WiBuLaus.book Seite 2 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
WiBuLaus.book Seite 3 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Wolfgang Schrรถder Stefan Zundel (Hrsg.)
Regionale Entwicklung der Lausitz Auf der Suche nach einem wirtschaftlichen Profil
be.bra wissenschaft
WiBuLaus.book Seite 4 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.ddb.de abrufbar.
© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2003 KulturBrauerei Haus S Schönhauser Alleee 37, 10435 Berlin info@bebraverlag.de www.bebraverlag.de Umschlaggestaltung: Jürgen Stephan, Grafik Design, Berlin Satz: Eleonora & Michael Haas, Berlin Schrift: Utopia 9,5 pt, VAG Rounded Druck und Bindung: AALEXX Druck, Großburgwedel ISBN 3-937233-07-5
WiBuLaus.book Seite 5 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Inhalt
Geleitwort von Brigitte Klotz
6
Vorwort von Stefan Zundel
8
Einleitung von Wolfgang Schröder
9
Wolfgang Friedrich Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspolitik in der Lausitz
14
Wolfgang Schröder Neue regionalökonomische Theorien und Implikationen für die Regionalpolitik in der Lausitz
56
Uwe Christians Finanzierung von kleinen und mittleren Unternehmen in der Lausitz – Probleme – Zukunftstrends – Lösungsansätze
90
Stefan Zundel unter Mitarbeit von René Linn Auf der Suche nach einem wirtschaftlichen Profil – Regionale Wirtschaftspolitik in der Lausitz
158
Die Autoren
205
WiBuLaus.book Seite 6 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Geleitwort
Ohne Visionen kein wirtschaftlicher Wandel, und einen ökonomischen Aufschwung hat die Lausitz dringend nötig. Die Autoren dieses Buches haben Visionen für die Region. In dem zweijährigen Forschungsprojekt „Regionale Wirtschaftsentwicklung in der Lausitz“ untersuchten sie die Potenziale des Territoriums und kamen zu interessanten Ergebnissen: Hier ist vieles möglich, wenn alle ihre Kräfte bündeln, um Investoren für die Gegend zu begeistern. Es sind gute Voraussetzungen für Industrie- und Gewerbeansiedlungen geschaffen worden. Die Infrastruktur in den Städten und Gemeinden der Lausitz – insbesondere auch in den Gewerbegebieten – hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt. Im Zuge der EU-Osterweiterung in Richtung Polen und Tschechien bieten sich hier im grenznahen Gebiet große Möglichkeiten für Wirtschaftswachstum. Die Kunststoffindustrie in und um Schwarzheide geht mit gutem Beispiel voran. Dort haben sich mehrere Firmen aus dieser Branche auf die Lausitz als Betriebsstandort eingelassen und – so versichern es mir die Unternehmensvertreter regelmäßig bei Gesprächen – es nicht bereut. Die Region hat viele gut ausgebildete Fachleute, auch wenn leider noch immer viele abwandern. Die Fachhochschule Lausitz will diesem Trend entgegenwirken. Die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist auf die aktuellen Bedürfnisse der Industrie abgestimmt. Die Hochschule kooperiert mit gut 100 klein- und mittelständischen Unternehmen und garantiert dadurch ihren derzeit über 3000 Studierenden die Nähe zur Praxis. Beispielhaft dafür sei der duale Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen genannt, den die Hochschule zusammen mit Vattenfall Europe Mining & Generation anbietet. Das fünfjährige Studium wird mit dem Industriemeister Metall und dem Wirtschaftsingenieur-Diplom abgeschlossen. Der Fachhochschule Lausitz kommt darüber hinaus eine wichtige Rolle beim Forschungs- und Entwicklungstransfer zwischen Hochschuleinrichtung und Industrie zu. In gemeinsamen Projekten stellen beide Seiten unter Beweis, dass Wissenschaft und Wirtschaft eine notwendige Verbindung sind, wenn es um die Weiterentwicklung der Region gehen soll. Ich nenne ein ak-
6
WiBuLaus.book Seite 7 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
tuelles Beispiel: Das Verwaltungsgebäude Lausitz von Vattenfall Europe Mining & Generation mit dem Regionalzentrum Ost von Vattenfall Europe Transmission wird auf Grundlage des Entwurfes einer studentischen Projektgruppe aus dem Studiengang Architektur der FH Lausitz unter Leitung von Prof. Dr. Rolf-Rüdiger Sommer gebaut. Erfolge wie diese sind uns Ansporn für weitere gute Projekte mit der Wirtschaft. Ich hoffe sehr, dass sich in den nächsten Jahren weitere Unternehmen in der Region ansiedeln werden. Ich setze große Hoffnungen in die Biotechnologie-Branche auch in der Lausitz. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur hat der Fachhochschule Lausitz dafür 260 neue Studienplätze zugesprochen. Im Zuge dieser Entwicklung könnte ich mir eine dynamische Ansiedlung von Firmen dieser Branche vorstellen. Wichtige Impulse erwarte ich mir zudem vom Netzwerk „Bergbau, Sanierung und Revitalisierung“. Es befasst sich mit der globalen Umweltsanierung und Revitalisierung von Industriebrachen, die in der Lausitz entstanden sind. Netzwerkpartner sind Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus der Lausitz, die Techniken einsetzen, die bei der Sanierung entwickelt wurden. Diese Techniken und Verfahren sind auch außerhalb des Bergbaus einsetzbar und somit international vermarktbar. Damit soll in der Region langfristig zur Wertschöpfung und Arbeitsmarktsicherung beigetragen werden. Den Autoren des vorliegenden Buches möchte ich herzlich für Ihre Forschungsarbeit danken. Für kommende Projekte wünsche ich viel Erfolg. Brigitte Klotz Präsidentin der Fachhochschule Lausitz Mai 2003
7
WiBuLaus.book Seite 8 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Vorwort
Mit dem vorliegenden Buch werden die wichtigsten Ergebnisse des Forschungsprojektes „Regionale Wirtschaftsentwicklung in der Lausitz“, das an der Fachhochschule Lausitz durchgeführt wurde, einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Das Projekt begann 2001 und wurde 2002 abgeschlossen. Die Autoren der Beiträge dieses Bandes sind dem Bundesministerium für Wissenschaft und Bildung (BMBF) und dem Projektträger Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF) zu Dank verpflichtet für die finanzielle Unterstützung, die dem Projekt zuteil wurde. Mit diesen Mitteln konnte eine umfangreiche empirische Befragung der Akteure in der Lausitz durchgeführt und eine Workshopserie mit ausgewählten Akteuren veranstaltet werden – und last but not least hat diese finanzielle Unterstützung auch die Veröffentlichung der Projektergebnisse in Buchform möglich gemacht. Unser besonderer Dank gilt den vielen Akteuren in der Lausitz, die sich um die wirtschaftliche Entwicklung der Region bemühen und die uns Rede und Antwort gestanden haben. Stellvertretend für die vielen, die wegen der großen Zahl hier ungenannt bleiben müssen, seien Frau Dr. Eisenberg von der LMBV, Herr Dr. Knüpfer (Wirtschaftsförderung Zittau) und Herr Richter, Amtsdirektor in Massen, genannt, die uns viele wichtige Anregungen gegeben haben. Wir hoffen, dass wir den vielen Mitstreitern, die uns im Verlaufe des Projektes unterstützt haben, durch diese Veröffentlichung Anregungen geben können, die ihnen in ihrer täglichen und oftmals mühevollen Arbeit der Wirtschaftsförderung eine Hilfe sind. Sollte uns das gelungen sein, wäre das für uns die schönste Form des Dankes für die Zeit und Mühe, die sie auf unser Anliegen verwendet haben. Ferner geht ein Wort des Dankes an Herrn René Linn, dem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Forschungsprojektes, der nicht nur die Workshops perfekt organisiert, sondern auch die empirischen Befragungen organisiert, durchgeführt und ausgewertet hat. Prof. Dr. Stefan Zundel Mai 2003
8
WiBuLaus.book Seite 9 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Einleitung
Die wirtschaftliche Entwicklung der Lausitz ist nach wie vor durch den seit der Wende eingetretenen Strukturbruch gekennzeichnet. Daraus resultieren eine Reihe gravierender sozialer, wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Probleme sowie theoretischer, empirischer und regionalpolitischer Fragen. Die vorliegende Studie liefert einige Antworten, wobei die Ableitung des aktuellen wirtschaftlichen Profils der Lausitz im Zentrum des Interesses steht. Die Lausitz bildet zwar eine historische Einheit und ist im regionalen Selbstverständnis verwurzelt, aber sie ist nicht in einer politisch-administrativen Gebietskörperschaft zusammengefasst. Für das Forschungsprojekt wird sie pragmatisch abgegrenzt: Der brandenburgische Teil der Lausitz, die Niederlausitz, besteht hier aus den nach der Wende gebildeten Kreisen Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz, Spree-Neisse, Dahme-Spreewald und Oder-Spree sowie der kreisfreien Stadt Cottbus; der sächsische Teil, die Oberlausitz, aus den kreisfreien Städten Hoyerswerda und Görlitz sowie den Landkreisen Kamenz, Niederschlesische Oberlausitz, Löbau-Zittau und Bautzen. Diese Einteilung hat Vor- und Nachteile: Einerseits liegen für diese Gebietskörperschaften verlässliche statistische Daten vor, andererseits fällt ein Teil dieser Gebiete in die „Speckgürtel“ von Berlin und Dresden und weist deshalb weitgehend andere regionalökonomische Strukturen auf, als die übrige Lausitz. Auch zwischen der Nieder- und der Oberlausitz bestehen auffallende strukturelle Unterschiede, die über die bloße Zugehörigkeit zu verschiedenen Bundesländern hinausgehen. In der DDR entwickelte sich die Niederlausitz zum Kohle- und Energiezentrum mit der Dominanz des Braunkohletagebaus und seinen vor- und nachgelagerten Betrieben sowie der Glas-, Chemie- und Textilindustrie. Typisch für diese Branchen – mit Ausnahme der Textilindustrie – ist das Vorherrschen von Großbetrieben mit kapitalintensiver Produktion. Der große Arbeitskräftebedarf führte zu Zeiten der DDR zu einer erheblichen Bevölkerungsexpansion. Dagegen ging die Bevölkerungszahl in der
9
WiBuLaus.book Seite 10 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Oberlausitz zurück1. Hier bestanden traditionell Klein- und Mittelbetriebe mit einer – gegenüber der Niederlausitz – diversifizierteren Wirtschaftsstruktur. In der vorliegenden Studie wird die gesamte Lausitz behandelt und – wenn nötig – zwischen der brandenburgischen und der sächsischen Teilregion unterschieden. Die Studie gliedert sich in vier Teilprojekte, denen vier Abschnitte entsprechen: – Kritischer Überblick über die regionalpolitischen Konzeptionen für die Lausitz und deren Umsetzung seit der Wende. – Sichtung aktueller regionalökonomischer Theorien und eine knappe Interpretation der regionalen ökonomischen Entwicklung im Lichte dieser Theorien. – Analyse der finanziellen Lage von Unternehmen in peripheren Regionen und Ansatzpunkte für die Überwindung regionalspezifischer Finanzierungsengpässe. – Ermittlung des aktuellen wirtschaftlichen Profils der Lausitz und der daraus folgenden regionalpolitischen Weichenstellungen. Die wichtigsten regionalpolitischen Konzepte für die Lausitz und deren Umsetzung werden im folgenden Abschnitt zwei vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung behandelt. Die aktuellen Potenziale der Lausitz sind durch die vergangene wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung determiniert, d.h. „pfadabhängig“. Der regionalwirtschaftliche Rückblick skizziert die Entstehung der Ausgangssituation bis zum Jahr 1990, benennt unter anderem die wichtigsten Industriebereiche und Kombinate sowie die Ingenieurschulen und –hochschulen und die öffentliche Infrastruktur. Diese Bereiche umfassten wesentliche Teile des vorhandenen Real- und Humankapitals der Region. Im Zentrum dieses Abschnitts stehen die wirtschaftlichen Veränderungen und die Initiativen, die seit der Wende für die Lausitz entwickelt wurden. Dazu zählen: das Leitbild der dezentralen Konzentration, der Ausbau der Infrastruktur, die Erhaltung „industrieller Kerne“, Existenzgründungsinitiativen, Technologie- und Gründerzentren, regionales und lokales Marketing sowie, als jüngste Initiative, die Förderung wirtschaftlicher Netzwerke.
1 Kowalke, Hartmut (1998): Dresden und Lausitz, in: Elmar Kulke, Wirtschaftsgeographie Deutschlands, Klett-Perthes-Vlg., Gotha und Stuttgart, S.428.
10
WiBuLaus.book Seite 11 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Im zweiten Abschnitt wird die regionalwirtschaftliche Entwicklung der Lausitz im Lichte von drei neueren theoretischen Ansätzen betrachtet: der „Neuen Ökonomischen Geographie“, der Theorie wirtschaftlicher „Cluster“ und der „Neuen Wachstumstheorie“. Die wichtigsten Aussagenzusammenhänge und die charakteristischen Modelle dieser Theorien werden kurz skizziert. Der empirische Teil konzentriert sich auf Determinanten und Prozesse, die von diesen drei Theorien als wesentlich für (regionales) Wirtschaftswachstum herausgestellt werden: die Kosten- und Nachfragekopplungen, das Human- und Realkapital, die zirkulären Prozesse und die Transportkosten. Als wichtigste Einschätzungen werden herausgearbeitet: – Produktivitätssteigernde Kostenkopplungen existieren nur in wenigen Wachstumspolen der Region, jedoch eröffnen sich dort weitere Wachstumschancen. – Nachfragekopplungen sind in der Region relativ gering ausgeprägt; gleichwohl bietet die Nähe zu den Agglomerationen Berlin, Dresden und Leipzig raumwirtschaftliche Vorteile. – Humankapital ist in der Lausitz ausreichend verfügbar, wenn auch nicht in allen beruflichen Qualifikationen, und es unterliegt durch Massenarbeitslosigkeit, Abwanderung und niedrige Geburtenraten einem sich beschleunigenden Erosionsprozess. – Das gewerbliche Produktivkapital und das öffentliche Infrastrukturkapital wurden weitgehend erneuert und lassen gute Produktionsbedingungen erkennen. – Die Transportkosten – im weitesten Sinne – wurden mit der Erneuerung und dem Ausbau der Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur verringert. Dies erleichtert den Zugang zu überregionalen Märkten. Durch den Erweiterungsprozess der EU steigt überdies die wirtschaftliche Nähe zu Polen und auch zu Tschechien. – Die zirkulären Prozesse in der Region laufen dennoch auf eine weitere Schrumpfung der Bevölkerung und folglich auch der wirtschaftlichen Aktivität hinaus. Damit wird der von der Braunkohleverwertung getragene Expansionsprozess der fünfziger bis achtziger Jahre gleichsam umgekehrt – ausgelöst durch die Abkehr von der Braunkohle als dominierendem Rohstoff für die Energieerzeugung und für weitere Veredelungsprodukte. Der finanzwirtschaftliche Teil der Regionalanalyse konzentriert sich auf die finanziellen Probleme der kleinen und mittelständischen Unternehmen
11
WiBuLaus.book Seite 12 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
(KMU) in peripheren Regionen und der Lausitz im besonderen und auf Möglichkeiten, diesen Finanzengpässen entgegenzuwirken. Die KMU der Region klagen in Umfragen über schlechte Finanzierungsbedingungen und Schwierigkeiten bei der Kapitalbeschaffung. Die Gründe für diese Erscheinungen werden untersucht. Sie liegen vor allem in der Informationsasymmetrie, d.h. in den Problemen des Kapitalgebers, die Chancen von (innovativen) Projekten und die Qualitäten von Kapitalnehmern korrekt einzuschätzen, und in der regionalen Wirtschaftsschwäche, von der die Solvenz vieler Unternehmen in der Region bedroht ist. Die daraus resultierenden Finanzierungsengpässe behindern das Wachstum der regionalen KMU, und zwar auch der erfolgreichen. Veränderungen im Bankensektor resultieren aus neuen bankaufsichtlichen Vorschriften – unter dem Stichwort „Basel II“ -, aus der Abschaffung der „Gewährträgerhaftung“ im Sparkassensektor und aus neuen Geschäftsstrategien der großen Banken. Davon wird die Kapitalausstattung der regionalen KMU negativ beeinflusst. Neue Chancen, diesem regionalen Kapitalmangel zu begegnen, bieten innovative Verfahren der Kapitalbereitstellung, z.B. durch regionale Fonds, mittelständische Beteiligungsgesellschaften und die Verbriefung von gebündelten Krediten an KMU. Der abschließende Beitrag analysiert die regionale Wirtschaftspolitik in der Lausitz. Darunter werden die Aktivitäten der regionalen und kommunalen Institutionen verstanden, die sich mit der Pflege des Unternehmensbestandes und der Ansiedlung von neuen Unternehmen befassen. Im weiteren Sinne zählen dazu auch die Großunternehmen, die Flächen in der Lausitz entwickeln und vermarkten. Eine Beschreibung der wirtschaftlichen Situation leitet den Beitrag ein. Sie enthält eine Darstellung der Produktivitätsentwicklung und des Lohnniveaus in den Subregionen der Lausitz. Der Unternehmensbestand der Lausitz wird unter dem Gesichtswinkel auffälliger Konzentrationen auf einzelne Branchen oder Tätigkeitsfelder untersucht. Die vorhandenen Ansätze zur Entwicklung neuer industrieller Kerne werden dargestellt. Die Beschreibung der wirtschaftlichen Situation mündet in ein Standortprofil der Lausitz.
12
WiBuLaus.book Seite 13 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
An diesen Teil schließt sich ein Exkurs zur Debatte um die so genannte dezentrale Konzentration an. Vor dem Hintergrund der jüngeren Forschungsbefunde wird die Frage diskutiert, ob ein effizienter Fördermitteleinsatz eine Verlagerung der Fördermittel von der Peripherie (Lausitz) in das Zentrum (Berliner Speckgürtel bzw. Dresden/Leipzig) verlangt. Anschließend werden vor dem Hintergrund eigener und fremder Befragungen der Unternehmen sowie der handelnden Institutionen die Handlungsfelder der regionalen Wirtschaftspolitik untersucht. Ihre Bedeutung für die Akteure wird gewichtet und in den Kontext einer Ansiedlungsstrategie eingeordnet. Auf der Basis jüngerer Forschungsergebnisse und eigener Interviews werden mögliche Defizite und Handlungsoptionen der regionalen Wirtschaftsförderung gesichtet, bewertet und zu Handlungsempfehlungen weiterentwickelt. Der Schlussteil dieses Abschnitts bündelt die Einzelergebnisse und skizziert die Konturen einer Ansiedlungsstrategie.
Prof. Dr. Wolfgang Schröder Mai 2003
13
WiBuLaus.book Seite 14 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Wolfgang Friedrich
Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspolitik in der Lausitz
Einleitung 1. Ein kurzer Abriss der Wirtschaftsgeschichte der Lausitz von der Wende bis heute 1.1. Die Ausgangssituation 1.2. Charakteristik der Wirtschaftsentwicklung und des Strukturwandels 1.3. Die Wirtschaftsentwicklung prägender Investitionen 1.4. Rolle und Bedeutung der regionalen Wirtschaftsförderung 1.5. Unternehmensgründung 1.6. Wirtschaftssituation in der Region Lausitz im Jahr 2002 1.6.1. Charakteristik der Wirtschaftssituation 1.6.2. Infrastruktur 1.6.3. Kommunikation 2. Regionalpolitische Konzepte 2.1. Das Leitbild der dezentralen Konzentration 2.2. Förderprogramme des Landes Brandenburg 2.3. Örtliche Konzepte 3. Ausblick 4. Verzeichnisse, Anlagen 4.1. Literatur 4.2. Abbildungen 4.3. Tabellen 4.4. Anlagen 4.4.1. Wichtige Internetadressen für die Wirtschaftspolitik der Lausitz 4.4.2. Autobahnen der Lausitz 4.4.3. Gewerbegebiete der brandenburgischen Lausitz im Bereich der Autobahnen (max. 15 km Entfernung)
15 16 16 20 26 28 29 31 31 32 35 36 36 38 41 42 46 46 47 47 48 48 49
4.4.4. Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen 4.4.5. Leitbild „Wirtschaft und Verkehr“
51 53
14
51
WiBuLaus.book Seite 15 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Wolfgang Friedrich
Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspolitik in der Lausitz
Einleitung Das Wirtschaftsprofil der Region Lausitz, bestehend aus der Niederlausitz (Bezirk Cottbus) und der Oberlausitz (Bezirk Dresden), war vor 1989 durch eine regionale Wirtschaftsstruktur geprägt, die vor allem durch die folgenden Branchen gekennzeichnet war: – – – – – – – –
Braunkohlengewinnung und -veredlung (Brikett, Koks, Gas) Elektro- und Wärmeenergieerzeugung Textilindustrie Maschinenbau Glas- und Keramikindustrie Fahrzeugbau Holzverarbeitung Elektrotechnische Industrie
Dieses Wirtschaftsprofil konnte nach der Wende nicht weiter bestehen, es kam zu gravierenden Veränderungen in den einzelnen Branchen und an den verschiedenen Industriestandorten, welche die gesamte Wirtschaftsstruktur der Region Lausitz betrafen. Diese wirtschaftlichen Veränderungen und ihre Auswirkungen sollen im Kapitel 1 dargestellt und die Ergebnisse dieser Entwicklung gewertet werden. Den Prozess der Wirtschaftsentwicklung und -förderung haben regional-politische Konzepte der Länder, Städte und Gemeinden begleitet. Eine Vielzahl von Initiativen, Einrichtungen und Vereinen haben über unterschiedliche Fördermöglichkeiten versucht, die wirtschaftliche Entwicklung der Lausitz zu beeinflussen und zu gestalten. Die Kurzdarstellung der Wirtschaftsgeschichte der Lausitz im Zeitraum 1990 bis 2002 soll an Hand von typischen, exemplarischen Beispielen die aktuellen wirtschaftlichen Probleme sichtbar machen. Denn nur wer die Wirtschaftsgeschichte einer Region unter den konkreten Bedingungen und
15
WiBuLaus.book Seite 16 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Einflüssen kennt, ist in der Lage, Lehren für künftige regional-politische Konzepte zu ziehen. Abschließend werden Ansatzpunkte für die weitere Gestaltung der Wirtschaftspolitik der Region Lausitz durch die Länder Brandenburg und Sachsen vorgestellt.
1.
1.1.
Ein kurzer Abriss der Wirtschaftsgeschichte der Lausitz von der Wende bis heute Die Ausgangssituation
Die Gründung der DDR (Deutschen Demokratischen Republik) im Jahr 1949 und der Beitritt der DDR in den RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) im Jahr 1950 leiteten auch für die Region Lausitz eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung ein, die sich hier vorwiegend auf den Braunkohlenbergbau und die Braunkohlenveredlung konzentrierte. Die Nutzung der Braunkohle wurde sehr stark ausgeweitet, die Grundstoffindustrie und die davon partizipierenden Branchen (Maschinenbau, Instandhaltung, Transportwesen) entwickelten sich überproportional und prägten die Produktions- und Bevölkerungsstruktur der Region. In den nachfolgenden Jahren erfolgte eine kontinuierliche Erhöhung des Anteils der Energieerzeugung der DDR aus der Lausitz: 1989 wurden in der DDR 300 Millionen Tonnen Rohbraunkohle gefördert, davon 65,2% (195,7 Mio. t) in der Lausitz1. Parallel vollzog sich ein Konzentrationsprozess in der Energiewirtschaft, der das Wirtschaftsprofil der Region Lausitz nachhaltig prägte und sich in den folgenden Wirtschaftseinheiten widerspiegelt: BKK Senftenberg (Braunkohlenkombinat), Kombinat Braunkohlenkraftwerke Cottbus, GSP (Gaskombinat Schwarze Pumpe). Wegen der zu geringen Kapazitäten der Zulieferindustrie und um die Betriebe instand zu halten, wurden viele Funktionen, d.h. betrieblich notwendige Tätigkeiten, in die Kombinate integriert, die normalerweise als Fremdleistungen vergeben werden oder aus der Zulieferindustrie kommen. Gleichzeitig führten staatliche Auflagen der Konsumgüterproduktion zur Ausweitung des nicht branchentypischen Bereiches, d.h. bis zu 30% der Beschäftigten waren in einigen Kombinaten den Bereichen Instandhaltung
1 Kulke (1999): Wirtschaftsgeographie Deutschland, S. 420.
16
WiBuLaus.book Seite 17 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
und der Konsumgüterproduktion zugeordnet: So hatte z.B. das BKK Senftenberg auch Aufgaben für die Spielzeug- und Jalousieproduktion zu erfüllen. Zahlreiche wirtschaftspolitische Aktionen wie „Störfreimachung“ oder „Überholen ohne Einzuholen“ trugen letztendlich zur weiteren Ausweitung dieses Sektors und damit zur Verwerfung der eigentlichen Beschäftigungsstruktur der Energiebetriebe bei. Die Wirtschaftlichkeit dieser Bereiche wurde kaum sichtbar, da sie im Ergebnis des Kombinates eine untergeordnete Rolle spielten und auf Grund der staatlichen Auflagen und der Knappheit dieser Güter in der DDR nie zur Disposition standen. Die vorhandene Technologie und das technische Niveau der Braunkohlenförderung und -veredlung erforderten einen hohen Bedarf an Arbeitskräften, die in der Regel alle über eine spezifische Berufsausbildung (Maschinist) verfügten, in der Region in großen, extra errichteten Wohnsiedlungen (Plattenbauten) wohnten (Cottbus, Hoyerswerda, Senftenberg, Lübbenau) und teilweise aus anderen Bezirken der DDR im Laufe der Jahre zugezogen waren. Zum Zeitpunkt der Wende war nicht zu übersehen, dass das industrielle und infrastrukturelle Anlagenvermögen in der Lausitz und z.T. in der Braunkohlenindustrie insgesamt überaltert war und erheblichen technologischen und technischen Rückstand gegenüber dem Weltniveau auf diesem Gebiet aufwies (Technologie der Brikettfabrik, der Kokerei und bei den Instandhaltungsprozessen). Der Zustand des Straßen- und Schienennetzes sowie der Autobahnen (A4, A13, A15) entsprach nicht mehr den Anforderungen einer modernen Infrastruktur. Bedingt durch die hohen Transporterfordernisse für die Braunkohlenbetriebe (Transport der Rohstoffe und der Produkte) war allerdings gesichert, dass an allen Standorten eine entsprechende Straßen- und Schienenanbindung vorhanden war. Die Kombinate verfügten über eigene Schienen- und Straßennetze und interne Kommunikationsmöglichkeiten. Diese geschilderten Bedingungen haben dazu beigetragen, dass in der Region Lausitz ein sehr hoher Beschäftigungsgrad, besonders auch bei Frauen, vorlag: Die Vollbeschäftigung war praktisch gesichert, zeitweise herrschte sogar erheblicher Arbeitskräftemangel, der zur „Dienstverpflichtung“ von Studenten, Angehörigen der Volkspolizei, Volksarmee und staatlichen Verwaltungen für den Einsatz in der Braunkohlenindustrie führte (z.B. Wintereinsätze). Die Einsätze waren nicht immer beliebt, brachten den Studenten aber zusätzliche Einnahmen und gleichzeitig Kaufkraft (Versorgung der zusätzlichen Arbeitskräfte) in die Region. In diesem Zusammenhang lernten diese Einsatzkräfte die Schwere und Härte der Arbeit der Bergleute kennen, was die Wertschätzung der von den Bergleuten geleisteten Arbeit erhöhte. Der Schwerpunkt des Braunkohlenbergbaues und der Energiewirtschaft lag zwar in der Niederlausitz, aber auch in der Oberlausitz hat dieser Indus-
17
WiBuLaus.book Seite 18 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
triezweig seine Spuren hinterlassen, so die Tagebaue Berzdorf und Olbersdorf, sowie das Kraftwerk Völkerfreundschaft in Hagenwerda. Daneben waren in vielen Regionen, Städten und Gemeinden der Oberlausitz und der Niederlausitz Industriezweige und Branchen ansässig, die Zehntausende von Arbeitsplätzen sicherten. Exemplarisch werden für ausgewählte Orte der Oberlausitz und der Niederlausitz die vor 1989 vorhandenen Branchen dargestellt: Tabelle 1: Historischer Rückblick Industrielandschaft Oberlausitz ORT
INDUSTRIEBEREICHE/INDUSTRIEBETRIEBE
Bautzen
VEB Waggonbau (Eisenbahnwagen) VEB Robur (LKW-Herstellung) VEB Perfecta (Papiermaschinenherstellung) VEB Fernmeldewerk (Fernsprechanlagen)
Ebersbach
VEB Oberlausitzer Textilbetriebe (Lautex), über 10.000 Beschäftigte VEB KiWa (Kinderstrickwaren) VEB Wittol (Kerzenherstellung)
Großschönau
VEB FROTANA (Frottierwaren), 1800 Beschäftigte
Görlitz
VEB Waggonbau Görlitz (Doppelstockzüge) VEB Bergmann-Borsig Görlitzer Maschinenbau (Turbinenhersteller) VEB Bekleidungswerk VEB Kondensatorenwerk VEB Feinoptik VEB Süßwarenfabrik Kraftwerk Völkerfreundschaft und Tagebau Berzdorf
Kamenz
Textilindustrie Glas- und Keramikindustrie Maschinenbau
Kirschau
VEB Vereinigte Grobgarnwerke (VEGRO)
Löbau
Textilbetriebe Löbau (VEB Vereinigte Grobgarnwerke Kirschau) Holzindustrie Schuhindustrie Klavierbau ( Marke „Förster“) Zuckerherstellung Teigwarenproduktion Spezialfahrzeugbau Natursteinverarbeitung
Neugersdorf
VEB Textil- und Veredlungsbetrieb Neugersdorf Bekleidungsindustrie Maschinenbau Möbel- und Spiegelindustrie
Pulsnitz
VEB Pulsnitzer Lebkuchen- und Keksfabrik VEB Töpferkunst „Jürgel“ VEB Bandtex ( Zentrum der Bandwebereien der DDR) Blaudruckwerkstatt (einziger Betrieb in der DDR)
Sohland
VEB Formplast VEB Lausitzer Früchtekombinat
Wilthen
VEB Weinbrand (140000 Flaschen pro Tag) VEB Landmaschinen „Fortschritt“
18
WiBuLaus.book Seite 19 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Tabelle 2: Historischer Rückblick Industrielandschaft Niederlausitz ORT
INDUSTRIEBEREICHE/INDUSTRIEBETRIEBE
Cottbus
Bauwirtschaft Elektrotechnische Industrie Maschinenbau Chemische Industrie VEB Textilkombinat Fahrzeugbau
Elsterwerda
Landmaschinenbau
Finsterwalde
Maschinenbau Holzindustrie Schrauben-, Glas- und Textilindustrie Elektrotechnische Industrie
Forst (Lausitz)
Textilindustrie Metall- und Holzverarbeitung
Guben
VEB Chemiefaserkombinat Tuch- und Hutindustrie Maschinenbau
Hoyerswerda
Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe Wohnstadt für Kombinat „Schwarze Pumpe“ und Braunkohlenkombinat
Lauchhammer
Schwermaschinenbau (Kombinat TATKRAFT) Braunkohlenkombinat (Großkokerei, Brikettfabriken) Eisengießerei (Badewannenproduktion, Kunstguss)
Lauta
Chemiewerk (Aluminiumherstellung) Kraftwerk
Lübben
Holzbearbeitung Trikotagenindustrie Pappenindustrie Betonwerk
Lübbenau
Braunkohlenkraftwerk Gemüseanbau und -verarbeitung
Ruhland
VEB Metallleichtbaukombinat
Senftenberg
Braunkohlenbergbau und -veredlung Maschinenbau
Spremberg
VEB Pressstoffwerk Tuchindustrie Technische Bürsten Maschinenbau Ferrolegierungenherstellung
Weißwasser
Zentrum Glasindustrie Maschinenbau Porzellanwerk Gießerei, Brauerei, Ziegelei
Welzow
Kohleveredlung Maschinenbau Glasindustrie
19
WiBuLaus.book Seite 20 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Die Wirtschaft der Lausitz war eng mit den Hochschulen und den Ingenieurschulen der Region durch Praktika, Ingenieurarbeiten, Arbeitseinsätze, wissenschaftliche Untersuchungen und dem Einsatz von Absolventen verbunden. Hier gab es zwischen den Unternehmen und den Hochschulen und Ingenieurschulen Vereinbarungen zum beiderseitigen Nutzen, die durch den Strukturwandel sowohl in der Industrie als auch in der Hoch- und Fachhochschullandschaft seit der Wende nicht mehr wirksam sind. Vor 1989 existierten in der Lausitz nachstehende Ingenieurhochschulen und Ingenieurschulen: Tabelle 3: Ingenieurhochschulen und Ingenieurschulen der Lausitz SCHULEN
ORT
Ingenieurhochschule für Bauwesen
Cottbus
Ingenieurhochschule für Bauwesen
Zittau
Ingenieurschule für Bergbau und Energetik
Senftenberg
Ingenieurschule für Maschinenbau
Bautzen
Ingenieurschule für Bauwesen
Cottbus
Ingenieurschule für Elektronik und Informationsverarbeitung
Görlitz
Ingenieurschule für Textiltechnik
Forst
Ingenieurschule für Glastechnik
Weißwasser
Agraringenieurschule
Cottbus
1989/90 verfügte die Lausitz ganz offenbar über eine funktionierende Wirtschaft, die von der Knappheit an Arbeitskräften, Material und neuen Maschinen, Anlagen und modernen Technologien gekennzeichnet war, die aber unter den konkreten Bedingungen der DDR (z.B. kein privatwirtschaftlicher Zugang zum Weltmarkt, sehr enge Bindung an den RGW, nicht marktgerechte Preise) ein relativ stabiles Wirtschaftsprofil hatte und durch eine umfangreiche Lehrlingsausbildung in großer beruflicher Breite auch den jungen Menschen eine ihren Vorstellungen und Erwartungen entsprechende berufliche Zukunft in der Region garantierte.
1.2.
Charakteristik der Wirtschaftsentwicklung und des Strukturwandels
Mit der Wende in der DDR und den im Einigungsvertrag festgeschriebenen Bedingungen ergaben sich einschneidende Veränderungen in der Lausitz, die bis heute nachhaltige Wirkungen für die Wirtschaft in dieser Region ha-
20
WiBuLaus.book Seite 21 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
ben. In der Lausitz setzte eine wirtschaftliche Veränderung in so kurzer Zeit ein, wie sie sich in der Vergangenheit noch nie vollzogen hatte. Zahlreiche Beiträge (Broschüren, Konzepte, Studien) haben versucht, die Situation zu begleiten und zu kommentieren. Versucht man alle Gedanken und Ansätze zu verdichten und in Kurzfassung zu bringen, kommt man zu nachstehenden thesenartigen Aussagen: Mit der Übernahme des westdeutschen Systems wurde in Ostdeutschland ein Transformationsprozess ausgelöst, der auch zu tief greifenden, einschneidenden Wirkungen in der Lausitz führte. Dieser Transformationsprozess war dadurch bestimmt, dass – ein kompletter Transfer der Institutionen, – ein finanzieller Transfer, welcher die Marshallplan – Gelder, die Westdeutschland einst erhielt, um das Zehnfache und mehr überstiegen hat, – ein umfangreicher Transfer der Eliten getätigt wurden. Damit entstanden für die Wirtschaft der Lausitz über Nacht grundlegend veränderte Bedingungen, die u.a. aus neuen staatlichen Strukturen (Länder, Städte, Gemeinden) und der zentral gesteuerten Treuhand-Privatisierung resultierten. Die Chancengleichheit der Bürger, ausländischer Großunternehmen und Kleinanbieter war beim Treuhandmodell nicht gegeben. Viele in der Lausitz vorhandene Kompetenzen gingen verloren oder wurden so weit zurückgefahren, dass sie nicht überlebensfähig waren. Es ist ein gutes Zeichen, dass es trotz ungünstiger wirtschaftspolitischer Gegebenheiten gelungen ist, einige wichtige industrielle Kerne zu erhalten, zu sanieren, zu stabilisieren und zu modernisieren. Dazu gehören beispielsweise die BASF Schwarzheide, die LAUBAG und die Kraftwerke der VEAG. Einige industrielle Standorte für kleinere und mittlere Unternehmen konnten in reduziertem Umfang erhalten werden, strahlen jedoch keine unmittelbare wirtschaftliche Entwicklungskompetenz für die Region aus und führen oft einen täglichen Kampf ums Überleben. Die Schrumpfung der industriellen Basis in der Lausitz war sehr groß. Das Land Brandenburg weist mit minus 49% die niedrigste Quote in Ostdeutschland auf. Und auch wenn keine gesicherten Zahlen für die Lausitz vorliegen, so kann man doch auch hier von einer Reduzierung um mindestens die Hälfte ausgehen. Damit war eine beispiellose Freisetzung von Arbeitskräften verbunden, die zu der hohen Arbeitslosenrate in der Lausitz entscheidend beigetragen hat. Die wenigen neuen industriellen Anlagen sind durch hohe Arbeitsproduktivität und einen hohen Investitionsaufwand je geschaffenem Arbeitsplatz charakterisiert und bringen keine Entspannung auf dem Arbeitsmarkt.
21
WiBuLaus.book Seite 22 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Im Gegenteil: Durch die gleichzeitige Stilllegung veralteter Anlagen entstehen zusätzliche Freisetzungseffekte. Typisch für die Erhaltung industrieller Unternehmen in der Lausitz ist die BASF Schwarzheide GmbH, die am 25. Oktober 1990 durch die Übernahme des Vorzeigebetriebes der DDR, des Synthesewerkes Schwarzheide, gegründet wurde2. Verdienste erwarb sich die BASF durch die Schaffung von Gewerbeflächen innerhalb ihres Betriebsgeländes für Fremde, die Nutzung der betrieblichen Versorgungseinrichtungen und die unmittelbare aktive Unterstützung bei Aus- und Neugründungen. Trotzdem ist der wirtschaftliche Effekt der Ansiedlung, die Ausnutzung der gebotenen Möglichkeiten – viele Flächen liegen noch brach – zu gering und kann nicht befriedigen. Hier ist Ursachenforschung angesagt, da die Landesregierungen der Meinung sind, wenn die Infrastruktur in der Lausitz verbessert würde, wäre auch der wirtschaftliche Aufschwung in der Lausitz gesichert3. Dabei wäre auch zu prüfen, ob das Angebot an nutzungsfähigen Gewerbeflächen nicht insgesamt zu hoch ist und eine effektive Auslastung auch in Zukunft nicht erreicht werden kann. In der Region Lausitz wurden in den vergangenen Jahren eine Vielzahl wirtschaftlicher Initiativen zur Gestaltung des Wandlungs-, Transformationsund Innovationsprozesses gestartet, wie zum Beispiel die Sächsische und Brandenburgische Initiative InnoLausitz, die Regionale Agenda, die Jugendagentur Arbeit und Zukunft – Fit for Working, die Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH, die Brandenburgische Energie Technologie Initiative (ETI), das Energieressourcen-Institut e.V. Cottbus, das Lausitzer Glaskompetenzzentrum, die Projektgruppe Wirtschaftsförderung im Landkreis OberspreewaldLausitz, die Regionale Agenda Lausitz-Spreewald, das Regionalmanagement für die Brandenburgische Lausitz, das Regionalnetzwerk „Umweltwirtschaft Südbrandenburg“ und die Zukunft für die Lausitz (vgl. http://www.kooperationsnetze.brandenburg.de). Diese zwölf Initiativen reihen sich ein in insgesamt etwa 150 Initiativen und Netzwerke, die im Land Brandenburg registriert sind. Damit wird das eigentliche Problem im Land Brandenburg deutlich: Es gibt eine Vielzahl von Initiativen ohne eine Konzentration der Inhalte, Mittel und Kräfte. Viele dieser Initiativen wurden überwiegend mit Fördermitteln unterschiedlicher Quellen ausgestattet, arbeiten leise vor sich hin oder sind schon längst wieder verschwunden. Den großen Durchbruch schaffte bisher keine. Einer der Gründe ist sicherlich die Zersplitterung der Kräfte und Initiatoren: Die Landesregierungen in Brandenburg und Sachsen stimmen sich bei 2 vgl. Abschnitt 1.3., Seite 26. 3 BASF Schwarzheide GmbH (2000), Entwicklung 1990 – 2000.
22
WiBuLaus.book Seite 23 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
der Lösung der wirtschaftlichen Probleme in der Region kaum ab, es gibt nicht einmal eine gemeinsame Entwicklungskonzeption für die Lausitz. Hinzu kommt die zu geringe Effektivität der einzelnen Maßnahmen, Vorschläge und Projekte. Eine Konzentration der Kräfte und Mittel beider Bundesländer auf Erfolg versprechende gemeinsame Projekte ist dringend erforderlich und muss mit Blick auf die bevorstehende Osterweiterung auch schnell umgesetzt werden. Wissenschaftliche Einrichtungen, Institute und Hochschulen haben sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung in Ostdeutschland und teilweise auch mit der Lausitz beschäftigt. Dabei waren die Auftraggeber die unterschiedlichsten Ministerien, Einrichtungen und Institutionen. Auch hier wird kaum eine Koordination bzw. Abstimmung der Aufgabenstellungen und Ausschreibungen sichtbar, die Ergebnisse sind qualitativ sehr unterschiedlich und für die praktische wirtschaftliche Tätigkeit nur bedingt nutzbar. Auf die wirtschaftliche Entwicklung der Region Lausitz haben sich eine Reihe von Einflussfaktoren ausgewirkt, die noch deutlicher ermittelt werden müssen, um daraus für die weitere Gestaltung des wirtschaftlichen Wandels Konsequenzen zu ziehen. Ein durchaus empfehlenswertes Hilfsmittel könnte dabei die Studie von IAB/DIW im Auftrag der KfW vom November 2001 sein4. Die in der Studie zugrunde liegenden Fragestellungen sind unter Beachtung der spezifischen Bedingungen der Lausitz auch für weitere Untersuchungen relevant: – Mit welchen Wirtschaftszweigen verbinden sich eher günstige und mit welchen eher ungünstige Entwicklungspfade? – Welche Einflüsse hat die Investitionsförderung mit verschiedenen Instrumenten? – Inwieweit liefert die Arbeitsmarktpolitik zusätzliche Impulse? – Wie wirkt sich die Lagegunst von Regionen aus? – Welche Rolle spielen „weiche“ Standortfaktoren? – Lassen sich Effekte der Qualifikationsstruktur der Beschäftigten erkennen? – Wie beeinflusst das regionale Lohnniveau die Entwicklung? – Haben „Leitfiguren“ des öffentlichen Lebens Einfluss auf die Entwicklung? Welche Rolle vermag die Kommunalpolitik zu spielen?5
4 Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (IAB), Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Nürnberg/Berlin, 10.10.2001. 5 ebd., S. 1.
23
WiBuLaus.book Seite 24 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Durch die Landesregierungen Brandenburg und – zu einem geringeren Teil – Sachsen erfolgte in der Vergangenheit eine starke Orientierung auf Tourismus und Freizeitangebote. Typische Beispiele sind das sehr umfangreiche, mit hohem Investitionsaufwand geschaffene Radwanderwegenetz oder der Lausitzring. Beide Objekte haben kaum Dauerarbeitsplätze geschaffen, sind stark saison- und witterungsabhängig und bereiten den Verantwortlichen zunehmend Probleme bei Betrieb, Wartung und Erhaltung. Fast alle optimistisch dargestellten Effekte haben sich letztendlich nicht bestätigt und dadurch die Betreiber in Schwierigkeiten gebracht (vgl. auch Insolvenzantrag Lausitzring). Die Auslastung der Beherbergungskapazität im Land Brandenburg betrug im Jahr 2001 gerade mal 34,5 %. Deshalb hat der Arbeitsminister Ziel des Landes Brandenburg 2001 eine „Qualifizierungsoffensive Tourismus“ gestartet. Mit 2,5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2001 sei die Branche ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Alle bisherigen Ergebnisse in der Lausitz bestätigen diese positive Wertung nicht6. Die IHK Cottbus geht von einem Umsatzrückgang im Jahr 2002 von bis zu 30% gegenüber dem Jahr 2001 aus7. Bei einem Blick in die Reisekataloge der führenden Anbieter TUI, ITS und Neckermann für den Sommer 2003 in Deutschland fällt auf, dass das Angebot für die Lausitz äußerst gering ist: Tabelle 4: Tourismusangebot 2003 ANBIETER
REGION
ANGEBOTE
ART
KAPAZITÄT
Niederlausitz
2 1 2
Hotel Ferienpark Hotel
255 Betten
Oberlausitz ITS
Niederlausitz Oberlausitz
1 1
Hotel Hotel
53 Zimmer 6 Zimmer
Neckermann
Niederlausitz
3 1 2 1
Hotel Ferienpark Hotel Ferienpark
228 Zimmer
TUI
Oberlausitz
80 Betten
91 Zimmer
Die angebotenen Kategorien liegen zwischen 3 und 4. Für die Niederlausitz ist der Familienpark „Senftenberger See“ und für die Oberlausitz der „Trixi Park“ in Großschönau im Angebot. Vermutlich wird die Lausitz touristisch auch in naher Zukunft für die Reiseanbieter keine dominierende Rolle spielen. 6 LR vom 14.06.2002, S. 6. 7 LR vom 07.06.2002, S. 3.
24
WiBuLaus.book Seite 25 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Nach der Wende entstanden in der Lausitz mehrere Technologiezentren. Technologie- und Gründerzentren sind regionale Dienstleistungszentren für kleine und mittlere Unternehmen und Existenzgründer. Sie bieten Hilfe bei der Finanzierung und beim Management von Projekten, eine individuelle Beratung und begleitendes Coaching für Existenzgründer und KMU, die Unterstützung bei der Nutzung von Fördermöglichkeiten, Beteiligungen und anderen Finanzierungsinstrumenten, eine Bereitstellung von Gewerberäumen und bedarfsgerechten Dienstleistungen zu günstigen Konditionen, Qualifizierungs- und Informationsveranstaltungen und erleichtern die Kontaktanbahnung zu Behörden, Institutionen und Wissenschaftseinrichtungen. Die wichtigsten Technologie- und Entwicklungszentren der Lausitz sind in der folgenden Tabelle aufgeführt: Tabelle 5: Technologie- und Entwicklungszentren der brandenburgischen Lausitz ZENTRUM Technologie & Entwicklungszentrum GmbH (CoTEC) Technologie- und Gewerbezentrum Elbe-Elster-GmbH Centrum für Innovation und Technologie GmbH Z.E.I.T Zentrum für Entwicklung, Innovation und Technologie in der Niederlausitz GmbH Lausitzer Technologie Transferstelle - LAUTT
ORT Cottbus (Kolkwitz) Schlieben Guben Schwarzheide Senftenberg
Ein typisches Beispiel ist das Cottbuser Technologie- und Entwicklungszentrum (CoTec) in Kolkwitz. Die Investition zu Anfang der 90 er Jahre von rund 30 Millionen DM wurde zu 90% gefördert. Heute droht das Prestigeobjekt zu verkommen, am 01. August 2002 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet8. Eine ähnliche Situation wird im sächsischen Lauta beim LAUTEC sichtbar. Auch hier gibt es immer stärker werdende Auslastungsprobleme. Umso schwerer sind Vorhaben der LAUBAG zu verstehen, die bei Verlegung des Firmensitzes nach Cottbus in der großen Immobilie in Senftenberg ein Technologie- und Gründerzentrum einrichten wollen. Ähnlich problematisch ist auch die Absicht der Fachhochschule Lausitz zu werten, die in ihrer unmittelbaren Umgebung ein Existenzgründerzentrum durch eine Investition von etwa fünf Millionen Euro schaffen will.
8 Vgl. auch bspw. Lausitzer Rundschau vom 07.06.2002, S. 11.
25
WiBuLaus.book Seite 26 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Auch hier sind konsequente Maßnahmen und Entscheidungen der Wirtschaftspolitik der Länder Brandenburg und Sachsen dringend erforderlich, um eine effiziente Nutzung der bereits vorhandenen Möglichkeiten zu sichern, ehe man sich durch neue Fördergelder zu neuen Abenteuern verführen lässt. Exakte, solide und unabhängige betriebswirtschaftliche Prüfungen und Untersuchungen sind notwendig, um Bestand und Erfolg derartiger Zentren mit hoher Wahrscheinlichkeit zu garantieren. Nach wie vor sind hohe Auslastung und niedrige Betriebskosten der sicherste Garant für einen effizienten Betrieb durch den Betreiber.
1.3.
Die Wirtschaftsentwicklung prägender Investitionen
Nach der Wende bestand in der Lausitz die Notwendigkeit wirtschaftsstrukturelle Voraussetzungen für den Aufbau der neuen Ordnung zu schaffen. Lampert9 charakterisiert die Situation wie folgt: „Diese Aufgabe ist gleichbedeutend mit einer Auflösung der alten sektoralen und Branchenstruktur der Wirtschaft. Diese war das Ergebnis eines jahrzehntelangen Prozesses staatlicher Planung; sie war an der Erfüllung der von der „Partei der Arbeiterklasse“ gesetzten Staatsziele orientiert und abgestellt auf eine von den weltwirtschaftlichen Verflechtungen der nicht sozialistischen Ländern abgekoppelte, auf die Bedürfnisse der Länder des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe , insbesondere der Sowjetunion, ausgerichtete Volkswirtschaft.“ Diese Auflösung der Strukturen hatte gravierende Auswirkungen auf die Lausitz, führte zur Produktionseinstellung zahlreicher Großunternehmen oder bspw. zur Übernahme. des Synthesewerkes Schwarzheide durch die BASF am 25.10.1990. Bis zum Jahr 2000 flossen in das neue Unternehmen BASF Schwarzheide GmbH rund zwei Milliarden DM in den Neubau von acht Anlagen, sowie die Erweiterung und Modernisierung des Polyurethan–Komplexes. Rund 2.300 Menschen finden hier einen zukunftssicheren Arbeitsplatz. Besonders wertvoll war und ist die äußerst günstige Infrastruktur, z.B. die unmittelbare Lage an der Autobahn mit eigener Autobahnabfahrt und ein Eisenbahnanschluss. Die Anbindung an eine Wasserstraße dagegen fehlt. „Diese Investitionen waren das Fundament für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg: Seit 1996 schreibt BASF Schwarzheide schwarze Zahlen“10. Die BASF Schwarzheide entwickelt sich immer mehr zur „Plattform für die Ostgeschäfte des Konzerns“. 9 Lampert (1995): Die Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik, S. 322. 10 BASF Schwarzheide GmbH (2000): BASF Schwarzheide GmbH – Entwicklung 1990-2000, S.9.
26
WiBuLaus.book Seite 27 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Die Stilllegung zahlreicher Kraftwerke wie z.B. Lübbenau, Vetschau und des Kraftwerkes im Kombinat Schwarze Pumpe brachte gleichzeitig gravierende Einschnitte in die Braunkohlenförderung und bei allen von einem Kraftwerk prosperierenden Klein- und mittleren Unternehmen mit sich. Wichtig waren Investitionen der Energiewirtschaft in neue Kraftwerke wie das neue Kraftwerk Schwarze Pumpe, Boxberg und Jänschwalde. Dadurch gab es einen entscheidenden Impuls für die weitere Entwicklung der Tagebaue Jänschwalde, Nochten und Welzow-Süd der LAUBAG. Das Kraftwerk Schwarze Pumpe der VEAG (seit 2002 Vatterfall-Europe) verbraucht z.B. 36000 t/Tag Rohbraunkohle aus dem Tagebau Welzow-Süd, hat eine Kapazität von 1600 MW Elektroenergie (2 × 800 MW-Blöcke) und beschäftigt 317 Mitarbeiter. Für die Errichtung des Kraftwerkes Schwarze Pumpe hat das Unternehmen 4,5 Milliarden DM investiert11. Für die Realisierung regionalpolitischer Konzepte in der Lausitz sind solche Unternehmen wie die LAUBAG und die VEAG, die seit 2002 gemeinsam unter dem Dach Vattenfall-Europe in den Geschäftsfeldern Bergbau & Erzeugung firmieren, unverzichtbar und für weitere Investitionen in der Region von außerordentlicher Bedeutung. Beide Unternehmen konzentrieren ihre Investitionen auf die Erhaltung der Förderfähigkeit der Tagebaue, der umweltschonenden Stromerzeugung aus heimischer Braunkohle und den Betrieb des überregionalen ostdeutschen Stromnetzes. Aus nachstehender Übersicht wird die Größenordnung deutlich: Tabelle 6: Kurzcharakteristik LAUBAG und VEAG* UNTERNEHMEN
LAUBAG VEAG
INVESTITIONEN 2001 MIO DM
MITARBEITER 31.12. 2001
JUGENDLICHE BERUFSAUSBILDUNG
VERBUNDENE UNTERNEHMEN
BETEILIGUNGEN
54,7**
5680
424
5
4
296
5905
650
12
2
* Quelle: http://www.laubag.de und http://www.veag.de. ** Rumpfgeschäftsjahr 2001.
Die Sicherung dieses Potenzials, einschließlich der verbundenen Unternehmen und Beteiligungen, die auch überwiegend in der Lausitz agieren, muss in den nächsten Jahren ein wichtiger Eckpfeiler der Wirtschaftspolitik der 11 Quelle: „Stromerzeugung Schwarze Pumpe“, VEAG Kraftwerke Schwarze Pumpe GmbH, Öffentlichkeitsarbeit.
27
WiBuLaus.book Seite 28 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
Länder Brandenburg und Sachsen sein. Für alle Investitionen in der Region steht immer wieder das Problem der Förderfähigkeit auf der Tagesordnung, wobei die Einordnung in solche Kategorien wie „Fördergebiete mit ausgeprägten Entwicklungsrückstand“ (Zuschüsse bis 50% der Investitionssumme) bzw. „Fördergebiete mit besonders schwerwiegenden Strukturproblemen“ (Zuschüsse bis 43% der Investitionssumme) erreicht wurde bzw. angestrebt wird12. Besonders aktuell ist das Vorhaben der Landesregierung Brandenburg zur Änderung der Förderpolitik im Land Brandenburg, was lt. Aussage des Landrates Holger Bartsch des Landkreises Oberspreewald Lausitz „katastrophale Folgen“ hätte13.
1.4.
Rolle und Bedeutung der regionalen Wirtschaftsförderung
Für die Umsetzung der regional-politischen Konzepte in den Regionen ist die kommunale Wirtschaftsförderung ein wichtiges Glied für die wirtschaftliche Entwicklung. Da zum Zeitpunkt der Wende und der Bildung der Neuen Länder solche Einrichtungen in der Lausitz nicht vorhanden waren, der Strukturbruch praktisch über Nacht über die Wirtschaft der Region hereinbrach, der Europäische Binnenmarkt wirksam wurde und viele Aufgaben plötzlich vor Ort zu lösen waren, die in der DDR auf Weisungsbasis geregelt wurden, kam es zu großen Schwierigkeiten bei der kommunalen Wirtschaftsentwicklung. Die Übertragung der kommunalen Wirtschaftsförderung der alten Bundesländer auf die Kommunen Ostdeutschlands funktionierte oft nicht, da Bedingungen, Organisation und Personalausstattung, also die Rahmenbedingungen der kommunalen Wirtschaftspolitik, nicht oder nur wenig ausgeprägt vorhanden waren. Die bekannten Instrumente der kommunalen Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsförderung wie Gewerbeflächenpolitik, Infrastrukturpolitik und Bestandspflege, Initiierung und Förderung von Standortgemeinschaften, Finanzhilfen und Tarifpolitik, Werbung und Standortmarketing oder Beratung und Dienstleistung konnten in den ersten Jahren kaum wirksam werden, weil fast überall die notwendigen Voraussetzungen fehlten. Hinzu kam als großes Handikap, dass in der Lausitz durch zwei Bundesländer die Wirtschaftsförderung teilweise sehr unterschiedlich organisiert wurde. Die Probleme der kommunalen Wirtschaftsförderung in Ostdeutschland werden bei den Untersuchungen von Icks/Richter deutlich. Am Beispiel des „Amtes für Wirtschaftsförderung der Stadt Cottbus“ wird sichtbar, mit 12 KFW,IAB, DIW (2001): Einflussfaktoren der Regionalentwicklung, S. 5. 13 Tageszeitung „Lausitzer Rundschau“ vom 10.10.2002, S. 5.
28
WiBuLaus.book Seite 29 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
welchen Problemen sich die Wirtschaftsförderung in einer kreisfreien Stadt und einem Oberzentrum des Landes Brandenburg auch in jüngster Vergangenheit auseinander setzen muss14.
1.5.
Unternehmensgründung
Durch die wirtschaftlichen Veränderungen in den Jahren 1989/90 wurde auch das Bestehen der großen Wirtschaftseinheiten in der Lausitz in Frage gestellt. Insbesondere die großen Unternehmen der Kohle- und Energiewirtschaft erwiesen sich mit der vorhandenen Struktur in der sozialen Marktwirtschaft als nicht überlebensfähig. Die Integration der Hilfsprozesse in die Kombinate hatte sich unter den Bedingungen der wirtschaftlichen Entwicklung der DDR als notwendig erwiesen, zeigte sich unter den neuen Erfordernissen aber als Hindernis. Diese Struktur war die Grundlage dafür, dass sehr schnell eine Vielzahl neuer Unternehmen gegründet wurde, so genannte „Ausgründungen“, die sehr unterschiedliche Akteure als Gründer hatten: ehemalige Mitarbeiter der Großbetriebe, Gründer aus den alten Bundesländern und Tochtergesellschaften, die von großen Konzernen getragen wurden. Der Gründungsprozess stützte sich weitestgehend auf die Erfahrungen aus den alten Bundesländern und wurde unter Zeitdruck gestaltet. Für die Entwicklung eines mehrdimensionalen Konzeptes Entrepreneurchip/Gründungsmanagement für diese besondere wirtschaftliche Situation, d.h. den Übergang von Teilen des Volkseigentums in selbständige Unternehmen der sozialen Marktwirtschaft, gab es keinen Vorlauf der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie und Forschung. Erfolgversprechende Gründungsgelegenheiten, die im wesentlichen aus einer Idee und deren potentieller Umsetzbarkeit15 bestehen, waren in dieser klaren und abgegrenzten Form nicht gegeben. Die betrieblichen Anlagen, das Personal und die Führungskräfte waren weitestgehend vorhanden. Die Wirtschaftseinheiten hatten unter sozialistischen Bedingungen bereits Produkte produziert, die zu einem erheblichen Teil auch exportiert wurden. Die eigentliche Problematik lag und liegt in der potenziellen Umsetzbarkeit und hier insbesondere im Absatz und in der Finanzierung. Hinzu kamen spezifische Erfolgs- und Risikofaktoren: In den meisten Fällen reichte das Startkapital nicht aus. Mangelhafte Marktkenntnisse und eine permanente Unsicherheit
14 Anette Icks/Michael Richter (1999): Innovative kommunale Wirtschaftsförderung – Wege – Beispiele – Möglichkeiten, S. 89-91. 15 Michael Dowling/Hans Jürgen Drumm (2002): Gründungsmanagement – Vom erfolgreichen Unternehmensstart zu dauerhaftem Wachstum, S. 13/14.
29
WiBuLaus.book Seite 30 Freitag, 27. Juni 2003 4:27 16
des Marktes (Ostdeutschland, Osteuropa) kam hinzu. Wachstumsstrategien, sowie Ergebnisse der Marktforschung und der Marktplanung lagen zum Zeitpunkt der Gründungen nicht vor. Die Rolle des Wettbewerbes und dessen Intensität war weitestgehend unbekannt und wurde in der Folgezeit ebenso wie das gesamte Gründungsrisiko unterschätzt. Planungshorizonte von drei bis zehn Jahren waren nicht realisierbar, da es meist vom ersten Tag an um das Überleben der Unternehmen ging. Die Folgen von Risikofaktoren bei Neugründungen, die insbesondere in neueren Studien aus Deutschland16 dargestellt werden, durfte man bei den „Ausgründungen“ von vornherein erwarten. Allerdings bestätigte sich hier nicht die Rang- und Reihenfolge, die in den Studien angegeben wird: Die Wirkung der Hauptfaktoren hat sich in der Lausitz folgendermaßen gezeigt: 1. 2. 3. 4. 5. 6.
Finanzierungsprobleme Fehlen eines ausgefeilten Marketings- und Werbekonzeptes zu geringe Vorbereitung und unzureichendes Gründungskonzept Planungs- und Konzeptfehler staatliche Bürokratie und Unvermögen der Verwaltung Zahlungsmoral der Kunden
Aus diesen Risikofaktoren ergaben sich in der Folgezeit zunehmend Probleme bei der Unternehmensführung und bei der Gestaltung einer stabilen Entwicklung der „ausgegründeten“ Unternehmen. Das Konzept der „Ausgründungen“ für Ostdeutschland bietet sich für eine intensive wirtschaftswissenschaftliche Untersuchung an, zumal die Forschungsergebnisse für die weitere Entwicklung dieser in der Regel Klein- und Mittelbetriebe von Bedeutung sein könnten. In der Lausitz existieren im Umfeld ehemaliger großer Kombinate aber auch Beispiele erfolgreicher Unternehmensgründungen im Zeitraum der Wende (1990–1992): 1. Im Umfeld des ehemaligen Kombinates „Schwarze Pumpe“ wurde durch die Fusion von vier Ingenieurbüros die „eta AG“ gegründet. Das IngenieurUnternehmen erbringt Leistungen in den Bereichen Umweltüberwachung, Geotechnik, Bergbau und Sanierungsplanung, Baugrunderkundung und Industriebau. Die eta AG gehört zu den wenigen Firmen in der Welt, die Systeme für Laserscanning bauen und anwenden, hat sich seit
16 Ebd., S. 24–27.
30