Landesklinik Eberswalde (Hrsg.)
Gropius in Eberswalde Der Martin-Gropius-Bau der Landesklinik Eberswalde
be.bra verlag berlin.brandenburg
Das vorliegende Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Historischen Institut der Universität Potsdam und dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv sowie dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum
Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Gropius in Eberswalde : der Martin-Gropius-Bau der Landesklinik Eberswalde / Hrsg.: Landesklinik Eberswalde. – Berlin : be.bra-Verl., 2002 ISBN 3-89809-036-1
© be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg 2002 KulturBrauerei Haus S Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin www.bebraverlag.de E-Mail: info@bebraverlag.de Lektorat: Christian Härtel, be.bra verlag, Berlin Gesamtgestaltung: hawemannundmosch, bureau für gestaltung, berlin Schrift: Walbaum 9,5pt, DIN Mittelschrift Druck und Bindung: Bosch Druck GmbH, Landshut ISBN 3-89809-036-1
Inhalt
Geleitworte Vorwort
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Ilona Rohowski
Vom Verwahren zum Pflegen und Heilen
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Die Eberswalder Anstalt als Zeugnis der Medizin- und Architekturgeschichte Kristina Hübener
Zum Wohl und Wesen vieler Unglücklichen
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Das soziale Engagement der kurmärkischen Stände in Eberswalde Ingrid Fischer
In landschaftlich reizvoller Lage
41
Die Suche nach einem Standort für die neue Irrenanstalt Jens Fehlauer
Der Baumeister Martin Carl Philipp Gropius
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Martin Gropius
Die Provinzial-Irren-Anstalt zu Neustadt-Eberswalde
63
Reprint Klaus Rohlfien
Für zahlende Kranke I. und II. Klasse
99
Das Verhältnis der Stadtgemeinde zur Provinzial-Irrenanstalt
Inhalt
5
Jens Fehlauer
Antworten auf die soziale Frage
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Die Erweiterungsbauten der Landesklinik bis zum Ersten Weltkrieg Christian Donalies, Jens Fehlauer, Kristina Hübener
Von der Irrenanstalt zum sowjetischen Militärhospital
131
Umbauten und Fremdnutzung von 1929 –1990 Herbert Serr/Rossmann + Partner
Vom schlafenden Juwel zur modernen Klinik
145
Der Umbau der ehemaligen Landes-Irrenanstalt Karen Bork
Zwischenräume
157
Die künstlerische Baubegleitung durch Harald Birck Annette Purfürst
Kunst am Bau
169
Der Wettbewerb Angelika Grimmberger
Moderner Klinikbetrieb in alten Mauern
175
Rüdiger Stier
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
181
Martin Bästlein
Die Neurologische Klinik in Eberswalde
185
Landesklinik Eberswalde – Gropius-Bau:
6
Planungsbeteiligte
190
Abbildungsnachweis
191
Die Autoren
192
Inhalt
Geleitwort
Zwischen 1865 und 1914 entstanden auf dem Gebiet des heutigen Landes Brandenburg insgesamt vier provinziale Heil- und Pflegeanstalten, in denen jeweils mehrere hundert psychisch Kranke – entweder zur vorübergehenden Behandlung oder zum dauerhaften Aufenthalt – untergebracht wurden. Alle vier Anlagen blieben im Kern erhalten und stehen inzwischen unter Denkmalschutz. Durch ihr beträchtliches Bauvolumen und ihre architektonische Gestaltung belegen sie eindrucksvoll, dass die Errichtung von Heil- und Pflegeanstalten am Beginn des Industriezeitalters eine wichtige öffentliche Bauaufgabe war. Im vorliegenden Band wird als eine dieser Anlagen die 1865 in Eberswalde fertiggestellte Provinzial-Irrenheil- und Pflegeanstalt ausführlich vorgestellt. Anlass dafür gibt die Wiedereröffnung dieser traditionsreichen Einrichtung als hochmodernes Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Neurologie. Der riesige Gebäudekomplex wurde zuletzt als sowjetisches Militärhospital genutzt und stand dann über mehrere Jahre leer. Im Vorfeld seiner erneuten Inbetriebnahme waren deshalb sehr umfangreiche Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen notwendig. Gemäß dem Status der Anlage als Einzeldenkmal erfolgten sie unter strengen Auflagen und mit kontinuierlicher Begleitung durch die zuständigen Denkmalbehörden. Aus architekturgeschichtlicher Sicht gebührt dem im Stil der Schinkelschule gestalteten Krankenhausbau besondere Aufmerksamkeit wegen seiner frühen Entstehungszeit und seiner typologischen Eigenart. Unter den vier erhaltenen Bauten dieser Art im Land Brandenburg ist er als Einziger im so genannten Blocksystem ausgeführt. Bedeutung besitzt das Ensemble außerdem als Werk des namhaften Architekten Martin Gropius (1824–1880). In seinem Gesamtschaffen war der Eberswalder Anstaltskomplex der erste medizinisch ge-
Geleitwort
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nutzte Bau, was deshalb bemerkenswert ist, weil sich Martin Gropius später als Kapazität auf dem Gebiet des Krankenhausbaus etablierte und maßgeblich an der Weiterentwicklung dieser spezifischen Architekturaufgabe mitwirkte. Der Eberswalder Anstaltskomplex ist nicht nur als baukünstlerisches Erbe bedeutsam, sondern ebenso als beredtes Zeugnis der brandenburgischen Landesgeschichte. Unter anderem erinnert die Anlage an das Wirken der kurmärkischen Stände und deren umfangreiche Tätigkeit auf dem Gebiet der Fürsorge. Zugleich markiert der Bau eine wichtige Etappe in der Entwicklung der Stadt Eberswalde, deren gewerbliches Leben nachhaltig von der neuen Einrichtung profitierte. Darüber hinaus leistete die Anstalt im Verlauf ihres Bestehens wichtige Schrittmacherdienste auf dem Gebiet der Therapie psychisch Kranker. Überregionale Bekanntheit erlangten in diesem Zusammenhang vor allem der erste Direktor der Anstalt, Dr. C. M. F. Sponholz, sowie die späteren Anstaltsleiter Dr. August Zinn und dessen Sohn, Dr. Karl Zinn. Der vorliegende Band soll dazu dienen, dem Leser die vielfältigen Aspekte des geschichtlichen Werdegangs der Eberswalder Einrichtung durch entsprechende thematische Beiträge nahe zu bringen. Gleichzeitig ist es Anliegen des Buches, dem Interessierten einen Einblick in die jüngst erfolgten Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen zu geben und ihm einen ersten Eindruck vom künftigen Charakter des wiedereröffneten Hauses zu vermitteln. Es sei mir gestattet, den beteiligten Institutionen und deren Autoren – besonders zu erwähnen habe ich für ihr außerordentliches Engagement Frau Dr. Kristina Hübener – an dieser Stelle für ihre fundierten Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Einrichtung beziehungsweise zum Prozess der jüngsten Umnutzung zu danken. Ich bin sicher, dass die nun abgeschlossenen umfangreichen baulichen Maßnahmen unter profunder Leitung der Landesbauverwaltung Brandenburg künftig vor allem dem Wohl und der Genesung der Kranken zugute kommen werden. Gleichzeitig hoffe ich, dass dieses bedeutende historische Bauensemble auch unter architektur- und landesgeschichtlichem Blickwinkel stets die ihm zustehende Beachtung finden wird.
Prof. Dr. Detlef Karg Landeskonservator
8
Geleitwort
Geleitwort
Nachdem die russischen Streitkräfte im Jahre 1994 den Gropius-Bau verlassen hatten, stellte sich die Frage, ob und inwieweit das im Jahre 1865 fertig gestellte Gebäude der seinerzeitigen Provinzial-IrrenAnstalt für die bis dahin beengt untergebrachte psychiatrische Landesklinik verwendet werden kann. Nach umfangreichen planerischen Untersuchungen und Abstimmungsgesprächen zwischen Gesundheits- und Finanzministerium war schließlich der Entschluss gereift, das Gebäudeensemble zu einem modernen psychiatrischen Krankenhaus auszubauen und sämtliche Bereiche der Landesklinik hier zu konzentrieren. Entscheidend war hierbei der Gedanke, die dezentrale und zum großen Teil unzureichende Unterbringung in verschiedenen Gebäuden aufzugeben. Das Ziel bestand darin, ein denkmalgeschütztes Gesamtensemble von hohem bauhistorischen Wert mit den Anforderungen eines modernen Krankenhausbetriebes in Einklang zu bringen. Im Verlauf der Planung stellte sich interessanterweise heraus, dass Martin Gropius mit seinen lichtdurchfluteten Gebäuden geradezu ideale Voraussetzungen für die Versorgung psychisch Kranker geschaffen hat. Wenngleich in dem sehr weitläufigen Gebäudekomplex eine gewisse Wegelänge nicht zu vermeiden ist, so sind dennoch sämtliche Bereiche des Krankenhauses unter einem Dach konzentriert. Schließlich zeigte es sich im Planungsprozess auch, dass längere Wege und Aufenthaltszonen nicht nur Nachteile haben, sondern umgekehrt auch räumliche Qualitäten aufweisen, die zu interessanten therapeutischen Möglichkeiten führen können. Insoweit sind Krankenhäuser – zumal solche, in denen psychische Erkrankungen behandelt werden – nicht immer nur nach wirtschaftlichen Kriterien zu beurteilen. Es hat sich gezeigt, dass die ursprünglichen baulichen Konfigurationen auch heute einen hervorragenden Rahmen für die medizinische Arbeit liefern können.
Geleitwort
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Die Projektleitung der Maßnahme lag in den Händen des Landesbauamtes Bernau (bis 2000 Landesbauamt Strausberg). In zahlreichen Planungsbesprechungen und in Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium, dem Finanzministerium, der Klinik sowie dem Landesamt für Soziales und Versorgung sind die Planungsunterlagen von den Architekten Rossmann + Partner Berlin erarbeitet worden. Hierbei wurden alle Pläne intensiv mit den zuständigen Denkmalschutzbehörden abgestimmt. Wegen der Bedeutung der Gesamtanlage war auch das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege regelmäßig beteiligt. Es ist hierbei eine Lösung entstanden, die Bestehendes bewahrt, Neuzeitliches jedoch unerschrocken und mit angemessenem Selbstbewusstsein dagegenstellt. Die Landesbauverwaltung Brandenburg blickt mit einem gewissen Stolz auf die Tatsache, dass ein so bedeutendes und über die Grenzen des Landes hinaus bekanntes Baudenkmal am Rande der Stadt Eberswalde eine neue aktuelle Bestimmung gefunden hat und der Bevölkerung gewissermaßen zurückgegeben wurde. Sie steht – erneut für jeden sichtbar – zu dem Auftrag, die historische Bausubstanz des Landes, die so lange Jahre vernachlässigt war, qualitätsvoll wieder herzurichten, einer gesellschaftlichen Nutzung zuzuführen und damit erlebbar zu halten. Dank gilt allen Beteiligten, insbesondere dem Landesbauamt Bernau, den Architekten, den Freianlagenplanern und den Fachplanern, dem Landesamt für Denkmalpflege, dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen, dem Landesamt für Soziales und Versorgung, der Stadt Eberswalde und nicht zuletzt dem eigentlichen Nutzer, der Landesklinik Eberswalde. Sie hat während der langen Bauzeit sicher einiges erdulden müssen, aber Ergebnis und Akzeptanz zeigen, dass der Ansatz offenbar richtig war. Nach Fertigstellung des letzten Bauabschnittes (der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Radiologie und der Versorgungsbereiche) wird das Gesamtensemble einschließlich des im Norden vorgelagerten Wirtschaftshofes und damit ein Stück Baukultur im Land Brandenburg wieder auferstanden sein.
Christoph Siegler Ministerium für Finanzen des Landes Brandenburg Liegenschafts- und Bauabteilung
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Geleitwort
Vorwort
1869, vier Jahre nach Eröffnung der kurmärkischen Irrenanstalt in Neustadt-Eberswalde, erschien in Berlin ein großformatiges Buch mit dem Titel »Die Provinzial-Irren-Anstalt zu Neustadt-Eberswalde«. Herausgeber war der Architekt Martin Gropius, der u. a. als Professor an der Königlichen Bauakademie zu Berlin wirkte und in den nachfolgenden Jahren mit seinem Kompagnon Heino Schmieden in der bekannten Architektengemeinschaft Gropius & Schmieden den Krankenhausbau in Deutschland wesentlich beeinflussen sollte. Er war der erste, der die Heil- und Pflegeanstalt Eberswalde in Wort und Bild – nicht ganz uneigennützig – öffentlich bekannt machte. Eine Charakteristikum seiner Architektur war die Anwendung der unverputzten Ziegelbauweise. Diese hat er in Eberswalde erstmalig bei einem großen Bauvorhaben eingesetzt. Nicht nur die vorhandenen finanziellen Mittel legten die Ausführung in Rohziegel nahe. Das schlichte Erscheinungsbild ist Ausdruck der Konzeption des Architekten. Der baukünstlerische Anspruch steht hier keineswegs im Vordergrund, er ist den funktionalen Aspekten der Bauaufgabe nachgeordnet. Diese Auffassung geht auf einen Lehrsatz des bekannten preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel zurück. Dort heißt es: »Zweckmäßigkeit ist das Grundprinzip allen Bauens«. Schinkel sah in der konsequenten Verbindung von Zweckbestimmung, Baumaterial und architektonischer Form das Ideal der Baukunst. Martin Gropius hat die Physiognomie der Eberswalder Anstalt aus der Funktion heraus entwickelt. In diesem Sinne steht das Bauwerk mit seiner einfachen, funktionalen Ästhetik in der Tradition des schinkelschen Ideals. Über 130 Jahre später präsentiert sich die heutige Landesklinik Eberswalde einer breiten Öffentlichkeit, nachdem in einer Bauzeit von ca. fünf Jahren dieser ehrwürdige Baukörper wieder als Krankenhaus seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Der Umbau war eine der größten Baumaßnahmen im Land Brandenburg.
Vorwort
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Das vorliegende Buch ist ein Projekt der Landesklinik Eberswalde, das in einer sehr angenehmen und kollegialen Zusammenarbeit mit dem Historischen Institut der Universität Potsdam, dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv sowie dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischem Landesmuseum realisiert wurde. Der Band bekommt eine besondere Bedeutung durch den Reprint der Gropius-Festschrift aus dem Jahr 1869 und den zahlreichen Faksimiles zur Stadtentwicklung sowie der bisher unveröffentlichten Karten und Pläne. Zu danken ist besonders Frau Sell von der Stadt- und Landesbibliothek in Potsdam, Frau Heine aus dem Kreisarchiv Barnim sowie Frau Fischer und ihren Mitarbeitern aus dem Museum in der Adlerapotheke in Eberswalde. Christian Härtel hat als Lektor des be.bra verlages das Projekt mit Umsicht koordiniert und es durch alle Unwegsamkeiten zu einem guten Ende geführt. Mit der Fertigstellung und Inbetriebnahme des Martin-Gropius-Baus ist ein den modernsten Anforderungen entsprechendes Krankenhaus mit einzigartigem historischen Charme entstanden. Die Klinik stellt in dem vorliegenden Buch das Haus und seine Tradition in Bezug zu mehr als einem Jahrhundert Psychiatriegeschichte dar. Gleichzeitig erhält der Leser Kenntnis über die Entstehungsgeschichte der im Jahre 1865 eröffneten Eberswalder Anstalt und erfährt, wie der Umbau zum modernen Fachkrankenhaus vollzogen worden ist. Mit dem vorliegenden Buch gibt die Klinik auch einen Einblick in das aktuelle medizinische Leistungs- und Therapieangebot, denn es wurde schließlich nicht nur ein historischer Baukörper umgestaltet. Die von Harald Birck gefertigten Fotografien geben faszinierende Durchblicke und Ausblicke. Zusammen mit dem historischen Material, dem Konzept des Umbaues, der Rekonstruktion der Architektur und vor allem der medizinischen Nutzung hoffen wir mit dem Buch auch neue Einblicke zu gewähren. Ich wünsche uns einen interessierten Leserkreis über Stadt- und Landesgrenzen hinaus.
Monika Born Verwaltungsleiterin der Landesklinik Eberswalde
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Vorwort
Ilona Rohowski
Vom Verwahren zum Pflegen und Heilen Die Eberswalder Anstalt als Zeugnis der Medizin- und Architekturgeschichte
Entwicklung der Bauaufgabe »Irrenanstalt« im 19. Jahrhundert Noch bis in das 18. Jahrhundert hinein galten Geisteskranke als unberechenbare, die allgemeine Sicherheit gefährdende Individuen, deren strenge Isolierung von den Mitmenschen erwünscht war. Gewöhnlich wurden sie, wenn sie nicht in ihren Familien bleiben konnten, in Armen- bzw. Arbeitshäuser verbracht, oder man sperrte sie kurzerhand in Gefängnisse, wo sie meist bis zu ihrem Tod bleiben mussten. Erst mit der Verbreitung aufklärerischen Gedankenguts ab Mitte des 18. Jahrhunderts rückte das Schicksal dieser Menschen stärker in das Blickfeld des öffentlichen Bewusstseins. Ausgehend von neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und den humanistischen Idealen der Zeit begann man damals vor allem in England und Frankreich, intensiver nach den Ursachen psychischer Erkrankungen zu forschen und sich zugleich kritisch mit der Lage der Betroffenen auseinander zu setzen.1 Zunehmend heftiger abgelehnt wurde insbesondere die Praxis der gemeinsamen Unterbringung von Geistesgestörten und Kriminellen. Gegen Ende des Jahrhunderts mehrten sich auch in Deutschland jene Stimmen, die eine Änderung dieses unwürdigen Zustands durch Errichtung von Anstalten ausschließlich für »Irre« forderten. Auf preußischem Staatsgebiet führte dies 1797 zum Erfolg. Damals wurde von den kurmärkischen Provinzialständen der Beschluss gefasst, ein eigenes »Land-Irrenhaus« für 100 Geisteskranke in Neuruppin zu erbauen. Knapp vier Jahre später, am 1. März 1801, konnte die neue Einrichtung eröffnet werden. Das Neuruppiner »Land-Irrenhaus« hatte Vorbildfunktion nicht nur als erste ausschließlich für psychisch Kranke bestimmte Anstalt in Preußen. Richtungsweisend war ebenfalls die hier verfolgte Programmatik, die man 1801 in einer eigenen General-Instruction2 nie-
Vom Verwahren zum Pflegen und Heilen
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Männerflügel des ehemaligen Land-Irrenhauses in Neuruppin, Schifferstraße 5b, errichtet in den Jahren 1797–1801. Fotografie von Dieter Möller, 1996.
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dergelegt hatte. So sollte die Einrichtung ausdrücklich einem doppelten Zweck dienen, nämlich den Unheilbaren ein »sicherer Aufbewahrungsort«, den Heilbaren aber ein »Krankenhaus« sein. Ferner sollte sich die Anstalt durch eine besonders menschenfreundliche Behandlung der hier Untergebrachten auszeichnen. Vom Personal wurde daher gefordert, auf alle überflüssigen Zwangsmittel zu verzichten und mit den Kranken so schonend wie möglich umzugehen. Ausgehend von den dort gewonnenen Erfahrungen bemühte man sich schon bald an weiteren Orten um eine separate Unterbringung der Geisteskranken. Im Gegensatz zu Neuruppin entstanden anderswo jedoch meist keine Neubauten. Vielmehr wurden in der Regel für diese Anstalten bereits vorhandene ältere Gebäude umgenutzt, ihr baulicher Charakter entsprach daher kaum den speziellen Erfordernissen der Irrenfürsorge. Auch das Neuruppiner »Land-Irrenhaus« zeigte in architektonischer Hinsicht lediglich ansatzweise Merkmale eines eigenständigen Bautyps.3 Wie wenig das dreigeschossige, über L-förmigem Grundriss ausgeführte Gebäude schon kurz nach seiner Eröffnung den Anforderungen der damaligen Irrenheilkunde entsprach, geht unter anderem aus einem Bericht hervor, den der namhafte Irrenarzt Johann Gottfried Langermann anlässlich eines Besuchs in Neuruppin 1810 verfasste.4 Bemängelt wurde darin vor allem die ungünstige Lage der Anstalt innerhalb der Stadtmauer, die Beengtheit des Grundstücks und die unzweckmäßige Bauart des Hauses. Als nachteilig beschrieb er weiterhin das Fehlen von Räumen zum Tagesaufenthalt der Kranken, die zu schmalen und daher zum Wandeln ungeeigneten Flure, die unzureichenden Möglichkeiten zur Trennung der verschiedenartigen Patientengruppen und schließlich das Fehlen einer kontinuierlichen Betreuung durch einen in der Anstalt wohnenden Arzt. Insgesamt verdeutlichen seine Ausführungen, dass zum Zeitpunkt der Visitation die Entwicklung der Irrenheilkunde bereits in eine qualitativ neue Etappe eingetreten war. Wichtige Impulse für den Übergang in diese nächste Phase hatten die schnellen Fortschritte auf therapeutischem Gebiet geliefert. Am
Ilona Rohowski
Beginn des 19. Jahrhunderts gelang es den Ärzten immer besser, die vielgestaltigen Krankheitsbilder zu differenzieren und für einige Leiden geeignete Behandlungsstrategien zu entwickeln. Bei bestimmten Patientengruppen konnten jetzt spürbare Erfolge erzielt werden. Dies bewirkte, dass sich unter den Ärzten allgemein ein großer Optimismus im Hinblick auf die Heilungschancen bei psychischen Erkrankungen verbreitete. Nach Ansicht der Fachleute bedurfte es zur Optimierung der Behandlung aber einer strikt getrennten Unterbringung von heilbaren und unheilbaren Patienten. Deshalb forderte man für die erste Gruppe die Gründung gesonderter, gut ausgestatteter Anstalten. Von staatlicher Seite trug man dem erstmals 1805 Rechnung. Auf Anweisung des Staatsministers Karl August von Hardenberg wurde damals das dem Zucht- und Arbeitshaus in Bayreuth angegliederte Tollhaus in eine »Psychische Heilanstalt für Geisteskranke« umgewandelt.5 Noch im selben Jahr konnte das Gebäude als erste, ausschließlich zur Heilung gedachte Irrenanstalt Deutschlands in Betrieb genommen werden. Leitender Direktor wurde der bereits erwähnte Langermann, der Bayreuth für einige Jahre in eine nach den neuesten Prinzipien der Irrenheilkunde geführte Modellanstalt verwandelte. Während der folgenden drei Jahrzehnte entstanden in Deutschland mehrere große Irrenheilanstalten, in die, gemäß den damaligen fachlichen Überlegungen, ausschließlich als heilbar eingestufte Geisteskranke aufgenommen wurden. Stellvertretend genannt seien nur die Einrichtung Sonnenstein bei Pirna (eröffnet 1811), die Anlage Siegburg in der Rheinprovinz (1824) sowie die Anstalten Hildesheim (1827) und Greifswald (1834). Zu den Haupterrungenschaften dieser neuen Einrichtungen gehörten wesentlich verbesserte hygienische Bedingungen, eine vergleichsweise großzügige Unterbringung sowie vor allem die kontinuierliche Behandlung bzw. Betreuung der Patienten durch Fachärzte und geschultes Pflegepersonal. Hinsichtlich ihrer architektonischen Ausprägung hatten die meisten der neuen Heilanstalten hingegen wenig Spezifisches zu bieten. Teilweise wurden sie in vormals zu anderen Zwecken er-
Vom Verwahren zum Pflegen und Heilen
»Souterrain von dem neuerbauten Land-Irrenhause in der Stadt Neu=Ruppin«. Aquarellierte Federzeichnung von Carl Ludwig Engel, um 1800.
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Älteste Ansicht der Badischen Irrenheil- und Pflegeanstalt Illenau bei Achern. Lithographie, um 1844.
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richteten Altbauten untergebracht, die man nur geringfügig veränderte.6 Bei den wenigen während dieser Phase neu errichteten Heilanstalten orientierte man sich zunächst vollständig am zeitgenössischen Krankenhausbau. Als mustergültig in medizinischer und funktioneller Hinsicht galt damals das im so genannten Blocksystem ausgeführte Korridorkrankenhaus, nach dessen Vorbild man auch die Heilanstalten konzipierte. Sie entstanden in der Regel als mehrflügelige Komplexe, wobei sämtliche Teile baulich direkt miteinander verbunden waren und unter einem gemeinsamen Dach lagen. Innen wurden die Flügel durch lange Flure erschlossen, an denen sich ein- oder beidseitig die Krankenzimmer sowie, dazwischen angeordnet, Räume für das Pflegepersonal reihten. Alle Verwaltungs- und Versorgungsaufgaben wurden in einem zentralen Gebäudeteil untergebracht, zu dem meist auch ein größerer Betsaal oder eine Kapelle gehörte. Für die als unheilbar eingestuften Geistesgestörten änderte sich in dieser ersten Phase der modernen Irrenheilkunde nur wenig. Sie wurden in parallel zu den neuen Heilanstalten entstandene, aber möglichst weit von diesen entfernt gelegene Pflegeanstalten7 abgeschoben, wo sie wie schon zuvor in Zellen untergebracht waren, ohne ärztliche Behandlung blieben und bei Bedarf mittels körperlicher Zwangsmaßnahmen ruhiggestellt wurden. Durch die bald einsetzende ständige Übernahme von nicht therapierbaren Kranken aus den neuen Heilanstalten traten in sämtlichen Pflegeanstalten bald katastrophale Zustände ein. Nicht nur in Fachkreisen wurde diese Situation schließlich als äußerst problematisch empfunden. Aufgefordert von der preußischen Regierung, hier Lösungswege aufzuzeigen, veröffentlichte der junge Arzt Christian Friedrich Wilhelm Roller 1831 eine Untersuchung, in der er die Einrichtung »kombinierter Heil- und Pflegeanstalten«8 anregte. Aus seiner Sicht würde dies zu einer erheblichen Senkung der Unterhalts- und Verwaltungskosten führen und zugleich bestimmte Behandlungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten auch den als »unheilbar« eingestuften
Ilona Rohowski
Irren zugänglich machen. In seiner Schrift entwickelte Roller programmatische Prinzipien für diesen neuen Anstaltstyp. So sollte das Anstaltsgelände stets außerhalb der Stadt liegen. Die Anlage selbst musste eine Unterbringung der Patienten getrennt nach Stand und Geschlecht sowie nach Heilbarkeit und Zurechnungsfähigkeit ermöglichen. Des Weiteren schlug er eine neue, straff hierarchisch gegliederte Verwaltungsstruktur vor, z. B. eine Doppelspitze aus Facharzt und Verwaltungsbeamten. Besondere Aufmerksamkeit fanden seine Ausführungen über die landwirtschaftliche Selbstversorgung, die er als ideales Mittel zur Kostensenkung anpries und zugleich als einen Weg sah, durch sinnvolle Betätigung an der frischen Luft positiv auf den Gesundheitszustand der Patienten einzuwirken. Auf Initiative Rollers kam es 1837– 42 schließlich zur Errichtung der ersten »relativ verbundenen Heil- und Pflegeanstalt« in Deutschland, der Musteranstalt Illenau bei Achern. Während der nächsten drei Jahrzehnte folgten zahlreiche weitere »kombinierte Heil- und Pflegeanstalten«. Die bauliche Struktur der neuen Anlagen wurde nach wie vor vom zeitgenössischen Krankenhausbau bestimmt, jedoch begannen sich die Anstalten jetzt zunehmend durch eigenständige Architekturmerkmale auszuzeichnen. Ursache dafür war, dass die vom üblichen Krankenhausbetrieb abweichenden Bedürfnisse der Irrenfürsorge allmählich stärker Berücksichtigung fanden. So galt es bei diesen
Vom Verwahren zum Pflegen und Heilen
Ansicht der Irrenanstalt zu Schwetz/ Westpreußen (heute Swiecie, Polen). Lithographie, 1854.
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Einrichtungen einen oft länger dauernden oder gar endgültigen Aufenthalt der Patienten zu bedenken. Die Bauart dieser Anlagen sollte ferner, ohne dabei gefängnisartig zu wirken, die sichere Unterbringung und Beaufsichtigung der Kranken und zusätzlich eine Isolierung der »Tobsüchtigen« ermöglichen. In größerem Umfang als bei normalen Krankenhäusern waren hier ferner Aufenthaltsund Bewegungsmöglichkeiten für die körperlich ja überwiegend gesunden Patienten vorzusehen. Als notwendig erwiesen sich getrennte Schlaf-, Speise- und Gesellschaftsräume, großzügige und gut belichtete Wandelkorridore sowie die Anlage von geschlossenen Höfen für die verschiedenen Patientengruppen. Des Weiteren erforderte die aus therapeutischen Gründen angestrebte Einbeziehung der Kranken in die alltägliche Versorgung und den Unterhalt der Anstalt bestimmte Rücksichten bei der Standortwahl und der baulichen Gesamtstruktur, dass heißt die Irrenanstalten mussten außerhalb der Stadt, auf einem für die Feld- und Gartenarbeit geeigneten Gelände errichtet und mit einem eigenen Wirtschaftshof zur Lagerung und Weiterverarbeitung der Produkte ausgestattet sein. Großen Wert legte man auf eine für die Beschäftigung der Kranken besonders günstige Anordnung der Küchen- und Wirtschaftsräume sowie auf eine strikte räumliche Abgrenzung zwischen der Männer- und der Frauenabteilung. Bei fast allen der nach 1840 in Deutschland errichteten »kombinierten Heil- und Pflegeanstalten« fanden diese speziellen Funktionsanforderungen sehr genaue Beachtung. Hinsichtlich ihrer Grundrissgestaltung zeigen die Anlagen dieser Phase deshalb große Ähnlichkeiten. Sie sind zumeist als streng symmetrische Gebäudekomplexe ausgeführt. Anfangs lagen alle Flügel stets unter einem gemeinsamen Dach. Einflüsse aus Frankreich und England führten jedoch um 1850 zu einer Variierung dieses Typs durch ein Auseinanderrücken der Flügel. Sie bildeten jetzt eigenständige Gebäude, wurden aber in Fortführung des bisherigen »Blocksystems« durch überdeckte Gänge untereinander verbunden. Diese Lösung ermöglichte kleinere bauliche Einheiten und damit eine differenziertere Unterbringung der verschiedenen Patientengruppen. Außerdem wurde damit eine gefängnis- oder kasernenartige Wirkung des Gesamtkomplexes vermieden. Frühe Beispiele dieses Bautyps sind die 1854 fertiggestellte »Irrenanstalt« in Schwetz (Westpreußen) und die 1844 – 57 in Nietleben bei Halle errichtete »Landes-Heil- und Pflege-
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Ilona Rohowski
Grundriss der ehemaligen Westfälischen Provinzial-Heilanstalt in Lengerich, errichtet in den Jahren 1862–1865.
anstalt«. Als spätere Vertreter genannt seien die 1862 – 65 bei Lengerich entstandene »Westfälische Provinzial-Heilanstalt« sowie die fast zeitgleich ausgeführte »Kgl. Hannoversche Irrenanstalt« in Göttingen. Auch die Eberswalder Provinzial-Irrenheil- und Pflegeanstalt repräsentiert diesen späteren, abgewandelten Typ. Bei Planung der meisten kombinierten Heil- und Pflegeanstalten gingen die Behörden davon aus, dass mit deren Fertigstellung die Versorgung der Geisteskranken in der jeweiligen Region auf Jahrzehnte hinaus sichergestellt sei. Diese Annahme erwies sich schon bald als Trugschluss. Überall in Deutschland schnellte in den Jahrzehnten nach der Reichsgründung die Zahl der psychischen Erkrankungen enorm in die Höhe. Ursache dafür waren das rasante Bevölkerungswachstum sowie die mit der raschen Industrialisierung und Urbanisierung verbundenen sozialen Spannungen und
Vom Verwahren zum Pflegen und Heilen
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Mittelrisalit des Hauptgebäudes der ehemaligen Landesirrenanstalt in Neuruppin,
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Verwerfungen. Dazu kam, dass sich mit den diagnostischen und therapeutischen Fortschritten der Psychiatrie der Krankheitsbegriff selbst weitete und folglich der Kreis der Behandlungsbedürftigen stetig wuchs. Im Kaiserreich entwickelte sich in ganz Deutschland ein dichtes Versorgungsnetz für psychisch Kranke. Allein in der Provinz Brandenburg entstanden damals neben zahlreichen kleineren, konfessionell oder privat geführten Einrichtungen insgesamt fünf neue Provinzialanstalten, von denen jede stets größer ausfiel als die Vorangegangene.9
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Die Anstalten jener Phase wurden sämtlich im sogenannten Pavillonstil gebaut. Bei dieser Bauweise wurden die einzelnen Abteilungen jeweils separat in einem freistehenden Einzelgebäude untergebracht. Zur Verwaltung und Versorgung des Komplexes diente weiterhin ein gemeinsamer, zentral angeordneter Trakt. Der Pavillonstil setzte sich ab den 1870er Jahren anstelle des Blocksystems im gesamtem Krankenhausbau durch. Grund dafür war die Annahme, dass sich durch die räumliche Trennung eine Ausbreitung von Infektionen leichter vermeiden ließ.10 Für die Aufgabe Irrenfürsorge bot der Pavillonstil weitere Vorteile, wie z. B. bessere Überwachungsund zugleich intensivere Behandlungsmöglichkeiten. Erhebliche Auswirkungen auf den baulichen Charakter der nach 1875 errichteten Irrenanstalten hatten zudem die schon gegen Mitte der 1860er Jahre unterbreiteten Reformvorschläge des Arztes Wilhelm Griesinger. In seiner 1868 erschienenen richtungweisenden Schrift »Ueber Irrenanstalten und deren Weiterentwicklung in Deutschland«11 bemängelte er, dass bei den vorhandenen Anstalten sämtliche Patienten, also frisch Erkrankte, chronische Fälle, Gefährliche und Ungefährliche, Arbeitsfähige und Sieche zusammen in einer Einrichtung untergebracht wurden und legte dar, dass dies für viele der Kranken schädlich und für andere nicht notwendig sei. Er schlug vor, freiere und zugleich billigere Unterbringungsformen einzuführen. Dabei sah er zwei Möglichkeiten: Erstens sollten »Stadtasyle« für nur vorübergehend Erkrankte eingerichtet und zweitens die bisherigen Irrenanstalten auf dem Lande beibehalten werden, allerdings ergänzt durch locker angegliederte Anstaltsteile in Form landwirtschaftlicher Kolonien oder so genannter Familienhäuser für ruhige Geisteskranke. Nützlich wäre dies im Hinblick auf die Behandlung, die durch eine größere Freiheitsgewährung und sinnvolle Beschäftigung positiv unterstützt würde, sowie auch finanziell, da die Geisteskranken durch ihre Arbeit zur Senkung der Betriebskosten beitrügen. Die als zweite Anlage in Neuruppin im Auftrag der brandenburgischen Provinzialverwaltung 1893 – 97 errichtete und in ihrer Grundstruktur bis heute erhaltene Landesanstalt zeigt anschaulich, dass
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Festsaal im Hauptgebäude der ehemaligen Landesirrenanstalt in Neuruppin.
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sich der neue Pavillontypus organisch aus der zuvor üblichen Bauweise entwickelte, in verschiedenen Merkmalen aber deutlich von den älteren Anlagen abwich. Beibehalten wurde vor allem die symmetrische Gliederung der Kernanlage entlang einer neutralen, mit Verwaltungs- und Versorgungsbauten besetzten »Geschlechterachse«. Andererseits rückte man die jetzt oft zahlreicheren Abteilungsgebäude erheblich weiter auseinander und konzipierte sie sämtlich als Solitärbauten, wobei man aber bewusst auf die Ausbildung abgeschlossener Höfe verzichtete. Stattdessen wurde das Areal nun von parkähnlich gestalteten Grünanlagen durchzogenen, die den Patienten größere Bewegungsfreiräume boten. Neu war auch, dass der Direktor der Anstalt sowie die leitenden Ärzte und Beamten nicht mehr wie in der Phase zuvor im zentralen Verwaltungstrakt, sondern in meist villenartig gestalteten Ein- oder Mehrfamilienhäusern am Rande des Anstaltgeländes wohnten. Außerdem war den Anstalten jetzt fast immer ein »offener« Teil in Gestalt einer landwirtschaftlichen Kolonie oder von Pensionärshäusern für bessergestellte ruhige Patienten angegliedert. Völlig überwunden wurde während dieser Phase der Gefängnisbzw. Kasernencharakter, der noch vielen der älteren Einrichtungen angehaftet hatte. In ihrer Formensprache zeigten die Anlagen jetzt eher Merkmale eines Sanatoriums, wozu neben der stark aufgelockerten Grundstruktur des Gesamtkomplexes vor allem die Gestaltung der Gebäude im so genannten Landhausstil beitrug. Durch die Ausbildung von Veranden, Loggien, Erkern und Giebeln sollten die einzelnen Krankengebäude licht und luftig wirken und ein behagliches Heim assoziieren. Der zentrale Verwaltungsbereich erfuhr zumeist eine repräsentative architektonische Aufwertung, wie unter anderem die Anlage von Neuruppin eindrucksvoll belegt. Hier entfaltet das in der Mitte der Längsfront befindliche Hauptgebäude mit seinen großen Sprossenfenstern, dem reich gegliederten Risalit und dem kuppelförmigen Turmabschluss eine nahezu schlossartige Wirkung. Innen setzt sich die aufwendige Gestaltung im Foyer und im prunkvollen Festsaal fort und unterstreicht eindrucksvoll, welche Bedeutung man damals der Irrenfürsorge als staatlich-administrativer Aufgabe beimaß. Erheblichen Einfluss auf die bauliche Entwicklung der nach 1870 ausgeführten Irrenanstalten hatte neben den bereits genannten Faktoren auch die ständig steigende Belegungskapazität und die
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damit verbundene Zunahme von Verwaltungs- und Versorgungsaufgaben. Vielfach entwickelten sich die Einrichtungen zu kleinen »Ortschaften« mit eigenen Anlagen zur Wärme-, Energie- und Wasserversorgung, mit Großküche und Wäscherei, Werkstätten und Gebäuden zur wirtschaftlichen Selbstversorgung sowie mit zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen. Alles in allem hatte sich die Errichtung von Irrenanstalten im Verlauf des Jahrhunderts damit zu einer Bauaufgabe entwickelt, die zwar weiterhin vom Krankenhausbau stark beeinflusst wurde, inzwischen aber eine Reihe typologisch sehr eigenständiger Merkmale aufwies.
Der Bau der Provinzial-Irrenheil- und Pflegeanstalt in Eberswalde Auf dem Territorium der Provinz Brandenburg blieb das 1801 eröffnete »Land-Irrenhaus« in Neuruppin für mehr als sechs Jahrzehnte neben der Sorauer Irrenanstalt die einzige staatlich geführte Einrichtung. Der anfängliche Entwicklungsvorsprung ging damit im Verlauf der Zeit völlig verloren. Zunächst hatte man versucht, den ständig wachsenden Anforderungen der Irrenfürsorge durch kleinere Umbauten und organisatorische Änderungen in der Neuruppiner Einrichtung gerecht zu werden. Jedoch ließen sich die bestehenden räumlichen Voraussetzungen kaum mehr verbessern.12 1855 übernahm der Arzt C. M. F. Sponholz die Leitung des Neuruppiner Irrenhauses, das damals nicht nur in fachlicher und technischer Hinsicht als völlig veraltet galt, sondern inzwischen auch an den Rand seiner Aufnahmekapazität gelangt war. Sponholz regte deshalb erneut eine Erweiterung der Anlage an und erstellte wenig später dazu selbst ein Bauprogramm, das sich zwar an wichtigen Prinzipien der von Roller formulierten Anforderungen orientierte, zugleich aber Lösungen für den ungünstigen innerstädtischen Standort des bestehenden Baus suchte. Datiert ist sein Bauprogramm auf »den 18. Oktober 1860«. Bereits vier Tage später, am 22. Oktober, besichtigte der seinerzeit zuständige Regierungsrat ge-
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Haupteingang des Martin-Gropius-Baus.
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meinsam mit dem Berliner Architekt Martin Gropius »als designierter Baumeister für den vorzunehmenden Erweiterungsbau der vorgedachten Anstalt« die Einrichtung in Neuruppin.13 Wie sich bei dieser Besichtigung und bei weiterer Prüfung zeigte, war eine Erweiterung des bestehenden Baus in Neuruppin mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. So beschloss man, an einem anderen Standort eine komplett neue Anstalt zu errichten. Nach Abwägung bestimmter fachmedizinischer und finanzieller Faktoren fiel die Wahl auf ein Gelände unmittelbar nördlich der Stadt Eberswalde. Als Architekt für den Neubau beauftragte die Provinzialverwaltung Martin Gropius, der sich in Verbindung mit der in Neuruppin zunächst beabsichtigten Erweiterung schon ansatzweise in diese Aufgabe eingedacht hatte. Zugleich bildete man eine aus drei Fachärzten bestehende Kommission14, die das Projekt aus fachlicher Sicht begleiten sollte.15 Anschließend wurde von den Ärzten ein sehr detailliertes Bauprogramm formuliert,16 auf dessen Grundlage Gropius mit den Planungsarbeiten begann. Mit dem Bau der Eberswalder Irrenanstalt wurde 1862 begonnen. Drei Jahre später, am 30.Oktober 1865, konnte die neue Einrichtung ihrem Zweck übergeben werden. Hinsichtlich seiner Lage, Gesamtorganisation und funktionellen Gliederung folgte der entstandene Gebäudekomplex fast vollständig jenen Prinzipien, die Roller 1831 erstmals für den Typ der »relativ verbundenen Heil- und Pflegeanstalt« formuliert hatte. Im Grundriss zeigen sich daher starke Ähnlichkeiten mit anderen während dieser Phase entstandenen Irrenanstalten.17 Hier wie dort bilden alle zugehörigen Gebäude eine baulich zusammenhängende, rechteckige Anlage. Gemäß der Funktionsaufteilung gliederte man dieses Rechteck in vier Zonen. Im vorderen, zur Straße gelegenen Bereich wurden die heilbaren, ruhigen und finanziell gut gestellten Patienten untergebracht. Nach hinten folgten, mit zunehmendem Schweregrad und daher den Blicken der Besucher immer stärker entzogen, die ärmeren ruhigen und unruhigen Patienten sowie schließlich die unheilbaren Fälle. Seinen logischen Abschluss fand dieses Prinzip in der Anordnung der so genannten Tob- oder Isolierhäuser an der hinteren Grundstücksgrenze. Als zweites Gliederungselement diente die Mittelachse, die sich vom Haupteingang bis zum Wirtschaftstor an der hinteren Grundstücksgrenze zog und den Komplex quer in zwei gleich große Hälften teilte. Entlang dieser Achse platzierte man hintereinander das Verwaltungsgebäude, die Anstaltskapelle sowie
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diverse Wirtschafts- und Versorgungsbauten. Sie bildeten zusammen einen zentralen Funktionsbereich und trennten zugleich den Anstaltskomplex in eine Männer- und eine Frauenseite. Beide Seiten begrenzte man spiegelsymmetrisch durch jeweils drei Abteilungshäuser. Diese wurden zwar als eigenständige Bauten ausgeführt, jedoch verband man sie in der bei Heil- und Pflegeanstalten nach 1850 häufiger anzutreffenden Form durch überdachte Gänge, so dass man »von jedem Punkt der Anstalt nach jedem anderen gelangen [konnte], ohne Zwischenthüren öffnen und schließen [und] ohne die Kranken-Abtheilungen [und die] für die Kranken bestimmten inneren Gärten passieren zu müssen«18. Zwischen den Bettenhäusern sind diese »neutralen Korridore«19, wie Gropius sie selbst nennt, relativ kurz. Wesentlich länger zeigen sich jene vom rückwärtigen Flügel zum Wirtschaftstrakt und von dort im rechten Winkel abknickend zum Verwaltungsgebäude führenden Gänge, die früher zugleich als Hofbegrenzung fungierten, da sie die zum Aufenthalt der Patienten gedachte innere Freifläche vollständig gegen den zentralen Verwaltungsbereich abschirmten. Ein Blick auf das äußere Erscheinungsbild der Anlage lässt unschwer erkennen, dass Gropius diese bereits im Bauprogramm geforderten Gänge geschickt als architektonisches Gestaltungselement einsetzte. Durch ihre Ein-
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Abteilungsgebäude mit Standerker der Irrenheil- und Pflegeanstalt Eberswalde.
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geschossigkeit und ihre reizvolle Rundbogengliederung bewirken diese Bauteile im Wechsel mit den zwei- oder dreigeschossig ausgeführten Abteilungstrakten eine spannungsreiche Rhythmisierung des Komplexes. Eine ähnlich auflockernde Funktion erfüllen das mittig aus der Flucht vorgezogene Verwaltungsgebäude sowie die polygonalen Standerker an den Fassaden der Abteilungstrakte. Das Bestreben des Architekten, trotz der gewaltigen Baumassen einen kasernenartigen Eindruck zu vermeiden und dem Gebäudeensemble ein möglichst gefälliges Aussehen zu geben,20 zeigt sich auch in anderen Gestaltungsmerkmalen. So sind sämtliche Gebäude, bis auf die beiden Isolierhäuser, als gelbe Klinkerverblendbauten mit flachgeneigten, schiefergedeckten Walm- oder Satteldächern ausgeführt. Durch ihre hellen, von schmalen roten Ziegelstreifen belebten Wandflächen und ihre weit überstehenden Dachkanten besitzen die Gebäude eine freundliche, fast südländisch-heitere Note. In der Fassadengliederung präsentieren sie sich überwiegend sehr schlicht. Zahlreiche hohe Stichbogenfenster in regelmäßiger Anordnung sowie einfache Sockel- und Traufgesimse gliedern die Wandflächen. Auf jeglichen weiteren Bauschmuck wurde verzichtet, lediglich an den nach außen gerichteten Gebäudeseiten setzen in Zementguss ausgeführte Fensterrahmungen einen zusätzlichen gestalterischen Akzent.21 Das ehemalige Verwaltungshaus ist noch heute durch seine bevorzugte Lage und reichere architektonische Gestaltung als einstiger administrativer und kommunikativer Mittelpunkt der Anstalt erlebbar. Drei große verglaste Rundbogenöffnungen sowie ein darüber befindlicher Balkon mit aufwendigem schmiedeeisernem Gitter betonen straßenseitig die dreieckig übergiebelten Mittelachsen und verweisen auf den hier gelegenen Haupteingang und das dahinter anschließende Vestibül. In dem um einen kleinen Lichthof vierflügelig angeordneten Gebäude befanden sich früher die Aufnahme und die Verwaltung sowie mehrere Empfangszimmer und eine Bibliothek. Außerdem waren in den oberen Geschossen Wohnungen für den Anstaltsleiter und einige Ärzte untergebracht. Zum Hof erstreckt sich der zweigeschossige, von einem Uhrentürmchen bekrönte Kapellenanbau. Er ist entsprechend seiner Funktion in sakralen Bauformen ausgeführt. Im Erdgeschoss befand sich früher ein quer zur Eingangsachse angeordneter, durch gusseiserne Säulen untergliederter Gesellschaftssaal, die Kapelle selbst lag im Obergeschoss.
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Die seitlich der Mittelachse in Hufeisenform gruppierten Abteilungsgebäude ähneln sich in ihrer Außenarchitektur und Binnengliederung stark. Sie sind ausnahmslos in der schon beschriebenen Weise als gelbe Klinkerverblendbauten mit hohem Sockelgeschoss und flachem Walmdach ausgeführt. Sämtliche Fassaden zeigen eine sehr sparsame und angenehm ausgewogene Gliederung. Den vertikalen Aufbau be-stimmen streng axial angeordnete hochrechteckige Fenster sowie risalitartig betonte Gebäudeecken und ein jeweils mittig an der Längsseite platzierter zweigeschossiger Vorbau. Zur horizontalen Gliederung dienen das Sockelgesims sowie die in regelmäßigen Abständen eingefügten Lagen aus roten Verblendern und die markant vorkragenden Dachkanten. Im Innern zeigen die Gebäude das für den Bautyp damals charakteristische einhüftige Grundschema mit langen Seitenkorridoren, daneben aufgereihten Krankenzimmern und je nach Stand und Pflegebedürftigkeit der Patienten in größerer oder kleinerer Zahl eingefügten Wärterzimmern. Jeweils mittig befindet sich pro Etage ein großer Gesellschaftsraum, der nach außen als polygonaler Standerker in Erscheinung tritt. Noch stark an jene Verwahranstalten des 17. und 18. Jahrhunderts erinnern die eingeschossigen, aus roten Ziegeln errichteten Isolierhäuser im rückwärtigen Bereich der Anlage. Die beiden winkelförmigen Baukörper umfassten jeweils 12 Zellen, welche sich einseitig entlang des Flures reihten. Im Eckbereich wurde der Flur durch ein Wärterzimmer unterbrochen. Ursprünglich unterstrichen die hoch gelegenen kleinformatigen Fenster den gefängnisartigen Charakter dieser Bauten. Heute ist der einstige Zweck beider Gebäude jedoch kaum noch zu erkennen. Das Erscheinungsbild des Anstaltskomplexes wurde früher wesentlich von den begrünten Freiflächen vor und zwischen den Gebäuden mitgeprägt. Wie bei der Anordnung der Baulichkeiten erfolgte auch deren Gestaltung nach einer streng axialsymmetrischen Gesamtkonzeption. Die vor den Krankentrakten befindlichen,
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Fenster im Tobhaus. Fotografie von Harald Birck, 2000.
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relativ schmalen Geländestreifen waren als Rasenflächen angelegt, die von einem System geschwungener Wege durchzogen und entlang der Grundstücksgrenze von hohen Hecken gesäumt wurden. An markanten Stellen belebten Bäume oder Strauchgruppen die Ansicht. In den Höfen bestimmten rechteckig begrenzte, durch Wege in geometrische Formen untergliederte und ebenfalls durch Bäume und Sträucher punktuell betonte Rasenflächen das Bild. Auf einem Rasenrondell vor dem Verwaltungshaus befand sich ein Springbrunnen, der die Hauptachse des Gesamtkomplexes zusätzlich akzentuierte. Von den ursprünglichen Anlagen haben sich lediglich Teile des alten Wegeschemas sowie Reste des Rondells erhalten. Der Eberswalder Anstaltskomplex galt zum Zeitpunkt seiner Eröffnung als ein nach modernsten Gesichtspunkten konzipierter Bau. Hinsichtlich der technischen und hygienischen Ausstattung entsprach er voll und ganz dem damaligen Entwicklungsstand. Viele der hier verwirklichten Lösungen fanden später Nachahmung bei der Errichtung anderer Provinzial-Irrenanstalten. In seiner Binnengliederung, Gebäudeanordnung und Grüngestaltung zeigte der Komplex große Ähnlichkeit mit anderen Irrenheil- und Pflegeanstalten dieser Periode.22 Als deren auffälligstes gemeinsames Merkmal ist die frappierend an barocke Schlossanlagen erinnernde Regelmäßigkeit des Gesamtgrundrisses anzusehen, die aber primär keineswegs auf besonderen baukünstlerischen Gestaltungsabsichten beruhte. Zu werten ist diese Symmetrie vielmehr als getreuliches Abbild der seit Mitte des 19.Jahrhunderts üblichen inneren Anstaltsorganisation. Benötigt wurde, entsprechend dem damaligen Erkenntnisstand der Irrenheilkunde, ein baulich und funktional streng gegliederter »Organismus«, der die Trennung der verschiedenen Patientengruppen erleichterte und damit ein optimales Maß an therapeutischer Wirksamkeit garantierte. Die Eberswalder Anlage spiegelt dieses Konzept beispielhaft wider. Bereits wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung gewannen jedoch neue fachtheoretische Ansätze an Bedeutung. Ziel der Behandlung war es nun, jedem Patienten möglichst den Freiraum zu geben, den er für eine Besserung seines Zustandes benötigte. Kriterien wie »heilbar« und »unheilbar« traten damit in den Hintergrund. Zwar wurde die Klassifizierung der Anstaltsinsassen nach Art und Schwere ihrer Krankheit im wesentlichen beibehalten, jedoch besaß dieser Aspekt nicht mehr so hohen Stellenwert wie
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zuvor, was sich auch in der baulichen Struktur der Einrichtungen niederschlug. Bedingt durch den kurz nach ihrer Fertigstellung erfolgten Paradigmenwechsel blieb die Eberswalder Anlage das einzige Beispiel einer nach dem älteren Muster errichteten Irrenanstalt auf dem Territorium der Mark Brandenburg. Von den jüngeren Nachfolgeeinrichtungen unterscheidet sie sich nicht nur durch die strenge Regelmäßigkeit der Gesamtstruktur und die kompakte Bauweise im Blocksystem, sondern auch durch eine Reihe weiterer architektonischer Merkmale. So erfolgte hier beispielsweise noch die Ausbildung von Isolierhäusern, die sich mit Ausbreitung des so genannten »no-restrain-system«23 bei späteren Anlagen kaum mehr finden. Kennzeichnend für eine Entstehungszeit vor 1870 ist ferner, dass die Wohnungen des Direktors und der leitenden Angestellten noch im zentralen Verwaltungsteil der Anstalt lagen. Innerhalb der gesamten Baugattung »Krankenhaus« nimmt der Eberswalder Komplex zudem einen sehr gewichtigen Rang ein, denn er gehört zu den ganz wenigen erhaltenen Anlagen, in deren Architektur sich Merkmale des älteren Korridortyps mit Elementen der später üblichen Pavillonbauweise verbinden und die daher als Bindeglied den Übergang zwischen zwei wichtigen Phasen im Entwicklungsgang dieser Bauaufgabe besonders anschaulich dokumentieren. Auch durch seine stilistische Formensprache gibt sich der Anstaltskomplex als Bauwerk aus der Phase vor 1870 zu erkennen. Im architektonischen Erscheinungsbild lässt er sich unschwer der Berlin-Potsdamer Schinkelschule zuordnen. Kennzeichnende Merkmale dafür sind vor allem die Materialwahl (Verblendziegel), die klare Gliederung der Fassaden und deren charakteristische Belebung durch farbig abgesetzte, waagerechte Ziegelstreifen sowie die Verwendung bestimmter Architekturmotive (Rundbogen, Dachüberstand). Im Gesamtschaffen des Architekten Martin Gropius nimmt die Eberswalder Anstalt einen besonderen Stellenwert ein. Ihre Errichtung hatte ihm beste Gelegenheit geboten, sich mit den Besonderheiten dieser Bauaufgabe vertraut zu machen, was sich für seine bald umfangreiche Tätigkeit auf dem Gebiet des Krankenhausbaus als sehr nützlich erwies.24
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1 Eine Vorreiterrolle spielte dabei der französische Arzt Pinel (1745–1826), der erstmals Grundsätze für das wissenschaftliche Studium der Geisteskrankheiten und für deren effektive Behandlung aufstellte. 2 General-Instruction für das Land-Irrenhaus zu Neu-Ruppin vom 29. Januar 1801. Vgl. GStA PK Gen.Dir. – Kurmark, Tit. CCII, Sect. c, Nr. 26 Vol. II, Anhang. 3 Eine ausführliche Darstellung und Würdigung des Bauwerks gibt Christof Baier in seinem Beitrag: Neuruppin, Das »Land-Irrenhaus« (1796 –1801), in: Brandenburgische Denkmalpflege, Jg. 9, H. 1, Berlin 2000, S. 66 – 77. 4 Vgl. dazu Karen Bellin, Der Aufbau des medizinischen Betreuungssystems für psychisch Kranke in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der ersten Kurmärkischen IrrenAnstalt in Neuruppin 1801–1865, Habil.Schrift, Leipzig 1990, S. 51– 55. 5 Vgl. Dieter Jetter, Geschichte des Hospitals, Bd. 2: Zur Typologie des Irrenhauses in Frankreich und Deutschland (1780 –1840), Wiesbaden 1971, S. 119 f. 6 Die Anstalt »Sonnenstein« wurde beispielsweise in einem ehemaligen Schloss eingerichtet, für andere wurden häufig ehemalige Klosteranlagen umgenutzt. 7 Zu den im Text genannten Heilanstalten entstanden jeweils die Pflegeanstalten Schwabach (1805 ?), Colditz (1829), Andernach (1835), Hildesheim (1833), Stralsund (1842). 8 Christian Friedrich Wilhelm Roller, Die Irrenanstalt nach allen ihren Beziehungen, Karlsruhe 1831. 9 Sorau (1812/1878), Landsberg (1888), Neuruppin (1897), Teupitz (1908), Brandenburg-Görden (1914). 10 Vgl. dazu: Axel Hinrich Murken, Das deutsche Baracken- und Pavillon-Krankenhaus von 1806 –1906, in: Studien zur Krankenhausgeschichte, Göttingen 1976, S. 71–104. 11 Wilhelm Griesinger, Ueber Irrenanstalten und deren Weiterentwicklung in Deutschland, Berlin 1868/69. 12 Vgl. den Beitrag von Kristina Hübener in diesem Band.
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13 Vgl. Dieter Jetter, Geschichte des Hospitals, S. 134. 14 Vgl. Rudolf Schmidt, Die Geschichte der Stadt Eberswalde, Bd. 2, S. 272. Der Kommission gehörten die Ärzte C. M. F. Sponholz (seinerzeit Direktor der Neuruppiner Irrenanstalt und später erster Direktor in Eberswalde), Heinrich Laehr (Begründer und Leiter der privaten Berliner Irrenanstalt ›Schweizerhof‹) und C. F. Flemming an. 15 Noch vor Beginn der konkreten Planungen besuchten die Ärztekommission und Gropius gemeinsam verschiedene andere Irrenanstalten in Deutschland und der Schweiz. Welche Anstalten 1862 von ihnen besucht wurden, ist bislang nicht bekannt. 16 Vgl. Martin Gropius, Die ProvinzialIrren-Anstalt zu Neustadt-Eberswalde, Mit 13 Kupfertafeln und 14 in den Text eingearbeiteten Holzschnitten, in: Zeitschrift für Bauwesen, 19. Jg, Berlin 1869, S.147–194 (siehe den Reprint in diesem Band). 17 Ähnlichkeiten bestehen vor allem zu den Heil- und Pflegeanstalten Halle-Nietleben (eröffnet 1844), Allenberg bei Wehlau (eröffnet 1852) sowie zu der fast zeitgleich entstandenen Anlage in Göttingen (eröffnet 1866). 18 Vgl. Martin Gropius, Die ProvinzialIrren-Anstalt zu Neustadt-Eberswalde, Mit 13 Kupfertafeln und 14 in den Text eingearbeiteten Holzschnitten, S. 174. 19 Ebd., S. 174. 20 Ebd., S. 182. 21 Ebd. Auf diese Rahmungen aus Zementguss geht Gropius in seinem Text recht ausführlich ein, wobei er vor allem deren baukünstlerisch günstige Wirkung besonders hervorhebt. 22 Neben den bereits im Text bzw. unter Anm. 17 genannten Anlagen sei noch die Landes-Heil- und Pflege-Anstalt Hildburghausen von 1866 erwähnt. 23 Dieses Konzept forderte, bei der Behandlung psychisch Kranker auf jegliche Zwangsmittel, also auch auf die gefängnisartige Absonderung von stark unruhigen Patienten, zu verzichten. 24 Vgl. den Beitrag zu Martin Gropius von Jens Fehlauer in diesem Band.