Skip to main content

Diepensee (Leseprobe)

Page 1

Einzelverรถffentlichungen der Brandenburgischen Historischen Kommission e.V., Band VII


Udo Haase Michael Pilz (Hrsg.)

Diepensee Ein Dorf siedelt um

be.bra wissenschaft verlag


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2003 KulturBrauerei Haus S Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin www.bebraverlag.de info@bebraverlag.de Umschlaggestaltung: gold, berlin Satz: Eleonora & Michael Haas, Berlin Schrift: Stone Serif 9,5 pt, Stone Sans Druck und Bindung: Bosch Druck, Landshut ISSN 1612-0841 ISBN 3-937233-03-2


Inhalt

Vorwort von Udo Haase und Michael Pilz

7

Bernd Fischer

Die ur- und frühgeschichtliche Besiedlung

11

Friedrich Beck

Das Teltowdorf im Besitz lokaler Adelsgeschlechter (1348 – 1600)

17

Wolfgang Rose

„Eine wüste Feldmark“ Die Gemarkung im 17. Jahrhundert

33

Wolfgang Rose

Wiederbesiedlung mit Hindernissen Diepensee im 18. Jahrhundert

45

Wolfgang Rose

„…ein einsahmes Rittergut…“ Agrarreformen und Schulproblem im 19. Jahrhundert

63

Wolfgang Rose

Schwieriger Weg in die Moderne Diepensee und das 20. Jahrhundert

83

Udo Haase und Ralf Kunkel

Umbruch und Neubeginn Von der Wiedervereinigung bis zur Umsiedlung

123


Diepenseer geben Auskunft Acht Portraits aufgezeichnet von Alexander Remler

Anhang Die urkundlichen Belege von Friedrich Beck

141

Erläuterungen zu den urkundlichen Belegen

148

Quellen- und Literaturverzeichnis

154

AbkĂźrzungsverzeichnis

156

Abbildungsnachweis

158

Die Autoren

159


Vorwort

Die Gemeinde Diepensee im Amt Schönefeld siedelt um. Sie wird es in ihrer jetzigen Form bald nicht mehr geben. Beim Bau des neuen Flughafens Berlin Brandenburg International wird dort, wo das Dorf lag, ein riesiger Parkplatz zwischen den Abfertigungsgebäuden des Airports entstehen. Damit wird Diepensee wieder in einen Zustand versetzt, in dem es sich über lange Zeiträume seiner Geschichte, wenn auch aus ganz anderen Gründen, befand: Schon im Jahre 1375 heißt es über den Ort „pro nunc desertum“ („zur Zeit wüst“) und fast vier Jahrhunderte später, am 20. Januar 1754, „Die … wüste Feldmark, Diepensee genannt“. Noch im Jahr 1850 beschreibt der evangelische Geistliche Wapler die Siedlung in kürzester Form mit den Worten: „Diepensee, ein einsahmes Rittergut, eine Stunde von Selchow gelegen“. Von dieser Geschichte handelt das vorliegende Buch. Die Autoren der nachfolgenden Beiträge gehen der Frage nach, warum das Interesse an der alten Dorfstätte – obwohl sie so lange unbesiedelt war – über Jahrhunderte nicht erlosch. Geschichte hat etwas mit Geschehenem zu tun. Damit wir es als Geschichte bezeichnen, bedarf es jedoch mindestens zweier Voraussetzungen: Zum einen müssen Menschen beteiligt sein. Sie lassen etwas geschehen, ihr eigenes Handeln wird Geschichte oder etwas geschieht mit ihnen, eine fremde Macht – sei es die Natur, seien es andere Menschen – greift in ihr Leben ein. Zum anderen müssen Spuren des Geschehens zurückbleiben – Reste von Behausungen, archäologische Funde oder ein Blatt Papier in einem Archiv. Erst aus solchen Überbleibseln der Vergangenheit rekonstruieren wir das Geschehene, die Geschichte. Was aber, wenn anscheinend nichts geschieht an dem Ort, dessen Geschichte erzählt werden soll – jedenfalls nicht in dem beschriebenen Sinn? Vielleicht lassen sich Traditionslinien erkennen, die man im Verlauf der Erzählung immer wieder wie Halteleinen packen und an denen man sich durch die verschiedenen Zeiten hangeln kann? Als Antwort soll ein Beispiel dienen: die Beteiligung von Einwohnern Diepensees am jeweiligen Rechtssystem. Wir werden sehen, dass die erste Nachricht über Diepensee genau davon handelt. Ein Mann namens Jacob Dypense, dessen Name wahrscheinlich auf seinen Herkunftsort hindeutet, wird als 7

Ehemalige Gemeindeverwaltung in Diepensee.


Zeuge in einem Rechtsakt herangezogen, es geht um einen Kaufvertrag. Wahrscheinlich war Jakob nicht irgendein Bewohner von Dypense, sondern jemand, der über eine gewisse Reputation verfügte – vielleicht der Dorfschulze. Das war am 23. März 1348. Und nun der Versuch, eine Tradition zu konstruieren: Am 12. April 1961 wird die Ernennungsurkunde für Walter Kurth, den Bürgermeister von Diepensee, zum Schiedsrichter beim Zentralen Staatlichen Vertragsgericht der DDR ausgeschrieben. Die Vorgänge differieren in der Form – das eine geschah im Mittelalter, das andere in der Neuzeit – aber der Inhalt ähnelt sich verblüffend; der jeweilige Gemeindevorsteher Diepensees nimmt aktiv am Rechtsgeschehen seiner Gesellschaft, nicht nur seines Dorfes teil und das Spezialgebiet, auf dem er tätig wird, ist das Vertragsrecht. Doch da ist keine Linie zwischen den beiden Punkten, die im Abstand von mehr als 600 Jahren sozusagen die historische Feldflur von Diepensee markieren. Jacob ist nicht nur der erste (mögliche) Einwohner und vielleicht auch Amtsinhaber, der uns begegnet, sondern zugleich bis ins 18. Jahrhundert der letzte. Einen Ortsvorsteher gab es überhaupt erst wieder seit 1928, also lange nach der Wiederbesiedlung. Von Tradition keine Spur, nur von einer zufälligen Parallelität der Ereignisse, die einen gewissen Kuriositätenwert hat und deshalb erwähnenswert ist, aber keine Basis für Geschichtsschreibung. Es gibt ein immer wiederkehrendes Element in der Überlieferung, und das ist der Wechsel bzw. die Weitergabe des Besitzes von Diepensee. Dokumente dazu finden sich, mehr oder weniger häufig, aus allen Epochen. Daraus ergibt sich eine gewisse, zeitlich bestimmte Struktur: Zuerst hat dieser Diepensee oder Anteile daran besessen, dann jener und danach ein dritter. Diesem Muster werden vor allem die Texte von Friedrich Beck und Wolfgang Rose über die Zeit zwischen 1348 und 1989 folgen. Anders ist die Quellensituation für Bernd Fischer, der sich in seinem Beitrag über die Ur- und Frühgeschichte nicht auf schriftliche Überlieferungen stützen kann und ebenso für Udo Haase und Ralf Kunkel, die über die unmittelbare Vergangenheit berichten. Eine weitere Schwierigkeit, die Geschichte Diepensees zu schreiben, besteht in seiner Siedlungsform nach der Wiedergründung im 18. Jahrhundert. Aus dem Vorwerk eines Rittergutes und aus einer Kolonie neu angesetzter „kleiner Ackerwirte“ entwickelte sich Diepensee zu einem eigenen Rittergut. Güter waren eine typische Form der landwirtschaftlichen Produktion in den Gebieten Deutschlands östlich der Elbe. Die darauf basierende Agrarverfassung – also die Art und Weise, wie die ländlichen Verhältnisse organisiert waren – nennt man Gutsherrschaft, denn es handelt sich tatsächlich nicht nur um ein Modell von Landwirtschaft, sondern darüber hinaus um ein Herrschaftsverhältnis. Im Text wird auf einige Bedingungen, die zu seiner Entstehung führten und auf Auswirkungen für die betroffenen Men8


schen eingegangen. Die auf den Gütern lebende und arbeitende Bevölkerung – vom sozialen Status her noch unter den selbstständigen oder teilselbstständigen Bauern angesiedelt – war von Besitzrechten und damit auch von politischen Partizipationsmöglichkeiten weitgehend ausgeschlossen. Die Gutsbesitzer wohnten nicht in jedem Fall auf ihren Gütern, sei es, dass sie es vorzogen in einer Stadt zu residieren, sei es, dass sie mehrere Landwirtschaftsbetriebe besaßen und nur einer davon als Wohnsitz fungierte. Auch die Besitzer von Diepensee, die Adelsfamilien der Flans, der von Britzke oder der von Schlaberndorf, lebten nicht hier. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die gefundenen Quellen selten – am Anfang gar nicht – aus dem Ort selbst stammen, sondern einen Blick von außen reflektieren. So auch der eingangs erwähnte Brief des Predigers Wapler, der übrigens voller Mitleid für die dort lebenden Menschen ist. Er nennt Diepensee „einsam“, und damit ist ein Grundthema dieses Buches angesprochen. Der Begriff „wüst“, wie er für Diepensee zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert immer wieder benutzt wird, bedeutet im damaligen Verständnis „menschenleer“, „unbesiedelt“, letztendlich „einsam“. Unter Einsamkeit wird hier jedoch nicht nur die Abwesenheit von Menschen oder räumliche Abgeschiedenheit verstanden, sondern auch das Abgeschnittensein von der Möglichkeit, auf die Entscheidungen Einfluss zu nehmen, die einen selbst betreffen. Letztlich zeigt sich das eben darin, dass über lange Zeit kein Diepenseer zu Wort kommt, zu einem Wort jedenfalls, das überliefert worden wäre. In der jüngsten Vergangenheit änderte sich an diesem, über Jahrhunderte zu beobachtenden Zustand der „Einsamkeit“ etwas. Zwar hatten die Einwohner keinen Einfluss darauf, dass die Gemarkung ihres Dorfes als Raum für den vorgesehenen Flughafen Berlin Brandenburg International ausgewählt wurde, aber die Bedingungen ihrer damit verbundenen Umsiedlung konnten sie in großem Umfang mitgestalten. Ein Ergebnis dessen ist, dass die Dorfgemeinschaft weiterexistieren wird, wenn auch an einem anderen Ort. Die Geschichte Diepensees, als Geschichte der mit diesem Ortsnamen verbundenen Menschen, kann sich also fortsetzen. Udo Haase und Michael Pilz, September 2003

9


Abb. 1 Gemarkung mit der Ortslage von Diepensee (Stand um 1903, Mbl.-Nr.: 1977 oder 3647). Die schwarzen Punkte markieren Fundplätze mit urgeschichtlichem oder mittelalterlichem Material.

10


Die ur- und frühgeschichtliche Besiedlung Bernd Fischer

Auf der wasserarmen sandigen Hochfläche der Teltowplatte gelegen, verfügt die Gemeinde Diepensee über wenige offene Gewässer und wasserführende Niederungssenken im Gelände. Dadurch verringert sich die Anzahl siedlungsfreundlicher Lagen auf ein Minimum. Das Wasser war aber eine der Grundvoraussetzungen menschlichen Lebens – auch vor Jahrtausenden. Erst der Mensch des Mittelalters beherrschte die Brunnenbautechnik für größere Tiefen. Infolgedessen lassen sich urgeschichtliche Besiedlungsspuren in der Gemarkung Diepensee nur sehr sporadisch und im Ort selbst bisher nicht nachweisen (Abb. 1). Zwar durchfließt der Selchower-Flut-Graben die gesamte südliche Gemarkung in west-östlicher Richtung und bietet damit ideale Siedlungsbedingungen, jedoch stellt er zweifellos ein Produkt jüngster Vergangenheit dar. Auf dem Ur-Messtischblatt von 1839 ist der Graben bereits eingezeichnet. Ursprünglich dürfte das Grabental jedoch nur eine relativ trockene Senke gewesen sein, in der lediglich der Beetenpfuhl (1,4 Kilometer südwestlich des Ortes) und eine unbedeutende Niederungssenke an der Gemarkungsgrenze zu Selchow gewisse Besiedlungsmöglichkeiten boten. Und in der Tat fanden sich am Süd- und Nordrand dieser Niederung, unmittelbar westlich der ehemaligen Bahnstrecke (Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn), schwache Anzeichen (unverzierte urgeschichtliche Gefäßscherben) und Silexmaterial (Feuersteinabschläge), darunter drei steinzeitliche Kratzer (Abb. 2) einer frühen, wohl neolithischen (jungsteinzeitlichen) Besiedlung auf dem leichten Hanggelände. Undatierbar ist ein urgeschichtlicher Mahl- oder Mühlstein aus Granit (Abb. 3), der am Beetenpfuhl entdeckt wurde. Er dürfte aus dem Umkreis des heute verlandeten Teiches stammen und damit Indiz für eine noch nicht lokalisierte steinzeitliche bzw. bronze- bis eisenzeitliche Siedlungsstelle sein. Bisher wurden dort nur noch eine urgeschichtliche Scherbe und ein Silex geborgen. Zukünftigen archäologischen Untersuchungen bleibt es vorbehalten, mehr Aufschluss über diese Plätze zu erhalten. Das Gelände an zwei weiteren Teichen der Gemarkung, am Mühlenpfuhl bei Rotberg und am Fichtenpfuhl, ca. ein Kilometer südlich des Ortes, blieb völlig fundleer. Damit käme nur der große Dorfteich oder „tiefe“ See am Gutshaus im Ort, nach dem auch das ehemalige mittelalterliche Dorf benannt wurde (Dy11


Abb. 2 Drei neolithische Kratzer. Zeugen einer jungsteinzeitlichen Besiedlung der Gemarkung Diepensee.

Steinzeitliche Besiedlung

pensee, 1375; Tifensee, 14. Jahrhundert), noch als möglicher urgeschichtlicher Fundplatz infrage. Bisher wurden jedoch nur Reste des mittelalterlichen Dypensee in der Nähe des Teiches entdeckt. Neueres Fundmaterial vom südöstlichen Randbereich des Sees oder Teiches (Ackerfläche hinter den Grundstücken Goethestraße 5 und 6), überwiegend Gefäßfragmente von Kugeltöpfen der so genannten harten Grauware des 13./14. und 15. Jahrhunderts (Abb. 4), bestätigen erneut das Vorhandensein der alten Dorflage im heutigen Ort. Im 14./15. Jahrhundert wurden zahlreiche Dörfer in der Mark Brandenburg, wie in vielen anderen Teilen Deutschlands, aufgegeben, sie wurden wüst. Oft lag das an schlechten natürlichen Voraussetzungen und den dadurch entstandenen Nachteilen wirtschaftlicher Art. Hinzu kamen eine große Pestepidemie um 1350 und allgemeine Kriegswirren landesweit. Diese und auch andere Ursachen ließen kaum etwas vom mittelalterlichen Dypensee oder Tifensee übrig. Es verwundert daher nicht, wenn aus den Jahrtausenden davor noch geringere Spuren auf uns gekommen sind. Dennoch kann davon ausgegegangen werden, dass der vorgeschichtliche Mensch sich zumindest zeitweilig in der Feldflur von Diepensee, die damals wohl eher bewaldet war, aufhielt und sie durchstreifte – auch wenn er sich hier wegen der genannten ungünstigen Oberflächenbedingungen nicht dauerhaft niederließ. Deshalb sei an dieser Stelle ein kurzer Überblick zur urgeschichtlichen Besiedlung der Umgebung von Diepensee erlaubt, der die Nachbargemeinden Waltersdorf, Kiekebusch, Rotberg, Selchow und Schönefeld betrifft. Sie weisen zum Teil – besonders Waltersdorf, Schulzendorf und Kiekebusch – wegen ihrer Lage an ausgedehnten wasserführenden Niederungsflächen eine Fülle urgeschichtlicher Fundplätze aus allen Zeiten und Kulturen auf. Die ältesten Spuren des nacheiszeitlichen Menschen unserer engeren Landschaft wurden etwas weiter östlich bei Schmöckwitz auf dem ehemaligen Försteracker (Rauchfangswerder) gefunden, lässt man eine altsteinzeitliche Levallois-Breitklinge (so genannt nach einem Fundort bei Paris) aus der alten Sandgrube am Schulzendorfer Schäfereivorwerk unberücksichtigt. Dieses Einzelgerät könnte weit älter sein. Bei den Funden vom Försteracker handelt es sich dagegen um Silexmaterial, also Feuersteinwerkzeuge des Mesolithikums (mittlere Steinzeit) aus der Zeit vor ca. zehn- bis sechstausend Jahren sowie um gleichzeitige Körperbestattungen.1 Die Menschen dieser Zeit waren noch Jäger, Fischer und Sammler. Eine frühe bäuerliche Bevölkerung tritt dann schon um Waltersdorf, Kiekebusch und Selchow (Groß Kienitzer-Berg) in Erscheinung. Es sind dies die nach ihrer typischen Keramik benannten Trichterbecher-Leute (seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr.). Gefäßreste und Siedlungsanzeichen 12


sind am östlichen Dorfrand von Waltersdorf (Siedlung), am Amtsvorwerk (vermutlich Siedlung und Grab), an der ehemaligen Kiesgrube beim Schäfereivorwerk von Schulzendorf (Siedlung), nordwestlich vom Mittelwalder-Pfuhl bei Schulzendorf (Siedlung), auf der Anhöhe am Waldrand östlich von Kiekebusch (Siedlung) und Einzelfunde nordwestlich von Kiekebusch am SelchowerFlut-Graben ermittelt worden. Dieser durchläuft bei Kiekebusch eine natürliche Niederungssenke. Dem Mittelneolithikum (mittlere Jungsteinzeit) gehört neben der Trichterbecherkultur auch die Kugelamphorenkultur an.2 Sie setzt um 3000 v. Chr. ein und wurde ebenfalls wieder im gleichen Landschaftsraum fundplatzmäßig angetroffen. Darüber hinaus kam es jüngst zu einer bemerkenswerten Entdeckung bei der Autobahnerweiterung zwischen Kiekebusch und Waltersdorf. Hier legte der örtliche Grabungsleiter Blagoje Govedarica u. a. gleich vier Gräber der Kugelamphorenkultur frei. Die dazugehörende Siedlung dürfte bei Kiekebusch gelegen haben.

Abb. 3 Mahl- oder Mühlstein, der am Beetenpfuhl entdeckt wurde.

Lässt man einige weitere neolithische Kulturen außer Acht, z.B. die Schnurkeramik, deren Spuren um Waltersdorf kaum gesichert sind, so gelangen wir zeitlich bereits in die Bronzezeit. Die Ausgrabungsstelle an der Autobahn bei Kiekebusch/ Waltersdorf hat auch für den frühen Abschnitt dieser Zeit (Aunjetitzer-Kul-

Bronzezeit und germanische Besiedlung

13


14


tur, ca. 1700 – 1500 v. Chr., zum Teil älter) eine Überraschung bereitgehalten. Sechzehn relativ seltene Körpergräber dieser Kultur kamen ans Tageslicht. Eine ebenfalls hier aufgedeckte Siedlung wird allerdings in die späte Bronzezeit datiert. Spät- oder jungbronzezeitliche Fundplätze der so genannten Lausitzer Kultur (Siedlungen und Urnengräberfelder) sind in großer Anzahl in den genannten Gemarkungen und darüber hinaus bekannt geworden. Trotzdem darf man sich auch für diese Zeit zwischen 1400 und 700 v. Chr. keine flächenmäßig großen Ansiedlungen im Gebiet um Waltersdorf vorstellen – ein Eindruck wie ihn die 500 ✕ 200 m große Siedlung südöstlich von Waltersdorf vermittelt. Derartig ausgedehnte Siedlungsplätze entstanden in der Regel aus Einzelgehöften, die sich innerhalb eines Zeitbereichs von fast eintausend Jahren immer wieder verlagerten. Stets siedelten also nur kleine Gruppen von Menschen (Familien/Sippen) an einem Ort. Ähnlich war es mit der nachfolgenden germanischen Eisenzeit (vorrömische Eisenzeit, 600 v. Chr. bis 0) und in der römischen Kaiser- bis Völkerwanderungszeit (1. bis 6. Jahrhundert n. Chr.). Wiederum bildete die ausgedehnte Niederung bei Waltersdorf, Schulzendorf und Kiekebusch einen Siedlungsschwerpunkt für zahlreiche Einzelgehöfte und Weiler. An den Rändern dieses Beckens, durch das der Selchower-Flut-Graben fließt, konzentrieren sich ca. 20 Siedlungsplätze und Gräberfelder. Germanen sind noch bis in das 5./6. Jahrhundert um Waltersdorf und Kiekebusch ansässig. Besonders ein 30 Meter langes Wohn-/Stallhaus bei Kiekebusch (Grabung S. Schwarzländer) sei in diesem Zusammenhang erwähnt.

Abb. 4 Gefäßfragmente aus dem 13./14. Jahrhundert, gefunden am Dorfrand (Goethestraße 5/6).

Etwa seit dem 7. Jahrhundert wanderten schließlich slawische Siedlergruppen in die von den Germanen weitestgehend verlassene Landschaft zwischen Oder und Elbe ein. Frühslawische Siedlungen entstanden in vielen Fällen in unmittelbarer Nachbarschaft zu den letzten germanischen Plätzen. Nicht zu Unrecht wird daher von Kontaktzonen gesprochen. Sowohl bei Kiekebusch, Waltersdorf und am Mittenwalder Pfuhl von Schulzendorf könnten solche Kontakte erfolgt sein. Während die slawischen Siedlungen der frühen Zeit noch sehr lang gestreckt (bis fast 1 Kilometer bei Kiekebusch und Schulzendorf) erscheinen, wirken die mittelslawischen Siedlungen mit so genannter Menkendorfer Keramik (nach einem Fundplatz im Mecklenburg benannt) eher unauffällig klein und an eine Stelle gebunden. Mittelslawische Siedlungen kommen u. a. an der Kirche von Waltersdorf (Moos- oder Mostpfuhl), am Schönefelder See, bei Kiekebusch, Rotberg und Selchow vor. Die slawische Besiedlung nimmt schließlich in spätslawischer Zeit (11./12. Jahrhundert) im behandelten Gebiet auffällig ab. Letzte Einzelhöfe haben sich noch nordöstlich von Walters-

Slawische Siedler

15


dorf an der Niederung, an einem Pfuhl südlich von Karlshof (Kiekebusch) und östlich vom Lange-Wiesen-Pfuhl bei Rotberg gehalten. Anteile der slawischen Bevölkerung sind zudem auch bereits in den frühen deutschen Dorfgründungen (z.B. Rotberg bzw. Rotzis, 1375; zwei spätslawische Gefäßscherben aus der Ortslage) zu erwarten. Das Gros spätslawischer Siedlungen lag jedoch am Flusssystem von Dahme und Notte. Seit der endgültigen Einnahme der slawischen Metropole Brennaburg oder Brendanburg (Brandenburg) durch den Askanier Albrecht der Bär im Jahre 1157 und der im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts durch die Wettiner (Meißener) erfolgten Besetzung der Burg Köpenick, begann um und nach 1200 ein rasanter Landesausbau auch unseres Gebietes. Fast schachbrettartig wurden deutsche Dörfer gegründet und mit Bauern aus Flandern, vom Niederrhein oder der Altmark besetzt. Doch damit endet die quellenlose Zeit, und es tauchen die ersten schriftlichen Aufzeichnungen und Belege auf.

Anmerkungen 1 Karl Hohmann, Die Steinzeitfunde von Schmöckwitz, in: Teltower Kreiskalender 1926, S.57ff. und Ders., Das Berliner Fischerdorf Schmöckwitz im Wandel der Zeiten, in: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte, Bd. 11, Berlin 1960. 2 Eberhard Kirsch, Funde des Mittelneolithikums im Lande Brandenburg, Potsdam 1993.

16


Das Teltowdorf im Besitz lokaler Adelsgeschlechter (1348 --1600) Friedrich Beck

Mit der Herausbildung der Mark Brandenburg, wie sie gegen Mitte des 12. Jahrhunderts nachweisbar ist und in der Bezeichnung des Askaniers Albrecht des Bären (Abb. 2) als „marchio Brandenburgensis“ – Brandenburger Markgraf – ihren Ausdruck findet, trat auch der Teltow in stärkerem Maße ins Licht der Geschichte1. Die Landschaft und ihr Territorium erstrecken sich zwischen der Spree und der Dahme im Norden und Osten, der Havel im Westen und der Nuthe und Notte im Südwesten und Südosten. Mit der Herrschaftsübernahme Albrechts des Bären von dem letzten Fürsten des westslawischen Stammes der Heveller, Pribislaw-Heinrich (Abb. 1), dessen Sitz sich in der Brandenburg an der Havel befand, wurde der Teltow zum Objekt einander widerstreitender Machtinteressen. Gegenspieler Albrechts war Jaxa, Fürst der Spreewanen (Abb.4), dessen Stammburg sich im nordöstlichen Teltow in Köpenick befand. Jaxa, der Erbansprüche auf das Hevellerfürstentum und die Brandenburg erhob, gelang in den Jahren um 1156/57 die Eroberung der das Havelland beherrschenden Feste. Doch sollte er sich ihres Besitzes nicht lange erfreuen, denn bereits im Sommer 1157 eroberte Albrecht mit Unterstützung Erzbischof Wichmanns von Magdeburg die Brandenburg zurück. Nach diesem entscheidenden Sieg und der damit verbundenen Zurückdrängung slawischer Herrschaft nannte er sich „marchio in Brandenborch“2 – Markgraf in Brandenburg. Damit verlieh er seinem Herrschaftsanspruch stärkeren Ausdruck.

„Alle dyng dy gescheen in der czyt, dy vorgan myt der czyt, dorum synt brife und hantfestin irdocht, daz nycht ouz menczlichem gedechtnisse kome.“ (Aus dem Privileg der Stadt Beeskow für die Tuchmacher vom Jahre 1388)

Abb. 1 Münze Pribislavs. Der Avers zeigt die Umschrift [He]inricus; der Revers den Bischof von Brandenburg.

17


Diesem standen jedoch die Bestrebungen weiterer Konkurrenten um die Macht in den von westslawischen Stämmen bewohnten Gebieten entgegen, allen voran des Erzstifts Magdeburg und der wettinischen Markgrafen von Meißen. Beide Feudalmächte suchten von Westen bzw. von Süden her gleichzeitig an die Spree und die Oder vorzudringen. Dagegen richteten sich in den sechziger und siebziger Jahren Kriegszüge der Pommern und anderer westslawischer Stämme3. Bei ihrem Vordringen, wohl über die Spree bei Köpenick und weiter über Mittenwalde, in der Richtung auf Jüterbog – wobei das Zisterzienserkloster Zinna zerstört wurde – und auf Lübben erlitt der Teltow schwere Verwüstungen.

Siedlung und Mission

Abb. 2 Standbildsiegel Markgraf Albrechts des Bären, um 1260.

Die Nachfolger Albrechts des Bären setzten im 13. Jahrhundert die Expansionsbestrebungen nach Nordosten mit dem Ziel des Vordringens bis an die Ostsee und nach Osten an die Oder und darüber hinaus fort4. Nachdem in dessen ersten Jahrzehnten das östliche Havelland und der Barnim dem askanischen Herrschaftsbereich einverleibt worden waren, verdrängten sie wenig später die Vertreter des Erzstifts Magdeburg aus den westlichen Gebieten des Teltow. Hier finden bereits in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts am Westrand des Teltow gelegene Orte wie Drewitz, Saarmund aber auch Teltow Erwähnung. Ihren Höhepunkt erreichte die askanische Expansionspolitik unter den Markgrafen Johann I. und Otto III. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. In ihrem Ergebnis gelangten 1240 nach langen Auseinandersetzungen mit den Wettinern, die sich bis 1245 hinzogen, und in deren Verlauf der Teltow erneut stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, seine östlichen Teile nach Eroberung der Burgen Mittenwalde und Köpenick an die Askanier. Von hier aus bahnten sie sich den Weg ins Land Lebus, an die mittlere Oder und ins Gebiet der späteren Neumark östlich der Oder. Mit den Erwerbungen der askanischen Markgrafen verbanden sich, vornehmlich ab 1220 in der Zeit der gemeinsamen Regierung Johanns I. und Ottos III., eine intensive Siedlungstätigkeit und ein verstärkter Landesausbau insbesondere in Verbindung mit der Missionstätigkeit des Zisterzienserordens. Beides trug den Brüdern die Bezeichnung durch Chronisten als „Städte- und Klostergründer“ ein5. Dabei handelte es sich zum einen um die Ausgestaltung älterer Siedlungen teilweise vorstädtischen Charakters, zum anderen um eine erhebliche Zahl von Städteneugründungen6. Zu ersteren zählte im Teltow die Doppelsiedlung Berlin-Cölln, von der Cölln 1237 erstmals urkundliche Erwähnung fand, hinzu traten die alten Burgorte Köpenick und Mittenwalde 1239/40. Bereits 1213/16 ist Trebbin als Burgort nachgewiesen, 1265 erhielt Teltow vom Markgrafen die Stadtrechtsprivilegien7 (Abb. 3), nachdem bereits 1253 das Berliner Stadtrecht an Frankfurt a.d. Oder übertragen wor18


den war8. Zu Anfang des 14. Jahrhunderts finden 1307 Teupitz und 1320 Zossen als „Stadt“ und „festes Hus“ Erwähnung. Der zweite Schwerpunkt der Siedlungstätigkeit und des Landesausbaus lag im ländlichen Bereich des bisher rein slawisch besiedelten Landes9 (Abb. 5). Die neuen Siedlungen wurden hauptsächlich von deutschen Bauern getragen, die von den Markgrafen aus den nordwestlichen Territorien des Reiches unter Gewährung von Vorzugsbedingungen ins Land gerufen worden waren. Die slawische Restbevölkerung erfuhr dabei ihre Einbeziehung in den Siedlungsprozess, in dessen Endergebnis beide Bevölkerungsgruppen miteinander verschmolzen10. Rückzugsgebiete slawischer Restbevölkerung waren noch lange Zeit die südöstlichen Teile des Teltow an der Dahme und Notte um Wusterhausen und Teupitz. Die in zahlreichen Urkunden vorkommenden Beinamen „Wendisch“ oder in der noch weitgehend lateinischen Urkundensprache „Slavica“11 legen davon Zeugnis ab. Sie gelten aber darüber hinaus auch für die älteren Bezeichnungen von Dörfern in anderen Teilen des Teltow, so z. B. für (Wendisch) Beuthen, (Wendisch) Buchholz, (Wendisch) Ragow, (Wendisch) Rietz, (Wendisch) Stahnsdorf, (Wendisch) Wilmersdorf und (Wendisch) Wusterhausen. Die Anlage der neugegründeten Dörfer erfolgte in der Regel unter Anleitung durch so genannte Lokatoren, Beauftragte des Markgrafen oder eines Grundherrn, die das dem jeweiligen Herrn nach Feudalrecht zustehende Land aufteilten und die Dörfer errichten ließen (Abb. 6). Ihnen fiel in der Regel das Schulzenamt zu. Sie genossen für das Schulzengut von vier Hufen Abgabenfreiheit außer der Landsteuer, der Bede, übten die niedere Gerichtsbarkeit aus, wofür sie ein Drittel von den Gerichtsbußen erhielten , und hatten die Abgaben zu erheben. Die Dörfer umfassten meist 30 Hufen Acker und zählten etwa 10 – 12 Bauern, deren jedem jeweils ein bis vier Hufen (je 15 – 20 Hektar) zugeteilt wurden; Wiesen, Weiden und Wald (Heide) blieben Gemeineigentum. Die Hufenzahl der einzelnen Dörfer war unterschiedlich, so zählte Britz 58 Hufen, Großmachnow als das Dorf mit der größten Ackerfläche im Teltow 80 Hufen, während slawische Dörfer wie Wendisch-Stahnsdorf und Nudow nur über jeweils 10 – 15 Hufen verfügten. Obwohl die Neusiedler mit dem deutschen Pflug und seiner eisernen Schar über ein technisch vervollkommneteres Bodenbearbeitungsgerät als den von der slawischen Bevölkerung genutzten hölzernen Haken verfügten, lagen die Ernteerträge in dieser Zeit noch relativ niedrig. Sie betrugen entsprechend der Bonität der Böden und der fehlenden Düngung wohl lediglich das Dreifache der Aussaat. Dörfer mit größerer Hufenzahl wurden häufig an markgräfliche Vasallen und Ministerialen zu Lehen gegeben, die hier befestigte Burghöfe oder Gutshäuser anlegten (Abb. 7). Sie erhielten vier bis sechs Freihufen für die sie rittermäßigen Lehnsdienst „Vasallendienst“ mit Pferd, Rüstung und Knappen zu leisten hat19

Abb. 3 Siegel der Stadt Teltow.

Abb. 4 Münze des Jaxa (Jaczo) von Köpenick, Fürst der Spreewanen.

Abb. 5 Rechts der Elbe geprägte Wendenpfennige vom Anfang des 11. Jahrhunderts.


Abb. 6 Darstellung der Anlage eines Rodungsdorfes des 12./13. Jahrhunderts im „Sachsenspiegel“, dem ersten und bedeutendsten deutschen Rechtsbuch aus dem 14. Jahrhundert.

ten. An die adligen Lehnsträger mussten die Bauern Zins entrichten und für sie unterschiedliche (Fron) Dienste leisten. Beide Belastungen lagen für die deutschen Bauern niedriger als für die Slawen. Letztere bildeten häufig, doch nicht ausschließlich, die Gruppe der Kossäten12, die nur über geringen Landbesitz verfügten und als Arbeitskräfte der Grundherrn, Schulzen und Hufenbauern tätig wurden. Bauern und Kossäten hatten an den Markgrafen, dem das Obereigentumsrecht am Land gehörte, Zins und die Bede, zu entrichten, an die kirchlichen Institutionen – Bischof und Pfarrer – den Zehnten als Korn- und Fleischzehnt. Die Dörfer des Teltow gehörten zur Diözese des Bischofs von Brandenburg, nur der Archidiakonatsbezirk Zossen mit Dörfern wie Genshagen, Kerzendorf, Löwenbruch, Thyrow, Wendisch-Wilmersdorf, Wietstruck u. a. gehörte zum Bistum Meißen. Von Kirchengründungen in den Teltowstädten haben nahezu keine in ihrer ursprünglichen Anlage die Zeiten überdauert. Lediglich in einigen Dörfern im Norden des Teltow finden sich noch Gotteshäuser aus der Gründungszeit13 (Abb. 8). Diepensee zählte kirchlich zur Pfarrei (Sedes) Mittenwalde und wird anfangs des 16. Jahrhunderts als Kirchdorf bezeichnet, im 19. Jahrhundert wurde es in Waßmannsdorf und 1899 in Schönefeld eingepfarrt. 20


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Diepensee (Leseprobe) by BeBra Verlag - Issuu