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Licht, Luft und Luxus

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Licht, Luft und Luxus West-Berliner Wohnträume der 1960er- und 1970er-Jahre Fotografien von Heinrich Kuhn herausgegeben von Sabine Krüger mit einem Essay von Boris von Brauchitsch

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Die genauen Ortsbezeichnungen der von Heinrich Kuhn fotografierten Bauten waren in seinem ­Nachlass nicht auffindbar. Trotz eingehender Bemühungen, die Bilder zu verorten, mussten einige Angaben ­offenbleiben. Über Hinweise von Lesern zur Lokalisierung einzelner Bauten freuen wir uns daher besonders. Unser besonderer Dank gilt Lutz Mauersberger vom Berlin Mitte Archiv (www.berlin-mitte-archiv.de) für die Unterstützung bei der Ortsrecherche.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD - ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © berlin edition im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2017 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Marijke Topp, Berlin Umschlag und Satz: typegerecht, Berlin Schrift: Frutiger 9/13pt Druck und Bindung: Finidr, Cˇeský Teˇšín ISBN 978 -3 - 8148 - 0223 -7 www.bebraverlag.de

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Mietskasernen im ›Goldenen Westen‹

Der Putz blättert allerorten, Wasserflecken ziehen sich durch die Räume, über dem Herd oder an lauen Tagen auf dem staubigen Hinterhof hängt die Wäsche zum Trocknen, in den Ecken ­wuchert der Schimmel und draußen stehen in einem Holzverschlag die Kühe. Der Fotograf Heinrich Kuhn (1918 – 2001) zeichnete in den 1960er-Jahren ein Bild West-Berlins, das deutlich macht, wie weit es her war mit den propagierten Annehmlichkeiten des ›Goldenen Westens‹. Hier war das Wirtschaftswunder nicht angekommen, und so wie es auf Kuhns Fotografien aussieht, standen die Chancen schlecht, dass die Stadt noch Teil dieses Wunders werden könnte. Die maroden Mietskasernen im westlichen Teil waren spätestens nach der Festschreibung einer deutschen Teilung in den Augen der Politik nicht mehr tragbar. Sie vermittelten den Eindruck sterbender Viertel und taugten weder dazu, notwendige Arbeitskräfte aus der Bundesrepublik anzulocken noch vermochten sie als repräsentative Fassade des kapitalistischen Systems zu glänzen. So ging man daran, nach Beseitigung der Kriegsruinen und dem Bau erster Ausweichquartiere, auch die Gebäude der Gründerzeit abzureißen, die sich großenteils

um enge, dunkle Hinterhöfe gruppierten. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt verkündete 1963 ein Stadterneuerungsprogramm, das Licht, Luft und Sonne garantieren und das geknechtete Proletariat aus den Mietskasernen befreien sollte. 56.000 alte Wohnungen sollten abgerissen werden und Platz schaffen für eine ›Hauptstadtarchitektur‹ der Moderne, für eine ›Stadt von morgen‹, die selbstverständlich wieder gesamtdeutsche Hauptstadt sein würde.1 Während in den 1950er-Jahren der Bausenator noch davon sprach, die Mietskasernen zu sanieren und die Höfe »von Quergebäuden, Seitenflügeln, Fabriken, Schweinemästereien und auch von Hoftoiletten«2 zu befreien, ist 1964 nun davon die Rede, dass einem Totalabriss mit nachfolgender Neubebauung der Vorzug zu geben sei, um »unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Gesichtspunkte ein Maximum an städtebaulichem Effekt«3 zu erzielen. Wie schon zu Zeiten der Errichtung der geschmähten Mietskasernen waren es erneut vornehmlich ökonomische und nicht humanitäre Beweggründe, die den großflächigen Abriss ganzer Viertel ohne detaillierte Prüfung der tatsächlichen Bausubstanz nahelegten.4

1  Harald Bodenschatz/Volker Heise/Jochen Korfmacher: Schluss mit der Zerstörung?, Gießen 1983, S. 26  2  Zit. nach: Ebd., S. 27  3  Zit. nach: Ebd., S. 31 4  Boris von Brauchitsch: Geschichte des Berliner Mietshauses, in: Armutszeugnisse, hrsg. von Sabine Krüger, Berlin 2013, S. 15

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Stadterneuerung – eine Herzensangelegenheit

Der Fotograf Heinrich Kuhn erhielt den Auftrag, den Wandel der Stadt zu dokumentieren, und machte diese Aufgabe auch zu seinem persönlichen Anliegen. Seine Ausbildung zum Kameramann bei der Ufa hatte er kriegsbedingt abbrechen müssen, hatte dann eine Lehre als Feinmechaniker begonnen, wurde Soldat und verbrachte die Jahre 1945 bis 1948 in russischer Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg arbeitete er als professioneller Fotograf für die Industrie und die Modebranche sowie als Berichterstatter bei gesellschaftlichen Ereignissen. Von Hochzeiten bis zum Besuch Kennedys – Heinrich Kuhn war in allen Genres zuhause. Die Stadterneuerung war allerdings eine Konstante in seiner Arbeit. Mehr als zehn Jahre verbrachte er mit seiner Dokumentation der Berliner Sanierungs- und Neubaugebiete, die über den eigentlichen Auftrag deutlich hinausging. Die Gespräche mit Mietern, die ihm in Ermangelung anderer Ansprechpartner ihre Hoffnungen und Klagen anvertrauten, berührten und belasteten ihn zusehends. Wenn er nach seinen Touren ins bürgerliche Wilmersdorf zurückkehrte, war er oft in gedrückter Stimmung. In der Familie thematisierte er seine Erlebnisse aus den Miets­ kasernen immer häufiger, auch um sein seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. Er berichtete ganz konkret von Ratten, die abgestellte Kinderwagen belauerten, und allgemein von der Scham der Bewohner, dem Fotografen ihre Wohnungen zugänglich zu machen und so ihre Armut endgültig zu offenbaren. Trotz der prekären Wohnverhältnisse standen viele dem bevorstehenden Umzug mit gemischten Gefühlen gegenüber,

hatten Angst, sich in einem neuen Kiez nicht mehr einleben und zurechtfinden zu können, fühlten sich abgeschoben. Bei manchen überwog jedoch auch die Freude, dem Schimmel und Dreck entkommen zu können und zukünftig Bad und Zentralheizung zu haben.5 Der Sozialdemokratie nahestehend, war Heinrich Kuhn jedoch von der Notwendigkeit der Stadterneuerung als beste Lösung zur Beseitigung des Elends überzeugt. Was er in seinen Fotografien festhielt, quasi zur Spurensicherung und als Beweismaterial für spätere Generationen, war das drastische Bild der verkommenen Altbauten, deren Schicksal besiegelt schien. Seine Aufnahmen verfehlen ihre Wirkung auch heute nicht, obwohl seit Langem Alternativen zum Abriss propagiert und praktiziert werden, denn sie zeigen eine scheinbare Ausweglosigkeit, die den Ruf nach einem Befreiungsschlag verständlich werden lässt. Auf seinen Touren durch Neukölln, Kreuzberg, Schöneberg, Tiergarten und den Wedding beließ er es nicht dabei, den Zustand der Gebäude zu erfassen, sondern schilderte das Schicksal der Häuser, die für Zehntausende Heimat gewesen waren, bis zu ihrer Sprengung. Er zeigt in seinen Aufnahmen, wie sich Straßenzüge in Schuttlandschaften verwandeln, ähnlich denen, die aus den nicht fernen Nachkriegstagen noch in lebendiger Erinnerung waren, er begleitete die Bauarbeiten der neu entstehenden Quartiere und dokumentierte schließlich die glanzvoll fertiggestellte Pracht der Großsiedlungen.

5  Die Schilderung beruht auf Erinnerungen Sabine Krügers, der Tochter Heinrich Kuhns.

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Berlin in ständiger Veränderung

Stadterneuerung, das ist in Berlin ein Prozess, bei dem kein Ende abzusehen ist. Immer wieder werden neue Sanierungsgebiete ausgerufen, immer wieder fließen Milliarden an öffentlichen Geldern, um den Bürgern das zu bieten, was die Wortführer der jeweiligen Zeit als Gewinn an Lebensqualität betrachten. Stadterneuerung, das ist ein Begriff, der über die Jahrzehnte hinweg immer wieder etwas anderes, oft auch Widersprüchliches meinte. Stadterneuerung, das war in den 1950er-Jahren die aufgelockerte Neubaustadt, exemplarisch vorgeführt im Hansaviertel, und die Verbreiterung der Straßen für eine autogerechte Metropole, in den 1960ern der Abriss von als Mietskasernen geschmähten Altbauten, in den 1970ern die Errichtung von verdichteten Satellitenstädten in Grenzlage zum Osten (Märkisches Viertel, Falkenhagener Feld, Heerstraße Nord, Waldsassener Straße, Gropiusstadt), in den 1980ern die Sanierung der vom Abriss verschonten Mietskasernen, in den 1990ern der innerstädtische Neubauschub infolge der Aufbruchstimmung nach dem Mauerfall und schließlich die Verdichtung der Innenstadt mit Wohnungen im ›gehobenen Segment‹. Wohnungsbauprogramme ermöglichten immer wieder Investoren Abschreibungen der Bau- bzw. Anschaffungskosten. Subventionen flossen so in Form von Steuerersparnissen an wohlhabende Bauherren. Allein die zwischen 1991 und 2000 entstandenen gut 72.000 Wohnungen wurden im Schnitt mit über 300.000 Mark gefördert. Die Euphorie verpuffte allerdings um die Jahrtausendwende, denn der Berlin-Boom war

ausgeblieben und man sah sich bei erneut leicht rückläufiger Einwohnerzahl mit einem Leerstand von durchschnittlich sieben Prozent konfrontiert. Die Mieten stagnierten, nur acht Prozent der Berliner waren Eigentümer der von ihnen bewohnten Wohnung (bei einem Bundesdurchschnitt von 40 Prozent) –, die Immobilienpreise erreichten einen Tiefstand. Dann wurde das Berliner Zentrum entdeckt und der Senator für Stadtentwicklung konnte von einem umfangreichen »Baulücken- und Bauflächenmanagement«6 berichten, das dem Markt auch kleinteilige brachliegende Grundstücke zuführte und die Schneisen und Leerräume in der Stadt, die oftmals seit dem Krieg bestanden hatten, mit Neubauten schloss. Berlin wurde doch noch zur gefragten Metropole. Langsam nahm die Zahl der Bewohner wieder zu, die Kaufpreise kletterten kontinuierlich, die Mieten stiegen, auch weil sich die Regierung vom Sozialen Wohnungsbau verabschiedet hatte. Gegenwärtig sind es Kitas, Grünflächen und verengte, verkehrsberuhigte Straßen, in die ein Großteil öffentlicher Fördergelder fließt. Auf den ersten Blick scheint ein Gesinnungswandel eingetreten zu sein, doch zugleich wiederholt sich die Geschichte. So wie die Moderne der 1920er-Jahre die Bauten der Gründerzeit verachtete, so blickte die Postmoderne mit Geringschätzung auf die Bauten der Nachkriegsmoderne. So wie in den 1960erJahren die Mietshäuser, die um 1900 errichtet worden waren, zugunsten neuer, in den Augen der damaligen Bauherren repräsentativer Siedlungen abgerissen wurden, so wurden

6  Wohnungsmarktbericht der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 1991– 2000, Berlin 2002, S. 3

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fünfzig Jahre später die Plattenbauten der 1970er- und 1980erJahre ›vom Markt genommen‹ (wie es die ›Investoren‹ formulierten). Während in Brandenburg in den ersten 15 Jahren des neuen Jahrtausends etwa 60.000 Wohnungen verschwanden, waren es in den Berliner Plattenbau-Hochburgen Marzahn und Hellersdorf zwischen 2002 und 2008 immerhin noch 4.333, die ausreichend ›Rückbaupotential‹ besaßen (wie es im Amtsdeutsch heißt). Nur sehr langsam entwickelte sich eine erneute Wertschätzung des Plattenbaus. Im Norden und Süden West-Berlins stehen zwei der größten Plattenbausiedlungen Deutschlands: Die Gropiusstadt und das Märkische Viertel. Schon die Weimarer Republik hatte mit ihren Siedlungen normierte Bequemlichkeit für die Arbeiterschaft angestrebt, den Bau aus vorgefertigten Betonplatten praktiziert und bevorzugt Viertel in der Peripherie der Städte errichtet. Insofern sah man sich in diesen Punkten in einer positiv konnotierten Tradition. Nördlich von Wilhelmsruh, auf dem Gelände wild gewachsener Laubenkolonien – die vielen Menschen als ständiger Wohnsitz dienten – wurde binnen drei Monaten eine ganze Stadt für 50.000 Menschen entworfen. Maßgeblich geprägt von Senatsbaudirektor und Scharoun-Schüler Werner Düttmann erstellte ein Architektenkollektiv den Bebauungsplan, der als Gesamtkunstwerk verstanden sein wollte. Düttmann überspielte die fehlende Erfahrung mit Projekten dieser Größenordnung

durch einen Satz, der sich schon bald als Irrtum herausstellen sollte: »Wer ein Haus bauen kann, kann auch eine Stadt bauen!«7 Verkörpert ein Haus die tendenziell statische Zelle, ist die Stadt ein ständig in Veränderung begriffener Organismus, der idealerweise in der Lage ist, den sich verändernden Bedürfnissen durch Wandlung intuitiv Rechnung zu tragen. Eine Stadt aus einem Guss als starre Konstruktion und Kopfgeburt und ohne Kenntnis der späteren Bewohner ist daher ein Spiel mit allzu vielen Unbekannten. So respektabel die Musterwohnungen, so drängend die Umplanungen, die angesichts des Einzugs der ersten 20.000 Bewohner notwendig wurden. Der standardisierte Komfort der Apartments machte Eindruck, das Umfeld ohne ausreichend Kitas, Schulen, Bibliotheken, Sportplätze, medizinische Versorgung und Verkehrsanbindung führte aber zur Empörung der Mieter, zumal die Mieten mehr als doppelt so hoch waren wie in den Mietskasernen der Innenstadt. War das Ideal der 1950erJahre die großzügig gelockerte Bebauung – das Hansaviertel besaß um 1900 rund 18.000 Einwohner und ist heute mit weniger als einem Drittel der bevölkerungsärmste Ortsteil in Berlins Mitte –, so wurde spätestens 1961 mit dem Mauerbau deutlich, dass dem großzügigen Umgang mit Baugrund Grenzen gesetzt waren. Die nachfolgende Propagierung einer verdichteten ›urbanen‹ Anlage für die neuen Viertel in Randlage hatte folglich nicht nur ästhetische und soziale Beweggründe.

7  Zit. nach: Brigitte Jacob/Wolfgang Schäche: 40 Jahre Märkisches Viertel, Berlin 2004, S. 54

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Hausbesetzung als Protest gegen Stadterneuerung

Die fehlende Infrastruktur im Märkischen Viertel sorgte genau betrachtet dafür, dass die Hausbesetzungen in Berlin 1970 hier ihren Anfang nahmen. Das Fehlen von Freizeitangebot und entsprechenden Räumlichkeiten eskalierte in der Schließung des einzigen Schülerladens und wurde daraufhin von der PolitImprovisationstruppe Hoffmanns Comic Theater auf der Straße in Szene gesetzt, verbunden mit der Aufforderung an die Zuschauer im letzten Akt selbst mitzuwirken. Ergebnis war die Besetzung einer leerstehenden Fabrik. »Doch das gewaltlose Protest-Ritual, vor dem Gesetz Hausfriedensbruch, mobilisierte die Staatsbrutalität«, berichtete der Spiegel. »100 gepanzerte Polizisten stürmten, ohne vorhergehenden Räumungs-Appell, die Halle und prügelten die Insassen, Frauen und Kinder darunter, viehisch ins Freie.«8 Diese Reaktion der Polizei wurde von den Theatermachern durchaus als Teil des Lehrstücks verstanden, ebenso wie der Text der Begründung des Einsatzleiters, den das Agit-Prop-Ensemble nicht besser hätte ersinnen können: Seine Männer seien nun mal allergisch gegen Linke und Langhaarige.9 Allerdings wurde aus den Einzelfällen der Besetzung erst ab 1979 eine Woge, die mit 165 Häusern im Juni 1981 ihren Höhepunkt erreichte. Der spekulative Leerstand von Wohnungen

bei gleichzeitiger Wohnungsnot und die Verdrängung von Anwohnern durch Abriss ihrer preiswerten Unterkünfte hatten die Entwicklung begünstigt. Der Senat unter Richard von Weizsäcker ließ die Situation eskalieren und forcierte die Räumungen. Gegen Ende von Weizsäckers Amtszeit 1984 waren nur noch rund 30 Häuser besetzt. Trotz der eher unpopulären Krawalle der Hausbesetzer im öffentlichen Raum, mit denen sie gegen Vertreibung und Verhaftung protestierten, schärfte die Bewegung das längst latent vorhandene allgemeine Bewusstsein für die fortschreitende Zerstörung der Stadt, für die Qualität der Altbauten und die Schattenseiten der Neubaublocks. Dem großflächigen Abriss von Gebäuden vor allem in Kreuzberg wurde Einhalt geboten, auch weil die zunächst abstrakten Planungen des Stadterneuerungsprogramms der frühen 1960 er-Jahre in der Zwischenzeit teilweise erschreckend reale Formen angenommen hatten, so etwa am Kottbusser Tor, wo mit dem Kreuzbergzentrum bis 1974 eine zwölfgeschossige bewohnte Schutzbarriere gegen das am Oranienplatz geplante Autobahnkreuz errichtet worden war. Bereits die brachiale ›Entmietung‹ der Vorgängerbauten hatte Unmut erzeugt, der in der starken Fluktuation und hohen Kriminalität im Neubau seine Bestätigung erfuhr.

8  Der Spiegel vom 11. Mai 1970, Ausgabe 20/1970  9  Ebd.

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Im Vorfeld der Internationalen Bauausstellung (IBA) 1987 machten folglich die Schlagworte der »Kritischen Rekonstruk­ tion« und der »Behutsamen Stadterneuerung« die Runde. Bereits 1983 wurden zwölf Grundsätze für diese Vorhaben – ­federführend durch den Architektur-Professor Hardt-Waltherr Hämer – formuliert, die den Dialog der Planer mit den Bewohnern und die Substanzerhaltung einforderten und über die IBA hinaus Gültigkeit besitzen sollten. Die wachsende Wertschätzung der Altbauten ging mit der Erkenntnis einher, dass das Elend der Mietskasernen aus der Gründerzeit weniger städtebaulich begründet war, sondern weit mehr aus ihrer extremen Überbelegung resultierte10 und dass auch in den neuen ›Idealstädten‹, wie dem Märkischen Viertel, längst deutlicher Nachbesserungsbedarf bestand. Dort waren seit einem Jahrzehnt auch die letzten Wohnungen fertiggestellt und bezogen, ohne dass sich der Ruf des Viertels nachhaltig gebessert hätte. Jetzt begann auch dort ein ökologisch-demokratisches Weiterdenken. Ab 1984 flossen deutlich mehr Wünsche der Anwohner in den Gestaltungspro-

zess ein, betonierte Parkplätze wichen Vorgärten, eine begrünte Tiefgarage verbannte Autos unter die Erde, Partyräume und Gästewohnungen wurden konzipiert. Die Imagepflege des ungeliebten Viertels kam auf Touren.11 Vieles von dem, was für Werner Düttmann, der sich als Künstler verstand, den großen Wurf darstellte, ist über die Jahre verschwunden. Umso eindrucksvoller sind die Fotografien von Heinrich Kuhn, der das Märkische Viertel als hoffnungsvollunschuldiges Ensemble festgehalten hat. Auch hier sind seine Bilder auf ihre Weise Propagandabilder. Sie feiern ein urbanes Kunstwerk aus Licht, Luft und Luxus inmitten von feudal anmutenden Gärten mit Wiesen und Seen, glücklich spielenden Kindern und gepflegten Boulevards. Was Kuhn festhält, ist die Vision einer besseren Zukunft jenseits der modrigen Hinterhöfe der ehemaligen Arbeiterdistrikte, ein sozialdemokratisches Paradies, eine Stadt auf der Höhe der modernen Zeit, die sich selbst an ihrer Imposanz erfreut und Identifikationsort und neue Heimat sein möchte.

10  Stadterneuerung in Berlin. Sanierung und Zerstörung vor und neben der IBA, Berlin 1984, S. 2  11  Brigitte Jacob/Wolfgang Schäche: 40 Jahre Märkisches Viertel, Berlin 2004, S. 56 – 57

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Berlin-Neukölln, Gropiusstadt, Käthe-Dorsch-Ring 16 /18 / 20, Wohnhäuser von der DEGEWO errichtet, 1964 /65, Aufnahme um 1965

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Die Welt der Mietskasernen

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Berlin-Wedding, Stralsunder StraĂ&#x;e 43/44, nach Abbruch Nr. 43, um 1965

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