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Ich weiß, ich bin kein bequemer... (Leseprobe)

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Schriftenreihe des Lander Institute for Communication about the Holocaust and Tolerance des Touro College Berlin Band 2

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Juliane Berndt Hg. von Andreas Nachama

» Ich weiß, ich bin kein Bequemer …« Heinz Galinski – Mahner, Streiter, Stimme der Überlebenden

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Diese Publikation wurde gefördert von der Axel Springer Stiftung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2012 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Umschlaggestaltung und Satz: typegerecht, Berlin Schrift: DTL Dorian 10/14 pt Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978-3-89809-100-8 ISSN 2194-8062 www.bebraverlag.de

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Inhalt

Zum Geleit Auf dass die Toten ihre Ruhe haben

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»Die Menschen waren feige« Marienburg – Berlin – Auschwitz (1912–1945)

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»Weil die Wannseekonferenz nicht das letzte Wort sein kann« Neuanfang in Berlin (1945 –1949)

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»Das heißt, dass wir Stellung nehmen und unsere Stimme erheben« Positionierung der Gemeinde und des Zentralrats (1950 –1971)

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»Wir können und werden auch die DDR nicht aus ihrer Verantwortung entlassen« Der Außenpolitiker (1967–1983)

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»Sinnloses Sterben ist unwiederbringlich, aber sinnloses, zufälliges Leben ist unerträglich« Die Autorität (1981–1992)

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Als die Stimme der Überlebenden verstummte

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Persönliche Erinnerungen

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Andreas Nachama

Reden und Aufsätze Heinz Galinskis

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Anhang Anmerkungen Literaturverzeichnis Abbildungsnachweis

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Übersicht der enthaltenen Interviews zu Heinz Galinski Interview mit Klaus Schütz Interview mit Eberhard Diepgen Interview mit Wolfgang Schäuble

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Zum Geleit

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Sara Nachama Vizepräsidentin des Touro College New York und Gründungsdirektorin des Touro College Berlin

Es war Heinz Galinski sel. A., der bei der Bar-Mizwa-Feier meines älteren Sohnes von seiner Freude darüber sprach, dass jüdische Menschen in Deutschland nicht mehr auf gepackten Koffern säßen, sondern hier ihre Zukunft sähen. Er war einer der Ersten, die nach dem Überleben der Schoah auf jüdisches Leben in unserem Land setzten. Galinski vertraute auf die junge Generation; er wusste, dass Lernen und Lehren die Essenz jüdischen Lebens sind. Er war Verfechter der Einheitsgemeinde und derjenige, der den Staatsvertrag unserer Gemeinde mit dem Land Berlin auf den Weg gebracht hat. Ihm ist die Errichtung eines jüdischen Kindergartens und jüdischer Schulen zu verdanken. Mit der Gründung des Touro College Berlin, der ersten amerikanisch-jüdischen Hochschule in Deutschland, im Jahr 2003 wurde sein Werk auch auf akademischer Ebene fortgesetzt. Das Touro College Berlin ist heute ein lebendiger jüdischer Ort, offen für Studierende aus aller Welt und unabhängig von religiöser Herkunft. Insbesondere in unserem Studiengang Holocaust Communication and Tolerance wird Galinskis Appell »Vergesst es nie!« gehört und umgesetzt. Die Stimmen der Überlebenden verstummen langsam. Es macht mich aber stolz und froh, dass dieses Buch in der Schriftenreihe des Lander Institute for Communication about the Holocaust and Tolerance des Touro College Berlin erscheinen kann. Das Werk Heinz Galinskis sel. A. und sein »Dennoch!« sind für uns Erbe und Auftrag.

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Dr. Dieter Graumann Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Kein »Bequemer«, sondern ein Mahner – so heißt es im Titel dieses Buches. Trefflicher lässt sich Heinz Galinski wohl kaum charakterisieren. Ob als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin oder später des Zentralrats der Juden in Deutschland – Heinz Galinski hat sich nie gescheut, den Finger in die Wunde zu legen und sich öffentlich für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland einzusetzen. Er hat politische Missstände beim Namen genannt und unermüdlich für die Rechte der Shoa-Überlebenden gekämpft. Er, der selbst durch die Hölle von Auschwitz gegangen war, der dort seine Mutter und erste Ehefrau verlor, hat mit einer Lebenskraft und einer Zuversicht, die wir bis heute bewundern, den Neuanfang im Nachkriegsdeutschland gewagt, für ihn persönlich und als Wegbereiter für eine neue jüdische Gemeinschaft in Deutschland. Mit unbändigem Lebenswillen und grenzenloser Courage ging Heinz Galinski ans Werk und gab damit den kleinen, von den Nazis fast ausgerotteten jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder Zuversicht und neue Hoffnung. Heinz Galinski hat sich dabei nie einschüchtern lassen. Der Wunsch nach einer wieder blühenden jüdischen Gemeinschaft hierzulande war ihm immer Herzenssache, in der er sich nicht beirren ließ. Ob es alltägliche Feindseligkeiten, zwei verhinderte Bombenattentate auf seine Person oder die Frustration des langwierigen Aufbauprozesses waren, Heinz Galinski hat sich nie von seinem Weg abbringen lassen – einen Weg, den wir auch heute noch entschlossen gehen. Wofür hat Heinz Galinski also gekämpft? Wofür hat er gelebt? Er hat an den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland geglaubt – 10

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und hart dafür gearbeitet, ja sein ganzes Leben nach dem Krieg in den Dienst dieser Sache gestellt. Er hat gekämpft für finanzielle Entschädigung der Shoah-Opfer, gegen die Schlussstrich-Mentalität, die sich zusehends breit machte. Als sich so viele hier mit der PLO solidarisierten, stand er stets unerschütterlich fest an der Seite Israels. Schändungen jüdischer Friedhöfe, offener und versteckter Antisemitismus – Heinz Galinski erhob laut und vernehmlich seine Stimme. Es sind die gleichen Themen, die uns auch heute immer noch bewegen. Der Zentralrat der Juden will sich künftig nicht mehr auf die ­Rolle des Dauer-Mahners fixieren lassen. Doch regelmäßig zwingen uns aktuelle Debatten regelrecht dazu, entschlossen Stellung zu beziehen. Das tun wir – mit Feuereifer und Leidenschaft. Häufig genug sind wir die Ersten, die ihre Meinung äußern. Die Stimme von Heinz Galinski ist 1992 verstummt, aber wir setzen sein Werk bis heute enthusiastisch fort. Er war eine großartige Persönlichkeit, die unvergessen bleibt. Sein Einsatz wird für uns alle für immer ein großes Vorbild sein.

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Dr. Helmut Kohl Bundeskanzler a. D.

Wenn ich heute, im Jahr 2012 – 20 Jahre nach seinem Tod und anlässlich seines 100. Geburtstags – Heinz Galinskis gedenke, erinnere ich mich vor allem an einen trotz eigener bitterer Erfahrungen nie ermüdenden, engagierten Demokraten und aufrechten Patrioten. Gerade wir, die Deutschen, wollen und dürfen nicht vergessen, dass es ein besonderes, kostbares Geschenk für uns bleibt, dass trotz des schrecklichen Leids, das Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland und Europa in deutschem Namen und von deutscher Hand angetan wurde, Juden auch nach 1945 bereit waren, beim Aufbau unserer Bundesrepublik Deutschland tatkräftig mitzuwirken – des freiesten und friedlichsten Gemeinwesens, das es je auf deutschem Boden gab. Heinz Galinski war einer von ihnen. Von der ersten Stunde an hat er sich am Aufbau der Bundesrepublik Deutschland beteiligt. Mit großem Nachdruck hat er 1989/90 auch die Bemühungen zur Wiederherstellung der deutschen Einheit in ­freier Selbstbestimmung unterstützt und zugleich die Entwicklungen in E ­ uropa gewohnt wachsam, mahnend und konstruktiv begleitet. Der 100. Geburtstag Heinz Galinskis ist einmal mehr ein guter Anlass, sich seiner und seines Wirkens auch heute und für die Zukunft zu erinnern, das er selbst einmal so zusammengefasst hat: »Denn das Vergessen zu verhindern, ist auch ein wichtiges Mittel, um den Menschen zu Bewusstsein zu bringen, was sie an der Demokratie zu schätzen haben.«

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Dr. h. c. Charlotte Knobloch Präsidentin der Israelitischen ­Kultusgemeinde München und Ober­bayern und Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses (WJC)

Heinz Galinski sel. A. hat die jüdische Geschichte in Deutschland nach der Shoah entscheidend geprägt. Er hatte maßgeblichen Anteil an der Wiederbelebung des jüdischen Lebens in der freiheitlich-demo­ kratischen Bundesrepublik Deutschland. Ich begegnete diesem groß­ artigen Menschen erstmals Ende der 1980er Jahre, als er einen Vortrag in München hielt. Auf Anhieb war ich überwältigt von seiner äußerst zuvorkommenden, freundlichen Art. Seine Herzlichkeit beeindruckte mich zutiefst. Neben seiner einnehmenden menschlichen Persönlichkeit waren es natürlich vor allem seine Worte, seine Botschaften, mit denen er die Herzen seiner Zuhörer, wie eben auch meines, eroberte. Ich hing regelrecht an seinen Lippen und verfolgte seine Erörterungen gleichsam gespannt wie demütig – voller Bewunderung für jenen Mann, dessen Geschichte so unmenschlich grausam war und der doch seinen Blick einzig und allein auf das Jetzt und Hier ausrichtete. Wie kaum ein anderer vermochte er es, Lust auf die gemeinsame Gestaltung der Gegenwart und Zukunft zu machen. Sein Vertrauen in dieses Land und seine Menschen war ansteckend, ebenso wie s­ eine unerschütterliche Hoffnung, die er trotz und gerade aufgrund der schrecklichen Verfolgung, die er erleben musste, ehrlich und glaubhaft vermittelte. Nicht zuletzt diese Begegnung und der Mensch Heinz Galinski sel.A. haben mich in meinen eigenen Visionen bestärkt. Er hat mich eindringlich und nachhaltig motiviert und ermuntert, die Pläne für ein neues jüdisches Zentrum in München entschlossen und hart­ näckig zu verfolgen. Menschen wie er haben bewiesen, dass es sich lohnt, zu glauben, dass es sich lohnt, zu vertrauen und dass man nie aufgeben sollte, für seine Träume zu kämpfen. 13

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Karl Kardinal Lehmann Bischof von Mainz

Ich bin Heinz Galinski erst in seinen späteren Jahren begegnet, als ich Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz war (ab 1987). Bald ­danach wurde er Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, obgleich er als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin schon seit 1949 so etwas wie ein Sprecher der Juden in Deutschland war. Ich habe Heinz Galinski einfach schon deswegen geschätzt, weil er zu den überlebenden jüdischen Bürgern gehörte, die nach 1945 wieder an ein jüdisches Leben in Deutschland glaubten und es selbst durch einen immensen Einsatz wahrmachten. Zwangsarbeit, Vernichtungs­ lager, der Tod seiner Frau und seiner Mutter sowie die Konzentrations­ lager in Buchenwald und Bergen-Belsen konnten den Glauben an eine gemeinsame Zukunft nicht brechen. Deswegen hat er sich für eine »volle Integration unter Ablehnung der Assimilation« der Juden bis zur Erschöpfung eingesetzt und sich dabei verzehrt. Vieles geht auf ihn zurück. Manchmal habe ich mich mit ihm schwergetan; er konnte autoritär und schroff sein. Ich glaubte, dies verstehen zu können. Mit Recht ­hatte er Sorge, das Unrecht an den Juden könnte vergessen werden. Wir brauchen auch künftig solche Mahner, ob nun tot oder lebendig, damit wir nicht vergessen.

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Romani Rose Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

Heinz Galinski war ein wichtiger Unterstützer unserer politischen ­Arbeit, vor allem in den Anfängen der Bürgerrechtsbewegung. Wie er immer wieder betont hat, waren die Beweggründe für dieses Engagement die gemeinsame Leidensgeschichte von Juden, Sinti und Roma in den nationalsozialistischen Todeslagern. Aus dieser existenziellen Erfahrung speiste sich sein unbedingter Gerechtigkeitswille und sein fundamentales Demokratieverständnis, das kein bequemes Wegsehen, keine Halbwahrheiten oder faulen Kompromisse zuließ. Die fortgesetzte Diskriminierung der Sinti und Roma nach dem Völkermord, die verweigerte Anerkennung der an ihnen begangenen Verbrechen durch den deutschen Staat, in dem die Täter weiterhin unbehelligt agieren konnten: all dies empfand Heinz Galinski als ebenso unerträglich wie einer demokratischen Gesellschaft unwürdig – und er hat dies in unmissverständlichen Worten zum Ausdruck gebracht. Besonders hat sich mir seine Ansprache beim III. Welt-Roma-Kongress in Göttingen am 20. Mai 1981 eingeprägt, an dem er gemeinsam mit ­Simon Wiesenthal teilgenommen hat. Heinz Galinski sagte damals: »Den Roma und unter ihnen den deutschen Sinti weiß ich mich besonders verbunden; denn ihr Schicksal und das der jüdischen Gemeinschaft während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft waren einander sehr ähnlich. Was den Roma wie den Juden der National­ sozialismus zugedacht hatte, war die Ausrottung, war der Völkermord, und das Lager Auschwitz, in das ich 1943 deportiert wurde und wo meine erste Frau und meine Mutter ermordet wurden, war eine der Stätten, an denen das grauenhafteste Vernichtungsprogramm der Geschichte in die Tat umgesetzt wurde. (…) Niemals kann, niemals 15

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darf und niemals wird aus dem Bewusstsein der jüdischen Menschen die Erinnerung an das Verfolgungsschicksal der Roma und Sinti in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verdrängt werden.« Diese Worte werden bleiben, und die deutschen Sinti und Roma werden die Solidarität von Heinz Galinski nicht vergessen.

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Auf dass die Toten ihre Ruhe haben

Ein schmales Gesicht, ein dunkles Brillengestell, die Augen blicken streng auf den Betrachter. Die Unnachgiebigkeit in Person, auf nahezu allen Bildern. Nahestehende und Freunde, nur sie kannten auch die charmante Seite des Mannes, dessen Lebensaufgabe es war, die Deutschen ihrer Verbrechen während des Nationalsozialismus zu mahnen. Die Bundeskanzler wechselten, hießen Adenauer oder Brandt oder Kohl, Heinz Galinski aber blieb, saß ohne Unterbrechung der Jüdischen Gemeinde Berlins vor. Jährten sich die Novemberpogrome, der Aufstand im Warschauer Ghetto oder die Wannsee-Konferenz, so hielt er stets eine seiner viel beachteten, manchmal gefürchteten, oftmals anklagenden Ansprachen. Heinz Galinski war ein Mann mit Berufung, jene, die ihn gut kannten, beschreiben ihn auch als einen Getriebenen. Altersmilde zeichnete seinen Charakter nicht: Ohne Unterlass und bis kurz vor seinem Tode ohne schwindenden Nachdruck mahnte er der deutschen Schandtaten. Warnte davor, zu vergessen, zu welch Gräueln der aufgeklärte Mensch fähig sein kann. Antisemiten nannte er »Ewiggestrige« oder »Wiedererwachte«, er bekämpfte sie mit Worten, mit Scharfsinn und mit jener großen Leidenschaft, die Menschen aufzuweisen pflegen, die ihre Mission im Leben gefunden haben. Oder, und das ist hier wohl treffender, denen das Leben eine Mission aufgebürdet hat. Zielsicher legte Heinz Galinski seine Hand auf den offenen und den nicht ganz offenen Antisemitismus der nachkriegsdeutschen Wirtschaftswundergesellschaft. Vom Reinickendorfer Beamten, der Juden bei der Ausgabe von Lebensmittelkarten anpöbelt, bis zum Bundesminister, der öffentlich die erste Strophe des Deutschlandliedes a­ nstimmt – 17

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nie ließ sich Heinz Galinski von einem persilscheinweißen Ruf oder Amt beeindrucken. Als alle Welt auf den Eichmann-Prozess in Jerusalem starrte, lag Galinskis Augenmerk – mit wachsender Enttäuschung – auf den zahllosen Leserbriefen und Kommentaren in Deutschland, die dem Prozess die Legitimation absprechen wollte. Seine Worte beeinflussten nachhaltig die bundesdeutsche Geschichte von den Verjährungs­ debatten der 1960er und 1970er Jahre bis hin zum Einigungsvertrag. Wurde Heinz Galinski in Israel gefragt, wie denn jüdisches Leben in Deutschland nach dem Holocaust überhaupt möglich sei, sprach er von seiner jahrzehntelangen Gemeinde- und Aufbauarbeit in Berlin, die unter dem Motto »Volle Integration unter Ablehnung der Assimilation« stand. Er kämpfte für Entschädigung und Gleichstellung »rassisch« Verfolgter und gegen die Amnestie von NS-Verbrechen, und das lange bevor die Mehrheit der Deutschen die Notwendigkeit dazu eingesehen hatte. Auch der Beitrag Heinz Galinskis zur Humanisierung der Deutschen nach dem Krieg, darauf weist sein langjähriger Freund Klaus Schütz hin, darf nicht unterschätzt werden. Ralph Giordano bezeichnete einmal Auschwitz als den »Daseinskompass« Heinz Galinskis, und das trifft es sehr genau. Das Mahnen, es war seine Lebensaufgabe. ­– Im einhundertsten Jahr nach seiner Geburt ist Heinz Galinski plötzlich wieder in den Nachrichten. Die Behörden prüfen, ob die Zwickauer Terrorzelle für die Attentate auf seine letzte Ruhestätte verantwortlich gemacht werden kann. Neben einem im März 2002 verübten Bombenanschlag auf den Jüdischen Friedhof in Berlin-Charlottenburg untersucht die Polizei auch einen Anschlag auf das Grab Heinz Galinskis neu: Am 19. Dezember 1998 war auf dem Jüdischen Friedhof Heerstraße die 1,5 mal 1,5 Meter große Granitplatte auf dem Grab des einstigen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland gesprengt worden. Die Täter hatten Sprengstoff in die Stahlklappe einer Gasflasche gesteckt – eine selbst gebaute, doch hoch professionelle Bombe. Bereits wenige Monate zuvor war das Grab Heinz Galinskis schon einmal geschändet worden. Beide Verbrechen hatten weit über Berlin hinaus Entsetzen hervorgerufen. 18

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Das Mahnen war seine Lebensauf­ gabe: Heinz Galinski (1912–1992).

Schändungen jüdischer Friedhöfe stellen im Bereich der antisemitisch motivierten Straftaten eine Besonderheit dar, sie haben eine aus dem Mittelalter stammende Tradition. Der Versuch, die Würde Verstorbener und die religiös gebotene Dauerhaftigkeit der Grabstätte zu verletzen, verleiht ihr eine besondere Perfidie. Mit Friedhofsschändungen wollen die Täter die Erinnerung zerstören und die symbolische Präsenz jüdischen Lebens tilgen. Ziemlich genau fünf Jahre nach Kriegsende, im Mai 1950, schrieb Heinz Galinski einen Beitrag für die »Jüdische Allgemeine« mit dem Titel »Die Friedhofsschänder wurden verhaftet«.1 Es ging darin um elf junge Leute, die Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee verunstaltet hatten. Heinz Galinski lobte in dem Artikel, dass, seines Wissens zum ersten Mal, die zuständigen Behörden durch ihr schnelles Zugreifen und ihr »wirklich ernsthaftes Bemühen« die Täter ermitteln konnten. Doch auch diesen Beitrag schloss er, wie nahezu alles, was er ver­ öffentlichte, mit einer Warnung: »Wir wollen diese erste Schändung jüdischer Gräber auf unserem Friedhof in Weißensee weder unter19

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noch überschätzen. […] Ist es nicht grotesk, dass gerade in Deutschland, das die meiste Veranlassung hat, den Juden für die an ihnen begangenen Verbrechen Abbitte zu leisten, immer wieder derartige Dinge geschehen? Gibt es denn etwas Gemeineres, als nicht einmal den Toten ihre letzte Ruhe zu gönnen? […] Wir verlangen kategorisch und werden unsere Stimme so lange erheben, bis die zuständigen Instanzen dafür Sorge getragen haben, dass, wenn sie nun einmal nicht in der Lage sind, den Lebenden endlich Gerechtigkeit nach fünf Jahren unserer Befreiung zukommen zu lassen, wenigstens unsere Toten ihre Ruhe haben.«

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»Die Menschen waren feige« Marienburg – Berlin – Auschwitz (1912 – 1945)

Kindheit und Jugend in Westpreußen Heinz Galinski wurde am 28. November 1912 im preußischen Marienburg, heute Malbork, geboren. Die damalige Kreisstadt war und ist vor allem aufgrund der gleichnamigen imposanten Burg, die der Deutsche Orden hier im 13. Jahrhundert an der Nogat errichtet hatte, berühmt. Trotz seiner bedeutenden Vergangenheit im Schatten des größten Backsteinbaus Europas handelte es sich bei Marienburg um nicht viel mehr als ein überschaubares Provinzstädtchen, im Jahr 1910 zählte man nicht mehr als 12.983 Einwohner. Nach dem Ersten Weltkrieg stimmte die Bevölkerung im Abstimmungsgebiet Marienwerder über die weitere Zugehörigkeit zu Deutschland oder den Anschluss an Polen ab: der Landkreis Marien­ burg votierte mit 98,9 Prozent für den Verbleib bei Deutschland. Das Gebiet wurde daraufhin bei der Aufteilung der deutschen Provinz Westpreußen und der Bildung des polnischen Korridors als Regierungsbezirk Westpreußen dem deutsch gebliebenen Ostpreußen angegliedert. Die jüdische Gemeinschaft in Marienburg muss als überschaubar bezeichnet werden – Heinz Galinski selbst nutzte stets das Adjektiv »bescheiden«, wenn er sich an das Gemeindeleben seiner Heimat erinnerte. Der »Führer durch die jüdische Gemeinschaftsverwaltung und Wohlfahrtspflege« registrierte für das Jahr 1932 lediglich 170 Gemeindemitglieder. Nach Schilderungen Galinskis nahmen am jüdischen Religionsunterricht in der Marienburger Synagoge nur 18 Kinder teil, eine jüdische Jugendgruppe gab es nicht.1 Heinz Galinski wuchs in der Schmiedegasse 5 auf. Er besuchte zunächst die Volksschule, dann das Humanistische Gymnasium. Seine 21

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Eltern Albert und Marie, eine geborene Mendelsohn aus Preußisch Stargard, waren die Inhaber eines kleinen Textilgeschäfts. Am Ersten Weltkrieg nahm Albert aktiv als Frontsoldat teil, wie 85.000 andere Deutsche jüdischer Religion sah er es als patriotische Pflicht an, für Deutschland in den Krieg zu ziehen. Viele jüdische Menschen hatten, wie Heinz Galinski sich später erinnerte, im Kaiserreich eine sichere Bastion gesehen. Etwa 12.000 von ihnen fielen auf den Schlachtfeldern für ihre Heimat. Sein Vater Albert kehrte aus dem Krieg zurück, doch mit schwersten Verletzungen – zeit seines Lebens zeichnete ihn eine Kriegsbeschädigung von 70 Prozent. Wie aktiv die Galinskis im Gemeindeleben ihrer Heimatstadt waren, verdeutlicht der Vorsitz Alberts im »Jüdischen Kranken- und Beerdigungsverein Chewra«. In Marienburg war zudem ein Ortsverband des »Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten« (RjF) ansässig, die Mitgliedschaft Albert Galinskis kann hier wohl mit größter Wahrscheinlichkeit angenommen werden. Da das Anliegen des RjF darin bestand, den zunehmenden Antisemitismus abzuwehren und »jede Bestrebung, die uns deutsche Juden zu dieser deutschen Heimat in eine Fremdstellung bringen will«, zu unterbinden, ist die Gründung des Marienburger Ortsverbandes wohl auf die wachsende Ausgrenzung der jüdischen Bürger in der Kleinstadt zurückzuführen. Mag es auch so gewesen sein, die früheste Jugendzeit Heinz Galinskis beeinträchtigte all dies nach seinen eigenen Angaben noch nicht. Kurz nach seinem 13. Geburtstag, im Dezember 1925, wurde er erstmals zur Tora aufgerufen. Außerhalb der Synagoge gab es in Marienburg kein jüdisches Leben, sodass die Familie mit großer Regelmäßigkeit den Sabbat im Gotteshaus feierte. Der Antisemitismus der späten Weimarer Jahre gedieh in der Provinz schneller und stärker als in den Metropolen der Republik. Auch die Familie Galinski bekam die zunehmenden Anfeindungen zwar zu spüren, doch, wie sich Heinz später erinnerte, »keiner von uns wollte so direkt die Gefahr sehen«. Dass jemand, der in den Jahren seines Erwachsenwerdens die Zuspitzung seiner Situation nicht wahrnehmen wollte, nach der Katastrophe umso unnachgiebiger vor den Anfängen des Antisemitismus warnte, verwundert nicht. 22

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In Marienburg durfte Heinz Galinski eine behütete Kindheit erleben.

Der Heranwachsende registrierte die Ablehnung seiner Mitmenschen mehr und mehr. Heinz Galinski erzählte in einem Interview: »In Erinnerung ist mir das Jahr 1927, ich war damals 15 Jahre alt. Hier kam es zu ersten Distanzierungen in meiner Schulklasse: Viele Söhne von so genannten Rittergutsbesitzern ließen mich spüren, dass gewisse Vorurteile mir gegenüber bestanden, wenn auch keine ausgesprochen antisemitischen Äußerungen getan wurden. Das Lehrerkollegium war im Großen und Ganzen überwiegend positiv. Aber ich spürte die Dis­ tanzierungen an beiläufigen Kleinigkeiten: Während man vorher zu den Familien eingeladen wurde, zum Beispiel zu Geburtstagen, ließ dies auf einmal merklich nach. […] Zunächst war der Umgang mit den nichtjüdischen Bürgern von Marienburg unproblematisch, ja, eine Selbstverständlichkeit. Erst Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre bekam man die Distanzierung der nichtjüdischen Bürger zu spüren, und die jüdischen Menschen in Marienburg schlossen sich enger zusammen.«2

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Berlin, die große Hoffnung Vor allem nach der »Machtergreifung« Hitlers verschärfte sich die Situation in Marienburg, immer offener trat, ermuntert durch die Propaganda der neuen Regierung, die judenfeindliche Haltung der Einwohner zutage. Den Abend des 30. Januar 1933 verbrachte Heinz Galinski vor dem Radio in seinem Elternhaus. Der Tag blieb ihm auch deshalb in Erinnerung, »weil sich plötzlich über Nacht zwischen Mensch und Mitmensch Schranken auftaten: Menschen, mit denen man bis dahin noch verkehrt hatte, brachen auf einmal aus Angst oder Feigheit den Verkehr ab. Ein Schulfreund, mit dem ich sehr eng befreundet war, ging zur Gestapo. Da dies alles in einer kleinen Stadt ablief, kann man sich heute in einer Großstadt wie Berlin die Folgen eines solchen Verhältnisses nur schwer ausmalen. Wir lebten in einer besonderen Angst, weil wir täglich Verhaftungen mitansehen mussten. Ich stellte mir oft die Frage, wie wird sich dieser Mensch mir gegenüber verhalten, und es war mehr ein Zufall, dass dies für mich persönlich keine Konsequenzen hatte. Menschen waren feige und vergaßen über Nacht langjährige Bindungen und Freundschaften. Uns wurde in den Wochen nach dem 30. Januar 1933 zum ersten Mal klar, dass hier ein Regime die Macht übernommen hatte, das auch im privatesten Bereich Gewalt auf Menschen ausübt.« – Es waren auch die sich verschärfenden Umstände, die Heinz dazu anhielten, mit der Ausbildung zum Textilkaufmann einen ganz pragmatischen Beruf anzustreben. Sein Lehrbetrieb, die Firma »Gebrüder Lublinski«, befand sich im masurischen Elbing (heute Elbla˛g), einer mittelgroßen Stadt von immerhin gut 70.000 Einwohnern. Er konnte seine Ausbildung beenden, dann wurde das Unternehmen »arisiert«. Zunächst wurde Heinz Galinski von den neuen Besitzern übernommen, bis die ortsansässige NSDAP auch der Firma Lublinski untersagte, Juden zu beschäftigen. Zunächst ging er zurück nach Marienburg, wo er bis 1937 bei der Firma »M. Conitzer und Söhne«, dem »größten Textilhaus am Platz«, angestellt war. Als dieser Teil des Unternehmens sich nicht mehr der »Arisierung« entziehen konnte, wechselte Heinz 24

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Bis 1937 arbeitete Heinz Galinski als Textilkaufmann bei »M. Conitzer und Söhne«.

Galinski in die Tochterfiliale nach Rathenow. Auch in dieser Provinzstadt wurden die Anfeindungen gegen jüdische Mitbürger immer stärker, aber privat fand er hier sein Glück: Heinz Galinski lernte Gisela Jacobsohn kennen, seine erste Ehefrau. Die beiden konnten Albert und Marie mittels einer kurzen Fahrt mit dem Regionalzug besuchen, denn auch Heinz Galinskis Eltern hatten Marienburg verlassen, sie lebten nun in Berlin. Die Familie hatte das Textilgeschäft in Marienburg nicht mehr lange nach der »Macht­ ergreifung« halten können – zu groß waren die Repressionen, die unmittelbar mit dem berüchtigten Boykott gegen jüdische Geschäfte vom 1. April 1933 spürbar wurden. Noch in späten Lebensjahren erinnerte sich Heinz Galinski an die Nötigungen, die die Bevölkerungsmehrheit seiner Heimatstadt gegen die Juden anwandte: »Die sogenannte Arisierung von Betrieben und Geschäften erfolgte oft durch unvorstellbaren psychologischen Druck. Oftmals erfolgte über Nacht die Übernahme beziehungsweise die Aufgabe eines Geschäftes. Viele, dass muss ich sagen – leider –, nichtjüdische Kaufleute warteten nur auf diese Situa­ 25

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tion und halfen, sie herbeizuführen, um für ein Butterbrot und auch manchmal für ein Nichts gute Existenzen übernehmen zu können. Auch das war damals ein furchtbares Gefühl der Enttäuschung.« Längst hatte Heinz Galinski und Gisela Jacobsohn in der Provinzstadt Rathenow die antijüdische Haltung weiter Bevölkerungskreise zu schaffen gemacht. Das junge Paar beschloss bereits nach wenigen Monaten, es Albert und Marie gleichzutun und in die weitaus liberalere Spree-Metropole zu ziehen. Albert und Marie Galinski hatten eine Wohnung im Vorderhaus der Schönhauser Allee 147a bezogen, Heinz und seine Verlobte Gisela lebten im Hinterhaus derselben Adresse. Auf diese Weise konnte Heinz bei der Pflege seines Vaters mithelfen. Die Auswanderung war zu diesem Zeitpunkt kein Thema für Heinz ­Galinski – er hätte seine Eltern, vor allem seinen schwerbeschädigten Vater nicht in Deutschland zurücklassen wollen. Etwa ein Drittel der Juden in Deutschland lebte in Berlin, 1925 zählte man hier 172.672 Menschen jüdischen Glaubens. Zum ­Vergleich: Im gleichen Jahr waren Frankfurt/Main 29.385 Juden, in Breslau 23.240, in Hamburg 19.794, in Köln 16.093 und in Leipzig 12.504 jüdische Bürger registriert. Das jüdische Leben zeigte sich in der Reichshauptstadt in vielfältiger Form, ob in »Charlottengrad« oder im Scheunenviertel, dem Quartier der so zahlreich eingewanderten osteuropäischen Juden. Seit den russischen Pogromen 1881/82, die auf den Tod Zar Alexander II. gefolgt waren, spätestens aber seit den Schrecken der Oktober­ revolution, galt Berlin als wichtigstes Migrationszentrum für Juden und Adlige aus Russland und der Ukraine. Die Stadt an der Spree, sie war ein Zufluchtsort, auch noch nach der »Machtergreifung«. Doch lange schützte die Anonymität der Großstadt auch die Ber­liner Juden nicht vor Repression und Verfolgung.

Berlin, der große Albtraum Bis ins hohe Alter blieben Heinz Galinski die Erinnerungen an die Pogrome vom November 1938 präsent. Am Abend des 9. November, an dem jüdische Gotteshäuser in ganz Deutschland in Brand gesetzt 26

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»Es war viel mehr nur als Kristall, was in dieser Nacht zerschlagen wurde«: Galins­ ki sah am 9. November 1938 die Synagoge in der Fasanenstraße ausbrennen.

wurden, stand Heinz Galinski vor der in Flammen stehenden Synagoge in der Charlottenburger Fasanenstraße. Die SA-Männer, die in dieser Nacht – wenn auch nicht in Uniform, sondern inkognito in »Räuberzivil« – rund um den Kurfürstendamm wüteten, drangen in das Gotteshaus ein und setzten die Synagoge gleich an mehreren Stellen in Brand. Empörte Passanten alarmierten die Feuerwehr, doch sie durfte nicht löschen. Die Mannschaften standen hilflos vor dem brennenden Gotteshaus – die SA hatte sie am Auslegen der Schläuche gehindert. Und die herbeigerufenen Polizisten drehten der bizarren Szene einfach den Rücken zu.3 Was hier in Brand gesetzt wurde, war auch ein Denkmal des jüdischen Bürgerstolzes: Die 1912 eröffnete Synagoge in der Fasanenstraße war nicht in einem Hinterhof versteckt, wie noch das wenige Jahre zuvor geweihte jüdische Gotteshaus in der Rykestraße. Die Synagoge in der Fasanenstraße, sie war ein sichtbares, ein erhabenes Zeichen mitten im Stadtbild gewesen. 27

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Heinz Galinski erinnerte sich noch Jahre später an die gespenstische Szenerie des 9. November: »Ich hörte viele Menschen, die ihrem Erschrecken Ausdruck gaben, ich sah aber auch andere, die mit hoch geschlagenem Mantelkragen an der brennenden Synagoge vorbeigingen ohne ein Wort. Sie wollten nichts wahrnehmen, während andere wiederum ihrer Empörung Ausdruck gaben, dass man selbst vor Gotteshäusern nicht Halt mache. Es war viel mehr nur als Kristall, was in dieser Nacht zerschlagen wurde: Menschen wurden erschlagen und deportiert. Gleichwohl war es ›nur‹ ein gefährliches Vorspiel zu dem, was wenig später eingetreten ist. […] Am 9. November 1938, als ich mit ansehen musste, wie unsere Synagoge zerstört wurde, Menschen geschlagen, ermordet, verhaftet und deportiert wurden, brach zum ersten Mal eine Welt in mir zusammen.« – Kurzzeitig reisten die Galinskis nach dieser Schreckensnacht zu einer Tante nach Köln, kehrten jedoch bald darauf zurück. Denn das Aufgebot für Heinz und Gisela war bereits bestellt worden. Diese Heirat, 15 Tage nach dem 9. November, war wohl eine der ersten, die nach der Pogromnacht stattfanden. Heinz und Gisela wurden im Bezirksamt Prenzlauer Berg getraut. Anstatt der sonst üblichen Formulierung »im Namen des Führers« verwendete der Standesbeamte bei der Eheschließung die Wendung »im Namen des Volkes«. Wenige Stunden später nahm der Rabbiner Grab in dessen Privatwohnung die jüdische Trauungszeremonie vor. Die Ausgrenzungspolitik der Nationalsozialisten griff mehr und mehr in das Leben der Familie Galinski ein. Kleinliche, aber zermürbende Schikanen vergifteten den Alltag. Umso dankbarer erinnerte sich Heinz Galinski noch Jahrzehnte später an kleine Beispiele couragierter Mitmenschlichkeit: So setzte sich ein katholischer Küster ostentativ auf die »Nur für Juden« bestimmte Bank neben den schwer kriegsbeschädigten Vater Albert.4 Nicht lange nach der Hochzeit beschloss Heinz, eine Umschulung zum Maschinenstricker zu absolvieren. Eine handwerkliche Tätigkeit zu erlernen, erschien ihm sinnvoll, auch vor dem Hintergrund einer möglichen Emigration. Doch wurden er, seine Ehefrau Gisela und 28

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Bei »Siemens und Schuckert« in Berlin-Gartenfeld leistete Galinski Zwangsarbeit – unter gesundheitlich gefährlichen Bedingungen.

seine Mutter Marie schon bald zur Zwangsarbeit herangezogen. Allein dem schwerbehinderten Weltkriegsveteran Albert blieben die täglichen Zwölf-Stunden-Schichten erspart. Das Arbeitsamt an der Fontanepromenade hatte Heinz Galinski zur Zwangsarbeit bei »Siemens und Schuckert« in Gartenfeld (Berlin-Spandau) verpflichtet. In diesem »Werk für Starkstromkabel und -leitungen« wurden auf 80.000 Quadratmetern elektrische Drähte, Kabel und Isoliermaterialien für die Nachrichtentechnik gefertigt. Die Zwangsarbeiter mussten körperlich sehr anstrengende Tätigkeiten unter gesundheitlich gefährlichen Bedingungen verrichten. Heinz Galins­ ki erinnerte sich später: »[…] eine grauenvolle, furchtbare Arbeit, wo wir nur mit Ruß zu tun hatten und keine Seife bekamen. Dann kam ich in die Asbestwickelei, wo wir für die Kriegsproduktion Drähte herstellen mussten. Das war eine gesundheitsschädigende Zwangsarbeit, und im Gegensatz zu den anderen Arbeitern bekamen wir keine Milch. Wir wurden morgens am Tor abgeholt, durften den Bürgersteig nicht 29

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betreten und wurden so wieder herausgeführt. Meine Frau wurde zu Pertrix zwangsverpflichtet, das ist die Batterienfabrik. Eine grauenvolle Arbeit, der Ruß ging gar nicht mehr ab. Und selbst meine Mutter, immerhin schon im betagten Alter, wurde dann bei einer Militärmantelfabrik zwangsverpflichtet.« Bereits kurz nach Kriegsende sollte Heinz Galinski Versammlungen ehemaliger Siemens-Zwangsarbeiter im Berliner Admiralspalast organisieren. Schon damals, in den Jahren 1946/47, gehörte er damit zu den wenigen Stimmen, die sich für eine Entschädigung von Zwangsarbeitern stark machten. – Mehr als 3.000 Zwangsarbeitslager gab es im Berliner Stadtgebiet. Hinzu kam die wachsende Angst vor Denunziation – und schließlich Deportation. Noch immer weigerten sich Heinz und Gisela, ins Ausland zu emi­grieren, denn ihnen war klar, dass man in dieser Situation Albert und Marie Galinski nicht alleine zurücklassen konnte. Heinz erinnerte sich an diese Monate, diese Jahre der Angst: »Die Stimmung unter den jüdischen Menschen war deprimierend; man saß in den Familien und hatte kein anderes Gesprächsthema als die ausweglose ­Situation, in der wir uns befanden. Jeder hatte eine andere Geschichte zu erzählen, die er über den Mundfunk erfahren hatte: Da wurde ein Ehepaar von der Gestapo abgeholt, das wurde am Arbeitsplatz bemerkt – von einem Tag zum anderen war der Mitmensch, der an der Maschine neben einem stand, einfach nicht mehr da. Dann hat man das einmal, zweimal, dreimal und immer wieder erfahren, dass dieser oder jener abgeholt wurde, um in den Osten abtransportiert zu werden. Nun begannen auch die systematischen Abholungen vom Hause aus, und so entwickelte sich eine furchtbare Panikstimmung. Hier saß man nun und konnte offenbar nichts mehr tun, weil alles, was die Situation tatsächlich verändert hätte, versperrt war.« – Noch etwa 66.000 Juden lebten im Jahr 1941 in Berlin. In insgesamt 61 sogenannten Osttransporten wurden über 35.000 von ihnen in Konzentrationslager deportiert und ermordet. 15.122 Berliner Juden verschleppte das NS-Regime in 123 »Alterstransporten« nach Theresienstadt, nur elf Prozent von ihnen überlebten das Kriegsende. Zahl30

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