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Die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft (Leseprobe)

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Helmut Herles unter Mitarbeit von Matthias Sch端tt

di e deu t sch e 足pa r l a m en t a r isch e 足gesel l sch a f t Innenansichten aus dem Club der Abgeordneten

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2013 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Robert Zagolla, Berlin Gesamtgestaltung: typegerecht, Berlin Schrift: DTL Paradox 10/14 pt Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-89809-106-0 www.bebraverlag.de

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Inhalt

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Zum Geleit

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Im Spiegel der Zeit

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Parlament und Gesellschaft

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Clubleben am Friedrich-Ebert-Platz

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Ein offenes Haus f체r alle Parlamentarier

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Keineswegs im Ruhestand: Die Ehemaligen

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Vier Pr채sidenten und eine musikalische Zeitreise

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Anhang

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Deutsche Parlamentarische Gesellschaft, Gartenfront. 2013. ďťż

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Zum Geleit

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eit mehr als 60 Jahren ist sie nun eine feste Institution im politischen Leben: die DPG – unser fraktionsübergreifender parlamentarischer Club, ein Ort des vertrauensvollen Austauschs zwischen Parlamentariern aus Bund, Ländern und Europa. Unsere Erfolgsgeschichte begann 1951 in Bonn und setzt sich seit 1999 im Reichstagspräsidentenpalais in Berlin fort, immer in unmittelbarer Nähe zum Deutschen Bundestag. Die DPG ist ein Stück gelebter Parlamentskultur. Das Miteinander der Parlamentarier über Parteigrenzen hinweg tritt nirgends so authentisch hervor wie hier. Und sie ist nahezu einzigartig: Zusammen mit der Europäischen Parlamentarischen Gesellschaft in Straßburg sucht sie ihresgleichen in der Welt. Die öffentliche Wahrnehmung von Politik beschränkt sich allzu oft auf kontrovers geführte Debatten um Sachthemen. Dabei entsteht gelegentlich der Anschein einer heillos zerstrittenen politischen Kaste, die jeweils partikuläre Interessen verfolgt. Dies ist ein schiefes Bild. Oft ist der hart geführte politische Streit im Parlament unumgänglich, um die bestmöglichen Lösungen zu finden. Dabei arbeitet jeder von uns aus dem ehrlichen Willen heraus, unserem Land zu dienen, fest verwurzelt im Fundament unserer gemeinsamen demokratischen Werteordnung. Die DPG hilft, politische Gegner zu versöhnen. Sie ist auch in schwierigen politischen Phasen stets ein von allen Parteien und Fraktionen akzeptierter neutraler Ort des Ausgleichs geblieben. So konnten hier auch für die Parlamentsgeschichte wesentliche Prozesse vorbereitet werden, darunter die Entscheidung zum Parlaments- und Regierungssitz im Jahr 1991 oder die Bildung der Großen Koalition 2005. Gleichzeitig sind bei uns Fachexperten aus Wirtschaft und Wissenschaft, aus Verbänden und Kirchen, aber auch internationale Repräsentanten gern gesehene Gäste, die die politische Diskussion bereichern. Wir haben nie die Medienöffentlichkeit gesucht, aber eine »Geheimgesellschaft« sind wir nicht. Im Gegenteil: Dieses Buch lädt herzlich dazu ein, die DPG im Spiegel der Zeit zu betrachten, ihre Geschichte und Philosophie zu erwägen und sich an seltenen Innenansichten aus dem Club der Parlamentarier zu freuen. Berlin, im Juli 2013

Prof. Dr. Heinz Riesenhuber, MdB Präsident der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft

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Das historische Treppenhaus. 2013.

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Foyer, erstes Obergeschoss. 2013. vom geist der deutschen 足parlamentarischen gesellschaft

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as ist die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft? Sie ist, wie sie vor über 60 Jahren in Bonn gegründet wurde und seit 1999 in Berlin wächst und gedeiht, eine im Sinn des Wortes parlamentarische Gesellschaft. Im Begriff Parlament steckt das romanische Wort »parlare«. Es ist uns aus dem Französischen in der deutschen Umgangssprache als »parlieren« geläufig und bedeutet: miteinander sprechen. Was übrigens auch heißt, dass aus dem »parlamentare«, dem Verhandeln, nie ein »lamentare« oder lamentieren werden sollte. Sprachlicher Nachbar des Parlamentariers ist der Parlamentär, der völkerrechtlich geschützte Unterhändler. Und dies ist die Grundlage des Parlamentarismus: auch im Streit miteinander reden zu können. Die Politik nicht als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln zu empfinden – aber auch nicht als bloße Public Relations, als Event oder Talkshow. Die Deutsche Parlamentarische GeDie Deutsche Parlamentarische sellschaft (DPG) steht auch für die Freiheitsgeschichte der Bundesrepublik Gesellschaft steht auch für die Deutschland. Was in Bonn 1949 begonFreiheitsgeschichte der Bundesnen wurde, hat sich bewährt. Zu dieser republik Deutschland. Freiheitsgeschichte gehört Selbstorganisation: Wie die Parlamentarier im Club der DPG, so schufen sich beispielsweise die Bonner Journalisten mit der Gründung des Vereins Bundespressekonferenz e.V. und des Presseclubs ein Forum, in dem sie selbst und nicht die Regierung die Regeln setzten. Im Presserat entstand gemeinsame Selbstkontrolle von Journalisten und Verlegern. Das heutige DPG-Mitglied Carl-Christoph Schweitzer gründete mit der »Aktion Gemeinsinn« die älteste Bürgerinitiative der Bundesrepublik. Durch solche Gründungen wurde aus der Verfassung die Verfassungswirklichkeit bis heute in Berlin. Auch die Adressen der DPG passen zu diesem Geist und dieser Geschichte. Seit dem Sommer 1999 hat die Gesellschaft ihren Sitz im ehemaligen Palais des Reichstagspräsidenten am Friedrich-Ebert-Platz 2. In Bonn fand man sie in der Dahlmannstraße 7 in der Villa Dahm, die heute leider nicht mehr existiert. Beide Anschriften erinnern an Aufstieg, Fall und Wiederbegründung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland, an die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918 und an die Todesfackel ihres Untergangs mit dem Brand des Reichstagsgebäudes im Jahr des Unheils 1933. Der Name des Platzes in Berlin ehrt den ersten demokratischen Reichspräsidenten nach dem Ende der Monarchie, den Sozialdemokraten Friedrich Ebert, der

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Die Villa Dahm in Bonn. Mitte der 1980er-Jahre.

dieses Amt von 1919 bis zu seinem Tod 1925 ausübte. Die Adresse in Bonn würdigte mit dem liberalen Professor Friedrich Christoph Dahlmann einen führenden Kopf des Parlaments in der Frankfurter Paulskirche von 1848, das von der Reaktion vertrieben und gedemütigt wurde, dessen Beschlüsse aber eine der Grundlagen unseres Grundgesetzes von 1949 sind. Auch in der deutschen Freiheitsgeschichte geht nichts verloren. Im Palais des Reichstagspräsidenten in Berlin wohnten als bedeutendste Politiker in diesem Amt zunächst Franz Graf Ballestrem vom Zentrum und später der SPD-Politiker Paul Löbe, der die NS-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg überlebte und 1949 Alterspräsident des ersten Deutschen Bundestages war. So erscheint es als schöner Zufall der Geschichte, dass der gegenwärtige Präsident der DPG, Heinz Riesenhuber, Alterspräsident der 17. Wahlperiode war. Ein Blick zurück nach Bonn. Die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft war 1951 im ­Hotel Bergischer Hof gegründet worden und zog 1955 in die Villa an der Dahlmannstraße 7. Als die Bundesrepublik über 50 Jahre später, am 3. Oktober 2011, in den Bonner Parks der Bundespräsidenten und Kanzler offiziell den Tag der Deutschen Einheit feierte, wäre es schön gewesen, wenn dieses Bild noch Gültigkeit gehabt hätte: In der Rheinaue stehen drei Villen für die Bonner Erfolgsgeschichte der Demokratie – die V ­ illa

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Das Reichstagspräsidentenpalais in Berlin. 2013.

Hammerschmidt des Bundespräsidenten, das Palais Schaumburg der Bundeskanzler und die Villa Dahm als Club der Abgeordneten und Sitz der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft. Leider wurde der Dreiklang dieser weißen Villen am Rhein zerstört. Denn die Stadt Bonn hat die denkmalgeschützte Villa Dahm nach dem Berlin-Umzug der DGP einem auch 2013 noch immer unfertigen Projekt namens »World Conference Center Bonn« (WCCB) geopfert. Sie ließ 2006 den Abriss durch einen nicht wirklich existierenden Investor zu. Bevor sich das einst maßvolle Bonn in den WCCB-Skandal maßlos verstrickte, war das ursprünglich als Wohnhaus für Mitglieder der Familie Dahm erbaute Gebäude noch als Sitz verschiedener Stiftungen genutzt worden. Auch eine Resolution der DPG zum Erhalt der Villa Dahm konnte die Abrisspläne nicht aufhalten. Nochmals ein Blick zurück in die Geschichte, weil sie für die Gegenwart und Zukunft der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft so wirksam ist. Diese Kontinuität hängt mit Gründergeist und Geschichte der Gesellschaft zusammen. Am Anfang standen Persönlichkeiten, die aus dem Untergang der Weimarer Republik und der ihr folgenden NS-Barbarei gelernt hatten. Sie wollten es nicht beim Lippenbekenntnis »Nie wieder!« belassen, sondern parlamentarische Kollegialität ganz bewusst über den Parteienstreit

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stellen. In diesem Geist trafen sich die Gründer der Gesellschaft am 1. April 1951 im Bergischen Hof, nachdem sie in London den diskreten, die Parteigrenzen überwindenden Club Hansard Society kennengelernt hatten, der ihnen als Vor- und Leitbild diente. Dieses Vorbild prägte auch Buchstaben und Geist des »Grundgesetzes« der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft: ihre Satzung. Sie verpflichtet zur Pflege der »menschlichen, kulturellen und politischen Beziehungen im Kreise der Mitglieder der Parlamente des Bundes, der Länder und der Europäischen Union«. Die Gesellschaft unterhält Beziehungen zu Mitgliedern ausländischer Parlamente und zu gleichgearteten Gesellschaften des Auslandes. Ihre grundlegenden Ideen spiegeln sich in den Aktivitäten der Gesellschaft und in der Struktur der mehr als 1 400 Mitglieder wider. Es sind aktive und ehemalige Parlamentarier aus dem Bundestag, dem Europaparlament und den Landtagen. Ausländische Missionschefs sowie die Direktoren von Bundestag und Bundesrat sind »Ständige Gäste«. Die DPG ist mit mehr oder weniger treffenden Medien­ bildern geschmückt worden – vom »edlen Logenplatz an der Spree« bis hin zum »Ort der wichtigsten Kompromisse«, womit die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein zutreffendes Wort des SPD-Politikers Raum »Sachsen«. 2013. und langjährigen DPG-Mitglieds Carlo Schmid aufgriff, der die Gesellschaft mit einem »parlamentarischen Stammtisch« und einem Vertrauen bildenden »Vermittlungsausschuss« verglichen hatte. Die DPG ist in Berlin in jeder Hinsicht gewachsen, auch als Dauerbaustelle. Das wird sichtbar nicht nur am Größenunterschied zwischen der Villa am Rhein und dem Palais an der Spree, sondern auch in der Entwicklung der Zahl der Mitglieder, der Gäste, der Parlamentarischen Abende. In Bonn wurde die Villa Dahm zuletzt von etwa 6 500 Personen jährlich genutzt. Im Reichstagspräsidentenpalais waren es im Jahr 2012 schon über 52 000 Personen. Diese Entwicklung schafft eine natürliche und gelegentlich paradoxe Spannung zwischen Offenheit und Diskretion. Vertraulichkeit liegt dem Vorstand besonders am Herzen. Zwar sind Journalisten hier per se nicht zugelassen, sie sind aber als Gäste von Mitgliedern und als Teilnehmer der für den Wirtschafts- und Gastronomiebetrieb der DPG einträglichen Lobbyveranstaltungen willkommen. Gelegentlich kann diese Spannung zu Verkrampfungen führen. Das zeigte sich zum Beispiel, als die Kneipe

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im Souterrain nicht mehr »Kneipe« heißen sollte, sondern zum »Kommunikationszentrum« werden musste, weil einige Mitglieder fürchteten, bei Außenstehenden könnte ein falscher Eindruck vom Freizeitverhalten der Abgeordneten entstehen. An der Hauptsache indes hat sich nichts geändert. Die DPG ermöglicht vertrauensvolle Begegnungen und das vertrauliche Gespräch, aber auch Geselligkeit und Fröhlichkeit. Sie ist der Raum für Gespräche von und mit Multiplikatoren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft und ein Ort für diskrete Entscheidungen. Dank ihrer besonderen Atmosphäre und mit dem diskreten Service in ihren Salons bietet die DPG oft auch den Raum für Sitzungen von Gremien und Gruppen des Bundestages, der Fraktionen und ihrer »Flügel«, der Parteien, der Landesgruppen oder für das Protokoll des Bundestagspräsidenten. Zum Beispiel am 22. Januar 2013 beim Abendessen der Präsidien von Assemblée Nationale und Bundestag zur Feier des 50. Jahrestages der Unterzeichnung des Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrags. Aber auch manches Gesetz wurde hier schon im interfraktionellen D ­ reieroder Viererkreis ent- bzw. verworfen oder – nach einem DPG-Ehrenmitglied – ver-»Kleinert«. Daneben diente die DPG oft genug als Schauplatz beim Spiel um Einblick in die Belegung der Club-Räume. 2013. Machterwerb und Machtverlust. Zum Beispiel 2011 beim Wechsel in der FDP-Führung hin zum damals neuen Fraktionsvorsitzenden Rainer Brüderle. Und es war sicher kein Zufall, dass auf diesem »neutralen« Boden im Jahr 2005 auch die Verhandlungen über die Große Koalition von Union und SPD stattgefunden hatten. Bei aller Diskretion ist die DPG zugleich ein »Club der Mitwisser«. Denn wer sich im politischen Betrieb auskennt, für den sind Namen oft schon Nachrichten – abzulesen an den elektronisch betriebenen Anzeigetafeln, die darüber Auskunft geben, wer mit wem und zu welcher Stunde einen Salon reserviert hat. Da sieht man, wann und wo Wolfgang Gerhardt mit dem Enkel von Theodor Heuss 2013 eine »Freiheitsgesellschaft« gründete, wann die »rechten« Seeheimer der SPD tagen und wann ihre Mit- und manchmal Gegenspieler von der Parlamentarischen Linken (PL). Für »Realos« und »Fundis« der Grünen gilt dasselbe. Auch das sind Antworten auf die immerwährenden W-Fragen des Parlamentarismus: Wer, wann, wo, mit wem und warum? Auch so ergeben sich

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für Außenstehende Einblicke oder zumindest eine Ahnung von den Netzwerken des Parlamentarismus. Der verbindliche Geist und der verbindende Stil dieses überparteilichen Clubs der Abgeordneten wirkte nicht zuletzt als Katalysator für die »Parlamentarisierung« neuer Abgeordneter – wie in den 1980er-Jahren bei den Grünen, von denen nicht wenige dem anti- und außerparlamentarischen Milieu der 68er-Generation entstammten. Nach der deutschen Einheit 1990 galt dies ebenso für die Nachfolger der ursprünglich antiparlamentarischen SED, die als PDS (seit 2007 Die Linke) in den Bundestag einzogen. Heute gehören viele Mitglieder von Bündnis 90/Die Grünen und etwas weniger aus der Fraktion der Linken wie selbstverständlich zu den Mitgliedern der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft, wirken im Vorstand mit und knüpfen mit am kommunikativen Netzwerk der Mitglieder. Denn eins wissen alle gleichermaßen zu schätzen: Die DPG ist in der Hektik des politischen Betriebs Ruhezone und Refugium. Nicht nur wegen der Gastronomie, beim Skat oder beim interfraktionellen Fußballgucken vor dem Fernseher. Gerade beim Fußball ergeben sich übrigens interessante Einblicke: Ob Bundesliga, Champions League oder Länderspiel – an solchen Abenden ist das Fernsehzimmer regelmäßig gut besucht, wenn nicht gar ausgebucht. Bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft ergibt sich dann eine ganz große Koalition unter Führung der fußballbegeisterten Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die DPG ist aber auch ein Ort, wo Kolleginnen und Kollegen, unabhängig von der Partei- oder der internen Zugehörigkeit zu einem Flügel, einander Mitgefühl zeigen. Das erlebte etwa der CDU-Politiker und Bundesminister Wolfgang Schäuble in der schweren Zeit, als er nach dem Attentat in einen veränderten Alltag zurückfinden musste. Andere fanden Trost, wenn sie nach nervenaufreibenden Beratungen und verlorenen Abstimmungen in der DPG zur Nachbetrachtung zusammenkamen. Und nicht wenige trafen und treffen sich im Club, wenn sie etwas zu feiern haben. Das sind nur einige Beispiele dafür, dass die DPG nicht nur Parlamentarische Gesellschaft heißt, sondern auch ein parlamentarisches Miteinander bewirkt – selbst für den inoffiziellen »Club« der prominenten Nicht-Mitglieder von Gerhard Schröder bis Gregor Gysi.

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Im Spiegel der Zeit

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Gel채nder im historischen Treppenhaus, Detail. 2013. im spiegel der zeit

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Gründerjahre

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ie Geschichte der Bundesrepublik Deutschland begann 1949 mit vielen Provisorien, das größte war die provisorische Bundeshauptstadt: Bonn. Die Universitätsstadt am Rhein erhielt den Zuschlag des Bundestages, der dem größeren Frankfurt nur den zweiten Platz zuwies. Die Hintergründe dieser Entscheidung gegen die Wirtschaftsmetropole am Main, die Stadt des Paulskirchen-Parlaments von 1848, beschäftigten anschließend über Monate hinweg einen Untersuchungsausschuss. Dabei hat die Frage, wo die neue Regierung sitzen und das neue Parlament arbeiten sollte, die meisten Bundesbürger damals vermutlich wenig interessiert. Hauptstadt war und blieb für einen Großteil der Deutschen Berlin – wenn denn in absehbarer Zeit, wie man glaubte, das geteilte Land wiedervereinigt sein würde. Deshalb war Bonn als provisorische Hauptstadt so gut wie jede andere Stadt. Bonn zählte Ende der 1940er-Jahre knapp über 100 000 Einwohner und hatte sich noch keineswegs von den Kriegsfolgen erholt. Dementsprechend schlecht war man auf die Ankunft von 410 Abgeordneten vorbereitet, die nach den Wahlen zum ersten Deutschen Bundestag im August 1949 untergebracht werden mussten. Die kriegsbedingt schwache Infrastruk»Man übte sich in der tur war allenthalben zu spüren. Man übte sich in Kunst der Improvisation.« der Kunst der Improvisation. Für die Eröffnung der Beratungen über das Grundgesetz hatte man dem Parlamentarischen Rat das Museum Koenig zugewiesen. Erarbeitet wurde die Verfassung dann in der Aula der Pädagogischen Akademie, dem späteren Bundesrat, wo sie am 23. Mai 1949 feierlich verkündet wurde. Das Plenum des Bundestages entstand nebenan aus der ehemaligen Turnhalle der Akademie. Fünf Jahre später waren die räumlichen Bedingungen besser, aber ein HauptstadtGefühl wollte sich noch immer nicht einstellen, wie aus einer Notiz im Spiegel vom Frühjahr 1955 hervorgeht. Dort wird ein Insider aus dem Bundeskanzleramt mit den Worten zitiert: »Unsere Regierungsgebäude sind nicht besonders hübsch geraten, und unserer Hauptstadt fehlt es an Atmosphäre. Aber Sie werden ja wissen (…), dass wir einen fabelhaften Plan hatten, aus Bonn eine wirkliche Hauptstadt zu machen, einen wunderbaren Entwurf für ein imposantes Regierungsviertel! Aber es sollte ja nicht sein. Bedauerlicherweise hat der Bundestag die Ankündigung, dass Bonn nur eine ›provisorische Hauptstadt‹ sei, viel zu wörtlich aufgefasst.« Neben den bescheidenen Arbeitsbedingungen – mehrere Abgeordnete teilten sich ein Zimmer – erwartete sie ein Arbeitspensum, das Historikern auch heute noch Res-

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pekt abfordert: »Nie wieder in der bundesdeutschen Geschichte hat es ein so arbeitsames Parlament gegeben« (Edgar Wolfrum). Damit wuchs das Erholungsbedürfnis nach Sitzungsschluss, auf das das »Bundesdorf« allerdings ebenfalls nicht eingerichtet war. Das Leben der Parlamentarier außerhalb des Bundestages spielte sich vor allem in diversen Kneipen ab, von denen die »Rheinlust« einen legendären Ruf erwarb: Hier trafen sich unter der Woche vor allem die Vertreter des rechten Flügels der SPD, die späteren »Kanalarbeiter«; aber auch Ernst Lemmer von der CDU erschien dort zum »interfraktionellen Skat«. Die CSU traf sich oft schon am Bahnhof, wo die Züge aus dem Süden ankamen. Später zog die CSU-Landesgruppe in ihr »Haus Vaterland«, der Vertretung des Freistaates Bayern beim Bund. Zur Idee, einen überparteilichen Club für alle Abgeordneten zu gründen, bedurfte es einer Anregung von außen. Der liberale britische Abgeordnete Stephen King-Hall überbrachte 1950 die Einladung zu einem Besuch des Unterhauses in London, der für die »Wir staunten über die Art, deutsche Delegation auch einen Termin in der Hansard Society vorsah. Der damalige Bundeswie die Briten miteinander tagsvizepräsident Carlo Schmid (SPD) berichtet umgingen.« vom ersten Eindruck in diesem Parlamentsclub: »Wir staunten über die Art, wie die Briten miteinander umgingen: In diesen Räumen verhielten sich Konservative und Liberale und Labour-Leute zueinander, ohne dass man gemerkt hätte, wohin der eine oder der andere gehörte.« Ein bisschen von diesem Flair hatte es auch in Bonn schon gegeben, allerdings ganz bescheiden: Im obersten Stockwerk der Pädagogischen Akademie, die nun Bundeshaus hieß, war ein »Roter Salon« eingerichtet worden. Der Name stammt von einem Sofa, »das eine Generation von Oberstudiendirektoren schon recht flach gedrückt hatte«, wie sich Schmid erinnerte. Hier habe man zum ersten Mal erfahren, »dass man auf einem Plüschsofa (…) im politischen Disput sehr viel weiter kommen kann als einige Stockwerke tiefer, in den Fraktionsräumen oder gar im Plenum.« Nach dem London-Besuch der deutschen Abgeordneten sollte dieser Salon zu einer dauerhaften Einrichtung für alle Mitglieder des Bundestages werden: im Hotel Bergischer Hof in der Innenstadt, wo vier kleine Räume angemietet wurden. »Es ging bescheiden zu, und es war oft recht umständlich, dorthin zu kommen«, erinnerte sich Carlo Schmid zum 25. Jubiläum der DPG 1976: »Aber es war ein guter Anfang. Unsere Vorstellung war ganz schlicht: frei aller Verhärtungen unter Kollegen sitzen zu können. Wir wollten schlicht einen Ort schaffen, an dem man sich treffen und begegnen (…) könnte, und wo Toleranz nicht bedeutet, dass man den anderen erträgt, weil es nicht weiter auf ihn ankommt, sondern Ausdruck dafür ist, dass man ihn in seinem Anderssein bejaht und haben will. So entstand eine Atmosphäre echten Bürgersinns, ein Stück

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Sinn und Zweck der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft: Gespräche und Diskussionen im Kreis der ­A bgeordneten, hier mit Bundespräsident Theodor Heuss. 1950er-Jahre.

demokratisch begriffener Mitmenschlichkeit, die in jenen ersten zehn Jahren dem Bundestag einen besonderen Charakter gab.« Auch unabhängig vom Impuls der Hansard Society war in Bonn das Bedürfnis gewachsen, »das Gemeinsame stärker zu betonen als die parteipolitische Trennung«, wie Bundesminister a. D. Erich Mende 1976 rückblickend festhielt. Der Grund dafür lag zum einen sicherlich in der starken Arbeitsbelastung des ersten Bundestages, der grund­ legende Entscheidungen für die Gestaltung der neuen Republik zu treffen hatte. Zum anderen aber in dem Bestreben, nach den Erfahrungen von NS-Diktatur und Krieg nicht gleich wieder in ein unversöhnliches Gegeneinander zu geraten, das wesentlich zum Untergang der Weimarer Republik beigetragen hatte. Als Initiatoren der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft, die am 1. April 1951 ihre Gründungsversammlung abhielt, sind vor allem drei Männer zu nennen: Karl Georg Pfleiderer (FDP), Gerhard Lütkens (SPD) und Josef Ernst Fürst Fugger von Glött (CSU) – die ersten beiden ausgewiesene Außenpolitiker, der Fürst ein engagierter Parlamentarier, der nach dem Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 bis zur Befreiung Deutschlands im Zuchthaus gesessen hatte. Diese drei Männer organisierten mit dem ersten Schatzmeister Paul Bausch (CDU) und der Geschäftsführerin Elisabeth »Betta« Gräfin von Werthern die Anfänge der DPG, die trotz der bescheidenen Mittel und ­Räume schon in den ersten beiden Jahren Delegationen aus dem US-Kongress, der französischen Nationalversammlung sowie aus den beiden britischen Parlamentskammern begrüßen konnte.

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Wie knapp anfangs die Mittel waren, hat die Journalistin Hilde Purwin festgehalten. Man lebte buchstäblich von der Hand in den Mund: »In der Parlamentarischen Gesellschaft sorgten manche Mitglieder selber für ein gutes Glas Wein. Eine Küche gab es in den ersten Jahren noch nicht, allenfalls belegte Brote.« Dennoch wurde die DPG schnell zu einer ersten Adresse in Bonn. Ihre anerkannte repräsentative Funktion mag auch 1954 die Wahl des außenpolitisch engagierten Kurt Georg Kiesingers (CDU) zum Vorsitzenden befördert haben. Wichtiger noch dürften dafür seine diplomatischen Fähigkeiten gewesen sein, die er als Vorsitzender des Vermittlungsausschusses entwickeln konnte. Kiesinger galt damals als Jungstar der CDU, konnte aber seine besonderen Talente bundespolitisch erst in den 1960er-Jahren und nach einem Umweg als Ministerpräsident von Baden-Württemberg ausspielen: als Kanzler der Großen Koalition von 1966 bis 1969, mit der erstmals auch die SPD als »ewige« zweitstärkste politische Kraft im Bund in Regierungsverantwortung kam. Mit Kiesinger ging die Gründungsphase der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft und bald darauf auch die Zeit der »Notunterkunft« im Bergischen Hof zu Ende. Für ein neues Domizil sprach vor allem der Wunsch, in die Nähe des Bundestages zu ziehen. Und so spazierte Geschäftsführerin Elisabeth Gräfin von Werthern eines Tages mit Schatzmeister Bausch »rein zufällig« rund um das Bundeshaus. »In nicht allzu weiter Entfernung entdeckte ich in der Dahlmannstraße eine etwas verfallene, jedoch romantisch im Grü»Eine Küche gab es in den nen gelegene Villa«, erinnerte sich die Gräfin, die dort auch gleich einen unangemeldeten Inspek­ersten Jahren noch nicht, tionsbesuch machte. Zu der Zeit war dort eine ­allenfalls belegte Brote.« Abteilung des Auswärtigen Amtes untergebracht, darunter das Büro des Staatssekretärs Walter Hallstein und die Rechtsabteilung. Es gelang, diese Villa 1955 für die DPG zu gewinnen, wenn auch zunächst nur als Teilmieter. Die andere Hälfte belegte noch auf Jahre die Deutsche Presse-Agentur. Dass Gräfin von Werthern das neue Domizil in der Dahlmannstraße gefunden hatte, war ein gutes Omen. Denn der Namenspatron der Straße war ein Vorkämpfer der Demokratie in Deutschland: Friedrich Christoph Dahlmann (1785–1860), seit 1842 Professor für Staatswissenschaften und Geschichte in Bonn, wurde berühmt als einer der »Göttinger Sieben«, die 1837 für ihren Protest gegen den Verfassungsbruch im Königreich Hannover verfolgt worden waren. Er gehörte darüber hinaus 1848 zu den führenden Köpfen in der Frankfurter Paulskirche. Das Haus Nr. 7 war eine stattliche Villa mit großem Garten und ursprünglich freiem Blick auf den Rhein, erbaut im Jahr 1870 vom Kaufmann und Fabrikanten Jakob Dahm als Doppelwohnhaus für zwei seiner Söhne, Friedrich und Carl-Julius Dahm, die eine in der Nähe gelegene Schneidemühle

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Bundestagskolleginnen in der DPG: Die Abgeordneten Agnes Katharina Maxsein, Helene Weber, Marie-Elisabeth Lüders und Lotte Friese-Korn (von links). 1956.

betrieben. In unmittelbarer Nähe befanden sich zwei weitere großbürgerliche Villen, die stärker noch als die Villa Dahm zu Symbolen der Bundesrepublik werden sollten: die Villa Hammerschmidt (erbaut 1863–1865) als Amtssitz des Bundespräsidenten und das Palais Schaumburg (1858–1860) als »Haus des Bundeskanzlers«. Die Villa Dahm stand von ihrer Funktion her nicht so sehr im Scheinwerferlicht wie ihre berühmten Schwestern. Die zweigeschossige Villa galt bei den Denkmalschützern als charakteristisches Beispiel für ein freistehendes Doppelwohnhaus des 19. Jahrhunderts in bis dahin ländlicher Umgebung. An dieser Stelle kann an das Baudenkmal, das immerhin 44 Jahre lang von der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft genutzt wurde, nur noch erinnert werden, denn es fiel 2006 einer städtebaulichen Fehlentscheidung zum Opfer: Die Villa Dahm wurde abgerissen, weil sie angeblich großen Plänen für den Ausbau der Bundesstadt Bonn im Wege stand. Bereits seit 1999 versuchte die Stadt, die Liegenschaften rund um den alten Plenarsaal zu einem Internationalen Kongresszentrum um- und auszubauen, das heute als »World Conference Center Bonn« (WCCB) vermarktet wird. Die Villa Dahm, die nach umfassender Renovierung in den 1980er-Jahren der Stadt vom Bund geschenkt worden war, stand diesen Planungen im Wege und sollte dem Neubau weichen. Von diesen Plänen alarmiert, erinnerte 2004 die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft von Berlin aus an die historische Bedeutung der Villa und beschloss folgende Resolution, die Vizepräsident Eckart von Klaeden (CDU) Geschäftsführer Bernd Wichterich in die Feder diktierte:

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Die Gründerväter Karl Georg Pf leiderer (1951–1954), Gerhard Lütkens, Josef Ernst Fürst Fugger von Glött, Paul Bausch Die Anfangsjahre der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft lagen in den Händen von vier Abgeordneten. Als Vordenker galt Karl Georg Pfleiderer (1899–1957), ein Diplomat und Außenpolitiker, der 1952 durch den »Pfleiderer-Plan« bekannt wurde. Dessen Ziel war die Wiedervereinigung eines selbstbestimmten, militärisch neutralen Deutschlands. Der FDP-Politiker Pfleiderer war von 1951 bis 1954 der erste Vorsitzende der DPG und galt als württembergischer Charakterkopf. Weder in seiner Partei noch bei der Bundesregierung konnte er jedoch seine Ideen durchsetzen, wie Pfleiderers Biograf Jörg Brehme resümiert: »Er blieb dennoch Mahner der deutschen Wiedervereinigung durch eine eigenständige Ostpolitik. Seine Vorstellungen und Ideen wurden in den darauffolgenden Jahrzehnten aufgegriffen, erweitert, verändert – freilich ohne dass darauf hingewiesen wurde, dass Pfleiderer geistiger Urheber war.« Dass seine Bedeutung dennoch nicht vergessen ist, zeigte eine Gedenkveranstaltung mit Außenminister a. D. Hans Dietrich Genscher am 8. Oktober 2007 in der DPG. Auch Gerhard Lütkens (1893–1955) war ein passionierter Außenpolitiker. Der Sozialdemokrat, der im Krieg nach England emigriert war und wegen seiner anglophilen Neigung und seiner bevorzugten Anzüge »Lord Cord« genannt wurde, begleitete kritisch die Außenpolitik der Bundesregierung, die bis 1955 ohne eigenen Minister blieb, sondern von Bundeskanzler Adenauer mitverwaltet wurde. Dritter im Bunde war Josef Ernst Fürst Fugger von Glött (1895–1981), der bereits 1953 aus dem Bundestag ausschied, der DPG aber verbunden blieb. Er wurde im selben Jahr Vorsitzender der neu gegründeten Interparlamentarischen Arbeitsgemeinschaft (IPA). Der Mitgründer der CSU erwarb sich die dauerhafte Zuneigung seiner Partei, weil er seinen Wohnsitz, das Renaissance-Schloss Kirchheim, bereitwillig als Tagungsort zur Verfügung stellte. Paul Bausch (1885–1981) komplettierte die Runde als Schatzmeister. Er war Mitglied der CDU, ein eigenwilliger Pietist, jeglichem Fraktionszwang abgeneigt, und redete im Plenum notfalls gegen die eigene Fraktionsmehrheit. Als Schatzmeister war dem Schwaben jede Ausgabe zuwider, sodass Geschäftsführerin Gräfin von Werthern einmal gar den Gerichtsvollzieher zu Besuch in der DPG hatte. Der Anblick des »Kuckuck« auf einem Möbelstück löste aber einen heilsamen Schock beim Schatzmeister aus. Von da an sei die Zusammenarbeit ungetrübt gewesen, erinnerte sich die Gräfin später.

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Resolution zum Erhalt der Villa Dahm Ehemals Sitz der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Bonn Mit Sorge betrachten die Mitglieder der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft e. V. die Planungen für ein Internationales Kongresszentrum Bundeshaus Bonn (IKBB). Sowohl der von der Jury erstplatzierte Entwurf als auch die Planungen der beiden Nachplatzierten sehen den Abriss der für die politische Geschichte der Bundesrepublik Deutschland so wichtigen Gründerzeitvilla in der Dahlmannstraße vor, in der die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft bis zum Jahr 1999 ihren Sitz hatte. Wiewohl kein Verfassungsorgan gilt die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft als Vereinigung namentlich der Mitglieder des Deutschen Bundestages als »Tochter des Bundestages«, und ihr einstiger Sitz in Bonn bildet mit den sich zum Rhein hin erstreckenden ehemaligen Gebäuden des Bundestages und Bundesrates ein gemeinsames historisches Ensemble der Bonner Republik, das nicht zerstört werden darf. Bei dem Wunsch nach Erhaltung der Villa Dahm handelt es sich nicht um sentimentales Erinnern. Das 1897 erbaute denkmalgeschützte Haus gehört als Zeugnis großbürgerlicher Bebauung in der Rheinaue im 19. Jahrhundert nicht nur zu dem Dreiklang mit der Villa Hammerschmidt und dem Palais Schaumburg, sondern ist vor allem Zeugnis Bonner Geschichte in der Bundesrepublik Deutschland und einer tiefen Einwurzelung des Parlamentarismus. Seit Gründung der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft im Jahr 1951 stand die Villa Dahm ab dem Jahr 1955 für ein parlamentarisches Gemeinschaftsbewusstsein und die vertrauensvolle Begegnung über die Parteigrenzen hinweg. Ganz ungehört scheint die Resolution nicht verhallt zu sein, denn im Jahr 2005 zeichneten sich Lösungen ab, wie man das alte Gebäude in das WCCB hätte integrieren können. DPG-Ehrenmitglied Peter Conradi (SPD), von Haus aus Architekt, beurteilte damals die Chancen für den Erhalt »optimistisch«, gab es doch neue Ideen für eine Verwendung: »Die Villa Dahm könnte ein Café oder eine Bar im zukünftigen Internationalen Kongresszentrum aufnehmen, Besprechungsräume, einen Salon, ­Büros des Kongresspräsidiums und ähnliches.« Daraus wurde jedoch nichts. Conradi und DPG-Ehrenmitglied Torsten Wolfgramm (FDP) sprachen noch einmal – vergeblich – mit Bonns Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann (SPD). Das Geschenk des Bundes wurde 2006 abgerissen, obwohl sich die Stadt Bonn verpflichtet hatte, »die dauerhafte Sicherung der Würde des ehemaligen Plenarbereichs zu garantieren« (Conradi). Der Frevel wird durch eine ironische Fügung der Geschichte noch bitterer: Das WCCB, das eigentlich 2009 eröffnet werden sollte, ist bis heute eine Baustelle. Der Investor musste infolge einer Insolvenz die Arbeit einstellen. Seit geraumer Zeit versucht das Bonner Landgericht die Hintergründe aufzuklären.

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»König Silberzunge« Kurt Georg Kiesinger (1954–1957) Die Gründergeneration der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft wurde 1954 abgelöst. Der CDU-Abgeordnete Kurt Georg Kiesinger (1904–1988) übernahm den Vorsitz von seinem Landsmann Pfleiderer. Im selben Jahr wurde Kiesinger, der bereits dem Vermittlungsausschuss des Bundestages vorsaß, auch Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Er setzte sich gegen seinen Vorgänger Eugen Gerstenmaier durch, der – als Protestant – gemäß dem damaligen Proporz der Union zum Bundestagspräsidenten gewählt wurde. Die Parlamentarische Gesellschaft freute sich, denn in ihren Kreisen spielten die auswärtigen Angelegenheiten immer eine besondere Rolle, und mit Kiesinger ließ sich überall Ehre einlegen. Den Beinamen »König Silberzunge« erhielt er zwar erst als Bundeskanzler, aber schon in den ersten Parlamentsjahren galt er als einer der besten Redner der CDU. Reinhold Maier (FDP), der sich höchst selten zu einem lobenden Wort hinreißen ließ, sagte über Kiesinger: »Im Mündlichen gut.« Mit Carlo Schmid (SPD), dem stellvertretenden Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, begleitete Kiesinger Bundeskanzler Adenauer 1955 nach Moskau, wo es zunächst um die umstrittene Aufnahme diplomatischer Beziehungen ging – das war der Preis für die Heimholung der deutschen Kriegsgefangenen. Außenminister von Brentano war strikt dagegen, Kiesinger und Carlo Schmid stimmten zu und Adenauer schließlich auch. Die beiden Moskau-Fahrer unterhielten sich später oft in der »Parlamentarischen« über ihre Reise und das Essen im Kreml, bei dem der KP-Chef Chruschtschow Carlo Schmid mit »Herr Großdeutschland« angeredet hatte. Er wie auch Kiesinger hatten sich mit Chruchtschows Stellvertreter in der Sprache der alten Römer und Päpste unterhalten, aber zum leisen Ärger Kiesingers wurde in der Presse nur Carlo Schmid für sein flüssiges Latein gerühmt. Als ihn einige CDU-Kollegen als »Bundespressechef« vorschlagen wollten, sagte er: »Für diesen Posten fühle ich mich nicht schwach genug.« Als Kiesinger nach den Bundestagswahlen von 1957 bei Adenauers Kabinettsbildung wieder leer ausging, suchte er sein Glück in der Heimat. Im Herbst 1958 wurde er Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Nicht nur Parteigenossen bedauerten den Rückzug; Herbert Wehner (SPD) schickte ihm ein Telegramm: »Bonn wird ärmer«. Acht Jahre später kehrte Kiesinger als Bundeskanzler nach Bonn zurück und galt bald als »wandelnder Vermittlungsausschuss« seiner Großen Koalition. Sein auf Konsenssuche gerichteter Charakter half ihr über manche Klippe hinweg.

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kurt georg kiesinger

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»Die Zeiten sind anders geworden«: Die 1960er-Jahre

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ie Ereignisse im politischen Bonn der sechziger Jahre – zwischen Kaltem Krieg und gesellschaftlichem Aufbruch – sind ohne ein selbstbewusster gewordenes Parlament nicht denkbar. Im ersten Jahrzehnt der jungen Bundesrepublik hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer noch mit voller Autorität regiert, die Mehrheiten waren problemlos zu organisieren. Der Wahlslogan »Keine Experimente« brachte Adenauer in der Bundestagswahl 1957 zwar die absolute Mehrheit, er steht allerdings auch für den politischen Stillstand zum Ausgang seiner Kanzlerschaft. Angesichts drängender innen- und außenpolitischer Probleme wurde die Abneigung, dem alternden Kanzler zu folgen, immer stärker. So wundert es nicht, dass Kurt Georg Kiesinger 1966, nach dem glücklosen Regierungsintermezzo von Ludwig Erhard, die Arbeit als Moderator der Großen Koalition mit diesem Vorsatz anging: »Ich will anders sein als Adenauer, die Zeiten sind anders geworden.« Das hatten parlamentarische NetzWo, wenn nicht hier, sollen Kurt werker lange schon erkannt. Von zum Teil konspirativen Vorbereitungstreffen der Kiesinger und Herbert Wehner Abgesandten der beiden großen Volkszusammengesessen haben? parteien ist heute zu lesen, die über Jahre auf diese Koalition hingearbeitet hätten. Es fällt schwer zu glauben, dass dieses Bündnis nicht auch in der Villa Dahm vorbereitet wurde. Wo, wenn nicht hier, sollten sie zusammengesessen haben, die beiden Protagonisten, von denen es in Bonn hieß: »Schwarz ist die Nacht und rot ist der Wein, wenn Kiesinger und Wehner die Koalitionspolitik entwerfen.« An diesen beiden, die sich schon in Kiesingers erster Bonner Phase schätzen gelernt hatten, wird deutlich, welche gesellschaftliche Spannbreite das Kabinett aufwies: hier das ehemalige NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger, dort der ehemalige Kommunist Herbert Wehner und der von vielen Konservativen abgelehnte Emigrant Willy Brandt, der jetzt Vizekanzler wurde. Oder noch bizarrer: Der 1962 über die Spiegel-Affäre gestolperte Franz-Josef Strauß (CSU) – jetzt als Finanzminister rehabilitiert – musste mit dem neuen stellvertretenden Regierungssprecher Conrad Ahlers (SPD) zusammenarbeiten, den er in ebendieser Affäre hatte verhaften lassen … Kiesinger hatte den Vorsitz der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft bereits nach drei Jahren aufgegeben, als er 1958 Ministerpräsident in Stuttgart wurde. Sein Nachfolger in der DPG wurde Otto Fürst von Bismarck, ein Enkel des Eisernen Kanzlers, und Diplomat der alten Schule, dessen Empfänge in seiner Bonner Wohnung gesell-

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schaftliche Großereignisse waren. In der Villa Dahm indes gab er sich mit einem Büro im Dachgeschoss zufrieden – dort, wo auch der ehemalige Oberkellner des BundeshausRestaurants, Walter Ende, mit seiner Frau wohnte, um sich fortan um das Wohl von Mitgliedern und Gästen zu kümmern. Carlo Schmid würdigte Walter Ende beim 25. Jubiläum der DPG so: »Sie haben uns nicht nur treu ›gedient‹, sondern geholfen, aus Verwirrungen, in denen wir uns manchmal befanden, zu uns selber zurückzufinden, durch das richtige Getränk, das Sie uns je nach Lage, in der wir uns befanden, anboten, und manchmal dadurch, dass Sie uns erklärten, alles Trinkbare sei leider Gottes ausgegangen, es sei nichts mehr im Keller … Das hat, glaube ich, der Politik in Bonn manchmal gut getan.« Über die Stimmung, die damals im Haus herrschte, gibt es unterschiedliche Berichte. Während der 1961 als Nachfolger von Bismarcks zum Präsidenten der DPG gewählte Ernst Majonica mit einem unerschöpflichen Reservoir an Witzen für gute Laune sorgte, zeigte sich Geschäftsführerin Gräfin von Werthern bisweilen enttäuscht darüber, dass für viele Mitglieder die »Parlamentarische« doch mehr Heim als Club geworden sei, oft »viel zu schlecht gelüftet und verqualmt«, und dass die Abgeordneten manchmal zu erschöpft seien, um über Essen, Trinken und Karten spielen hinaus miteinander zu kommunizieren. Ihr wäre eine DPG nach Art des Übersee-Clubs in Hamburg lieber gewesen – mit Auftritten namhafter Gastredner und Vorträgen, die den gesellschaftlichen Diskurs befeuern. Ein anderes Problem waren die knappen Finanzen der Gesellschaft. Deren Budget geriet durch repräsentative Aufgaben für den Bundestag bisweilen gehörig unter Druck. So beklagte sich im Februar 1961 DPG-Präsident Otto Fürst von Bismarck bei Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier über die Kosten der »regelmäßig« stattfindenden Botschafteressen mit Abgeordneten der verschiedenen Fraktionen. Zwar habe das jüngste Essen mit den Botschaftern von Indien, Thailand, Kolumbien, Afghanistan und Paraguay unter den anwesenden Abgeordneten großen Anklang gefunden, Schatzmeister Robert Margulies (FDP) sei jedoch außerstande, diese Essen weiterhin zu finanzieren. Mit dem Hinweis, dass »die Ansprüche der Mitglieder auf die Benutzung der Räume und die Bedienung« ständig zugenommen hätten, bat von Bismarck den Präsidenten-Kollegen, Knappe Finanzen und »bei gelegentlichen Veranstaltungen – wie z. B. zu Grünkohl-Könige diesem letzten Botschafteressen – finanzielle Unterstützung zu gewähren«. Neben solchen internationalen Treffen gab es auch noch repräsentative Verpflichtungen ganz anderer Art. So berichtet die bereits zitierte Journalistin Hilde Purwin: »Als die Parlamentarische Gesellschaft immerhin schon eine halbe Villa ihr Eigen nannte, waren die meisten Länder noch ohne feste Bleibe in Bonn. Wo später in Bundeshaus-­

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im spiegel der zeit

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Begegnung in der DPG: Bundeskanzler Konrad Adenauer mit dem FDP-Partei- und Fraktions­ vorsitzenden Erich Mende. 1961.

Nähe die feinen, geräumigen Länder-Botschaften standen, dehnten sich noch Schrebergärten aus. Auch Niedersachsen hatte noch kein eigenes Haus. Deshalb veranstalteten die Oldenburger ihr alljährliches Grünkohl-Essen in der Parlamentarischen Gesellschaft. Als Bundespräsident Heuss zum Grünkohl-König gekrönt werden sollte, wollten ihm die Gastgeber ein Oldenburger Pferd schenken. Herr Ende hielt eine Generalprobe ab, und siehe da, das Pferd konnte – treulich geführt – in der Villa vorgestellt werden. Als aber die Premiere stattfand, ließ es seine Äpfel auf den Teppich fallen. (…) Nachdem Heinrich Lübke zum Staatsoberhaupt gewählt worden war, wurde auch er zum Grünkohl-König gekürt, wiederum in der Parlamentarischen Gesellschaft. Der ehemalige Landwirtschaftsminister erhielt ein ganz besonderes Geschenk: das erste Schwein mit einer zusätzlichen siebten Rippe, das die Oldenburger gezüchtet hatten.« Hilde Purwin verdanken wir auch einen Eindruck davon, wie menschlich-eng zuweilen das Verhältnis unter Mitgliedern und Mitarbeitern der DPG war: »Fast liebevoll hat Herr Ende den Weg des Walter Scheel vom Jungparlamentarier bis zum Bundespräsidenten verfolgt. Weil Scheel ihn als guten Menschenkenner schätzte, stellte er Herrn Ende eines Tages eine junge Ärztin namens Mildred vor und wollte seine Meinung über die Dame hören. Niemand wird je erfahren, was Scheel zu hören bekam. Aus Mildred wurde Frau Scheel, und Herr Ende trug in seiner Brieftasche ein Scheel-Foto mit Widmung.«

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Diplomat und Gesellschafter Otto Fürst von Bismarck (1957–1961) 1957 übernahm Otto Fürst von Bismarck (1897–1975), CDU, den Vorsitz der Parlamentarischen Gesellschaft. Er war 1924 als jüngster Abgeordneter für die Deutschnationale Volkspartei in den Reichstag gewählt und drei Jahre später von Reichsaußenminister Gustav Stresemann in den Auswärtigen Dienst berufen worden. Seine diplomatische Karriere in den turbulenten Jahren von Weimarer Republik und »Drittem Reich« führte über Stockholm und London nach Rom, wo er im Zweiten Weltkrieg als Gesandter diente. Die römische Ge­sellschaft schwärmte damals von der schönen blonden Fürstin Annmari von Bismarck, einer gebürtigen Schwedin, wie sich die damalige Rom-Korrespondentin Hilde Purwin erinnerte. Nach Kriegsende bewirtschaftete der Diplomat im Ruhestand die Ländereien seines Großvaters, des Eisernen Kanzlers, in Schleswig-Holstein. »Allein der rund 68 Quadratkilometer große Sachsenwald, ein Milliardenwert, machte den Chef des Bismarck-Clans zu einem der reichsten Deutschen«, schrieb der Spiegel in seinem Nachruf. In den Bundestag wurde er 1953 in seinem Heimatwahlkreis Herzogtum Lauenburg gewählt, wo auch das einst vom Eisernen Kanzler bewohnte Schloss Friedrichsruh steht. An großer Politik hatte sich dieser Fürst Bismarck jedoch nicht versucht. Sein abermaliger Drang in den diplomatischen Dienst blieb unerfüllt: »Botschafterposten in Madrid und Moskau, für die er Mitte der fünfziger Jahre im Gespräch war, mochten ihm Adenauers Christdemokraten nicht geben − stattdessen war er Delegierter im Europarat und der Westeuropäischen Union.« So blieb er in Bonn und gewann als liebenswürdiger Gesellschafter. Anders als die meisten Abgeordneten, die in der Bundeshauptstadt nur ein Nachtquartier unterhielten, richtete er sich dort eine standesgemäße Wohnung ein. Einladungen beim Fürsten Bismarck waren sehr begehrt – manchen galt sie fast so viel wie ein Bundesverdienstkreuz. Auch für die Villa am Rhein war der Fürst ein idealer Hausherr. Er machte die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft zu einem Mittelpunkt des Bonner politisch-gesellschaftlichen Lebens. In seinem Büro im Dachgeschoss stellte er das große rote Sofa seines Großvaters auf. 1969 schied der zweite Otto von Bismarck aus dem Parlament aus, 1975 verstarb er. Sein Sohn, Ferdinand Fürst Bismarck, stiftete für das Berliner Palais der DPG ein Gemälde seines Vaters. Es hängt dort in einer Reihe mit den Porträts der übrigen Präsidentinnen und Präsidenten der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft.

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otto fürst von bismarck

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