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Ralf Beck
Der traurige Patriot Sebastian Haffner und die Deutsche Frage
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Berliner Beiträge zur Zeit- und Mediengeschichte Herausgegeben von Christian Härtel
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© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2005 KulturBrauerei Haus S Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Umschlaggestaltung: hawemannundmosch, Berlin, unter Verwendung des Porträts »Mein Vater, 1986« von Sarah Haffner mit freundlicher Genehmigung von Sarah Haffner und der Stiftung Stadtmuseum, Berlin. Satz: Greiner & Reichel, Köln Schrift: Minion Druck und Bindung: Opolgraf S. A. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVD s, CD-ROM s, CD s, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. ISBN 3-937 233-18-0
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Inhalt
Vorwort
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Einleitung
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Geschichte eines Deutschen
Der Schock des 11. November 1918 Das Anwachsen des Dummen und Bösen in Deutschland Abschied Offensive against Germany
Der Publizist Sebastian Haffner. 1940 bis 1942 Die deutsche Krankheit. 1940 Stratege gegen Hitler. 1940 bis 1943 Der Kalte Krieger
Stratege gegen Stalin. 1943 bis 1953 Westintegration Deutschlands. 1945 bis 1953 Der Entspannungsdenker
Deutschlandverhandlungen. 1953 bis 1958 Stratege gegen Chruschtschow. 1958 bis 1962 Nationalismus. 1963 bis 1969 Wendung nach links? 1962 bis 1969 Der Anwalt des Status quo
12 12 14 17 22 22 37 44 57 58 68 75 76 85 100 127
Realpolitik. 1969 bis 1972 Deutschland, deine guten Seiten. 1969 bis 1989 Der Abschied vom Nationalstaat in der Mitte Europas. 1969 bis 1989
146 148 159 174
Epilog: Gegen den Strom
193
Der politische Denker
199 200 213
Politik, Geschichte und Geschichtsschreibung Politik und Vernunft Bilanz – Der traurige Patriot.
Sebastian Haffner und die Deutsche Frage
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Anmerkungen
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Quellen- und Literaturverzeichnis
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Sebastian Haffner: Bibliographie Bibliographie über Sebastian Haffner
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Für Annika und Judith
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Vorwort
Ich danke allen, die zur Entstehung dieses Buchs beigetragen haben, insbesondere meinem Doktorvater Herrn Professor Dr. Frank-Lothar Kroll, der meinem Vorhaben sehr aufgeschlossen gegenüberstand. Er hat die Arbeit großzügig gefördert und ihren Werdegang mit seinem Rat begleitet. Ich danke den Kindern Sebastian Haffners, Frau Sarah Haffner und Herrn Professor Dr. Oliver Pretzel, die mir den Zugang zum Nachlaß ihres Vaters im Bundesarchiv genehmigten, überdies Frau Haffner für eine freundliche Einladung, ein gutes Gespräch und dafür, daß sie mir zur Einbandgestaltung das von ihr gemalte Porträt »Mein Vater, 1986« zur Verfügung gestellt hat. Ich danke den folgenden Archiven und Bibliotheken für die Erlaubnis zur Einsichtnahme in die Bestände: dem Axel-Springer-Verlag/Infopool, der Bayerischen Rundfunk-Werbung und dem BR -Schallarchiv, dem Bundesarchiv Berlin, der Deutschen Bücherei Leipzig, der Verwaltung des Deutschen Bundestags/Referat Sach- und Sprechregister und der Pressedokumentation des Deutschen Bundestags, dem Deutschlandradio Funkhaus Köln, dem Hessischen Rundfunk/Dokumentation und Archive, dem NDR -Fernseh- und -Schallarchiv, der Newspaper Library/British Library London, dem RHEI NISCHEN MERKUR -Redaktionsarchiv, dem SFB -Recherchedienst und der SFB -Werbung, dem SPIEGEL , der Staatsbibliothek Berlin/Preußischer Kulturbesitz, dem STERN -Archiv Hamburg, dem SWR -Funkhaus und dem SWR -Historisches Archiv Stuttgart, der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, der Universitätsbibliothek Leipzig, der Berliner VORWÄRTS -VerlagsGmbH, dem WDR -Printarchiv/Historisches Archiv, dem WDR -Schallarchiv und dem WDR -Videoarchiv sowie dem ZEIT -Archiv. Ich danke meinem Freund Dr. Otto Geudtner fürs Korrekturlesen, meinem Bruder Holger Beck für die Textgestaltung sowie meinen Eltern Rosemarie und Egon Beck für die moralische und finanzielle Unterstützung – Hilfen, ohne die das Erscheinen des Buchs unmöglich gewesen wäre. Nicht zuletzt danke ich meinen Töchtern Annika und Judith, die es zweieinhalb Jahre geduldig ertrugen, ihren Vater in seiner Freizeit überwiegend am Schreibtisch wahrzunehmen. Zwickau, im April 2005
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»Ich finde, man kommt nicht von ihm los. Wenn man nur anfängt, sich mit ihm zu beschäftigen, und zwar nicht nur mit dem, was über ihn geschrieben wird, sondern mit seinen Schriften – das ist so faszinierend.« Sebastian Haffner am 22. Dezember 1987 über Otto von Bismarck
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Einleitung
Dieses Buch nähert sich dem bedeutendsten Publizisten der Bundesrepublik Deutschland: Sebastian Haffner belebte die politische Diskussion in der Bundesrepublik mit seinen Anregungen in Büchern, Funk und Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften wie kein anderer. Er prägte die Bundesdeutschen historisch und politisch womöglich nachhaltiger als schulischer Geschichtsunterricht und historische Wissenschaft. Haffners langjähriger Redaktionskollege beim Londoner OBSERVER , Richard Löwenthal, erklärte 1978, Haffners »Lebensthema« sei der Untergang des Deutschen Reichs durch seine eigene schuldhafte Blindheit gewesen.1 Haffner bestätigte und bekannte: »Ich trauere dem Deutschen Reich, das so furchtbare Dinge getan hat, aber niemandem furchtbarere als sich selbst, ich trauere dem Deutschen Reich ehrlich nach.«2 In der Trauer um die Selbstzerstörung eines Staats, in den er hineingeboren worden war und zu dem er eine patriotische Bindung aufgebaut hatte, lag ein Motiv für seine lebenslange Beschäftigung mit dem Untergang des Deutschen Reichs. Ein anderes Motiv ergab sich aus seiner Sorge um die Bundesrepublik. Er hoffte, durch die Auseinandersetzung mit den Fehlern des Deutschen Reichs, die dessen Untergang zur Folge gehabt hatten und deren Wiederholung er in der Bundesrepublik befürchtete, ein bildungsbürgerliches, seit 1963 auch ein Massenpublikum und vor allem die junge Generation politisch bilden und dadurch die gegenwärtigen und künftigen politischen Entscheidungsträger politisch beeinflussen zu können.3 Aus der Beschäftigung mit der Selbstzerstörung des Deutschen Reichs und ihren Ursachen ergab sich für Haffner ein zweites »Lebensthema«: die Wiedervereinigung Deutschlands. Er war zeitweise vehementer Wiedervereiniger und zeitweise ebenso vehementer Anwalt des territorialen Nachkriegs-Status-quo der deutschen Teilung – und arbeitete unermüdlich daran, daß die Deutschen aus ihrer Geschichte lernten.4 Das Thema dieses Buchs ist Sebastian Haffner und die Deutsche Frage. Ich benutze den Begriff Deutsche Frage nicht im konventionellen Sinn, wie er sich im Zwanzigsten Jahrhundert aus den Folgewirkungen des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs ergeben hat: im Sinn einer Erörterung der deutschen Teilung, ihrer Ursachen und der Entwicklung im Zeitraum zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den ost-mitteleuropäischen Revolutionen von 1989/90. Der Feststellung, daß es für Haffner quer durch sein politisch9
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journalistisches Leben eine Deutsche Frage gab, liegt vielmehr die Auffassung zugrunde, daß er im überdauernden Nichteinbezug zuerst des Deutschen Reichs, später der Bundesrepublik Deutschland in die jeweiligen europäischen Friedensordnungen – als deren Grundlagen er die Austarierung der europäischen Kräfte und bestimmte historisch gewachsene, gemeinsame weltanschauliche Entwicklungen verstand – eine Gefahr für die Erträglichkeit und die Stabilität des Friedens in Deutschland, Europa und der Welt sah: Die Deutsche Frage, erklärte Haffner 1985, sei die Frage, wie Deutschland organisiert werden könne, so daß es international annehmbar sei.5 Ein Rätsel blieb allerdings Haffners scheinbarer politischer Opportunismus in der Deutschen Frage. 1948 bemerkte ein britischer Geheimdienstler rückblickend zu Haffners Ruf unter Emigranten: »Einige sahen in ihm einen Liberalen und Anti-Nazi, andere einen Beinahe-Kommunisten, und manche nur einen Opportunisten, der sich als Nazi-Gegner ausgab, weil es ihm gelegen kam.«6 Als Haffner im Mai 1966 die Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze als schreckliche Folgen der politischen Entwicklung in Deutschland, aber nicht als Morde bewertet hatte,7 bezeichnete ihn ein Redakteur der WELT AM SONNTAG in einer Mischung aus Wut und Ratlosigkeit über seinen Positionswechsel als »eines der (westlichen) Paradepferde des UlbrichtRegimes«, und eine groteske Karikatur zeigte Haffner als Automat, der nach Geldeinwurf Ulbricht-Porträts mit Lorbeerkranz auswirft.8 Im August 1966 schrieb ein V-Mann des Bundesnachrichtendienstes über Haffners »Umtriebe« ein Dossier, in dem es hieß: »Es scheint so, als ob H. seine Direktiven vom SED -Propagandachef Norden erhält. Möglich ist auch, daß er selbst die SED -Agitation anregt.«9 Ernst Cramer, Haffners ehemaliger Redaktionskollege bei der WELT , nahm im Jahr 1967 Haffners provokative Forderung nach Enteignung des Springer-Verlags zum Anlaß, dessen »seltsame« deutschlandpolitischen Wandlungen anhand ausgewählter journalistischer Beiträge aus den Jahren 1961 bis 1967 aufzuzeigen und in einer Mischung aus Gereiztheit und Verständnislosigkeit in der WELT anzuprangern: »In seinen [Haffners] Augen ist der Entschluß, das Ulbrichtsche Regime nicht anzuerkennen, eine Handlung, die das Zusammenleben der Völker stören kann. (…) Es ist ein gewandelter Haffner, der das sagt. Früher meinte er’s mal ganz anders.«10 1972 begnügte sich der BAYERNKURIER zunächst mit dem Hinweis: »Was diese Wandlung ausgelöst hat, wird wohl ein Geheimnis bleiben«, um dann jedoch vielsagend hinzuzufügen: »Seine früheren Freunde meinen, daß Geld dabei keine Rolle gespielt hat.«11 Sebastian Haffner antwortete im hohen Alter auf die Frage, wie die Deutschen sich an ihn erinnern sollten, sie sollten ihn lieber vergessen, als daß sie 10
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ihn, weil sie seine Positionswechsel nicht verstanden hätten, in Erinnerung behielten als jemanden, der nicht unterzubringen sei oder als nicht vertrauenswürdig gelten dürfe: »Wenn man sich an mich erinnert, dann sagt man: merkwürdig zerstückeltes Leben! Was war er denn nun eigentlich: War er Engländer? War er Deutscher? War er für England? War er für Deutschland? War er ein Kalter Krieger? (…) Ich war immer derselbe, und ich kann selbst mich immer wiedererkennen, aber andere können das eigentlich nicht.«12 Dieses Buch sucht Haffners (oft gleichzeitig in Analyse und Leidenschaft widersprüchlichen) politischen Positionen in der Deutschen Frage zu erklären – als Kalter Krieger, als Wiedervereiniger, als Vordenker der Brandtschen Ost- und Deutschlandpolitik, schließlich als Vertreter einer Politik der Bewahrung des deutschen und europäischen Nachkriegs-Status-quo; und es sucht – als erstes Buch über Haffner – seine »Grundgedanken« herauszuarbeiten und dabei seine überdauernden Maßstäbe nachzuweisen, mit deren Hilfe er quer durch sein journalistisches Leben das politisch Wünschenswerte ermittelte sowie wirkliche und mögliche politische Leistungen bewertete.
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Geschichte eines Deutschen
Für Raimund Pretzel, den späteren Sebastian Haffner, zeichnete sich die Kriegsniederlage Nazideutschlands – und der voraussichtliche Untergang des Deutschen Reichs – schon im Sommer 1939 ab, vor Kriegsbeginn.1 Der Weg des Deutschen Reichs von der ersten Katastrophe in die größere zweite, in den absehbaren Staats-Selbstmord, war die Geschichte, vor deren Hintergrund Raimund Pretzel als Sohn einer preußischen Beamtenfamilie in Berlin aufgewachsen war und seine Ausbildung als promovierter Jurist abgeschlossen hatte. Beides, seine Sozialisation und die Geschichte des deutschen Wegs in den Abgrund, erzählte Pretzel mit Ausblicken auf das Jahr 1939 in der Geschichte eines Deutschen. Dabei erklärte er die Ursachen für den voraussichtlichen Untergang des Reichs. Indem er seinem fiktiven englischen Lesepublikum die Nazis und die Beschaffenheit ihrer Herrschaft über Deutschland vorstellte, hoffte er, ihm verständlich machen zu können, daß der kommende Krieg die europäischen Werte lebensgefährlich bedrohen werde.
Der Schock des 11. November 1918 Den persönlichen Zugang zu seinem späteren journalistischen Lebensthema, der Geschichte der Selbstzerstörung des Deutschen Reichs, fokussierte Raimund Pretzel, wenn man der autobiographisch angelegten Geschichte eines Deutschen folgen will, auf einen Schock, den er, keine elf Jahre alt, am 11. November 1918 erlitten hatte, als er, wie an jedem Kriegstag, am schwarzen Brett seines Berliner Polizeireviers den Heeresbericht zu lesen suchte – vergeblich: Das Brett sei leer gewesen. Auf der Suche nach Nachrichten vom Kriegsschauplatz sei er in fremde Gegenden gekommen. Wie stark Pretzel aus Sicht des Jahres 1939 seine Erschütterung als bald elfjähriger Heimkrieger deutete, nachdem er fündig geworden war, läßt sich an folgendem Textauszug nachvollziehen: »Irgendwo fand ich einen kleinen Menschenhaufen vor der Auslage eines Zeitungsladens. Ich stellte mich an, drängelte mich sachte durch und konnte schließlich auch lesen, was alle, schweigend und mißmutig, lasen. Es war ein verfrühtes Zeitungsblatt, das da aushing, und es hatte die Überschrift: ›Waffenstillstand unterzeichnet‹. Darunter standen die Bedingungen, eine lange Liste. Ich las sie. Während ich las, erstarrte ich. – Womit soll ich meine Emp12
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findungen vergleichen – die Empfindungen eines elfjährigen Jungen, dem eine ganze Phantasiewelt zusammenbricht? (…) Diese Bedingungen sprachen nicht mehr die schonende Sprache der letzten Heeresberichte. Sie sprachen erbarmungslos die Sprache der Niederlage; so erbarmungslos, wie die Heeresberichte immer nur von feindlichen Niederlagen gesprochen hatten. Daß es so etwas auch für ›uns‹ geben konnte – und zwar nicht als Zwischenfall, sondern als das Endergebnis von lauter Siegen und Siegen – mein Kopf faßte das nicht.«2 Die bohrende Frage – wie Pretzel in der Geschichte eines Deutschen suggerierte – nicht nur des bald elfjährigen Raimund Pretzel, sondern auch unzähliger verunsicherter Erwachsener, auch des Gefreiten Adolf Hitler – habe gelautet: Was war die verborgene Ursache für die unerwartete deutsche Kriegsniederlage? »Mir [war] die ganze Welt fremd und unheimlich geworden. Das große Spiel hatte offenbar außer seinen faszinierenden Regeln, die ich kannte, noch geheime Regeln besessen, die mir entgangen waren. Es mußte etwas daran scheinbar und falsch gewesen sein. Wo aber war ein Halt, wo Sicherheit, Glauben und Vertrauen, wenn das Weltgeschehen so hinterhältig war, wenn Siege und Siege zu endgültiger Niederlage führten und die wahren Regeln des Geschehens nicht verlautbart wurden, sondern sich erst nachträglich enthüllten, im niederschmetternden Ergebnis? Ich blickte in Abgründe. Ich empfand ein Grauen vor dem Leben.«3 Verliefen Krieg und Geschichte etwa nach anderen Regeln als nach denen gigantischer Sportwettkämpfe? In der Geschichte eines Deutschen werden beide gedanklichen Alternativen kontrastiert und bewertet: Kriegsverständnis als nationaler Sportwettkampf und die Skepsis demgegenüber, personifiziert durch die Empfindungen und Reaktionen des erwachsenen Hitler und des jungen Raimund Pretzel auf dieselbe Nachricht von der deutschen Kriegsniederlage im Ersten Weltkrieg. Sie verweisen auf die Hauptkontrahenten des in der Geschichte eines Deutschen thematisierten »Duells« (das sich bis ins Jahr 1943 hinziehen sollte, bis Hitler für Haffner aufhörte, interessant zu sein) und auf ihre geistigen Qualifikationen, historisch-politische Prozesse zu beurteilen und aus ihnen Schlüsse zu ziehen: »Wenn ich vergleiche, welche inneren Folgerungen Hitler und ich aus dem gemeinsam erlebten Schmerz zogen: der eine Wut, Trotz und den Beschluß, ein Politiker zu werden, der andere Zweifel an der Gültigkeit der Spielregeln und ahnendes Grauen vor der Unberechenbarkeit des Lebens – wenn ich dies vergleiche, kann ich mir nicht helfen: Ich finde die Reaktion des elfjährigen Jungen reifer als die des neunundzwanzigjährigen Mannes.«4 13
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Raimund Werner Martin Pretzel war am 27. Dezember 1907 in BerlinMoabit, Emdener Straße 50, als Sohn von Wanda und Carl Louis Albert Pretzel zur Welt gekommen. Die Pretzels gehörten zum gebildeten Berliner Bürgertum. Raimund hatte vier ältere Geschwister, drei Brüder und eine Schwester. Carl Louis Albert Pretzel arbeitete seit 1890 als Lehrer in Berlin und wurde noch in der Kaiserzeit Rektor der 105. Gemeindeschule in der Prenzlauer Allee 227. Unter dem Kürzel C. L. A. Pretzel hatte er zahlreiche Aufsätze über die Didaktik eines reformierten Schulunterrichts veröffentlicht, deren Devise »Arbeitsschule statt Lernschule« hieß. Seit 1919 überwachte Carl Louis Albert Pretzel als Regierungsdirektor des berlin-brandenburgischen Provinzialschulkollegiums die von ihm im preußischen Kultusministerium inaugurierten Schulreformen. In der Kaiserzeit hatte er der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei nahegestanden, nach dem Ersten Weltkrieg der Deutschen Demokratischen Partei. Raimund stellte seinen Vater der Gesinnung nach als Liberalen, der Haltung und Lebensführung nach als »preußischen Puritaner« vor. Bis in die dreißiger Jahre hinein betrachtete er den heimlich geliebten Vater als die Hauptperson seines Lebens. Pretzel erinnerte sich aus dem Rückblick des Jahres 1939 an das – ungestört von der Tatsächlichkeit des Kriegs – massenpsychotische Kriegsverständnis von 1914 als banales Sportereignis der Nationen deshalb, weil es als »anonyme, tausendfältig spürbare Stimmung ringsum« seine Generation, die Jahrgänge 1900 bis 1910 – die spätere Nazi-Generation – nachhaltig geprägt habe.5 Wenn sich das Kriegsverständnis einer Generation im Genuß des Kriegssporterlebnisses erschöpfte, dann lernte sie nicht den konventionellen Kriegszweck als Fortsetzung der Politik (mit anderen Mitteln) kennen, die der Schaffung eines (stabileren) Friedens dient; und wenn stattdessen Krieg als Selbstzweck für eine Generation zum Lebensersatz geworden war, dann drohte dieselbe Generation der Geisteshaltung eines abenteuerlichen Nihilismus zu verfallen. Pretzel belegte seine These, indem er aus dem Abstand von über zwanzig Jahren sein eigenes kindliches Verhalten deutete: »Ich wartete mit einer gewissen wilden und doch zagen Spannung auf den Endsieg. Daß er einmal kam, war unvermeidlich. Fraglich war nur, was das Leben danach noch zu bieten haben konnte.«6
Das Anwachsen des Dummen und Bösen in Deutschland Die Revolution vom November 1918 habe das Ende des Kriegssports markiert – ohne »Endsieg«. Kein Wunder, daß der junge Pretzel, so wie er in der Geschichte eines Deutschen rückblickend seine Kriegsempfindungen 14
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schilderte, sich durch sie unsanft aus seinem vierjahrelangen patriotischkriegerischen Rausch gerissen fühlte und sie deshalb verabscheute.7 Mit dem Scheitern der Revolution, befand er 1939, sei auch der Versuch der Revolutionäre gescheitert, den Deutschen eine politische Alternative zur nationalen Kriegssportidee zu bieten. Für Pretzel stellte sich aus der Sicht des Jahres 1939 die Frage, warum das Deutsche Reich, nachdem die Revolution gescheitert war, nicht nur weiter dem Kriegssportgeist gefrönt und die Einfügung in die europäische Friedensordnung verweigert hatte – was nach dem Scheitern der Revolution zu erwarten gewesen wäre –, sondern seit 1933 einer extremen, verbrecherischen Spielart des Kriegssportgeists, dem Nationalsozialismus, verfallen war – und damit den Weltkrieg zu wiederholen sich anschickte und voraussichtlich Staatsselbstmord begehen würde. Die Keime des »Dummen und Bösen in Deutschland« hätten sich schon 1919 gezeigt. Unmittelbare Folge des Revolutionszusammenbruchs sei die Herauskristallisierung der späteren nationalsozialistischen Macht gewesen – damals noch in Form der Freikorps. Unter »Nazismus« verstand er die Mentalität eines bestimmten Typus Mensch8. Eine andere Folge sei die Herauskristallisierung einer nihilistisch-aktionistischen Jugend gewesen – des späteren Rekrutierungsmaterials der NSDAP : »In unserer Klasse zum Beispiel hatten wir damals einen Club gebildet, der sich ›Rennbund Altpreußen‹ nannte und das Motto führte: Anti-Spartakus, Sport und Politik! Die Politik bestand darin, daß wir einige Unglückliche, die erklärten, sie seien für die Revolution, gelegentlich auf dem Schulweg verprügelten. Im übrigen war die Hauptbeschäftigung der Sport: Wir organisierten Wettläufe auf Schulhöfen oder in öffentlichen Anlagen, hatten dabei das Gefühl, uns überaus antispartakistisch zu betätigen, kamen uns sehr wichtig und patriotisch vor und rannten fürs Vaterland. Was war das eigentlich anderes als die spätere Hitlerjugend?«9 Die Jahre des Weltkriegs und des Scheiterns der deutschen Revolution waren in den Worten Pretzels eine »Vorschule des Nihilismus« gewesen. Den Durchbruch zum »dynamischen Nihilismus« als Mentalität einer Generation habe das Jahr 1923 mit der grotesken Inflation gebracht. »Eine ganze Generation hat damals gelernt oder zu lernen geglaubt, daß es ohne Ballast geht« – moralischen Ballast.10 Die Folge des mentalen Wandels großer Teile einer Generation sei ihre Entfremdung nicht nur zur übrigen Menschheit, sondern auch zum normalen deutschen Volkscharakter gewesen: »Das Jahr 1923 machte Deutschland fertig – nicht speziell zum Nazismus, aber zu jedem phantastischen Abenteuer.«11 15
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Auf Raimund und seine Generation seien die widersprüchlichsten Sozialisationseinflüsse von außen eingedrungen: der »Sportclub-Nationalismus« des Weltkriegs, der Pazifismus der Revolutionszeit, der Nationalismus in den Tagen des Kapp-Putsches, auch der Marxismus.12 Doch nach allen enttäuschenden Erfahrungen der Jahre 1914 bis 1923, nach dem Schock der Kriegsniederlage, dem schmählichen Scheitern der Revolution, dem erschütternden Rathenau-Mord und dem unglaublichen Zusammenbruch aller bürgerlichen Werte in der phantastischen Inflation, habe er, durch väterliche Erziehung und eigene Sensibilität, Begeisterndes nur noch in der »Betrachtung zeitloser Schönheit« finden können, »wie sie die Gedichte von George und Hofmannsthal durchglühte«, in den »Träumen der Liebe« und der »Arroganz des Skeptikers«.13 Doch anders als beim Vater, bei dem die Liebe zur Literatur Lektüre und Diskussion geblieben sei, habe sich Ende der zwanziger Jahre bei Raimund die Neigung entwickelt, zu schreiben. Der Vater habe für Raimund eine Karriere als Jurist und gebildeter Beamter geplant. Obwohl ihm für seine juristische Zukunft keine Begeisterung habe entwickeln können, habe er sich dennoch die väterliche Zielsetzung zueigen gemacht, ein hoher Beamter des Deutschen Reichs zu werden – mit dem Vorbehalt, nebenbei Romane, Essays und Novellen zu schreiben.14 Die einzige »echte« Friedenszeit, die seine Generation bewußt erlebt habe, sei die sechsjährige Stresemann-Epoche seit November 1923 gewesen, seit Einführung der Rentenmark. In diesem Zeitraum habe er zwei merkwürdige Beobachtungen gemacht, die er sich nur mit der starken Prägung der deutschen Jugend durch die Ereignisse von 1914 bis 1923 habe erklären können: zum einen, daß die rechtsradikalen Bünde sich zwar zurückgezogen, aber nicht aufgelöst hätten; zum anderen, daß sich eine erstaunliche Diskrepanz zwischen den neuen Möglichkeiten, Leben individuell zu gestalten, und ihrer Nutzung aufgetan habe.15 Allerdings habe es auch Angehörige derselben Generation gegeben – dabei sprach er von sich selbst –, die während der Stresemann-Epoche, ein wenig unbeholfen und verspätet, Geschmack am eigenen Leben gefunden hätten, sich erfolgreich vom Fusel der Kriegs- und Revolutionsspiele entwöhnt und begonnen hätten, Persönlichkeiten zu werden. Andere Generationsgenossen seien Nihilisten geworden, in letzter Konsequenz oft Nazis. Im März 1930, als die Große Koalition brach und nur wenige Tage später durch das Präsidialkabinett Brüning ersetzt wurde, bestand Pretzel, der seit dem Herbst 1925 in Berlin Jura studiert hatte, die erste juristische Staatsprüfung. Von April 1930 bis April 1933 absolvierte er im Bezirk des Berliner Kammergerichts seinen Vorbereitungsdienst. Es waren die Jahre, in denen 16
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aus der Hitlerbewegung eine Massenpartei wurde, die zur Macht drängte. Hitlers doppelte Leistung, betonte er, habe darin bestanden, zum einen eine große, lose Wählerschaft von zumeist Urteilslosen und Enttäuschten zu gewinnen und zum anderen, als Kern seiner Partei, die eigentlichen Nazis, seine »Jünger«, zu rekrutieren, die durch das Kriegsspielerlebnis von 1914 bis 1918 und durch die Unordnung von 1923 zwar noch unorganisiert, aber als Zyniker und Nihilisten schon vorhanden gewesen seien. Um mit dicken Pinselstrichen den Unterschied zu verdeutlichen, der das zivilisierte vom »dynamisch-nihilistischen« Deutschland trennte, untertrieb Pretzel, als er auf die Frage, wer sich von der Hitlerwelle ausschloß, pointiert antwortete: »Draußen blieben nur die, die gerade diese Erlebnisse« – das Kriegsspiel von 1914 bis 1918 und den Beutezug von 1923 – »abgeschrieben und innerlich mit einem negativen Vorzeichen versehen hatten. Also ›wir‹« – geschmackvolles, lebenszugewandtes Bildungsbürgertum.16 Daß Hitler ein Todfeind sein würde, beteuerte Pretzel, sei ihm von Anfang an klar gewesen: Zwei Dinge, so faßte er im Abstand vieler Jahrzehnte seine Gefühle zusammen, hätten ihn von Anfang an abgestoßen: neben Hitlers Person dessen damals schon mörderischer Antisemitismus.17
Abschied Aufgewachsen zugleich in preußischer und bildungsbürgerlich-liberaler Tradition reklamierte Raimund Pretzel für sich ein Leben lang den rechtsstaatlichen Schutz seiner privaten Freiheit. Infolge ihrer Mißachtung seit 1933 stellte er sich dem NS -Staat zum »Duell«.18 Nachdem er in der Geschichte eines Deutschen am Ende des Prologs die politische Lage, in der sich Deutschland im Jahr 1932 befunden hatte, mit dem gegenwärtigen Zustand Europas im Jahr 1939 verglichen hatte und den vierzehnten Abschnitt des Prologs mit dem Satz hatte enden lassen, »damals, wie heute, begann man eben mit dem Gedanken zu spielen, das Schlimmste sei vorüber«, legte er die vier lapidaren letzten Sätze des Prologs (die den fünfzehnten Abschnitt bildeten) doppeldeutig an: Sie ließen sich auf den Beginn des »Duells« im Jahr 1933, in das er unvorbereitet gestolpert war und das er mit seiner Flucht abgebrochen hatte, wie auf die gezielte Wiederaufnahme des »Duells« vom englischen Boden aus im Jahr 1939 beziehen: »Wir sind soweit. Die Anreise ist beendet. Wir sind am Kampfplatz. Das Duell kann beginnen.«19 Das zweite Mal, von englischem Boden aus, – so suggerierte er sich – würde er das Duell gegen Hitler gewinnen. Zunächst fuhr Pretzel fort, den Beginn des schließlich chancenlos abgebrochenen »Duells« auf deutschem Boden zu schildern. Den langen 17
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Abschied vom zivilisierten Deutschland leitete der »Sturz in den Dreck« der Nazi-Herrschaft ein. Am 30. Januar 1933 war Hitler zum Reichskanzler ernannt worden. In den Reichstagswahlen des 5. März 1933 hatten die Nazis 43,9 Prozent der Stimmen erhalten. Doch drei Wochen später, glaubte Pretzel, hätten sie, wäre noch einmal gewählt worden, wahrscheinlich die Mehrheit gehabt. Denn nicht nur der Terror habe inzwischen seine Wirkung getan, nicht nur die patriotischen Feierlichkeiten hätten viele Deutsche berauscht: Entscheidend sei gewesen, daß die Enttäuschung über die eigenen feig-verräterischen Partei- und Organisationsführer, denen sich 56,1 Prozent Deutsche, welche gegen die Nazis gestimmt hatten, anvertraut hätten,20 im Augenblick stärker geworden sei als die Wut und der Haß auf den eigentlichen Feind. Zu Hunderttausenden seien auf einmal während des März 1933 Leute der Nazipartei beigetreten, die bis dahin gegen sie gestanden hätten – die sogenannten »Märzgefallenen«, beargwöhnt und verachtet von den Nazis selbst. Angeekelt von dem, was im März 1933 um ihn herum geschah, vermißte Pretzel bei den Deutschen einen festen, durch Druck von außen nicht zu erschütternden »Kern«, eine Reserve an Stolz, Gesinnung, Selbstgewißheit und Würde. Verbittert schloß er, daß die Kernlosigkeit der Deutschen, die sich im März 1933 erwiesen habe, »unfehlbar« eines Tages ihre Wirkungen zeigen werde: möglicherweise in der »Auflösung der deutschen Nation und ihrer staatlichen Form«. Der deutsche Nationalismus und sein Gehäuse, das Deutsche Reich, hatten sich durch ihren nihilistischen Geist und dessen äußerste Konsequenz, die Menschenfeindlichkeit des Nationalsozialismus, in den Augen Pretzels endgültig diskreditiert. Aus der Feststellung, »Deutschland ist nun endlich von den deutschen Nationalisten zerstört und niedergetrampelt worden, und es ist endlich klar geworden, wer sein Todfeind ist: der deutsche Nationalismus und das ›Deutsche Reich‹«, zog Pretzel, unter Hintanstellung aller Bindungen, die er zum Deutschen Reich aufgebaut hatte, in der Geschichte eines Deutschen die schärfste Konsequenz: Abgesehen davon, daß das Deutsche Reich infolge nationaler Substanzlosigkeit womöglich ohnehin eines Tages von selbst enden werde, war es zudem geradezu patriotische Pflicht, sich (am besten durch die Emigration) vom Deutschen Reich abzuwenden und (aus der Emigration) auf die Abschaffung des Deutschen Reichs gezielt hinzuarbeiten. Die Ursache für das vorhersehbare Ende des Deutschen Reichs würde neben einer gewissen nationalen Substanzlosigkeit und der obligatorischen Nazi-Niederlage im unausweichlich kommenden Krieg auch die Erkenntnis wirklicher deutscher Patrioten sein – Pretzel selbst empfand sich als 18
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»ziemlich guter Deutscher« –, daß deutsche Mentalität im staatlichen Gehäuse Deutsches Reich zu ersticken drohte.21 Um seinen englischen Lesern zu verdeutlichen, daß die Nazis Deutschland widerstandslos seit Januar 1933 zerstörten, schilderte Pretzel aus eigenem Erleben, wie die Nazis den Rechtsstaat beseitigten, zudem die »ganze Meerestiefe des wirklichen Lebens« durchdrangen und damit Zivilisation und Moral in Deutschland vernichteten. Der Bericht vom Zusammenbruch des Preußischen Kammergerichts mit seiner vielhundertjährigen Tradition – die SA hatte am 31. März 1933 die jüdischen Juristen aus dem Kammergericht vertrieben –, symbolisierte das Ende des preußisch geprägten Rechtsstaats22. Um zu veranschaulichen, wie die Nazis alle Lebensbereiche durchdrangen und Lebensfreude und Menschlichkeit abzutöten im Begriff waren, schilderte Pretzel den Eklat, den er 1933 auf dem Berliner Faschingsball erlebt hatte.23 Die Sommerszene im Berliner Grunewald, als verschiedene Schulklassen im Beisein ihrer Lehrer Pretzel und seiner jüdischen Freundin »Juda verrecke!« zugerufen hatten,24 verdeutlichte den Zusammenbruch der Achtung vor der menschlichen Würde in Deutschland: Die Bildungsstätten lehrten Menschenfeindlichkeit. Die Schilderung von der »weltanschaulichen Schulung« der angehenden Juristen in einem SA -Lager zeigte, wie die Nazis Individualität und Kultiviertheit zersetzten und aus den Deutschen »hilflosbegeisterungsfähiges Material für alles und jedes« zu machen sich anschickten.25 Die Nazi-»Revolution«, empfand Pretzel, habe wie ein »Giftgas« gewirkt, das durch alle Wände dringe.26 März und April 1933 hätten eine neue, »apokalyptische« Qualität an Menschenfeindlichkeit gebracht. Die Nazi»Revolution« habe – weltgeschichtlich ein Novum – Mordgesinnung als Ethik propagiert. Um von ihr einen Eindruck zu vermitteln, schilderte Pretzel seine Erlebnisse beim ersten noch »schüchternen« Akt ihrer Durchführung, als die Nazis am 1. April 1933 zum Boykott jüdischer Geschäfte und Ärzte aufriefen.27 Seit März 1933 bedeutete das Leben im Deutschen Reich – mehr als in der Emigration – Abschied vom zivilisierten Deutschland.28 Im November 1933 hatte Pretzel die zweite juristische Staatsprüfung bestanden und war zum Gerichtsassessor ernannt worden. Eine juristische Karriere unter den Nazis erschien ihm sinnlos. Deswegen hatte er sich seit dem Sommer 1933 eine von den Nazis bislang nicht okkupierte berufliche Nische bei der liberalen VOSSISCHEN ZEITUNG des Berliner Ullstein-Verlags gesucht, für die er Feuilletons schrieb. Nachdem die VOSSISCHE ZEI TUNG jedoch Ende März 1934 eingestellt worden war, behalf er sich bis 1938 damit, seine Feuilletons für die unpolitischen Ullstein-Blätter KORALLE und DIE DAME , die Modezeitschrift DIE NEUE LINIE sowie die konser19
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vative DEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG zu schreiben, bis er diese Art der ›inneren Emigration‹ nicht mehr aushielt.29 Die Flucht vor dem »NaziGiftgas« in einen harmlosen Brotberuf war unmöglich. Doch welche Möglichkeit, annähernd erträglich zu leben, blieb? Nur diejenige, physisch Abschied von dem Land zu nehmen, zu dem man seiner Sozialisation nach gehörte, unter Hintanstellung aller Bindungen. Eine Gefühlsmischung aus Verzweiflung und Abenteuerlust führte Anfang 1934 zu Pretzels Entschluß, auszuwandern.30 Er ging zunächst nach Paris, recherchierte für seine Doktorarbeit und sah sich um, ob er dort Fuß fassen könne. Er blieb ein halbes Jahr, fand aber keine Arbeit. Im Sommer 1934 kehrte er nach Berlin zurück. 1935 legte er eine Inaugural-Dissertation »zur Erlangung der Doktorwürde einer Hohen Juristischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin« mit dem Titel Die Aufwertung von Fremdwährungsschulden – Ein Beitrag zur Theorie der Aufwertung vor. In der Arbeit finden sich Spitzen gegen den deutschen Nationalismus.31 Nachdem er in Berlin zwei Jahre als Richter und als Vertreter verschiedener Rechtsanwälte gearbeitet hatte, verließ er im Sommer 1936 den Justizdienst endgültig und richtete sich als Redakteur für die Beilage »Die kleine Zeitung« innerhalb der 1937 gegründeten Ullstein-Zeitschrift NEUE MODE WELT wieder in seiner journalistischen Nische ein.32 Die Verwaltungslaufbahn, die er hatte einschlagen wollen, hatte ihm Hitler nicht nur durch die Zerstörung des Rechtsstaats verekelt. Für sein Ausscheiden aus dem Justizdienst gab es auch einen persönlichen Grund: Pretzel wollte Hitlers Nürnberger Rassegesetze nicht nur nicht als Richter anwenden – sie machten ihn inzwischen selbst strafbar: Seine Freundin Erika Hirsch war im Sinne der Nazis eine Jüdin. Seit September 1935 lebten Raimund und Erika illegal in »Rassenschande«.33 Im Frühjahr 1938 wurde Erika schwanger und versuchte, mit ihrem aus erster Ehe stammenden vierjährigen Sohn nach England auszureisen. Die Bereitschaft der Regierung Chamberlain, deutschen Juden und Nicht-Juden Asyl zu gewähren, war wegen der Appeasementpolitik allerdings nicht sehr groß. In England lebten schon lange Erikas Geschwister. Da diese für ihre Aufenthaltskosten notfalls aufkommen konnten, bekam sie das Visum und reiste im Juni nach Cambridge. Raimund wollte so schnell wie möglich nach. Seit März 1938, dem Anschluß Österreichs an Hitlers Deutsches Reich, lag zudem Hitlers Eroberungskrieg in der Luft. Mitte August 1938 besorgte er sich im Ullstein-Verlag den Auftrag, aus England bis Mitte Dezember eine Reportage zu liefern. Ende August erhielt Pretzel ein englisches Visum mit 20
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einer Gültigkeitsdauer von zwei Monaten. Wie wollte er mit einem Visum, dessen Gültigkeit nach zwei Monaten ablief, dauerhaft dem Dritten Reich entkommen? Am 29. August fuhr er mit dem Zug um 0.14 Uhr von Berlin ab, stieg in Köln und Utrecht um, benutzte die Fähre von Hoek van Holland nach Harwich, stieg in London um und kam 12.15 Uhr in Cambridge an. Pretzel hatte zum ersten Mal sein Land gewechselt. Drei Tage später, am 1. September, heirateten Erika und Raimund in Cambridge. Am 29. Oktober wurde ihr gemeinsamer Sohn geboren. Aus dem Abstand des Jahres 1939 und der relativen Sicherheit des englischen Exils gratulierte er sich, daß ihm seit 1933 jeder Versuch, sich in die ›innere Emigration‹ zu retten, mißlungen war.
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Die Jahre seit Hitlers Aufstieg in Deutschland und Europa, von 1930 bis 1938, und die Jahre des Zweiten Weltkriegs, für Pretzel die ersten Jahre des Exils, machten aus ihm, dem pflichtschuldigen Juristen und leidenschaftlichen Literaten, einen politischen Journalisten mit bestimmten Auffassungen über das Wesen von Politik und mit bestimmten Maßstäben zur Bewertung politischer Positionen, Zustände, Schöpfungen und Leistungen – Maßstäben, die seine Publikationen seither durchzogen. Pretzels ursprüngliches, im Ersten Weltkrieg gewecktes Geschichtsinteresse hatte der deutschen Zeitgeschichte und der internationalen Politik gegolten.1 Seine spätere Konzentration auf die Deutsche Frage – die Frage, welche Lehren deutsche Politik aus den Ursachen für das Scheitern des Deutschen Reichs zu ziehen habe, damit Deutschland international annehmbar werde –, entsprang den widrigen Umständen, die sich aus der unglücklichen Geschichte des Deutschen Reichs ergaben. Das Duell gegen Hitler, das Pretzel 1933 als nonkonformistischer Privatmann auf dem Boden des Deutschen Reichs chancenlos verloren hatte, nahm er 1940 als politischer Journalist mit den Waffen des Geistes vom Boden Großbritanniens aus wieder auf. Nun traute er sich zu, Antworten auf die Frage zu geben, welche Politik geeignet sei, den Krieg gegen Hitlerdeutschland siegreich zu beenden, die Hitler-Herrschaft zu beseitigen und Europa einen erträglichen und stabilen Frieden zu geben.
Der Publizist Sebastian Haffner. 1940 bis 1942 Pretzel war nach Cambridge gekommen, ohne dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung, ohne Stellung und mit nur geringen finanziellen Reserven. Als er im April 1939 dem britischen Inlandsgeheimdienst MI 5 suspekt geworden war und Ende Juni wieder nach Deutschland zurückgeschickt werden sollte2, halfen ihm die englischen Quäker durch eine Intervention beim Innenministerium. Sein bereits mehrmals verlängertes Visum wurde auf einen Zeitraum von insgesamt einem Jahr verlängert, wodurch er sich gerettet glaubte: Da der Krieg zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien in spätestens einem Jahr ohnehin ausgebrochen sein würde, rechnete er damit, nach Ablauf des Visums nicht mehr nach Deutschland zurückgeschickt zu werden. Wovon sollten er und seine Familie leben? 22
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Im Frühjahr 1939 schickte er dem englischen Verleger Frederic Warburg das Konzept des Buchs, an dem er seit Januar arbeitete und das den Titel Geschichte eines Deutschen tragen sollte. Es handelte von der Geschichte seines »Duells« mit den Nazis auf dem Boden des Deutschen Reichs, in dem er sich »ziemlich hoffnungslos« hatte stehen sehen. Warburg war vom Konzept begeistert, unterzeichnete mit Pretzel einen Vertrag und zahlte ihm ein halbes Jahr lang wöchentlich zwei Pfund Vorschuß.3 Pretzel verfolgte mit der Geschichte eines Deutschen zwei Absichten: zum einen, den Engländern die Deutschen zu erklären, sie für den Kampf eines deutschen »Durchschnittsmenschen« um seine private Freiheit gegen einen übermächtigen feindlichen Staat zu interessieren und sie dabei auf die ferne Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit deutschen Nazigegnern hinzuweisen. Den Vorteil einer Zusammenarbeit sah er für England und seine europäischen Verbündeten darin, daß sie sich zwar nicht mehr den Krieg sparen könnten – dazu sei es zu spät –, aber sich, indem sie mit deutschen Nazigegnern zusammenarbeiteten, ein paar Kriegsjahre sparen könnten. Das Buch durchzieht die Mahnung an die Engländer, der Gefahr, die Europa durch die Nazis drohte, mutig ins Auge zu sehen und zu handeln – anders als die Deutschen der frühen dreißiger Jahre, die ihre Ignoranz nun bitter büßten: Die Nazis waren inzwischen zu einer tödlichen Bedrohung für die Menschheit geworden.4 Pretzels zweite Absicht war es, die Engländer darauf aufmerksam zu machen, daß der Kampf der gesamten Zivilisation – mit Unterstützung der wirklichen deutschen Patrioten – gegen den neurotischen deutschen Nationalismus für den Frieden und die Freiheit der Welt notwendig sei. Pretzel erzählte aus der Ich-Perspektive des »zufälligen« Privatmannes die Geschichte, die seine Generation geprägt hatte und zur Machtergreifung der Nazis in Deutschland geführt hatte. Die Frage, warum er aus der Ich-Perspektive erzählte, ging über in die grundsätzliche Frage, was Geschichte sei und wo sie sich abspiele. Er hielt es für eine Tatsache, daß die »wirklich zählenden geschichtlichen Ereignisse« weniger durch die ›großen Männer‹ als vielmehr durch »simultane Massenentscheidungen« zustande kämen. Merkmal dieser entscheidenden Ereignisse sei es allerdings, daß sie nicht als Massenerscheinung sichtbar würden – sowie die Masse massiert dastehe, sei sie funktionsunfähig –, sondern stets nur als scheinbar privates Erlebnis Tausender und Millionen Einzelner.5 Das Buch wurde Pretzels erste publizistische Auseinandersetzung mit der Selbstzerstörung Deutschlands: Es schlug den Bogen von der Frage nach der Ursache für die Niederlage des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg über die Frage, warum die Deutschen, ressentimentgeladen und mit Machtwillen, sich ins nazistische Abenteuer gestürzt 23
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und Deutschland und seine Kultur zerstört hatten und zu einem zweiten Anlauf im Kampf gegen Europa ansetzten, bis hin zur Frage, ob der Amoklauf Hitler-Deutschlands in letzter Konsequenz mit der Abschaffung des Deutschen Reichs enden würde. Das unfertige Typoskript der Geschichte eines Deutschen hört abrupt im Sommer 1933 auf. Weitere 38 handgeschriebene Seiten setzen die Erzählung bis zum Dezember 1933 fort.6 Aber abgesehen von Kapitel 25, das er 1983 anläßlich des fünfzigsten Jahrestags des Nazi-Boykotts jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte dem STERN gab, veröffentlichte Pretzel/Haffner das Buch nie.7 (In Deutschland kam es, zunächst unvollständig, erst postum im Jahr 2000 heraus.) Hatte Pretzel im September 1939 die Lust verloren, an dem Buch weiterzuarbeiten? Die Antwort liegt auf der Hand: Der Krieg zwischen den Westmächten und Hitlerdeutschland, den Pretzel vorausgesehen hatte, war ausgebrochen, und Pretzel wollte die Kriegführung der Westmächte gegen Hitlerdeutschland unterstützen. Diesen Beitrag glaubte er am besten dadurch leisten zu können, daß er den Briten nicht nur die Mentalität der Deutschen erklärte, sondern auch Fingerzeige für effektives Propagandafeuer gab. Dazu bedurfte es eines anders konzipierten Buchs. Im Spätherbst 1939 schickte Pretzel seinem Verleger zu dessen Überraschung keine weiteren Kapitel der Geschichte eines Deutschen, sondern verschiedene Kapitel eines neuen Buchs, dem er den bescheidenen Titel A Survey of Germany zu geben beabsichtigte: Ein Überblick über Deutschland. Warburg akzeptierte, zahlte den Vorschuß von zwei Pfund pro Woche weiter, schlug aber eine Änderung des Titels vor: Germany: Jekyll and Hyde.8 Der Verlag ließ das neue Buch ins Englische übersetzen9 und veröffentlichte es am 14. Juni 1940, dem Tag, an dem den Deutschen Paris in die Hände fiel. Germany: Jekyll and Hyde erschien aber nicht unter Pretzels Namen, sondern, mit Rücksicht auf Pretzels Verwandte in Deutschland,10 unter einem Pseudonym: Sebastian Haffner. Warum Sebastian Haffner? »Ein Pseudonym mußte her, und da wurde folgendes überlegt«, erinnerte er sich 1981: »Das soll erstens leicht über die englische Zunge gehen, es soll für Engländer aussprechbar sein … Haffner geht sehr leicht. Dann soll es sich aber trotzdem als deutscher Name zu erkennen geben. Ich will nicht einen Engländer spielen. (…) Um sich als Deutscher zu erkennen zu geben, möglichst ein Wort, das so eine Art deutscher kultureller Assoziation hervorbringt, die Haffner-Sinfonie, die HaffnerSerenade, auch in England viel gespielt … Und nun waren wir schon bei der Musik, und dann in Gottes Namen auch gleich noch einen musikalischen Vornamen, Sebastian, der gleichzeitig auch noch darauf hindeutet: Ich war 24
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kein Jude; Sebastian ist kein Juden-Name.«11 Der Name Sebastian Haffner symbolisierte nicht nur seine lebenslange Liebe zur großen deutschen Musik. Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart, der Komponist der Haffner-Sinfonie (Köchelverzeichnis 385) und der Haffner-Serenade (Köchelverzeichnis 250), waren große Deutsche, die das humane, offene, freundliche, grüblerische, selbstkritische, wahrheitsliebende, vielgestaltige, gutmütige, großzügige, sentimentale und musikalische Deutschland verkörperten, das – wie Haffner fand – eigentliche Deutschland, mit seiner sehr respektablen Literatur und bildenden Kunst sowie einzigartigen Musik – jenes Deutschland, das die deutschen Nationalisten zu zerstören im Begriff waren bzw. schon zerstört hatten.12 Das Duell mit dem so untypischen Deutschen Hitler13, das Sebastian Haffner zusammen mit anderen deutschen Emigranten von englischem Boden aus wieder aufzunehmen und diesmal effektiver zu führen sich vorgenommen hatte, war das Duell zwischen deutscher Kultur und deutscher Barbarei. Dem plakativen Bild der Nazi-Propaganda »Hitler ist Deutschland, Deutschland ist Hitler«14 widersprach Haffner nicht nur, indem er es in Germany: Jekyll and Hyde als zu simpel entlarvte, sondern auch mit der Wahl eines Namens, der die Existenz eines ›anderen‹ Deutschland – des wahren Deutschland – bekräftigte. Als Thomas Mann im Februar 1938 auf der Flucht vor Hitler in New York angekommen war, hatte er erklärt: »Wo ich stehe, da ist Deutschland«.15 Haffner schien mit seiner Namenswahl verkünden zu wollen: Wo ich stehe, kämpft das eigentliche, kultivierte Deutschland. Haffner hielt sich in Germany: Jekyll and Hyde und im Folgebuch Offensive against Germany, das 1941 erschien, nicht mehr damit auf, die Geschichtswirksamkeit bestimmter Ereignisse durch ihre Rückwirkungen auf den zufälligen Privatmann zu beglaubigen. Im Vorwort von Germany: Jekyll and Hyde hieß es lapidar, der Autor »verzichtet auf alle Argumente und Beweise und bittet darum, daß man ihm glaubt, wenn er berichtet, was er sieht«. Der Ich-Erzähler fiel weg. Das Buch diente einem dreifachen Zweck: Es sollte nicht nur die Schwarz-Weiß-Diskussion zum Abschluß bringen, ob die Deutschen entweder Nazis oder ein humanes, friedfertiges, zivilisiertes Volk seien, und dabei den Engländern, wie schon durch die Geschichte eines Deutschen, ein realistisches Deutschlandbild vermitteln. Sondern es sollte auch – über den Zweck der Geschichte eines Deutschen hinaus – zum einen »auf ganz bescheidene Weise« dazu beitragen, den Krieg zu gewinnen, und zum anderen die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden erörtern.16 Haffner vollzog mit dem Staatswesen, in dem er aufgewachsen war, den rational motivierten Bruch, wie er ihn bereits in der Geschichte eines Deut25
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schen gefordert hatte.17 Mit seiner Verstandeserkenntnis bezwang er seine Gefühle: Weil Deutschland – das wahre Deutschland – und Europa mit der Reichsidee des Wachsens, Verschlingens und Zerstörens, deren Entstehung er in Germany: Jekyll and Hyde erklärte und als deren logische Konsequenz er den Nazismus ansah, nicht leben konnten, mußte das Reich beseitigt und Deutschland ins Jahr 1866 zurückgeführt werden, in dem es den falschen Weg eingeschlagen hatte18: Die Erkenntnis, daß die Reichsidee das Reich zum »Werwolf« Europas machte, dessen Vertilgung im Interesse der Menschheit lag, muß für den Patrioten Haffner zunächst furchtbar gewesen sein. Aber sie war auch befreiend: Er konnte jetzt planen – für Deutschland, nicht fürs Deutsche Reich. Als Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden erachtete er die Auflösung des Deutschen Reichs in einen unter europäischer Aufsicht stehenden deutschen Staatenbund. Damit die Engländer in der Lage waren, den Krieg gegen Hitler mit militärischen und propagandistischen Waffen zu gewinnen, mußten sie, so Haffners Motiv bei der Konzeption von Germany: Jekyll and Hyde, bestimmte Wesensmerkmale derzeitiger deutscher Mentalität kennen: etwa daß diejenigen Deutschen, die Hitler folgten, obwohl sie keine Nazis waren, in der Zwangsjacke des ungeheuerlichen Deutschen Reichs auf der Bühne der Weltpolitik mit gespaltener Persönlichkeit, sowohl als Dr. Jekyll wie auch als Mr. Hyde, agierten.19 Germany: Jekyll and Hyde wurde zwar kaum verkauft, im Jahr 1940 lediglich 2 300 Exemplare, aber es erregte großes Aufsehen und machte Haffner in der englischsprachigen Welt bekannt: Das Buch wurde in verschiedenen englischen Blättern besprochen. Die TIMES lobte es als »eine der besten Diagnosen der deutschen Mentalität und der Nazi-Launen«, die es gebe: Haffner nähere sich Hitler und seinen Anhängern und Spießgesellen auf eine durch und durch realistische Weise.20 Der Abgeordnete Parker bescheinigte Haffner am 23. Juli 1940 im Unterhaus, der alliierten Kriegsführung durch Germany: Jekyll and Hyde eine »große Hilfe« gegeben zu haben.21 Das Buch wurde vom britischen Informationsminister Duff Cooper zweimal im Unterhaus und einmal im Oberhaus empfohlen, erinnert sich Warburg, außerdem von der BBC gelobt; und J. B. Priestley habe geschrieben, er hoffe, es verkaufe sich millionenmal.22 »Las aufmerksam in einem engl. Buch Germany: Jekyll and Hyde von S. Haffner (Pseudonym?), ausgezeichnet«, notierte Thomas Mann, der ein Voraus-Exemplar erhalten hatte, in seinem amerikanischen Exil unter dem 15. Mai 1940 ins Tagebuch; und unter dem 17. Mai: »Nachts in Maassens Roman weiter. Tags in Germany: Jekyll and Hyde, vorzügliche Analyse.«23 Ablehnend äußerte sich der frühere Reichskanzler 26
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Heinrich Brüning, der in einem Brief an den Leiter der »Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler«, Dr. F. Demuth, am 7. April 1941 bemerkte, daß er Bücher wie das von Haffner in ihrer Wirkung auf weite Sicht für höchst verhängnisvoll halte.24 Ging das Aufsehen, das das Buch erregte, gar so weit, daß es die britische oder später die amerikanische Nachkriegspolitik beeinflußte? Der HaffnerBiograph Uwe Soukup behauptet, Churchill sei von dem Buch so beeindruckt gewesen, daß er sein Kriegskabinett zur Lektüre verpflichtet habe.25 Haffner selbst wies 1989 den Gedanken, daß sein Buch die angelsächsische Politik beeinflußt haben könnte, mit den Worten zurück, »das hieße, meinen Einfluß überschätzen«.26 Im Jahr 1941 wurde Germany: Jekyll and Hyde auch in den Vereinigten Staaten von Amerika veröffentlicht.27 Mit ein wenig Phantasie mag man in dem Deutschlandplan, den der amerikanische Präsident Roosevelt 1943 in Teheran vorlegen sollte, Parallelen zu Haffners Vorschlägen in Germany: Jekyll and Hyde erkennen. Auch in dem Vorschlag von den »Vereinigten Staaten von Europa«, den Churchill 1946 in Zürich machte und in die er ausdrücklich die »alten Staaten und Fürstentümer Deutschlands« eingeschlossen sehen wollte – aber »jede[n] für sich«28 – mag man Anregungen durch Haffners Deutschlandplan in Germany: Jekyll and Hyde vermuten. Hat Haffner die alliierte Kriegszielpolitik beeinflußt? Der Londoner und Frankfurter Historiker Lothar Kettenacker, der den Einfluß der deutschen Emigranten auf die britische Kriegszielpolitik untersucht hat,29 bescheinigt den deutschen Emigranten »gewisse Einflußmöglichkeiten auf dem Wege über die öffentliche Meinung Großbritanniens«. Unter ihnen hätten sich die »konservativen und liberalen, jedenfalls parteipolitisch nicht gebundenen Emigranten« am meisten »Gehör« verschaffen können30 – etwa Sebastian Haffner. Überdies seien es »gerade seine« – Haffners – »Vorbehalte gegen einen Kompromißfrieden mit der preußisch-deutschen Führungsschicht« gewesen, »die seinen liberalen Anschauungen auch in offiziellen Kreisen Gewicht verliehen«.31 Aber wieviel »Gehör« die konservativen und liberalen Emigranten sich verschaffen konnten und welches Gewicht den liberalen Anschauungen Haffners »auch in offiziellen Kreisen« – welchen? – zukam, kann Kettenacker nicht sagen. Als in den britischen Deutschland-Planungen im Verlauf des Krieges die Gedanken an eine Dezentralisierung der Machtverhältnisse in Deutschland an Gewicht gewannen, gab es laut Kettenacker »gewisse Indizien dafür, daß in diesem Entscheidungsprozeß die Argumentationshilfe gemäßigter Emigranten« – welcher? Haffners? – »eine gewisse, wenn auch im einzelnen schwer bestimmbare Rolle spielte«. Kettenackers Bi27
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lanz über den Einfluß der deutschen Emigranten auf die britischen Deutschland-Planungen lautet: »Sieht man von der internen Diskussion über die Teilung Deutschlands ab, wo ein gewisser Einfluß seitens der Emigranten vermutet werden kann, so hatten die im Exil lebenden Deutschen hinsichtlich der für die Zukunft ihres Landes gravierenden Entscheidungen keinerlei Mitspracherecht, weder bei der Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen, die dann zur tatsächlichen Teilung führte, noch bei der Abtretung der Ostgebiete, verbunden mit dem schon frühzeitig akzeptierten Bevölkerungstransfer von Millionen.«32 Kettenacker weist mit seinen Vermutungen über den Einfluß der deutschen Emigranten – zumal Haffners – auf die britischen Deutschland-Planungen nur auf eine Forschungslücke hin, die aufgrund des vorhandenen Quellenmaterials kaum zu schließen sein dürfte. Germany: Jekyll and Hyde war, wie wir aus den »Publisher’s Notes« zu Beginn des Buchs erfahren, im April 1940 fertiggestellt und sofort in Druck gegeben worden. Und dann erfährt der Leser in denselben »Notes« zu seiner Verwunderung: Der Inhalt des Buchs »war nach Ansicht des Verlages von so aktueller nationaler Bedeutung, daß die Korrekturbögen imprimiert wurden, ohne daß der Autor Gelegenheit bekam, noch irgendwelche Änderungen an seinem Kapitel über die deutschen Emigranten (Kapitel VII ) vorzunehmen«33. Warum hatte Haffner keine Gelegenheit mehr, irgendwelche Änderungen vorzunehmen? Als am 27. Februar 1940 seine Tochter zur Welt kam, war Haffner bereits seit einer Woche als »enemy alien«, als feindlicher Ausländer, interniert. Bereits zu Kriegsbeginn hatten die britischen Behörden aus Furcht vor der Einschleusung feindlicher Agenten die deutschen und österreichischen Emigranten ausnahmslos zu feindlichen Ausländern erklärt. Im strengen Winter von 1940 hatte man Haffner mit vielen anderen deutschen und österreichischen Emigranten und auch internierten Nationalsozialisten nach Warner’s Camp gebracht, ein Lager, das in einem stillgelegten Sommerferiendorf in Seaton, Devonshire, eingerichtet worden war. Als Warburg von der Internierung erfuhr, überschüttete er eine Bekannte im Innenministerium mit Vorwürfen über die Dummheit, einen dezidierten deutschen Anti-Nazi zu internieren, und unterrichtete sie von Haffners Buch, dessen Veröffentlichung ein großer Gewinn für die britische Kriegsführung sein werde: Wie aber könne man demnächst das Buch veröffentlichen, wenn Haffner im Internierungs-Camp bleibe? Warburg hatte Erfolg. Ende April wurde Haffner freigelassen. Doch gerade jetzt, im Mai 1940, als der belgische, niederländische und französische Widerstand gegen die deutsche Invasion zusammengebrochen war, verbreitete sich in England eine Stimmung hysterischer Feindseligkeit 28
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gegen die »enemy aliens«, geschürt durch ein Trommelfeuer einflußreicher Tageszeitungen. Die Folge war diesmal keine Internierung ausgesuchter Emigranten, sondern eine Masseninternierung. Haffner empfand das Vorgehen der Behörden gegen die Emigranten als »Menschenjagd« und verstieg sich darin, ihre Methoden mit denen Hitlers gegenüber dessen Opfern zu vergleichen.34 Haffner wurde in den frühen Morgenstunden des 12. Mai abgeholt und im Lager Douglas im südlichen Teil der Isle of Man untergebracht, seine Frau und die Kinder einige Tage später in einem Lager im nördlichen Inselteil. In einer Unterhausdebatte vom 23. Juli richtete auf Veranlassung Warburgs der Abgeordnete Parker eine Anfrage an den Innenminister, ob Sebastian Haffner, der trotz der großen Hilfe interniert worden sei, die er als Autor von Germany: Jekyll and Hyde der alliierten Kriegsführung habe zuteil werden lassen, aus der Internierung freigelassen und seine Dienste von der alliierten Kriegsführung genutzt werden könnten. Staatssekretär Peake aus dem Innenministerium sagte zu, den Fall zu prüfen.35 Peake fügte hinzu, daß das Vertrauen der britischen Regierung in die deutschen Emigranten in keinem einzigen Fall enttäuscht worden sei. Die Regierung lockerte ihre rigide Haltung gegenüber den »enemy aliens« seit Ende Juli nach und nach. Laut einem White Paper des Innenministeriums vom 31. Juli sollten unter anderen diejenigen entlassen werden können, die sich durch »politische oder publizistische Arbeit im Kampf gegen den Faschismus« profiliert hatten. Zu den ersten Freigelassenen gehörte Haffner, für den sich sein Verleger Warburg auch diesmal wieder mit dem Hinweis auf Germany: Jekyll and Hyde eingesetzt hatte: Das Buch hatte inzwischen – so Haffner im nachhinein bescheiden – »ein gewisses Echo« gefunden.36 Am 24. August, als Haffner entlassen wurde und in seine Pension am Brunswick Square in London zurückkehrte, fand der erste deutsche Bombenangriff auf London statt. Im Oktober konnte auch Haffners Familie nach Cambridge zurückkehren. Haffner begann im Oktober mit einem neuen Buch, das er diesmal von vornherein auf Englisch schrieb. Mit Hitlers Blitz-Siegen über Frankreich und eine Reihe kleinerer Staaten hatten sich die Kriegsaussichten Englands verdüstert. Haffner begrüßte zwar den Regierungswechsel des 10. Mai 1940 von Chamberlain zu Churchill. Doch auch Churchill, der durch die »Wunder« von Dünkirchen und am Londoner Himmel Englands Ansehen wieder hergestellt und England zum »Fokus der Hoffnungen der Welt« gemacht hatte,37 war ihm in seiner Politik gegenüber Hitler bislang nicht entschieden genug: Warum hatte Churchill bislang keine Kriegsziele verkündet, die die europäischen Völker für die britische Sache einnahmen?38 Haffner wußte, 29
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daß sich England verzweifelt um die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten von Amerika bemühte. Weil er England zu einer entschiedenen AntiHitler-Politik bewegen wollte, machte er Englands künftige Unterstützung durch die Vereinigten Staaten in seinem neuen Buch von Englands Prestige als einer zum Sieg entschlossenen Nation in der Weltöffentlichkeit abhängig.39 Ein militärischer Sieg Englands über Hitlerdeutschland schien nach dem Kollaps Frankreichs aussichtslos geworden zu sein. Die Frage, die Haffner in Offensive against Germany zu beantworten suchte, war die englische Frage des Jahres 1940: Wie konnte England, nachdem Hitler Kontinentaleuropa bis zum Bug in seine Gewalt gebracht hatte, den Krieg gegen Hitler gewinnen? Haffners Antwort: Die Engländer brauchten eine umfassende Planung über die Ziele und die angemessenen Mittel, um den verfahrenen Krieg gegen Hitler und die Nazis doch noch zu einem totalen Triumph der englischen – und der europäischen – Sache zu führen: eine Strategie. In der verzweifelten Lage, in der sich England 1940 befand, sollte eine englische Strategie nicht nur auf die Wirkung militärischer Mittel, sondern, mehr noch, auf die Wirkung intelligenter Propaganda bauen. Um seinem englischen Lesepublikum verständlich zu machen, daß er sich zwar in dessen mittlerweile recht pessimistische Stimmung einzufühlen vermochte, ihm aber dennoch einen Weg zum größten englischen Sieg aller Zeiten aufzuzeigen wußte, schlug Haffner in einer Klimax den Bogen vom ersten Kapitel »Wie der Krieg nicht verlorengeht«, in dem er konzedierte, daß die Ereignisse die anfänglichen optimistischen Einstellungen in England widerlegt hätten, bis zum sechsten und letzten Kapitel »Straße zum Sieg«, in dem er vor strategischer Phantasie geradezu sprudelte. Der junge Haffner, der Internierung entronnen, machte sich daran, eine Strategie für das um die menschliche Freiheit kämpfende Europa unter Englands Führung zu entwickeln und die englische politische Führung – Churchill – zu beraten und zu belehren. Sein radikaler Bruch mit dem Deutschland, das unter Hitler auf der europäischen Bühne in der Rolle des Mr. Hyde agierte, seine aufrichtige und gewollte Identifikation mit England, das an der Seite »Dr. Jekylls« – personifiziert durch die deutschen Emigranten – an der Beseitigung »Hydes« arbeitete, und seine Überzeugung, daß der Vernichtungskrieg gegen Hitler-Deutschland notwendig war, drückte sich im kompromißlosen Titel aus, der einem Fanfarenstoß glich: Offensive against Germany. Warum Offensive against Germany und nicht etwa »against Hitler«? Für Haffner war Hitlers Herrschaft nur das deutlichste Symptom des neurotischen deutschen Nationalismus. Hätte er das Buch »Offensive against Hitler« oder »Offensive against Nazism« genannt, dann würde er die Einklei30