Tempelhof.indd 2
02.08.18 09:39
Christian Simon
tempelhof Zwischen Idylle und Metropole
Tempelhof.indd 3
02.08.18 09:39
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © berlin edition im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2018 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Marijke Topp, Berlin Umschlag: Ansichtssache, Berlin Satz: typegerecht, Berlin Schrift: Documenta 10/13 pt Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín ISBN 978-3-8148-0229-9 www.bebraverlag.de
Tempelhof.indd 4
07.08.18 15:14
inhalt vorwort vorgeschichte Der Naturraum Die Frühgeschichte Die Deutsche Ostsiedlung
von templern, kirchen und gottesmüttern Tempelhof Mariendorf Marienfelde Lichtenrade Von den Templern zu den Johannitern Der Komturhof Der Dreißigjährige Krieg
das 18. jahrhundert Der Kampf mit dem Wasser Die Separation
militär und mobilitäten Das Tempelhofer Feld Die Militär-Luftschiffer Die Eisenbahnregimenter Die Verkehrsverhältnisse
die dörfer im schatten berlins Tempelhof Mariendorf Die Landhauskolonie Südende Marienfelde Die Villenkolonie Neu-Marienfelde Lichtenrade Prominenz in Lichtenrade
Tempelhof.indd 5
7 9 9 12 14 16 17 18 20 21 23 25 28 30 30 32 34 34 37 40 44 48 48 56 62 65 71 78 82
02.08.18 09:39
küster, kirchen, kirchhöfe Schulen Kirchen Friedhöfe
die industrie Der Industriekomplex an der Ringbahn Die Filmateliers der Ufa Der Industriekomplex am Teltowkanal Der Industriekomplex an der Dresdener Bahn Gaswerk Mariendorf und Stromversorgung
zeitenwende Der Erste Weltkrieg Das Projekt Groß-Berlin Reformen im Wohnungsbau Das weitere Baugeschehen
tempelhof in der ns-zeit Die Verkehrsbauten Das übrige Baugeschehen Die Verfolgung der Juden Die Deutschen Christen Die Fremd- und Zwangsarbeiter Die Ermordung politischer Gegner Der Zweite Weltkrieg
tempelhof seit 1945
91 91 96 99 102 104 107 110 115 119 123 123 124 126 137 138 140 144 145 147 147 151 151
Der Flughafen Tempelhof Der Wiederaufbau Der Schulbau Der Kirchenbau Der Mauerbau
156 157 160 164 165 166
zum schluss
168
anhang
169
der autor
176
Tempelhof.indd 6
02.08.18 09:39
vorwort
Bei »Tempelhof« denken die meisten sicher zuerst an den legendären Flughafen, der sich zeitweilig sogar Zentralflughafen nannte. Auf dem Gelände erprobte das kaiserliche Militär seine »Luftschiffe« und bald prägten auch Ballons, Zeppeline und waghalsige Piloten in knatternden Flugkisten das Bild. Obwohl der Flughafen nur 85 Jahre in Betrieb war (1923 bis 2008), wurde er während der Berlin-Blockade durch die Luftbrücke zu einem Teil deutscher Nachkriegsgeschichte. Für die WestBerliner war der in der NS-Zeit gebaute monströse Flughafen ein Vierteljahrhundert die einzige Möglichkeit, die eingeschnürte Halbstadt ohne schikanierende Kontrollen zu verlassen. Heute strömen wieder Tausende Berliner zum Tempelhofer Feld und genießen die Weite des Geländes. An den Rändern des Flugfeldes entstanden seit dem 19. Jahrhundert Kasernenkomplexe und Industriegebiete. Der 1920 gebildete Stadtbezirk Tempelhof mit den vier Ortsteilen Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade wurde 2001 mit Schöneberg/Friedenau fusioniert. Den nunmehrigen Teilbezirk prägen große Kontraste. Städtebauliche Planungen sowie architektonische Ideen und Konzepte änderten sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder. Gutbürgerliche Wohnquartiere und weitläufige Einfamilienhausgebiete wechseln unvermittelt mit Hochhaussiedlungen mit bis zu 28 Stockwerken und unweit des verträumten Dorfangers in Marienfelde liegt ein ausgedehntes Industriegelände. Daimler, Gilette, Electrolux, Orenstein & Koppel, Sarotti oder Schindler sind nur einige Tempelhofer Firmen von Weltrang. Nur Lichtenrade kam nahezu ohne Industrieansiedlungen aus. Von hier aus gelangt man seit dem Fall der Mauer schnell ins grüne brandenburgische Umland, z. B. über die Bundesstraße 96. Sie entspricht etwa der Trasse der Chaussee Berlin–Dresden, die 1838 neu anlegt wurde. 1871 kam im Norden Tempelhofs der erste Abschnitt der Ringbahn hinzu und vier Jahre später wurde die nach Süden führende Dresdener Bahn eröffnet. So waren die Dörfer über Straßen und Schienen gut vernetzt. 1906 kamen noch der Teltowkanal und 1981 die Stadtautobahn bis zur Gradestraße hinzu.
Vorwort
Tempelhof.indd 7
7
02.08.18 09:39
Die Ortsteile Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade.
Wie sich Tempelhof und seine Ortsteile im Laufe der Zeit veränderten und welche historischen Epochen und Persönlichkeiten den Ortsteil prägten, will dieses Buch nachzeichnen und mit Fotos und Karten illustrieren. Eine solche Entwicklung hätten sich die Templer sicher nicht träumen lassen, als sie vor rund 800 Jahren Tempelhof, Mariendorf und Marienfelde gründeten! Für anregende Hinweise danke ich besonders dem gebürtigen Tempelhofer Karl-Heinz Barthelmeus und dem Wahl-Lichtenrader Dietrich Seidlitz. Um dem Leser die Orientierung zu erleichtern, habe ich alte Straßennamen und frühere Hausnummern in heute gebräuchliche Adressenangaben übersetzt. Christian Simon
8
Tempelhof.indd 8
02.08.18 09:39
vorgeschichte
Der Naturraum Als die letzte Eiszeit nach einer Dauer von rund 100.000 Jahren endete, begann das Gletschereis nach und nach abzuschmelzen. So bildete sich vor etwa 12.000 bis 14.000 Jahren allmählich die heutige flachwellige Aufschüttungslandschaft heraus. Der Fachmann spricht von einer Grundmoräne, die später den Namen Teltow erhielt. Der Untergrund besteht meist aus Geschiebelehm und Geschiebemergel (Ton, Sand, Kies, Steine). Diese Zusammensetzung sorgt zum einen für eine erhöhte Wasserhaltekraft und Nährstoffverfügbarkeit und schafft so gute Voraussetzungen für die Landwirtschaft. Zum anderen boten sich Findlinge als Werkstoff an, die oft beim Bau der Dorfkirchen Verwendung fanden. Größere, heute teilweise unter Schutz gestellte Findlinge, findet man hauptsächlich in Lichtenrade (Lessing- und Ekensunder Platz, Maffeistraße 36/38). Durch ihr Eigengewicht waren sie oft in den Untergrund eingesunken und wurden erst bei Erdarbeiten entdeckt: Ein Stein aus Gneis, der bei Gasrohrverlegungsarbeiten am Marienfelder Damm im Wege lag, wurde in den Bosepark geschafft. Bei der Verlegung von Abwasserrohren stieß man vor dem Grundstück Dossestraße 7 in Lichtenrade ebenfalls auf einen Gneis-Findling, der nun die Grünanlage an der Dorfaue Alt-Lichtenrade schmückt. Der Teltow grenzt im Norden an das Berliner Urstromtal, in dem das Schmelzwasser in nordwestliche Richtung abfloss. Deutlich wird der Höhenunterschied am Mehringdamm. Er fällt zwischen Dudenund Gneisenaustraße genau 20 Meter zum Urstromtal hin ab. Die Höhendifferenz zwischen der Großbeerenstraße und dem Kreuzberg beträgt sogar 30 Meter. Der Hügel hieß früher auch Sandberg, Runder Weinberg oder Tempelhofer Berg. Der letzte Name machte auch Sinn, reichte doch die Tempelhofer Feldmark im 13. Jahrhundert bis kurz vor die Cöllner Stadtmauern und bis an die Spree bei Stralau. Auf der Teltower Hochfläche sind vereinzelt Pfuhle eingelagert. Sie entstanden entweder durch strudelndes Schmelzwasser oder durch
Vorgeschichte
Tempelhof.indd 9
9
02.08.18 09:39
Findling auf der Lichtenrader Dorfaue.
Abtauen eines großen Eisblockes, der in den Untergrund eingesackt war und eine Vertiefung hinterließ (Toteisloch). Man kann davon ausgehen, dass diese Pfuhle von Menschen als Viehtränke oder für die Schafswäsche künstlich offen gehalten wurden. Wo dies nicht der Fall war, sind sie meist verlandet. Andere Pfuhle, Teiche und Tümpel wurden zugeschüttet, so z. B. 1888 rund um die Marienhöhe mit Sand von deren Hang. Auch der Pfuhl auf dem Tempelhofer Feld, etwa 800 Meter westlich der Okerstraße, wurde später zugeschüttet. Er läge heute zwischen den beiden Start- und Landebahnen auf dem ehemaligen Flughafengelände. Seine Abschlämmmassen sind noch auf der amtlichen geologischen Karte von 1990 vermerkt. Der Teich hieß Schlangen- oder Franzosenpfuhl und war wegen seiner steilen Ufer sehr gefährlich. So berichtet es auch das »Teltower Kreisblatt« vom 30. Juni 1891 auf Seite 2: »Tempelhof, 28. Juni. Der ›Franzosenpfuhl‹ im Exerzierfelde, in dem schon viele leichtsinnige junge Menschen beim Baden ihren Tod gefunden und auch schon lebensmüde denselben gesucht haben, hat am Donnerstag wieder ein blühendes Menschenleben zum Opfer gefordert.
10
Der Naturraum
Tempelhof.indd 10
02.08.18 09:39
Mehrere junge Burschen, unter ihnen der Lehrling des Schneidermeisters Retemeier aus Rixdorf, hatten sich, trotz polizeilichen Verbots, um zu baden, in den Pfuhl gewagt. Kaum war der bezeichnete Lehrling im Wasser, als er auch sofort unterging. Ungeachtet seine Gefährten das Untergehen bemerkten, waren dieselben jedoch außer Stande, bei der Tiefe und Gefährlichkeit des tückischen Wassers ihm noch rechtzeitig Hilfe zu bringen, oder seine Leiche aufzufinden, obgleich mit Stangen und Netzen nach derselben gesucht worden ist. Dieselbe liegt noch bis jetzt in dem tückischen Wasser.« Andere Pfuhle scheinen die Reste von einst langgestreckten, mäan drierenden Gräben zu sein, die durch Verlandung und menschliche Eingriffe in einzelne Gewässer zerfielen. Wahrscheinlich handelt es sich um ehemalige Abflussrinnen für Schmelzwässer mit variabler Tiefe. Der Untergrund besteht meist aus Abschlämm- und Abrutschmassen auf Geschiebemergel, teilweise durchsetzt mit Sand oder Flachmoortorf. Wegen des ungünstigen Baugrundes findet man hier oft Grünflächen wie Parkanlagen, Schrebergärten, Friedhöfe oder Sportplätze. Eine Senke erstreckt sich südlich des Dorfes Tempelhof. Sie reicht etwa von der Felixstraße über den Franckepark, die Laubenkolonie Feldblume, den Alten Park, bis zum Lehne- und Bosepark, zieht sich rund um die Friedrich-Ebert-Sportanlage, läuft in zwei Armen nach Schöneberg hinüber zum Alboinplatz (Blanke Hölle), weiter über den Friedhof an der Eythstraße (Krummer Pfuhl) und endet am Weiher an der Siedlung Lindenhof. Etwas weiter südlich liegt eine zweite Senke. Sie zieht sich vom Hafen Tempelhof nach Westen zunächst direkt am Südufer des Teltowkanals entlang. Folglich sind dies die Standorte für Sportanlagen und Kleingärten. Die verschwundenen Pfuhle Runder Gersdorf, Langer Gersdorf und der vermoorte Riesen-Pfuhl lagen beiderseits der Gersdorfstraße. Auf Südender Seite, bis 1920 zu Mariendorf gehörig, ist nur der Kelchpfuhl ausgetrocknet. Ansonsten ist die Rinne noch heute durch den namenlosen Pfuhl am S-Bahnhof Attilastraße gekennzeichnet, durch den Hambutten- und Karutschenpuhl an der Grabertstraße und einen Teich am Jochen-Klepper-Park. Auf Steglitzer Seite zieht sich die Rinne nördlich vom Immenweg weiter (Kleingärten). Eine dritte Senke zog sich von Britz her in weitläufigen Schleifen Richtung Lankwitz. Markiert wird sie durch den Türken- und Rothe-
Vorgeschichte
Tempelhof.indd 11
11
02.08.18 09:39
pfuhl, den großen und kleinen Karpfenpfuhl sowie den Grüntenteich und Gänsepfuhl beiderseits der Britzer Straße. Von hier aus zog sich die Rinne unmittelbar nördlich des Dorfes Mariendorf entlang. Einige kleine Gewässer wie z. B. der Eckernpfuhl sind heute Bestandteil des Volksparks Mariendorf. Über das ehemalige Gaswerkgelände hat die Senke eine Verbindung zur Lanke. Gerade das Gefälle auf dem alten Gelände der Gasag von teilweise bis zu zehn Metern macht die Vertiefung augenfällig. Kleine Pfuhle und Teiche, langgezogene, sumpfige Gräben, einige beachtliche Erhebungen (Marienhöhe, Schätzelberg) und vermutlich viel Wald, so präsentierte sich die Tempelhofer Landschaft vor rund 10.000 Jahren, bevor die Steinzeit begann.
Die Frühgeschichte Das Gebiet des späteren Bezirks Tempelhof scheint in vorgeschichtlicher Zeit nur wenig besiedelt gewesen zu sein, wenn man sich die Ausbeute archäologischer Funde vergegenwärtigt. Leider sind für etliche Ausgrabungen weder Fundorte noch Datierungen überliefert, viele Stücke sind verschollen. Meist handelt es sich um Feuersteinabschläge, Werkzeuge, Ton- und Gefäßscherben. 1880 entdeckte man in der Ringbahnstraße 93 ein Steinbeil, Bruchstücke eines Steinbeils am Franzosenpfuhl und 1947 in der Monopolstraße 1–4 ein sogenanntes Walzenbeil. In der Pasinger Straße 17 fand man 1953 Kupferschmuck aus der Zeit um 1000 v. Chr. Am Mariendorfer Damm 102–104 kamen 1877 eiserne Waffen wie Schwerter, Lanzenspitzen und Messer zu Tage. Sie sollen aus dem 2. Jahrhundert der römischen Kaiserzeit stammen. Während der germanischen Bronzezeit verbrannte man die Verstorbenen und setzte die Asche in Urnen bei. Die meisten Urnen sehen aus wie zwei große übereinander gestülpte Suppenteller. Ab 1861 entdeckte man beim Abbau von Sand auf der Marienhöhe ein reichhaltiges Urnenfeld, das jedoch größtenteils in Trümmern lag. Weitere Urnen mit Leichenbrand kamen z. B. 1956 in der Kurfürstenstraße 2–3 und 1926 bei Arbeiten an der Ullsteinstraße 89/91 ans Licht, dem ehemaligen Nordosthang des Schätzelberges. Kurioserweise setzte man in neuerer Zeit an den genannten Orten die Tradition als Begräbnisstätten fort: Der evangelische Friedhof der Gemeinde »Zum Heiligen Kreuz« wurde
12
Die Frühgeschichte
Tempelhof.indd 12
02.08.18 09:39
Portal des Friedhofs »Zum Heiligen Kreuz«.
1890 auf dem Gelände des ehemaligen, abgetragenen Schätzelberges in der Eisenacher Straße 62 angelegt. Auf dem katholischen Friedhof St. Matthias nordwestlich der Marienhöhe an der Röblingstraße 91 fand die erste Beisetzung am 4. Oktober 1892 statt. Die Germanen siedelten etwa seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. im Berliner Raum. Reste germanischer Siedlungsplätze hat man bisher auf Tempelhofer Gebiet kaum nachgewiesen. Aber die Grabfunde legen zeitweilige Siedlungen nahe, so z. B. an der Marienhöhe, am Rothepfuhl oder am Lichtenrader Dorfteich. Im Rahmen der Völkerwanderung zogen die germanischen Stämme im 4. bis 5. Jahrhundert n. Chr. Richtung Rhein und Donau. In das fast menschenleere Gebiet zwischen Elbe und Oder rückten im 7. Jahrhundert die Slawen von Osten nach. Rein slawische Siedlungen oder Gräberfelder hat man nicht gefunden, aber spätslawische Scherben legen deren Existenz nahe. Das Tempelhofer Gebiet war ein grenzartiges Niemandsland zwischen den slawischen Stammesgebieten der Heveller (von Havel) und der Sprewanen (von Spree). Den Grenzbereich bildete etwa die HavelNuthe-Linie.
Vorgeschichte
Tempelhof.indd 13
13
02.08.18 09:39
Die Deutsche Ostsiedlung Schon im 10. und 11. Jahrhundert gab es unter den Ottonen und den Saliern Feldzüge außerhalb der Reichsgrenzen in die slawischen Gebiete jenseits der Elbe und Saale. Im Jahre 1157 eroberte der Askanier Albrecht der Bär die Mark Brandenburg und wurde deren erster Markgraf († 1170). Umgehend wurde das Gebiet mit Einwanderungen von Westen her besiedelt, die zur Neugründung von Städten, Dörfern und Klöstern führten. Der deutsche Drang nach Osten entsprang aber nicht nur machthungrigen Expansionsbestrebungen. Etwa zwischen den Jahren 900 und 1400 führte eine Klimaveränderung in Mitteleuropa zu durchschnittlich höheren Temperaturen. Im Zusammenhang mit einigen Neuerungen (z. B. Mühlenbau, Verbesserung des Pfluges, Einführung der Dreifelderwirtschaft, Anbau neuer Getreidearten wie Hafer und Roggen) begünstigten diese Faktoren einen Anstieg der Bevölkerungszahlen. Doch selbst die Gründung neuer Städte oder die Erweiterung bestehender Siedlungen im alten Reichsgebiet konnten kaum so viele Menschen aufnehmen. Hinzu kam das regional unterschiedlich geregelte Erbrecht: Entweder erbte ein Nachkomme den gesamten Besitz, während die Geschwister kaum etwas erhielten und oft als Tagelöhner arbeiten mussten. Das sollte z. B. landwirtschaftliche oder handwerkliche Betriebe vor der Zerschlagung schützen (Anerbenrecht). In anderen Regionen erbten alle Söhne immer wieder zu gleichen Teilen, bis die kleinen Ackerflächen niemanden mehr ernähren konnten (Realteilung). In beiden Fällen schien sich ein Neuanfang in den neuen Siedlungsgebieten zu lohnen. Etliche niederländische Auswanderer wollten sich auch den immer wiederkehrenden Flutkatastrophen entziehen. Auf vielen Bauern lastete auch ein hoher Abgabendruck. Bei einer Abwanderung in den Osten winkte den Neusiedlern dagegen eine Reihe von Vergünstigungen: Sie wurden für die ersten Jahre von den Abgaben befreit (Freijahre), Fron- und Militärdienste fielen ebenfalls weg, die Ackerflächen waren größer und warfen nach der Urbarmachung höhere Erträge ab, als die ausgelaugten Äcker in der alten Heimat. Auch der nicht erbberechtigte Nachwuchs des Adels erhoffte sich im Osten Chancen auf neuen Landbesitz. Solange der aber nicht ur-
14
Die Deutsche Ostsiedlung
Tempelhof.indd 14
02.08.18 09:39
bar gemacht worden war, erbrachte er auch kein Einkommen. Dafür musste man Siedler anwerben. Diese Aufgabe wurde in der Regel sogenannten Lokatoren übertragen, die auch die Verteilung des Landes und das Errichten der Siedlung organisieren mussten. Ortsnamen wie z. B. Schöneberg oder Rosenthal hatten wohl werbenden Charakter. Die meisten deutschsprachigen Siedler kamen aus Flandern, Holland, dem Rheinland, aus Westfalen, Schwaben und Franken. Sie fanden zwar keine völlig menschenleeren Gebiete vor, aber da die slawischen Siedlungen in der Regel in Wassernähe lagen, war das Land zwischen Elbe und Oder dünn und unregelmäßig stark besiedelt. Während es bis etwa 1100 zu gewaltsamen Eroberungen und Zwangsmissionierungen kam, prägten später Konkurrenz und Kooperation das Verhältnis von Neusiedlern und slawischer Bevölkerung. Dass die Einheimischen gewaltsam vertrieben wurden, blieb eher die Ausnahme. Damit verschwand auch allmählich die Kultur und Sprache der Altsiedler, wenn man von einigen isolierten Enklaven absieht (z. B. Lausitzer Sorben). In etlichen Fällen übertrug man sogar slawische Flurnamen mit Endungen auf -ow, -vitz, -witz oder -in auf die Ortsnamen deutscher Siedlungen. Hier entstanden häufig statt der slawischen hölzernen Blockhäuser die von den Siedlern mitgebrachte holzsparende, stabile Fachwerkbauweise. Die Dorfgründungen – meist als Anger- oder Straßendörfer mit Hufengewannfluren – wurden herrschaftlich geplant und gesteuert. Damit einher ging wohl die Umwandlung oder Auflösung slawischer Kleinsiedlungen und die Integration der einheimischen Bevölkerung in die neuen Dörfer, oft als Kossäten. Dieser Prozess dauerte sicher mehrere Generationen an. Der Expansionsprozess der deutschen Ostsiedlung kam im 14. Jahrhundert allmählich zum Stillstand. Ursachen hierfür dürften die Abkühlung des Klimas (»Kleine Eiszeit«), Missernten und Pestepidemien gewesen sein.
Vorgeschichte
Tempelhof.indd 15
15
02.08.18 09:39
von templern, kirchen und gottesmüttern
Historiker neigen zu der Annahme, dass die Dörfer Tempelhof, Mariendorf und Marienfelde Gründungen der Tempelritter waren. Lichtenrade gehört nicht dazu, dafür aber ein Vorwerk in Treptow (ab 1251 im Eigentum der Stadt Cölln) und der Hof Richardsdorf. Es handelt sich um das spätere Rixdorf, das 1360 als Dorf aus der Tempelhofer Gemarkung ausgegliedert wurde. Da Urkunden zu Gründung und Erstbesitz der Dörfer nicht überliefert sind, müssen sich die Historiker mit Schlussfolgerungen aus belegten Sachverhalten und anderen Dokumenten behelfen. Die früheste Urkunde datiert aus dem Jahre 1247, in der ein »magister Hermannus de Templo« als Zeuge einer Beurkundung genannt wird.1 Das Schriftstück beweist aber nur, dass es eine Person dieses Namens gegeben hat, der offensichtlich Mitglied der Templer war, die Existenz unseres Tempelhofes beweist es nicht. Die Templer bildeten einen geistlichen Ritterorden, der um 1118/19 von zwei adligen Kreuzfahrern gegründet worden war. Er hatte die Aufgabe, die Straßen des Heiligen Landes für die christlichen Pilger zu sichern. Der vollständige Name des Ordens lautete »Pauperes commilitones Christi templique Salomonici Hierosalemitanis« (Arme Ritter Christi und des Tempels von Salomon zu Jerusalem). Die Namensgebung bezieht sich auf den damaligen Sitz des Ordens, der heutigen AlAqsa-Moschee, wo früher der Tempel Salomons gestanden hatte. Später nannte man die Mitglieder des Templerordens kurz Templer, Tempelritter oder Tempelherren. Sie waren dem Papst direkt unterstellt. Man kann heute davon ausgehen, dass die Markgrafen von Brandenburg den Templern die unbesiedelten und vermutlich bewaldeten 200 Hufen großen Ländereien als Eigentum schenkten. Es war also kein markgräfliches Lehen, was wieder entzogen werden konnte. Der Orden sollte wohl einen Puffer oder Sperrriegel zwischen den konkurrierenden Markgrafen von Brandenburg (Askanier) und den Markgrafen von Meißen (Wettiner) auf dem Teltow bilden.
16
Von Templern, Kirchen und Gottesmüttern
Tempelhof.indd 16
02.08.18 09:39
Die Gründung von Dörfern, Rodung des Waldes und der Getreideanbau sicherten dem Landesherrn Einkünfte durch Abgaben. Letztlich versprach die Schenkung an einen geistlichen Orden das Seelenheil im Jenseits, zumal die Templer die Christianisierung der bisher slawischen Gebiete förderten. Eine Wehranlage mit Kampftruppen gegen die Slawen war Tempelhof nicht, da die Slawen zum vermuteten Zeitpunkt der Gründung um 1200 keine Bedrohung mehr darstellten. Die Behauptung der brandenburgischen Markgrafen jener Jahre, man könne den Kirchenzehnten nicht abführen, weil man das Geld zum Kampf gegen die Slawen brauche, galt jedenfalls nicht mehr für den Teltow. Der Orden gründete drei neue Dörfer: Nahe ihres Ordenshauses Tempelhove, südlich davon – in Verehrung gegenüber der Gottesmutter die so benannten Dörfer – Margendorpe (Mariendorf) und Merghenvelde (Marienfelde). Auffällig ist, dass alle drei Dorfauen etwa in OstWest-Richtung liegen, also nicht entlang der Straßen Richtung Berlin, sondern zu den Nachbarorten. Dies ist zwar auch z. B. bei Buckow und Lankwitz der Fall, aber in Lichterfelde, Steglitz und Schöneberg sind die Dorfanger auf Berlin ausgerichtet. Dabei reihen sich die Bauernhöfe beiderseits der Straße bzw. Dorfaue. Dass alle drei Dörfer gleichzeitig errichtet wurden, ist von den logistischen Herausforderungen her eher unwahrscheinlich. Tempelhof dürfte da Vorreiter gewesen sein.
Tempelhof Am 8. September 1290 wird in einer Schenkungsurkunde eine Ziegelscheune erwähnt, die zwischen Tempelhof und Berlin lag (»dye Tygelschüne dy lyt twuschen Tempelhoffe und Berlin«)2 . Tatsächlich fand man nach 1830 Reste eines solchen Bauwerks nördlich des Kreuzberges. Diese erste schriftliche Erwähnung von Tempelhof erfolgt damit relativ spät, wenn man es mit Ersterwähnungen anderer Dörfer vergleicht: Lankwitz (1239), Buch und Zehlendorf (1242) oder Lübars (1247). Die Templer wählten zur Anlage ihres burgartigen Komturhofes (Ordenshaus) einen erhöhten Platz zwischen Teichen, von denen heute nur noch der Klarensee im Alten Park und der Wilhelmsteich im Lehnepark erhalten sind. Vor dem Bau des Teltowkanals hatten sie einen höheren Wasserspiegel. Ein weiterer Teich wurde um 1900 zugeschüttet und dort der heutige Reinhardtplatz als Marktfläche angelegt.
Von Templern, Kirchen und Gottesmüttern
Tempelhof.indd 17
17
02.08.18 09:39
Die Anlage mit Ordenshaus war also von allen Seiten von Wasser umgeben und diente so der Verteidigung, der Wasserversorgung und dem Fischfang. Der Zugang befand sich etwa am heutigen Eingang zum Dorffriedhof, der samt Kirche zum Komturhof gehörte. Eine erste (hölzerne?) Kirche aus der Zeit um 1200 wurde vermutlich während des Teltower Krieges3 zwischen 1239 und 1245 durch einen Brand zerstört. Um 1250 erfolgte ein vollständiger Neubau, der mit 235 Quadratmetern Innenfläche die größte aller Berliner Dorfkirchen ist. Schließlich war das Gotteshaus nicht nur für die Dorfbewohner errichtet worden, denn sie war zugleich auch Ordenskirche. Das hat dazu geführt, dass Tempelhofs Feldsteinkirche nicht – wie sonst üblich – im Dorf stand. Ein vergleichbarer Fall ist der Standort der Dorfkirche von Liebenberg (Löwenberger Land) auf dem Gutshof seitlich vom Dorf. Nach Bombentreffern im Zweiten Weltkrieg blieben von der Tempelhofer Kirche nur die Umfassungsmauern stehen. Die erheblichen Zerstörungen ermöglichten aber immerhin bauhistorische und archäologische Untersuchungen. Der Wiederaufbau erfolgte zwischen 1954 und 1956. Das Dorf selbst lag nur wenig weiter nördlich. Da die unbebaute Dorfaue nur eine schmale Linse ausbildet, ist Tempelhof als Straßenangerdorf einzuordnen.
Mariendorf Südlich von Tempelhof liegt Mariendorf. Der Ort wurde erstmals 1337 mit der Überlassung von Bede (Steuern) und Wagendienst als Lehen erwähnt. Der Flurname »Gersdorf« südöstlich der Marienhöhe könnte auf ein wüst gefallenes Dorf des 13. Jahrhunderts hinweisen, vielleicht eine später wieder aufgegebene Vorgängersiedlung. Im 19. Jahrhundert gefundene Gegenstände aus Stein, Ton und Holz stützen diese Vermutung. Die dort liegenden Pfuhle »Runder Gersdorf« und »Langer Gersdorf« verschwanden mit dem Bau des Teltowkanals. Die hier querende Straße (Techowbrücke) von Schöneberg nach Mariendorf heißt seit 1935 Gersdorfstraße. Die erstmals 1624 erwähnte Schmiede stand auf der Dorfaue am Dorfteich. Wahrscheinlich hatten alle Dörfer zunächst eine provisorische Kapelle aus Holz, bevor man alle Findlinge gesammelt hatte und der aufwän-
18
Mariendorf
Tempelhof.indd 18
02.08.18 09:39
Dorfkirche Mariendorf, 1984.
dige Bau der Feldsteinkirche fertig war. Im Laufe der Jahrhunderte gab es An- und Umbauten, am Dach, am Turm oder den Türen und Fenstern. So brach man z. B. nach der Reformation größere Fenster ein, um mehr Licht für das Lesen der neu eingeführten Gesangsbücher zu haben. Da der Dorfanger in Mariendorf zu schmal ist, entstand die Kirche seitlich am heutigen Mariendorfer Damm zwischen Alt-Mariendorf und Friedenstraße. Sie dürfte auch in der Zeit um 1230/40 ebenfalls auf einem Begräbnisplatz entstanden sein. Das belegen Funde menschlicher Knochen unter dem Innenraum, die bei der Sanierung der Fundamente in den 1950er Jahren entdeckt wurden. Wie in Marienfelde hatte die Kirche einen schiffsbreiten Turm. 1737 entstand auf dem Feldsteinsockel ein hölzerner Turm mit kupferverkleidetem, spitzem Helm. Im Glockenstuhl hängt eine Glocke von 1480, die wegen ihres historischen Wertes in Kriegszeiten nicht eingeschmolzen wurde. Ursprünglich besaß die Kirche seit 1626 einen kostbaren geschnitzten Altar. Er überstand alle Kriege und Stürme der Jahrhunderte. Um ihn vor der möglichen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg zu schützen, wurde er zerlegt, in Kisten verpackt und abtransportiert. Doch seither sind Altar und Kisten verschollen.
Von Templern, Kirchen und Gottesmüttern
Tempelhof.indd 19
19
02.08.18 09:39
Die Kirche selbst blieb bis auf ein paar zerborstene Fenster und fehlende Dachziegel unversehrt. Dennoch war zwischen 1952 und 1957 eine aufwändige Sanierung der alten Gemäuer notwendig. Dabei entdeckte man im Innern auch das vergessene Grab der Frau von Rosay, die hier 1781 in einer Gruft beigesetzt wurde.
Marienfelde Marienfelde verdankt seine erste urkundliche Nennung am 23. April 1344 der Veräußerung des dortigen Schulzenamts der Johanniter an den Cöllner Bürger Johann Ryke (Reiche). 1356 wurde auch das Zinsrecht in Marienfelde an die Berliner Ratsherrenfamilie Reiche verkauft. Im Gegensatz zu Mariendorf ist Marienfelde ein Angerdorf, dessen Kirche auf der Dorfaue steht und als älteste Feldsteinkirche Berlins gilt. Die Behauptung gründet sich auf die Jahresringanalyse eines Dachbalkens, der aus dem Jahr 1229 stammt. Bearbeitungsspuren deuten jedoch darauf hin, dass der Balken vorher anderswo Verwendung gefunden hatte. Demnach ist die Kirche also einige Jahre nach 1230 entstanden. Von den drei Dörfern der Templer bekam Tempelhof aber vermutlich zuerst eine Kirche, denn warum sollten die Ordensritter den Marienfelder Bauern eine Kirche bauen, wenn sie selbst noch keine hatten? Doch da nach der frühen Zerstörung der ersten Tempelhofer Kirche ein Neubau nötig wurde, ist die Marienfelder Kirche vermutlich etwa zwei Jahrzehnte älter. Bauplatz war offensichtlich der örtliche Friedhof, denn man entdeckte zwischen 1993 und 1997 im Inneren der Kirche 20 Grabstellen, teilweise aus der Zeit vor ihrer Errichtung. Außerdem fand man 1993/94 Pfostenlöcher, die auf einen hölzernen Vorgängerbau oder auf das damalige Baugerüst auf der Innenseite der Apsis des heutigen Gebäudes hindeuten können. Obwohl die Kirche später durch einige kleine Anbauten ergänzt wurde, ist sie in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten, zumal ihr die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erspart geblieben ist. Der Neugestaltung des Innenraumes fielen 1835/37 u. a. die Deckengemälde zum Opfer. Dafür erhielt die Kirche später eine vom Jugendstil beeinflusste Ausmalung. Der wuchtige Westturm, der die ganze Breite des Kirchenschiffs einnimmt, ist heute in Berlin ohne Beispiel. Von 1595
20
Marienfelde
Tempelhof.indd 20
02.08.18 09:39
Skelett eines Mannes aus dem 13. Jahrhundert unter der Marienfelder Dorfkirche.
stammt die Windfahne, deren Nachbildung heute den Turm krönt. Der Taufstein von 1629 mit dem Adler der Stadt Cölln, in deren Besitz das Dorf war, steht noch heute in der Kirche. Die starken Eichenholztüren waren eisenbeschlagen und von innen mit einem »Wehrbalken« zu verriegeln. Angeblich wurde davon noch im Siebenjährigen Krieg Gebrauch gemacht. Der Dorfkrug wurde – ebenso wie der in Mariendorf – erstmals 1450 erwähnt. Er stand an der Straße Alt-Marienfelde 55/57 am westlichen Dorfausgang.
Lichtenrade Die meisten Dörfer wie z. B. Lichtenrade finden erstmals 1375 im Landbuch Kaiser Karls IV. Erwähnung. Der Kaiser aus dem Hause der Luxemburger hatte die Mark Brandenburg 1373 für 100.000 Gulden von Markgraf Otto dem Faulen gekauft. Der Kaiser ließ die Besitzverhältnisse und die Abgaben dort in lateinischer Sprache verzeichnen.
Von Templern, Kirchen und Gottesmüttern
Tempelhof.indd 21
21
02.08.18 09:39
Dorfkirche Marienfelde (l.), Dorfkirche Lichtenrade.
Danach hatte Mariendorf 48 Hufen, Marienfelde 52 und Tempelhof 50 Hufen Land. Lichtenrade war mit 61 Hufen das zweitgrößte Dorf des Teltow. Groß-Machnow im Kreis Zossen galt mit 80 Hufen als größtes Teltow-Dorf.4 Obwohl Lichtenrade keine Ansiedlung der Templer ist, dürfte die Gründung in der gleichen Epoche wie die der drei anderen Dörfer stattgefunden haben. Woher die ersten Siedler kamen wissen wir nicht. Der ursprüngliche Ortsname – Lichtenrode – erklärt sich durch die Schaffung einer Lichtung durch Rodung des Waldes. Mitte des 18. Jahrhunderts soll auch der Begriff »Lichtenwalde« gebräuchlich gewesen sein. 1375 gab es sieben Kossätenhöfe und einen Krug. Am Kirchhainer Damm, etwa 200 Meter südlich des Dorfes, konnte man bei Ausgrabungen eine Siedlungsstelle nachweisen, die vermutlich älter ist als das Dorf selbst. »Möglicherweise wurde das mittelalterliche Dorf um 1200 in diesem Bereich gegründet, dann aber, frühestens in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, zum heutigen Dorfanger verlegt.«5 Das würde erklären, warum die Dorfkirche wohl erst in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstand. Darauf deuten die Fassungen aus
22
Lichtenrade
Tempelhof.indd 22
02.08.18 09:39
roten Ziegelsteinen für ein spitzbogiges Fenster und für eine Spitzbogenpforte an der Südwand hin. Die ältesten Gebäudereste der heutigen Dorflage, die man 1966/67 in Alt-Lichtenrade 107–109 (Pfarracker) fand, stammen erst aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Ursprünglich hatte die Dorfkirche wohl keinen Turm. Ein mit Brettern verkleideter Fachwerkturm aus der Zeit um 1660 musste nach 170 Jahren wegen Baufälligkeit wieder abgetragen werden. 1902 erhielt die Kirche einen hohen, aus Feldsteinen errichteten Turm, gekrönt von einem Schieferhelm mit vier kleinen Spitztürmchen. Nachdem das Gebäude 1943 ausbrannte, bekam das Gotteshaus 1949 ein schlichtes Satteldach. Die Kirche verfügt über drei Bronzeglocken. Der größte Teil von Lichtenrade war 1375 im Besitz von Johannes von Wulkow, Teile gehörten aber auch Bürgern aus Dallgow und Berlin. Mit den Besitzungen waren Abgaben und Dienstleistungen verbunden. Seit etwa 1418 war Lichtenrade im Besitz der Familie von Krummensee und 1450 im Besitz des Kurfürsten Friedrichs II. (Eisenzahn). Sein Bruder Kurfürst Albrecht Achilles belehnte Bartholomäus Sch(a)um aus Kölln 1475 mit dem Dorf. Seine Erben verkauften 1515 zunächst zwei Drittel an das Domstift zu Kölln und den Rest schließlich 1685/1688.6 Die Abgaben benötigte das Domstift am Schloss für die Finanzierung der Instandhaltung und die Heizung einiger Gebäude, für die Bezahlung des Personals (Pfarrer, Organisten, Küster usw.) oder die Bewirtung von Gästen. Das Rechnungsbuch des Domstiftes verzeichnet z. B. 1518 Einkünfte aus Lichtenrade, 1570 verkaufte das Stift die dortigen Anteile an der Fischerei. Die Besitzrechte des Domstiftes am Dorf konnten erst 1842 bis 1844 durch Geldzahlungen abgelöst werden.
Von den Templern zu den Johannitern Die Templer waren nicht nur von der Steuer befreit, sondern durften selbst Steuern erheben. Dass sie zu einer eigenständigen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Kraft wurden, missfiel dem französischen König Philippe IV. (1268–1314). Am 14. September 1307 ließ er alle Templer in Frankreich unter dem Vorwurf der Ketzerei und homosexueller Handlungen verhaften und ihren Besitz beschlagnahmen. Der König setzte den aus Frankreich stammenden Papst Clemens V.
Von Templern, Kirchen und Gottesmüttern
Tempelhof.indd 23
23
02.08.18 09:39
unter Druck, gegen den Orden vorzugehen. Er hatte seinen Amtssitz in Avignon und scheute die Konfrontation mit dem Regenten. Am 22. März 1312 löste er den Orden auf und übertrug bis 1318 alle Güter außerhalb Frankreichs auf den Johanniter-Orden. Man muss also davon ausgehen, dass Tempelhof, Mariendorf und Marienfelde um 1318 in den Besitz der Johanniter übergingen. Die Templer wurden in Deutschland aber nicht verfolgt und so ist es denkbar, dass die Ordensleute in Tempelhof blieben und aus ihnen Johanniter wurden. Schließlich gab es tausende Niederlassungen der Templer, wie hätten die Johanniter diese Besitzungen personell übernehmen können? Vermutlich griff man auf das vorhandene »Personal« zurück und die Templer fügten sich in ihr Schicksal, wohl froh, dass sie glimpflich davon gekommen waren. Für Tempelhof wurde 1344 mit Burchard von Arenholz erstmals ein johannitischer Komtur genannt. Im Sommer 1435 meinten die Johanniter festgestellt zu haben, dass die Bürger von Berlin-Cölln die Grenzsteine in der Gegend des heutigen Landwehrkanals heimlich zu ihren Gunsten versetzt hatten. So zogen am 24. August 1435 vier Dorfschaften Fußvolk und 300 Ritter gegen Cölln, doch sie erlitten an den Toren der Stadt eine schwere Niederlage. Dieser Vorgang ging als Tempelhofer Fehde in die Geschichte ein. Auf beiden Seiten gab es viele Tote und Verletzte. Um künftigen Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen und die leeren Kassen zu füllen, verkaufte der Orden die drei Dörfer und Rixdorf am 25./26. September 1435 für 2.439 Schock und 40 böhmische Groschen an die Städte Berlin und Cölln. Damit gelang der Doppelstadt der größte Landerwerb ihrer bisherigen Geschichte. Allerdings behielten die Johanniter die Lehnshoheit, d. h. die Bürgermeister und Ratsmänner der Doppelstadt mussten nun jedem Ordensmeister Treue und ordentliche Gerichtsbarkeit geloben. Gegenüber dem Orden bestätigen die Städte in einer Urkunde vom 23. September 1435, dass sie die Dörfer »tu eyme ewigen rechten lehne entphangen«7 haben. Der Orden hatte weiter Weisungsbefugnisse in kirchlichen Angelegenheiten, wie z. B. die Berechtigung Pfarrer einzusetzen oder die Entscheidungen über Baumaßnahmen an Kirchengebäuden. In diesem Zusammenhang entstand wohl auch ein Pfarrhaus, dessen Standort wir uns etwas rechts vom heutigen Eingang zum Dorffriedhof vorstellen können. Der Küster, der auch als Lehrer fungierte, wohnte dagegen um 1600 in einem Kossätenhaus. Auch größere
24
Von den Templern zu den Johannitern
Tempelhof.indd 24
02.08.18 09:39
Veränderungen in den Besitzverhältnissen bedurften letztlich der Zustimmung des Ordens. Als z. B. die Stadt Cölln von Berlin ihre ZweiDrittel-Anteile an Tempelhofer Besitz für 3.500 Taler kaufen wollte, musste Cölln 1594 die Huldigung gegenüber dem Johanniter-Orden leisten, vertreten durch den Ordens- oder Herrenmeister Graf Hohenstein. Nach zwölf Monaten erließ er am 26. März 1595 die lehnsherrliche Genehmigung zum Kauf der Berliner Anteile. Der gewählte Herrenmeister leitet den Orden. Von 1610 bis 1625 übernahmen dieses Amt fünf brandenburgische Markgrafen, seit 1693 bis heute jeweils preußische Prinzen aus dem Hause der Hohenzollern. Der derzeitige Prinz Oskar von Preußen ist also aktuell auch Herrenmeister, sieht sich aber selbst heutzutage als »ehrenamtlicher Aufsichtsratvorsitzender«.8 Im Zuge der Reformation entstanden aus dem Orden der evangelische Johanniterorden und der katholische Malteserorden. Die Patronate über die Kirchen von Mariendorf und Marienfelde waren dagegen schon am 23. September 1453 durch den Herrenmeister Balthasar von Schlieben an den Magistrat von Berlin und Cölln verkauft worden. Somit endete dort die über 250 Jahre währende Herrschaft der Ritterorden schon im 15. Jahrhundert. Beide Dörfer blieben bis 1831 mit allen gutsherrlichen Rechten im Berliner Besitz, während die Tempelhofer Freihöfe weiter veräußert wurden und häufig wechselnde Besitzer hatten. Die Dienste der Tempelhofer und Mariendorfer Bauern gingen 1448 an das kurfürstliche Amt Mühlenhof in Berlin über.
Der Komturhof Von dem Komturhof und den Wallanlagen in Tempelhof ist außer der Kirche nichts erhalten. Wenn schon die erste Kirche während des Teltower Krieges im 13. Jahrhundert zerstört worden war, dürften auch die benachbarten Komtur- und Wallanlagen Schäden davon getragen haben. Rund zwei Jahrhunderte später ließ Kurfürst Friedrich II. Eisenzahn möglicherweise sogar Teile der Anlagen sorgfältig abtragen, um Baumaterial zu gewinnen. Er begann seinen Schlossbau in Cölln mit der Grundsteinlegung am 31. Juli 1443. Da sich die Bürger der Städte Berlin und Cölln gegen diesen Bau teilweise gewaltsam auflehnten, hatte der Kurfürst als Strafaktion den städtischen Besitz Tempelhof
Von Templern, Kirchen und Gottesmüttern
Tempelhof.indd 25
25
02.08.18 09:39
zwei Mal zeitweilig eingezogen, d. h. militärisch besetzt. Er hätte also Gelegenheit gehabt, die Steine der Anlagen für den Schlossbau abtransportieren zu lassen. Erst mit Vergleichen am 29. August 1442 und am 17. April9 oder am 25. Mai 144810 gab er Tempelhof wieder heraus. Zum Komturhof gehörte ein Vorwerk, der sogenannte Hahnehof. Er lag auf dem heutigen Eckgrundstück Alt-Tempelhof 17/19/Tempelhofer Damm 145/147 (ursprünglich Dorfstraße 22/Berliner Straße 148). Der Name leitet sich vermutlich von Johannes/Hannes her, weil er ursprünglich im Besitz der Johanniter war. Aber auch die Schreibweisen Hawehof oder Hanehof sind überliefert. Als der Hof 1435 an Thomas Treskow verkauft wurde, war er acht Hufen groß und bestand aus einem Wohnhaus, einem Weinberg, Wiesen und einem Garten. Zu den Rechten gehörten außerdem Fischerei und Holzung. In Höhe des Grundstücks Alt-Tempelhof 3 hatte ein Wohnturm gestanden, dessen quadratisches Fundament aus Feldsteinen 1972 ausgegraben wurde. Vermutlich handelt es sich um den Wohnsitz des Ritters Jakob von Nybede. Er wird in mehreren Urkunden des 13. Jahrhunderts erwähnt und hatte Grundbesitz in Tempelhof. 1598 wurden Komturhof und Hahnhehof vereinigt. 1835 kam der Hof in den Besitz der Familie Kreideweiß, die hier den Dorfkrug übernahm und ein Dreivierteljahrhundert einen berühmten Gasthof betrieben. Um 1912 entstand auf dem Gelände die heutige Bebauung. Im 19. Jahrhundert kam die Legende auf, vom Hahnehof gebe es einen unterirdischen Gang zum Ordenshaus, damit sich mögliche Verteidiger dorthin zurückziehen konnten. Das »Teltower Kreisblatt« schrieb am 11. November 1882 auf Seite 6: »Das Grundstück ist eines der ältesten des Dorfs, es war die zum Templerschloss gehörige Vorburg, der sogenannte Hahnhehof, der durch einen unterirdischen Gang, dessen Spuren noch heute in den Kellereien vorhanden sind, mit dem Schlosse verbunden war.« Aber als man 1938 bis 194011 einen UBahntunnel zwischen der Straße Alt-Tempelhof (nördliche Bauflucht) und der Parkstraße im Rohbau errichtete, zerplatzte das schöne Märchen vom Geheimgang endgültig. Es konnten auch in größerer Tiefe keine unterirdischen Gänge entdeckt werden. Beim vermeintlichen Zugang zum Tunnel handelte es sich lediglich um Reste einer der Kellermauern des alten Dorfkrugs. Zum Gutshof gehörte noch eine Schäferei, die etwa im Bereich der heutigen Kreuzung Friedrich-Wilhelm-/Werderstraße lag. Belegt ist
26
Der Komturhof
Tempelhof.indd 26
02.08.18 09:39
Tempelhof um 1834; die Karte ist gesüdet.
ihre Existenz für die Jahre 166412 und 182313 . Der Gutshof hatte immer wieder wechselnde Besitzer. Am 27. August 1601 kaufte die Kurfürstin Catharina die beiden Höfe von der Familie Köppen, die seit drei Jahren Eigentümerin war. Die Kurfürstin hatte große Pläne – zunächst wurde ein Fachwerkstall und ein zweigeschossiges Wohnhaus errichtet. Die Bauherrin drängte in einem Brief vom 15. Januar 1602 an den Meister Georg Müller des Eisenhammers zu Peitz, es sei »eylendt von nöten« und »daß eß ufs schleunigste moge verfertigt werdenn.«14 Am 7. Mai 1602 wurde über das Einrammen der Pfähle und die Legung des Rostes verhandelt. Der Neubau hatte wohl zwei Flügel um einen Turm mit einer Wendeltreppe, Stuben, Kammern, eine Küche und einen Saal. Außerdem scheint es eine Verbindung zu einem älteren Trakt gegeben zu haben, denn die Arbeiter wurden angewiesen »drey Thüren in das ander Hauß«15 durchzubrechen. Am 18. Mai 1602 kam die im Volk beliebte Kurfürstin persönlich nach Tempelhof, um mit den Dorfbewohnern anlässlich der Fertigstellung des ersten Bauabschnittes ein großes Fest zu feiern. Umso tragischer war ihr Tod 135 Tage später, am 30. September 1602. Der verwitwete Kurfürst ließ
Von Templern, Kirchen und Gottesmüttern
Tempelhof.indd 27
27
02.08.18 09:39
die angefangenen Gebäude fertigstellen, denn Baumaterial war geliefert worden und Aufträge rechtsverbindlich vergeben. 9.504 Fensterscheiben wurden benötigt und 14 Öfen eingebaut. Das Wohngebäude wurde wohl im November 1602 vollendet. 1603/04 verkaufte der Kurfürst das Anwesen an den Magistrat von Cölln. An dem Landsitz seiner verstorbenen Frau hatte er kein Interesse. Von 1621 bis 1630 gehörten Gut und Vorwerk dem Münzmeister Lippert Müller und so gingen die beiden Höfe von Hand zu Hand. Auf die Aufzählung der einzelnen adligen und bürgerlichen Besitzer wird hier verzichtet, weil ein Verkauf sich auf sehr unterschiedliche Rechte beziehen kann (Gemarkungen, Höfe, Patronatsrechte usw.). Die Kurfürstin Luise Henriette besaß das Rittergut 17 Jahre lang bis zu ihrem Tod 1667. Auf sie soll auch die alte fünffache Lindenallee zurückgehen, die man in Tempelhof Unter den Linden nannte und die das Tempelhofer Feld durchschnitt. Die Schriftstellerin Ludovica Hesekiel (1847–1889) hatte Tempelhof von Potsdam aus besucht. Um 1875/80 schrieb sie über die alten Anlagen: »Es war ein massiver Steinbau von mäßiger Größe. In einem Achteck legte sich das Haupthaus um den in der Mitte aufragenden Turm. Eine Backsteinmauer umgab das Ganze … Eigentlich war kein Stein mehr von dem alten Ritterschloß an dem jetzigen Bau.«16 Brecht meinte allerdings 1878, »Fundamente des Ordenshauses … scheinen noch in den Flügeln des jetzigen Amtshauses vorhanden zu sein.«17 Doch das alte Herrenhaus, das als Amtshaus diente und in dem noch der Gutsverwalter wohnte, musste 1881 abgerissen werden. In Folge des hohen Wasserstandes des Klarensees zeigten »sich in den starken Wänden breite Risse …, die die Sicherheit der Bewohner bedrohten. Das Seitengebäude und der sich an die Kirchhofsmauer anlehnende Flügel sind jedoch erhalten und schließen den Gutshof ein, dessen Betreten dem Publikum verboten ist, dagegen ist der Park mit Ausnahme des Sonntags Nachmittags geöffnet und wird viel besucht.«18 Die Reste sind um 1890/1900 beseitigt worden.
Der Dreißigjährige Krieg Am 23. Mai 1618 warfen Vertreter der protestantischen Stände die zwei in der Prager Burg anwesenden königlichen Statthalter sowie den Kanzleisekretär aus einem Fenster. Alle drei überlebten, teilweise
28
Der Dreißigjährige Krieg
Tempelhof.indd 28
02.08.18 09:39
schwer verletzt. Der als »Prager Fenstersturz« bekannte Hergang führte zu einem Krieg, der dreißig Jahre in Europa wütete. Zwar gab es auf dem Teltow keine Kampfhandlungen, aber durchziehende Truppen brannten Ställe, Scheunen und Häuser ab und plünderten die Vorräte. Wer sich weigerte, etwas heraus zu geben, wurde misshandelt oder umgebracht. Im April 1627 fielen 100 Reiter in Tempelhof ein, die im Auftrag des Kaiserlichen Oberst Ernst Georg von Sparr unterwegs waren. Sie verlangten umfangreiche Versorgung und Verköstigung. Was dann geschah, steht in einem Bericht der Geheimen Räte an den Kurfürsten: »… die armen leutlein tragen auf, was sie vermögen: aber sie sollen auch Wein woll auf schaffen, welches in Irem vermögen nicht waar. Bend darueber haben sie den Schultzen, und noch einen anderen alten Manne die heupter mit pistolen also zerschlagen, daß … sie woll das leben dabey werden einbuessen muessen.«19 Lichtenrade verlor schon zu Beginn des Krieges 1618 fast zwei Drittel seiner Bewohner durch die Pest und die Ruhr. Durchziehende Truppen zertrümmerten dort die Türen der Kirche und raubten das wertvolle Abendmahlsgerät. Eine der Glocken ließen die Schweden mitgehen, die andere sollen die Lichtenrader lieber selbst im Dorfteich versenkt haben. Wahrscheinlich wurden auch die ursprünglich massiven Türme der Dorfkirchen in Tempelhof und Mariendorf zerstört. Der Krieg endete 1648. Vier Jahre später registrierte der Bericht des Landreiters in Tempelhof 13 wüste Bauernstellen, von denen bereits acht durch Zuzügler wieder besetzt waren: Schultze aus Kirchhain (Sachsen), Kiekebusch aus Teltow, Linnemann aus Lichtenberg, Michel aus dem Wendischen, Jahren aus Schweden, Nagel aus Glienicke, Wilke aus Lankwitz und Neumann aus Zepernick. In Tempelhof überlebten wohl nur die zwei Kossäten Rohde und Teile. Der Familie Teile zum Gedenken wurde die gleichnamige Straße benannt. Mariendorf (sechs ortsansässige Bauern und fünf Zuzügler) und Marienfelde (zwölf Bauern und drei Kossäten) blieben weitgehend verschont. In Lichtenrade gab es 1624 noch elf Bauern und fünf Kossäten, 1652 waren es nur noch sieben Bauern und drei Kossäten.
Von Templern, Kirchen und Gottesmüttern
Tempelhof.indd 29
29
02.08.18 09:39
das 18. jahrhundert
Überall machte man sich nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges an den Wiederaufbau, aber schon gut ein Jahrhundert später, während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763), wurde Mariendorf erneut von durchziehenden Truppen verwüstet und Tempelhof im Oktober 1760 von Österreichern und Russen geplündert.
Der Kampf mit dem Wasser Neben den Kriegswirren machten den Bauern auch häufige Überschwemmungen zu schaffen. Der hohe Ton- und Lehmanteil des Bodens ließ das Wasser nach starken Regenfällen oder der Schneeschmelze gar nicht oder nur langsam versickern. 1626 wandten sich der Schulze und die Bauernschaft aus Lichtenrade an Kurfürst Georg Wilhelm: »Jährlich im Frühling und Herbste stoße das Wasser aus allen umliegenden Feldmarken in Lichtenrade zusammen und bleibe daselbst bestehen, alles Korn wird ertränket und verdorben. Ja dieses Jahr hätten sie auch nicht eine Klaue Viehs aus dem Dorfe auf die Weide bringen können und darüber sei dasselbe dermaßen verhungert und umgekommen, dass man es zu nichts mehr gebrauchen könne.«20 Aber der Kurfürst hatte in diesen Kriegszeiten vermutlich ganz andere Sorgen als nasse Felder. Das Problem blieb, sodass die Bauern in Lichtenrade das Domstift um einen Nachlass von Pacht und Zinsen baten, auch die Marienfelder Bauern ersuchten die Amtskammer um eine Senkung der Abgaben, weil die überschwemmten Felder keine Erträge brachten. 1684 tagte sogar die Kreisversammlung des Kreises Teltow in Marienfelde, um vor Ort über Abhilfe zu beraten. In Lichtenrade siedelten sich kaum noch Bauern an, die Marienfelder Bauern verkauften ihre Höfe. Vermögende Berliner, meist Beamte des königlichen Hofes, kauften Bauernhöfe als Kapitalanlage und/oder für den Bau eines Sommerhauses. 1771 gehörte von den zwölf Bauerngütern die Hälfte hohen Be-
30
Das 18. Jahrhundert
Tempelhof.indd 30
02.08.18 09:39