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Joachim Ringelnatz
Wie ein Spatz am Alexanderplatz herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Matthias Zimmermann
Berliner Orte
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.
© be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2017 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Umschlag: Manja Hellpap, Berlin Satz: typegerecht, Berlin Schrift: Stempel Garamond 10/14 pt Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978 -3 -89809 -141-1 www.bebraverlag.de
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Inhalt Gedichte
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8 11 13 15 17 19 20 21 23 25 27 29 31 33 35 37 38 41 43 45 46 47 49 51
Ringkampf Noctambulatio Stoffwechsel Lied aus einem Berliner D roschkenfenster Frühlingsanfang auf der Bank vorm A nhalter Bahnhof Berlin Cassel (Die Karpfen in der Wilhelmstraße 15) Kurz vor der Weiterreise Berlin (An den Kanälen) Nächtlicher Heimweg Die Litfaßsäulen Berlin, Dezember 1923 Angstgebet in Wohnungsnot Landflucht Komm, sage mir, was du für Sorgen hast Heimweg Kindergebetchen Stammtisch Individueller Aus der Vogelkunde Raketenwagen auf der Avus Bürger, den ich meine Faschingsvollmond Sehnsucht nach Berlin (1929) Großplatztauben
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Eine Zuschauerin im Flughafen Nach der Trennung. Lichterfelde An Berliner Kinder Silvester bei den Kannibalen Umzug nach Berlin 1930 Der Abenteurer Lebensabschnitt An M. zum Einzug in Berlin Am Sachsenplatz: Die Nachtigall Im Aquarium in Berlin Die Träumer in der Untergrundbahn Kanäle in Berlin Wenn die sich Künstler einladen Müde in Berlin Gepflegte Wege Wer hört ein Stäubchen lachen? Nacht ohne Dach Großer Vogel Unter den Linden
81 »…liner Roma…«
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Nachwort
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Abbildungsnachweis
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Über den Autor
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Gedichte
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Ringkampf Gibson (sehr nervig), Australien, Schulze, Berlin (ziemlich groß). Beißen und Genitalien Kratzen verboten. – Nun los! Ob sie wohl seelisch sehr leiden? Gibson ist blaß und auch Schulz. Warum fühlen die beiden Wechselnd einander den Puls? Ängstlich hustet jetzt Gibson. Darauf schluckt Schulze Cachou. Gibson will Schulzen jetzt stipsen. Ha! Nun greifen sie zu. Packen sich an, auf, hinter, neben, in, Über, unter, vor und zwischen, Statt, auch längs, zufolge, trotz Stehen auf die Frage wessen. Doch ist hier nicht zu vergessen, Daß bei diesen letzten drei Auch der Dativ richtig sei. (Pfeife des Schiedsrichters.)
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Wo sind die Beine von Schulze? Wem gehört denn das Knie? Wirr wie lebendige Sulze Mengt sich die Anatomie. Ist das ein Kopf aus Australien? Oder Gesäß aus Berlin? Jeder versucht Repressalien, Jeder läßt keinen entfliehn. Hat sich der Schiedsmann bemeistert, Lange parteilos zu sein; Aber nun brüllt er begeistert: »Schulze, stell ihm ein Bein! Zwinge den Mann mit den Nerven Nieder nach Sitte und Jus. Kannst du dich über ihn werfen Just wie im Koi, dann tu’s!«
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Hallesches Tor
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Noctambulatio Sie drückten sich schon beizeiten Fort aus dem Tanzlokal Und suchten zu beiden Seiten Der Straße das Gast- und Logierhaus Continental. So dringlich: Man hätte können glauben, Er triebe sie vorwärts wie ein Rind. Und doch handelten beide im besten Glauben. Er wollte ihr nur die Unschuld rauben. Sie wollte partout von ihm ein Kind. Da geschah es, etwa am Halleschen Tor, Daß Frieda über dem Knutschen und Schmusen Aus ihrem hitzig gekitzelten Busen Eine zertanzte, verdrückte Rose verlor. Und ein sehr feiner Herr, dessen Eleganz Nicht so rumtoben tut, folgte den beiden. Jedoch hielt er sich vornehm bescheiden Immer in einer gewissen Distanz. Er wollte ursprünglich zum Bierhaus Siechen. Aber nun hemmte er seinen Lauf, Zog die Handschuh aus, hob die Rose auf Und begann langsam daran zu riechen. Er wünschte aber keinen Augenblicksgenuß; Deshalb stieg er mit der Rose in den Omnibus.
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Derweilen war Frieda mit ihrem Soldaten Auf einen Kinderspielplatz geraten. Dort merkten sie nicht, wie die Nacht verstrich, Und daß ein unruhiger Mann mit einem Spaten Sie dauernd beschlich. Als sich nach längerem Aufenthalt Das Paar in der Richtung zur Gasanstalt Mit kurzen, trippelnden Schritten verlor, Sprang der unruhige Mann plötzlich hervor. Und fing an, eine Stelle, wo er im Sand Die Spur von Friedas Stiefelchen fand, Mit seinem Spaten herauszuheben. Worauf er behutsam mit zitternder Hand Die feuchte Form in ein Sacktuch band, Um sich dann leichenblaß heimzubegeben. Wie um das dümmste Mädchen Sich sonderbare Fädchen Nachts durch die Straßen ziehn – Die Dichter und die Maler Und auch die Kriminaler, Die kennen ihr Berlin.
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Stoffwechsel »Wie glüht er im Glase! Wie flammt er so hold! Geschliffnem Topase vergleich ich sein Gold.« Ich aber meinte den Urin Und dachte mich in Groß-Berlin. Und dachte eine junge Braut, Ganz eingehüllt in Bückingshaut. Da brachte mir der Pikkolo Den Grog. Ich schnupperte und floh.
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Spittelmarkt
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Lied aus einem Berliner D roschkenfenster Auf dem Asphalt das Blut und das verspritzte Gehirn Verlaufen in zierlichen Fädchen. Ein Fädchen kann sein aus Seide oder Zwirn. Damit nähen und sticken die Mädchen. Sie nähen einen Saum, und sie sticken ein „B“ In ein seifensteifes Unterhöschen. Im Kielwasser eines Dampfers auf See Ersäuft ein vertrocknetes Röschen. Mein Onkel im Rostocker Rathaus erschrickt Über eine sich lösende Tapete. Der hat einmal eine Sternschnuppe erblickt, Die sah aus wie eine Rakete. Wenn der Gaul sich auf dem Spittelmarkt mal hinlegen will, Na, dann soll man das dem Vieh auch nicht verwehren. Nee, dann trink’ ich meinen Gilka. Und belausche dabei still, Wie die Wanzen sich im Polstersamt vermehren.
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Anhalter Bahnhof and Askanischer Platz
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Frühlingsanfang auf der Bank vorm Anhalter Bahnhof Vierter Klasse wär’ es noch mehr billig. Aber da käme ich später an. Und dann ist die Stellung vielleicht schon vergeben, Und die Frau Bauratswitwe sagt dann Wieder: Ich sei arbeitsunwillig. Und wovon soll ich dann am Freitag leben? Am liebsten möchte ich gar nicht fahren. Da könnten wir all das Fahrgeld sparen, Und lieber versaufen. Und da können wir noch die beiden Weinflaschen verkaufen. Da wird man wieder mal richtig vergnügt. Und hauen uns nachts auf die Bretter am Halleschen Tor, Wo manchmal der Bolzenmax liegt. Jetzt kommen schon die Krokusse vor, Da ist es schon nicht mehr so kalt. Und morgen werden wir sehn, wo wir bleiben. Da werden sie uns auseinandertreiben Wie die Pferdeäppel auf’m Asphalt. Ob es wohl wahr ist, wenn man noch lebt – daß man Seine Knochen an die Akademie verkaufen kann?
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Hausdurchfahrt der Hochbahnlinie in Richtung Gleisdreieck
in der DennewitzstraĂ&#x;e
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Berlin Da fährt die Hochbahn in ein Haus hinein Und auf der andern Seite wieder raus. Und blind und düster stemmt sich Haus an Haus. Einmal – nicht lange – müßtest du hier sein. Wo das aufregend gefährlich flutet und wimmelt Und tutet und bimmelt Am Kurfürstendamm und am Zoo. Das Leben in Pelzen und Leder. Es drängt einen so oder so Leicht unter die Räder. Sonst habe ich gut hier gefallen. Man hat mir hohe Gagen angeboten. Aber weißt du: jeder verkehrt hier mit allen, Nur nicht mit stillen Menschen oder mit toten. Ich bin so stolz darauf, dir einen Scheck zu überweisen. Ja, ja, hier heißt es sich durchbeißen. Das gibt mir mancherlei Lehre. Heute ging mir beim Kofferflicken die Nagelschere Entzwei. Not bricht Eisen. –
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Cassel (Die Karpfen in der Wilhelmstraße 15) Man hat sie in den Laden In ein intimes Bassin gesetzt. Dort dürfen sie baden. Äußerlich etwas ausgefranst, abgewetzt – Scheinen sie inwendig Doch recht lebendig. Sie murmeln Formeln wie die Zauberer, Als würde dadurch ihr Wasser sauberer. Sie kauen Mayonnaise stumm im Rüssel Und träumen sich gegen den Strich rasiert, Sodann geläutert, getötet, erwärmt und garniert Auf eine silberne Schüssel. Sie enden in Kommerzienräten, Senden die witzigste von ihren Gräten In eine falsche Kehle. Und ich denke mir ihre Seele Wie eine Kellerassel, Die Kniebeuge übt. – – – Ja und sonst hat mich in Kassel Nichts weiter erregt oder betrübt.
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Kurz vor der Weiterreise In Eile – in vierzig Minuten Geht mein Zug. Denke dir nur: Die gelbe Tasche mit Frack und den guten Hosen, vier Hemden und Onkel Karls Uhr, Die Metamorphosen von Tacitus, Zwei Unterwäschen, fast sämtliche Kragen, Sogar das Glas mit dem Bandwurm in Spiritus Und vieles andere. – Schluß – herzlichen Gruß.
– – – – – – – – Ich muß dir ja noch die Hauptsache sagen: Das alles haben sie mir gestohlen. Ich habe hier Blut geschwitzt. Der Teufel soll Berlin holen! Denn auch mein neuer Hut ist vertauscht. Pfenniger läßt dich grüßen. Er sitzt Neben mir. Wir sind dir gut, aber ziemlich berauscht.
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Blick von der WaisenbrĂźcke nach Westen
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Berlin (An den Kanälen) Auf den Bänken An den Kanälen Sitzen die Menschen, Die sich verquälen. Saufende Lichter, Tausend Gesichter Blitzen vorbei: Berlin. Übers Gewässer Nebelt Benzin … Drunten wär’s besser. Hinter der Brücke Flog eine Mücke Ins Nasenloch. Loch meiner Nase, Nasenloch, niese doch In die stille Straße!
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Auf dem Omnibus, im Dach Rütteln meine Knochen, Werden gute Worte wach, Bleiben ungesprochen. – – Ach, da fällt mir die alte Zeitungsfrau ein – Vanblix oder Blax soll sie heißen – Die hat ein so seltsames Schütteln am Bein, Daß alle Hunde sie beißen. – An den Kanälen Auf den dunklen Bänken Sitzen die Menschen, die Sich morgens ertränken.
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Nächtlicher Heimweg Es wippt eine Lampe durch die Nacht. Trapp klapp – Ich will mir denken, Daß meine Mutter jetzt noch wacht Und will den Hut für sie schwenken. Wir sind nicht, wie man seien soll, Wir haben einander nur gern, Doch meine Mutter ist alt und ist fern. Und mir ist das Herz heut so voll. Da kommt eine Frau mir entgegen, Ich will was Gutes überlegen, Weil sie so arm und eckig aussieht. Aber die Frau entflieht. Ich bin ihr zu verwegen. Nun wird es still und wunderbar. Kein Laut auf der Straße Mitte. Nur drüben am anderen Trottoir Gehn meine eignen Schritte.
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Litfasssäule in Berlin
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Die Litfaßsäulen Es stehen die Litfaßsäulen Verstreut, den Leuchttürmen gleich, Und lassen vom Wind sich umheulen Und werden im Regen ganz weich. Und rufen und locken und preisen Aus buntem und grellem Papier Und drohen und stechen und beißen Und lügen noch schlimmer als wir. Früh lehnt ein Mann eine Leiter An das, was Litfaß erfand. Er reißt ihr vandalisch doch heiter In Fetzen das bunte Gewand. Nachdem er sie darauf bekleistert – Als brächte ihn Nacktes in Zorn – Klebt er ihr wieder begeistert Viel Buntes auf Hinten und Vorn.
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Theater … – Auktion … – Zigaretten … – Wohltätigkeits… – Raubmord … – Und Sport Proteste … – Amtliche … – Betten … – Kurz alles in Bild oder Wort. Ich lese das ernst ohne Pause. Mich interessiert so was sehr. Und meiner Frau sag’ zu Hause Ich alles dann auswendig her. Ihr Sinn für Romane, Gedichte Und Zeitungen ist nicht so groß. Sie hört meine Litfaßberichte, Und abends ziehn wir dann los. Und wie, wie in Sturm und Wellen, Die Litfaßsäulen starr stehn, So sollen am Aktuellen Auch wir nicht etwa achtlos vorübergehn.
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Berlin, Dezember 1923 Guten Morgen, Liebling! Gestern nacht Hat ein Kerl mich überfallen, Wollte mich niederknallen, Schrie: »Geld her!« und schoß. Ich habe ihm fünf auf den Schädel gekracht: Hammer auf Am–bam–bam–bam–boß. Das hat mein Haustürschlüssel gemacht. Und heute starb er im Lazarett. Was der wohl noch dachte – zuletzt – auf dem Sterbebett? Und was soll ich denken? Welche Mächte die Kugeln lenken – Not und Irrtum – Notwehr und Reue –? Ob ich lache? Ob ich mich freue, Weil dieser Kerl danebengezielt Mich Armen für einen Reichen hielt –? Erfrorenes Vögelchen früh Auf meinem Fensterbrett. – Draußen: tut – kling – hottehüh! –
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Leipziger Platz
Der Großstadtverkehr. – Da kroch ich noch einmal ins Bett. Denn ich friere so sehr. – Wenn ich ein Vöglein wär – Ja schön, aber kalt ist es hier … Und so lange getrennt zu sein … Erfrorenes Vögelein – Flög ich zu dir.
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