japan edition herausgegeben von Eduard Klopfenstein, Zürich Dieses Werk erscheint im Rahmen des Projekts zur Veröffentlichung japanischer Literatur (JLPP), im Auftrag des japanischen Amts für kulturelle Angelegenheiten. Herausgeber für den deutschen Sprachraum: Eduard Klopfenstein.
Die Schreibweise der japanischen Namen wurde in ihrer ursprünglichen japanischen Gestalt belassen, also erst der Familienname, dann der persönliche Name.
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Miyabe Miyuki
Feuerwagen Roman
Aus dem Japanischen Ăźbersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ralph Degen
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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. Japanischer Originaltitel Kasha © 1997, Miyabe Miyuki Deutsche Übersetzung © Ralph Degen, 2011 Verantwortlicher Herausgeber für den deutschen Sprachraum: Eduard Klopfenstein © 2012, japan edition im be.bra verlag GmbH, KulturBrauerei Haus 2, Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Marijke Topp, Berlin Umschlaggestaltung: Hauke Sturm, Berlin Umschlagmotiv: plainpicture, Hamburg Satzbild: Friedrich, Berlin Schrift: Minion 10/12 pt Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978-3-86124-912-2
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Feuerwagen [火車 kasha]: Ein brennender Wagen. Es heißt, dass er Verstorbene, die in ihrem Leben Böses getan haben, in die Hölle bringt. Ein Wagen des Feuers.
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1 Als der Zug den Bahnhof von Ayase verließ, begann es zu regnen. Es war ein halb gefrorener Regen und daher kein Wunder, dass das Knie schon seit dem Morgen schmerzte. Homma Shunsuke stand an der mittleren Tür des ersten Wagens. Mit der rechten Hand hielt er sich fest, während er sich mit der linken auf den Schirm stützte, der ihm als Ersatz für einen Gehstock diente. Er schaute zum Fenster hinaus. Es war drei Uhr nachmittags an einem Wochentag und der Zug der Jōban-Linie war fast leer. Er hätte sich auch setzen können, es gab jede Menge freie Plätze. Zwei Oberschülerinnen in Schuluniform, eine Frau mittleren Alters, die eine große Tasche umklammernd vor sich hin döste, ein Jugendlicher, der an der vordersten Tür bei der Fahrerkabine im Rhythmus der Musik, die aus seinem Kopfhörer drang, den Körper hin und her wiegte – es waren so wenige Fahrgäste im Wagen, dass man sich das Gesicht eines jeden Einzelnen genau anschauen konnte. Es gab also keinen Grund, unbedingt zu stehen. Und tatsächlich wäre es auch viel angenehmer gewesen, wenn er sich gesetzt hätte. Er hatte nämlich schon am Vormittag das Haus verlassen, eine anstrengende Physiotherapiesitzung über sich ergehen lassen und dann noch im Fahndungsdezernat vorbeigeschaut. Dabei hatte er kein Taxi genommen, sondern alle Wege zu Fuß oder mit der Bahn zurückgelegt, weshalb er jetzt ziemlich erschöpft war. Sein Rücken war steif, als hätte man ihm dort eine Eisenplatte eingesetzt. Die Kollegen aus dem Fahndungsdezernat waren alle unterwegs, nur der Chef seiner Unterabteilung, der alleine die Stellung hielt, hatte Homma herzlich empfangen, als wäre dieser von den Toten auferstanden. Es tat gut, aus seinen Worten heraushören zu können, dass er Homma gerne bald wieder im Dienst sehen würde. Heute war es zwar erst das zweite Mal gewesen, dass er sich an seinem Arbeitsplatz gezeigt hatte, seit er Ende des letzten Jahres aus dem Krankenhaus entlassen worden war, doch es kam ihm fast so vor, als verberge sich hinter dieser überschwänglichen Begrüßung seines Vorgesetzten noch etwas, das ihn ein wenig alarmierte. Im Arbeitsleben ist es nämlich nicht wie bei einem fairen Sport. Wenn man abgestraft wird und vom Feld muss, kann es sein, dass nicht ein Ersatzspieler auf den Rasen geschickt wird, sondern sich die Regeln selbst einfach ändern. Und am Ende verschwindet womöglich die Position, auf der man vorher gespielt hat – das wäre immerhin denkbar. Zum ersten Mal bereute er, dass er sich frei genommen hatte.
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Das war wohl auch der Grund, warum er sich so bockig verhielt und im Zug die ganze Zeit stand, obwohl ihn dabei niemand sah. Nein, gerade weil ihn keiner sah, tat er es, weil er dann nicht befürchten musste, dass ihn jemand ansprach und ihm sagte, wie hart es wohl sein müsse, die ganze Zeit so zu stehen. Während solche Gedanken in seinem Kopf herumspukten, fiel ihm ein Mädchen ein, mit dem er, als er noch beim Jugenddezernat war, wegen seiner wiederholten Ladendiebstähle zu tun gehabt hatte. Vielleicht ist es der falsche Ausdruck, aber man konnte sagen, dass sie ihr Handwerk verstanden hatte. Wäre sie nicht von einer Freundin verraten worden, hätte man sie vermutlich nie erwischt. Sie stahl alle möglichen Sachen in Läden, die teure Markenartikel für jugendliche Kundinnen führten, zog die gestohlenen Kleider aber niemals vor den Augen anderer an. Sie versuchte auch nicht, die Kleider zu Geld zu machen. Der Grund war nicht, dass sie Angst gehabt hätte, erwischt zu werden. Nein, sie zog sich in ihr Zimmer zurück, schloss die Tür ab und veranstaltete dort vor einem großen Spiegel ihre private Modenschau. Sie kombinierte die Kleidungsstücke und erfand neue Outfits, wobei sie auch Uhren und Accessoires verwendete, mit denen sie wie die Models in den Modezeitschriften posierte; aber immer nur vor dem eigenen Spiegel. Nur dort brauchte sie nicht zu befürchten, dass man ihr sagen könnte, die Sachen würden ihr nicht stehen. Und wenn sie ausging, trug sie immer Jeans mit Rissen in der Kniegegend. Sie behauptete sich sogar dort, wo niemand zuschaute. Es kam ihm vor, als hätte er verstanden, dass man so wird, wenn man eine Schuld zu tragen glaubt. Was aus diesem Mädchen wohl geworden ist? Die Geschichte lag schon fast zwanzig Jahre zurück. Wenn sie Pech hatte, hat sie nun vielleicht ein Kind, das genauso ist, wie sie damals war. Sie hat bestimmt auch das Gesicht des Kriminalbeamten längst vergessen, der, damals noch grün hinter den Ohren, versucht hatte, eine Strafpredigt auf sie niedergehen zu lassen und dabei nicht so recht den Faden finden konnte, während sie nur schweigend dasaß. Während er geistesabwesend vor sich hin grübelte, regnete es unablässig. Der Regen schien zwar nicht stärker zu werden, aber die Tropfen, die gegen die Tür des Zuges prasselten, waren groß und allein ihr Anblick vermittelte ein Gefühl der Kälte. Auch die Stadt, die außerhalb des Zugfensters entlangfloss, schien unter den tief hängenden Wolken vor Kälte zusammenzukauern. Wenn der Regen in Schnee übergeht, wirkt dasselbe schmuddelige Stadtbild, da es wie mit einem weißen Seidentuch überzogen ist, interessanterweise sogar warm. Wegen solcher Betrachtungen hatte ihn Chi
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zuko einmal ausgelacht, weil so etwas nur jemand aus dem Kantō-Gebiet in Ostjapan sagen könne, der von den wahren Schrecken des Schnees nichts wisse. Aber auf Homma wirkte es eben so. Auch wenn es jetzt schneien würde und der Schnee liegen bliebe, würde ihn sicher wieder dasselbe Gefühl ergreifen. Beim nächsten Halt in Kameari stiegen einige Leute zu. Eine Gruppe von vier, fünf Frauen mittleren Alters drängte sich wie ein fester Klumpen an ihm vorbei. Er wandte sich ein wenig zur Seite, damit sie ihn nicht anstießen. Als er sich deshalb auf seinen Regenschirm stützte und das Gewicht auf das linke Bein verlagerte, hatte er offenbar unwillkürlich gestöhnt. Die beiden Oberschülerinnen, die sich angeregt unterhalten hatten, schauten kurz zu ihm herüber. Sie dachten vermutlich: »Was ist denn das für ein komischer Typ, der Alte?« Als der Zug den Nakagawa-Fluss überquerte, konnte man linker Hand sehen, wie aus dem rot-weiß gestrichenen Schornstein der Mitsubishi-Papierfabrik schneeweißer Rauch aufstieg. Der Atem der Fabrik, den der Schornstein ausstieß, änderte genauso wie der der Menschen je nach Jahreszeit und Temperatur seine Färbung. Vielleicht wechselt der Schneeregen bald zu richtigem Schnee, dachte Homma. Das Aussteigen am Bahnhof Kanamachi war ebenfalls eine Qual. Er erfuhr am eigenen Leib, dass man statt dieses unsinnigen Systems der sogenannten »Silbersitze« in Bahnen lieber je einen Waggon für ältere Menschen und Körperbehinderte hätte einrichten sollen. Dann müssten diese auch nicht befürchten, beim Ein- und Aussteigen mit anderen Fahrgästen zusammenzustoßen. Außerdem wäre es nicht schlecht, wenn die Türen beim Halt am Bahnhof etwas länger geöffnet blieben, dann müsste man sich nicht so abhetzten. Zum Lohn für seine Starrköpfigkeit, war das Treppensteigen im Bahnhof die reinste Qual. Es sah so aus, als würde er für den Weg nach Hause schließlich doch noch ein Taxi nehmen. Eigentlich war es nur lächerlich, aber zum Lachen hatte er schon keine Energie mehr. Wenn er nicht aufpasste, rutschte die Spitze seines Schirms auf dem regennassen Boden der Bahnhofshalle ab, und er wäre fast hingefallen. Vom Taxiplatz bis zu den städtischen Wohnblocks an der Südseite des Mizumoto-Parks waren es mit dem Auto nur etwa fünf Minuten. Als er am Uchidamari-Anglerteich vorbeikam und sah, wie dort bei dieser Kälte ein Mann mit dicker Winterkleidung und Anglerweste seine Angel über das Wasser hielt, kam er sich plötzlich furchtbar alt vor. Als er im zweiten Stock aus dem Fahrstuhl trat, stand Satoru in der offenen Tür der Wohnung am östlichen Ende des Flurs. Er hatte wohl das Taxi gesehen.
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»Du bist ganz schön spät«, sagte er und kam ihm entgegen. Er wollte Homma zur Hand gehen, dieser sagte aber, es sei nicht nötig. Sein Sohn war erst zehn Jahre alt und noch zu klein, ihn beim Gehen zu stützen. Wenn er stolpert, verletzen sie sich am Ende noch beide. Trotzdem ging Satoru, beide Arme ausgestreckt, in Stellung und lief seitlich neben seinem Vater her, um ihn aufzufangen, falls er fallen sollte. An Satorus Stelle hielt nun Isaka Tsuneo die Wohnungstür auf. Es trieb Homma ein bitteres Lächeln über das Gesicht, dass sie gemeinsam zu seinem Empfang angerückt waren. »Sie sind bestimmt ganz schön erschöpft«, sagte Isaka. »Ich habe mir Sorgen gemacht, weil es plötzlich angefangen hat, zu regnen. Wieso spannen Sie Ihren Schirm denn nicht auf?« »Da sind eh Löcher drin«, antwortete Homma, während er, sich auf den Schirm stützend, die Wohnung betrat. »Der Schirm ist schon ganz kaputt, deshalb taugt er auch nur noch als Spazierstock.« »Aha.« Isaka bot ihm seine Schulter an, um ihn zu stützen. Er war halb ergraut, ziemlich klein und etwas mollig. Vielleicht passte es deshalb so gut zu ihm, eine Schürze zu tragen. »Es lohnt sich ja wohl nicht, extra einen Stock zu kaufen. Den brauche ich sowieso nicht mehr lange.« »Ach so.« Es lag ein süßer Duft in der Luft, der nicht so recht zu der Dreizimmerwohnung mit Wohnküche passen wollte, in der keine Frau wohnte. Isaka schien süßen, halbvergorenen Sake warm gemacht zu haben. Bevor er sich umziehen ging, stand Homma, während er sich mit einer Hand an der Wand abstützte, mit einem Gefühl der Erleichterung da und schaute sich zu Satoru um. »Und, war heute irgendwas?« Die Frage hörte sich an wie Smalltalk, den man in der Familie aus Pflichtgefühl führt. Dasselbe hatte er, seit sie frisch vermählt waren, immer Chizuko gefragt, wenn er von außerhalb zu Hause anrief oder wenn sie sich längere Zeit nicht gesehen hatten, weil er immer bis spät nachts Dienst schieben oder auswärts übernachten musste. Seit sie vor drei Jahren gestorben und er nun mit Satoru alleine war, hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, ihm diese Frage zu stellen: »Und, war heute irgendwas?« Die Antwort war immer: »Nö, nix Besonderes.« Aber heute war es anders. 10
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»Ja.« Reflexartig schaute Homma nicht zu dem Kind hinüber, sondern in Isakas Gesicht. Doch es war Satoru, der antwortete: »Der Kurisaka-Onkel hat angerufen.« Kurisaka-Onkel? Homma war nicht sofort klar, wer gemeint war. Satoru schien das zu bemerken und fügte hinzu: »Na, du weißt schon, der Typ, der bei der Bank arbeitet.« Bei der Familie Kurisaka handelte es sich um Verwandte seiner verstorbenen Frau Chizuko. Er versuchte angestrengt, Namen und Gesichter zu verbinden, und sagte dann schließlich: »Ach so. Du meinst Kazuya.« »Genau, genau. Der, der so groß ist.« »Das hast du dir aber gut gemerkt. Hast du gleich gewusst, wer dran ist, als du die Stimme gehört hast?« Satoru schüttelte den Kopf. »Ich habe erst mal geantwortet und so getan, als wüsste ich, wer es ist.« Isaka lachte. »Um wie viel Uhr hat er denn angerufen?« »Ungefähr vor einer Stunde.« »Was wollte er denn?« »Der hat gesagt, dass er mir das nicht sagen kann, und nur gefragt, ob du heute Abend zu Hause bist. Er meint, dass er kommen würde, wegen irgendwas Wichtigem.« »Heute Abend?« »Ja.« »Was das wohl sein wird?« Isaka, der neben ihm stand, machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich habe ja nicht direkt mit ihm gesprochen, aber es schien ziemlich dringend zu sein, oder?«, fragte er Satoru. Dieser nickte. »Zwischendurch hat er mal kurz aufgelegt. Ich glaube, seine Telefonkarte war leer. Dann hat er gleich nochmal angerufen und total hastig geredet.« »Hä … Was es nicht alles gibt. Na ja, da kann man jetzt auch nichts machen. Wenn er sagt, dass er kommt, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten, was er will.« Nachdem er sich umgezogen hatte, ging er in die Küche, wo ihm gerade vorsichtigen Schrittes Satoru mit einem Tablett mit zwei dampfenden Tassen entgegenkam. Als er Homma sah, antwortete er, noch bevor er gefragt wurde: »Ich gehe mal zu Katchan hoch.« Homma hatte nichts dagegen. »Trinkt der süßen Sake?« 11
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»Der hat gesagt, dass er ihn noch nie probiert hat.« Katchan war ein Schulfreund Satorus, der im vierten Stock wohnte. Er war meistens alleine zu Hause, weil seine Eltern beide arbeiteten und immer schrecklich beschäftigt waren. »Pass auf, dass du im Fahrstuhl nicht stolperst, sonst müssen wir es nachher wieder aufwischen.« »Ja, ich weiß.« Nun, da Satoru weg war, zog sich Homma einen Stuhl heran, setzte sich und konnte endlich einmal ohne sich beherrschen zu müssen das Gesicht verziehen. Während ihm Isaka eine Tasse Tee hinstellte, sagte er: »Sie sollten sich nicht so übernehmen.« »Die Physiotherapeutin verlangt Lauter unmögliche Sachen von mir.« »Ist die so streng?« »Die kann man nur als professionelle Sadistin bezeichnen.« Isakas rundes Gesicht verzog sich zu einem Lachen. »Na ja, was nicht tötet, härtet ab.« Sein lachendes Gesicht spiegelte sich auf der gründlich polierten Tischplatte wider. Für ihn als Hausmann war es reine Blasphemie, wenn auf dem Tisch Schmutzränder vom Geschirr oder Kaffeeflecken zu finden waren. »Ich mache drei Portionen Abendessen«, sagte Isaka. Seine dicke Hand umfasste die Teetasse. »Tut mir leid wegen der Umstände.« »Ob es nun zwei oder drei Portionen sind, das kommt auf dasselbe raus. Aber Herr Kurisaka oder Kazuya, der ist doch ein Verwandter, nicht wahr?« »Ja, das ist der Sohn des Cousins meiner Frau. Die Frage ist, wie man den am besten anspricht.« »Genau, deshalb hat ihn Satoru auch ›Onkel‹ genannt.« »Tja, das ist nicht so einfach. So viel hatte ich mit ihm ja auch nie zu tun.« Was das wohl ist, weshalb der extra kommen will? »Den habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen.« »War der nicht auf der Beerdigung Ihrer Frau?« »Nein, da hat er sich gar nicht blicken lassen. Dabei hatte er sich, glaube ich, ganz gut mit Chizuko verstanden.« In dem etwa zehn Quadratmeter großen Raum neben dem Wohnzimmer stand ein kleiner buddhistischer Hausaltar, dessen Vorderseite zum hellen Fenster hin ausgerichtet war. Wenn Homma dort hinschaute, starrte ihn Chizuko aus der schwarz umrahmten Fotografie heraus 12
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an. Natürlich war es nur Einbildung, aber es schien ihm, als machte auch sie ein nachdenkliches Gesicht, weil sie sich wunderte, was Kurisaka wollte. »Oh, jetzt schneit es«, sagte Isaka, der zum Fenster hinausschaute. 2 Kurisaka Kazuya kam um kurz vor neun desselben Abends. Es schneite ununterbrochen. Auf der Straße und den flachen Dächern hatte sich eine fünf Zentimeter dicke Schneeschicht gebildet. Seit die Sonne untergegangen war, wehte der Nordwind und wenn man aus dem Fenster schaute, konnte man sehen, wie draußen die eisige Luft von unzähligen weißen Schrägstrichen durchschnitten wurde. Abends gegen sechs Uhr hatte Homma angefangen zu glauben, dass Kazuya an diesem Abend doch nicht mehr kommen würde. Er hatte auch nicht angerufen und im Fernsehen sowie in der verspätet ausgelieferten Abendausgabe der Zeitung hieß es, dass sich der Schnee auch auf die öffentlichen Verkehrsmittel auswirke. Als er in den Nachrichten des ersten Programms hörte, dass die Yamanote-Linie, die Chūō-Linie und die Sōbu-Linie, also die wichtigsten Nahverkehrslinien Tōkyōs, stilllagen, war er schon überzeugt, dass es Kurisaka bestimmt nicht mehr schaffen würde, zu kommen. Kazuya wohnte in Nishi-Funabashi. Homma hatte ihn vor langer Zeit ein einziges Mal besucht, aber er glaubte sich blass daran erinnern zu können, dass es bis zu Kazuyas Haus vom Bahnhof aus noch einmal über zwanzig Minuten mit dem Bus waren. Bei diesem Wetter und überdies bei Nacht bis in den Stadtbezirk Katsushika, von wo aus es nur noch ein Katzensprung bis zur Präfektur Saitama war, zu kommen und dann auch noch in derselben Nacht wieder zurückzufahren, das wäre schon eine bemerkenswerte Leistung. Selbst bei gutem Wetter musste man dafür anderthalb Stunden in Kauf nehmen, wenn man die Wartezeiten beim Umsteigen mit einrechnete. Falls er heute Nacht allerdings so viel Zeit und Mühe auf sich nehmen würde, dann bewiese dies, wie ungeheuer wichtig ihm die Sache war. Homma befiel eine unangenehme Vorahnung. Nachdem er zusammen mit Satoru zu Abend gegessen hatte, klingelte es an der Tür. Kurisakas Gesicht kam ihm magerer vor, als er es in Erinnerung hatte. Mitten im Winter erscheinen Menschen eigentlich immer kleiner, weil sie sich wegen der Kälte zusammenkauern. Das Gesicht hatte sich 13
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nicht so sehr verändert, und dass seine Wangen so eingefallen wirkten, lag wohl kaum an der Kälte draußen. (Na, da schau an …) Hommas Vorahnung schien sich zu bestätigen. Nachdem Satoru von Kazuya gehört hatte, dass dieser schon zu Abend gegessen hatte, machte er Kaffee für ihn und Homma und verschwand dann selbst im Badezimmer. Dass er nicht zuhören soll, wenn Erwachsene etwas zu besprechen haben, war eine eiserne Regel, und er schien sie sich zu Herzen genommen zu haben. Außerdem kannte er Kazuya ja auch kaum. Jetzt nannte er ihn der Bequemlichkeit halber »Onkel«, aber ob er dies noch tun würde, wenn er erst einmal zwanzig war, schien äußerst fragwürdig. Homma staunte erneut darüber, wie groß der junge Mann war, als sie sich in dem engen Wohnzimmer gegenüberstanden. Er selbst war auch eher groß, aber Kazuya übertraf ihn noch um etwa anderthalb Köpfe. »Wie alt bist du denn jetzt eigentlich?«, fragte er Kazuya als Erstes, nachdem dieser seinen Mantel ausgezogen und sich auf einen Stuhl gesetzt hatte. »Neunundzwanzig«, antwortete er mit einem schwachen Lächeln. »Ich glaube, es ist etwa sieben Jahre her, seit wir uns das letzte Mal getroffen haben. Das war, als mir Tante Chizuko ein Geschenk gegeben hat, um mir zu dem Job zu gratulieren, den ich nach dem Uniabschluss gefunden hatte.« Homma erinnerte sich vage. Chizuko wollte damals nichts einfallen, was man jemandem schenken könnte, der bei einer Bank anfängt. Als Homma vorschlug, ihm Geld zu geben, hatte sie nur gelacht und gemeint, er sei ein Langweiler. »Bist du immer noch in der Filiale in Kanda?« Der Name der Bank, bei der Kazuya arbeitete, wollte ihm nicht mehr recht einfallen. War es die Daiichi-Bank oder die Sanwa-Bank? Jedenfalls glaubte er sich erinnern zu können, dass es die Filiale in Kanda war, der Kazuya anfangs zugeteilt worden war. »Ich bin schon vor Langem versetzt worden, erst von Kanda nach Oshiage und jetzt bin ich in der Yotsuya-Filiale. Dieses Jahr steht vermutlich die nächste Versetzung an.« »Na, du hast es ja auch nicht einfach.« »Na ja, da kann man nichts machen. So ist das halt, wenn man bei einer Bank arbeitet. Darauf war ich schon gefasst. Ich sehe das auch ganz nüchtern: Ich habe nichts gegen den Außendienst und ich glaube schon, dass ich da einen Job gefunden habe, der mir liegt.« 14
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Außendienst … Er ist also in der PR-Abteilung und muss sich um die Stammkunden kümmern. Da Homma mit abgeklärtem Gesicht genickt hatte, war es nun wohl zu spät, nach dem Namen der Bank zu fragen. »Aber Sie wechseln ja auch zwischen verschiedenen Dienststellen, nicht wahr? Oh, was mache ich eigentlich!«, sagte er und das fein geschnittene Gesicht des jungen Mannes verfinsterte sich. Homma ahnte schon, welche Formalität nun begann. »Ich habe Ihnen ja noch gar nicht mein Beileid ausgesprochen.« Der Ausdruck »noch nicht« war etwas unpassend, weil Hommas Frau schon vor drei Jahren gestorben war. Mit gesenktem Kopf nuschelte er etwas in seine fein gewebte Krawatte, die offensichtlich importiert war. »Das mit Tante Chizuko ist schlimm. Es tut mir wirklich leid, dass ich nicht zur Trauerfeier oder zur Totenwache kommen konnte.« »Da kann man nichts machen. Es ist ja auch etwas Unerfreuliches. Die Leute sollen lieber kommen, wenn es etwas Erfreuliches zu feiern gibt.« »Ich kann gar nicht glauben, dass ihr so etwas passiert ist, wo sie selbst doch immer so vorsichtig Auto gefahren ist.« »Man ist halt nicht alleine auf der Straße. Da lässt sich nichts machen, wenn man von einem anderen angefahren wird.« Mit unangenehm berührtem Gesicht stand Kazuya auf und sagte: »Ach richtig, lassen Sie mich zuerst etwas Räucherwerk abbrennen. Das kommt zuerst.« Nachdem er vor dem Hausaltar die Hände zusammengelegt hatte, stellte er keine Fragen mehr zu dem Unfall. Es ließ sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob er dies aus Zurückhaltung tat, oder weil er so sehr mit seinem eigenen Problem, unter dem er offensichtlich litt, beschäftigt war. Aber wie dem auch sei, es war Homma lieber so. »Und?«, leitete Homma zum eigentlichen Thema über, nachdem sich Kazuya wieder hingesetzt hatte. »Was gibt es denn so Wichtiges? Wenn du bei dem Wetter extra bis hierher kommst, muss das ja eine ernste Sache sein. Je eher du mir davon erzählst, desto besser.« Kazuya senkte wieder den Blick. Für einen kurzen Moment zitterten seine Mundwinkel. Der Satz, der im Begriff war, dort herauszukommen, dieses kleine Lebewesen wurde gerade totgebissen, nur sein Schwanz schien noch gezuckt zu haben. Endlich begann er, gesenkten Hauptes zu sprechen: »Ich konnte mich irgendwie nicht entscheiden, deshalb ist es so spät geworden.« 15
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Homma rührte schweigend seinen Kaffee um. Aus Satorus wasserdichtem Radio im Bad drang leise Musik herüber. Seit wann es diese Sitte wohl schon gibt, dass Kinder mit Hintergrundmusik in der Badewanne sitzen? Kazuya redete immer noch nicht weiter. Da sie sich auch nicht ewig gegenübersitzen und um die Wette schweigen konnten, fragte Homma: »Und diese schwere Entscheidung war die, ob du zu mir kommen sollst, oder was?« Kazuya nickte und hob endlich den Kopf. »Ich dachte mir, dass es bestimmt sehr dreist wäre, Sie um so etwas zu bitten, deshalb habe ich so lange gezögert. Es ist nur, weil das ja genau ihr Spezialgebiet ist. Normalerweise würde ich natürlich nicht mit so etwas kommen, weil Sie ja auch sehr beschäftigt sind, aber ich habe von meiner Mutter gehört, dass sie momentan nicht im Dienst sind, deshalb …« Homma hob unwillkürlich die Augenbrauen. Er konnte sich schon ungefähr denken, um was es ging, wenn jemand mit einer Bitte zu einem Kriminalbeamten kommt, der gerade vom Dienst befreit ist, weil es sein Spezialgebiet ist. »Bist du in irgendetwas mit dem organisierten Verbrechen verwickelt? Hat dir ein Freund ganz nebenbei etwas gegeben und du hast herausgefunden, dass es gestohlen ist? Oder hast du gemerkt, dass das Auto, das dir gestohlen wurde, irgendwo mit einem neuen Nummernschild zum Verkauf angeboten wird? Ist es etwas in diese Richtung?« »Nein, überhaupt nicht«, diese Antwort kam ganz schnell. »Um was geht es dann also?« Nachdem er einmal geschluckt hatte, sagte Kazuya: »Ich habe mich verlobt.« Wegen des ernsten Ausdrucks, mit dem er dies sagte, konnte Homma nicht einmal lachen. »Na, herzlichen Glückwunsch.« »Von Glück kann keine Rede sein«, fuhr er mit ernstem Gesicht fort, »weil meine Verlobte nämlich verschwunden ist. Deshalb möchte ich, dass Sie sie suchen. Menschen suchen ist doch Teil Ihres Jobs. Sie finden sie bestimmt viel schneller, als wenn ich mich da sinnlos abstrampele, weil Sie mit so etwas Erfahrung haben. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Bitte suchen Sie sie!« Um die Dringlichkeit seiner Bitte zu unterstreichen, stützte er beide Hände auf den Tisch, verneigte sich und schaute Homma direkt in die Augen. Dieser wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte. Er blinzelte und ließ seinen Blick zum Fenster wandern. Es schneite immer noch heftig. 16
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»Ich weiß ja nichts über die näheren Umstände …«, sagte er, woraufhin sich Kazuya ruckartig nach vorne lehnte: »Das werde ich Ihnen natürlich alles ganz genau erklären.« Homma hob die Hand: »Stopp, nun mach mal langsam. Hör du erst mal zu.« »Gut.« Kazuya setzte sich wieder aufrecht hin. Er war die Ernsthaftigkeit in Person. »Deine Verlobte ist verschwunden, also vermisst. Richtig?« »Ja, genau.« »Und du willst, dass ich sie suche.« »Ja.« »Du bist dir schon darüber im Klaren, dass ich so einen Auftrag nicht einfach so mir nichts, dir nichts annehmen kann. Oder?« Kazuya setzte an, etwas zu sagen, ließ es dann aber. Stattdessen nickte er verhalten, was eher aussah, als würde er nur das Kinn nach hinten ziehen. »Erzähl mir erst mal genau, was los ist. Das heißt aber noch nicht, dass ich sie dann auch wirklich suche. Ich will es mir erst mal nur anhören. So eine beunruhigende Angelegenheit kann man ja auch nicht einfach ignorieren. Das hast du verstanden, ja?« Kazuya stimmte ohne zu zögern zu. Es sah aus, als brauchte er sowieso jemanden, dem er die Sache erzählen konnte. »Also gut, kannst du, bevor wir anfangen, gerade mal die kleine Schublade da aufmachen und mir Papier und einen Kuli geben? Ja genau, da. Danke.« Er klaute sich etwas von Satorus Rechenpapier, um es für seine Notizen zu benutzen. Auf dem Kugelschreiber stand der Name eines Schreibwarengeschäfts. »Also … Wo soll ich anfangen?« Komischerweise schien es schwieriger zu sein, darüber zu sprechen, wenn jemand aufmerksam zuhörte. Kazuya wirkte verlegen. »Na gut, dann stelle ich mal ein paar Fragen. Wie heißt sie denn?« »Sekine Shōko.« Er hielt Kazuya den Stift hin und ließ ihn den Namen mit chinesischen Schriftzeichen schreiben. »Alter?« »Dieses Jahr wird sie achtundzwanzig.« »Und ihr habt euch an deinem Arbeitsplatz kennengelernt?« »Nein, sie arbeitet bei einem Stammkunden, den ich betreue. Oder sie hat da gearbeitet. Weil sie verschwunden ist, arbeitet sie da ja nicht mehr.« 17
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»Und was ist das für eine Firma?« »Die heißt ›Imai Bürobedarf‹. Das ist ein Großhändler für Registrierkassen. In letzter Zeit kann man da auch Büromaschinen leasen, aber die Firma ist ganz klein. In dem Büro gibt es nur zwei Angestellte.« »Und sie hat auch in dem Büro gearbeitet? Wann hast du sie denn kennengelernt?« Zum ersten Mal musste Kazuya kurz nachdenken. »Äh, das war vorletztes Jahr, also im Jahr Heisei 2, ungefähr im Oktober. Nein, ich glaube, es war im September vor den Feiertagen. Da haben wir uns nämlich das erste Mal verabredet.« In seine Notizen schrieb Homma »ca. 9.1990«. Seit sich die Jahresdevise geändert hatte, bemühte er sich, die christliche Zeitrechnung zu verwenden. Jetzt war der 20. Januar 1992, also hatten sie sich vor einem Jahr und vier Monaten kennengelernt. Dann war es auch nicht zu früh, um sich zu verloben. Sie lagen damit wohl einigermaßen im Durchschnitt. »Und ihr habt euch also verlobt?« »Ja, das war letztes Jahr an Weihnachten.« So was Romantisches hat der gemacht, dachte Homma und musste lächeln. »Habt ihr die Verlobung auch richtig förmlich offiziell gemacht?« Kazuya stammelte etwas: »Nein, das nicht. Die Verlobung war nur zwischen uns beiden. Aber einen Verlobungsring habe ich ihr gegeben.« Mit dem Kugelschreiber in der Hand schaute Homma Kazuya an, wobei er nur die Augen bewegte. »Waren die Eltern dagegen?« Kazuya nickte schwerfällig. »Deine Eltern? Oder ihre?« »Meine, weil Shōko ganz allein auf der Welt ist. Sie hat überhaupt keine Angehörigen.« »Hmm …« Das ist allerdings selten, im Alter von achtundzwanzig Jahren. »Sie ist ein Einzelkind. Als sie in der Grundschule war, hat sie ihren Vater verloren. Ich glaube, er ist an irgendeiner Krankheit gestorben. Das schien sehr hart für sie gewesen zu sein, deshalb hat sie mir darüber auch nie etwas Genaueres erzählt. Ihre Mutter ist vor zwei Jahren gestorben.« »Auch an einer Krankheit?« »Nein, bei einem Unfall.« 18
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»Beide Eltern verstorben« schrieb er unter Sekine Shōkos Namen. »Dann wohnt sie also alleine?« »Ja, sie hat eine Wohnung im Hōnan-Viertel im Stadtbezirk Suginami.« »Woher kommt sie denn ursprünglich? Das hast du sie ja wohl mal gefragt.« »Ja, sie hat gesagt, dass sie aus Utsunomiya kommt. Aber wie ich schon gesagt habe, ist ihr Vater ja früh gestorben, sie waren sehr arm und die Verwandten haben sich ihnen gegenüber sehr kaltherzig verhalten. Deshalb hat sie an die Zeit keine guten Erinnerungen. Sie hat gesagt, dass sie nie wieder dahin zurück will und hat auch fast nie über ihre Heimatstadt gesprochen.« »Und hat sie noch irgendetwas mit ihren Verwandten zu tun?« »Nein, überhaupt nichts. Shōko ist wirklich ganz allein.« Die Art, wie er ihren Namen aussprach und sagte, dass sie ganz alleine war, klang sehr angespannt, als wolle er betonen, dass er ihr einziger Verbündeter sei. »Was weißt du über ihre Lebensgeschichte?« Kazuyas Gesichtsausdruck verriet in dieser Sache nicht viel Selbstvertrauen. »Sie hat die Oberschule in Utsunomiya abgeschlossen und ist danach sofort nach Tōkyō gekommen. Viel mehr weiß ich eigentlich auch nicht.« Dann fügte er, als wolle er sich rechtfertigen, hinzu: »Aber wenn man mit einer Frau zusammen ist, dann denkt man ja nicht groß über ihren schulischen und beruflichen Werdegang nach.« »Na ja, meinst du wirklich?«, frage Homma mit ernstem Gesicht zurück. »Wenn man behauptet, dass man sich überhaupt keine Gedanken darüber macht, ist das aber auch gelogen, denke ich.« Nach und nach erinnerte er sich an Chizukos zögerliche Äußerungen, dass in der Familie von Kazuyas Vater, also ihres Cousins, innerhalb der Verwandtschaft ein sonderbar elitäres Bewusstsein stark ausgeprägt sei, und dass sie dazu neigten, ganz besonders auf die schulische und berufliche Laufbahn zu achten. Chizuko hatte gesagt, dass sich ihr Cousin ziemlich über sie mokiert hatte, dass es ja keine Zukunft habe, einen Polizisten zu heiraten, bei dem es nicht sicher sei, ob er irgendwann in den höheren Dienst kommen würde. Er selbst hatte an einer berühmten Universität studiert und danach sofort bei einem Unternehmen ersten Ranges angefangen. Durch die Vermittlung seines Vorgesetzten hatte er dann die Tochter des Geschäftsführers einer Firma geheiratet, mit der seine Firma in Verbin19
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dung stand. Homma konnte den Kerl zwar nicht leiden, aber man konnte nicht bestreiten, dass er einen konsequenten Lebenslauf vorzuweisen hatte. Seine Frau hatte da vermutlich dieselbe Lebensanschauung wie er. Und Kazuya war der Sohn seiner Eltern. Es war kaum zu glauben, dass deren Einfluss so ganz an ihm vorübergegangen sein sollte. Hommas fragender Blick schien Kazuya nervös zu machen. Er wandte die Augen ab und griff nach seiner Kaffeetasse. Der Inhalt war schon ganz kalt und auf der Oberfläche hatte sich von der Milch eine Haut gebildet. »Ich habe da andere Ansichten als meine Eltern.« Er stellte die Tasse ab und fuhr in leicht verärgertem Ton fort: »Wenn eine Frau einen guten Charakter hat und ich denke, dass ich mit ihr zusammenleben kann, dann ist mir doch so was Oberflächliches wie ihr Lebenslauf oder auf welcher Uni sie war ganz egal.« »Ganz egal ist das nicht«, sagte Homma leise. »Wenn du das so sagst, dann ist das doch etwas übertrieben. Das ist in einer andren Hinsicht problematisch.« Satoru hatte sein Bad wohl beendet. Das Flüstern des Radios war nicht mehr zu hören. In der Stille des Wohnzimmers klang Hommas Stimme seltsam laut. »Aufgrund ihrer Ansichten befanden deine Eltern also, dass sie keine geeignete Partnerin für dich wäre.« »… Ja.« »Hast du sie deinen Eltern einmal vorgestellt?« »Sie hat meine Eltern nur einmal getroffen. Das war im Herbst letzten Jahres.« »Und wie lief das?« »Bei den Friedensgesprächen von Kambodscha hat bestimmt eine freundlichere Atmosphäre geherrscht.« Homma musste lachen. Kazuya fuhr unbeirrt fort: »Deshalb habe ich mich aus eigener Entscheidung mit ihr verlobt. Ich hatte auch durchaus vor, sie gegen den Willen meiner Eltern zu heiraten. Und es ist auch gar nicht nötig, eine großartige Hochzeitsfeier zu veranstalten. In letzter Zeit gibt es viel Paare, die das so machen.« »Aber ist das nicht irgendwie unangenehm gegenüber deinem Vorgesetzten?« Zum ersten Mal grinste Kazuya. Es war ein Grinsen, mit dem er seiner Verwegenheit Ausdrucke verleihen wollte. »So unfähig bin ich nicht, dass durch so was mein Ansehen Schaden nehmen würde.« 20
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Wahrscheinlich war er tatsächlich sehr clever und tüchtig in seinem Job. Das ließ sich auch aus seiner ganzen Erscheinung ersehen. So viel Beobachtungsgabe hatte sich Homma in den zwanzig Jahren, in denen er beruflich mit Menschen zu tun hatte, auf jeden Fall angeeignet, genauso wie ein erfahrener Messerverkäufer sagen kann, wenn eine Klinge stumpf ist, auch ohne sie ausprobiert zu haben. Wenn sich der junge Mann so ins Zeug legt, kann man davon ausgehen, dass diese Sekine Shōko eine ziemlich attraktive Frau ist. Und intelligent wird sie bestimmt auch sein. Allein die Tatsache, dass sie, obwohl sie ganz auf sich alleine gestellt war, nicht, wie es so oft vorkommt, in Bars oder Nachtclubs ihren Unterhalt verdient, sondern mit ganz normaler, einfacher Arbeit, sagt einiges über ihren Charakter aus. Aber … »Letztendlich konnte sie die Reibungen mit deinen Eltern dann doch nicht ertragen. Wahrscheinlich ist sie deshalb verschwunden.« Homma wollte schon sagen, wenn man es etwas altmodisch ausdrückt, »hat sie das Feld geräumt«, doch er verkniff es sich, als er sah, wie sich Kazuyas Augen verfinsterten. Man sagt, die Augen seien das Fenster zur Seele, und manchmal kann man in ihnen eine tiefe Finsternis erkennen, wie wenn man in ein Kellerloch schaut, in dem keine einzige Glühbirne brennt. »Weißt du, weshalb sie verschwunden ist?« Kazuya verharrte längere Zeit in Schweigen. Als Satoru mit einem Badehandtuch über der Schulter zögernd in das Zimmer schaute, gab ihm Homma mit einem Blick zu verstehen, dass er jetzt nicht hereinkommen solle. Das Kind nickte und zog sich zurück. »Dass sie nicht dieselben Intentionen hatte wie die Heldin aus der ›Kameliendame‹, ist jedenfalls sicher«, sagte Kazuya endlich und schaute Homma direkt an. »Also weißt du den Grund. Hat sie dir einen Brief hinterlassen?« Kazuya schüttelte den Kopf. »Nein, sie hat mir überhaupt nichts hinterlassen. Ich stelle nur Vermutungen an. So ganz verstehe ich es auch nicht.« »Ja, was ist denn nun eigentlich passiert?« Auf die mit einem Stöhnen untermalte Frage erklärte Kazuya in sachlichem Ton: »Am Neujahrstag waren wir zusammen einkaufen. Weil wir eine Wohnung von der Firma bekommen können, stand es schon fest, wo wir einziehen würden. Deshalb wollten wir uns nach Möbeln, Vorhängen und so weiter umschauen.« »Aha.« 21
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»Nachdem wir einiges besorgt hatten, wollten wir bei der Gelegenheit auch noch Klamotten kaufen. Sie hat einen Pullover gefunden und als sie ihn bar bezahlen wollte, hatte sie nicht mehr genug Geld dabei.« Irgendetwas musste Kazuya dabei besonders bedrücken, denn er machte eine kurze Pause und schaute dabei zur Decke. »Schließlich habe ich ihn bezahlt, was mir auch nichts ausmacht, weil ich eh vorhatte, ihr den Pullover zu kaufen. Dabei habe ich erfahren, dass sie keine einzige Kreditkarte besitzt, was mich sehr gewundert hat. Die Bank, bei der ich arbeite, betreibt auch eine Kreditkartenfirma. Es gibt zwar Vorgaben für den Außendienst, die man erfüllen soll, aber ich mag es nicht, wenn man Privates mit Geschäftlichem vermischt, deshalb habe ich sie oder gute Freunde nie gebeten, sich eine Kreditkarte bei unserer Bank machen zu lassen.« Wenn er es trotzdem schafft, von seinem Vorgesetzten als fähiger Außendienstangestellter anerkannt zu werden, dann wird er wohl seinen Kunden, auch wenn er seine Freunde und Bekannten nicht behelligt, ziemlich hartnäckig auf die Pelle rücken, fuhr es Homma durch den Kopf. »Und an dem Tag haben wir uns darüber unterhalten, dass wir wegen der Vorbereitungen für die Hochzeit noch öfter Einkäufe machen müssen und dass ich da ja auch nicht immer dabei bin. Außerdem ist es auch gefährlich, wenn sie dann immer alleine mit einer größeren Menge Bargeld rumläuft. Deshalb habe ich ihr gesagt, dass sie sich eine Kreditkarte machen lassen soll. Ich hatte mir ja eh überlegt, dass wir, wenn wir verheiratet sind und sie ihren Namen geändert hat, ihr Konto dafür verwenden, unsere Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Ich brauche ja auch weiterhin mein eigenes Konto und meine eigene Karte, über die ich nach eigenem Ermessen verfügen kann.« Das ist wohl die Denkweise der Ehepaare heutzutage. Kazuya hat, auch wenn er eine Familie gründet, nicht vor, die Kontrolle über seinen Geldbeutel aus der Hand zu geben. »Sie hat dem Vorschlag auch gleich zugestimmt. Deshalb haben wir uns am nächsten Tag getroffen, ich habe ihr ein Antragsformular von unserer Kreditkartenfirma gegeben und es gleich ausfüllen lassen. Dann habe ich es in unserer Filiale abgegeben.« Das Formular hatte er dann dem zuständigen Mitarbeiter gegeben, der es an die Kreditkartenfirma, die an die Bank angegliedert ist, schickte. »Normalerweise dauert es ungefähr einen Monat, um eine Karte auszustellen. Aber ich habe in der Kreditkartenfirma einen Bekannten … Wie Sie vielleicht wissen, gibt es in Kreditkartenfirmen, die zu einer 22
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Bank gehören, eine ganze Menge Angestellter, die aus der Bank dorthin versetzt – oder besser abgeschoben – worden sind, wie zum Beispiel Leute, die auf einem befristeten Verwaltungsposten waren oder die sogenannten ›Fenstermenschen‹, also Mitarbeiter, die aus irgendeinem Grund in der Bank selbst überflüssig geworden sind und sozusagen nichts weiter zu tun haben, als aus dem Fenster zu starren. Und einer von diesen Abgeschobenen war im selben Jahrgang wie ich und heißt Tanaka.« Wie um sich zu rechtfertigen, zog er die Augenbrauen nach unten. »Der ist eigentlich äußerst kompetent, wurde aber irgendwie krank. Vielleicht ist er ja einfach zu intelligent. Na jedenfalls hat er eine leichte Neurose bekommen. Deshalb wurde er vorübergehend in die Kreditkartenfirma versetzt.« Homma nickte. »Und den hast du gefragt?« »Ja, den habe ich gebeten, die Karte etwas schneller auszustellen. Dazu hat er sich auch bereit erklärt. Aber dann kam letzte Woche Montag ein Anruf von ihm …« Am Montag, das war der Dreizehnte. Homma warf aus dem Augenwinkel einen Blick auf den Kalender, um sich des Datums zu versichern. »Er hat gesagt, dass es ihm leid tut, aber dass er für Shōko keine Kreditkarte ausstellen kann.« Kazuyas Mund begann wieder zu zittern. »Und nicht nur das, er hat auch noch gesagt: ›Kurisaka, wenn du die Frau wirklich heiraten willst, dann überstürz das besser nicht und überprüf sie lieber nochmal genauer.‹« »Und warum?« Nach einem langen Stöhnen zog Kazuya die Schultern hoch, als wollte er sich selbst ermuntern, und antwortete dann: »Weil der Name Sekine Shōko auf den schwarzen Listen der Kredit-Informationsdienste für Banken und Kreditkartenanbieter steht.« Von jedem, der eine Kreditkarte beantragt oder etwas auf Raten kauft, wird bei solchen Kreditauskunfteien die Identität überprüft, und es werden Erkundigungen über Zahlungsrückstände und ausstehende Zahlungen (und falls vorhanden, ob diese in größerem Ausmaß vorliegen) in der Vergangenheit der betreffenden Person eingeholt. Soviel wusste auch Homma. Eines allerdings war ihm nicht recht klar: »Ist das nicht derselbe Dienstleister, bei dem sich Kreditkartenanbieter erkundigen?« »Nein, da gibt es mehrere. Es gibt spezielle Dienste für Kreditinstitute, für Kreditkartenanbieter und für Geldverleiher. Es gibt auch ver23
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schiedene Organisationen für Tōkyō und Ōsaka. Aber die tauschen ihre Informationen untereinander aus. Deshalb liegen dort auf jeden Fall Informationen über das Zahlungsverhalten aller Kunden vor, die einmal eine Kreditkarte benutzt oder einen Kredit in Anspruch genommen haben.« Deshalb kann man sie auch als Ausweis benutzen. »Wenn jemand dort auf der schwarzen Liste ist, dann bedeutet das kurz gesagt, dass er mit seinen Zahlungen nicht nachkommt, dass es sich um eine Person handelt, bei der man aufpassen muss.« »Und für diese Person ist es dann nicht mehr möglich, eine Kreditkarte oder einen Kredit bei einer Bank zu bekommen.« »Genau. Ich war ja auch total erstaunt, weil Shōko nämlich gesagt hat, dass sie bisher noch nie eine Kreditkarte hatte. Wie ist es denn möglich, dass so jemand auf der schwarzen Liste landet?« »Vielleicht handelt es sich ja um eine Verwechslung?« »Das habe ich auch gedacht. Offensichtlich bin ich, als ich das gehört habe, am Telefon etwas lauter geworden, weil Tanaka dann ziemlich aggressiv geantwortet hat. ›So Fehler kommen nicht vor‹, hat er gesagt.« Die Aufregung schien wieder in Kazuya aufzusteigen, denn er atmete heftig. »Er hat gemeint: ›Das ist keine Verwechslung, weil ich das nochmal genau überprüft habe, bevor ich dir Bescheid gesagt habe!‹« Als er erzählte, dass er ihm noch gesagt hatte, er solle gefälligst seine Verlobte fragen, war Kazuya kreidebleich geworden. »Aber trotzdem habe ich gedacht, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss. Was bei diesen Kreditinformationsdiensten verzeichnet ist, sind ja nur Name, Geburtsdatum, Beruf und höchstens noch die Adresse, oder? Der Sitz des Familienregisters ist ja nicht eingetragen und sobald jemand umzieht, stimmt dann auch die Adresse nicht mehr. Außerdem kommt es ja auch vor, dass Leute den Arbeitsplatz wechseln. Dann bleiben nur noch Name und Geburtsdatum übrig, da kann es ja schon mal vorkommen, dass sich zufällig die Daten von zwei Personen überschneiden.« Das war natürlich möglich. Tatsächlich war es einem Kollegen von Homma einmal passiert, dass er plötzlich einen Anruf von einer Kreditkartengesellschaft bekam, bei dem der Anrufer wegen eines Kredits die Personalien überprüfen wollte. Als er sich wunderte und darüber Nachforschungen anstellen ließ, kam heraus, dass es eine Person gab, die genau denselben Namen und eine ähnliche Telefonnummer hatte, und dass es so zu der Verwechslung gekommen war. Es gab also zwei Per24
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sonen mit exakt demselben Namen und auch die Telefonnummern hatten sich nur in der Vorwahl unterschieden. »Ja, das kann schon sein. Und dann?« »So etwas Unangenehmes wollte ich Shōko auch nicht erzählen, vor allem, weil es ja wirklich das Letzte ist, so ungerecht abserviert zu werden. Deshalb habe ich Tanaka noch einmal angerufen, mich bei ihm entschuldigt und ihn gebeten, der Sache noch genauer auf den Grund zu gehen, nachzuforschen, woher diese Information kommt und ob die Sache irgendwie begründet ist. Ich habe gedacht, dass sich der Fehler sofort finden lässt, wenn man die Angelegenheit nur genauer überprüft.« Homma runzelte ein wenig die Stirn. »Geht das so einfach?« »Das geht schon, obwohl …« Kazuya stockte. »Eigentlich geht das nicht so auf der Stelle. Gegen so einen Fehler Einspruch einlegen kann eigentlich nur die betroffene Person selbst. In diesem Fall müsste also Shōko persönlich bei dem Kreditinformationsdienst die Offenlegung ihrer Daten beantragen. Dabei müssen dann umständliche Formalitäten erledigt werden, um die Identität des Antragstellers zu bestätigen …« »Also, du hast den Prozess sozusagen abgekürzt, weil du es eilig hattest?« Kazuya zuckte mit den Achseln. »Ich fand schon, dass ich das Recht hatte, an Shōkos Stelle Einspruch zu erheben, und Tanaka kommt in seiner Position ja sofort an diese Informationen ran.« Aber das Ergebnis fiel offenbar anderes aus als er es sich erwartet hatte. Mit versteinertem Gesicht fuhr Kazuya fort: »Das ging auch ganz einfach. Tanakas Antwort war, dass es so sicher sei wie das Amen in der Kirche und dass er beweisen kann, dass es sich nicht um eine Verwechslung handelt.« »Und wie?« Kazuya suchte in der Innentasche seines Jacketts und zog einen Zettel hervor. Es schien ein Stück Papier aus einem Thermodrucker zu sein. »Wie mir Tanaka gesagt hat, ist das ein Brief, der per Post an den Leiter der Kundenabteilung eines großen Kreditkartenanbieters geschickt wurde. Der Name tut ja jetzt nichts zur Sache. Den hat Tanaka durch den Kreditinformationsservice erhalten und mir zugefaxt.« Homma nahm das Blatt in die Hand. Es war ein DIN B4-Blatt, das mit einem Wordprozessor in senkrechter Schrift beschrieben war. 25
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Anwaltskanzlei Mizoguchi & Takada Tōkyō-to, Chūō-ku, Ginza 9-2-6 Sanwa-Building, 8. Stock
Tōkyō, den 20. Mai 1987
Sehr geehrte Damen und Herren, ich reiche dieses Schreiben im Auftrag von Frau Sekine Shōko (Adresse: Tōkyō-to, Sumida-ku, Kōtōbashi 4-2-2, Castle Mansion Kinshi-chō Zi. 405) ein, die ich in dieser Sache vertrete. Nachdem Frau Sekine im September 1983 eine Kreditkarte erworben hatte, benutzte sie sie regelmäßig für Einkäufe und Barauszahlungen an Geldautomaten. Aufgrund mangelnden Überblicks bei der Verwendung der Karte und unzureichender Kenntnisse hinsichtlich der Verzinsung, kam es ab dem Sommer 1984 zur allmählichen Anhäufung immer größerer monatlicher Schulden. Um dieser Situation zu entkommen, begann meine Klientin, zum Zwecke der Verbesserung ihres monatlichen Einkommens, verschiedene Nebenjobs anzunehmen. Gerade dadurch kam es allerdings zu gesundheitlichen Schäden. Da es ihr hierdurch auch an ausreichenden Mitteln zur Bestreitung des Lebensunterhalts mangelte, hatte dies die weitere Anhäufung von Schulden zur Folge. Um die monatlichen Rückzahlungen bestreiten zu können, ging sie dazu über, das hierzu nötige Geld bei Geldverleihfirmen zu beschaffen. Durch diese Umschuldung wurde der Schuldenberg weiterhin aufgebläht. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat sie bei dreißig verschiedenen Gläubigern Schulden, deren Gesamtsumme sich auf etwa zehn Millionen Yen beläuft. Auch verfügt Frau Sekine über kein nennenswertes Kapital. Da ihr keine anderen Möglichkeiten mehr offen standen, hat sie heute beim Landgericht Tōkyō Insolvenz angemeldet. Folglich möchten wir Sie als Gläubiger bitten, Frau Sekines oben geschilderte, bedrängte Situation zu berücksichtigen und ihr zu helfen, den Prozess der Insolvenz glatt über die Bühne zu bringen. Ein Teil der Geld verleihenden Unternehmen lässt auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht von Versuchen ab, die Schulden mit rabiaten Methoden einzutreiben. Sollte dieses Verhalten auch weiterhin anhalten, sehen wir uns gezwungen, umgehend zivil- und strafrechtliche Schritte einzuleiten. Wir bitten dringend um Ihr Verständnis in dieser Sache. Mit freundlichen Grüßen Mizoguchi Gorō (Rechtsanwalt, i. A. für Fr. Sekine Shōko) (Stempel) 26
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Homma hob die Augen und schaute Kazuya ins Gesicht. »Sie hat Privatinsolvenz beantragt«, sagte Kazuya. »Und was hast du gemacht, nachdem du das hier gesehen hast?« »Ich habe sie darauf angesprochen«, antwortete er nuschelnd. »Ob sie weiß, was es damit auf sich hat?« »Ja.« »Und wann?« »Am Fünfzehnten.« »Zu dem Zeitpunkt bestand wohl noch die Möglichkeit, dass es sich tatsächlich um eine Verwechslung handelt.« »Das habe ich auch gedacht. Oder ich hatte es vielmehr gehofft.« Kazuya schüttelte gequält den Kopf. »Nur deshalb habe ich ihr den Brief auch gezeigt.« Homma ließ seinen Blick noch einmal über den Text des Briefes wandern. »Und daraufhin ist sie dann verschwunden?« Kazuya nickte. »Und sie hat das nicht bestritten, als du ihr den Brief gezeigt hast?« »Sie ist einfach nur ganz blass geworden.« Nun zitterte nicht mehr nur Kazuyas Mund, sondern auch seine Stimme. »… Können Sie mir nicht helfen, sie zu finden?«, sagte er leise. »Sie sind der Einzige, den ich bitten kann. Wenn ich bei einer Detektei anfrage, bekommen es meine Eltern bestimmt mit. Ich wohne ja momentan noch bei meinen Eltern. Außerdem ist es auch nicht gut, wenn in der Sache jemand bei mir in der Firma anruft.« »An eine Detektei hast du gedacht?« Aber wenn es jemand aus der Familie ist, dann scheint es okay zu sein. Zumal es sich um einen Kommissar handelt, der gerade vom Dienst befreit ist und deshalb viel Zeit hat. »Ich will unbedingt mit Shōko sprechen. Als ich ihr die Kopie gezeigt habe, hat sie gemeint, dass die Sache sehr kompliziert wäre, dass sie jetzt nicht sofort darüber sprechen könnte und dass ich ihr etwas Zeit geben soll. Dem habe ich auch zugestimmt, weil ich ihr nämlich vertraut habe. Und dann war sie am nächsten Tag einfach verschwunden. Sie war nicht mehr in ihrer Wohnung, und in der Firma hat sie sich auch nicht mehr sehen lassen.« Er schüttelte bei jedem Wort den Kopf und sprach mit einer Eindringlichkeit, als säße Sekine Shōko direkt vor ihm und er würde versuchen, sie zu beschwören. »Sie hat nicht versucht, sich zu rechtfertigen und es kam auch zu keinem Streit. Ich kann das einfach nicht fassen. Ich möchte von ihr selbst 27
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hören, was es mit der ganzen Sache auf sich hat. Und dann möchte ich mit ihr darüber reden. Ich habe auch überhaupt nicht vor, sie irgendwie zu bedrängen. Das ist wirklich alles. Aber alleine schaffe ich es nie, sie zu finden. Sie hat kein Adressbuch oder so hinterlassen und über ihre Freunde weiß ich auch so gut wie nichts. Ich habe ja gar keinen Ansatzpunkt, wo ich mit der Suche anfangen könnte. Aber Sie wissen doch bestimmt, wie man da vorgehen kann. Bitte, finden Sie sie für mich!« In einem Atemzug hatte er seinen Gefühlen Luft gemacht und obwohl ihm die Worte schließlich ausgegangen waren, zitterte sein Kinn danach weiter wie sich das Rad eines umgefallenen Spielzeugautos, das man aufziehen kann, leer in der Luft weiterdreht. Wenn sich bei dieser Bewegung der Kiefer und die Zähne berührten, war ein leises Klappern zu vernehmen. Homma beobachtete ihn mit stierem Blick, ohne etwas zu sagen. In seinem Kopf kämpften zwei tendenziell unterschiedliche Gedanken miteinander. Es war kein heftiger Kampf um Gewinnen und Verlieren, sondern die Gedanken starrten sich eher gegenseitig an und warteten ab, was der andere hervorbringen würde. Das eine war reine Neugier. Vielleicht könnte man es auch als Berufskrankheit bezeichnen. Dass eine junge Frau verschwand, kam an sich nicht unbedingt selten vor. Es passierte etwa ebenso oft wie der Deckel einer Mülltonne, die irgendwo auf der Straße stand, gestohlen wird. Aber von einem Fall, dass eine junge Frau alleine, zumal wegen »Privatinsolvenz«, verschwand, hatte er bisher noch nicht gehört. Es kommt durchaus vor, dass sich ganze Familien wegen zu hoher Schulden nachts aus dem Staub machen, aber dass eine Frau alleine und nicht vor einem Mann, sondern wegen Schulden flieht …? Nein, das geht nicht auf, korrigierte er seine Gedanken. Sekine Shōko hatte Privatinsolvenz angemeldet, dadurch war sie doch eigentlich von ihren Schulden befreit. Oder war es etwa so, dass die Schulden auch weiterhin bestehen blieben, obwohl man insolvent war? Das andere war ein bitteres Unbehagen, das zunächst von der Neugier überdeckt worden war, nun aber seinen Kopf erhob. Als Chizuko noch lebte, hatte sie sich immer sehr um Kazuya gekümmert, und trotzdem hatte er es mit der Begründung, er sei zu beschäftigt gewesen, nicht einmal geschafft, sich bei der Beerdigung blicken zu lassen. Auch hatte er sich in den drei Jahren kein einziges Mal gemeldet oder wenigstens telefonisch sein Beileid bekundet. Aber wenn er selbst eine Bitte hat, hält ihn auch ein Schneesturm nicht davon ab, zu kommen. Was für ein selbstsüchtiger Kerl. 28
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Weil Hommas Schweigen anhielt, schaute Kazuya mit gesenktem Kopf zu ihm auf. Er hatte wohl endlich die Muße gefunden, darüber nachzudenken, in was für einer Situation er sich hier befand und in welche Lage er Homma brachte. Mit ängstlicher Verunsicherung fragte er: »Aber vielleicht sind Sie noch nicht so weit genesen, um sich so viel zu bewegen?« »Es geht so«, antwortet Homma kurz angebunden und etwas kühl. Kazuya senkte beschämt den Kopf. »Nach dem, was mir meine Mutter erzählt hat, sind Sie angeschossen worden oder so.« »Ich sehe, du weißt Bescheid.« Der Fall an sich war eigentlich keine große Sache. In den Zeitungen erschienen darüber auch keine längeren Artikel. Es gab einen kleinen Gauner, der ausschließlich Cafés und Bars überfiel, die bis spät nachts geöffnet hatten. Er hatte die Inhaber mit einem Messer bedroht, wobei allerdings nie jemand verletzt worden war. Nun hatte dieser ängstliche Räuber aber – wohl eher, um sich in einem Gefühl der Sicherheit zu wiegen – eine umgebaute Modellpistole, die er bisher immer nur heimlich in der Tasche getragen, aber noch nie jemandem gezeigt hatte. Es war wirklich ein sinnloser und unspektakulärer Zwischenfall: Als zwei Polizisten kamen, um ihn zu verhaften, richtete er die Pistole auf einen der beiden. Wie er später selbst zu Protokoll gab, habe er gar nicht vorgehabt, zu schießen, sondern nur aus Versehen abgedrückt. Als dann tatsächlich eine Kugel aus der Pistole kam, sei er selbst total erschrocken und in Panik geraten, weshalb er – wie im Traum – noch einen Schuss abgegeben habe. Das war alles. Auch Homma, dem Kommissar, dem der Täter »aus Versehen« durchs Knie geschossen hatte, erschien die Geschichte völlig sinnlos. Als er später hörte, dass die Pistole, die ebenso verdreht war wie der Charakter ihres Besitzers, beim zweiten Schuss explodiert war und dem feigen Gauner den Finger abgerissen hatte, musste er kurz lachen, während er sein eingegipstes linkes Bein betrachtete, dessen Verletzung möglicherweise bleibende Schäden hinterlassen könnte. Und wenn er ehrlich war, bereute er es, dass er während der Rekonvaleszenz, als er noch schmerzhafteres Training über sich ergehen lassen musste als jetzt, nicht noch viel mehr darüber gelacht hatte. Kazuya biss sich auf die Lippen. »Entschuldigung, ich war so von mir selbst eingenommen, dass ich darüber gar nicht nachgedacht habe. Ich …« Homma schaute Kazuya, der wieder in Schweigen verfiel, regungslos an. Doch während er dies tat, bemerkte er, dass er selbst etwas in Aufregung geriet. Wie es Kazuya schon richtig bemerkt hatte, hatte er sich 29
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beurlauben lassen, weil er den Kollegen in seinem gegenwärtigen Zustand nicht zur Last fallen wollte. Wenn man nicht voll arbeitsfähig ist, soll man sich auch nicht als volle Arbeitskraft mitzählen lassen. Er wollte nicht der Verletzte sein, der die Seilschaft aufhält. Das verstanden die anderen genauso gut wie er. Aber das Gefühl der Gereiztheit und ständigen Ungeduld, das ihn heute im Zug überkommen war, ließ sich durch diese Logik nicht beseitigen. Es war in einem Bereich außerhalb solcher Vernunftgründe angesiedelt. »Na ja, ein bisschen kann ich dir vielleicht schon helfen«, hörte er sich selbst sagen, noch bevor er sich eigentlich entschieden hatte. Kazuya hob ruckartig den Kopf. »Aber setz mal keine zu großen Erwartungen in mich. Außerdem kann ich dir im Moment noch nicht versprechen, dass ich sie auch wirklich suche. Es gibt noch zu viele unklare Punkte. Ich muss erst einmal schauen, ob sich da überhaupt etwas tun lässt. Mehr kann ich dir nicht versprechen. Ist das für dich trotzdem okay?« Kazuyas starrer Ausdruck lockerte sich fast unmerklich. »Natürlich, das wäre sehr nett. Vielen Dank.« 3 Er hatte Kazuya gesagt, dass er sich erst in Bewegung setzen könne, wenn sich das Wetter wieder beruhigt habe, der Schnee geschmolzen und die Straßen wieder einfacher begehbar seien. Das hatte Kazuya auch verstanden. Deshalb wollte Homma die Suche nach Sekine Shōko um einen weiteren Tag verschieben, falls es morgens, wenn er aufwachte, immer noch schneien sollte oder überhaupt schlechtes Wetter wäre. Allerdings hatte es schon in der Nacht aufgehört zu schneien und der Himmel zeigte sich zu seinem Erstaunen in strahlendem Blau. Als er aus dem Fenster schaute, sah er, dass die Straße säuberlich vom Schnee befreit war und der nasse Asphalt in der Sonne funkelte. Man konnte geradezu dabei zusehen, wie er trocknete. Die Bretter aus hart gewordenem Schnee, die sich über die Dachkanten der Gebäude schoben, schwitzten dicke Tropfen aus, während sie schmolzen. Satoru, der sein Frühstück beendet hatte und mit dem Schulranzen in der Hand zur Wohnungstür ging, blieb stehen und drehte sich noch einmal um. 30
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