Skip to main content

Berliner Witz (Leseprobe)

Page 1

Titelei

04.04.2006

12:08 Uhr

Seite 2


Titelei

04.04.2006

12:08 Uhr

Seite 3

Lothar Binger

Berliner Witz Zwischen GrĂśĂ&#x;enwahn und Resignation

be.bra wissenschaft verlag


Titelei

04.04.2006

12:08 Uhr

Seite 4

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2006 KulturBrauerei Haus S Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de

Lektorat: Robert Zagolla Umschlag: Friedrich, Berlin Satz: typegerecht berlin GbR Druck und Bindung: Hubert & Co., Göttingen

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

ISBN 3-937233-31-8 ISBN 978-3-937233-31-4

www.bebraverlag.de


Titelei

04.04.2006

12:08 Uhr

Seite 5

Inhalt

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund Vom Markenzeichen zum Auslaufmodell Die Hauptstadt kommt über die Berliner Berlin-Ratgeber Die aktuelle Witzlage Die Rheinländer sind da Witz Humor Karneval in Berlin Komik

Zur Vorgeschichte des Berliner Witzes Die Stadt wird besetzt Berlin verliert seine Sprache Zuwanderer vor die Nase gesetzt Gegenkulturelle Züge im Handwerk Schwänke und derbe Scherze Der »aufgeklärte« König Friedrich II. und das Berlinertum Des Königs vierzigjährige Witzkonversation mit Voltaire

Französischer Esprit oder deutscher Geist? Christoph Martin Wieland Johann Wolfgang von Goethe Friedrich Nicolai Karl Friedrich Zelter Karl Philipp Moritz

9 9 14 16 18 20 22 23 26 30

32 32 33 35 41 44 48 51 54

61 68 69 70 72 74


Titelei

04.04.2006

12:08 Uhr

Seite 6

Witzkultur der Romantik Jean Paul August Wilhelm Schlegel und Madame de Staël Der Witz in den Salons Berliner Salons Zugereiste und durchreisende Witzfreunde Heinrich Heine Ludwig Börne Friedrich August Wolf

77 77 79 84 86 90 91 95 96

Volkskultur und Witz

98

Adolf Glaßbrenner

98

Witz der Herrschenden

111

Gründerjahre und danach

113

Theodor Fontane Paul Lindau Der Urkomische Bendix

113 115 117

Das 20. Jahrhundert

123

Heinrich Zille Paul Simmel Claire Waldoff Kurt Tucholsky

124 126 130 133

Das Berlinertum

137

Themen und Tendenzen der Witze

144

Größenwahn Übertreibung und Überheblichkeit Unsicherheit der Gefühle Schlagfertigkeit Ironie Lust an der Sprache Kalauer Absurde Verdoppelung einer Aussage

144 145 146 148 151 152 153 154


Titelei

04.04.2006

12:08 Uhr

Seite 7

Witz der Berlinerin

155

Die Hökerinnen Madame Dutitre Mutter Gräbert Grethe Weiser Inge Meysel Désirée Nick

155 158 160 164 166 167

Denkmals- und Architekturwitze

169

Die zweite Kriegs- und Nachkriegszeit

174

Der veröffentlichte Witz

183

Berlin von West bis Ost

184

Rückblicke und Ausblicke

189

Witzlust Nebensächliches Der Witz verläuft sich Die moderne Comedy Berliner im Geiste Letzte Beispiele

189 190 191 192 197 198

Anmerkungen

200

Literatur

206


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 8

»Die Insulaner« (Kossatz, Berlin-West 1954)


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 9

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund Vom Markenzeichen zum Auslaufmodell Das Berlinertum mit seinem legendären Witz erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal eine Blütezeit. Die östliche Bedrohung West-Berlins hatte Günter Neumann zur Gründung der Zeitschrift »Der Insulaner«, inspiriert, aus der ein Kabarett gleichen Namens hervorging. Die regelmäßigen Sendungen dieses Kabaretts im Rundfunksender RIAS verschafften dem Witz der Berliner und ihrer Stadtsprache deutschlandweit Beachtung. Nachfolgende Kabarett-Etablissements wie die »Stachelschweine« und die »Wühlmäuse« versuchten, diese Erfolgsgeschichte fortzuführen. Die Hälften des nach der Blockade und der Gründung der beiden deutschen Staaten endgültig zweigeteilten Berlin begannen sich unterschiedlich zu entwickeln. Im westlichen Teil gab es kein verhasstes Regime, keine ungelittene Obrigkeit. Die Bedrohung kam hier von außen, von der DDR, die West-Berlin als Pfahl im eigenen Fleische ansah. Die insuläre Lage der West-Stadt im »roten Meer« und die überstandene Blockade verbanden die West-Berliner zu einer Schicksalsgemeinschaft. Sie zehrten jahrzehntelang von ihrem Durchhaltewillen, der von der Bundesregierung finanziell erheblich honoriert wurde. Sie lebten bequem mit und von den ortsspezifischen Besonderheiten: der »Trümmerfrau«, der »Blockade« oder der »Mauer«, der touristischen Hauptattraktion, deren Wirkung erst so richtig deutlich wurde, als sie nach der Vereinigung bis auf wenige Reste aus dem Stadtbild verschwunden war. West-Berlin prosperierte durch das Fremde – vornehmlich durch die Touristenströme (»Jeder einmal in Berlin!«) und von seiner Funktion als Wochenend- und Feiereldorado ohne Sperrstunde. Von dieser exotischen West-Ost-Schnupperstelle aus konnte man gruselnd den Osten erkunden, durch kleinen illegalen Geldtausch oder Schmuggel zeitweilig Abenteuergänsehaut spüren und sich die eigene vermeintliche Westüberlegenheit bestätigen. Die 9


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 10

Touristen kamen nach Berlin, um den geschichtsträchtigen Ort und den hier ansässigen »verwegenen Menschenschlag« zu erleben. Dafür wurden sie von den Berlinern nicht gerade geliebt, obgleich sie mit ihren Ausgaben die Lebensfähigkeit der Stadt ermöglichten. Die Feinde, an denen sich die West-Berliner abarbeiten konnten, waren nach außen der kommunistische Osten, der wider alle Himmelsrichtungslogik ganz Berlin umgab und seit Ende der 1960er Jahre nach innen die rebellierenden Studenten. Die Mauer war eine geeignete Projektionsfläche für allen Ärger und die an den Osten gerichteten simplen Schuldzuweisungen funktionierten bis zum Mauer-Fall. West-Berliner Uhren gingen langsamer, Lethargie, Missmut und ständiger Katzenjammer waren die Kehrseite der künstlich aufrecht erhaltenen subventionierten Fröhlichkeit. Diese Widersprüche riefen wieder »Sprüche« hervor, kommentierende, beliebige Redensarten. Der Berliner, seit je in seinem Kiez vergraben und zu provinziellem Denken neigend, konnte sich einer gesamtinsulären Provinzialität hingeben. Macht- und Einflusslosigkeit in der eigenen Stadt brachten witzige Verhärtungen hervor. Erst mit dem Studentenprotest wurden im Westteil Berlins neue kulturelle Akzente gesetzt. Nun übernahmen die rebellischen Studenten in West-Berlin mit ihrem antiautoritären Protest traditionelle berlinische Haltungen wie die Skepsis gegenüber der Obrigkeit. Das überkommene Berlinertum geriet in die Defensive. Der veröffentlichte Berliner Witz hatte Traditionsringe angesetzt und befand sich nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die Studentenbewegung brachte anderes BefreiungsPathos als das der Frontstadt nach Berlin, verkündete hohe Ziele mit großen Gefühlen, denen gegenüber sich der Berliner äußerst skeptisch verhielt. Die studentische, weltbewegende Geste ließ sich jedoch nicht auf Dauer durchhalten. Thomas Ostermeier, einer der künstlerischen Leiter der »Berliner Schaubühne«, sagte zu deren vierzigjährigem Bestehen 2002 über die Jahre des gesellschaftlichen Aufbruchs: »Man würde gerne noch so ungebrochen glauben können […]. Heute gibt es keine großen Parolen mehr. Es hat sich eine ungeheure Abscheu vor theatralen Tönen und Pathos entwickelt. Überall heißt es, nicht so viel Emotionen, nicht so viel Kitsch, bloß nicht zeigen, dass dich etwas berührt.«1 Der abflauende Protest schien den Berliner in seiner utopiefreien Haltung zu bestätigen. Er glaubte seit je zu wissen, wohin alles führt – nämlich zu nichts. Zurück blieb der Alltag, das gleichförmige, ereignisarme Leben. Die Studentenbewegung verschwand, der Berliner 10

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 11

blieb und mit ihm die Skepsis. Der Berliner Witz setzte sich in der Stadt nur noch unspektakulär fort. Er zog sich weitgehend aus den öffentlichen Belangen zurück, die er über einen langen Zeitraum kommentiert hatte und blieb allein wirksam als Mittel der individuellen Lebensbewältigung. Schon in den 1970er Jahren stellten Autoren, die sich mit der Witzlage des West-Berliners beschäftigt hatten, fest, der Witz sei »etwas dünnflüssiger geworden«2 oder gar am versiegen. Nur das Grips-Theater, das 1966 aus dem in der Stadt ansässigen »Reichskabarett« hervorgegangen war, belebte seit seinem ersten Jugendstück »Das hältste ja im Kopf nicht aus« (1975) aufs Neue öffentlichkeitswirksam den Berliner Witz. Man schaute bei den Recherchen für die Jugendstücke den Berliner Hauptschülern aufs Maul, nahm deren Witzworte auf und spann sie weiter.3 Seit den späten 1960er Jahren schien in Berlin sogar der Witz zugereist zu sein. Die Politclowns der Kommune 1, Fritz Teufel und Rainer Langhans, profilierten sich als antiautoritäre Spaßmacher, führten wieder die Subversivität des Witzes vor Augen und hoben ihn auf die Höhe des Zeitgeschehens. Die Berliner Witzgemütlichkeit war überholt. Als sich Teufel vor Gericht erheben sollte, prägte er als Entgegnung den in die Justizgeschichte eingegangenen Satz: »Wenn es der Wahrheitsfindung dient!« und später wies er statt eines Alibis nach Monaten des Eingekerkertsein und verbissenen Schweigens zur Tatentlastung ein »B-libi« vor, das ihm die Freiheit brachte. Nicht zuletzt die Größe der Stadt lädt dazu ein, dass niemand, der herkommt, sich um die hier ansässigen Berliner zu scheren braucht, sondern den Blick fest auf ihn interessierende kulturelle Milieus richten oder sogar nach Brachen, nach Nischen für sich selbst Ausschau halten kann. Der nach neuen Ufern Blickende kommt nicht wegen, sondern trotz der Berliner her, weil sich keine Stadt in Europa so sehr eignet, kulturelle Submilieus immer wieder neu und anders zu begründen. Für den Ankömmling ist die Stadt zu allererst eine Masse von Häusern, hunderttausendfaches Gewirr von Wohnwaben, in denen man mit anderen Gleichgesinnten seine Ideen wie Eier ablegen und ausbrüten kann. Keine verpflichtenden kulturellen Standards der Stadt hindern die Innovativen daran, das zu tun, was sie glauben tun zu müssen. Denn das Berlinertum hat kein kulturell hegemoniales Milieu geschaffen, das zwingend als Richtschnur gilt, an dem sich der Neuankömmling abarbeiten oder in das er sich erst integrieren müsste. Da schallt ihm nicht

Vom Markenzeichen zum Auslaufmodell

11


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 12

schon morgens wie in München bei jeglicher Begrüßung im Zeitungsladen oder beim Bäcker ein kräftiges »Grüß Gott!« entgegen, das Bekennertum abverlangt, Anpassung, Ablehnung oder zumindest Stellungnahme gegenüber dem aufdringlich vereinnahmenden Grußverhalten. Andererseits sind die Unbescheidenheit der Berliner, die aus der Not der Selbstbehauptung erwachsene Großmäuligkeit und der Wagemut als andere Seite des Kleinmuts genau jene Eigenschaften, die der Ankömmling, der den geistig beengten Verhältnissen seiner Provinz entflohen ist, als kulturelle Grundhaltung gebrauchen kann, um seine noch unscharfen, unausgegorenen Vorstellungen in der Stadt auf ihre Verwirklichungschancen zu überprüfen. Berlin ist immer wieder das, was die in die Stadt drängenden Innovativen aus ihr machen. Berlinersein ist »kein Geburtsrecht wie Hamburgertum oder Münchnersein«4. West-Berlin verlor sein angestammtes märkisches Umland, sein pommersches oder schlesisches Hinterland, um weiter entfernte westdeutsche Regionen als Rekrutierungsfeld für den Zuzug von Neuberlinern zu gewinnen wie Schwaben, Hessen, Westfalen. Die aus der Provinz kamen, wehrten sich am heftigsten gegen alles Provinzielle. Sie nahmen in ihrem Verhalten das Berlinertum an – wenn auch nicht dessen Sprache. Sie brachten aus ihrer persönlichen Geschichte das Element mit, das so wichtig für das Berlinertum ist – erfahrene Unterdrückung. Die meisten Neuberliner suchten bewusst keinen Zugang zu den Besonderheiten der Einwohnerschaft. Für sie, die eigentlich Fremden in der Stadt, erschienen deren Bewohner selbst als etwas Fremdes. Vertrauenswürdiger erschienen ihnen die anderen Fremden, die Zugezogenen, die eine heterogene, schillernde Mischung bildeten. Die Zugezogenen schritten unverhohlen zur geistigen Landnahme in der Stadt. In Berlin kann man kaum angekommen seine Stimme erheben, wenn man meint etwas sagen zu müssen – anders als etwa in München. »Wenn einer nach München zureist, dann wird das tatsächlich nicht so gerne gesehen, dass er sich sofort mit Meinungen zu städtischen Lebensfragen äußert.«5 Großen Zuzug gab es seit dem Mauerfall von mittel- und osteuropäischen Intellektuellen, »die ihre zivile Skepsis, ihre vom Schrecken gehärtete Ironie und den ganzen schwarzen Humor des Ostens mit sich bringen. Auch sie gehören zu den Neulingen, die definieren, was Berlin ist.«6 Die Folgen oder Voraussetzungen der riesigen Zusammen12

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 13

Der Stralauer Fischzug. So hieß auch das erste Berliner Lokalstück in Dialekt von Julius Voss, 1821

ballung von Menschen sind Anonymität, Gleichgültigkeit und Wegsehen – also ignorante Toleranz. Viele der großen, kreativen, weltquirligen Gelegenheitsberliner kommen nur durchzugsweise her, um die Stadt in die von ihnen gewünschte Richtung zu schieben und zu testen, wie z. B. Jeanne Claude und Christo. Das Berlinertum findet kaum Gelegenheit, sich als Basisschicht zu sedimentieren, weil es unablässig angereichert wird mit den unterschiedlichsten hoch kulturaktiven Stoffen. Die Berliner Kultursuppe kommt nie zur Ruhe und kocht mit neu hinzutretenden Ingredienzien immer wieder anders hoch – von der Love Parade bis zum Karneval der Kulturen oder seit dem neuen Jahrtausend auch mit einem Karnevalsumzug, der 2004 unter dem Motto stand: »Hier tobt der Bär«. Alle diese Veranstaltungen schmeicheln wie der Berlin-Marathon durch ihre gigantische Fülle dem berlinischen Lebensgefühl, das sich im 19. Jahrhundert seit dem »Stralauer Fischzug« entfaltet hat. In dem Theaterstück von Julius Voß aus dem Jahre 1821 hieß es noch über dieses Volksfest: Hinaus in die Ferne, Vor’n Sechser fetten Speck! Den eß ich doch zu jerne, Den nimmt mir keener weg.

Vom Markenzeichen zum Auslaufmodell

13


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 14

Und wer det dut, Den hau ick uf’n Hut, Den hau ick uf de Neese, Det se blut.7 Doch sind die Zeiten in Berlin unblutiger geworden – nicht zuletzt als ein Ergebnis des Witzes, der als sprachliche Aggression mit Pointe den zivileren Umgang miteinander möglich gemacht hat.

Die Hauptstadt kommt über die Berliner Berlin hatte vor der gegenwärtigen schon einige Hauptstadt-Erfahrungen hinter sich. Im 15. Jahrhundert wurde es zur Residenz des Kurfürsten erhoben – um den Preis seiner Unabhängigkeit, die es nie wieder gewinnen sollte. Friedrich I. machte Berlin nach seiner Krönung 1701 zur Königsstadt. 1866 wurde die Stadt zur Hauptstadt des Norddeutschen Bundes, 1871 zur Reichshauptstadt. Der östliche Teil fungierte nach dem Zweiten Weltkrieg als Hauptstadt der DDR und die nach vierzigjähriger Teilung erneut zusammengefügte Stadt erhielt 1991 per Bundestagsbeschluss den Status der Republikhauptstadt. »Nachdem die Staaten und Ministerien, die Bundesländer und Verbände das Fell des Bären aufgeteilt und den Stadtplan Berlins neu gezeichnet haben, herrscht ruhige Arbeitsstimmung an der Spree.«8 Der Berliner bewahrte Ruhe, obgleich er bei den anstehenden großen Aufbauarbeiten nur wenig berücksichtig wurde. Nie war die Arbeitslosigkeit so groß wie etwa im Baugewerbe, wo überwiegend unterbezahlte Nicht-Berliner die projektierten Großbauten hochzogen. Wieder einmal wurden Handwerker von außerhalb den Berlinern vor die Nase gesetzt. Die Wahl Berlins zur Hauptstadt kam über die Berliner durch Bundestagsbeschluss, ohne dass sie Einfluss auf den Gang der Entwicklung gehabt hätten – wie seit Jahrhunderten. Man beklagte ihre mangelnde Begeisterung für die neuen großartigen Möglichkeiten. Man malte ihnen die Chancen aus, die sie nach dem fünfzehn Jahre oder mehr währenden Um- und Ausbau haben würden. Weitsicht und Durchhaltewillen wurden angemahnt. Doch das überforderte so manchen, der über den langen Zeitraum hinweg täglich im Stau oder im zäher fließenden Verkehr steckte. Wieder zogen Viele zu, die Stadt schichtete sich erneut um. Fi14

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 15

nanziell besser gestellte Berliner wichen ins Umland aus, ganze Stadtquartiere nahmen neue fremde Populationen auf, die Internationalisierung der Stadt, bis 1989 vornehmlich aus orientalischer Richtung vollzogen, erhielt nun osteuropäische Akzente. »Das neue Fluidum ist überall zu spüren, zu sehen, ja, man hat den Eindruck, zu riechen. Alles ist etwas zu groß, zu glatt, zu neu. Überall die schimmernden Naturstein-Fassaden, die unvermeidlichen Atrien, die gewaltigen GlasFlächen in den Parteizentralen wie den Verbandshäusern wie in den Bürobauten des Bundestags, die am Spreeufer vor Anker gegangen sind. Unverkennbar ist auch ein anderer Stil – schneller, ehrgeiziger, ruppiger […]. Und Berlin ist, alles in allem genommen, doch so etwas wie die Fortsetzung von Bonn, nur in anderen Maßen und Mitteln […]. Es ist vor allem die Sogkraft auf Menschen, große Tiere und Sensationen, die sie entwickelt hat […]. Die graue Stadt erwies sich bestens geeignet für rote Teppiche […]. Was die Republik zur Berliner Republik macht, ist vor allem diese Berlin-Erfindung-Fiktion einer Hauptstadt, wie sie sein sollte, wie sie werden könnte […].«9 Nach dem Umzug der Bundesregierung wurden die Berliner Landespolitiker auf eine bestimmte Größe zurechtgestutzt, vermerkte launig Klaus Landowsky, seinerzeit CDU-Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus. Landesregierungschef Eberhard Diepgen und »Kanzler Gerhard Schröder kommunizierten hauptsächlich über die Zeitung miteinander, und der aufs ›Menscheln‹ bedachte CDU-Mann Landowsky musste beim Lachen die Zähne zusammenbeißen, als Schröder das nett gemeinte Angebot, gemeinsam Tennis zu spielen, mit einem groben Scherz abtat. Er suche ›Partner, keine Opfer‹, soll der Kanzler erwidert haben.«10 Der West-Berliner hatte sich Jahrzehnte mit dem Mythos der Hauptstadt bequem eingerichtet, ohne den Belastungen einer wirklichen Hauptstadt ausgesetzt gewesen zu sein. Andererseits waren die WestBerliner als besetzte Stadt mit Besatzungsstatut jahrzehntelang nicht Herr im eigenen Hause. Wahrsagerin Gabriele Hoffmann äußerte, die Berliner hätten sich ohnehin der »Zumutung verweigert, plötzlich eine Metropole darstellen zu müssen. Und die übrigen Deutschen […] hatten noch nie das Gefühl, so etwas wie eine Hauptstadt überhaupt zu brauchen […] es bleibt eine verarmte, etwas zu groß geratene Stadt kurz vor der polnischen Grenze […]«.11 »Die Eliten schämen sich für die hässliche, arme Hauptstadt […]. Berlin spüre noch zu wenig ›die

Die Hauptstadt kommt über die Berliner

15


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 16

Hauptstadtfunktion‹ (von Weizsäcker). Diese soll ein ›Zentrum der Meinungsbildung‹ sein, wie es Weizsäcker ausmalte. ›Das Zentrum muss vorzeigbar sein, es darf im Ausland nicht heißen, in dieser Stadt leben 20 Prozent Sozialhilfeempfänger‹, meinte Biedenkopf.«12 Ein Ost-Prominenter verglich Berlin gar mit einem ungepflegten Treppenhaus, wie er es in der DDR erlebt habe. Auch die Alteingesessenen des Ostteils, der ehemaligen Hauptstadt der DDR, hatten zuvor Probleme mit Zuwanderern gehabt und den unverhältnismäßigen Einfluss der dort zugezogenen und regierenden Sachsen beklagt.

Berlin-Ratgeber Seit der Vereinigung der beiden Stadthälften wandten sich zahlreiche Ratgeber gefragt oder ungefragt an die Berliner, um sie über ihr gegenwärtiges oder zukünftiges Verhalten zu belehren. Volker Hassemer, ehemaliger Kultur-, dann Umwelt- und Stadtentwicklungssenator und bis Frühjahr 2002 Geschäftsführer von »Partner für Berlin«, der Gesellschaft, die Berlin per Marketing Beine machen sollte, sei »von Amts wegen oberster Marktschreier der Metropole. Das macht er in atemberaubendem Tempo, immer den prallen Spruchbeutel unterm Arm. Niemand kann zungenfertiger als er ein Nichts eventgerecht zubereiten, als Leckerbissen fürs weit gereiste Publikum.«13 Er sah sich berufen, die von Missmut geprägte Berliner Stimmung zu heben. Die »endlose Meckerei der Bewohner« sei ihm »auf den Senkel« gegangen.14 Da machte einer als Ober-Berliner mit den »Schaustellen« – Veranstaltungen vor, wo es optimistisch langgehen sollte. Immerhin »leben hier 3,5 Millionen schwer Umerziehbare […]. Wenn die ›echten‹ Berliner die berüchtigte Klappe aufreißen, ist einer ihrer Lieblingssprüche: ›Männeken, hastes nicht’n bissken kleener?‹«15 Das ist nur die eine Seite der Medaille, Kleinmut und Hochmut sind eine untrennbare Einheit. Denn wenn der Berliner einen anderen, zudem einen Zugereisten hochstapeln sieht, wird er ihm auf seine Art Bescheidenheit empfehlen, kommt der andere allzu bescheiden daher, so wird er ihm aus Liebe zu Kontrast und Widerspruch raten, nicht »schlapp zu machen.« Auch der aus Frankfurt/Main zugezogene Nachfolger als Chef von »Partner für Berlin« stellte sogleich belehrenden Optimismus zur Schau: »Warum wird etwa jetzt geschrieben ›Berlin hat die meisten Schlaglöcher‹ – statt zu 16

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 17

schreiben: ›Die Berliner fahren am besten um die Löcher herum.‹«16 Anlässlich der Weltpremiere des Musicals »Der Glöckner von Notre Dame« versuchte eine Zeitungskritikerin den Berlinern, die sich nicht entscheiden können, ob sie nun Weltstadt sein wollen oder nicht, auf die Sprünge zu helfen: »Auch wenn es manche murrköpfigen Gewohnheitsberliner noch nicht so recht einsehen wollen: Die Stadt hat die Trendwende schon vollzogen, man muss die Zeichen nur aufflackern sehen.«17 Wenig später sah sich der General Manager der Commerzbank, der sich als Überzeugungsberliner verstand, berufen, der Stadt ein positives Selbstbild zu empfehlen. Was als »Chance«, »Partner« oder »Schloss«-Initiative für Berlin daherkam, sich als Standortvermarktung anbiederte, war von den Besetzungsfantasien gestandener Macher geprägt, unter denen sich bislang keine Frau profilierte. In wiederkehrender Reihenfolge gab es nach sattsam bekannten »lustig-trotzigen« Stadtbeschimpfungen energische Ratschläge, wie sich das geistig-kulturelle Klima der Stadt zu entwickeln habe. »Alle Leute, die von draußen kommen, vergleichen die Stadt mit anderen Metropolen, nur die West-Berliner vergleichen ›Vorher‹ und ›Nachher‹ […], die Zeit vor der Wende mit der danach.«18 Auch der zugereiste »Zeit«-Publizist Klaus Hartung hielt bei seinem Bemühen, eine Berliner »Gesellschaft« herbeizuschreiben, den Zeigefinger bereit: »Die Gesellschaft […] muss Sprache, Stil, Witz und Themen entwickeln […]. Der Berliner muss nun noch lernen, sich zu mögen, um mit den eigenen Erfahrungen ins Gespräch zu kommen. Vielleicht verzichtet er auf ein paar Superlative und wird dafür selbstsicherer […].«19 Hartung hoffte auf eine »bewegliche, neugierige Berliner Welt, die wieder zum scharfen Witz fähig ist.«20 Doch eine Wiederbelebung des Berliner Witzes als kulturell bedeutendes Kommunikationsmedium dürfte kaum gelingen, da die Zeiten und mit ihnen die Berliner andere geworden sind. Kaum jemand nimmt sich noch des Berliner Idioms an, macht sich zum kulturellen Sachwalter des Berliner Witzes. Ist dem Berliner der Witz oder dem Witz der Berliner abhanden gekommen? In West-Berlin war die westdeutsche kulturelle Dominanz so erdrückend, dass man in der Kulturszene der eingemauerten Halbstadt sogar aufhorchte, wenn sich einmal dort das Berliner Idiom hören ließ. Gebildete Familien duldeten bei ihren Kindern das Berlinern ohnehin nicht. Dagegen berlinern in Ost-Berlin auch die Akademiker, schließlich war man ein Arbeiter- und Bauernstaat und die Sprache der unakademischen Werktätigen wurde akzeptiert. Noch

Berlin-Ratgeber

17


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 18

zu Zeiten der DDR hieß es dazu in einer Untersuchung: »Die positive Einstellung findet sich vor allem bei den in Berlin Aufgewachsenen, und zwar hier besonders bei den Jüngeren sowie beim größten Teil der älteren Generation und der Produktionsarbeiter. Sie ist jedoch auch in anderen sozialen Gruppen vorhanden, z. B. bei der Intelligenz, vor allem bei heimatgeschichtlich Interessierten.«21 Man muss heute fragen, ob für die geistige Beweglichkeit und witzige Schlagfertigkeit tatsächlich das Berliner Idiom vonnöten ist, dem seit über zweihundert Jahren untilgbar der Makel des Ungebildeten anhaftet. Selbst in dem der Stadtsprache freundlich gesinnten Ost-Berlin ist die Berlinische Ausdrucksweise seit der Vereinigung auf dem Rückzug wie der Berliner Witz. Stattdessen wurde seit der Nachwendezeit die Comedy bevorzugt, aber nichts Berlinisches mehr. Die Berliner treten darin nicht als Witzproduzenten auf, sondern sind als verständnisvoll lachfreudiges Publikum gefragt. Thomas Hermanns aus Bochum, Begründer des »Quatsch Comedy Clubs« im Friedrichstadt-Palast und gewerbsmäßiger Comedy Importeur, der regelmäßig für mehrere Tage zum Kölner Karneval fährt, äußerte über die Berliner: »Die ganzen berühmten Mutterwitz-Taxifahrer und -Verkäuferinnen prägen tatsächlich die Stadt. Ich glaube, dass wir mit dem Quatsch Comedy Club ein Ventil geöffnet haben. Die Leute kommen und lachen los […].«22 Der Berliner: »[…] muffelig ist er schon. Aber auch kess […], [der] gerne Autoritäten angreift, der etwas rotziger, etwas heftiger ist […], weniger harmonisierend, konfliktbereit. Der Berliner mag es, wenn Prätentionen angegriffen werden, der mag es ehrlich.«23 Dennoch ist er nicht mehr als Akteur sondern als Zuschauer gefragt.

Die aktuelle Witzlage Der einheimische Witz gibt sich bisweilen so ungetarnt aggressiv, dass kaum noch eine Pointe zu erkennen ist wie bei jener womöglich witzig gemeinten Antwort eines Taxifahrers auf die Frage des Fahrgastes nach dem Wetter: »Gucken Sie doch aus dem Fenster, wenn Sie wissen wollen, wie es ist.«24 Wenig mehr Witz zeigte jener Berliner, der einen Fremden, der einen Brief für einen anderen Mitmieter in den im Hausflur gelegenen Briefkasten werfen wollte, mit den Worten abwies: »Kommen Sie gefälligst morgen wieder. Ich bin doch nicht der Klingel18

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 19

Kellner: »Genauso lästig wie die Gäste!« (Karl Schrader, Berlin-Ost 1978)

beutel von Anwalt Müller.«25 Kaum einer Stadt eilt ein vergleichbarer Ruf voraus, so dass die Besucher immer schon zu wissen meinen, wie sich der Berliner verhält und entsprechend finden sie ihn auch vor. Er sieht sich veranlasst, die Vorurteile zurückzuweisen und die Art, wie er es tut, scheint die Vorurteile wiederum zu bestätigen. Wie die Pressesprecherin des Berliner Hotel- und Gaststättenverbandes 1997 verlauten ließ, gehe es in Berlin »um ›Schnauze mit Herz‹, und ›daran müssen sich die Gäste eben gewöhnen‹.«26 Das gemahnt an jene verflossenen vierzig Jahre der Herrschaft der Werktätigen in der DDR, als grundsätzlich immer die jeweils Arbeitenden im Recht waren und sich derjenige, der die östlichen Gaststätten aufsuchte, dem tätigen Personal demütig zu nähern hatte, um gegebenenfalls platziert zu werden, ungünstigsten Falles auch nicht. Im Nachhinein kann man das als eine dem realen Sozialismus geschuldete Besonderheit einordnen, die dem Berliner Empfinden ziemlich entgegenkam oder umgekehrt, dass die Berliner Bedienung auch im Westen diesen Habitus aus tief empfun-

Die aktuelle Witzlage

19


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 20

denem Bedürfnis übernommen hat und bis heute in Gesamtberlin vielerorts beibehalten wurde. Die Folge der Berliner Unfreundlichkeit war, dass die gastronomischen Betriebe der Stadt bevorzugt Nicht-Berliner als Bedienungspersonal einstellten.27 Der alltägliche unspektakuläre Berliner Witz erschließt sich im Gewimmel der Straßen, auf Märkten, in öffentlichen Verkehrsmitteln, wo er sich er-»fahren« lässt oder er flackert in Supermärkten auf. In der Schlange an einer Supermarktkasse schrie unentwegt ein in seiner Karre sitzendes Kleinkind. Als es an der Kasse angelangt war, sagte die Kassiererin beruhigend: »Heul du mal ruhig weiter – brauchste einmal weniger pullern.«28 Die witzige Bemerkung rief Gelächter hervor und das Kind hörte auf zu schreien. Ein Berliner und eine Berlinerin aus Kreuzberg unterhielten sich auf der Straße über ihre soziale Lage. Sie sprachen ihre Monologe gegeneinander, wie es Jahrzehnte zuvor Tucholsky schon beobachtet hatte. Sie klagten nicht, obgleich dazu reichlich Anlass gewesen wäre, sondern gewannen durch ihre redensartlichen Übertreibungen der Situation noch einen Unterhaltungsaspekt ab, ohne dass es zu einem richtigen Gespräch gekommen wäre. Die Frau schilderte drastisch, wie viel Geld ihr von der Sozialhilfe nach der Bezahlung ihrer festen Kosten manchmal für den Rest des Monats bliebe: »[…] die letzten zwee Wochen mach’ ick Klimmzüge am Brotkasten […] und dann kucken die Mäuse mit verheulten Oogen aus’m Kühlschrank!« Durch ihren Witz erhob sie sich noch triumphierend über das Elend. Auf einem Berliner Trödelmarkt beendete ein Besucher an einem Marktstand sein reichliches Stochern in den ausgebreiteten Dingen, ohne etwas zu kaufen, mit einem freundlichen »Danke«. Darauf entgegnete der Berliner Händler sichtlich genervt: » ›Danke‹ – hab ick den janzen Keller voll. Krieg ick die Türe schon nich mehr zu. Muss ick schon anbaun.«

Die Rheinländer sind da Noch bis in die 1950er Jahre war es üblich, regionale Besonderheiten des Witzes und des Humors vergleichend zu untersuchen. In der großen, damals noch gesamtdeutschen Witzgeographie machte man einige besonders hervorstechende Witz- und Humorregionen aus. 20

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund


Hauptteil

04.04.2006

13:42 Uhr

Seite 21

Deutlich voneinander unterschieden stellte man den Witz und den Humor der Bayern, der Sachsen, der Berliner und der Kölner dar und versuchte deren Beziehungen zueinander, Ähnliches und Trennendes oder ganz und gar Gegensätzliches zu erörtern. Darüber hinaus durfte der seit dem 18. Jahrhundert angestellte Vergleich zwischen Wien und Berlin auch auf dem Gebiet des Witzes nicht fehlen. Das Interesse daran, den Berliner Witz von anderen regionalen Witzbefindlichkeiten zu unterscheiden, erhielt wieder Auftrieb, nachdem die Stadt abermals zum deutschen Regierungszentrum aufgestiegen ist und zudem die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn, aus der der Regierungstross herzog, in jener rheinischen Frohsinnslandschaft liegt, in der man von jeher anders lachte und auf eine dem Berlinischen durchaus entgegengesetzte Weise Frohsinn durch Wort und Tat herstellt. Mit dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin war das »Rheinische« seit dem Sommer 1999 auch offiziell in Berlin angekommen, wurde hier wahrgenommen und in seinem Anderssein gewürdigt. Zugleich rückte das Berlinische bei diesem Vergleich wieder deutlicher ins Bewusstsein. Rheinländer und Berliner reden viel, der Berliner zielstrebig und streng logisch, während der Rheinländer eher sprachlich umherschweift, in seinen Anekdoten nur langsam auf den Punkt kommt, aber »jenen warmen, weichen Klebstoff des gemütlichen gemeinsamen Lachens«29 verbreitet. Die rheinische Lebensart unterscheidet sich deutlich von der berlinischen, die, wie der Kölner Kabarettist Jürgen Becker polemisch anmerkte, größten Unfug durch Disziplin und Fleiß (typische preußische Tugenden) hervorgebracht habe: »Jeder Rheinländer weiß: der größte Unfug entsteht durch Disziplin und Fleiß. Wer hat denn vor mehr als 40 Jahren in nur wenigen Stunden eine halbe Stadt zugemauert. Das protestantische Berlin. Wir Kölner haben für unser Wahrzeichen, für eine einzige Kirche über 600 Jahre gebraucht. Bei uns im Rheinland hätte man die Mauer niemals abgerissen. Die wäre noch gar nicht fertig.«30 Rheinische Lebensart hatte in Berlin schon länger ihre Nischen gefunden. So herrschte 1912 in der Krolloper in der Nähe des Reichstags in der Silvesternacht »wie in den Vorjahren überschäumende rheinische Fröhlichkeit […]. Der ›Alaaf‹ hatte seine getreuen Närrinnen und Narren entboten, und sie waren gern seinem Rufe gefolgt […]. Der Elfer-Rat […] sorgte dafür, dass das fröhliche Treiben, in dem Hunderte von Paaren nach den Klängen der Musik lustig durcheinander wirbelten bis

Die Rheinländer sind da

21


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 22

zum frühen Morgen ungemindert anhielt.«31 Allerdings war die Gruppe der Zuwanderer aus dem Rheinland nie besonders groß, nach der Reichsgründung stellten sie nur ein Prozent der Bevölkerung.

Witz Dem Rheinländer wird Humor, dem Berliner wird Witz nachgesagt. Man sollte klären, was darunter zu verstehen ist. Das ist hierzulande durchaus nicht selbstverständlich, weil die Psychologie des Unbewussten, die seit einhundert Jahren verlässliche Erklärungen bereithält, wie so vieles andere 1933 aus Deutschland exiliert wurde. Ohne psychoanalytische Deutungsmuster lassen sich jedoch Phänomene wie Witz, Komik oder Humor weder plausibel definieren noch in ihrer Wirkungsweise verstehen und auseinander halten. Zunächst einige Bemerkungen über den Witz. Am Anfang der Witzbildung steht überwiegend eine Aggression, die nicht zugelassen und ins Unbewusste abgedrängt wurde. Dort wird sie so bearbeitet, dass sie darauf in veränderter »witziger« Gestalt gesellschaftsfähig wird und vom Bewusstsein akzeptiert werden kann. Freud nahm an, dass die Energie, die eigentlich für eine vollständige Verdrängung des aggressiven Impulses erforderlich gewesen wäre, nun überflüssig geworden sei und für das Gelächter zur Verfügung stehe. Der Witz stellt so einen Kompromiss zwischen den individuellen aggressiven, sexuellen oder anderen Strebungen und den gesellschaftlichen Wertvorstellungen dar, wie sie sich im Gewissen niedergeschlagen haben. Witze geben Aufschluss über vorherrschende oder unterdrückte Empfindungen und Gedanken, über schwelende oder aufgebrochene Konflikte. Sie vereinen und trennen im Gelächter, sie bündeln Aggressionen, weisen auf gesellschaftliche Brennpunkte hin. Sie belasten diejenigen, die zur Zielscheibe des Witzes werden, und entlasten jene, die sich durch das Witzgelächter erleichtert fühlen können. Andererseits treten sie auch dort in Erscheinung, wo herrschende Gewalt ein physisches Aufbegehren unmöglich gemacht hat und der Witz oft als eines der wenigen Mittel des Widerstandes übrig geblieben ist. Witze sind eine zivilisatorische Errungenschaft, sind sie doch an die Stelle der körperlichen Auseinandersetzung getreten und haben diese oftmals ersetzt. Dabei ist der Witz an die Sprache gebunden und je mehr jemand über sie verfügt, desto anspruchsvoller kön22

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 23

nen die Witze sein. Sie werden nicht bewusst verfertigt, sondern kommen kreativ im Unbewussten zustande. Bestimmte gesellschaftliche Voraussetzungen begünstigen die Witzfähigkeit wie andere sie behindern. Das lässt sich etwa an der Witz- oder Humorfähigkeit der verschiedenen deutschen Regionen erkennen. Witzfähigkeit wird durch bestimmte Sozialisationsbedingungen gefördert und es ließe sich von erworbener Witzkompetenz reden besonders von jener Witzfähigkeit, die sich in der verbalen Auseinandersetzung zeigt, ein aktuelles Kräftemessen darstellt und die man Schlagfertigkeit nennt. Von diesem dialogischen Witz ist der erzählte Witz zu unterscheiden. Einerseits dient der Witz dazu, Aggressionen oder anderen verpönten Strebungen eine kulturell anerkannte Gestalt zu geben. Andererseits haben zahlreiche Witze die Funktion, Ängste abzuwehren, etwa die Angst davor, von seinen Gefühlen überwältigt zu werden oder überhaupt Gefühle zeigen zu müssen. So breitet der Berliner häufig über all das seinen Witz, was ihn irritiert und ihm Angst macht. Unter der Hand kann sich ihm das Missliche dank des Witzes in eine wenn auch bescheidene Lustquelle verwandeln.

Humor Der Witz steht also im Dienst von Aggressionen und kann helfen, Gefühle zu verstecken und Ängste abzuwehren. Die Angstabwehr hält als eine Funktion des Ich alles fern, was die psychische Stabilität gefährden könnte. Auch der Humor hilft die Realität zu bewältigen. Doch während der Witzmacher mitten in allem drin steht – vielleicht sogar bis zum Hals –, schwebt der Humorvolle eher gelassen darüber. Den Humor begleitet eine fröhlich freudige Gefühlslage, die vom Lachen bis zum Schmunzeln reicht. Der Humorvolle erspart sich die Gefühle, die eigentlich in einer prekären Lage angemessen wären und lässt sich durch die Ungunst der Umstände nicht beeindrucken oder herabziehen. Mit dem Humor erhebt er sich mit einem Anflug von Weisheit über die reale Situation. Durch seine Verbindung zum Großartigen und Erhebenden gelingt es dem Humor, die Traumen der Außenwelt, die des menschlichen Leidens und der Misserfolge in Anlässe für Lustgewinn zu verwandeln. »Der Humor dankt diesem Zusammenhange eine Würde, die z. B. dem Witze völlig abgeht, denn dieser dient entweder nur

Witz

23


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 24

dem Lustgewinn oder er stellt den Lustgewinn in den Dienst der Aggression.«32 Der Humorist versetzt sich zeitweise in die Lage eines gütigen Vaters und beurteilt selbst schwierige Situationen als nicht so schlimm. »Er will sagen: Sieh’ her, das ist nun die Welt, die so gefährlich aussieht. Ein Kinderspiel, gerade gut, einen Scherz darüber zu machen!«33 Der Kern dieser Weisheit besteht offenbar darin, Interessen und Motive abzuwägen, die Balance zu wahren und die Fähigkeit, im Konfliktfall den eigenen Standpunkt zu relativieren, ohne ihn zu verleugnen. Ringelnatz sagte dazu: »Der Stein der Weisen sieht dem Stein der Narren zum Verwechseln ähnlich.«34 Doch ist dieser Humor nicht die Sache des Berliners, der das Berlinertum verkörpert. Nicht mit Gelassenheit und augenzwinkernder Distanz begegnet er den Wendungen des Schicksals, sondern er wirft sich ihnen entgegen, kommt möglicherweise einer befürchteten Aggression durch eine eigene zuvor. Eindrucksvoll wird das veranschaulicht durch die Aussage eines Berliners, der seinem Freund im vollbesetzten Eisenbahnabteil anvertraute: »Du, Willem, wenn ick eenen aus Vasehen uff de Hühneroogen trete, vaschtehste, denn hau ick ihm jleich hinterher eens in de Fresse, ehe er mir dumm kommt.«35 Weisheit, die man gewinnt, indem man über den Dingen steht oder die man aus der Tiefe schöpft, ist nichts für den Berliner. Er stürzt sich augenblicklich ins Getümmel oder er erzeugt eins, wo er es braucht. Der scharfe Witz hilft ihm dabei, einen Angriff zu starten oder eine rasche Verteidigung zu betreiben. Um mit der Freudschen Humordefinition zu argumentieren: Beim berlinischen Witztypus gibt es keinen inneren gütigen Vater, der dem auf die Realität versessenen Ich eine Pause erlauben würde, denn es befindet sich mit der Autorität in ständiger Konfrontationsbereitschaft. Ihm ist es unmöglich, wenn auch nur zeitweise humorvoll dem Über-Ich, dem Gewissen als der Vaterfigur das Terrain zu überlassen. Der Vaterfigur misstraut er grundsätzlich, gleichgültig wie sie sich zeigt – autoritär belastend oder gütig humorvoll entlastend. Er würde sich auch nicht mit einem milden, humorvollen Lächeln begnügen. Ihm liegt an dem die Aggression bündelnden Witzgelächter. Vielleicht hängt das fehlende Verhältnis zum Humor auch mit der Glaubensferne des Berliners, der protestantischen Ethik und seiner rationalistischen Einstellung zusammen. Der Rheinländer ist dagegen im Katholizismus eingebettet und ruht im Schoß der Kirche. 24

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 25

Auf den libidinösen Ausnahmezustand des Karnevals, dem jahreszeitlich wiederkehrenden sündigen Großereignis, folgt der Aschermittwoch mit der schuldbewussten Bitte um Vergebung. Die Gewichte sind wieder im Lot, der moralische Gleichgewichtszustand wieder hergestellt. Dem Berliner erlaubt die protestantische Ethik nicht, auch nur zeitweise über die Stränge zu schlagen. Seine Gewissensinstanz lässt nur ein falsch oder richtig zu. Sie ist immer wirksam und ungnädig, deshalb wird sie auch jederzeit bekämpft – besonders unerbittlich am Mitmenschen auf dem Wege der Projektion. Menschliche Schwächen können daher in ihrem »sowohl als auch« nicht weise beurteilt werden. Da das religiöse oder profane Umfeld mitprägend für das Humor- oder Witzverhalten ist, lässt sich insofern zwischen Bayern, Kölnern oder auch Wienern einerseits und Berlinern andererseits (und Sachsen irgendwo dazwischen) unterscheiden. Während im rheinischen Humor eine lächelnd humoristische Lebensbejahung aufscheint, der es nicht so sehr auf ein rasches Handeln ankommt, dient der Berliner Witz eher als schnelle Distanzwaffe. Wer meint, ständig vor einem Angriff auf der Hut sein zu müssen, entwickelt Schlagfertigkeit oder kommt einem befürchteten Angriff schon durch Witzschärfe zuvor. Als Vertreter des rheinischen Humors wurde in Berlin Friedel Drautzburg bekannt, aus Bonn zugewanderter Prominenten-Wirt der »Ständigen Vertretung«, jenes Etablissements, das seit 1997 rheinischen Frohsinn in Berlin zu implantieren versuchte. Bei ihm hatten die Probleme schon damit begonnen, dass er seiner dreijährigen Tochter alle Ansätze zum Berlinern auszutreiben versuchte. Sein Widerstand galt vor allem dem angestammten Berlinertum: »Ich werde mir einen Rest von zwischenmenschlicher Höflichkeit so widerstandsfähig verteidigen und erhalten, dass ich eher Freitod begehe, als mir die Berliner Rotzigkeit jemals vollständig anzugewöhnen.«36 Er empfahl rheinische Verhaltensweisen, nämlich Konflikte einvernehmlich zu lösen statt konfrontativ wie er es überwiegend in Berlin erfahren hatte. Den Unterschied zwischen Berlinern und Rheinländern griff 1906 auch der französische Journalist Jules Huret in seinen Berlin-Schilderungen auf: »Der Trambahnschaffner, in Berlin eigentlich derjenige Beamte, mit dem das Publikum am meisten zu tun hat, ist grob wie ein Gefängniswärter. Jeden Augenblick ist man versucht, ihm im gleichen Tone, wie dem seinigen, zu antworten und ihn mitsamt allen seinen Kollegen

Humor

25


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 26

»Alle Teufel – meine Frau!« (Theodor Hosemann, 1847)

nebst den Schutzleuten von Berlin, einen Höflichkeitskursus in Köln z. B. durchmachen zu lassen, wo ungeachtet ihrer Uniform, die höflichen, zuvorkommenden Rheinländer sind.«37

Karneval in Berlin Ein fester Bestandteil dieser rheinischen Lebensart ist die fünfte Jahreszeit, der Karneval, der in Berlin nie so recht Fuß fassen konnte. Eine Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig, zugeschriebene Anekdote mag Aufschluss darüber geben, welchen schweren Stand närrische Vergnügungen in der preußischen Hauptstadt hatten. Zu Anfang seiner Regierung musste der König »wenigstens das übliche Karnevalsfest zugestehen. Er gab im Redoutensaale des Schlosses einen Maskenball, erschien mit einer Larve und trug einen Domino, der mit Anisküchlein beklebt war. Niemand erkannte den König, und so dauerte es nicht lange, bis die ahnungslosen Gäste das letzte Anisküchlein abgerissen und verzehrt hatten. Aber Friedrich Wilhelm I. war eben ein Freund der26

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 27

ber Späße, hatte in die Küchlein ein kräftiges Abführmittel backen lassen und der Schlosswache befohlen, dass kein Gast, wer es auch sein möge, sich aus dem Redoutensaal entfernen dürfe. Von der Empore betrachtete Majestät den weiteren Verlauf. Der König hielt sich den Bauch vor Lachen, die Gäste hielten den Bauch aus anderem Grunde. Weitere Karnevalfeste brauchte Friedrich Wilhelm nicht mehr abzuhalten und konnte das ersparte Geld für ihm wichtiger scheinende Dinge verwenden.«38 Auch sein Nachfolger, Friedrich II., konnte den im Winter veranstalteten Maskenbällen nichts abgewinnen. 1822 berichtete Heinrich Heine über einen Maskenball im Opernhaus: »Jeder muss hier in einem Maskenanzuge erscheinen, und niemandem ist es erlaubt, unten im großen Tanzsaale die Maske vom Gesicht zu nehmen […] die rauschende Maskenmenge […] besteht aus Menschen von allen Ständen […]. Fast alle Männer tragen hier nur einfache seidene Dominos und lange Klapphüte. Dieses läßt sich leicht aus dem großstädtischen Egoismus erklären. Jeder will sich hier amüsieren und nicht als Charaktermaske andern zum Amüsement dienen. Die Damen sind aus demselben Grunde ganz einfach maskiert, meistens als Fledermäuse.«39 Im folgenden Jahrhundert stellte Alfred Kerr für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg fest: »[…] die berlinische Bevölkerung hat keinen Sinn für Mummenschänze. Man ist hier geneigt, einen Menschen, der sich verkleidet, sei es auch in der Faschingszeit, als etwas gestört anzusehen. Und jeder, der nun schon mal ein neckisches Kostüm anzieht, läuft darin auf dem Ball mit Schuldbewusstsein herum. Die Heiterkeit ist gequetschten Charakters, eigentlich schämt man sich.«40 Doch gab es auch in der Reichshauptstadt ausgelassene Karnevalsfeiern, wie die Festschrift des Männer-Kegelklubs »Schlamaßlia« zum zehnjährigen Bestehen 1907 belegt, deren Teilnehmer aus Berlin und anderen deutschen Regionen stammten. Über die Fastnacht 1901 hieß es: »Fastnacht wurde bei einer reich bemessenen Bowle […] mit Narrenkappen und närrischen Musikinstrumenten gefeiert. Unter Absingen aller möglichen Lieder zogen wir um beide Bahnen im Gänsemarsch, um dann, im Kreise aufgestellt, als Finale das Lied von der Bumderassassa zu blasen. Ein humoristischer Kontertanz nach denselben Klängen und ein regelrechter Rundtanz beschloss die urfidele Feier. Nüchtern dürfte niemand gewesen sein.«41 Über die Fastnacht des folgenden Jahres wurde berichtet: »Die Fastnachtsfeier fand am 24. Februar 1902 bei ei-

Karneval in Berlin

27


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 28

ner Bowle mit verteilten Narrenkappen statt. Was nicht niet- und nagelfest auf der Kegelbahn war, musste daran glauben. Konfetti, Luftschlangen, Flaschenscherben, zerbrochene Besenstiele und zerrissene Plakate lagen in wüstem Chaos über den ganzen Boden zerstreut […]. Nach Schluss unsrer Feier […] gingen wir mit unsern ulkigen Kopfbedeckungen noch in die ›Rheinischen Winzerstuben‹, wo wir mit großem Hallo empfangen wurden und wo man sich bald um unsre Kappen riss. Besonders gefielen Traeberts Garde-Aluminium-Mütze, Backes Burenhut und Bobachs Perücke. Man raste, um die Mützen zu erhaschen beziehungsweise zu verteidigen, soweit es in dem sehr gefüllten Lokal möglich war, über Tische und Stühle, wurde von den Galerien mit Wein begossen, wurde auf die Galerien heraufgeschoben und gezogen, kurz es war der reine Hexensabbat. Schließlich fiel Bobach auf einen Stuhl, der in einem mit Karpfen gefüllten Springbrunnen stand, trat einen Fisch tot und brach dem Gipsneptun, welcher auf einem Felsen inmitten des Brunnenbeckens saß, Fuß und Bein ab. Wir nahmen Servietten und legten dem blessierten Neptun unter brüllendem Gelächter der Menge und dem Gejauchze der Musikanten eine nasse Kompresse um das Bein. So ausgelassen wie an diesem Abend sind wir kaum vorher oder nachher gewesen.«42 Obgleich die Berliner in der Neuzeit wenig Sinn für karnevalistisches Treiben hatten erkennen lassen, waren dennoch bei dem »Stralauer Fischzug«, diesem größten Berliner Volksfest, um 1800 bescheidene Verkleidungsrequisiten üblich: »Der echte Fischzügler braucht eine falsche Nase, eine Brille von Fensterglas, einen Hut von Papier mit dem Bilde eines großen Krebses darauf und eine Anzahl von Phantasieorden.«43 Mit dieser Teilmaskierung erschöpfte sich der Verkleidungsdrang. Dabei ist die Maskierung des ganzen Körpers, das Narrenkostüm, das sichtbarste Zeichen des echten Karnevals. Manche nehmen an, man wolle sich unkenntlich machen und im Kostüm verbergen. Für den Berliner mag das zutreffen; gewöhnlich ist das aber nicht so. Die Verkleidung drückt vor allem eine kindliche Freude aus, Lust am Anderssein, an der Darstellung verborgener Neigungen und Fantasien. Dazu gehört, den Ausdruck seines Körpers zu verändern, ihn spielerisch in den Vordergrund zu rücken, ihn von den alltäglichen Konventionen zu entfesseln. Narrenlust ist ins Komische gewendete Körperlust. Der Rheinländer geht aus sich heraus, während der Berliner 28

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund


Hauptteil

04.04.2006

12:15 Uhr

Seite 29

Fastnacht des Berliner Männer-Kegelclubs »Schlamaßlia« (1898)

angestrengt kontrolliert bei sich bleibt, aus der Deckung heraus agiert und versucht, andere durch bissige Kommentare auf Abstand zu halten. Dem Berliner behagt das Exaltierte nicht, er hält am beherrschten Körper fest. Er gestattet sich schon gar nicht, den Körper komisch zu präsentieren und dadurch dem Gelächter preiszugeben. Er vermeidet es, durch besondere Umstände komisch zu wirken und Gelächter auf sich zu ziehen. In die Richtung weist, was Walter Benjamin über einen Chauffeur berichtete, »den eine Panne zwang, unter seinen Wagen zu kriechen. Ein Auflauf. Unter den Vordersten beginnen ein paar zu kichern. Da tauchte hochrot der Mann unter seinem Gestell hervor: ›Wat hier jelacht wird, det lache ick.‹«44 Im Berliner Witz wird der Körper oft als gefährdet dargestellt, als ob er durch widrige Umstände oder Gewalteinwirkung deformiert werden könnte. Kein positives Körperbild entsteht, keine Lust am Körper, kein Vergnügen daran, ihn zur Schau zu stellen. Statt Körperlust oder weiser Distanz zum eigenen Körper – Körperangst. Die angedrohte oder tatsächliche Beschädigung des Körpers ist das Thema etlicher Berliner Witze.

Karneval in Berlin

29


Hauptteil

04.04.2006

12:16 Uhr

Seite 30

Nasenhandel (Ludwig Löffler, 19. Jahrhundert)

Ein Soldat geht Unter den Linden vom Schloss kommend Richtung Brandenburger Tor und fällt wegen der Schneeglätte zu Boden. Ein Schusterjunge klopft dem lang Hingestreckten auf die Schulter mit den Worten: »Nu noch zweimal so, dann sind Sie am Brandenburger Tor!«45

Komik Beim Verkleiden und komischen Agieren gibt man sich dem regressiv– kindlichen Taumel hin, das körperlich Unbeherrschte und Abweichende wird gesucht und freudig ausgelebt. Die Komik betrifft den ganzen Körper: seine Bewegungen, Gestik und Mimik, aber auch die Sprache, wenn an die Stelle der üblichen Verständigung unartikulierte Laute und verzerrte Sprachreste begleitet von entsprechender Gestik und Mimik treten. Die Wirkung zahlreicher komischer Elemente scheint auf einem Kontrast zu beruhen: Für Freud erschien derjenige komisch, der »für seine körperlichen Leistungen zu viel und für seine seelischen Leistungen zu wenig Aufwand im Vergleich mit uns treibt […].«46 Die Komik führt uns einen unbeherrschten oder auch unbeherrschbar erscheinen30

Berliner Witz – Gegenwart und Hintergrund


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Berliner Witz (Leseprobe) by BeBra Verlag - Issuu