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Das große Berlingedicht

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © berlin edition im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2011 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Gesamtgestaltung: typegerecht, Berlin Schrift: Myriad Pro 8/11pt Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978-3-8148-0188-9 www.bebraverlag.de

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Inhalt Vorwort 5 Charlottenburg-Wilmersdorf

Boulevard und Russengrütze

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Friedrichshain-Kreuzberg

Und Ratten und Schwäne und Tauben

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Lichtenberg

Geschichte vom Licht auf dem Berg oder Lichtenberg – das Korn-Stahl-Phänomen

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Marzahn-Hellersdorf

Zwischen Stadt und Land

22

Mitte

Hundert Zeilen Mitte

29

Neukölln

weiter südlich ziehn (über die beringung)

33

Pankow

Die Schwüle bebt in den Objekten

37

Reinickendorf 41 Spandau

Zeitflug Spandau

44

Steglitz-Zehlendorf

Das hier haben verzeilt: HaecklStitzDaerrAdamsSchmidtMaybellPickardt 48 Tempelhof-Schöneberg

Tempelberg-Schönehof: chassé-croisé

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Treptow-Köpenick

Danke, Treptow-Köpenick

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Anhang 62

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Vorwort

Vorwort Berlin als Stadt war Vorlage für eine Entwicklung, die innerhalb der deutschen ­Poesiegeschichte ein eigenständiges Genre hervorgebracht hat: die Großstadtlyrik. Zur vollen Blüte gelangte sie in den Epochen von Naturalismus und Expressio­ nismus. All das, was wir noch heute mit urbanem Lebensgefühl verbinden, fand in dieser Zeit zum ersten Mal einen dichterisch-gültigen Ausdruck. Damals wurde die Tradition des Berlin-Gedichtes geboren, die gegenwärtig lebendiger ist denn je. Autoren wie Arno Holz, Georg Heym, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Gottfried Benn oder Kurt Tucholsky seien beispielhaft genannt. Auch heute ist Berlin Auslöser für so manche Dichtung. »Das Große Berlin-Gedicht« knüpft ganz bewusst an diese Tradition an. Aber noch nie schrieben Bürgerinnen und Bürger selbst an einem solchen Gedicht, und zwar direkt vor Ort, in den zwölf Bezirken der Stadt. Begleitet wurden sie dabei von je einem namhaften Dichter. Somit kennt »Das Große Berlin-Gedicht« eigentlich 75 Autoren. In allen Bezirken wurde die Gelegenheit zur ausführlichen Selbstdarstellung genutzt, und die jeweils spezifischen Lokalgeschichten mit all ihren Eigenarten stehen erstmals gleichbedeutend neben- und zueinander. Entstanden ist ein Langpoem als ein vielstimmiges Ganzes. Es ist seit jeher das Charakteristische an Berlin, dass das Disparate von seinen Bewohnern immer auch als identitätsstiftend angesehen wird. Historisch hat sich die Stadt eben gerade nicht um den einen Marktplatz herum gebildet, sondern ist durch die Eingliederung gemeindefreier Gebiete allmählich aufeinander zugewachsen; ein Prozess von immerhin mehreren Jahrhunderten. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kiez zählt für den Berliner bis heute zu den wichtigsten Strategien der Selbstvergewisserung. Man definiert sich über die direkte, städtische Nachbarschaft. Was aber verbindet die Bezirke untereinander? Was hat z. B. Spandau mit Lichtenberg oder Pankow mit Neukölln zu tun? Zunächst einmal recht wenig. Auch die letzte Gebietsreform, die aus 16 Bezirken zwölf Verwaltungseinheiten gemacht hat, war letztlich nicht mehr als ein rein bürokratischer Vorgang, der das Selbstverständnis der Bürger als Bewohner innerstädtischer Enklaven unberührt ließ. Kreuzberg und Friedrichshain, 40 Jahre durch die deutsche Teilung getrennt, sind jetzt in einem Stadtbezirk vereint. Der frühere Ostbezirk Mitte, der direkt an die Mauer grenzte, wird mit zwei ehemaligen Westbezirken, Tiergarten und Wedding,

Vorwort 5

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verbunden zu Berlin-Mitte. Aus den einstigen Bruchstellen sind Nahtstellen zwischen Ost und West geworden. Hier haben Regierungsgebäude, das Parlament und Ministerien ihre Orte ebenso gefunden wie die internationalisierte Partyszene, die in den Brachen entlang des früheren Mauerverlaufs erblüht ist. Mit dem »Großen Berlin-Gedicht« liegt nun ein »verdichteter« Stadtplan vor (etwas für die Hosentasche eines jeden Berlin-Besuchers!), der all diese Entwicklungen in sich aufnimmt. Es wird keine zwei »Benutzer« geben, die diese Sonderkarte Berlins ganz auf die gleiche Weise auseinanderfalten werden. Auch alteingesessenen Bewohnern wird das scheinbar Vertraute von unerwarteter Seite her neu nähergebracht. Das liegt vor allen Dingen daran, dass im Text die unterschiedlichsten Blickwinkel aufeinandertreffen. Menschen verschiedenster Herkunft (der Leser wird das Türkische, das Russische, das Italienische usw. hören) und jedes Alters (es ergab sich ein nahezu repräsentativer Querschnitt durch alle Generationen) begegneten einander in den Schreibgruppen der Bezirke. In dieser heterogen zusammengesetzten Gemeinschaft haben sich die Autoren des Berlin-Gedichts als Flaneure erwiesen, die sich, gedanklich und sprachlich, nicht nur durch die Straßen der Stadt bewegen, sondern auch in den Zeiten und ihren Geschichten, die zu Geschichte geronnen sind. Dem Genre »Großstadtgedicht« ist damit ein Schatz allgemeiner Erfahrungen aufgeschlossen worden. Vielleicht kann man sogar von einer kollektiven Gedächtnisleistung sprechen, die hier auf einmalige Art und Weise erbracht wurde: »Das Große Berlin Gedicht«, unterteilt in zwölf Kapitel mit je eigenem Profil, erlebt und aufgeschrieben in den Bezirken von Berlin. Entstanden ist es anlässlich des 20. Geburtstages der Literaturwerkstatt Berlin und erlebte am 17. September 2011 seine öffentliche Premiere. Matthias Kniep und Thomas Wohlfahrt Berlin, im September 2011

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Das GroSSe Berlin-Gedicht

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Charlottenburg-Wilmersdorf

Boulevard und Russengrütze HM – Ick bin de Paula mit die Tüten, fast jeder kenntma in Berlin. Kam eener nah, wurd laut jeschrien, ick konnte kläffen, zetern wüten. Als Krabbe kannt ick alle Ecken, war dit Charlottchen immer treu. Mir blieb nüscht fremd, hier is nüscht neu, kanns große Janze förmlich schmecken. Verpackte über lange Zeiten meen Leben in de Tüten rin, Wollt ihr mal wissen, wat da drin? Na jut, denn müssta mir begleiten: HH – Auf dem Boulevard die Pommesbude, das Europacenter und Gucci Zwischen Bentleys und Ferraris Motzverkäufer Die zerstörte Gedächtniskirche – ein Mahnmal gegen den Krieg und die Schaubühne mit im Kulturprogramm Das allein macht ihn aus, den Kurfürstendamm. JS – … und Rudi Dutschke. Dieser Schuss am elften April anno 1968 am Kurfüstendamm. Unsere Generation trägt seitdem den Namen Trägt den Hoffnungsschimmer der neuen Moral – In dem Haus gegenüber dem Platz werden meine Neurosen Besprochen in der ehemaligen Ruine der SDS-Zentrale Ein Diagnostisches Zentrum jetzt nadelt mein EKG (…)

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AF – Stehe ich auf der kleinen Brücke scheint das Schloss weit weg wie schwebend zwischen damals und heute. In warmen Nächten Kino unterm Sternenhimmel eine barocke Pracht. Die dunklen Tannen säumen den Weg der Trauer doch du lächelst leicht. RK – Schloßstraße. Schwarze Baumkronen bilden ein V, die Spitze besänftigt durch eine Kuppel: strahlende Brosche, die den gläsernen Himmel wie eine indigoblaue Mantille hält. Der Engel auf ihrem Scheitel, in Wahrheit Fortuna, tanzt – aber der Tanz ist ein Widerschein vom Paradies. Ein eiserner Albrecht von Preußen wirft im Stechschritt seinen Schattenriss aufs Gegenüber; die Erinnerung an seine Kriege ist nur noch sein einsamer Stolz. Im Dunkel hier und da noch ein Wispern auf Bänken.. Linden verströmen sich generös. Statt Boulekugeln schießt die Fledermaus quer, dann schläft Picasso; die Surrealisten tun es ihm gleich. Nofretete ist abgewandert. HM – So mittenmang de Häuserklüfte jehts uffe Brücke anne Kant, beim Lietzensee sein jrünen Rand. Is grauslich hier, trotzt alle Düfte.

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RK – Die Sonne spielt mit den Wolken Fangen im Lietzensee, drin treibt das graue Palais, durchkreuzt von Blässhuhn und Schwan. Ein Unerkanntes schleiert eisig seinen Atem über alte Bäume, Läufer, Hund, durchdringt das warme Holz am Bootshaus, legt sich auf den Fliederduft. Aus hohen Fenstern nicken Lampen vornehm hinter Stoffen aus Damast. Man wohnt. Vertreibt man so die alten Geister? Der Orkus spiegelt sich. Hier sprach vor siebzig Jahren hinter hohen Fenstern das Grauen Recht. JS – Friedhof Grunewald. Zwischen drei Gleisen nicht mehr Kurfürstendamm und noch nicht Stadtautobahn hochragend Baumkronen Geäst harkt den Himmel von der Avus Tosen lockend die Nachtigall wortlos wurzelt ein Mann in die moosduftetende Gruft seiner Gefährtin (…) MM – Der Wilmersdorfer Volkspark, eine Oase, beginnend am Fennsee, darum führt ein gemütlicher Pfad, auf einer Bank genießt man den Tag. Der Teich in der Mitte musste einem Fußballplatz weichen wofür alle Sportler sehr dankbar sind. Danach lockt der Spielplatz ein jedes Kind. Das Glockengeläut der majestätischen Auenkirche im Dorfkern Hören mit großen Ohren die Kinder sehr gern. Gleich nebenan kann sich jeder üben beim Golfen, große Freude beim Treffer ist weithin zu hören, danach freu’n sich die Kleinen aufs Eisverzehren. Die prachtvollen Farben von Blumen, Sträuchern und Bäumen Laden ein zum Schauen und Träumen. Die Hängebrücke über der Bundesallee reicht hin bis zur grünen Flur. Umgeben von leuchtenden Rosen grüßt eine Speerwerfer-Skulptur. Ein Stück weiter toben die Hunde im Auslaufgelände Auf dem Tennisplatz üben die Spieler behende. Vor der Prinzregentenstraße am ansteigenden Berg Nutzen Sonnenhungrige die wärmenden Strahlen – so lässt man sich hier das Leben gefallen.

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JS – Marggrevendorp. Mittig in Westberlin die askanische Dorfkirche Am Teltower Tellerrand lerne ich mit Stäbchen essen Rilke wird gefüttert Lou Salomé kocht Russengrütze Eingeflogen Melli Beese vom siebten Himmel ins Grab Im Grunewald ist Holzauktion bringt Geld ein schönes Rathaus Leni Riefenstahl baut ein Haus im alpenländischen Stil die Straßenbahn Ist der SL Klasse gewichen vom 15. Stock am Roseneck regiert Atze Brauner seinen Bezirk und Romy Schneider heiratet den Boulevard. HM – Un nun verlier ick meene letzten Worte, mach erst mal meene janzen Tüten zu. Ick brauch jetzt son bisken Ruh. Und tschüs, bis bald an andern Orte.

Geschrieben haben: Angelika Friedl (AF), Helen Hickl (HH), Ruth Karzel (RK), Heliane Meyer (HM), Marianne Mohr (MM), Jenny Schon (JS) Begleitet von: Kerstin Hensel

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Friedrichshain-Kreuzberg

Und Ratten und Schwäne und Tauben Das sind der Nächte letzte Gäste: fettige Futterpappen, zerschlagene Flaschen. Aus der Kneipe schwanken die letzten Reste. Die Köpfe sind leer und auch die Taschen. Die Sonne strahlt um einiges zu grell, die Kinder erobern die Schaukeln zurück. Ihre Eltern sind nicht ganz so schnell – sie genießen ihr Wochenendausschlafglück. Es ist Sonntag in der Sonntagstraße. Unser Schulhaus ist groß und rot. Vor der Schule liegt Hundekot. Es ist Montag in der Sonntagstraße. »Papadam, Papadam« urbane Geschäfte im Urbanhafen, wo nicht nur die Schwäne schlafen. Im Abendrot sitzen Hungrige im Casolare beim Abendbrot. Das Land wehrt sich gegen besungene Brücken. Türkenmarkt / Passantenkommentar eins: »Ich liebe Berlin!« Ankerklause / Passantenkommentar zwei: »Wenn ich nach Berlin komme, möchte ich nicht in der Türkei sein.« Verflochtene Kulturen bilden Gewebe am U-Bahnhof empfangen von Celloklängen strömen sie in Clubs und Bars, zu Späti, Mini-P und Bagdad. Wie ein im Häusermeer gestrandeter Wal die graue Betonwelle BONJOUR TRISTESSE ermahnt uns am Eingang zur Falckensteinstraße. Pillauerstraße – nie gehört, nie gesehen.

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Schlaflosigkeit auf der Warschauer Brücke im Bierflaschenschritt S-Bahnen nehmen Geschichten und Erzähler mit. DIE GRENZE VERLÄUFT NICHT ZWISCHEN OBEN UND UNTEN SONDERN ZWISCHEN DIR UND MIR Wo Berg und Hain sich vereinen von derbem Bass untermauerte Gebäude erscheinen Kennt man an Berlins härtester Tür kein Pardon Tausende Male erklang es bereits im Jargon »Sorry, du mussta heut leida wat andret suchen!« Wieder Transit, bin ich noch mit drin? Ja, Planufer, klappt doch, schön hier. Junge Menschen, vielsprachig flanierend. Ecke Kottbusser Damm, magenfreundliche Linsensuppe anatolisch, kopfbetucht, lächelnd serviert. Kaum einer ist hier von Geburt, macht nix, der Bezirk ist breit genug. Auch lebt sich’s kürzer hier, ungesünder, bierbeglänzt. Traufhöhe preußisch hoch, das macht dich klein, ich gucke rauf, dort lebt die Freiheit im Loft, treibt mit dem Waschbrettbauch nach oben. Nee, unten gefällt’s mir besser mit fröhlichem Laubenpiepsen, Fahrrad, begrüntem Hinterhof. Schnauze! Ich komm mit dir mit! DIE GRENZE VERLÄUFT NICHT ZWISCHEN OBEN UND UNTEN SONDERN ZWISCHEN DIR UND MIR Zwischen Kotti-Pisse und Scheibenputzern ist jeder so frei wie er kann. 1,50 Euro der Döner nebenan.

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Drei Millionen Backpacker am Schlesischen Tor, Aufstand im Wrangelkiez. Touris verpisst euch, keiner vermisst euch! Du nicht, du schöner Gitarrist an der Emmaustreppe, um Mitternacht. Rote Markthalle von 1890, heruntergekommene Kathedrale, ein versteckter Garten hinterm Klo. Im Keller große Haken für ganze Schweine. Heute earth day und slowfood. Wo willst du hin, Kreuzberg, meine Liebe? Linie 1, Tag und Nacht, »Wenn die Liebe erwacht« an der Endstation Sehnsucht. Rechts der Rosinenbomber. Links Willy Brandt – nur Fliegen ist schöner, wo Gorbi Brücken schlägt und Kunst die Mauer sprengt. Als Krug und Biermann ausgesungen, marschierte Honni ab, ohne Wink-Element. Wendezeiten, Zeitenwende. Sunrise im Osten, Sunset am Mont Klamott, wo im schönen Hain am Brunnen Märchen sprudeln, wo Zuckerbäckerstil, so lecker, ist Ausverkauf vom Ausverkauf. Mir egal! Ich eile zur Partymeile. Intimes Gebrabbel der Passanten jagt die Spuren des Simon Dach Künstliche Beatmung braucht der Erasmus-Student nach der langen Nacht Wie vom Gefecht zerzaust stürmt ein Paar aus Dachkammers Pforte »Süß war gestern!« faucht sie ihn an – ihm fehlen die Worte Happy Hour und Tempobox spenden Trost für den Betrug Liebe ist nicht Kaufbar, doch Kneipen gibt es hier genug!

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Zeitenwandel in gespenstischer Verjüngung – wirste alt, siehste alt aus! Mein Kiez ist fremd geworden, verloren stehe ich herum in der Party-»Szene«, die mich ankotzt. Hier »schwooft« man nicht, hier wird »gechillt«. Willste »in« sein, geh‘ nach Friedrichshain, und schön im Gleichschritt über die Warschauer Brücke! Vorbei der Aufruhr – Hausbesitz statt Haus besetzt, Anpassung anderer Art – woll’n doch alle nur leben. Alternativ war einmal, heut isst jeder Bio – und Tempo 30 sowieso. Abends am Oberbaum blickt die Welt nach Ost und West und weiß nicht wohin. Ich aber fahr’ raus aus der Stadt hin zum Wald, und atme aus!

Geschrieben haben: Herbert Adamaschek, Elinor Böhme, Susanne Böhme, Ingeburg Fetzer, Tanja Leichsenring, Christina Panhoff, M. Malvina Petrat, Irina Ruschinski, Judith Schuck Begleitet von: Björn Kuhligk

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Lichtenberg

Geschichte vom Licht auf dem Berg oder Lichtenberg – das Korn-Stahl-Phänomen Ich schaue auf die Uhr, die Temperatur, was schlägt sie nur? 13 Grad 28 Minuten 48 Sekunden Ost – 52 Grad 31 Minuten 16 Sekunden Nord! Um diesen Ort herum waren Dörfer in Bewegung. Falkenberg, Friedrichsfelde, Wartenberg, Hohenschönhausen, Malchow und du, das alte Lichtenberg, wuchsen aufeinander zu. Es fand im 13. Jahrhundert seinen Anfang und reicht in die Gegenwart. Es kann ein Licht auf dem lichten Berg gewesen sein, aus dem der Name leuchtete auf. Oder war dieser Berg ganz schlicht nur licht? Lichtenberg, deines Dorfes Kirche ist immer noch am Loeperplatz. Heute zwischen Lärm und Straßenbahnen / Dort verharrst du stur im stillen Erahnen Seit Jahrhunderten und bereutest es nie / Dass mit der Industrie, Der Maschinisierung Technik-Prunk / Auch wuchs deine weiland geringzahlig Bevölkerung. Es war nicht wirklich alles schlecht / Denn 1907 kam hinzu dein lang ersehntes Städterecht Und wenige Jahre später, 1920, warst auch du im engen Kreise drin Deiner alten Nachbarn, deiner neuen Heimatstadt Berlin. Dein Rathaus – an der Straße des Gouverneurs Graf von Möllendorff – Ist immer noch der Nabel deiner Welt / Das nicht nur in den Schatten stellt Einen Teil deiner jüngeren Geschichte / Und es gehört durchaus in dieses Gedichte Zu erwähnen deine Straße der Normannen / Mit ihrer Zentrale für informelle Tyrannen. Heute ist sie Forschungsstätte als besondres Stück im Puzzle der Museen; Forscht sich jetzt selber aus, Damit ihr schlechtes Gewissen nicht wird im Zahn der Zeit verwehen …

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Dieser Komplex aus dicken Wänden scheint verdammt, Beherbergt er aktuell der Finanzen Amt für Körperschaften Zwei und Vier Lauf der Zeit bizarr in relativer Freiheit hier Befangen frei am Gefängnis für Frauen vorbei. Ob Frühling, ob Sommer, Schafe weiden am Herzberg. Intensivstation summt. Der Kauz im Park kennt seine Stunde Er richtet sein Schneegesicht auf den letzten Stromimpuls. Oh diese Sonne, gleichmäßig tickt tief innen der Frost mit Verfalls Datum, kein Anspruch auf Leben. Dicke Netze mit festen Seilen Haben Menschen von hier aus für die Schwächeren gespannt. Klamm klirren elektrokohlig die Fahnen. Und drinnen Bei Sankt Elisabeth liegt eine Mutter weiß von Kristallen. Die Dunkelheit der Siegfriedstraße kurz vor dem Gewitter. In den Kaschemmen Murmelnde Stimmen. Amazonisch verbuschte Stadtbrachen, die Luft voll Holunderschwüle. Sah Alte zweisam in den Himmel schauen. Entlang an Hochspannungsleitungen und Sich windenden Gleisanlagen fasert die Stadt aus, vorbei an Industrie-Kulissen, McFit und Tankstellen. Plattenbauten, deren Fenster in die Nacht starren. Die Frankfurter nach dem Regen Voll glitzernder Rinnsale, gesammelter Akazienschnee am Spülicht der Gullideckel. Vom Bahnhof führen Züge in östliche Weiten. Geh ich stadteinwärts, vorbei am Center-Raumschiff, Hinter der Ringbahnbrücke, kehr ich zurück in den bunten Strom der Zeit. Mehrsprachig, gutaussehend, leichtfüßig. Ich hatte einmal Pinzetten in meinem Haar. Ich sah Cousteau im Fernsehen Und hatte den Traum, eine große Tierforscherin zu werden. Ich beobachtete stundenlang, Im Dorf meiner Großmutter, Hühner, Kaninchen, Heuschrecken, Maultiere. Was treibt, diesen Park, wo man Tiere parkt, zu besuchen? Tierliebe, Langeweile, Zeitvertreib. Der Zweifel bleibt. Dem Mut des Herrn Dathe ist es zu danken. Im Jahr 55 Des letzten Jahrhunderts öffnet der größte Landschaftstiergarten Europas die Tore. Auch ein Tropenhaus wird zum Lichtschacht

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Des Lebens. Bruttürme scheinen zu kippen, die Fontäne zerfällt In silberner Luft. Die Pfleger in schuldloser Miene mit Besen Und Schaufel, gekonnte Routine, vor Affe und Panther weisen Dem hungrigen Tierbiss den Weg. Knochen und Rüben herab Von Futteremporen und Dressurbalustraden. Die Fallgitter rasseln. Wer speist denn die Quellen, so dicht neben der Wüste? Darf Dieser einfache Mann ein Gedicht über den grünen Leguan schreiben? Und ich tröste mich, als ich zum Ausgang eile, sie sterben nicht Durch Kugeln, sondern aus Altersgründen, Stress und Langeweile. Ich bin erwachsen. Ich bin keine Tierforscherin, sondern ein Maultier In einem anderen Land. Ich wünsche, die Menschen würden geliebt werden Auf der ganzen Erde, wie Tiere in Deutschland, in Berlin, in Lichtenberg. Erzähl uns, alleinreisender Pilger, was hast du gesehen? »Ήμουν κουρασμένος, κάθισα κάτω από μία φιλύρα και αποκοιμήθηκα στον ίσκιο της, στις ράγιες ενός τραμ που ταξίδευε στο χρόνο. Ξύπνησα και είδα.1 Die kubistischen Skulpturen waren mit mir auferweckt, als ob ein Held des Volkes Sie gerufen hätte. Ein Legoland von roten Riesen. Aldebaran et Arktur auf der Suche Nach ihren Gegenübern, den weißen Zwergen des Westens. Ein Labyrinth von Spiegeln, Ein Wald von Walfischen, die tausende Jonas in das Land der Spitzahorne und Störche ausspeien. Alleinreisende Klone aus dem Land des Irgendwanns, farbvolle Pfauen Jenseits der Mauer. Zu diesem Land gibt es keine Rückkehr.« Ausgewähltes Friedhofsvolk, periodischer Märtyrermonat im Fußmarsch der Nelkengewächse. Mit meinen Kindern war ich in jedem Winter dabei. Hier sind Menschen begraben, Die an Entbehrungen starben. Karl, ich sehe dich liegen in Zwiesprache mit ihr, weit hinten In der Freiheit der Andersdenkenden. Jetzt sind auch sie erwachsen. Jedes Grab ist Geschichte. 1 »Ich war müde, ich saß unter einer Linde und schlief in ihrem Schatten ein, Auf den Schienen einer in die Zeit reisenden Straßenbahn. Ich wachte auf und sah. (Übersetzung aus dem Griechischen von: Vasiliki Makri)

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8. Mai ’45, Offizierskasino, heute Deutsch-Russisches Museum Karlshorst. Marschall Shukow und Generalfeldmarschall Keitel unterzeichnen Deutschlands Kapitulation auf Stalins Befehl in Berlin. Immer kehren die Toten zurück. Und bringen ein Licht. Was machst du hier, einsame Reisende? Wo ist dein Planet? »Mein Asteroid ist weit entfernt, Mein Arbeiter aus Mauerstein. Ich komme von dem blauen Planeten, wo Myrten und Lorbeeren gedeihen und von den Stämmen der Eichen Nymphen entspringen. Aber hier, in der Allee der Kosmonauten, gibt es nur Schwarze Löcher!« »Das geschieht immer nach einer Supernova. Aber unser Stern ist nicht tot, er ist schwanger. Kannst du nicht den Puls fühlen? »Είναι ο παλμός μιας νέας ζωής που γεννιέται. Ένα νέο ουράνιο σώμα. Μεγαλώνει στη φωλιά ενός πελαργού και ανεβαίνει στο βουνό του φωτός, βήμα-βήμα. Ονειρεύεται μια αλλαγή. Ο αέρας του ψιθυρίζει μαγικά και πλανεμένα λόγια. Και κινείται ακόμα!«.2 Sing mir dein Lied Oranke, Zauberprinzess, schluchzend mit der Stimme Des leichtfüßigen Sprossers, schlägt sich der Träumer in verbotene Gärten. Das Sportforum an der Steffenstraße formt seit Jahrzehnten Sportler-Asse, Schenk und Pechstein schrieben ihre Namen vergoldet in viele Eislaufbahnen. Van Almsick, Janz und andre Gewinner bleiben im Sportlergedächtnis für immer. Ein Serienmeister auf Mielkes Verlangen muss nun in der 5. Liga nicht bangen. Und im Wellblechpalast zusammengeschweißt, sind die Eisbären zum Dauermeister herangereift.

2 Er ist der Puls eines neuen Lebens, das geboren wird. Ein neuer Weltkörper. Er wächst in einem Storchennest und steigt auf den Berg des Lichtes, Schritt für Schritt. Er träumt einen Wandel. Der Wind flüstert ihm zauberhafte Und verführende Worte. Und er dreht sich noch!«

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Bleibst im tiefren Sinn, eingerahmt und eingeräumt wie dein Wappen, Das von Korn und Fischen träumt, mit Rost auf Eisen ohne Glanz Auf den Feldern, in deinen Seen – Zwischen Zahnzement des Zeitgeschehens Für immer – Lichtenberg – das Korn-Stahl-Phänomen. Vor den Toren der Stadt, ein Licht auf dem Berg. Seit hunderten Jahren durchflutet es manch glanzlose Zeit. Von Industrie seit kurzem bereinigt, moderne Ansprüche von Tristesse regiert. Gebrannte Ziegel, nicht sichtbar, weil saniert, wie gedämmt. Angepasst die Alten, gewendet, versorgt. Die Generation danach, Gewaschenes Rot, geheucheltes Grün, versprechendes Braun. Marschieren wie einst, vom Wir sind das Volk sind geblieben nur Narren? So friedlich und rau die Zeiten auch scheinen, Vergehen ist sicher! Es bleibt ganz allein – Die Geschichte vom Licht auf dem Berg!

Geschrieben haben: Clemens Franke, Uwe Volker Grenz, Vasiliki Makri, OscarTheFish(pak), Hanns Rudolf, Uwe Seibt, Christine Wehner Begleitet von: Andreas Altmann

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Marzahn-Hellersdorf

Zwischen Stadt und Land I Wo, bitte schön, liegt Marzahn? An der frischen Luft, wo der Wald uns ruft. Im roten Backsteinhaus der Landsberger Allee, mit dramatischen Tagen des Sturms auf Berlin, und dem Ende des letzten Krieges, wo uns Geschichte lehrt! Sigue buscando! Sigue indagando! 1 ¿Dónde se encuentra Marzahn? 2 An der Grenze zur Natur, verbunden mit der Kultur Richtung Ahrensfelde, am Springpfuhl, am Eastgate, im ORWOhaus Wo die Dorfkirche steht und die Winterlinde. Doch wenn Sie ehrlich fragen, Wo bitte liegt Marzahn? Antworte ich, ohne zu zögern, Donde vivo, donde trabajo, donde gozo! 3 Al pan, pan, y al vino, vino! 4

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Such weiter! Forsch weiter! Wo liegt Marzahn? Wo ich lebe, wo ich arbeite, wo ich genieße! Zum Brot, zum Brot, und zum Wein, zum Wein!

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II Marzahn Marzahn ist grün, Marzahn ist Platte, die erste Wohnung, die ich hatte. Marzahn ist alt, Marzahn ist neu, wir bleiben ihm für immer treu. Marzahn ist DDR, Marzahn ist BRD. Marzahn sind wir mit Kopf und Zeh. Wir bieten dem Fremden den »11. Himmel« mit Justin, Alena, Minh и Ваня.5 Здравствуй bei Tschechow и русская баня.6 In unserem Bezirk gibt es mehr ARM als REICH. Im »Kinderkeller« von Marzahn ist die Welt noch heil. In Hellersdorf übernimmt die »Arche« diesen Teil.

5 und Wanja 6 Willkommen bei Tschechow und der russischen Sauna. (Übersetzung aus dem Russischen: Valeri Scherstjanoi)

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III Bin an der Wolga geboren … Bin an der Wolga geboren, in einer großen Bauernfamilie War ein liebes Kind und Enkelin. Plötzlich wurde der Opa in der Nacht als »Volksfeind« für immer abgeholt Der Krieg brach aus, für uns ein langer Weg ins Ungewisse. Deportation durch Kasachstan nach Sibirien Die Eltern zu Zwangsarbeit verurteilt. Трудармия.7 Das ist das Schicksal der Wolgadeutschen. Jetzt wohnen wir in Marzahn. Marzahn ist ein Stück Natur. Ich sehe durchs Fenster, die Vögel nisten auf den Bäumen Ein Eichhörnchen springt von Baum zu Baum. Ich liebe Marzahn. Muss nur Frieden sein.

7 Zwangsarbeiterarmee

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IV Am Rande der Stadt Quedlingburger Straße 4 Fuchsien auf Balkonen Stimmungsvolles Blätterrauschen Ahorn, Esche, Eibe Sinnend an der Wuhle schlendern Träumend von den fernen Ländern Берлин, моя любовь8 Wohin soll ich den Blick nur wenden? So viele Sommerwochenenden Oh ja, hier möchte ich wohnen!

8 Berlin, meine Liebe

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V Marzahn-Impressionen Zwischen Stadt und Land kühle Wuhle-Kuhle Balkonentstammter Kletterfelsen Wildschweingepflügte weite Wiesen Pastors Freiluft-Tafel Kaminers Asyl-Platte Idyll aus Rieselfeldern Reisduft, Kebap und Wodkaflaschensplitter Geplapper mandeläugiger Wonneproppen

VI Ahrensfelder Berge Hoch oben auf dem Berg, 116 Meter über der Erde. Hier atme ich frei, Alle meine Sorgen vergesse ich hier. Die Fenster der Häuser sehen so friedlich aus, Ich denke zurück: Vor vielen Jahren, als hier noch Baukräne dirigierten, Kein Baum, kein Strauch – nur Modder. Auf einmal pflanzten Menschen Bäume. Kinder spielen, Nachbarn grillen und lachen. Weiße Wäsche flattert im Winde.

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VII Hier sagte ich »Ja« … Nie wollt’ ich dich betreten, schon gar nicht in dir leben. Hier sagte ich »Ja«, im weißen Gewande stampfte mit den Kleinen durch die Modderpampe.

Die Bäume grünen, Ideale mit den Wolken ziehen.

Hier sagte ich »Ja«, im grauen Plattenlabyrinth, wo die Touris staunend durch die Straßen stolpern. Es singen viele, ihr – mir, ein fremdes Lied, im Winter man die Schapkas sieht. Hier sagte ich »Ja« – am Rande der Stadt, wo meine Füße noch immer dich durchstreifen, Tag und Nacht.

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VIII Ein Hellersdorfer Tag Leise hallt der Schrei der Eule durch das tiefe Dunkel, Früh verklingt des einsam’ Joggers Schritt im Auenwald, Ein Reiher streicht im ersten Sonnenstrahl dahin.

Wecker schrillen, Türen knallen, die Absätze hallen, Lärmend quillt das Leben aus den Platten, Blauer Drillich drängt zur Arbeit, Ranzen-Chaos an der Haltestelle.

Döner nähr’n die Mittagsglut, Limo, Bier und Schilkin kühl’n dazu, Mandelaug und krauser Kopf buddeln durch den Sand. Ein Blondschopf schießt das Leder über’n Platz, Mütter aller Zungen im Haus Babylon.

Abends spottet Cindy, der Ziegler singt Balladen, Das Eastgate schließt die Kunden raus, Eisbär’n füll’n die U-Bahn aus, Motoren heulen, Hupen gellen – Eisern Union gesiegt!

Riesenblumen der Raketen in der Nacht Eifern mit den Sternen um den Titel höchster Pracht, Ein letzter Schritt verklingt und tiefes Dunkel hüllt die Zukunft ein.

Geschrieben haben in der Reihenfolge der Texte: José R. Hernandez, Marianne Fox, Nina Gaus, Kerstin Miersch, Doris Weißen, Kerstin Supranowitz, Marina Georgi, Michael Katzer Begleitet von: Valeri Scherstjanoi

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Mitte

Hundert Zeilen Mitte Eine Mitte ist ein Punkt, ein Schnittpunkt von Wegen, in Berlin ist sie ein Bezirk von so großer Fläche, dass sie manchen nur Leere mit goldenem Rahmen, eine schmerzende Abwesenheit der Geschichte ist, anderen ist sie ein Ort für Engel und bedürftige Geister, oder gesehen durch ein Facettenauge, die Überreizung, die dich aus deiner Sprache kippt. Hier fühlst du, unter der dünnen Haut und auf den Narben dieser Stadt, ob sich da etwas zusammenbraut was noch nicht stattgefunden hat. Hier lagen die Götter auf dem Gesicht, nach jeder siegreichen Geste, dem Hochheben einer fremden Flagge, eines Rockzipfels, unter dem sich kaum noch ein Körper befand. Unter den Linden nimmst du den breiten Mittelgang, den in historischen Zeiten nur Könige betraten. Silvester 1989 gingst du zum ersten Mal durch »das Tor« – die jubelnden Massen standen auf der Mauerkrone, du aber vorsichtig, gingst seltsam berührt vom Pariser Platz zum eingemauerten »Platz des 18. März«, der an diesem Tag noch keinen Namen hatte. Zurück schlenderst du auf dem bewegten Gehweg, vorbei an Stätten genehmigter Erinnerung.1

1 »einem fahrenden Gehweg, der uns durch Stätten genehmigter Erinnerung zieht.« Sinclair, Iain: »Zwei Türme plus einer.« In: Lettre International 86 (2009). Auszug LI/86, URL: http://www.lettre.de/archiv/86-Sinclair.html (10.08.2011).

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Bei Bewusstsein erblickst du Berlin, besohlst ihre Mitte, belauerst die Bernauer, ein paar Schritte hinüber in das Brunnenviertel, wo man auf der Swinemünder Brücke, einen Agententausch auf der Glienicker Brücke filmt. Der durstige Geist eines Hundes streift quer über die Grenzen zwischen den Teilen der Stadt. Blind-geschrieben ist Berlin von den Bildern aus den Köpfen von Millionen. »Bara mahaga haj.« » Ma schlomech? » »Schikamu!« »Desejo visitar un museu« »Wzjat taksi na pjat tschelowek?« 2 »Yao tang ma? Wo zhe li hai you.« 3 Am Hackeschen Markt verwirren dich die Sprachen, oder du hast dich verirrt nach Babylon, hast dich hierher gewagt. Hast gefragt: Wenn du mit einem Engel durch Berlin gehst, du denkst sie ist ein Engel. Rosa aber ist keiner, denn alle sehen sie, greifen in ihre Rippen. Du fährst nach Mitte, weil du nach Mitte fährst. Du hängst an den Himmel ein Zelt und flüsterst hinein: Rosa geht’s ihr noch gut? Und wie Karos zerfällt beim Sprechen Rosas Körper in seine Quadrate. Du fragst, warum sie wieder Tang in den Haaren trägt. Und die Tempel der Kulturen prangen machtvoll auf der Insel; Sammler legen ihre Spuren, niemand hört der Kunst Gewinsel.

2 »Zu teuer.« »Wie geht’s?« / »Hallo!« »Ich will ins Museum« / »Wollen Sie ein Taxi für 5 Personen nehmen?« 3 »Willst du Süßigkeiten? Ich hab hier noch welche.« (Aus dem Chinesischen übersetzt von: Tianhao Gao)

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