Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 2
30.01.17 17:22
Harry Balkow-Gölitzer, Bettina Biedermann, GRüdiger E R H Reitmeier, A R D DJörg R ERiedel XEL
PROMINENTE
IN POTSDAM
edition q im
be.bra verlag
3
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 3
30.01.17 17:22
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © edition q im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg 2017 KulturBrauerei Haus 2, Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Ingrid Kirschey-Feix, Berlin Gesamtgestaltung: Friedrich, Berlin (auf dem Titel abgebildete Personen: Hans Albers, Margarete Buber-Neumann, Heiner Carow, Marlene Dietrich, Friedrich II.) Schrift: New Baskerville 9/11 pt Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín ISBN 978-3-86124-680-0
www.bebraverlag.de
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 4
30.01.17 17:22
Inhalt
Vorwort 9 Potsdam – Residenzstadt der Preußen
15
Von der Weimarer Republik bis zur DDR
23
Babelsberg und der Film
42
Margarete Buber-Neumann
51
Bruno H. Bürgel
57
Heiner Carow
64
Wilhelm Fraenger
69
Gillis Grafström
77
Babette Gross
80
Hermann Kasack
85
Bernhard Kellermann
91
Hermann Maaß
95
5
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 5
30.01.17 17:22
Kurt Maetzig
99
Hans Marchwitza
104
Maimi von Mirbach
109
Werner Nerlich
115
Günther Quandt
119
Alexander Schuke
124
Siegward Sprotte
127
Max Volmer
132
Anmerkungen
138
Gräber berühmter Persönlichkeiten
149
Sechs Rundgänge durch Potsdam
156
Auf einen Blick – Prominente in Potsdam
169
Der Autor
222
Abbildungsnachweis
223
6
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 6
30.01.17 17:22
Achteckenplatz. Aquarell von Carl Graeb, 1850
7
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 7
30.01.17 17:22
Potsdam und Umgebung, Plan von 1889
8
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 8
30.01.17 17:22
Vorwort
Um für das im Dreißigjährigen Krieg mehrmals geplünderte, 1631 wegen der Pest gelittene und inzwischen verarmte Potsdam mit dem heruntergekommenen Schloss und der vernachlässigten Umgebung einen gestalterischen Vorschlag zu machen, holte Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der vier Jugendjahre in Holland verbracht hatte, den Niederländer und Statthalter von Kleve Johann-Moritz von Nassau-Siegen nach Potsdam. Dieser schrieb 1664 an den Kurfürsten die berühmte Vision: »Das gantze Eyland muss ein Paradies werden …«1 Dies war ganz nach dem Sinne des später, nach der siegreichen Schlacht gegen die Schweden bei Fehrbellin (1675), als »Großer Kurfürst« betitelten Herrschers, der seit 1652 den Sitz seines Hofes in Berlin hatte. Potsdam, in dessen Umgebung der Kurfürst Grund und Boden und 1660 von den Erben des 1650 verstorbenen Wolf Dietrich von Hacke auf Berge und Groß Kreutz auch das Amt Potsdam mit dem Schloss zurück erwarb, hatte sich der neue Besitzer als Sommersitz und zur Jagd auser koren. Das Schloss und das Amt Potsdam waren 1606 unter Kurfürst Joachim Friedrich dem Kammerherrn Wolf Dietrich von Hacke überlassen und 1614 an ihn verpfändet worden. 1660 war das Schloss »in einem jämmerlichen Zustand«. Denn: »Die Hofstuben wurden als Schafställe, die Kirche als Scheune genutzt.«2 Zu dieser Zeit umfasste die Ortschaft 198 Wohnstätten, davon waren aber 119 »wüst«, also zerstört, und 29 »verarmbt und nicht mehr zutragend«, 50 »vorhanden und noch etwas zutragend«. In den noch bewohnbaren – und besteuerbaren – Häusern lebten nur etwa rund 700 Menschen.3 9
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 9
30.01.17 17:22
Im Jahr 1660 wurde nun diese doch etwas armselige Ortschaft und das teilweise als Bauernhof genutzte Schloss neben Berlin die zweite brandenburgische Residenz der Preußen. Um zu einem Paradies zu werden, brauchte es jedoch noch einiges an Zeit und Arbeit. Aber ein Paradies sollte es werden! In den nächsten Jahren kaufte der Kurfürst noch mehrere Dörfer in der Umgebung Potsdams und vereinigte die Ämter zur Herrschaft Potsdam. Hinzu kamen drei Rittergüter. Mit der Sanierung und dem Umbau des Schlosses gingen nun auch die Anlage von Parks und Gärten und die Errichtung weiterer Residenzbauten einher. Für den Ausbau der Stadt entstand ein erster Stadtplan. Schon damals war in Potsdam die segensreiche Wirkung zu spüren, wenn wohlhabende Menschen, vor allem adelige Herrscher, in der Stadt ihr Geld für Schlösser, Parks oder Villen ausgaben. Und vor allem sich darin auch aufhielten und die Räumlichkeiten für Gesellschaften und Empfänge nutzten. Das musste ja alles irgendwie organisiert werden. Noch heute, möchte man sagen, blüht in der Stadt das Geschäft von Event-Agenturen und Catering-Service. Immerhin ist sie Landeshauptstadt und Menschen mit illustren Namen haben in ihr Quartier bezogen. So stieg auch die Nachfrage nach Handwerkern, die wiederum selber Wohnraum benötigten, wie zum Beispiel aus Holland, der Pfalz oder der Schweiz sowie, nach dem Edikt von Potsdam 1685, die Hugenotten. Händler verkauften nicht nur Kartoffeln und Fisch auf den Märkten, einige von ihnen belieferten auch den Hof. Hofbedienstete wollten außerdem, falls nicht im Schloss wohnhaft, ihren höfischen Unterhalt in eine angenehme Unterkunft investieren. Die Anreise der Herrschaften aus Berlin musste, im Rahmen der damaligen Verhältnisse, geschmeidig ablaufen, was sich positiv auf die Wege- und Brückeninfrastruktur auswirkte. Parallel dazu erfolgte die Entwicklung der Wasserwege für den Warenverkehr per Schiff. So wurde Potsdam zu einer kleinen, aber feinen Residenzstadt, in welcher der preußische Hof die Sommer verbringen konnte. In späteren Zeiten bauten die Prinzen ihre Schlösser als Dauerwohnstätten oder bewohnten gerne auch geräumige Stadtpalais. Bis zur Entmachtung und Abdankung des Kaisers 1918 sind den zahlreichen Preußen, die in Potsdam residierten, bestimmte Epochen, Bauwerke, Gartenanlagen und auch Stadtveränderungen zuzuordnen. In Potsdam, den Vorstädten und den inzwischen eingemeindeten Nachbar ansiedlungen kann sowohl die Geschichte der Stadterweiterungen und Stadtplanungen der letzten Jahrhunderte als auch die Entwicklung von Gartenbaukunst, Baumschulen, Gemüse- und Obstanbau abgelesen werden. Es sind dabei hervorragende Bauten entstanden, teilweise zerstört und wieder aufgebaut worden, die den Besucher Potsdams durch die Ar10
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 10
30.01.17 17:22
Historische Stadtansicht, um 1900
chitektur- und Baugeschichte führen. Die UNESCO-Auszeichnung der Potsdamer Parkanlagen und Schlösser mit dem Titel »Welterbe« spricht für sich.4 Ein weiteres Merkmal im Leben der Stadt brachte die Etablierung als Garnisonsstadt, als Militärstandort und Stätte zur militärischen Ausbildung. Da bei den Offizieren der Adel vorherrschte, blieben Gesellschaften nicht mehr nur dem Hof vorbehalten, sondern spielten sich auch in herrschaftlichen Wohnungen oder in den Stadtpalais ab. Für solche Ereignisse wurde der an italienische Architektur erinnernde Typus der Turmvilla entwickelt, der mit dem Namen Friedrich Ludwig Persius, dem »Architekten des Königs«, verbunden ist. Ohne in Italien gewesen zu sein, entwickelte Persius einen italienischen Baustil.5 Die unterschiedliche Herkunft der zugewanderten Bürger, aber auch der Angehörigen des Militärs, erforderte ebenso den Bau von Stätten ihrer Religionsausübung. So stehen in Potsdam gut sichtbar und nicht versteckt Bauten für verschiedene Glaubensrichtungen, und das ist eine Besonderheit dieser Stadt. Stadtquartiere für Einwanderer entstanden, die in der Bauweise oder der Architektur der Häuser an ihre alte Heimat erinnerten, wie das Holländische Viertel oder die russische Siedlung Alexandrowka. Und wo der König oder der Kaiser residiert, das Militär paradiert, darf das wohlhabende Bürgertum nicht fehlen. Es erschloss sich neue Wohn11
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 11
30.01.17 17:22
gebiete in bester Lage, die nicht mehr in der Nähe des Schlosses entstanden, sondern Villenviertel bildeten, wo man unter sich war, gerne mit Zugang zum Wasser. Gegen ein Bootshaus mit Anlegesteg war dabei nichts einzuwenden. Als sich die Filmindustrie in Babelsberg ansiedelte, entdeckten Filmstars das nahe gelegene Villenviertel Neubabelsberg, wo sich eine Mischung aus Filmstars, Industriellen, Wissenschaftlern, Bankiers und Aristokraten ansiedelte. Mit Verlagerung der »Sternbeobachtung« von Berlin nach Potsdam wurde der Grundstein gelegt für einen weltweit anerkannten Standort der Wissenschaft, der noch heute ausstrahlt. Der heutige wissenschaftliche Nachwuchs kommt aus den zahlreichen Standorten der Hochschulen und Institute, die in der Stadt verteilt sind. Mit der Schleifung der letzten Stadtmauer Ende des 19. Jahrhunderts, von der nur wenige Reste und drei Tore übrigblieben, und mit der Entwicklung der Vorstädte zu bürgerlichen Villenorten ergab sich eine eigene Mischung auf relativ kleinem Raum aus Residenzen, Hofbediensteten, Aristokratie, Militär, gehobenem Bürgertum und einfachen Soldaten, Handwerkern, Künstlern und Händlern. 1838 erreichte die Eisenbahn Potsdam. Die etwa 26 km lange Strecke vom Potsdamer Bahnhof in Berlin nach Potsdam, dem Sommersitz des königlichen Hofes, wurde am 29. Oktober 1838 fertiggestellt. Nun war Potsdam mit seiner alten Lage an Handelswegen nicht nur über Straße und Wasser, sondern auch über die Schiene gut an die Zukunft angebunden. Mit dem Kaiserreich und den damit zeitlich verbundenen Gründerjahren wandelten sich Potsdam und Umgebung in Teilen auch zu einem Industriestandort,6 ohne sich als Residenzstadt aufzugeben. Der Kaiser ging mit der Zeit und ließ in Nähe des Neuen Palais einen Kaiserbahnhof errichten. Das Paradies, in dem die Kutschen zum Getrappel der Pferdehufe über das Pflaster holperten und feine Damen mit langen weiten Röcken und breitkrempigen Hüten ausstiegen, während galante Herren ihnen dabei behilflich waren, veränderte sich mit der Erfindung des Autos und der Elektrischen, die seit 1907 durch Potsdams Straßen rumpelte. Das Militär blieb nach der Abdankung des Kaisers 1918 der Stadt Potsdam weiterhin treu. Potsdam blieb Garnisonsstandort. Dann kam die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Bomben zerstörten die prächtige Innenstadt, das Stadtschloss und die Garnisonkirche. Die Siegermacht Sowjetunion beschlagnahmte nach ihrem Einzug 1945 etliche Villen und etablierte am Pfingstberg eine Enklave, einen abgeschlossenen Stadtteil, als Sperrgebiet. Erst nach ihrem Abzug war zu erahnen, wie das Leben in 12
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 12
30.01.17 17:22
Hier lebte 1854–1856 Theodor Storm. Dortustraße 68, 1989
den marode und baufällig zurückgelassenen Villen an der Großen Weinmeisterstraße sich möglicherweise abgespielt hatte.7 Die DDR entledigte sich nach dem Krieg der Ruinen, die für sie als Symbol des Preußentums sowie des Militarismus standen, wie das Stadtschloss oder die Garnison kirche. Die zerstörte Innenstadt wurde nach DDR-sozialistischen Vorstellungen wieder aufgebaut. An markanten Straßenzügen und Plätzen verschwand das historische Stadtbild. Nach der Wende 1989 wurden Potsdam und seine Villen, die teilweise in sehr schlechtem Zustand waren, neu entdeckt. Wieder rückte die Stadt ins Augenmerk des wohlhabenden Bürgertums und aber auch einer Auffassung in der Stadtverwaltung zur denkmalgerechten Sanierung. Heute besitzt die Innenstadt trotz einiger störender Architekturelemente historisches Flair, mit historischen Straßenzügen und Traufhöhen. Theater, Museen, Galerien, Konzerthäuser sowie zahlreiche Kulturinitiativen halten ein großes und vielfältiges Kulturangebot bereit. Die Stadt lädt zum Wohnen und Flanieren ein. Mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses hat Potsdam außerdem sein städtebauliches Herz wieder bekommen. Seine Parks, früher oft in Randlage, wo die Schlösser standen, sind in die Mitte der Stadt gerückt. Potsdam ist nicht »eine Stadt im Grünen«, sondern das »Grün ist in der Stadt«. Überall stößt man auf Wasser, das als Fluss, See 13
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 13
30.01.17 17:22
oder Kanal ein wesentliches Element der Stadtanlage und vor allem der Parks mit ihren prächtigen Gebäuden darstellt, die in ihrer Qualität und als Ensemble ihresgleichen suchen. Potsdam, die Landeshauptstadt des Bundeslandes Brandenburg, dürfte in Deutschland die Hauptstadt mit den meisten Schlössern, Stadtpalais und Villen auf vergleichsweise engem Raum sein. Hervorragende Residenzen, Stadtvillen und Häuserzüge entführen den Besucher nach Italien, in den Barock, den Klassizismus oder nach Holland und zwar in Brandenburg. Königliche und kaiserliche, aber auch bürgerliche Pracht begegnet einem an jeder Ecke. Ebenso das Liebenswürdige einer lebenswerten Stadt, das von den sogenannten einfachen Menschen kommt, begegnet einem überall. Zum Beispiel beim Essen einer lecker belegten Aalschrippe am Marktstand eines einheimischen Fischers auf dem Bassinplatz, was nicht ohne Plausch mit der Fischersfrau ausgeht. Potsdam bietet einfach alles – Schlösser, Parks, Weltkulturerbe, gemütliche Cafés, gute Restaurants und leckere Fischbrötchen! In diesem Buch kann nur ein Bruchteil der Geschichte erzählt werden, die Potsdam als preußische Residenzstadt, Verwaltungssitz des Bezirkes Potsdam in der DDR und nach der Wiedervereinigung als Landeshauptstadt des Landes Brandenburg ausmacht. Das vorliegende Buch kann auch nur, ob der schieren Menge an möglichen Namen, die mit Potsdam verbunden sind, nur einer subjektiven Auswahl an historischen Persönlichkeiten eine kleine Plattform bieten. Zeitlich wurde eine ungefähre Beschränkung ab etwa dem 19. Jahrhundert vorgenommen. Schließlich ist das Buch lediglich als Anregung gedacht, sich auf den Weg zu machen und Potsdam selbst zu entdecken.
14
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 14
30.01.17 17:22
Potsdam – Residenzstadt der Preußen
Wahrscheinlich war Potsdam schon in der Bronzezeit besiedelt. Auch in späterer Zeit boten die erhöhte Lage am Flussufer und die wasserreiche Gegend gute Lebensbedingungen für germanische Stämme, wie zum Beispiel die Sueben. Nachdem während der Völkerwanderung die Germanen nach Süden gezogen waren, stießen im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr. die aus dem Osten kommenden slawischen Heveller in den Potsdamer Raum. In Brandenburg an der Havel machten sie eine Burganlage zu ihrem Hauptsitz. Auf Potsdamer Gebiet siedelten die Heveller an der Alten Fahrt, gegenüber der Nuthemündung, wo sie später eine Burg errichteten. Im Jahr 928 setzte der sächsische Herzog Heinrich I., von 919 bis 936 König von Franken und Sachsen, die heidnischen Slawen unter Druck und machte sie tributpflichtig. Ziel war nicht nur Landgewinn, sondern auch die Slawen zu christianisieren. Doch diese erhoben sich 983 und eroberten größere Gebiete wieder zurück. Davon allerdings unbeeindruckt hielten die deutschen Herrscher die unter sich vereinbarten Herrschaftsund Eigentumsansprüche auf die von den Slawen zurückeroberten Gebiete aufrecht. So konnte am 3. Juli 993 ein Nachkomme von Herzog Heinrich I., der erst dreizehnjährige deutsche König Otto III., per Urkunde die beiden Dörfer Poztupimi und Geliti seiner Tante Mathilde übertragen, die Äbtissin im Kloster Quedlinburg war.1 Es wird davon ausgegangen, dass mit Poztupimi das spätere Potsdam und mit Geliti das heutige Geltow gemeint war.2 Aufgrund dieser Urkunde feierte Potsdam 1993 seine 1 0 00-Jahr-Feier. Offensichtlich nahm der junge König die Slawen als Eigentümer der beiden Dörfer von vornherein nicht ernst, denn die Zurückeroberung 15
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 15
30.01.17 17:22
Potsdams fand erst nach der urkundlichen Übertragung statt. Die größere »Landgewinnung« sowie das Abebben des slawischen Widerstandes führten 1157 zur Gründung der Mark Brandenburg durch den Askanier Albrecht I., genannt Albrecht der Bär, der erster Markgraf wurde. In Potsdam entstand neben der slawischen eine deutsche Siedlung.3 Beide Siedlungen entwickelten sich über einen Flecken mit Marktrecht zu einer Stadt. In einer Urkunde von 1345 wird zum ersten Mal ein städtischer Rat erwähnt.4 Mit der Übergabe der Mark Brandenburg von König Sigismund, aus dem Hause Luxemburg, an Friedrich VI. von Nürnberg, aus dem Haus der fränkischen Hohenzollern und oberster Hauptmann und Verweser der Mark, begann 1411 der Einfluss der Hohenzollern in der Region.5 Er sollte mehrere Jahrhunderte anhalten. Friedrich VI. wurde erster Hauptmann und Verwalter, als Friedrich I. im Jahr 1415 mit der Würde eines Markgrafen, Kurfürsten und Erzkämmerers belehnt wurde. Als seinen Residenzsitz wählte der Kurfürst Berlin.6 Bedeutung für Potsdam erlangte Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg nach dem Sieg gegen die Schweden 1675 bei Fehrbellin, nach dem er der »Große Kurfürst« genannt wurde. Er war ab 1640 Markgraf von Brandenburg. In dieser Zeit war die Mark vom Dreißigjährigen Krieg verwüstet. Nach dem Westfälischen Frieden 1648, der den verheerenden Krieg beendete, verlegte der Kurfürst 1652 seine Hofhaltung von Kleve nach Berlin Cölln. Schon vor dem Friedensschluss hatte er 1643 seine andere Hofhaltung von Königsberg nach Berlin verlagert. So rückte das nahe von Berlin gelegene Potsdam in seine Aufmerksamkeit und er erwarb in dessen Umgebung nach und nach mehrere Güter. Das Amt Potsdam mit dem Schloss, damals in Pfandbesitz der Familie von Wolf Dietrich von Hacke auf Berge und Groß Kreutz, konnte er erst 1660 erwerben, indem er das Pfand auslöste. Das Schloss befand sich in einem erbärmlichen Zustand, Räume und Kirche waren für landwirtschaftliche Zwecke genutzt worden, eine Erhaltung der Bausubstanz hatte lange Zeit nicht stattgefunden. Der Kurfürst veranlasste am Potsdamer Schloss Sanierungsmaßnahmen und ließ ruinöse Gebäudeteile durch Neubauten ersetzen. Er holte Johann-Moritz von Nassau-Siegen, den Statthalter von Kleve, Mark und Ravensberg, nach Potsdam, damit er eine umfassende Planung vorschlägt. Dieser schrieb 1664 in einem Brief an den Kurfürsten den berühmten Satz: »Das gantze Eyland muss ein Paradies werden …«7 Nach Renovierung und Ausbau des Schlosses sowie der Neuanlage der Schlossumgebung hielt sich der Kurfürst öfter in Potsdam auf, beispielsweise zu Empfängen oder Jagdgesellschaften. Das belebte sowohl den Handel als auch das Hand16
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 16
30.01.17 17:22
Karte von Potsdam, um 1700
werk und machte weitere Baumaßnahmen in Potsdam erforderlich. Schon damals kamen die ersten holländischen Handwerker in die Stadt. Brückenbauten verbesserten nicht nur die Anreise des Kurfürsten und seiner Entourage, sondern auch die Anbindung an Handelswege. Für Potsdam wurde eine Art Masterplan erstellt, der die Erweiterung der Stadt nach einem Raster bestimmte. Schon unter dem Großen Kurfürst kamen bei der Gestaltung der Stadt holländische Einflüsse zum Tragen, wie zum Beispiel die Anlage von Kanälen. Obwohl Kurfürst Friedrich Wilhelm im Stadtschloss von Berlin wohnte, neigte er zu immer mehr und längeren Aufenthalten in Potsdam, was eine Erweiterung des Schlosses nötig machte. Hinzu kamen eine Fasanerie, ein Kutschstall, die Orangerie mit Lustgarten, die Schlosskapelle sowie ein Wildgarten am Ostufer des Templiner Sees.8 Nach dem »Edikt von Potsdam«, einem Erlass von 1685 zur Aufnahme von 20.000 Hugenotten, die aus dem katholischen Frankreich verdrängt wurden, bereicherten diese zugewanderten Franzosen, wie auch Hugenotten aus der Pfalz und der Schweiz sowohl das Handwerk als auch das religiöse und kulturelle Leben in Potsdam. Besonders das Handwerk er17
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 17
30.01.17 17:22
Der »Große Kurfürst« von Brandenburg
König Friedrich Wilhelm I. von Preußen
lebte einen innovativen Technologietransfer.9 Potsdam mauserte sich zu einer Residenzstadt, die Vergleiche mit anderen Residenzstädten nicht mehr scheuen musste. Der Nachfolger des Großen Kurfürsten, Kurfürst Friedrich III., ab 1701 selbstgekrönter König in Preußen, ließ das Potsdamer Stadtschloss weiter um- und ausbauen. In seine Zeit als König Friedrich I. fielen die Errichtung des Fortunaportals am Schloss nach Jean de Bodt und weitere Umbauten durch Andreas Schlüter. Als der erste preußische König starb, der mit seiner Hofhaltung und der Förderung der Künste mit anderen europäischen Höfen gleichziehen wollte, hinterließ er seinem Nachfolger einen hochverschuldeten Staatshaushalt und eine teilweise verarmte Bevölkerung.10 Vom reinen Residenzsitz in einen Garnisonsstandort wurde Potsdam von Friedrich Wilhelm I., der von 1713 bis 1740 als sogenannter »Soldatenkönig« regierte, verändert. Im Gegensatz zu seinem Vater mochte er keinen Prunk und verordnete Sparsamkeit, um den Haushalt wieder in Ordnung zu bringen. Seine Staatsreform legte die Grundlage für preußische Tugenden. Um das Stadtgebiet wurde eine Mauer errichtet. Sie diente weniger zum Schutz gegen Angreifer, sondern mehr um Desertationen zu verhindern und um an den Stadttoren Zölle verlangen zu können. Den Lustgarten am Schloss, in dem sein Vater Feste gefeiert hatte, ließ er zu einem Exerzierplatz einebnen. Statt an Wissenschaft und Kultur 18
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 18
30.01.17 17:22
Das Potsdamer Stadtschloss, 2015
hatte er Freude an seinen »Langen Kerls«, einer Garde, deren Mitglieder mindestens 1,88 Meter groß sein mussten. Nachdem schon Scheunen vor der Stadtmauer gebaut worden waren, wurde eine Stadterweiterung auf dem feuchten und morastigen Grund Potsdams begonnen. Es entstand die »zweite barocke Stadterweiterung« mit dem Holländischen Viertel. Nicht nur Holländer, sondern Handwerker aus allen möglichen Ländern zogen in das baufreudige Potsdam. Als der »Soldatenkönig« 1740 im Potsdamer Schloss starb, hinterließ er neben einer erweiterten Residenz- und Garnisonsstadt auch Waisenhäuser und eine Verbesserung der allgemeinen Schulbildung.11 Ohne Friedrich den Großen, den »Alten Fritz«, der als Friedrich II. von 1740 bis 1786 regierte, ist das heutige Potsdam nicht vorstellbar. Er mochte das Militär nicht und liebte dagegen die Künste, die Literatur, spielte selbst die Querflöte und komponierte. Neben Berlin baute er Potsdam als eine zweite Residenz aus, die einen dauerhaften Aufenthalt zuließ. Friedrich II. ließ das Potsdamer Stadtschloss, das eher zu Som meraufenthalten taugte, winterfest ausrüsten. Von Baumeister Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff ließ er in Potsdam ein zweites Schloss errichten, das er französisch »Sanssouci«, zu Deutsch »ohne Sorge«, nannte. Viele Fassaden Potsdams wurden verschönert und eine italienische Architekturauffassung hielt Einzug. Als Kunstsammler ließ Friedrich II. im Park Sanssouci die Bildergalerie und anschließend das Neue Palais entste19
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 19
30.01.17 17:22
hen. Es ist der größte Bau, der unter ihm errichtet wurde. Kolonisten aus dem Ausland baute er Siedlungen, wie das Weberdorf Nowawes, das mit Böhmen besiedelt wurde. Da Friedrich II. kinderlos verstarb, folgte ihm 1786 sein Neffe Friedrich Wilhelm II. auf den Thron. Mit Friedrich Wilhelm II. zog eine verschwenderische und ausschweifende Lebensart in die Residenzen ein. Die Redensart entstand: »Den dicken Wilhelm markieren.« Sein genüsslicher Lebensstil schien sich auf das Potsdamer Leben zu übertragen. In der Stadt entstanden Kaffeehäuser, Gartenlokale, Tanzsäle und Tabagien, in welchen dem Tabakgenuss gefrönt wurde, heute würde man Raucherlokale dazu sagen. Immerhin hatte Friedrich der Große noch versucht, mit hohen Steuern den Kaffeegenuss einzudämmen und gleichzeitig daran zu verdienen. Er empfahl dagegen die traditionelle Biersuppe, um die Brauwirtschaft zu stärken. Auch bei ihm selbst stand Biersuppe auf dem Speiseplan. Als Friedrich Wilhelm II. am 16. November 1797 in seinem Marmorpalais am Heiligen See starb, war der Staatsschatz nahezu verplempert. Ein guter Teil davon war jedoch in die Förderung der Künste und Architektur geflossen.12 Sein Nachfolger wurde Friedrich Wilhelm III., der am 3. August 1770 in Potsdam geboren worden war, was die Potsdamer Bürger mit einem gewissen Stolz erfüllte. Als er die Regierung übernahm, räumte er mit der Günstlings- und Mätressenwirtschaft seines Vaters auf. Bei seinen Aufenthalten in Potsdam bezog er im Schloss nur einfache Zimmer. Mit seiner bei der Bevölkerung beliebten Gattin Luise, geborene von Mecklenburg-Strelitz, bevorzugte er das nahe gelegene Schloss Paretz. Der Schlossbereich und das Dorf Paretz wurden einer Gesamtgestaltung unterzogen.13 Als Preußen am 9. Oktober 1806 Frankreich den Krieg erklärte, aber von Napoleon bei Jena und Auerstedt geschlagen wurde,14 bedeutete dies nicht nur für Friedrich Wilhelm III., sondern auch für Potsdam eine tragische Wende. Das Königspaar musste fliehen. Potsdam erlebte eine zweijährige Besatzung durch Napoleons Truppen. Als die Franzosen 1808 aus Potsdam abzogen, war die Stadt verarmt und heruntergekommen. So war die Französische Kirche von der napoleonischen Kavallerie als Futtermagazin und Pferdestall genutzt und stark beschädigt worden. Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon, 1813 bis 1815, verwandelte sich Potsdam durch Zuzug verschiedener Administrationen zu einer Verwaltungsstadt. Trotz knapper Kassen schaffte es der sparsame König für seine Söhne die Schlösser Charlottenhof, Glienicke und Babelsberg erbauen zu lassen. Zu den Architekten der Amtszeit von Friedrich Wilhelm III. zählt als bekanntester Karl Friedrich Schinkel, von dem unter anderem die Nikolaikirche stammt, gleichwohl der Bau von Ludwig Persius und Friedrich August Stüler ausgeführt wurde. 20
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 20
30.01.17 17:22
Schloss Babelsberg, 2015
In die Amtszeit seines Sohnes Friedrich Wilhelm IV., der ab 1840 regierte, fiel unter Leitung des Landschafts- und Gartengestalters Peter Joseph Lenné die Verwandlung von Potsdam und Umgebung zu einem Gesamtkunstwerk. An das Schloss Sanssouci ließ Friedrich Wilhelm IV. durch den Baumeister Persius Seitenflügel anbauen, was viele im Gedenken an den »Alten Fritz« für verwerflich hielten. Auch der Bau der neuen Orangerie, des Belvedere auf dem Pfingstberg, der Heilandskirche in Sacrow, der Kirche in Bornstedt und der Friedenskirche in Sanssouci fallen in seine Regierungszeit. Für den kranken Regenten führte ab 1858 sein Bruder Wilhelm die Regierungsgeschäfte, bis dieser nach dessen Tod 1861 selbst König von Preußen wurde. Wilhelm I., seit 1861 König von Preußen, ab 1871 Deutscher Kaiser, bevorzugte bei seinen Aufenthalten das Schloss Babelsberg. In seiner Regierungszeit entstanden in Potsdam Fabriken, zahlreiche Villen und Amtsgebäude. Am östlichen Ende der Brandenburger Straße wurde im protestantischen Potsdam die repräsentative katholische Kirche St. Peter und Paul erbaut. Es entstanden zwei neue Bahnhöfe, der Bahnhof Wildpark und für den König der Bahnhof Neuendorf in Babelsberg. Als Herrscher folgte ihm der »99-Tage-Kaiser« Friedrich III. Der ewige Kronprinz, wie er genannt wurde, hatte vor seiner Thronbesteigung eine lange Wartezeit hinter sich. Als Prinz hielt er sich häufig auf dem Krongut Bornstedt auf, aus dessen Bewirtschaftung er Einkünfte bezog. An Kehl21
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 21
30.01.17 17:22
Das Neue Palais, 2015
kopfkrebs schon unheilbar erkrankt, trat er dennoch sein Amt an, starb aber 1888, nach nur 99 Tagen Regierungszeit, in Potsdam und wurde nach einer ersten Beisetzung in der Potsdamer Friedenskirche später in das Mausoleum überführt, das bei seinem Tod noch nicht fertig gewesen war. Auf ihn folgte Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser, für den das Neue Palais die Sommerresidenz war. Dort wurden die technischen Errungenschaften der damaligen Zeit eingebaut, wie elektrisches Licht, Heizung oder ein Aufzug. Ein 1909 eingeweihter Kaiserbahnhof, ursprünglich Hofstation im Wildpark, und ein kaiserliches Postamt symbolisierten die moderne Zeit des Kaiserreichs. Potsdam erweiterte sich in seine Vorstädte, wo die arbeitende Bevölkerung Wohnraum fand. Vornehme Viertel entstanden in der Berliner und Nauener Vorstadt. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 fiel in die Amtszeit von Wilhelm II. Als der Krieg 1918 zu Ende war und die aristokratische Herrschaftsform demokratischen Regierungsformen weichen musste, ging mit der Abdankung von Wilhelm II. und seinem Gang ins holländische Exil die Ära der Preußen zu Ende. Damit war auch die Zeit Potsdams als Residenzstadt abgelaufen. Zum größten Teil ging der Besitz der Hohenzollern in Staatseigentum über. Potsdam zählte zu dieser Zeit mit seiner Stadtanlage, seinen Schlössern und Parkanlagen zu den schönsten Städten Europas.
22
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 22
30.01.17 17:22
Von der Weimarer Republik bis zur DDR
Nicht nur die einfache Potsdamer Bevölkerung, sondern auch die im Kaiserreich durchaus wohlhabenden Pensionäre, Beschäftigten des Verwaltungsapparats und ehemaligen Hofbediensteten traf nach dem Ersten Weltkrieg die Inflation in Deutschland mit voller Wucht. Ihre Renten und finanziellen Sicherheiten schmolzen dahin. Mit der Geldentwertung ging eine wirtschaftliche Krise einher. Ehemalige Hoflieferanten kamen in Schwierigkeiten, viele Handwerker hatten für das preußische Militär gearbeitet und nach Ende der Monarchie ihre Kundschaft verloren. Auch unter den einst wohlhabenden Schichten machte sich Armut breit. Offiziere mussten sich in zivilen Berufen behaupten. Erst mit der Währungsreform 1923 konnte die Inflation eingedämmt werden. In der neuen Republik bildeten sich politische Lager, die sich bekämpften. Die einen wollten das Kaiserreich restaurieren, andere waren deutschnational gesinnt und in den Arbeitervierteln hatten die Arbeiterparteien ihre Anhänger. Beim Kapp-Putsch am 13. März 1920 gingen die Linken auf die Straße, um die nach der Novemberrevolution entstandene Republik gegen konterrevolutionäre Kräfte zu verteidigen. In der bürgerlichen Verwaltungsstadt Potsdam kamen jedoch – wie in anderen Städten – heftige Straßenkämpfe zwischen linken und rechten politischen Flügeln nicht vor. Gleichwohl gab es Aufmärsche der politischen Lager.1 Noch immer sehnten sich in Potsdam viele nach der vergangenen Monarchie. Die Nostalgiker der Kaiserzeit säumten am 19. April 1921 zu Tausenden die Straßen, als die Ex-Kaiserin Auguste Viktoria im Antikentempel des Parks Sanssouci zur Beisetzung getragen wurde. 23
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 23
30.01.17 17:22
Infolge des Versailler Vertrags wurden in der Garnisonsstadt Potsdam das Militär reduziert und Regimenter zusammengeführt. Beeindruckende Paraden mit prächtigen Uniformen waren nicht mehr zu sehen. Obwohl sich die NSDAP unter Hitler mit allen Mitteln rücksichtslos nach vorne gedrängt hatte, verfehlte sie bei der Wahl zu einem neuen Reichstag am 5. März 1933 die absolute Mehrheit. Um eine regierungsfähige Koalition bilden zu können, war die NSDAP zum einen auf die rechtsgerichtete Deutschnationale Volkspartei (DNVP) angewiesen, und zum anderen, einmal an die Regierung gekommen, sollte ein Ermäch tigungsgesetz verabschiedet werden, das Hitler mit weitreichenden Vollmachten ausstatten sollte. Dafür mussten die Nationalsozialisten die anderen Parteien auf ihre Seite ziehen. Um die Parteien für sich einzunehmen, plante die NSDAP ein Treffen zwischen Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg in Potsdam. Ohne Teilnahme der linksgerichteten Parteien wurde zum 62. Jahrestag der Eröffnung des Reichstags ein Gottesdienst in der evangelischen Nikolaikirche mit den evangelischen Abgeordneten, danach ein Gottesdienst in der katholischen Stadtpfarrkirche mit den katholischen Abgeordneten und anschließend ein Festakt in der Garnisonkirche abgehalten. An der Veranstaltung nahm Hitler ohne Uniform teil, sondern im Gehrock und mit Zylinder. Er reichte Hindenburg, der in mit Orden behängter Uniform und mit Pickelhaube erschienen war, die Hand und verneigte sich vor laufenden Kameras und den Pressefotografen. Der Öffentlichkeit wurde das Bild mitgegeben, dass Hitler den Reichstagspräsidenten Hindenburg und damit symbolisch auch den Reichstag und die demokratische Verfassung akzeptiere, da er vor ihr ja sogar den Diener machte. Mit dem »Tag von Potsdam« sollte eine politische Kontinuität bezeugt werden. Am 30. Januar 1933 wurde Hitler von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Mit der erforderlichen Mehrheit verabschiedete am 23. März 1933 der Reichstag das Ermächtigungsgesetz (»Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich«), das als ein Ausgangspunkt für die Diktatur Hitlers angesehen wird. Nach dem »Tag von Potsdam« verlieh die Stadt Hitler und Hindenburg die Ehrenbürgerwürde.2 Die Hitlersche Propaganda bemühte eine Verbindung vom preußischen Friedrich II., dem »Alten Fritz«, zu Hitler. Folglich wurden in der Garnisonsstadt Potsdam neue militärische Dienststellen angesiedelt. In der Stadt nahmen Übergriffe der NSDAP-Anhänger gegen Kräfte linksgerichteter Parteien zu. Wie in anderen Städten wurden jüdische Beamte verdrängt und durch Leute der NSDAP ersetzt. Der Polizei- und Beamtenapparat wurde politisch gleichgeschaltet. 24
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 24
30.01.17 17:22
Die Garnisonkirche, 1932
25
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 25
30.01.17 17:22
Den wirtschaftlichen Aufschwung in den 1930er-Jahren spürte auch Potsdam. Neue Industrie wurde angesiedelt. Doch der Kriegsbeginn 1939 sorgte für einen spürbaren Einschnitt. Ausnahmen bildeten naturgemäß die Rüstungsbetriebe. Um die Fabriken zu betreiben, wurden Zwangsarbeiter nach Potsdam verfrachtet, die unter erbärmlichen Bedingungen leben und arbeiten mussten.3 Gleichzeitig wurde in Potsdam die Filmindustrie, ein nicht unerheblicher Bereich der Propagandamaschinerie, weiterentwickelt. Doch lebten in Potsdam auch mutige Menschen, die sich im Widerstand gegen Hitler organisierten. Nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurden in Potsdam 18 Personen verhaftet. Der bekannte Widerstandskämpfer Generalmajor Henning von Tresckow entzog sich der Verhaftung und Folter durch Selbsttötung. Er zählte zu den führenden Köpfen der Widerstandsbewegung gegen Hitler. Wie viele der Widerständler aus Potsdam war auch er verbunden mit dem Infanterie-Regiment Nr. 9 (I. R. 9), das in der Semper-Talis-Kaserne in der damaligen Priesterstaße 2–8 stationiert war, der heutigen Henning-von-Tresckow-Straße. Auf dem Kasernengelände, das sich über das Areal der ehemaligen Gewehrfabrik erstreckte, sind heute in den historischen Gebäuden und in einem Neubau verschiedene Ministerien untergebracht. Wegen seiner hohen Anzahl an adligen Offizieren wurde das Regiment inoffiziell auch »Graf Neun« genannt. Es gilt als das Wehrmachtsregiment mit den meisten Widerstandsmitgliedern.4 Potsdam als langjährige Garnisonsstadt bot eine Situation, in welcher das Bürgertum mit dem Militär verknüpft war. Wie konspirative Begegnungen als gesellschaftliches Ereignis getarnt wurden, schildert in ihren Erinnerungen Mady von Schilling, die Sekretärin von Ferdinand Freiherr von Lünink. Sie war die Tochter des Oberst a. D. Wilhelm Freiherr von Schilling. Die Familie wohnte in der Großen Weinmeisterstraße 8. Mady von Schilling: »Im übrigen hatte es sich eingebürgert, daß meine Schwester und ich […] am Samstag einen Riesentopf Erbsensuppe kochten. Dann kamen unsere Freunde, sehr viele von den Regimentern 9 und 178 […]. Diese Freunde brachten andere mit, auch Schwestern, Cousinen, Freundinnen, und wenn sie konnten, auch etwas zu trinken. Natürlich waren die meisten vergnügt, es wurde auch getanzt. Nur wenige wußten, daß diese Treffen einen besonderen Sinn hatten. Es fiel nämlich nicht auf, wenn sich bei dieser Gelegenheit einige trafen und mit dem Grund, eine besonders gute Pulle zu trinken, im Luftschutzkeller einschlossen. Oft wurde bei dieser Gelegenheit der eine oder andere in den inneren Kreis geholt […]« Und weiter: »Unser Vater und auch meine Schwester wußten gottlob nichts von dem eigentlichen Zweck dieser Treffen.«5 Au26
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 26
30.01.17 17:22
Henning von Tresckow
Fritz-Dietlof Graf von Schulenburg
ßerdem bot die Nähe zur Reichshauptstadt Berlin die Möglichkeit für Treffen und Kontaktpflege mit den Widerständlern in den dortigen militärischen Stellen. Es entstand ein Netzwerk mit unterschiedlichen Relevanzen des Eingebundenseins in die Opposition zum herrschenden Regime. In Potsdam wuchs der Gedanke zum Widerstand frühzeitig. »Seit Ende der 30er Jahre, verstärkt seit Beginn der 40er Jahre fand sich ein enger Kreis bürgerlich-aristokratischer Hitlergegner in Potsdam zusammen. Sie konzentrierten sich in zwei militärischen Dienststellen und im zivilen Bereich im gesellschaftlichen Umfeld einiger Familien. Es muß dabei angemerkt werden, daß eine klare Trennung beider Bereiche – des zivilen wie des militärischen aufgrund personeller Identitäten kaum vorhanden war.«6 Dass das I. R. 9 eine besondere Rolle im militärischen Bereich und im Widerstand gegen Hitler spielte, zeigt ein Blick in das Jahr der sogenannten Machtergreifung Adolf Hitlers. »Von den 29 Stabsoffizieren und Hauptleuten, die Anfang 1933 im I. R. 9 dienten, erreichten 27 in der Wehrmacht die Rangklasse der Generale. 21 ›Neuner‹-Angehörige und Ehemalige sind als Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 aus dem Regiment hervorgegangen.«7 Doch es gab im I. R. 9 eine Abteilung, in der besonders der Unwille gegen Hitler keimte. Es war das Infanterie-Ersatzbataillon 9 (IEB 9). »Hier trafen sich vorübergehend zum Ersatztruppenteil 27
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 27
30.01.17 17:22
versetzte oder kommandierende Offiziere und Soldaten nach Verwundung oder Krankheit oder während des Urlaubs, bevor sie wieder an die Front abgestellt wurden.«8 Diese Männer hatten die Schrecken des Krieges in vorderster Stellung erlebt, waren möglicherweise Zeugen von Kriegsverbrechen geworden, und sie konnten die Realität mit der vorherrschenden Propaganda vergleichen. Zu Beginn des Jahres 1944 oblag Ferdinand Freiherr von Lünink die Führung des IEB 9. Vermutlich war er 1943 von Fritz-Dietlof Graf von Schulenburg für den Widerstand angeworben worden. Schulenburg gilt als »Organisator und zentrale Führungsfigur der Widerstandsbewegung des 20. Juli 1944«.9 Beide wurden in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Nachdem Lünick für die Aufgabe nicht mehr zuständig war, übernahm Major d. R. Dr. Herbert Meyer die Stelle. Nach Kriegsende starb er in einem sowjetischen Gefangenenlager. Sein Adjutant war Oberleutnant Helmut von Gottberg. Beide unterstützten die Widerstandsgruppe »u. a. durch Erteilung spezieller Urlaubsscheine, Freistellungen oder Marschbefehle, besonders für Schulenburg, um diesen für die Knüpfung und Aufrechterhaltung konspirativer Kontakte und notwendiger Besprechungen beweglich zu machen«10. Die Offiziere Leutnant Georg-Sigismund von Oppen, Hauptmann Dr. Hans Karl Fritzsche, Oberleutnant Ludwig Freiherr von Hammerstein und Leutnant Heinrich von Kleist nahmen am 20. Juli an dem Umsturzversuch im sogenannten Bendlerblock in der Berliner Bendlerstraße 11–13 teil, wo das Allgemeine Heeresamt seinen Sitz hatte. Während nachfolgender Gestapovernehmungen deckte Gottberg die Offiziere, sie wären auf seinen Befehl hin nach Berlin gefahren. Sowohl Gottberg als auch die vier Offiziere überlebten den Zweiten Weltkrieg. Ein weiterer Widerständler war Axel Freiherr von dem Bussche, der sich bereits »1943 bereit erklärt hatte, sich gemeinsam mit Hitler in die Luft zu sprengen […]«11. Das dafür vorgesehene Attentat scheiterte an einem Zufall. Von Schulenburg für den Widerstand gewonnen, wurde auch der zwei Mal kriegsverwundete Hauptmann Friedrich Karl Klausing, der ab 1938 in Potsdam diente. Er wurde der Adjutant von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler unter dem Decknamen Walküre im Hof des Bendlerblocks standrechtlich erschossen wurde. Klausing befand sich ebenfalls im Bendlerblock, konnte entkommen und stellte sich aber am Tag nach dem Attentat der Gestapo. Er wurde vor dem Volksgerichtshof in einem Schauprozess verurteilt und in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Viele ehemalige Offiziere des I. R. 9., die teilweise nur kurzzeitig in Potsdam stationiert waren bzw. während der Planung oder zum Zeitpunkt des Attentats vom 20. Juli 1944 nicht im Regiment Dienst taten oder sich 28
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 28
30.01.17 17:22
Zerstörtes Stadtschloss, nach 1945
in Potsdam aufhielten, schlossen sich dem Widerstand an. Darunter waren Henning von Tresckow, Carl-Hans Graf von Hardenberg, Hasso von Boehmer, Paul von Hase, Hans Otfried von Linstow, Alexis Freiherr von Roenne, Gerd von Tresckow, Hans-Alexander von Voss und Joachim Freiherr von Willisen. Mit den Widerstandskämpfern des I. R. 9 verbunden war auch der Agrarwissenschaftler Prof. Hermann Priebe. Von 1943 bis 1944 war er Direktor der damaligen »Preußischen Versuchs- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft« in Potsdam-Bornim. Priebe unterhielt zu mehreren Mitgliedern der Widerstandsbewegung freundschaftliche Beziehungen. In der Versuchs- und Forschungsanstalt hatten auch Treffen von Offizieren der I. R. 9 und anderer Widerstandsgruppen stattgefunden. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler wurde Priebe verhaftet und seines Amtes enthoben. Nach Verhören durch die Gestapo wurde er in das I. R. 9 eingezogen und an die Ostfront zur »Frontbewährung« abkommandiert. Jedoch vernichtete Richard von Weizsäcker, der spätere Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, einen Rückrufbefehl an Priebe, und bewahrte ihn damit davor, wieder in die Fänge der Gestapo zu geraten, was wohl seinen Tod bedeutet hätte. Priebe geriet in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1948 heimkehrte. Die Hoffnung, Potsdam könnte wegen seiner Schlösser und Kulturgüter von den Bombardements im Zweiten Weltkrieg verschont bleiben, erfüllte sich nicht. Am 14. April 1945 traf es Potsdam mit voller Wucht. Tau29
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 29
30.01.17 17:22
Schloss Cecilienhof, 2015
sende von Toten, zehntausende Obdachlose und eine zerstörte Innenstadt war die traurige Folge des etwa halbstündigen Bombenabwurfs. Das Stadtschloss lag in Ruinen, ebenso die Garnisonkirche. Am 27. April 1945 eroberte die sowjetische Armee Potsdam. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs trafen sich im Schloss Cecilienhof die Vertreter der siegreichen Alliierten zur »Potsdamer Konferenz«, um das weitere Schicksal Deutschlands zu bestimmen. Teilnehmer dieser etwa zweiwöchigen Konferenz waren Josef Stalin für die Sowjetunion, Harry S. Truman für die Vereinigten Staaten und Winston Churchill für das Vereinigte Königreich. Nach einer verlorenen Unterhauswahl kam an Stelle von Churchill der neue Premierminister Clement Attlee zu den Verhandlungen. Frankreich nahm an der Potsdamer Konferenz nicht teil, stimmte jedoch nachträglich den getroffenen Beschlüssen unter Vorbehalt zu. Unter anderem wurde die politische und geografische Neuordnung Deutschlands vereinbart. Dabei ging es zum Beispiel um die Aufteilung in Besatzungszonen bzw. die Ausgliederung von Landesteilen. Weiter ging es um die Entmilitarisierung Deutschlands, die von Deutschland zu entrichtenden Reparationen und den Umgang mit deutschen Kriegsverbrechern. Daraufhin wurden von sowjetischer Seite in Potsdam, das in der sowjetischen Besatzungszone lag, Rüstungsbetriebe und andere industri30
Prominente in Potsdam 2017-01-30.indd 30
30.01.17 17:22