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Jost Lehne
Der Admiralspalast Die Geschichte eines Berliner ÂťGebrauchsÂŤTheaters
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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für InternetPlattformen.
© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2006 KulturBrauerei Haus S Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Bernhard Thieme, Berlin Gesamtgestaltung: Friedrich, Berlin Druck und Bindung: Bosch Druck GmbH, Landshut ISBN 3-937233-29-6 ISBN 978-3-937233-29-1
www.bebraverlag.de
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Inhalt
Vorwort
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Vom Garten zum Palast ab 1860
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Eine »Zierde der Reichshauptstadt« – der Admiralspalast ab 1911
21
Chaos und Vergnügungslust – Varieté und Revue 1922 –1930
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Ausstattungsoperetten und Weltwirtschaftskrise 1930 –1933
81
Unterhaltungstheater im Vorfeld des Krieges 1933 –1939
107
Ästhetische »Säuberung« der Architektur und Verstaatlichung des Spielbetriebes 1939 –1945
125
Neubeginn nach dem Krieg 1945 –1955
145
Das Metropol-Theater im Admiralspalast 1955 –1997
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Nachwort
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Anmerkungen
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Anhang
205
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Der Admiralspalast (vorn rechts) in der FriedrichstraĂ&#x;e, daneben das Savoy-Hotel und Komische Oper. Fotografie aus dem Jahr 1928 von Waldemar Titzenthaler.
6 KOLUMNENTITEL
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Vorwort
»Der Admiralspalast ist wirklich ein großes, elegantes und zweckmäßiges Vergnügungsetablissement, wie man’s bisher entbehrte, und wie es der Weltstadt Berlin in den Abendstunden fehlte«1, urteilte ein Rezensent anlässlich der Eröffnung des Hauses am 20. April 1911. Der prächtige, als »Zierde der Reichshauptstadt«2 beschriebene Gebäudekomplex beeindruckte mit einem vielseitigen Unterhaltungsangebot wie Café, Kegelbahn, Eislaufarena und Bäderanlage. Er ist das einzige erhalten gebliebene architektonische Zeugnis, an dem die Spuren des ehemaligen Glanzes der »Amüsiermeile« Friedrichstraße bis heute ablesbar sind. Betritt man das Gebäude, umgeben einen die »Gebrauchsspuren« der vielen Geschichten, die sich hier seit der Eröffnung vor fast 100 Jahren ereignet haben. Man kann in Erinnerungen schwelgen – und es ist faszinierend, an den Zeugnissen der Vergangenheit entlang zu treiben und in frühere Epochen entführt zu werden. Eine aufregende Reise. Doch mitten in das Räsonnieren hinein mischt sich der Geruch von frischer Farbe und das Hämmern von Bauarbeitern. Es herrscht Geschäftigkeit. Und man kann nur sagen: endlich! Denn seit der Schließung des Metropol-Theaters 1997 bot der Admiralspalast das traurige Bild eines leer stehenden und baufälligen Theaters, allein das Kabarett »Die Distel« spielte im Vorderhaus wacker weiter und belebte den ansonsten vor sich hin rottenden, scheinbar bald sinkenden Vergnügungsdampfer aus der Kaiserzeit. Nach zahlreichen Querelen fand der Admiralspalast 2005 seinen neuen Besitzer, der den Gebäudekomplex in einen bespielbaren Zustand versetzt und ihm wieder Leben einhaucht. Die neuen Eigner knüpfen an das Konzept des Admiralspalastes von 1911 als multifunktionalem Vergnügungsort an. Ein Café im Vorderhaus lädt zum Besuch ein, das Wellness- Bad in der originalen Ausstattung von 1911 bietet Entspannung. Ein Club, verschiedene neu gestaltete Mehrzweckräume und der renovierte große Theatersaal ermöglichen unterhaltsame Zerstreuung. Die neuen Betreiber setzen so die Tradition und Geschichte eines über Berlin hinaus bekannten Vergnügungsetablissements mit heutigen Mitteln fort. Geboren wurde der Admiralspalast aus dem zeitlosen Bedürfnis nach Unterhaltung und Vergnügen, das hier – entsprechend der Moden und des Zeitgeschmacks in sehr unterschiedlicher Form – 7
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Befriedigung fand. Ob Eisballette, Revuen, Operetten oder Musicals, man ging mit der Zeit. Nicht nur heute, auch früher hat man den Palast regelmäßig umgebaut, um den Interessen der Nutzer gerecht zu werden. Aus der Eisarena wurde ein Revuetheater, anschließend ein elegantes Operettenhaus. Den Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges überstand das Gebäude fast unbeschadet, und selbst noch in den letzten Kriegsmonaten erklangen im Admiralspalast die Konzerte der Berliner Philharmoniker. Nach dem Krieg diente er zunächst als Domizil der Deutschen Staatsoper und schließlich als Heimstatt des Metropol-Theaters. Der Admiralspalast ging nie unter, auch wenn er des Öfteren knapp davor stand. Immer wieder haben ihn engagierte Kapitäne vor dem Sinken bewahrt. Im Verlauf der Beschäftigung mit der Geschichte dieses bedeutenden Vergnügungspalastes wurde die besondere Überlebensqualität des Admiralspalastes deutlich, egal welch schwere Umstände die jeweilige Epoche mit sich brachten. Sehr flexibel passte man ihn an die jeweiligen Strömungen der Zeit an. Er erscheint als formbares Medium, das den verschiedenen Interessen und Notwendigkeiten entsprechen konnte wie ein Gebrauchsgegenstand, den man sich zu Nutze macht. Die architektonische Flexibilität des Ortes und die Dynamik von sich abwechselnden, vielfältigen Formen theatraler Genres bildeten schon immer die besondere Qualität des Admiralspalastes. Mit dem Begriff des »Gebrauchstheaters« soll diese besondere Flexibilität gekennzeichnet werden.3 Das vorliegende Buch folgt den »Gebrauchsspuren« der Geschichte dieses »Gebrauchstheaters« und bietet einen Überblick zur facettenreichen und spannenden Historie des Admiralspalastes. Um dem sich hier bereits abzeichnenden Enthusiasmus nicht ganz zu erliegen und in Sentimentalitäten dahin zu treiben sind die folgenden Kapitel in einer eher nüchternen Sprache abgefasst.4 Dennoch entführen sie den Leser in das bewegte Leben eines bedeutenden Berliner Vergnügungspalastes und den lebendigen Strom der Ereignisse. Berlin, Juni 2006 Jost Lehne
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Vom Garten zum Palast
Die heutige Adresse des Admiralspalastes verfügt über zwei Hausnummern: Friedrichstraße 101 und 102. Grund ist die Vorgeschichte der städtebaulichen Entwicklung des Areals, in der heute der ehemalige Admiralspalast liegt. Der Zuschnitt der genannten Grundstücke entstand sukzessive während des 19. Jahrhunderts.1 Ihre Geschichte verdeutlicht ab 1860 ausschnitthaft den Weg Berlins von einer biedermeierlichen Gartenidylle zur Geschäftigkeit der Gründerzeit in der jungen Hauptstadt des Deutschen Reiches. Als Teil der wachsenden »Geschäftsstadt« Berlin entwickelte sich während des 19. Jahrhunderts das Areal, in dem der Admiralspalast heute liegt, zu einem Zentrum des Fremdenverkehrs und des »Amüsements«.2 Das im Vorfeld der Industrialisierung einsetzende Bevölkerungswachstum fand im Bereich der nördlichen Friedrichstraße durch eine städtebauliche Verdichtung und Zunahme der Baumassen seine bauliche Entsprechung, so dass sich hier ein »großstädtisches« Gepräge entwickelte. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wandelte sich das Viertel von einer handwerklich geprägten Gewerbezone zu einem Zentrum für Fremdenverkehr, Dienstleistungen sowie Vergnügungsund Unterhaltungsbetrieben. Der ehemalige Zimmermannsplatz, der sich auf den Grundstücken 101 und 102 befand, wurde zu einer Vergnügungsort. Der Admiralsgarten
Mit der Einrichtung des Admiralsgartens als Kaffee- und Biergarten im Frühjahr 1860 auf dem Grundstück Friedrichstraße 102 beginnt die Geschichte des Areals als Vergnügungsstätte. Kaffee- und Biergärten lagen meist unmittelbar vor den Toren der Stadt, so im Tiergarten. Sie waren vor allem als Ausflugsziele beliebt.3 Bekannt waren Mitte des 19. Jahrhunderts insbesondere Kroll’s Etablissement, das Orpheum sowie Muskow’s Kaffeegarten. Das Orpheum und Kroll entwickelten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu großen Vergnügungspalästen. In der Stadt selbst boten verschiedene Theater einen Garten mit Gastronomie an, den man vor der Vorstellung gern besuchte, so das Wallner-Theater. Neben der Verköstigung veranstalteten andererseits die Gartenrestaurationen Konzerte oder Bälle als zusätzliche Attraktion. 9
ab 1860
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Eingang zum Admiralsgarten von der Friedrichstraße.
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Die Besonderheit des Admiralsgartens bestand in seiner Lage innerhalb des eigentlichen Stadtgebietes. Andere »Vergnügungsorte« innerhalb der Stadtgrenzen verfügten nicht über eine entsprechende Freifläche, um einen Garten dieser Größe einzurichten. Meist waren sie kleiner oder nur auf Höfe beschränkt.4 Den Betrieb des Admiralsgartens als Kaffeegarten beantragte die Besitzerin des Grundstücks, Frau Bettina Techow, selbst. Ein entsprechender Brief an das königliche Polizeipräsidium vom 31. März 1860 findet sich in den Bauakten. »Unterm 4ten November 1859 ist mir [...] die Erlaubniß erteilt worden, in meinem Hause Friedrichstraße No. 102 eine Kaffeehauswirtschaft zu betreiben. Da ich nun mein Local auf das nobelste einrichten und sich die passende Gelegenheit darbietet beabsichtige ich in meinem Garten an der Wasserseite einen Mastbaum zu errichten welchen ich mit den vaterländischen Fahnen ausschmücken werde und daher ich den passenden Namen meines Locals ›Zum Admirals-Garten‹ nennen möchte.«5 Der maritim-marine Name des neuen Kaffeegartens entstand vermutlich durch die Nähe zum Schiffbauhof, da gerade um den Schiffbauer- und Weidendamm traditionell Angehörige der Marine, aber auch viele andere Offiziere wohnten. Dem Ersuchen zur Errichtung eines »Mastbaumes« mit den »vaterländischen Fahnen« für die Einweihung wurde stattgegeben und so konnte der Admiralsgarten in einer patriotisch gesinnten Inszenierung im Mai 1860 eröffnet werden. Die auf der südlichen Seite des Holzplatzes gelegenen Werkstattgebäude des ehemaligen Zimmereibetriebes nutzte Frau Techow nun für den gastronomischen Bedarf und ließ sie zu Gaststuben umbauen. Auf der großen Freifläche des ehemaligen Holzplatzes entstand der eigentliche Garten mit einem zentral – in der Flucht des Eingangs angelegten – runden Bassin mit Springbrunnen. Auf der nördlichen Seite befanden sich zwei »Retiraden« (Toiletten), sowie zwei Veranden für Stammgäste. Einzige Attraktion in diesem Bereich waren die so genannten »Hühnerhäuser«, in denen einheimisches Federvieh stolzierte. 1865 kam eine lang gestreckte Laube an der westlichen Seite hinzu. Das zum Wohnen bestimmte, nicht öffentliche Vorderhaus und der Seitenflügel blieben weitgehend unverändert. Hauptzweck im Admiralsgarten war der Ausschank von Getränken.6 Neben Kaffee konnte in der Folgezeit speziell bayerisches Bier verköstigt werden. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte das bayerische Bier außerhalb Bayerns seinen Siegeszug bis nach Berlin angetreten. Ein Reiseführer für Berlin verzeichnete den Admiralsgarten unter der Rubrik »bayerisches Bier aus hiesigen Brauereien«.7 Dem bayerischen Bier bescheinigte man einen belebenden, anregenden Einfluss auf das Gemüt, im Unterschied zur »Berliner Weiße«, die eher einsilbig stimmte. Das Trinken des bayerischen Bieres im 10
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preußischen Berlin deutete man zudem als politisch-symbolischen Vorgang. Es erschien als Vorzeichen für das Zusammenwachsen der verschiedenen Länder im späteren Deutschen Reich.8 Beispielhaft für die Veränderungen im sozialen und politischen Gefüge des deutschen Staatenbundes, aus dem das Deutsche Reich 1871 hervorging, und in dem sich verschiedenste gesellschaftliche Schichten formierten und Gehör verschafften, war ein weiteres Ereignis, das sich im Admiralsgarten zutrug: die Sitzungen des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins (ADAV) unter Leitung von Ferdinand Lassalle. Der ADAV wurde im Mai 1863 in Leipzig gegründet. Die erste Sitzung der Berliner Sektion fand am 26. Oktober 1863 im Admiralsgarten statt. In den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts nahm die Industrialisierung auch in Berlin stark zu. Großbetriebe entstanden und lösten kleinere »mittelständische« Betriebe von ca. 20 Beschäftigten ab. Die in den Großfabriken arbeitende Bevölkerungsschicht, als Arbeiterklasse bezeichnet, benötigte nun eigene Interessenvertretungen. Bereits um die Zeit der Revolution von 1848 hatten sich zahlreiche Arbeitervereine und Arbeiterbildungsvereine formiert.9 Eine überregionale Organisation zur Interessenvertretung war der ADAV,10 der in Berlin zunächst jedoch kaum Fuß fassen konnte.11 Berliner Arbeiter als Mitglieder zu gewinnen, war schwieriger im Unterschied zu Städten mit hohem Schwerindustrieanteil wie z. B. in Solingen. Zudem gab es verschiedene andere Vereinigungen wie Handwerkerverbände und den Berliner Arbeiterverein, der der liberalen Fortschrittspartei nahe stand, welche radikalere Ansichten, wie sie Lassalle und dessen Arbeiterverein vertraten, ablehnte. Der 11
Der Admiralsgarten um 1863. Ansicht des rückwärtigen Teiles in Richtung des Kanals, rechts die Laube, in der Mitte der Brunnen. Holzschnitt aus der Illustrirten Zeitung, Leipzig 1863.
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»Die erste Sitzung des allgemeinen deutschen Arbeitervereins in Berlin hatte einen etwas heitereren Verlauf [...]. Nachdem gegen 9 ½ Uhr etwa 50 Mitglieder zusammengebracht waren, begann die Sitzung mit einer Eröffnungsrede des Herrn Lassalle, in welcher er ausführte, daß die 3–4 ersten Sitzungen vertrauliche, geschlossene sein sollen, welche dann öffentliche, für die gesammten Arbeiter Berlins folgen würden. Nachdem er ferner die Geschichte des allgemeinen deutschen Arbeitervereins, d.h. die vielen Beschlagnahmen seiner Schriften erzählt hatte, beendigte er seinen Vortrag mit der Bitte an die Anwesenden, jetzt noch gemütlich zusammenzubleiben und sich gegenseitig kennen zu lernen.«
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Hauptvertreter der Fortschrittspartei in Berlin, Hermann SchulzeDelitzsch, gewann einige Tage vor der ersten Sitzung des ADAV in Berlin ein Mandat bei den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus. Lassalle hatte in einem »Offenen Antwortschreiben« auf Angriffe vonseiten der Fortschrittspartei und Schulze-Delitzsch reagiert. Zusätzlich ließ Lassalle auf Handzetteln eine Ansprache an die Berliner Arbeiter verteilen, in der er seine Standpunkte darlegte. Im Wesentlichen waren das Forderungen nach einem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht sowie eine gebührenfreie und allgemeine Schulpflicht. Während sich der Berliner Arbeiterverein von der liberal-bürgerlichen Fortschrittspartei im Abgeordnetenhaus vertreten ließ, forderte Lassalle eine größere Eigenständigkeit und eigene Interessenvertretung der Arbeiterschicht auch in politischen Institutionen. So hieß es im »Offenen Antwortschreiben«: »Der Arbeiterstand muß sich als selbständige politische Partei konstituieren und das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht zu dem prinzipiellen Losungswort und Banner dieser Partei machen.«12 Die Sitzungen im Admiralsgarten fanden in diesem Spannungsfeld rivalisierender Arbeiterorganisationen statt.13 Bei den insgesamt drei Sitzungen des ADAV im Admiralsgarten am 26. Oktober, 3. und 13. November 1863 waren nicht nur Anhänger Lassalles anwesend, sondern dessen Gegner sogar in der Überzahl. In der damaligen Presse wurde diese erste Sitzung sehr anschaulich beschrieben.14 Die zweite Sitzung verlief unter erneuter Teilnahme von Personen, die gegen den Arbeiterverein opponierten. Am Ende musste Lassalle unter dem Schutz des anwesenden Wachmannes aus dem Saal geführt werden. Diese Veranstaltungen im Admiralsgarten waren ein Zeugnis für die Situation, in der verschiedene gesellschaftliche Kräfte in der bevorstehenden politischen Neuordnung der Gründung des deutschen Reiches wirkten.15 Die Ereignisse im Admiralsgarten deuten die dynamischen gesellschaftlichen Prozesse an, die in Berlin nach der Reichsgründung 1871 einsetzten. Das damit einhergehende Wachstum der Bevölkerungszahl, die um die Jahrhunderwende die Millionengrenze überschritt, führte zu neuen Ansprüchen und Bedürfnissen der Großstädter, der auch der anschließende Umbau des Admiralsgartens zum Admiralsgartenbad Rechnung trug. Das Admiralsgartenbad
Mit dem Admiralsgartenbad entstand 1873 an Stelle des Admiralsgartens ein bis dahin in Berlin einzigartiges Bauwerk – sowohl als Einrichtung zur hygienischen Versorgung der Stadt, als auch hinsichtlich des repräsentativen Baustils für eine Badeanstalt. Die Ausführung entsprach der neuen Funktion Berlins als junger Hauptstadt des neuen deutschen Reiches. 12
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Das Bevölkerungswachstum Berlins bedeutete für die hygienische Versorgung der Einwohner ein größeres Problem. Die Cholera-Epidemie im Jahre 1866 mit mehreren Tausend Toten zeugte davon. Nur wenige Wohn- und Mietshäuser, insbesondere der unteren Schichten, verfügten über Bäder, die als Luxus galten. Städtische Badeanstalten konnten den Mangel an Wasch- und Badegelegenheiten nur teilweise mindern. Der Band »Berlin und seine Bauten« von 1877 resümierte: »Die öffentlichen Bade-Anstalten Berlins nehmen leider nicht den Rang ein, der ihnen gebührte; sie sind wenig zahlreich und lassen – bis auf wenige, neuere Ausnahmen – in ihren Einrichtungen viel zu wünschen übrig.«16 Öffentliche Badeanstalten waren neben den Flussbadeanstalten die Zentral-Garnison-Waschanstalt an der Pionierstraße, die Bade-Anstalt des Vereins für Wasserfreunde in der Kommandantenstraße sowie zwei weitere Bäder in der Schilling- und Auguststraße.17 Private Anbieter ließen sich durch diesen Mangel zu einer Geschäftsidee inspirieren. So auch die neu gegründete Admiralsgartenbad AG, die aus den Bedürfnissen des wachsenden Berlin Nutzen ziehen wollte.18 »Daher war es unter den vielen Unternehmungen der Neuzeit, von denen so manche lediglich dem Unternehmungsschwindel ihr Dasein verdanken, der sich aller Welt bemächtigt hatte, eines der wirklich dem Zeitbedürfnis entsprungenen, als sich eine Actiengesellschaft bildete, um eine Badeanstalt in nach jeder Richtung angemessenem Maaßstabe in Berlin zu errichten.«19 Das Angebot
Broschüre des Admiralsgartenbades um 1890.
Admiralsgartenbad um 1890; zentrale, glasüberdachte Halle mit Restaurationsbetrieb.
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Umkleidesaal des RussischRömischen Bades, um 1890.
Römisches Bad mit Bassin, um 1890.
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zielte auf ein breites Publikum. Die Adressaten der neuen Badeanstalt fanden sich nicht nur in der Mittelschicht, sondern auch im gehobenen Bürgertum, dessen Zahl mit der Industrialisierung ebenfalls gestiegen war. Zudem wuchs die Bedeutung des Bades als gesellschaftlicher Ort, an dem man seine Freizeit verbrachte.20 Das Admiralsgartenbad war kein »Volksbad« und unterschied sich von den später entstandenen »Schwimmhallen« wie in Charlottenburg. Es war noch dem Typus des Wannen- und Salonbades verpflichtet, auch wenn es über die bisherigen Dimensionen solcher Bäder in Berlin hinausging und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich war. Die Errichtung eines gehobenen, luxuriösen Bades dieser Größe war für Berlin eine neue Bauaufgabe. Verantwortlich für den Entwurf des Admiralsgartenbades zeichneten die Architekten Kyllmann & Heyden. Im Allgemeinen fand die Errichtung in der Presse ein sehr positives Echo: »Jener ausgedehnte Complex von architektonisch schönen Baulichkeiten, zu dessen Vollendung [...] viele fleißige Hände seit vollen zwei Jahren thätig waren, ist nunmehr die bedeutendste und prächtigste Badeanstalt des deutschen Reiches [...] dem großstädtischen Publikum übergeben worden. Von vorn herein dazu bestimmt eine Hauptzierde Berlins zu werden, ist man [...] weit über das lokale Bedürfnis einer bloßen Badeanstalt hinaus gegangen und hat dem Publikum [...] großartige weit ausgedehnte Räume zur Verfügung gestellt, die in Bezug auf Feinheit in der Durchführung des Renaissancestyles und Eleganz der Einrichtung ihres gleichen bei uns suchen [...].«21 Das Zitat macht auf die architektonischen Besonderheiten, die bereits durch die Bauaufgabe entstanden, aufmerksam. Das Bad erfüllte neben der hygienischen Bedürfnisbefriedigung auch den Anspruch eines gesellschaftlich-repräsentativen Ortes. Neben den eigentlichen Wannenbädern zur Reinigung und Körperpflege bot es die exklusivere Einrichtung eines römischen Dampfbades, dessen Besuch dem körperlichen Genuss und dem Vergnügen diente. Das Bad war ein Ort, an dem man sich vom Alltag entkleidete, aber trotzdem ein standesgemäßes Umfeld durch eine entsprechende Architektur und Ausstattung geboten bekam. Dem Admiralsgartenbad fehlte allerdings ein großes Schwimmbecken, weshalb es Zeitgenossen, im Vergleich mit anderen europäischen Bädern – wie dem Viktoria- oder Diana-Bad in Wien oder anderen Bädern z. B. in St. Petersburg und Budapest – als weniger repräsentativ empfanden.22 Berlin galt keineswegs als »Bäderstadt«. Sowohl das spätere Bad in Charlottenburg, wie auch das Diana-Bad in Wien bezogen sich in der Ausführung der großen Schwimmhallen auf Industriearchitektur. Das Admiralsgartenbad hatte statt einer solchen Schwimmhalle einen zentralen Innenhof, der als Treffpunkt und für gastronomische Zwecke diente. Aufgrund seines Glasdaches ließ er 14
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die ursprüngliche Planung als Pflanzenhaus erkennen. Die Architektur der Wände erinnerte eher an Palast- oder Schlosshöfe. Vom großen Lichthof als zentralem, öffentlichen Raum zweigten als private Bereiche Nebentrakte mit einzelnen (Wannen-) Badekabinen ab. An den Wänden der zentralen Halle angebrachte Sinnsprüche erläuterten die Funktion des Bades und des Restaurants als Vergnügungsort. Hierbei herrschte eine bunte Mischung aus Volkstümlichkeit und Alltagsphilosophie: »Laß Sorgen draußen, nimm Außen Wasser und Innen Wein. – Vom Bad zum Becher gehst, saubrer Zecher, Du fröhlich ein! – Wer Römisch glühte und Russisch brühte, trinkt Kühlung hier. – Kaltwassergäste erwärmt aufs Beste der Wein, das Bier!«23 Ausgehend vom glasüberdachten Innenhof zweigten die einzelnen Badesektionen ab. Insgesamt standen 96 Zellen mit Wannenbädern verschiedener »Klassen« zur Verfügung.24 Die einzelnen Klassen der Herrenbäder unterschieden sich durch den Grad ihrer Ausstattung. In der 1. Klasse bestanden die Wannen aus Carrara-Marmor, in der 2. Klasse aus Zink. Die Böden waren mit – den Klassen entsprechenden – unterschiedlich dicken Teppichen und mit einer nach jedem Besucher ausgewechselten Überdecke versehen. Verschiedene Möbel wie Stuhl, Tisch und Kleiderständer im »Wiener Stil« standen in den 15
Admiralsgartenbad um 1890, Schwimmbassin.
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Grundriss des Admiralsgartens, um 1860.
Grundriss des Admiralspalastes, um 1911.
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einzelnen Kabinen zur Verfügung. In allen Zellen befanden sich Telegrapheneinrichtungen. Die 1. Klasse bot zudem den Komfort einer warmen Dusche und einer Vorrichtung zum Vorwärmen der Wäsche, in der 2. Klasse war das Duschen nur kalt möglich. »Für die Raumdisposition ist der Grundsatz maassgebend gewesen, die vielen Kompartimente, welche eine Badeanstalt erfordert, so zusammenzufasssen, dass sie als grosse Räume wirken und dementsprechend auch eine gleichmässige Beleuchtung und Ventilation erhalten konnten.«25 Die Zwischenwände der einzelnen Zellen, die je nach Klasse aus Schieferoder Marmorwänden bestanden, waren mit einer Höhe von 2,25 m niedriger als der eigentliche Luftraum. So entstand trotz der Unterteilungen der Eindruck eines zusammenhängenden Raumes. Neben der Sektion mit Einzelbädern zweigten auf der nördlichen Seite die besonderen Attraktionen des Admiralsgartenbades, das römisch-irische und das russische Bad ab. Ein Umkleidezimmer sowie ein Frigidarium verbanden diese beiden Bäderattraktionen. Das Admiralsgartenbad entstand im damals modernen und stadtprägenden Stil des Historismus, hier in einer Orientierung an der französischen Renaissance.26 Dies war die bevorzugte Stilrichtung der Architekten Kyllmann & Heyden. Als ihr prominentestes Beispiel ist die zur gleichen Zeit entstandene »Kaiserpassage« an der Ecke Behren-/Friedrichstraße zu nennen, einem Vorläufer der späteren Warenhäuser.27 Aufgrund der Beschaffenheit des Grundstückes, seiner besonderen »T«-Form, trat das Gebäude des Admiralsgartenbades zur Friedrichstraße nicht in Erscheinung. An der Friedrichstraße befand sich nach wie vor das einfach gestaltete Wohnhaus, an dessen Seitenflügel entlang ein schmaler, glasüberdachter Gang zum Eingang des Bades führte. Ein durchgreifender Umbau des Admiralsgartenbades erfolgte 1889/90 durch die Regierungsbaumeister Carl und Gustav Gause. Die Umgestaltung war durch eine Veränderung des umgebenden Straßengefüges notwendig geworden. Der Magazingraben wurde zugeschüttet und als Prinz-Louis-Ferdinand-Straße (in Verlängerung der Charlottenstraße) bis zum Spreeufer weitergeführt. Auf der Rückseite des Admiralsgartenbades machte sich eine Verkürzung der Gebäudetiefe erforderlich, da durch die Straßenführung ein Teil des Grundstückes abgeschnitten worden war. Zudem musste eine Fassade gestaltet werden. Die beiderseits der Halle abzweigenden Trakte wurden um ein weiteres Geschoss erhöht, um den Verlust an Fläche auszugleichen, der durch die Veränderung des Grundstückes entstanden war. Der Ankauf eines Teils des benachbarten Grundstückes Friedrichstraße 101 sicherte die Unterbringung verschiedener technischer Anlagen. Ein weiterer Grund für die baulichen Veränderungen war eine 1887 entdeckte Solquelle, die einen Betrieb als 16
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Heilbad zuließ. Durch diese zusätzliche Qualität wurde das Bad auch für auswärtige Gäste attraktiver. Um das Angebot des Bades auszubauen, entstand zudem ein bisher nicht vorhandenes großes Schwimmbassin im südlichen Teil. Nur die zentrale Halle blieb unverändert bestehen. Entwicklung der »Geschäftsstadt« um die Friedrichstraße
Das Admiralsgartenbad bildete in der Folgezeit eine Rückzugsmöglichkeit aus dem Trubel der sich immer rasanter entwickelnden Geschäftsstadt Berlin, deren City sich zwischen dem Bahnhof Friedrichstraße im Norden, dem Potsdamer Platz im Westen, dem Hausvogteiplatz im Osten und dem Belle Alliance Platz (heute Mehringplatz) im Süden erstreckte. Sie entstand somit in den ehemaligen barocken Erweiterungen Berlins, da ihre gleichmäßige und geradlinig geplanten Straßensysteme wesentlich einfacher zu bebauen waren als die engen mittelalterlichen Gassen des Stadtkerns. Die Einrichtung der Stadtbahn und die Einweihung des Bahnhofs Friedrichstraße 1882 bildeten hierbei einen besonderen Markstein für die Entwicklung des umliegenden Areals zu einem Hotel- und Vergnügungsviertel. Seit der Hauptstadtwerdung Berlins 1871 und den damit verbundenen neuen Aufgaben als Reichshauptstadt nahm auch 17
Bahnhof Friedrichstraße, 1898.
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Das Savoy-Hotel in der Friedrichstraße, 1898.
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der Fremdenverkehr in Berlin zu. 1896 besuchten ca. 30.000 – 40.000 Reisende pro Tag Berlin.28 Ein Großteil der Besucher waren Geschäftsreisende, doch war die Hauptstadt des Deutschen Reiches für deutsche wie für ausländische Gäste genauso als »touristisches« Reiseziel attraktiv. Zahlreiche Hotelneubauten entstanden, doch fehlten in der gehobenen Kategorie repräsentative Häuser, weshalb vor allem um die Fern- und Stadtbahnhöfe zahlreiche Neubauten entstanden.29 Kristallisationspunkt war hier der Bahnhof Friedrichstraße.30 Bereits 1878 wurde das Centralhotel südlich des projektierten Bahnhofs Friedrichstraße mit einer Platzkapazität von 700 Betten errichtet. Nördlich des fertig gestellten Bahnhofs folgten das Monopol-Hotel 1887/88 (Friedrichstraße 100) von Ludwig Heim und 1892/93 das Savoy-Hotel (Friedrichstraße 103), entworfen von Carl Gause, dem das Steinmeyersche Haus von Schinkel weichen musste. Ab 1897 entstand auch auf dem Grundstück Friedrichstraße 101 ein Hotel, das TerminusHotel. Zuvor hatte hier ein zweigeschossiges Gebäude gestanden, das ursprünglich von Offizieren, ab 1870 von zwei Apothekern genutzt worden war. Dieses Gebäude wich 1888 zunächst einem Geschäftshaus des Architekten, Eisenbahn- und Bauunternehmers Georg Reimarius. 1897 erhielt es eine neue Sandsteinfassade und seine neue Funktion als Hotel. Savoy- und Terminus-Hotel zählten zur Kategorie der Hotels von allererstem Rang, also der in Berlin damals vornehmsten Kategorie. Das Monopol-Hotel war insbesondere aufgrund seiner französischen Küche beliebt.31 Neben den Funktionen für den wachsenden Fremdenverkehr ließen sich um den Bahnhof Friedrichstraße verschiedene Vergnügungsetablissements nieder, vor allem verschiedene Theater. Am Spreeufer lag in unmittelbarer Nachbarschaft des Admiralsgarten seit 1904 die Komische Oper (Friedrichstraße 104). Im Central-Hotel hatte sich seit 1888 das Wintergarten-Varieté etabliert, und auf der anderen Seite der Spree das Neue Theater (später u. a. Theater am Schiffbauerdamm) und der Circus Busch (später zum Großen Schauspielhaus umgebaut). So war auf der östlichen Seite der Friedrichstraße zwischen Bahnhof Friedrichstraße und Weidendammer Brücke unmittelbar vor der Errichtung des Admiralspalastes der folgende Straßenzug entstanden: Nr. 100: Monopol-Hotel, Nr. 101: Terminus-Hotel, Nr. 102: Admiralsgartenbad, Nr. 103: Savoy-Hotel, Nr. 104: Komische Oper. Unmittelbar vor der Errichtung des Admiralspalastes befanden sich auf dem Grundstück Friedrichstraße 102 also das Admiralsgartenbad, auf dem Grundstück Friedrichstraße 101 das TerminusHotel. Für die Errichtung des Admiralspalastes mussten beide Gebäude vollständig weichen.32 Das letzte bauliche Überbleibsel des frühen 19. Jahrhunderts, wie es in dem schmalen Gebäude des Admi18
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Eingang zum Admiralsgartenbad und Terminus-Hotel in der Friedrichstraße 101, links das Savoy-Hotel, 1898.
ralsgartenbades auf der Seite zur Friedrichstraße noch bestand, verschwand somit endgültig. Bereits im Frühjahr 1910 erfolgte ihr Abriss. Mitte des Jahres wurde mit dem Neubau des Admiralspalastes begonnen. Das mehrere alte Gebäude durch ein einzelnes neues, größer dimensioniertes ersetzt wurde, war in jener Zeit durchaus üblich. Es zeigte die Dynamik der nach wie vor expandierenden Stadt und die Zunahme der Baumassen. »In den Geschäftsstraßen der Innenstadt erneuerte sich der Baubestand beständig. Manch ein Geschäftshaus musste schon nach ein oder zwei Jahrzehnten einem moderneren, größeren weichen, so daß sich die Hauseinheiten in der Innenstadt sprunghaft vergrößerten.«33 Der Admiralspalast fasste zwei bisher getrennte Grundstücke in einem Gebäudekomplex zusammen. Die Fassade zur Friedrichstraße vereinheitlichte die Straßenansicht durch den Anschluss der Traufhöhe an die Nachbargebäude. Der Admiralspalast, nunmehr glitzernder Vergnügungsort im Herzen Berlins, war auf den ehemals getrennten Grundstücken zu einer Attraktion der Reichshauptstadt geworden. 19
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Der Admiralspalast, Fassade Friedrichstraße bei Nacht, 1911.
20 EINE »ZIERDE DER REICHSHAUPTSTADT«
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Eine »Zierde der Reichshauptstadt« – der Admiralspalast
»Seit heute mittag ist nicht nur die Friedrichstadt, sondern die Reichshauptstadt um eine Sehenswürdigkeit reicher geworden.«1 So und ähnlich lautete in Anerkennung der Attraktivität des neuen Gebäudekomplexes der Tenor der Presseberichte anlässlich der Eröffnung des Admiralspalastes am 20. April 1911. Die zur Begehung am Vortag geladenen Journalisten und Gäste zeigten sich begeistert. Die Errichtung des Admiralspalastes im Jahr 1911 geschah im Geist privaten Unternehmertums, der nach der Einführung der Gewerbefreiheit 1869 auch im Bereich der Theater und anderer Vergnügungsetablissements blühte. Parallel zur Industrialisierung und den sich mit ihr ändernden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefügen, entsprach das Wachsen von Unternehmen in diesem Bereich dem zunehmenden Unterhaltungsbedürfnis der expandierenden Metropole Berlin. Die Betreiber der Privattheater, meist »Geschäftstheater«, und Vergnügungspaläste machten sich die Mentalität eines zahlungskräftigen Publikums zu Nutze und entsprachen dem Bedürfnis nach deren Zerstreuung: »Dazu kommt die Hast des heutigen Lebens, der unaufhörliche Wechsel der Eindrücke und die ungeheuren Anforderungen an Geist und Nerven im Daseinsringen. Der Tag macht müde und schwächt gen Abend die Empfänglichkeit für schwere Kunst. Sich von 8–11 noch in die nachdenklichen Probleme eines Hebbel oder Ibsen zu vertiefen, ist der abgearbeitete Gegenwartsmensch oft rein physisch außerstande. Bei Possen oder leichter Musik, nun ja, da kann man ausruhen und – schließlich auch noch mal ein wenig ans Geschäft denken... ›Wollen wir heut abend ausgehen?‹ so telephoniert der Geschäftsmann vom Bureau aus seiner Gattin, ›wohin: Restaurant, Eispalast,Wintergarten, Zirkus, Lichtspiele oder Theater?‹ Ihm ist’s farcimentum, wenn nur die Nerven dabei beruhigt werden. So sehen die Kunstideale der zahlungskräftigen Großstadtschichten aus.«2 Um dem Zerstreuungsbedürfnis der Großstädter nachzukommen, schuf man ein umfassendes Vergnügungsangebot, das an der multifunktionalen Konzeption der entsprechenden Gebäude ablesbar war. Die Ausstellung von sinnlichen Reizen beschränkte sich im Bereich der Theater nicht nur auf die Bühne, sondern erweiterte sich durch zusätzliche Angebote innerhalb des Theatergebäudes.3 Neben dem eigentlichen Zuschauerraum lockten Restaurationen, Cafés oder ein zweiter, 21
ab 1911
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Grundriss Erdgeschoss Admiralspalast, 1911. Von unten nach oben: Café, Binnenhof, Eingangshalle, links davon die Bar und anschließende Eisarena.
kleinerer Saal für unterschiedliche Veranstaltungen, wie vor allem Bälle. Großzügige Promenoires, Foyers und Treppenhäuser umrahmten die verschiedenen Einrichtungen und machten den Ort zum gesellschaftlichen Erlebnisraum. Das 1892 von den Architekten Fellner & Helmer erbaute Theater Unter den Linden, das spätere MetropolTheater, ist ein solches Beispiel. Ihm war zudem noch ein Hotel und der Metropol-Palast mit einem großen Ballsaal angegliedert.4 Auch der Admiralspalast wurde multifunktional angelegt. Die Geschäftsidee der Betreiber knüpfte an die Tradition des Ortes als Badebetrieb und erweiterte sie zu einem Vergnügungspalast mit einer breiten, gewinnträchtigen Angebotspalette. Das Konzept der Admiralspalast Aktiengesellschaft, deren hauptsächliches Anliegen die »Verwertung der am Bahnhof Friedrichstraße belegenen Grundstücke Friedrichstr. 101 u. 102«5 war, bestand somit in einer effizienten Be22
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bauung der Grundstücke und einer vielseitigen Nutzung des neuen Gebäudekomplexes, so dass »die Rentabilität jedes Quadratmeters des Grundstückes«6 gesichert war. Im Zentrum der geschäftigen Friedrichstraße gelegen, offerierte der Admiralspalast mit Café, Lichtspieltheater, Kegelbahn, Bäderanlage und Eisarena abwechslungsreiche Möglichkeiten zur Körperpflege und Erholung, zur sportlichen Betätigung, zur Unterhaltung und zur Verköstigung in angenehmen Ambiente. Im Unterschied zum nur zwei Jahre früher eingeweihten Berliner Eispalast von Walter Hentschel und dem im Herbst 1910 eröffneten Sportpalast von Hermann Dernburg setzten die Betreiber des Admiralspalastes auf ein vielfältigeres Nutzungsspektrum sowie auf mehr Eleganz, Exklusivität und einen Hauch von Luxus.7 Die Errichtung des Admiralspalastes als drittem Veranstaltungsort mit einer Eisbahn verdeutlicht den hohen Stellenwert, den der Sport generell und das Eislaufen im Besonderen als vergnügliche Freizeitgestaltung in der Gesellschaft gewonnen hatte. Dies ging einher mit anderen Körperkultur- und Gesundheitsbewegungen, die um 1900 entstanden waren. Sport galt als schick und förderlich für das Sozialleben8, dessen Bedürfnisbefriedigung zudem noch finanziellen Gewinn versprach. Dem reichhaltigen Vergnügungsangebot des Admiralspalastes entsprach der architektonische Rahmen. Dicht gedrängt wie auf Fabriketagen reihten und stapelten sich die einzelnen Freizeitangebote im Gebäude. Auch für den Admiralspalast galt der Satz »a theatre is as much a place of business as a factory«.9 In dieser Zeit strömten täglich mehrere Tausend Menschen in den Palast, um die verschiedenen Angebote zu nutzen. Anders als eine Fabrik, war der Admiralspalast nicht nur Ort der Produktion, sondern zudem Ort der Rezeption des Angebots. Daher ist als Sinnbild für Architektur und Nutzung des Admiralspalastes der Vergleich mit einem weiteren Bautypus treffender: dem Warenhaus. Die Architektur des Admiralspalastes nahm auf diesen Bautypus direkt Bezug. Grundriss, Charakteristiken und Idee der Architektur
»Die Stätte, wo der Kampf um die neue Baukunst ausgetragen werden muß, ist die Großstadt, weil sich dort die Kräfte der Zeit zusammenfinden, weil die Großstädte, als die Zentren moderner Zivilisation, der Architektur neue Voraussetzungen profaner und idealer Art schaffen [...]. Es ist für den Begriff der modernen Großstadt nicht die Kopfzahl der Bewohner ausschlaggebend, sondern der Großstadtgeist. Dieser Geist ist es, der sich den neuen Architekturkörper baut.«10 Die Architektur des Admiralspalastes griff moderne Tendenzen auf, die aus einem besonderen »Großstadtgeist« hervorgingen. Die Modernität bestand nicht nur in verschiedenen architektonischen Gestal23
In Anzeigen der Berliner Zeitungen warben die Betreiber um Kunden.
Eröffnungsbroschüre des Admiralspalates, 1911.
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Längsschnitt Admiralspalast, 1911. Der Längsschnitt zeigt die Raumfolge, beginnend auf der linken Seite an der Friedrichstraße, nach rechts zur Prinz-Louis-FerdinandStraße (heute Planckstraße). Das Vorder- und Hinterhaus sind jeweils im Querschnitt zu erkennen, das verbindende Quergebäude als Fassadenaufriss. Ebenfalls zu erkennen ist die Trennung von Vorder- und Hinterhaus durch das mittig im Quergebäude angelegte Treppenhaus.
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tungselementen, sondern zeigte sich bereits in der Grundkonzeption des Gebäudes, die aus den Anforderungen einer großstädtischen Gesellschaft und Kultur entstanden. Ein Bestandteil dieser modernen Großstadtkultur und ihrer baulichen Gestaltwerdung war das Warenhaus, zu dessen Bautypus sich, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, beim Admiralspalast Ähnlichkeiten fanden. In der Folge wirtschaftlicher Konzentrationsprozesse in den Städten hatten sich Warenhäuser zu einem Sinnbild großstädtischer Kultur entwickelt. »Als ›Kaufpaläste‹ der Gründerzeit mit einem hohen gesellschaftlichen und architektonischen Anspruch dienten sie nicht nur der Bedarfsbefriedigung, sondern wurden zu einem Ort der Begegnung.«11 Nach Paris, als Ausgangspunkt der Entwicklung für diesen speziellen Bautyp,12 entstanden auch in Berlin bald zahlreiche groß dimensionierte Warenhäuser.13 Die Verbindung des Admiralspalastes zu diesem Bautypus bestand zunächst in der baulichen Umsetzung eines Geschäftsinteresses. Aus kaufmännischer Sicht waren für eine Aktiengesellschaft, die in eine Vergnügungseinrichtung investierte, ähnliche Prinzipien relevant, die auch für das Warenhaus galten. Warenhäuser als Ansammlung von »Sortimentgeschäften aller Branchen«14 waren attraktiv, da sie Tausende unterschiedliche Artikel aus verschiedenen Bereichen unter einem Dach anboten, ähnlich wie in einer Einkaufspassage. Im Admiralspalast fand sich dieses Prinzip wieder, nur dass sich keine »materiellen« Artikel im Sortiment befanden, sondern auf Unterhaltung und Vergnügen spezialisierte, verschiedenartige Dienstleistungen. Alfred Messel (1853–1909)15, der durch den Entwurf des Warenhauses Wertheim16 an der Leipziger Straße 1896/97 und dem Erweiterungsbau desselben zum Leipziger Platz von 1906/07 bekannt 24
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wurde, entwickelte diesen Bautypus entscheidend mit.17 Als ehemaliger Mitarbeiter Alfred Messels war der Architekt des Admiralspalastes Heinrich Schweitzer (1871–1953) im Bau von Warenhäusern erfahren. Er plante und leitete nach dem Tode Messels 1909 den Erweiterungsbau des Warenhauses Wertheim am Leipziger Platz selbstständig weiter. Im Admiralspalast lassen sich daher maßgebliche Gestaltungsmerkmale der Warenhaustypologie Messels finden, insbesondere an der Fassade zur Friedrichstraße. Messel begann den überbordenden historistischen Eklektizismus, der die Architektur der Zeit prägte, auf klare Formen zurückzuführen.18 Dies setzte sein Schüler Heinrich Schweitzer im Admiralspalast fort. Einen direkten Schritt in die Moderne, wie ihn z.B. Peter Behrens mit der 1909 entstandenen Turbinenhalle der AEG in der Huttenstraße vollzog, ging Schweitzer allerdings nicht. Der Admiralspalast war in anderem Sinne »funktional«, als sich der Begriff für die Architektur der Moderne versteht. Seine Funktionalität bestand in einer optimalen, rentablen Platzausnutzung und zeigte in einer dekorativen Manier das Nutzungsangebot des Inneren durch äußere Zeichen an den Fassaden. Für eine Vergnügungseinrichtung, die auf ein »weltstädtisches« Publikum zielte, schuf Heinrich Schweitzer einen adäquaten Raum. Das reichhaltige Nutzungsspektrum des Admiralspalastes griff Schweitzer als Grundgedanke für die architektonische Struktur auf. Abwechslungsreichtum war das Prinzip. Schweitzers Gestaltungsweise traf den Geschmack der Zeit: »Trotz der großen Dimensionen, in denen der Bau ausgeführt ist, wirkt das ganze doch einheitlich und intim, nicht leer und kahl.«19 Jeder Raum des Admiralspalastes erhielt einen eigenständigen Ereignis- und Erlebnischarakter. Die Spielarten des Dekors vermittelten variantenreiche Raumeindrücke, von kleinen, exotisch gestalteten Kabinetten wie der Bar bis hin zur großen Halle der Eisarena. Die Architektur bildete so einen Teil des Vergnügungs- und des Unterhaltungsprogramms des Admiralspalastes. Der modernistischen Schule Messels folgend, wurde dieses unterhaltende Prinzip aber nicht in einem ungehemmten Eklektizismus historischer Bauformen präsentiert, sondern durch die grundlegende Orientierung an einer Stilrichtung bestimmt, hier an der römischen Antike. Das antike Rom erschien dezidiert als Vorbild für das eigene Konzept von Vergnügen. Im Programmheft der Eröffnungsvorstellung des Admiralspalastes mit dem Eisballett Montreal liest sich dies wie folgt: »Sind die Griechen unserem inneren Empfinden durchaus fremd, so haben uns die Römer der Cäsarenzeit als die raffiniertesten Meister der geselligen Lebenskunst und Großstadtkultur, noch sehr viel zu sagen und uns um so entzückendere Vorbilder zu liefern, je mehr das lebensfreudige Berlin in eine reife und wohl auch überreife Kultur und Sinnenfreude am Leben hineinwächst.«20 25
Der nachts taghell erleuchtete Admiralspalast war einer der signifikantesten Werbeträger der Firma Osram.
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Die große Bassinhalle des Herrenbades.
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Variationsreiche, römisch-antikisierende Architekturmotive strukturierten und dekorierten die Räume gleichermaßen. Sie fanden sich als äußere Zeichen an den Fassaden, die auf die unterschiedlichen Nutzungen hinwiesen und auch als übergreifendes ornamentales Dekor den gesamten Gebäudekomplex durchzogen. Bestimmte Motive kehrten an unterschiedlichen Orten wieder und bildeten eine dekorative Klammer, wie z.B. die in ein gerahmtes Feld gesetzte Blüte, die in den Säulensockeln am Eingang zur Eisarena im Binnenhof auftauchte, aber auch in der Kassettendecke des Herrenbades. Die Verwendung unterschiedlicher Materialien und Farben unterstützte dies. So fand sich z.B. »Pompejanisch-Rot« an der Eingangsfassade zur Eisarena im Binnenhof sowie in der Eishalle selbst (an den Innenseiten der Außenwände). Dieser gestalterische Bezug verklammerte die unterschiedlichen Abteilungen des Hauses, die trotzdem eine eigenständige Raumatmosphäre behielten. Neben dem Warenhausgedanken als Grundkonzept, war die Ausrichtung an der Vergnügungskultur des dekadenten, antiken Roms somit ein weiterer wichtiger Faktor für die Gesamtkonzeption des Gebäudekomplexes. Zwar imitierte der Grundriss keine römischen Bauten, aber das Prinzip der Zusammenführung von Gebäuden mit unterschiedlicher Nutzung in einer zusammenhängenden Einrichtung, wie in einer Thermenanlage, die sich als Stadt in der Stadt gestaltete, war auch für den Admiralspalast maßgebend. In diesem Sinne zeigte sich der Admiralspalast nicht als ein abgeschlossenes Gebäude, sondern als mehrteiliger Gebäudekomplex, dessen unterschiedliche Nutzungen sich in diverse Abschnitte teilten. Die verschiedenen Baukörper des Gesamtkomplexes gruppierten sich um einen Innenhof, den Zeitgenossen mit einem antiken Forum oder einem römischen Marktplatz verglichen.21 Der Binnenhof ermöglichte es, die unterschiedlichen Baukörper als eigenständige Gebäude herauszustellen. Nördlich und südlich angelegte Höfe auf der Seite zur PrinzLouis-Ferdinand-Straße (heute Planckstraße) setzen das Hinterhaus zusätzlich von den benachbarten Gebäuden ab. So erschien es als einzelner, freistehender Bau, der sich der engen städtebaulichen Struktur nicht zu unterwerfen schien. Inszenierung im Stadtbild – die Fassaden
Die Gesichter des Admiralspalastes, seine Fassaden, dürfen als Fortsetzung des antiken Thermen- und Stadtgedankens gesehen werden. Sie veranschaulichen die Ausrichtung des Gebäudes als Ort des Vergnügens und der gehobenen Zerstreuung. Ähnlich dem Schaufenster eines Warenhauses, in dem die Verkaufsartikel präsentiert werden, stellten die Fassaden des Admiralspalastes die Palette an vergnüglichen, genussvollen und unterhaltsamen Dienstleistungen aus: in Form von Zeichen, 26
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Symbolen und Ornamenten. Verschiedene namhafte Bildhauer gestalteten diese Fassaden mit, so Franz Naager oder Ernst Westphal. An der Fassade zur Friedrichstraße ist am ehesten die Verwandtschaft mit einer Warenhausfassade erkennbar. Wenige architektonische Elemente gliederten die Fassade klar auf. Fünf kolossale, kannelierte, dorische Halbsäulen aus schlesischem Granit unterteilten sie in vier fast gleich große Felder. Auf der rechten Seite trat das Treppenhaus leicht zurück und leitete so zum Nachbargebäude über.22 Die klaren, fallenden Linien der Halbsäulen dieser Fassade erzeugten eine prägnante Blickwirkung auch von der Seite und nicht nur frontal, was in der relativ engen Friedrichstraße wichtig war, da man sich dem Gebäude meist von der Seite näherte und nicht von vorn. Sie bildeten einen besonderen Blickfang, ähnlich dem Warenhaus Wertheim am Potsdamer Platz.23 27
Ein Warenhaus des Vergnügens – die Fassade zur Friedrichstraße, 1911.
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Entwurfszeichnung der Fassade von Schweitzer.
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Gerade durchlaufende Säulen und das zunehmende Verschwinden der Wandfläche, die durch große Fenster ersetzt wurde, waren charakteristisch für die Fassaden von Warenhäusern.24 Schliepmann fasste Charakteristiken und Entwicklung dieses Fassadentyps kurz zusammen: »In den Wandbau des Wohnhauses brach der Kaufmann in seinem Bedürfnis nach Warenschaustellung große Öffnungen, so daß das Erdgeschoss sich in Pfeiler auflöste. Allmählich nahmen die großen Öffnungen alle Stockwerke ein; der Pfeilerbau erschien als modernes Merkmal des Warenhauses und verdrängte den Stockwerkbau. Während aber der Pfeilerbau bei kleineren, eingebauten Häusern zum Skelettbau ausartet, erwacht das Gefühl, daß nicht das Einzelhaus, sondern das Straßenbild die Schönheitsgrundlage städtischer Baukunst sein muß, und man gedenkt wieder des Wohnungsmaßstabes, der Wandflächenruhe; das Geschäftshaus kehrt über den Rahmenwerk- und Gerüstbau, über die massiven Fenstereinstellungen wieder zum Wandbau zurück.«25 Hiermit korrespondierte auch die Auflösung der Sockelzone. Steinerne Wände und Postamente verschwanden, stattdessen prägten große Schaufenster auf Augenhöhe das Erscheinungsbild der Fassade. Die großen Fenster im Erdgeschoss des Admiralspalastes können zwar nicht unbedingt als Schaufenster bezeichnet werden, doch machten sie das Gebäude transparent, insbesondere bei Nacht strahlte der Palast. Den Prunk des Inneren nach außen wirken zu lassen – das war der erkennbare Zweck der Fassadengestaltung. Die Fassade zur Friedrichstraße führte durch zahlreiche transparente und zeichenhafte Elemente in den Gebäudekomplex hinein. Das Fehlen einer massiven Sockelzone ermöglichte eine direkte Verbindung der Straße mit dem Innenraum. Der Passant wurde ebenerdig zum Betreten des Cafés eingeladen. Das Straßenpflaster setzte sich im Durchgang zum Binnenhof fort und führte so zusätzlich in den Palast hinein. Die Besonderheit der Fassade bestand vor allem in der Handhabung der von Franz Naager (1870–1942) gestalteten Reliefs aus istrischem Kalkstein, die raue Granitbänder einrahmten. Durch die Reliefs ergab sich ein Wechselspiel aus der symbolisch-thematischen Andeutung dessen, was sich im Inneren des Gebäudes verbarg, und einer tatsächlichen Einsicht, die durch die Fenster möglich war. Zeitgenossen empfanden die Gestaltung der Reliefs teilweise als zu kunstgewerbsmäßig. Der Architekturkritiker Max Wagenführ verglich dies in seinem Artikel zur Eröffnung der Bäderanlage mit den Qualitäten der »Plakatkunst«.26 Die Reliefs der 1. Etage zeigten Plaketten antikisierender Köpfe, gerahmt von Gefäßdarstellungen, die an Amphoren erinnerten. In Höhe der zweiten Etage deuteten Allegorien antike Götter oder Philosophen an, die aber nicht konkret zugeordnet werden können. In der letzten Etage ersetzten vier quadratische Reliefplatten die Fenster.27 Die beiden äußeren zeigten jeweils einen Brunnen 28
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in einem Garten, die beiden mittleren je einen Reiter. Die Köpfe und Figuren gaben einen allgemeinen Eindruck antiker Philosophie, zitierten den Mensch und seine Gedankenwelt, wie sie sich auch in Thermen der Antike fanden. Die abschließende, oberste Reliefplattenreihe nahm zudem symbolisch Bezug auf den Ort Admiralspalast und seine Tradition als Luxusbad und Vergnügungsgarten. So wurde ferne Geschichte (Antike) und lokale Unterhaltungstradition (Standort: ehemaliges Admiralsgartenbad) in den neuen Bau als Gedankengut impliziert. Die Darstellung der Reiter dürfte auf die Arena im Hintergebäude verweisen. Einen weiteren Bezug zum Bad bilden die kleinen Lampenhalterskulpturen an den Säulen in Höhe der 1. Etage in Form phantastischer Wasserwesen. In etwas abgewandelter Form tauchten sie als Zentauren im Herrenbad als Bauschmuck wieder auf. Der reliefartige Charakter der gesamten Fassade hob durch seine Zeichenhaftigkeit den Ort und seine Eigenschaften hervor und setzte ihn elegant von den anschließenden Fassaden der Nachbargebäude ab. »Die grosse Aufteilung und [...] kecke Gliederung erfüllt ihren Zweck, zu einer modernen Vergnügungsstätte zu rufen, mit Geschmack und luststimulierender Wirkung. Der Admiralspalast fällt vorteilhaft aus seiner Nachbarschaft heraus, da dort, wo einer den anderen zu überschreien versucht ist, nur noch eine gewisse vornehme Art der Zurückhaltung, die aber doch die Eigenheiten betont, Eindruck macht.«28 Wie auch im Falle der Warenhäuser lenkte die Fassade die Aufmerksamkeit auf das eigene Angebot und grenzte sich gleichzeitig gegenüber dem Angebot der Konkurrenz ab. Den Binnenhof verglichen Zeitgenossen mit einem antiken Marktplatz oder römischen Forum.29 Diese Atmosphäre erhielt er durch die
Konsole aus der großen Bassinhalle des Herrenbades.
Das Forum – Fassade, östliche Seite, Binnenhof, Eingang zur Eisarena, 1911.
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Das Märchenschloss – Fassade zur Prinz-Louis-Ferdinand-Straße, heute PlanckStraße, 1911.
drei umgebenden Fassaden auf der Ost-,West- und Nordseite. Die Südseite begrenzte als vierte Wand die Brandmauer des benachbarten Monopol-Hotels. Dekorativ fanden hier die eigentlich für das nicht ausgeführte 5. Obergeschoss des Vorderhauses zur Friedrichstraße bestimmten dorischen Säulen einen Platz. Jede Seite des Hofes erhielt durch die Fassadengestaltung einen eigenen Charakter, um sich voneinander abzusetzen und die einzelnen Baukörper gesondert zu betonen. Das reliefartige Spiel mehrerer übereinander gelegter Wandschichten bestimmte ihren Charakter. Ein etwas vorspringendes Treppenhaus akzentuierte den Seitenflügel. Den eigentlichen Blickfang jedoch bildete die Eingangsfassade zur Eisarena. Um das Hintergebäude als eigenständigen Baukörper hervorzuheben, schloss diese Fassade nicht an den Gesimsverlauf des Seitenflügels an, sondern entwickelte sich eigenständig – betont durch eine Mittelwölbung und geschmückt mit auf Postamenten ruhenden, kurzen Säulenschäften, die niedrige Lampenzylinder abschlossen. Ein Spiel von übereinander geschichteten Flächen bestimmte die Gesamtgestal30