail im Eingangshof.

Die Römischen Bäder, Blick von Südost.

SPSG/Tessmer

SPSG/Tessmer

 Villa Ingenheim, Schrägansicht der Gartenseite, 1906/08. MGFA/Tessmer

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Villa Ingenheim, Exedra am »Neuen Flügel« von 1906/08. MGFA/Woynoski

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einander, ein neues Modewort für die alte Sehnsucht nach Arkadien. Und natürlich waren die Urbilder der Villa, die im 16. Jahrhundert im Veneto, der Toskana und um Rom entstanden, durch und durch seigneurial. Aber dennoch wollten ihre Bewohner in der Villa, im Gegensatz zum Palast einen etwas anderen Umgang mit Macht und mit Geld zum Ausdruck bringen. Auch das Potsdamer Eiland musste ein Paradies werden, weil, so fährt Johann Moritz in dem eingangs erwähnten Brief fort, »die Edelleutt wie Vornehm, daraus seint«. Dieses Satzende sollte nun nicht nur als fürstliche Herablassung (Vornehmheit bedarf keines Adelspatents) missverstanden werden. Denn das von Kunst und Wissenschaft gestaltete Paradies sollte als Erinnerung und Ansporn wirken, Vornehmheit, also dauerhaft zivilisatorisch Hervorragendes zu schaffen. Ein von Menschen gestaltetes Paradies muss unvollkommen bleiben. Neben den sich schließenden Kreisen stehen die uns heute so offenbar scheinenden Widersprüche, die sich an dem anscheinend unvereinbaren Paar von Mars und den Musen entzünden. Der Ideengeber für den Beginn der Potsdamer Kulturlandschaft, jener Prinz von Oranien, trat mit sechzehn Jahren in die Armee ein; im Alter von fast 72 Jahren quittierte er den Dienst als Feldmarschall der Vereinigten Niederlande, Oberbefehlshaber der Truppen in zwei Provinzen und Gouverneur von Utrecht. Das waren Positionen, die sich im 17. Jahrhundert nicht nur durch kulturelle Exzellenz erreichen ließen, sondern auch

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eine ganze Reihe praktisch militärischer Fähigkeiten erforderten. In der Geschichte der Historiografie über Potsdam ist bis zum jüngsten Beitrag die Dominanz von Hofstaat und Militär zunehmend kritisch beschrieben worden – eine Kritik ex post, die auch etwas selbstgefällig Wohlfeiles hat. Natürlich war die Stadt Potsdam bis weit ins 19. Jahrhundert eine Kreatur des Königs und seiner zivilen und militärischen Beamten. Für die Stadt galt de facto, trotz der seit 1808 garantierten Selbstverwaltung, bis zum Ende der Monarchie eine Art Sonderstatus. Billigt man Zeitungen den Rang einer historischen Quelle zu, so kennzeichnet die Potsdamer Presselandschaft weniger fortschrittliches Klassenbewusstsein als gediegenen kommunalen Stolz auf den Status einer besonderen Residenz. Selbstverständlich also

Carl Daniel Freydank, Blick von Glienicke nach Potsdam, um 1838. SPSG

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 Die Fasanerie im Park Charlottenhof, 1845, rechts Detailaufnahme. SPSG/Woynoski/Tessmer

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Schloss Lindstedt, 1858–1860, Pfeilerbekrönung der Vorfahrt.

Schloss Lindstedt, Ansicht von Norden.

MGFA/Tessmer

SPSG/Tessmer

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war für das »Potsdamer Intelligenz Blatt« der Bericht über den Hof mit seiner glanzvollen, rätselhaften und vornehmen Internationalität, der an erster Stelle in den Kommunalteil einführte. Natürlich entwickelten sich auch viele der Villen hier nicht unbedingt aus den individuellen Bedürfnissen ihrer im Vergleich zu den pekuniär um Welten leistungsfähigeren Bauherren der Vorbildbauten heraus; in Italien, England oder dann auch in der Neuen Welt handelte es sich oft um fürstengleiche Potentaten. In Potsdam waren ihre Besitzer meist vom Hof abhängig, wurden kaum bei der Wahl der Architekten befragt und bekamen ihre Häuser als Elemente der Landschaftsverschönerung hingestellt. So hat bei kritischer Betrachtung die Potsdamer Villenkultur etwas Befohlenes, Nicht-Aus-Sich-Selbst-HerausGewordenes, wie auch Preußen als Ganzem immer etwas Durchorganisiertes, Künstliches und Gewaltsames anhaftete. Das Ergebnis ist allerdings bestechend. Wesentliches Mittel des Eingriffs in das Potsdamer Bauwesen war der sogenannte Immeditatbaufonds, eine Einrichtung, mit der Friedrich der Große den Ausbau der Stadt zu einer repräsentativen Residenz betrieben hatte. Einfach gesagt, bot der König Investitionszuschüsse und nahm sich dafür das Recht, in Gestaltungsfragen, vornehmlich bei den Fassaden einzugreifen. Oder es wurden gleich die Architekten des königlichen Bauamts tätig, das die fertigen Gebäude vermarktete; auch hier wurden meist Eigentumsvorbehalte festgeschrieben, die einen gestalterischen Eingriff in der Zukunft möglich machen sollten.

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Dieser Baufonds für Potsdam existierte und arbeitete das ganze 19. Jahrhundert hindurch. Gezielt wurde daraus der Bau von Villen gefördert und Eigentümer erhielten auf Antrag Hilfen zum Bauunterhalt oder zum Neubau. Um ein Beispiel zu geben: 1861 bat der Stubenmaler André um einen Zuschuss zur Fassadensanierung und zum Ausbau seines Potsdamer Hauses. Der wurde bewilligt, allerdings hatte er sich an den »Entwurf von Hofbaurat von Arnim« zu halten. Ferdinand Heinrich Ludwig von Arnim war einer der führenden Architekten des Königs. Gerade unter Friedrich Wilhelm IV. wurden Prinzipien formuliert, die in bestimmten Bereichen die aufgelockerte Villenbe-

 Triumphtor am Eingang zum Winzerberg,1851, ursprünglich Tongrube der Potsdamer Ratsziegelei. MGFA/Tessmer

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 Winzerhaus und angrenzender Winzerberg, 1848. SPSG/Tessmer

 Villa Arnim. MGFA/Tessmer

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Pfostenbekrönung am Zaun der Villa Lindstedt. MGFA/Tessmer

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bauung fördern sollten. Bisweilen wurde die Behörde sogar von sich aus aktiv, wenn es um das Stadtbild ging. Das prominent gelegene Haus Schloßstraße Nummer 23 empfanden die Baubeamten als stark sanierungsbedürftig und prüften intern die Möglichkeit einer Sanierungsbezuschussung. Die erstaunte Eigentümerin, Fräulein Tamanti, sah sich plötzlich in die Lage versetzt, ihr Haus nach den »denkmalpflegerischen« Vorgaben der Hofbaubehörde zu sanieren, ohne je selbst aktiv geworden zu sein und einen Antrag gestellt zu haben. 1853 genehmigte Wilhelm (I.), Regent für den mittlerweile umnachteten preußischen König, persönlich mit seiner Unterschrift den Bau einer Villa für den Kammerdiener Hoffmann. All das widerspricht etwas der allgemein angenommenen Laisser-aller-Politik des 19. Jahr hunderts, einem angeblich entfesselten Wirtschaftsliberalismus auch im Bauwesen, deren Kritik bis in die Jetztzeit fortwirkt. In den Bruchstücken der Potsdamer Baupolizeiakten an der Wende zum 20. Jahrhundert finden sich die schwungvollen Unterschriften Kaiser Wilhelms II. Bauliche Veränderungen in der Residenz hatten an »allerhöchster Stelle« vorzuliegen. Tatsächlich bezog sich die Verwaltung auf Befehle Friedrichs des Großen aus dem Jahr 1767, an den sogenannten Immediatbauten ohne Rücksprache keine Veränderungen vornehmen zu dürfen. Aus diesen ursprünglichen »Immediatbauten« bestand halb Potsdam, nur hatten sich die Bedürfnisse der wechselnden Eigentümer im Laufe von 150 Jahren natürlich gewandelt. Über die verwaltungsrechtlichen Volten der Regierung,

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sich noch im 20. Jahrhundert auf Anordnungen Friedrichs des Großen zu stützen, machte sich die »Freisinnige Zeitung« noch 1907 mit journalistischem Sarkasmus lustig. Es mutet tatsächlich merkwürdig an, wie das Staatsoberhaupt einer Industrienation am Anfang des 20. Jahrhunderts sich um Aufstockungen seiner Residenzstadt kümmert, Dachausbauten verhindert oder gestattet, Fassadenänderungen zulässt oder verbietet. Solche Anachronismen lösten in einem modernen Rechtstaat juristische Verwicklungen aus (vom öffentlichen Spott nicht zu sprechen) und natürlich waren die Unterschriften von »Wilhelm Rex« in technisch modernster Weise hektografiert. Preußen war mit Bayern führend beim Erlass von gesetzlichen Regelungen zum Schutz der »Altertümer« und »Naturdenkmale«, die interessanterweise ab dem Zeitpunkt entstehen, als eine heranrollende industrielle Revolution eben jene in ihrem Bestand zu bedrohen beginnt. Immer engmaschiger wird das Netz von Ortsatzungen und »Verunstaltungsverboten«. In Potsdam bleibt es bis 1918 grundsätzlich verboten, höher als 12 Meter zu bauen und das waren in der Regel nicht mehr als zwei Geschosse. Diese Einschränkung von Eigentumsrechten und der Eingriff der Hofbehörden, der Ministerialbürokratie bis hin zum Monarchen in die kommunale Selbstverwaltung sind harsch und als autokratisch kritisiert worden (1903 äußern sich Majestät »sehr unliebsam« über den Geruch von Schweineställen direkt neben der Bahnstation Wildpark beim Neuen Palais, sodass der Graf zu Eulenburg dem Minister für öffentliche Arbeiten Verwaltungsarbeit bescheren musste).

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 Giebelmauerwerk eines der Häuser im Holländischen Quartier im Neuen Garten. SPSG/Tessmer

 Nördliche Zeile des Holländischen Quartier im Neuen Garten, 1790. SPSG/Tessmer

 Umfriedungsmauer des Neuen Garten, Detail des Eingangsbereiches. SPSG/Tessmer

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Beschränkungen des Gestaltungsdranges des Menschen beim Bauen, seiner Geltungssucht, seiner ständig wechselnden Moden und Egoismen gab es bereits in den Städten des Mittelalters. Auch »bürgerliche« Stadtrepubliken wie Venedig oder Nürnberg, Florenz, Lübeck, Augsburg oder Danzig erließen teilweise strenge Gestaltungssatzungen, um die Einheit in der Vielfalt eines Stadtbildes zu wahren, das den Stolz der ganzen Gemeinde ausdrücken sollte. In Potsdam versuchte das Haus Hohenzollern bis 1918, man bewerte es wie man wolle, einigermaßen erfolgreich, jenes preußische Arkadien, das Villen- und Gartenreich um Potsdam mit seiner bewusst maßvollen Architektur, zu bewahren.

Geschichte der Besitzer Anfänge Die Villa Ingenheim ist auf einem Gelände errichtet worden, das in vielfältiger Weise in die Entwicklung der Region verwoben ist und für Potsdamer Verhältnisse eine lange Geschichte hat, denn die Tradition wurzelt flach in den märkischen Sandböden, verglichen mit den geschichtsträchtigen, ja bis in die Antike zurückreichenden Gründen des deutschen Westens und Südens. Vieles gilt es noch zu klären bei den Fragen nach den Anfängen Potsdams und das 1000-jährige Jubiläum der Siedlung 1993 stand, streng gesehen, auf sandigen wissenschaftlichen Fundamenten. 1904 befand sich der Magistrat der Residenzstadt in einem ähnlichem Dilemma. Denn dem »stedecken Potsdamp« bestätig-

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ten die Herren von der Gröben, eines der ältesten märkischen Adelsgeschlechter, den Kauf einer Lehmgrube »de dato 1304, den 9. August« und damit die bis dahin früheste urkundliche Erwähnung der Siedlung. Als jedoch wissenschaftliche Zweifel an der Genauigkeit des Datums aufkamen, mussten die Stadtherren die Feierlichkeiten absagen. Im August 1904 war man nicht völlig sicher, ob man ein 500- oder ein 600-jähriges Jubiläum der Stadt begehen sollte. Jene Lehmgrube, deren Verkauf an die Stadtgemeinde lange als Gründungsurkunde angesehen wurde, steht in enger Beziehung zu dem Gelände der Villa Ingenheim. Aus dem archaischen, von Anfangs-, Aufbauund Geburtsmythen behafteten Baustoff wurden auf der in die Havel vorspringenden Landzunge an dem Überlandweg nach Brandenburg, dem Gelände der Villa Ingenheim, mehr oder weniger kontinuierlich 400 Jahre lang Ziegel gebrannt. Das heutige Militärgeschichtliche Forschungsamt steht also auf einem Boden, auf dem märkische (Bau-) Geschichte »gebacken«, geformt und aufgebaut wurde; ein vielleicht gar nicht so unpassender Bezug. Diese Ziegelei wurde als städtischer Eigenbetrieb unter einem Ratsziegelmeister betrieben. Die wenigen Nachrichten, die sich erhalten haben, spiegeln seismografisch die »itzigen conjuncturen« des historischen Subjektes. Denn Bauen, sein »Wie« und sein »Wieviel«, sein Umfang und sein Qualitätsniveau sprechen anschaulich über den jeweiligen Zustand der menschlichen Gemeinschaft. Das für viele Territorien Deutschlands ökonomisch einigermaßen glückliche 16. Jahr-

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hundert war wohl auch für die Potsdamer Ratsziegelei erfolgreich, wobei man sich die märkischen Zustände der Zeit nicht bescheiden genug vorstellen kann. 1571 sind hier 62 100 Ziegel gebrannt worden, was auf eine einigermaßen lebhafte Baukonjunktur schließen lässt. Und wahrscheinlich befand sich auf dem Gelände auch schon eine Kalkbrennerei, womit das wichtigste Rohstoffduo vorindustriellen Bauens beisammen war. Johann Heinrich Zedler beschrieb das in seinem »Großen Vollständigen Universal=Lexicon« 1735 so: »Wer bey einem Gute einen Kalck- und einen Ziegel=Ofen hat, erlanget dadurch einen großen Vortheil im Bauen. Er muss aber nicht allein besonders darzu berechtiget, sondern auch der Ofen selbst an einem von anderen Gebäuden entfernten Orte aufgerichtet seyn, damit dieselben nicht allein wegen der leicht zu befürchtenden Feuers=Brunst in keiner Gefahr stehen, sondern auch der stinckende ungesunde Dunst denen Nachbarn nicht beschwerlich seyn möge.« Nur nebenbei: mit genau jenem »stinckenden Dunst« versuchte ein späterer Pächter der Ratsziegelei im Jahrhundert Zedlers, die Behörden zu beruhigen: er vertreibe Ungeziefer und dünge die Gärten. Es waren wohl die ausreichende Ferne wie die genügende Nähe zur Stadt wie auch die Lage an dem in der frühen Neuzeit dominierenden Verkehrsweg Fluss, die zu der Ansiedlung der Ziegelei auf der Stelle der späteren Villa Ingenheim führten. Die anscheinend ursprünglich vorhandenen Lehmvorkommen am Ort waren gegen Ende des 16. Jahrhunderts schon erschöpft, man ließ jetzt bereits den Rohstoff aus den Dörfern Glindow oder Petzow herankommen.

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Es folgte für die Potsdamer das neue, das 17. Jahrhundert, in dessen zweitem Jahrzehnt der Dreißigjährige Krieg in Deutschland ausbricht, ein Konflikt, der in einigen Territorien drei Viertel der Bevölkerung das Leben kostete, eine Katastrophe mit langem mentalitätsgeschichtlichem Atem. 1630 war aus dem städtischen Baustoffbetrieb ein Isolierhaus für Pestverdächtige geworden. 1647 gelang es, für die städtische Kasse einen Mieter für ein Wohnhaus zu finden. Aber auch noch 20 Jahre später gab es keinerlei Einnahmen aus der Ratsziegelei. Erst 1689 hörte man von Ausbesserungsarbeiten, 1692 fand sich ein Pächter, der bereit war, 100 Taler Pacht pro Jahr zu zahlen. Noch im Sommer 1695 notierte der Architekt Christoph Pitzler in seinem Reisetage- und Skizzenbuch: »Potzdam ist eine kleine in Morast und an Fluss der Havel genannt, gelegene Stadt mit schönen Allees von plangages wie auch zum Prospect durch die Wälder und Thiergärten.« Im Jahr 1700 kam ein Sechs-Jahres-Pachtvertrag für die Ratsziegelei zustande. Und am 17. Dezember desselben Jahres brachen die Hofstaaten des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., der Kurfürstin Sophie Charlotte und des Kurprinzen in drei festlich geschmückten Zügen von über 6000 Karossen und 30 000 Vorspannpferden von Berlin nach Königsberg auf, um sich selbst mit aufsehenerregendem Pomp die Krone eines nunmehr souveränen europäischen Staates aufzusetzen: Preußen. Der 18. Januar 1701 ist auch einer der Gründungsakte Potsdams gewesen, das dank des Monarchen zur zweiten Residenz aufstieg. Erstmalig sind die europäischen

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Maßstäbe der Anspruchsrahmen: das Stadtschloss, die Lusthäuser in der Umgebung, der König, seine Magnifizienz und sein kulturell geschickt und aufwendig in Szene gesetzter Hof finden nach und nach überraschenderweise international Anerkennung. In jenem Pachtvertrag für die städtische Ziegelei des Jahres 1700 wirkten die Dinge allerdings bescheiden. So wurden der Keller, Tische, einige Schemel, größere Glasfenster und eine Tür mit Schloss und Schlüssel für so ungewöhnlich wertvoll erachtet, dass sie vertraglich erwähnt wurden. In bescheidenem Maße spiegeln die Überlieferungen über die Einnahmen aus der Ziegelei den Wandel der Stadt und die historischen Umbrüche wider, die mit den Regierungswechseln von Friedrich I., Friedrich Wilhelm I., und Friedrich II. einhergingen. Der Ausstoß schwankte, abhängig von den Kriegs- und von Friedenzeiten. Erstaunlich bleibt nur die vergleichsweise geringe Höhe des Pachtertrages. Über diese Quelle hat der Magistrat der Stadt jedenfalls nicht vom Ausbau der Stadt, insbesondere den enormen baulichen Repräsentationsbemühungen Friedrichs des Großen, profitiert, obwohl die Einwohnerzahl von ca. 1500 im Jahr 1713 auf ungefähr 14 000 gegen Ende des Jahrhunderts anstieg. Nach dem Siebenjährigen Krieg brach für die Ziegelei 1763 eine neue Ära an, als Baudirektor Hildebrandt (geb. um 1720) als Vertreter des königlichen Baukontors den Rat nach der Pachtmöglichkeit für die Ziegelei befragte. Das Interesse hing mit der günstigen Lage zu der eben entstehenden Großbaustelle des Neuen Palais zusammen. Nach knapp einjähriger Verzögerung,

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 Samuel Theodor Gericke, Bildnis Friedrichs I., 1713, auf dem Silbernen Thron, GK I 50479. SPSG/Roland Handrick

 Das 2000–2002 mit den originalen Materialien wiederaufgebaute Fortuna-Portal des Potsdamer Stadtschlosses. MGFA/Tessmer

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 Kartusche über dem Haupteingang des Neuen Palais. SPSG/Tessmer

Mittelrisalit der Gartenseite des Neuen Palais.

Zentrale Dachbekrönung über der Bildergalerie von Sanssouci, 1755 ff.

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die mit Verfahrensfehlern und dem Hin und Her sowohl der Verwaltung wie auch eines Mitbewerbers zu tun hatte, wurde der Vertrag zwischen der Stadt und dem königlichen Baukontor im März 1764 unterzeichnet. Zwei Jahre später erbot sich Hildebrandt als Privatmann, bei Erhöhung der Pacht die Ziegelei in Eigenregie zu übernehmen. Carl Ludwig Hildebrandt hat eine nicht unbedeutende Rolle im friderizianischen Bauwesen gespielt und an vielen der Bauten Friedrichs des Großen auf der ausführenden Ebene mitgearbeitet. Eine Zeit lang stand Hildebrandt in der Gunst des Königs, 1755 wurde er zum Kastellan von Sanssouci und Direktor des Potsdamer Bauwesens ernannt. Geschmeidig und ohne Widerworte verstand es der Baumeister, die vom König ausgewählten Entwürfe großer palladianischer Bauten in die Potsdamer Verhältnisse einzupassen und auszuführen, was ihm natürlich vonseiten der Kollegenschaft prompt den Vorwurf mangelnden künstlerischen Rückgrats und künstlerischer Inspiration eintrug. »Hildebrandt, war der einzige, den der König wegen Bausachen sprach, und diesem möchte er eben nicht viel eigene Erfindungskraft zutrauen. Er gab ihm also Kupferstiche und sagte ihm, an welchem Orte er sie angebracht wissen wollte«, so der Zeitzeuge und Kollege Johann Gottfried Manger. Genau dies war der Kern friderizianischer Baupolitik, mit dem alle Baumeister der Epoche konfrontiert waren. Aber Manger urteilte: »ein Cameral- oder oekonomischer Baumeister, der sich nicht in die hohe Architektur verstieg.« Zu einem Vertragsabschluss ist es allerdings nicht mehr gekommen.

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Hildebrandt kehrte von einem Kuraufenthalt in Pisa nicht mehr nach Potsdam zurück, hinterließ einen verärgerten König sowie seine Frau Anna Sophia, eine achtjährige Tochter und einen enormen Berg von Schulden. Die sitzengelassene Baudirektorengattin wanderte nun keineswegs resigniert in den Schuldturm, sondern stürzte sich vehement in einen bemerkenswerten Kampf an mehreren Fronten zwischen den Verwaltungsebenen um ihre Einsetzung in die Erbpacht, was sie 1770 schließlich formal erreichte. Klammheimlich und mutig hatte sie bereits vorher von der Ratsziegelei Besitz ergriffen und in diese investiert. 1771 ging der gesamte Besitz in Konkurs, aber die Tatsache, dass Anna Sophia ihr persönliches Vermögen sowie zwei recht prominent gelegene Häuser aus der Konkursmasse abziehen und für sich bewahren konnte, lässt nochmals aufhorchen. Frau Hildebrandt, geb. Kersten entwickelt sich zu einer bemerkenswerten, überaus erfolgreichen Unternehmerin. Ihr wendiger und geschickter Kampf um Preise, Monopole, Garantien und Vergünstigungen sowohl mit dem Staat als auch mit privaten Konkurrenten ist überliefert; er gehört zu den wenigen Originaldokumenten aus der Frühzeit der Villa Ingenheim und ist nebenbei ein schöner Einblick in die Wirtschaftsgeschichte des ausgehenden 18. Jahrhunderts in Preußen. Kurz vor ihrem Tod 1787 verkauften sie und ihre Tochter das Erbpachtrecht an der Ziegelei für ansehnliche 5000 Taler. Ihr Nachfolger wurde August Kähne, ursprünglich Lehnschulze, der bereits erfolg-

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 Charles Meynier, »L'entrée de Napoleon à Berlin, 27 octobre 1806« – Einzug Napoleons an der Spitze seiner Garden durch das Brandenburger Tor, nach der siegreichen Schlacht bei Jena und Auerstedt, Gemälde 1810. Öl/Leinwand, Inv.Nr. MV 1552, Versailles, Schloss, Musée Historique bpk/RMN

 Bekanntmachung des Gouverneurs von Berlin, Schulenburg nach der akg-images Schlacht von Jena und Auerstedt.

 Johann Friedrich Nagel, Die Marmorkolonnade im Garten von Sanssouci. SPSG/Planslg. 3850

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reich eine Baustoffproduktion betrieb. Der neue Pächter setzte weniger auf die Ziegelbrennerei, sondern konzentrierte sich auf die Herstellung von Kalk. Kähne war ein erfolgreicher Mann, der seine Familie schließlich zum Adelspatent und Gutsbesitz auf Schloss Petzow führte. Ab 1801 übernahm er die Generalpacht der Domänen auf der »Insel Potsdam« und war ab da Oberamtmann. Am 14. Oktober 1806 trafen bei Jena und Auerstädt die französische und die preußische Armee aufeinander, nachdem ausgerechnet im annus mirabilis Bonapartes, dem Jahr des höchsten Ruhmes und der Kaiserkrönung der preußische König ein Ultimatum gestellt hatte. Der vierte Koalitionskrieg war damit militärisch beendet. »Der König hat eine Bataille verloren« spielt es der Gouverneur von Berlin, Schulenburg, in seiner Bekanntmachung herunter. Tatsächlich aber brach der alte preußische Staat beinahe wie ein Kartenhaus zusammen und implodierte so schnell und so vollständig, dass dies selbst bei Napoleon zu süffisant-mitleidigen Bemerkungen führte. Dessen Einzug in Berlin am 27. Oktober 1806 zu den Klängen der Marseillaise war nur ein halber Triumphzug. Vielleicht hatte es sich herumgesprochen, dass das von vielen erhoffte Ende von Fürstenwillkür und Adelsprivilegien in den eroberten Ländern auch in Form von in der Tat maßlosen Kontributionen daherkam, die allen Korporationen (in guter Fürstentradition vornehmlich den bürgerlichen) auferlegt wurden. Für die Stadt Potsdam, die bis 1808 die ungeheuerliche Summe von fast 870 000 Talern zu zahlen hatte, hieß das, eigentlich

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den gesamten städtischen Besitz entweder zu verkaufen oder bis weit in die Zukunft hinein zu verpfänden, um überhaupt Kredite aufnehmen zu können. Diese Notlage ist, allem aufkeimenden Patriotismus zum Trotz, dann von einigen Geldgebern mit vertraglich zugesicherten überhöhten Zinsforderungen ausgenutzt worden. Auch August Kähne gewährte der Stadt 1809 Kredit, wofür diese ihm weitere Eigentumsrechte an der Ratsziegelei einräumte. 1810 kaufte er ein Gartengrundstück hinzu und ersteigerte Gartenskulpturen und Marmor, der einst zu der von Friedrich II. im Park von Sanssouci erbauten, damals aufsehenerregenden Marmorkolonnade gehört hatte. Seit 1797 eingelagert, mussten auch diese »Rohstoffe« jetzt versilbert werden. Auch die »kleine Jagd« (auf Geflügel und Niederwild) kam käuflich hinzu, alles Indizien, dass auf dem Gelände der Ratsziegelei ein herrschaftliches Gut im Entstehen war. 1814 starb Kähne, 1820 ließen sich seine Erben die hinzugewonnenen Besitztitel noch einmal bestätigen, scheinen sich bald darauf allerdings schon mit Verkaufsabsichten getragen zu haben.

Landgut und Sommersitz Im Mai 1822 erwarb Obermedizinalrat Dr. Friedrich August Walter für 15 500 Taler das »an der Kunststraße nach Brandenburg gelegene Erbpachtgut« – der Funktionswandel von Ziegelei und Kalkofen zum Landgut war jetzt juristisch.

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 Eiskeller im Garten der Villa Ingenheim. MGFA/Lang

 Büste von Obermedizinalrat Dr. Friedrich August Walter, dem Eigentümer der Villa Ingenheim von 1822 bis zu seinem Tod 1826. Büste von Carl Wichmann, 1828.

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Charité-Universitätsmedizin Berlin, Sammlung von Bildnissen bedeutender Ärzte und Gelehrter; Standort: Centrum für Anatomie »Wilhelm Waldeyer-Haus« Campus Charité Mitte

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