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Niederfinow (Leseprobe)

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Ingrid Feix

Niederfinow Wo Schiffe Fahrstuhl fahren

edition q im

be.bra verlag

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Mehr Informationen im Internet Der besondere Dank der Autorin gilt allen, die ihre Fragen bereitwillig beantwortet und sie mit Material versorgt haben, insbesondere dem Hebewerksleiter Jörg Schumacher und dem Vorsitzenden der Fördergemeinschaft Schiffshebewerk Niederfinow e.V., Andreas Kage, sowie den Autoren diverser Publikationen, die Begeisterung für den Ort Niederfinow und das Schiffshebewerk vermitteln konnten. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © edition q im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2012 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Gesamtgestaltung: Uwe Friedrich, Berlin Schrift: Warnock Pro 9/13 pt Druck und Bindung: TPC ISBN 978-3-86124-663-3 www.bebraverlag.de

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Inhalt

Vorab

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Eine kleine Ortsgeschichte

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Vom Flüsschen Finow zur Oder-Havel-Wasserstraße

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Technik, die begeistert – das Schiffshebewerk

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Ein Blick in die Zukunft

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Sehenswertes Quellen- und Literaturverzeichnis Die Autorin Abbildungsnachweis

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Vorab

Es gibt auch Orte in der Mark Brandenburg, zu denen sich offenbar kein Fontane-Zitat finden lässt. Ein solcher Ort ist Niederfinow. Nun ja, wer von Niederfinow spricht, meint ohnehin meist das Schiffshebewerk und das wurde erst nach Fontanes Tod gebaut. Seit dieses Wunderwerk des Industriebaus 1934 seiner Bestimmung übergeben wurde, ist es auch ohne Fontane für viele Besucher ein Highlight in Brandenburgs Nordosten geworden. Gegenwärtig sind es bis zu 300 000 jährlich. Nach 1989, als man endlich aus dem Westen ohne Kontrolle und Einreisegeld Sehenswürdigkeiten im Osten Deutschlands besuchen konnte, sollen es noch weitaus mehr gewesen sein. All diese Besucher vergewissern sich, dass das stählerne Industriedenkmal noch immer – und das seit fast 80 Jahren – tadellos arbeitet. Und sie werden nicht enttäuscht. Das Schiffshebewerk Niederfinow ist das in Europa älteste noch in Betrieb befindliche Hebewerk für die Binnenschifffahrt und befindet sich an einer der ältesten künstlichen Wasserstraße zwischen Oder und Havel. Etwa 36 Höhenmeter sind hier für den Schiffsverkehr, vom Ruderkahn bis zum Frachtschiff, zu bewältigen. Mit diesem Fahrstuhl für Schiffe dauert das nur fünf Minuten. Dabei geraten angesichts dieses Stahlkolosses nicht nur Technikfreaks ins Schwärmen. 2007 erhielt das Schiffshebewerk Niederfinow als erstes Bauwerk den Titel »Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland«. Ein historisches Wahrzeichen und begehbares Industriedenkmal soll es auch bleiben, selbst wenn das unmittelbar daneben entstehende

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Der stählerne Koloss nach seiner Fertigstellung 1933

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Innenansicht des geleerten Trogs, 1933

Neue Schiffshebewerk Niederfinow 2014 den Betrieb aufnehmen wird. Damit auch moderne Containerschiffe die Wasserstraße zwischen Oder, Havel und Elbe befahren können, ist dieses neue Schiffshebewerk notwendig geworden. Obwohl eher eine Beton- als Stahlkonstruktion, ähnelt es dem alten Schiffshebewerk nicht nur äußerlich. Die Hebetechnik mittels Gegengewichten hat sich bewährt und so wird auch das Neue Schiffshebewerk ein Fahrstuhl für Schiffe sein. Dieses Niederfinow im Nordosten Brandenburgs bleibt also eine Reise wert. Am Rande des Eberswalder Urstromtals und des unteren Oderbruchs zwischen Hohenwutzen an der Oder im Osten und der Kreisstadt Eberswalde im Westen gelegen, geht es in und um Niederfinow durchaus hügelig zu. Die hiesigen Höhenzüge mögen Bayern und andere Hochgebirgler eher amüsieren, aber Ortsnamen wie Oderberg,

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Falkenberg oder Dannenberg weisen immerhin darauf hin, dass es sich durchaus um kein nur plattes Land handelt. Verantwortlich für die Erhebungen in der Mark Brandenburg ist die sogenannte Weichsel-Kaltzeit oder auch Weichseleiszeit, die mit dem Abschmelzen des Inlandeises vor etwa 10.000 bis 12.000 Jahren endete und auch die Gegend um Niederfinow landschaftlich prägte. So entstand die Hochfläche Barnim im mittleren und nordöstlichen Brandenburg. Ein Ergebnis dieser landschaftlichen Formung ist jenes weitverzweigte Netz von Flüssen, Wasserarmen und Gewässern, von denen zwar im Laufe der Jahrtausende und Jahrhunderte einige auf natürlichen und andere auf von Menschen gemachten Wegen verschwanden oder sich veränderten, aber immerhin haben sie sich in vielen Ortsnamen verewigt. So in Niederfinow.

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Das Schiffshebewerk aus der Vogelperspektive

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Eine kleine Ortsgeschichte

Dass Wasser lebensnotwendig ist, brauchte man einem Niederfinower nie beibringen. Die ganze Gegend verdankt schließlich dem Wasser ihre Existenz, und das gewissermaßen seit dem »Urschleim«. Wie Siegfried Schiefelbein in seiner sehr ausführlichen Ortschronik zu Niederfinow zusammengetragen hat, soll der Name Finow noch aus vorslawischer Zeit stammen und nach Übertragung aus dem Indogermanischen so viel wie »ein von Sümpfen umgebener oder sich windender Fluss« bedeuten. Auf jeden Fall war hier schon immer Wasser im Spiel. Um 1200 eroberten die Askanier dieses Fleckchen Erde, wobei den Ort selbst zuerst slawische Zuwanderer besiedelt haben sollen. Man lebte vor allem von Fischfang und Ackerbau. Die früheste amtliche Erwähnung von »Niederfinow« erfolgte 1267 auf einer Schenkungsurkunde der Markgrafen Johann II., Otto IV. und Konrad I., auf der die Überlassung einer größeren Menge Getreides »von der Mühle Niederfinow« für das Jahr 1258 bestätigt wird. Aufgrund dieser ersten Erwähnung feierte die Gemeinde Niederfinow 2008 ihr 750-jähriges Bestehen. Unter den Markgrafen aus dem Geschlecht der Askanier, die sich im 13. Jahrhundert die Mark Brandenburg teilten, entwickelten sich die Land- und Wasserwege zu festen Einnahmequellen, von denen auch die an diesen liegenden Orte profitierten. So mussten Fischereifahrzeuge und Lastkähne, die die Finow bei Niederfinow passieren wollten, Wasserzoll zahlen, und die Händler waren verpflichtet, die mitgeführ-

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Nebel über dem Finowkanal zwischen Nieder- und Hohenfinow, 2011

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Die Zugbrücke empfängt den Besucher des Ortes, 2011

ten Waren drei Tage lang im Ort zum Kauf anzubieten. Auch die auf dem Landweg reisenden Kaufleute durften erst nach Zahlung einer Zollsumme und einem dreitägigen Aufenthalt weiterreisen. Die günstige Lage an der Heerstraße zwischen Frankfurt an der Oder und Stettin an der Ostsee sowie am Handelsweg zwischen Berlin und Stettin, ebenso wie die Möglichkeit, hier Wasser- und Landweg miteinander zu kombinieren, waren gute Voraussetzungen für die Entwicklung der Siedlung Niederfinow. Als Zollstelle war der Ort privilegiert. Unter dem Markgrafen Waldemar allerdings wurde den Niederfinowern dieses Privileg auch wieder streitig gemacht, denn dieser verfügte 1317, dass die Handelsstraßen zwischen Frankfurt und Berlin sowie Frankfurt und Stettin nicht mehr über Niederfinow, sondern über Eberswalde verlaufen sollten. Gleiches galt für die Abwicklung und Umladung vom oder aufs Schiff. Zum Glück für Niederfinow sollen sich nicht alle Handelsreisenden daran gehalten haben. Aber natür-

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lich hat es auch weniger glückliche Siedlungszeiten gegeben. Vertreibungen, Brände, Verwüstungen – die Geschichte ist voll davon. Irgendwie gelangte Niederfinow, das inzwischen als Städtchen bezeichnet wurde, dann in den Besitz einer Familie von Greiffenberg, die das »stedeken genomet nedder Vynow« 1421 an das Kloster Chorin verkaufte, nebst dem Stück der Finow und der Brücke über diese. Um etwaige Besitzansprüche auszuschließen, so beurkundete der Schenkende, habe er bei den Nachbarn ihr Einverständnis eingeholt. So zivilisiert ging es nicht immer zu. Nachdem 1542 das Kloster aufgelöst wurde, ging Niederfinow formal zwar in den Besitz des Landesfürsten über, doch noch bis 1689 gehörte es weiterhin zum Amt Kloster Chorin. Für die Einwohner war das günstig, denn sie blieben bessergestellt, auch als die anderen Choriner. So wurden Niederfinower »Nachbarn« genannt und nicht Bauern, sie mussten keine Frondienste leisten, waren von vielen Abgaben befreit und genossen noch manch anderen Vorteil. Gegen einen geringen Obolus besaßen sie zum Beispiel das Recht, in den umliegenden Wäldern Holz einzuschlagen und ihr Vieh auf den Weiden grasen zu lassen. Lediglich für einen Tag im Jahr wurde jeder Einwohner zu Räum- und Wartungsarbeiten an der Finow herangezogen und an einem weiteren, um beim Brauen zu helfen. Was heute verwundert, aber es soll hier ein gutes Bier gebraut worden sein, das sogar als Zahlungsmittel taugte. Apropos Bier, die Choriner Mönche sollen auch den Weinanbau an den südlichen Hängen bei Niederfinow angeregt haben. Der Wein war natürlich nur für das heilige Abendmahl gedacht. Als Beleg dafür gilt, dass in alten Wappen und im Kirchensiegel eine hängende Weintraube zu sehen ist und ein alter Stempel die Inschrift »NEDER VINN AN DER WEIN RANGE ANNO 1683« trägt. Den Weinanbau soll später die Niederfinower Fischereigemeinde übernommen haben. Über den

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Stadtwappen aus dem Jahr 1688

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Geschmack des Gegorenen ist leider nichts bekannt. Für das jähe Ende des hiesigen Weins jedenfalls sollen nicht die Fischer, sondern die furchtbare und alle Anlagen vernichtende Kälte im Jahre 1740 verantwortlich gewesen sein. Danach war es vorbei mit der Karriere als Weinanbaugebiet, aber man hatte ja noch das Wasser der Finow. Doch noch einmal zurück zu den Privilegien der Niederfinower. Die moderate Abgabenordnung für die Ortsansässigen wurde 1577 festgeschrieben und erst 1704 verändert, also erhöht. Natürlich gab es immer wieder Bestrebungen, die Einwohner stärker in die Pflicht zu nehmen. So ist in der Chronik auch von Beschwerden die Rede. Zum Beispiel sollen sich 1621 die Fischer zu Niederfinow geweigert haben, »gewöhnliche Handarbeit im Schurf wie reinigen, heizen, abmähen des Heugrases und Beschaffung des Holzes« zu leisten. Was das Selbstbewusstsein der Niederfinower noch gestärkt haben dürfte, waren die Pläne des Kurfürsten Joachim Friedrich, die Finow zu kanalisieren und auszubauen, um eine für den Schiffsverkehr durchgängige Wasserstraße von der Havel in Berlin bis zur Oder und nach Stettin ans Meer zu schaffen. Die Arbeiten an diesem ersten Finowkanal dauerten von 1605 bis 1620. Im Dreißigjährigen Krieg, der bei Fertigstellung des Kanals schon tobte, wurden jedoch die eingebauten Schleusen gleich wieder zerstört. Die Finow, nun mit den aus Richtung Havel kommenden ungebremsten Wassermassen gespeist, wurde zu einem reißenden Strom und ließ durch das mitgeführte Treibgut besonders den unteren Flusslauf versanden. Der unschiffbar gewordene Kanal war aber nur eine Folge des Krieges. Die durchziehenden schwedischen und sächsischen Truppen verwüsteten das Land und auch Niederfinow wurde restlos zerstört, einschließlich der barocken Kirche. Nach dem Ende des Krieges 1648 wurde der Ort erst allmählich neu besiedelt und wieder aufgebaut. Wie Siegfried Schiefelbein in seiner Chronik vermerkt, müssen auch die neuen Niederfinower ziemlich

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Stadtansicht vom Finowkanal aus, 2011

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trinkfest gewesen sein, denn sie ließen sich bei jeder passenden Gelegenheit gleich tonnenweise mit Bier bezahlen. So verkaufte 1669 der Rat der Gemeinde ein Grundstück für 18 Taler und eine Tonne Bier. Was mit dem Gebräu geschah, weiß man nicht mehr, das Geld aber brauchte die Gemeinde für den Wiederaufbau der aus dem 13. Jahrhundert stammenden, zerstörten Kirche. Das neu errichtete Gotteshaus fiel allerdings 1729 – wie der ganze Ort – erneut in Schutt und Asche, diesmal aber bei einer Brandkatastrophe, und wurde 1732 noch einmal nach dem alten Vorbild aus Feldsteinen aufgebaut, zum Teil mit einem Fachwerkturm versehen und 1746 durch eine Uhr ergänzt. Wer sich Niederfinow von Hohenfinow aus nähert, dem fällt das auf einer Anhöhe über den Dächern des Ortes thronende Kirchengebäude sofort ins Auge. Man sieht es schon – wenn nicht gerade Nebel die Sicht behindert – am Ortseingangsschild, das vor der ehemaligen Zugbrücke steht. Die Flussüberquerung der Finow wurde Anfang des 16. Jahrhunderts als einfache Bohlenbrücke gebaut. Die Geschichte der Brücke, so wird auf einer gleich danebenstehenden, aktuellen Schautafel berichtet, sei im Wesentlichen eine »Geschichte des Kampfes um den Brückenzoll« zwischen den Nieder- und den Hohenfinowern gewesen. Der in Hohenfinow ansässige Ernst Gottlieb von Börstel hatte nämlich die kriegszerstörte Brücke wieder zugänglich gemacht, wofür er vom Kurfürsten 1674 das Privileg erhielt, ein »leidliches Brückengeld« zur Unterhaltung des Dammes und der Brücke von den Benutzern verlangen zu dürfen. Die Niederfinower meldeten allerdings ihrerseits aufgrund eines älteren Rechts Ansprüche auf die Hälfte des Dammes und der Brücke an und verlangten die Hälfte der Abgaben von Börstel, die dieser ihnen jedoch schuldig blieb. Der Streit führte zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den Brückenbenutzern und dem Brückenwart. Der Kampf um den Brückenzoll dauerte

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Die immer wieder neu erbaute Feldsteinkirche, 2011

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sogar noch an, als der Zoll eigentlich schon abgeschafft war, woran sich die Nieder- und Hohenfinower nicht halten wollten. Mit dem Streit waren die Behörden noch Jahrhunderte später beschäftigt. Die alte Zugbrücke war zu dieser Zeit längst durch eine neue ersetzt. 1878 beispielsweise musste sich – so in der Chronik – sogar ein Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten damit beschäftigen. 1945 wurde sie wie die anderen Brücken in der Umgebung beim Rückzug der deutschen Wehrmacht gesprengt. Die danach wieder instand gesetzte Zugbrücke war nun zwar kein Zankobjekt mehr, wurde aber mit dem zunehmenden Autoverkehr als Teilstück der Landstraße zu einem ständigen Ärgernis. Das verstärkte sich 1988, als die sanierungsbedürftige Brücke nur noch einspurig befahren werden konnte. Erst ab 1995 war wieder ein ungehinderter zweispuriger Verkehr über das sanierte technische Denkmal möglich. Ein Jahr später, beim 250. »Historischen Brückenfest«, war wieder mal ein Minister, nämlich der für Verkehr des

Die alte Zugbrücke auf einer Aufnahme von 1937

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Niederfinow von der Zugbr端cke aus, 2011

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Landes Brandenburg, mit der Brücke beschäftigt, wenngleich nur als Gast. Das sollte schon mal eine Bemerkung wert sein, denn so friedlich und kaum beachtet wie die Brücke den Besuchern heutzutage am Ortseingang von Niederfinow begegnet, mag man ihr eine derart bewegte Vergangenheit gar nicht zutrauen. Das, was vergangen ist, klingt oft komisch oder aber grausig, wobei es eben meist nur solche Ereignisse in die Überlieferung geschafft haben. Die schon erwähnte Brandkatastrophe von 1729 jedenfalls überraschte die Niederfinower mitten in einer Sommernacht im Schlaf. Das Feuer bahnte sich im Nu einen Weg von Haus zu Haus. Nicht nur, dass lediglich einige wenige, abseits des Ortes liegende Häuser erhalten blieben, es verbrannte auch die ganze Ernte. Ehe sich das Leben in Niederfinow anschließend wieder normalisiert hatte, vergingen nahezu zwei Jahre. Eine weitere Erkenntnis, mit der man an Flüssen leben muss: Wasser bringt nicht nur Segen und Reichtum. Neben dem regelmäßig überfluteten Oderbruch mussten die Anwohner immer wieder mit den feuchten Naturgewalten rechnen. Im Sommer 1736 soll die Oder derart über die Ufer getreten sein, dass die Finow nicht mehr ablaufen konnte und große Flächen unterhalb der Neustadt Eberswalde überflutet waren. Niederfinow stand da »14 Fuß hoch« unter Wasser. Als es dann endlich abfloss, heißt es in der Chronik, konnte man »in den Pfützen Unmengen an Fisch« fangen. Der allerdings stank faulig und machte Fischer wie Esser krank. Dass die Straßen Niederfinows unter Wasser standen, gab es in der Geschichte noch öfter. Auch beim Hochwasser im Jahr 1947, als der Oderdeich brach, erreichte der Wasserstand in Niederfinow 5,87 Meter über dem Normalpegel und man bewegte sich per Kahn von Haus zu Haus. Obwohl dann beim Oderhochwasser 1996 wieder Alarmstimmung herrschte, blieb der Ort seit-

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her von solch großen Katastrophen verschont. Doch die ständige Gefahr bleibt. Die Anlage des einstigen, 1620 fertiggestellten, ersten Finowkanals war nach fast 100 Jahren nahezu vergessen, als der Preußenkönig Friedrich II. eine Kommission einsetzte, die die Möglichkeit eines Schifffahrtskanals zwischen Havel und Oder prüfen sollte. Das Ergebnis war ein Votum für den Ausbau der ehemaligen Trassenführung des ersten Finowkanals. Friedrich II. kümmerte sich in dieser Zeit besonders intensiv um die Ostprovinzen seines Reiches. So wurde 1747 bis 1762 auf sein Geheiß hin das Oderbruch durch Dämme und Abzugsgräben trockengelegt und besiedelt. Mit dem erneuten Bau eines Finowkanals begann man 1743. Der Fluss wurde dabei weiter begradigt und einige Schleusen neu errichtet, wobei man zum Teil auf frühere Anlagen stieß. Die erste Probefahrt auf dem fertigen Kanal fand bereits drei Jahre später statt. Von der Havel

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Brückenhaus, 2011

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aus fuhr ein Schiff mit 100 Tonnen Salz an Bord zur Oder, gleichzeitig startete dort ein mit Hafer beladenes Schiff in entgegengesetzter Richtung. Die Begradigungen des Flusslaufs veränderten hin und wieder die Zugehörigkeiten mancher Anwesen. So findet man noch heute Gebäude, die einst eigentlich zu Niederfinow gehörten, auf der Hohenfinower Seite, denn der Fluss bzw. Kanal bildet die Grenze zwischen beiden Gemeinden. Nicht nur das. Ein unscheinbarer, neben der Zugbrücke stehender Grenzstein weist darauf hin, dass die zwei Orte einmal eine Kreisgrenze trennte: Niederfinow gehörte zu Angermünde und Hohenfinow zum Kreis Oberbarnim. Inzwischen sind beide im Landkreis Barnim vereint. An eben dieser Stelle, also am Weg zum Bahnhof Niederfinow, soll einmal das »Gasthaus zum Alten Fritz« gestanden haben. Die Baukosten für das ehemalige Familienhaus des im Dienste der Krone zum Krüppel gewordenen Unteroffiziers Peter Dobberstein soll Seine Königliche Majestät höchstpersönlich 1746 angewiesen haben. Das spätere Gasthaus entkam allerdings keinem der regelmäßigen Hochwasser und wurde schließlich baufällig in den 1910 er Jahren abgerissen. Riesige Bäume stehen heute auf dem ehemals gastlichen Areal direkt an der Finow. Die Höhenunterschiede und Untiefen im Fluss- bzw. Kanallauf bereiteten immer wieder Probleme bei der Schifffahrt und so wurden in bzw. um Niederfinow drei weitere Schleusen eingebaut, die Ragöser, die Stecher- und die Niederfinower Schleuse. Letztere trug auch den Namen »Hoppesche« Schleuse, benannt nach ihrem Baumeister Hoppe, ist aber im Gegensatz zu den beiden anderen heute nicht mehr vorhanden, denn sie wurde später nicht mehr gebraucht. Der Wasserstraßen-Durchgangsverkehr entwickelte sich allerdings weiter, auch wenn der Finowkanal bald nicht mehr die Hauptrolle spielte, nachdem mit kaiserlicher Order ein Großschifffahrtsweg Berlin–Stettin,

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eine Wasserstraße zwischen Oder und Havel, entstanden war. Dieser Kanal trennte nicht mehr Nieder- und Hohenfinow, sondern wurde einige Hundert Meter weiter, parallel zum heute noch existierenden Teil des Finowkanals angelegt. Für den Ort Niederfinow, nun gewissermaßen zwischen zwei Kanälen gelegen, verlief die Entwicklung allerdings zunächst weniger imposant. Mit der Zukunft als Weinstädtchen war es ja seit der großen Kälte von 1740 vorbei und mit den Kanalbauten ging der Fischreichtum zu Ende. Schon 1777 hatte sich deshalb die Fischereigemeinde des Ortes aufgelöst. Auch der Status eines »Städtchens« ging verloren, Niederfinow wurde gewissermaßen wieder ein Dorf, das vor allem vom Ackerbau, etwas Viehzucht und Fischerei lebte. Natürlich wurden immer wieder Arbeiter für Reparatur- und Baumaßnahmen an den Kanälen gebraucht: Die Schleusen mussten betrieben werden. Außerdem kamen auf einigen Kanalabschnitten Schiffe

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Grenzstein zwischen Nieder- und Hohenfinow, 2011 Die in den 1910 er Jahren abgerissene Gaststätte »Alter Fritz«

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Treideln auf der Finow

und Flöße schwer gegen die Strömung an und Segelschiffe konnten wegen der Brücken ihre Maste nicht aufstellen. Das war die große Zeit für ein eigenes – freilich recht schnell wieder aussterbendes – Gewerbe, das Treideln mit Muskelkraft, also die Schiffe vom Ufer aus gegen die Strömung flussaufwärts ziehen. Niederfinower, die zum Treidlerverein gehörten, zogen Schiffe mit Pferdegespannen auf der Strecke von Liepe nach Eberswalde. Auch andere Erwerbszweige entwickelten sich. Die Bevölkerungszahl stieg über die Jahre kontinuierlich an. Zählte Niederfinow 1730 noch 242 Einwohner, waren es 1858 bereits 1.023. Einige Sprünge in dieser Entwicklung sind aber der Ansiedlung von Kolonisten geschuldet, besonders in der zweiten Hälfte des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Dabei gab es klare Vorgaben für die preußische Provinz, einen sogenannten Etablissement-Plan, wonach eine bestimmte Anzahl von Familien je Gemeinde aufzunehmen war. Für diese sollte

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Wohnraum errichtet werden und sie sollten gegen eine »angemessene« Zahlung Acker- und Weideland sowie zu einem »billigen Preis« zwei Kühe erhalten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im Ort auch zwei Windmühlen betrieben. Während aber die eine 1895 abgerissen wurde, brannte die andere 1903 nach einem Blitzschlag nieder. Eine angeblich noch von Mönchen erbaute Wassermühle in Karlsberg, fünf Minuten Fußweg vom Bahnhof Niederfinow entfernt und nach der Kanalisierung Hohenfinow zugeschlagen, in der aber viele Niederfinower weiterhin ihr Mehl mahlen ließen, arbeitete mit Unterbrechungen sogar noch bis 1956. Die Wassermühle wurde später als Speicher genutzt und verfiel. Inzwischen haben eine Diplomökonomin und ein Diplomingenieur sich der Überreste angenommen und vieles rekonstruiert. 1907 war die Wassermühle auf Elektrobetrieb umgestellt worden. Die neue Technik hielt in dieser Zeit auch in und um Niederfinow Einzug.

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Die vierstufige Schleusentreppe auf dem Hohenzollernkanal in den 1930 er Jahren

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Um viele kleine Schleusen einzusparen und den neuen Kanal über die 38 Meter Wassergefälle für größere Frachtschiffe dennoch befahrbar zu machen, wurde in Höhe Niederfinow 1913 eine vierstufige Schleusentreppenanlage eingebaut. Diese war natürlich eine Attraktion, so wie der ganze 100 Kilometer lange Wasserweg, der am 17. Juni 1914 als Hohenzollernkanal von Kaiser Wilhelm II. mit einer Schiffsfahrt feierlich eingeweiht wurde. Sein letzter großer Friedensakt. Elf Tage später starb der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand bei einem Attentat in Sarajevo, worauf binnen weniger Wochen der Erste Weltkrieg ausbrach. Den Männern Niederfinows, die aus diesem Krieg nicht zurückkamen, baute man ein Denkmal. Der Kanal indes bewährte sich als Transportweg. Vor allem Baumaterial für die Hauptstadt hatten die Schiffe geladen. Aber sie fuhren an Niederfinow nicht nur vorbei. Aufgrund entdeckter großer Kiesvorkommen ergab sich auch für den Ort eine neue Einnahmequelle. Ab 1882 wurde hier der für die Bauwirtschaft wichtige Kies abgetragen

Eröffnungsfahrt Wilhelms II. auf dem Großschifffahrtsweg Berlin – Stettin, 17. Juni 1914

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und per Schiff in die Reichshauptstadt gebracht. Der Bedarf war riesig und die Anlagen, mit denen der Kies gewonnen und verladen wurde, wurden immer größer. Sie gehörten dann ab 1925 der Berliner Firma Butt & Co., die zum Beispiel Kies für die Reichsautobahn und wohl auch für den bald in Angriff genommenen Bau des Schiffshebewerks vor Ort lieferte. 1948 wurde die Firma enteignet und in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt, der ab 1959 als VEB Kieswerke Niederfinow nun am Aufbau des Sozialismus beteiligt war. Ein Teil der Produktion von Roh- und Waschkies landete dabei plan- und überplanmäßig in WestBerlin. Kies als Devisenbringer. Die Anforderungen an den neuen Wasserweg stiegen jedoch nach der Fertigstellung des Hohenzollernkanals immer weiter. Auf dem Weg

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Aufbau des Schiffshebewerkes, um 1930

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zum immer Besseren, immer Größeren und immer Schnelleren erwiesen sich die Schleusen als ziemliche Zeitbremse. Allein vier Stunden dauerte es, bis ein Schiff die Schleusentreppe bewältigt hatte. Allerlei Tüftler waren daher damit befasst, eine Anlage für Niederfinow zu entwickeln, die Schiffe senkrecht auf und ab transportieren sollte. 1927 war es dann so weit, die Erdarbeiten für das Schiffshebewerk Niederfinow begannen. Es ist schon erstaunlich, dass trotz der politisch unruhigen Zeiten hier offenbar nichts wichtiger war, als diese Großbaustelle. Ende 1933 war das Hebewerk eigentlich fertiggestellt. Aber die Nationalsozialisten, die den geringsten Anteil an seiner Errichtung hatten, ließen es erst am 21. März 1934 den Betrieb aufnehmen, der zugleich mit einem gewaltigen Festakt überschwänglich als eine »Großtat deutscher Technik« gefeiert wurde. Sie gingen wohl davon aus, dass im März besseres Wetter als im Dezember herrschen würde.

Eröffnung des Schiffshebewerkes, 21. März 1934

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Brosch端re des Neubauamtes Eberswalde mit aufgeklebter Kopfzeile, 1934

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Ausfahrt am Oberlauf des Kanals, 1930 er Jahre

Fortan bestimmte der Koloss aus Stahl im Wesentlichen das Leben in Niederfinow. Normale Zeiten waren das jedoch zunächst nicht. Selbst in Siegfried Schiefelbeins ausführlicher Chronik von 2008 ist wenig über diese Jahre vermerkt. Von Zwangsverpflichtungen und faschistischem Terror ist die Rede, von SA-Leuten, die Hetzjagden auf Kommunisten, Juden und Arbeitersportler im Dorf unternahmen. Als der Krieg an die Oder zurückkehrte, soll die Wehrmacht zur Sicherung des Hebewerks in dessen Umfeld 25 Fesselballons angebracht haben, um Flugzeuge fernzuhalten. Am Ende des zerstörerischen Krieges war den Helden des »Dritten Reiches« dann auch die »deutsche Großtat« nicht mehr so wichtig. Am 20. April 1945 erreichte die in der Nähe befindliche 5. Jägerdivision der dringliche »Führerbefehl!«, »unverzüglich« das Schiffshebewerk Niederfinow zu sprengen. Doch die Kommandeure zögerten die Sprengung hinaus und setzten sich schließlich schnell ab. Bereits im Februar 1945 hatte es einen amerikanischen

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