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Mittelalterliche Retabel und Heiligenfiguren der Niederlausitz (Leseprobe)

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Die Bestandsaufnahme der mittelalterlichen Kunstwerke aus den Stadt- und Dorfkirchen umfasst die erhaltene Fülle an Flügelaltären, Madonnen, Triumphkreuzgruppen, Johannesschlüsseln und Kruzifixen in der Niederlausitz. Insgesamt handelt es sich um 172 sakrale Schnitzwerke, die zwischen etwa 1250 und um 1530 geschaffen worden sind und sich in mehr als 100 Orten in der Niederlausitz befinden, zum Teil aber auch verloren oder verschollen sind.

Corinna Junker

Dieses Kunstgut ist in Bild und Text dokumentiert und einer konzentrierten Analyse seiner Entstehung, Herkunft und Veränderung unterzogen worden.

Mittelalterliche Retabel und Heiligen­figuren der Niederlausitz

Einige Kirchen der Niederlausitz können heute noch das ursprüngliche Bild eines mittelalterlichen Gotteshauses vermitteln. Die vorliegende Betrachtungsweise ermöglicht das Verständnis für die mittelalterliche Lebenswirklichkeit einer ständig politischen Umbrüchen unterworfenen Region und Kulturlandschaft.

Corinna Junker

Mittelalterliche Retabel und Heiligenfiguren der Niederlausitz Eine Bestandsaufnahme

Junker_Retabel_Umschlag.indd Alle Seiten

30,– Euro

ISBN 978-3-95410-280-8

www.bebra-wissenschaft.de

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Einzelveröffentlichungen des Kreisarchivs Dahme-Spreewald Herausgegeben von Thomas Mietk Band 8

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Mittelalterliche Retabel und Heiligenfiguren der Niederlausitz Eine Bestandsaufnahme

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD -ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2021 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Astrid Volpert, Berlin Umschlag & Satz: typegerecht berlin Schrift: Stempel Garamond 10/13,5 pt Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín ISBN 978-3-95410-280-8 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt I.

Das Thema

Aktueller Forschungsüberblick Fragestellungen Methodisches Vorgehen Definitionen

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II. Die mittelalterliche Niederlausitz

Grenzbildung, Territorium, Machtansprüche Herausbildung des Markgraftums Niederlausitz Unter böhmischer Herrschaft Das Wirken des Landvogts Hans von Polenz Aufteilung und Zersplitterung des Markgraftums

23 23 25 27 29

Die kirchliche Ordnung und die Grenze des Markgraftums Wirtschaftsraum und Handelswege Verkehrswege Exogene Einflüsse und Transithandel Städtewesen

31 37 38 40 42

Die Meißener Bistumsmatrikel Struktur der Matrikel Aufkommen an Altären Häufigkeit von Nebenaltären Heiligenverehrung

44 45 46 48 50

Stifteridentitäten und Bruderschaften Bruderschaften Schützenbruderschaften und gewerbliche Bruderschaften Geistliche bzw. karitative Bruderschaften Personenstiftungen

52 53 54 55 58

Reliquien, Ablässe und Wallfahrten Wallfahrtsorte der Niederlausitz Wallfahrtsorte in der näheren Umgebung der Niederlausitz Wallfahrt nach Wilsnack Hospitäler und karitative Bruderschaften in den Städten der N ­ iederlausitz

59 59 66 68 69

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III. Der Bestand

Das erhaltene Kunstgut Retabelfragmente und Einzelfiguren Zeitliche Verteilung Material und Fassung

77 77 79 82

Veränderungen und Translokationen Originalzustand Mittelalterliche Umarbeitungen Renovierungen im 16. und 17. Jahrhundert Kanzelaltäre Veränderungen im Zuge des Pietismus Veränderungen im 19. und 20. Jahrhundert Translokationen

85 86 86 90 94 94 95 95

Typisierung der Altaraufsätze Methodik Retabelformen Entwicklung der Retabelformen

100 100 102 102

Importware und regionale Werkstätten Importe aus unterschiedlichen Regionen Werkstätten im Umkreis der Werkstatt des Jüterboger Retabels In der Niederlausitz ansässige Werkstätten in der Mitte des 15. Jahrhunderts In der Niederlausitz ansässige Werkstätten um 1500

106 108 114

Verhältnis aktueller Kunstbestand und Meißener Bistumsmatrikel Beziehung Weihename – Altar und Weihename – Kunstwerk Mögliche Zuordnungen zwischen Bestand und dokumentiertem Nebenaltar

125 125

IV. Zusammenfassung

131

V. Katalogteil

137

118 120

126

VI. Anhang Ortsverzeichnis Tabellen Literaturverzeichnis Bild- und Kartennachweise Die Autorin

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ie Sichtweise von heute auf mittelalterliche Kunstwerke ist zwangsläufig eine neuzeitliche. Unsere Wahrnehmung vergangener Kultur ist eng an die Normen und Werte von Renaissance und Klassizismus gebunden. Wenn es um Bewertungen und Kategorisierungen von künstlerischer Qualität geht, unterliegt die Einschätzung in hohem Grad dem subjektiv-ästhetischen Maßstab des Betrachters. Deshalb besteht der Motor meiner Beschäftigung nicht im Suchen nach qualitätsvoller Kunst des 14. und 15. Jahrhunderts, sondern fokussiert das Bewahren der überlieferten Kunstwerke auf der einen Seite und die Rekonstruktion der historischen Verhältnisse andererseits. Dabei steht das Bemühen im Vordergrund, den Untersuchungsgegenstand in den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kontext der mittelalterlichen Gesellschaft zu stellen. Die vorliegende Arbeit katalogisiert den Bestand an mittelalterlichen Retabeln, Heiligenfiguren und Kruzifixen, die aus der Niederlausitz stammen bzw. für Altäre in der Niederlausitz geschaffen worden, und setzt diese zu den umliegenden Regionen in Beziehung. Dabei werden sowohl die Kunstgüter berücksichtigt, die sich vor Ort in den Stadt- und Dorfkirchen befinden, als auch diejenigen, die in Pfarrhäusern, Museumssammlungen und im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege in Wünsdorf deponiert sind. Außerdem sind die Objekte mit in die wissenschaftliche Betrachtung einbezogen worden, die als verloren bzw. verschollen gelten, von denen allerdings gute Abbildungen in der Fachliteratur publiziert worden sind. Die Untersuchung bezieht sich auf die Zeit zwischen etwa 1250 und um 1530. Der Forschungszeitraum umspannt das Spektrum zwischen dem ältesten überlieferten, christlichen Kunstwerk, dem thronenden Bischof1 aus dem Museum in Finsterwalde, und dem jüngsten, dem kleinen Retabel aus Groß Kölzig2. Ab etwa 1520 beginnt in der Niederlausitz die Verbreitung des lutherischen Heils- und Gnadenverständnisses, so dass die heiligen Fürbitter ihre Funktion verlieren und das Wallfahrtswesen, der Ablasshandel sowie die katholische Kirchenorganisation zusammenbrechen.3

1 Kapitel V, Kat.-Nr. 119. 2 Kapitel V, Kat.-Nr. 96. 3 Popp, Christian: Umbruch, Abbruch, Aufbruch? In: BÜTOW / RIEDEL / TRESP 2014. S. 316.

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Bischof aus Finsterwalde.

Retabel aus Groß Kölzig.

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Letztendlich soll die Beschäftigung mit dem gewählten Thema das Wissen um die Region Niederlausitz bereichern, indem die mittelalterliche Kunst umfassend der Forschung zugänglich gemacht wird. Schließlich ist der Bestand trotz der Vielzahl vor allem in den Dorfkirchen erhaltener Kunstgüter viel zu unbekannt. Womöglich schafft es die vorliegende Arbeit, zur weiteren Beschäftigung und Recherche anzuregen. Gerade in einer Zeit, in der immer weniger Menschen in die Kirche gehen und das Wissen um die Bedeutung ihres Wertes schwindet, müssen die sakralen Kunstwerke vor dem Vergessen, dem Verfall und schlimmstenfalls vor dem Verlust bewahrt werden.

Aktueller Forschungsüberblick Eine äußerst hilfreiche Dokumentation der Kirchenausstattungen der Stadt- und Dorfkirchen in Brandenburg wurde vom Brandenburgischen Provinzialverband in mehreren Bänden unter dem gemeinsamen Titel »Die Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg« herausgegeben. Diese Bestandsaufnahme erfolgte vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und hinterlässt mitunter aussagekräftige Fotografien in schwarz-weiß. Im Besonderen beziehen sich die Bände Cottbus, Luckau, Crossen und Sorau/Forst auf die Region der Niederlausitz.4 Die Altkreise Lübben, Calau und Guben sind bedauerlicherweise in keinem Band vertreten. Das bedeutet, dass es eine flächendeckende Publikation für die gesamte Niederlausitz nicht gab bzw. gibt. Ein allgemein anerkanntes Nachschlagewerk bildet der Dehio5. Ohne Abbildungen fasst er die wichtigsten geschichtlichen Eckdaten zusammen und benennt die vorhandenen Kunstgüter. Publikationen neueren Datums beleuchten immerhin ausschnitthaft die Region. Besonders hervorzuheben ist die Aufsatzsammlung mit ausgewählten Tagungsbeiträgen zum Thema »Dorfkirchen der Niederlausitz«6 , die in erster Linie vom »Förderkreis Alte Kirchen der Luckauer Niederlausitz« initiiert wurde. Dabei finden sowohl die Archi4 Die Kunstdenkmäler des Stadt- und Landkreises Cottbus. Bearbeitet von Kurt Reißmann, Eberhard Küster und Gerhard Krüger. Berlin: Deutscher Kunstverlag, 1938; Die Kunstdenkmäler des Kreises Luckau. Bearbeitet von Theodor Goecke, Wilhelm Jung und Willy Spatz. Berlin: Im Kommissionsverlage der Vossischen Buchhandlung, 1917; Die Kunstdenkmäler des Kreises Crossen. Bearbeitet von Erich Blunck, Wilhelm Jung, Friedrich Solger, Willy Spatz und Melle Klinkenborg. Berlin: Im Kommissionsverlage der Vossischen Buchhandlung, 1921; Die Kunstdenkmäler des Kreises Sorau und der Stadt Forst. Bearbeitet von Hans Erich Kubach, Joachim Seeger, Wilhelm Jung. Berlin: Deutscher Kunstverlag, 1939. 5 Dehio, Georg: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Brandenburg. Bearbeitet von Gerhard Vinken und anderen. Durchgesehen und erweitert von Barbara Rimpel. Berlin/München: Deutscher Kunstverlag, 2012. 6 Gehrmann, Annegret und Schumann, Dirk (Hg.): Dorfkirchen in der Niederlausitz. Geschichte – Architektur – Denkmalpflege. Kirchen im ländlichen Raum, Band 6. Berlin: Lukas Verlag, 2011.

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tektur der Kirchenbauten und mehrere Ausstattungsstücke überblicksartige Beachtung als auch Ergebnisse archäologischer Grabungen und denkmalpflegerische Aspekte. Eine außergewöhnlich gründliche Untersuchung für Brandenburg unternimmt Peter Knüvener in seiner Dissertation »Die spätmittelalterliche Skulptur und Malerei in der Mark Brandenburg«.7 Anhand der Zentren (Salzwedel, Gardelegen, Stendal, Brandenburg und Berlin) und von Landschaften (Altmark, Mittelmark, Prignitz, Uckermark und Neumark) untersucht er systematisch die mittelalterlichen Kunstwerke und konstatiert für die Nachbarregion Niederlausitz, dass sie »eine von der Mark auffällig scharf abgegrenzte Kunstlandschaft«8 bleibt. Verschiedene Sonderausstellungen der letzten Jahre im Haus der BrandenburgischPreußischen Geschichte in Potsdam lenkten das Augenmerk nicht nur auf die brandenburgischen Kerngebiete, sondern bezogen auch die Niederlausitz in die Betrachtung mit ein. Die daraus resultierenden Begleitpublikationen, wie z. B. »Im Dialog mit Raubrittern und Schönen Madonnen«9, »Europa Jagellionca«10 und »Karl IV. – Ein Kaiser in Brandenburg«11, treffen schlaglichtartig relevante Aussagen zum Forschungsthema und geben den Anstoß zur künftigen Beschäftigung. Weitere Tagungsbände, »Die Kunst des Mittelalters in der Mark Brandenburg«12, »Die Altmark«13 und »Flügelaltäre um 1515«14 verweisen ebenfalls auf die Forschungsnotwendigkeit.15 Aufschlussreich und grundlegend wichtig sind die Museumskataloge, die die Sammlungsbestände der Öffentlichkeit zugänglich machen. Vor allem die »Mittelalterliche Kunst aus Berlin und Brandenburg im Stadtmuseum Berlin«16 und die »Bildwerke nörd-

7 Knüvener Peter: Die spätmittelalterliche Skulptur und Malerei in der Mark Brandenburg. Forschungen und Beiträge zur Denkmalpflege im Land Brandenburg, Band 14. Worms: Wernersche Verlagsgesellschaft, 2011.   8 Ebd., S. 318.   9 Bergstedt, Clemens / Heimann, Hans-Dieter / Kiesant, Knut / Knüvener, Peter / Müller, Mario / Winkler, Kurt (Hg.): Im Dialog mit Raubrittern und Schönen Madonnen. Die Mark Brandenburg im späten Mittelalter. Studien zur brandenburgischen und vergleichenden Landesgeschichte, Band 6. Begleitband zum Ausstellungsverbund. Berlin: Lukas Verlag, 2011. 10 Fajt, Jiří (Hg.): Europa Jagellonica. Kunst und Kultur Mitteleuropas unter der Herrschaft der Jagiellonen 1386 –1572. Ausstellungskatalog. Potsdam, Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, 2013. 11 Richter, Jan / Knüvener, Peter / Winkler, Kurt (Hg.): Karl IV. – Ein Kaiser in Brandenburg. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg, 2016. 12 Badstübner, Ernst / Knüvener, Peter / Labuda, Adam S. / Schumann, Dirk (Hg.): Die Kunst der Mittelalters in der Mark Brandenburg. Tradition – Transformation – Innovation. Berlin: Lukas Verlag, 2008. 13 Fajt, Jiří / Franzen, Wilfried / Knüvener, Peter (Hg.): Die Altmark von 1300 bis 1600. Eine Kulturregion im Spannungsfeld von Magdeburg, Lübeck und Berlin. Berlin: Lukas Verlag, 2011. 14 Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum: Flügelaltäre um 1515 – Höhepunkte mittelalterlicher Kunst in Brandenburg und den Nachbarregionen. Berlin: hendrik Bäßler verlag, 2016. 15 Bereits 2006 bei Wetter, Evelin: Die Lausitz und die Mark Brandenburg. In: FAJT 2006, S. 348. 16 Nentwig, Franziska (Hg.), bearbeitet von Peter Knüvener: Mittelalterliche Kunst aus Berlin und Brandenburg im Stadtmuseum Berlin. Berlin: Stiftung Stadtmuseum und G+H Verlag, 2011.

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lich der Alpen«17 bilden eine erkenntnisreiche Grundlage für die vorliegende Arbeit. Aber beispielsweise auch die Kataloge der Museen in Prag, Breslau, Lübeck, Nürnberg, Salzwedel und Chemnitz18 sind unerlässliche Hilfsmittel und eröffnen die Möglichkeit der aufbauenden Recherche und vergleichenden Forschung. Bis jetzt liegt der Forschung keine systematische Bearbeitung der mittelalterlichen Retabel, Andachtsbilder und Kruzifixe für das gesamte Gebiet der Niederlausitz vor.19 Die große Ausnahme bildet der hervorragende Katalog zur Wandmalerei.20

Fragestellungen Von der Substanzsicherung als Ausgangspunkt für die vorliegende Arbeit abgesehen, ergeben sich zwangsläufig dutzende Fragen und Wege, die es zu erforschen gilt. Einige wenige können vielleicht geklärt, der größte Teil kann nur andiskutiert werden und muss offen bleiben. Der Niederlausitz fehlt es an Hauptwerken, die zur Rezeptionsforschung genutzt werden können. Das mittelalterliche Interieur der Stadtkirchen ist nahezu flächendeckend verloren gegangen. Lediglich aus der Stadtkirche von Senftenberg ist ein qualitätsvolles Passionstriptychon21 erhalten, das jetzt in der Klosterkirche von Doberlug aufgestellt ist. Die 1945 verbrannte Ausstattung der Beeskower Marienkirche22 kann wenigstens anhand von Fotos nachvollzogen werden. Demgegenüber ist ein verhältnis-

17 Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst (Hg.), bearbeitet von Kunz, Tobias: Bildwerke nördlich der Alpen 1050 bis 1380. Kritischer Bestandkatalog. Petersberg: Michael Imhof Verlag, 2014. 18 Niedzielenko, Andrzej und Vlnas, Vít (Hg.): Schlesien – die Perle in der Krone Böhmens. Drei Blütezeiten der gegenseitigen Kunstbeziehungen. Prag: Nardodní Galerie, 2006; Guldan-Klamecka, Bożena und Ziomecka, Anna: Sztuka Na Śląsku XII-XVI W. Katalog Zbiorów. Wrocław: Muzeum Narodowe we Wrocławiu, 2003; Albrecht, Uwe (Hg.), bearbeitet von Uwe Albrecht, Jörg Rosenfeld und Christiane Saumweber: Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein. Band I: Hansestadt Lübeck, St. Annen-Museum. Kiel: Verlag Ludwig, 2005; Museen des Altmarkkreises Salzwedel (Hg.), Knüvener, Peter mit Beiträgen von Witt, Detlef und Jeitner, Christa: Die mittelalterlichen Kunstwerke des Johann-Friedrich-Danneil-Museums in Salzwedel. Sammlungskatalog. Berlin: Hendrik Bäßler Verlag, 2015; Tofahrn, Silke: Gotische Skulptur in Sachsen. Führer durch die Ausstellung im Schloßbergmuseum Chemnitz. Mit Beiträgen von Friedrich Staemmler und Uwe Fiedler. Herausgegeben von Kunstsammlungen Chemnitz, Schloßbergmuseum Skulpturensammlung und Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Bielefeld/Leipzig: Kerber Verlag, 2009. 19 Für die Oberlausitz ist ebenfalls kein kunsthistorisches, umfassendes Überblickswerk publiziert. 20 Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum (Hg.): Mittelalterliche Wandmalerei in Brandenburg. Band 1: Der Südosten – die Brandenburgische Lausitz. Worms: Wernersche Verlagsgesellschaft, 2010. 21 Kapitel V, Kat.-Nr. 46. 22 Kapitel V, Kat.-Nr. 63, 138 und 144.

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Triptychon aus Senftenberg.

mäßig reicher Bestand an mittelalterlichen Retabeln, Fragmenten von Retabeln, Heiligenfiguren und Kruzifixen in den Dorfkirchen erhalten geblieben. Der sich aus der werkzentrierten Perspektive ergebende Überblick bietet vielleicht die Möglichkeit, Erkenntnisse zu verallgemeinern bzw. Besonderheiten zu spezifizieren. Was sagt der Vergleich der sakralen Kunstwerke miteinander über den Handel, die möglichen Importwege und die Vernetzung mit den Nachbarregionen aus? Wie groß und bedeutend waren die Städte der Niederlausitz im 14. und 15. Jahrhundert überhaupt? Welchen Einfluss die politischen Bande und die damit verbundenen historischen Prozesse auf die Formensprache der Schnitzmeister haben, bleibt herauszustellen. Bestehen lokale Traditionen? Legen typische Stilmerkmale sogar nahe, von mehreren in den Zentren der Niederlausitz ansässigen Werkstätten auszugehen? Gibt es eine »Niederlausitzer Formensprache«? Oder werden bestimmte Motive und Modeströmungen lediglich kopiert, und nicht künstlerisch transformiert? Zur lokalen Betrachtungsweise ist der überregionale Vergleich wünschenswert.

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Retabel aus Beeskow.

Welchen Heiligen werden die Altäre geweiht? Gibt es Unterschiede zwischen den Stadt- und Dorfkirchen? Lassen sich Stifter identifizieren und welche Rolle kommt ihnen bei der Wahl der Retabelprogramme zu? Können Zusammenhänge zwischen Weiheheiligen, Stiftern und Retabelprogramm hergeleitet werden? Aus der Fülle der Fragen ergibt sich die Aufgabe, das Netzwerk aus Kommunikationsprozessen für die Region der mittelalterlichen Niederlausitz zu beleuchten und die Bündelung aus Zusammenhängen zu entflechten, um die zugrundeliegende Struktur und die konstitutiven Eigenheiten erkennen zu können.

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Methodisches Vorgehen Anhand des aktuellen Dehio’s, der die Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg betreffenden Bände, verschiedener Museumskataloge und einschlägiger Publikationen23 sowie mithilfe der Unterstützung der zuständigen Kirchenvertreter, Museumsmitarbeiter und Archivare wurde der Bestand an mittelalterlichem Kircheninterieur mit der Provenienz »Niederlausitz« aufgearbeitet. So konnte eine Liste mit Retabeln, Fragmente von Retabeln, Pietas, Einzelfiguren, Johannesschüsseln, Triumphkreuzgruppen und Kruzifixen für 104 Orte erstellt werden. Im Vordergrund stand die Arbeit am Objekt. Das Kunstwerk selbst an seinem aktuellen Standort ist als wichtigste Quelle befragt worden. Die Analyse fand mit dem bloßen Auge und dem Vergrößerungsglas statt. Es wurde der Versuch unternommen, vor allem die Unterscheidungsmerkmale anhand von Gesamtkomposition, Körperproportionen, Gesichtstypus, Gewanddraperien und des Verhältnisses zwischen Körper und Gewand zu systematisieren. Außerdem wurden Spuren der Schnitzwerkzeuge, Hinweise auf den Fertigungsprozess sowie Befunde des Materials und die Fassung bzw. Fassungsrückstände betreffend gesammelt und dokumentiert. Durch diese objektiven Kriterien sollte die signifikante Machart des einzelnen Werkes herauskristallisiert werden, wodurch der Vergleich zwischen den Werken möglich wird. In einigen Fällen gestaltete sich die Bestandsaufnahme vor Ort aufgrund der Beleuchtungssituation und der teilweisen Unzugänglichkeit schwierig. Unter Zuhilfenahme von Leitern und stärkeren Leuchtmitteln konnten dennoch einigermaßen brauchbare Fotografien sowie Maße gewonnen und die Skulpturen nach Möglichkeit von allen Seiten begutachtet werden. Falls nicht, wurden die Maße geschätzt. Der nächste Schritt lag im Katalogisieren. Aussagen zu Standort, Herkunft, Datierung, Maßen, Material, Werkstatt, Beschreibung des Objektes und seines Zustandes, Literaturangaben und eine möglichst aussagekräftige, farbige Fotografie sind zusammengefasst worden. Kunsttechnologische Untersuchungen wären zusätzlich wünschenswert, um die Ergebnisse präzisieren bzw. bestätigen zu können. Aspekte in diese Richtung sind eingearbeitet worden, soweit Restaurationsberichte bzw. dendrochronologische Untersuchungen dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege in Wünsdorf vorlagen.24

23 Die Auflistung der wichtigsten genutzten Literatur befindet sich unter 1.1.1. Forschungsüberblick. 24 Allerdings entspricht das verwendete Material der zu betrachtenden Kunstwerke hauptsächlich Laubholz, in den meisten Fällen Lindenholz, was durch seinen ungleichmäßigen Wuchs zu den Baumarten gehört, die keine Alters- und Herkunftsbestimmung mithilfe der Auswertung von Jahresringen zulassen, so dass rein naturwissenschaftliche Methoden in diesem Fall keine Aussagen bezüglich der Datierung und der Provenienz treffen können.

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Archivarbeit konnte begrenzt geleistet werden. Die Kirchenarchive vor Ort brachten kaum Ergebnisse. Die Akten zu den Objekten und die Restaurationsberichte, die im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege in Wünsdorf aufbewahrt werden, sind soweit vorhanden berücksichtigt worden; auch die Urkundenbücher zur Geschichte des Markgraftums Niederlausitz25 und die Urkundenbücher des Codex Diplomaticus Saxoniae Regiae26. Besonderer Schwerpunkt war die Analyse der Meißner Bistumsmatrikel von 1495.27 Dieses administrative Verzeichnis enthält die mittelalterliche Struktur des Bistums Meißen und listet die Altarzinsen aller Pfarr- und Filialkirchen des Domdekanats, der Dekanate Meißen und Bautzen, der Propsteien von Meißen, Wurzen, Riesa, Bautzen, Großenhain sowie der Archidiakonate Nisan, Chemnitz, Zschillen, Oberlausitz und Niederlausitz auf.28 Eine vielversprechende Quelle scheint die Edition der Papsturkunden für böhmische Empfänger ab 1305.29 Diese Recherche würde jedoch den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen und ist deshalb nicht vorangetrieben worden. Für das Herausarbeiten eines umfassenden Bildes der mittelalterlichen Verhältnisse haben sich die Stadtchroniken der Niederlausitzer Städte als unerlässlich erwiesen. Besonders die vor dem Ersten Weltkrieg publizierten Werke versammeln breitgefächertes Quellenmaterial zu den Hauptthemen der örtlichen, politischen Geschichte, der Kirchen- und der Schulgeschichte. Die hauptsächlich von Pfarrern oder Lehrern verfassten Chroniken liegen für die Städte Beeskow, Calau, Cottbus, Dahme, Finsterwalde, Forst, Guben, Lieberose, Lübben, Luckau, Pförten, Senftenberg, Sorau und Spremberg vor.30 25 Lehmann, Rudolf (Hg.): Urkundenbuch des Klosters Dobrilugk und seiner Besitzungen. Im Auftrage der Stände des Markgraftums Niederlausitz. Leipzig/Dresden: B. G. Teubner, 1942. Lippert, Woldemar (Hg.): Urkundenbuch der Stadt Lübben, Band 3. Die Urkunden der Stadt und des Amtes Lübben, der Herrschaften Zauche, Pretschen und Leuthen. Im Auftrage der Stände des Markgraftums Niederlausitz. Dresden: Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung, 1933. Theuner, Emil (Hg.): Urkundenbuch des Klosters Neuzelle. Im Auftrage der Stände des Markgraftums Niederlausitz. Lübben: 1897. 26 Der CDS ist vollständig unter http://codex.isgv.de/codex.php frei verfügbar. Das Projekt verdanken wir dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V. und der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. 27 Dazu ausführlicher Kapitel 2.3. Die Meißener Bistumsmatrikel. 28 CODEX DIPLOMATICUS SAXONIAE I. S. 197– 234. 29 Klicman, Ladislav / Novák, Johann Friedrich / Jensovsky, Friedrich u. a. (Hg.): Monumenta Vaticana res gestas Bohemicas illustrantia, Prag 1903 – 2003. Die Bände 1– 6 sind digital zugänglich auf der Seite Czech Medieval Sources online des Centre for Medieval Studies in Prag. 30 Ziethe, Wilhelm: Chronik der Stadt Beeskow bis zur Herrschaft der Hohenzollern: Nach den Acten des Beeskower Communalarchivs. Beeskow: Louis Stempel, 1884. Reprint der Harvard University, 1957; Moderhack, Richard: Die ältere Geschichte der Stadt Calau in der Niederlausitz. Calau: Im Verlag des Magistrats, 1933. Reprint. Guben: Niederlausitzer Verlag, 2016; Christl, Andreas / Christl, Gundula / Donner, Helmut / Friedrich, Christian / Härtel, Ricardo / Herold, Volkmar / Krestin, Steffen / Zilz, Gerhard: Geschichte der Stadt Cottbus. Cottbus. Schiemenz, 1994; Reinhold, Werner: Chronik der Stadt Dahme und der Umgegend. Dahme: August Hilscher, 1845; Schlobach, Otto: Zur Geschichte der Stadt Finster-

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Äußerst hilfreich waren auch die Abhandlungen über die Geschichte der Niederlausitz, die Rudolf Lehmann geschrieben hat.31

Definitionen Der mittelalterlichen Niederlausitz, dem in den Fokus genommenen Untersuchungsgebiet, liegt der Archidiakonat Niederlausitz zuzüglich der Sedes Sorau zugrunde. Kapitel 2.1. und 2.2. führen die Argumente, die zu dieser Begriffsfindung und konstruierten Grenzbildung geführt haben, genauer aus. Damit die mittelalterlichen Kunstwerke in die Betrachtung und Analyse einbezogen werden konnten, mussten sie folgende Kriterien erfüllen: Provenienz Niederlausitz, mittelalterliche Datierung, hölzerner Bildträger und Zugehörigkeit bzw. vermutliche Zugehörigkeit zu einem Altar als Verbildlichung der Weiheheiligen. Die Zählung der Objekte erfolgt in ihrem Zusammenhang. Ein Retabel, gleichgültig aus wie vielen Einzelteilen es zusammengesetzt ist, wird als ein Objekt gezählt, während Retabelfragmente oder Einzelfiguren bzw. Kruzifixe ebenfalls als ein Objekt gezählt werden. Die Datierung der Kunstwerke ist, z. T. in Anlehnung an vorhandene Fachliteratur, größtenteils im Vergleich der Kunstgüter untereinander aber auch im Vergleich mit überregionalen Museumsbeständen und Kirchenausstattungen, durch den Autor selbst vorgenommen worden.

walde. Finsterwalde: Druck und Verlag von Richard Espenhahn, 1892; Schneider, Johannes Christoph: Chronik der Stadt und Standesherrschaft Forst vor und nach der Vereinigung mit der Standesherrschaft Pförten. Guben: Eduard Berger, 1846. Reprint nach dem Original. Guben: Niederlausitzer Verlag, 2008; Loocke, Johann Christian: Geschichte der Kreisstadt Guben, nebst einigen Nachrichten und der Regentenfolge von der Niederlausitz. Görlitz: Ungerische Schriften, 190; Krüger, Karl Wilhelm: Alt-Lieberose. Mitteilungen aus der Geschichte der Stadt Lieberose und der Gegend. Lieberose: Im Selbstverlage des Verfassers, 1904. Reprint. Guben: Niederlausitzer Verlag, 2008; Neumann, Johann Wilhelm: Geschichte der Kreis-Stadt Lübben im Markgrafthum Niederlausitz. Lübben: F. Driemel u. Sohn, 1846. Reprint der Ausgaben von 1846 (erste Abteilung) und 1857 (zweite Abteilung) durch den Förderverein des Stadt- und Regionalmuseums Lübben e. V. Alfa Verlagsgesellschaft mbH, 2000; Vetter, Prof. Dr. Julius: Chronik der Haupt- und Kreis-Stadt Luckau im Markgrafthum Niederlausitz. Luckau: Kutscher, 1871; Schneider, Johannes Christoph: Chronik der Stadt und Standesherrschaft Forst vor und nach der Vereinigung mit der Standesherrschaft Pförten. Guben: Eduard Berger, 1846. Reprint nach dem Original. Guben: Niederlausitzer Verlag, 2008; Paulitz, P.: Chronik von Senftenberg. Nach authentischen Quellen, Heft 1–31. Großenhain: Starke & Sachse, 1892 –1925; Worbs, Johann Gottlob: Geschichte der Herrschaften Sorau und Triebel. Sorau: J.D. Rauert, 1826. Reprint nach dem Original. Guben: Niederlausitzer Verlag, 2008; Werner, Reinhold: Chronik der Stadt und des Kreises Spremberg. Spremberg: Säbisch, 1843. (2. Auflage 1933). 31 z. B. Lehmann, Rudolf: Geschichte der Niederlausitz. Veröffentlichungen der Berliner Historischen Kommission beim Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, Band 5. Berlin: de Gruyter, 1963.

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Madonna in der Katholischen Christuskirche Cottbus.

Schmerzensmann in der Steinkirchener Dorfkirche in Lübben (Spreewald).

Aufgrund der fehlenden schriftlichen Quellen, die den Auftrag des jeweiligen Retabels bzw. der Schnitzfigur ohne Zweifel der Kirche/dem Standort zuordnen könnten, in dem sich das Kunstwerk heute befindet, muss der endgültige Beweis ausbleiben. Dennoch, und um überhaupt eine Argumentation beginnen zu können, wird weiterhin angenommen, dass die heutige, vorgefundene Situation dem ursprünglichen Standort entspricht, soweit kein anderes Dokument jene Annahme widerlegt. Falls beweisende Quellen für ein Kunstgut gefunden wurden, die eine Provenienz »Niederlausitz« ausschließen, obwohl die Prämisse der Datierung und des heutigen Standortes im Untersuchungsgebiet erfüllt sind, ist das Objekt nicht mit in die Betrachtung einbezogen worden. Das betrifft im Einzelnen die Madonna in der Katholischen Christuskirche in Cottbus, die die Ordensschwestern aus ihrem Mutterkloster mitgebracht hatten, und die Mondsichelmadonna in der Propsteikirche St. Maria Friedenskönigin in Cottbus, die laut Aussage des Pfarrbüros eine Leihgabe des Erfurter Doms ist. Außerdem muss der Schmerzensmann in der Steinkirchener Dorfkirche der Auflistung hinzugefügt werden, da das Andachtsbild erst 1908 aus dem Kaiser-Friedrich-Museum Berlin u. a. im Austausch mit der Figur des Heiligen Pankratius in den Besitz der Gemeinde gelangte.

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II. Die mittelalterliche Niederlausitz

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ie Niederlausitz war im Mittelalter keine kontinuierlich wachsende Landschaft mit einem starken Hauptort oder Zentrum. Eher muss man die Region als ein Konglomerat verschiedener Standesherrschaften verstehen, das ständig politischen Umbrüchen unterworfen war. Die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse wechseln häufig und erscheinen mitunter vergleichsweise unübersichtlich. Die Niederlausitz lag »ungünstig inmitten einer politischen Kontakt- und Kampfzone zwischen den brandenburgischen Wittelsbachern, den sächsischen Askaniern, den wettinschen Markgrafen von Meißen, den schlesischen Herzögen und Luxemburgern. Die territorialpolitische Durchschlagskraft und auch die Ambitionen dieser verschiedenen Prätendenten hielten sich in diesem Raum lange ungefähr die Waage, ohne dass einer einen entscheidenden Vorteil gewinnen konnte. Man drang daher quasi von außen mit einzelnen strategischen Schritten in diesen Raum ein, erwarb etwa Pfandschaften einzelner Gebiete oder zog wichtige Adelsfamilien auf seine Seite – beides wirkte sich desintegrierend auf das Land aus.«1

Grenzbildung, Territorium, Machtansprüche Die Frage nach der Grenzziehung einer mittelalterlichen Niederlausitz ist nicht einfach zu beantworten. Die Karte aus der Schedelschen Weltchronik von 14932 zeigt die »Marchia Lusacia« als Landstrich ohne exakte Grenze. Topographische Karten, die die Grenzen des Markgraftums Niederlausitz differenziert darstellen, tauchen erst Anfang des 18. Jahrhunderts auf, was natürlich mit dem Einsetzen des strukturierten Vermessens der Territorien begründet ist. Herausbildung des Markgraftums Niederlausitz Deutsche Stämme erobern im 10. Jahrhundert das Gebiet der Slawen östlich der Elbe bis zu den Flüssen Oder und Bober. Historische Fixpunkte dieser Auseinandersetzungen sind die Schlacht auf dem Lechfeld 955 unter der Führung Kaiser Ottos I., 963 die Unterwerfung der Lusizi durch Markgraf Gero und der große Slawenaufstand 983.3 Das er1 Wejwoda, Marek: Die Lausitzen im 14. Jahrhundert. In: Die Nieder- und Oberlausitz, Band I. S. 201. 2 Katalog Museum Viadrina, Nr. 3. In: DEITERS/KEMMETHER 2017, S. 188 –189. 3 Naumann, Günter: Sächsische Geschichte in Daten. S. 13 –15.

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oberte Gebiet wird in Grenzländer, sogenannte Marken, eingeteilt, wobei das Siedlungsgebiet der slawischen Lusizi den Namen Mark Lausitz erhält.4 Naturräumlich meint das die weite Landschaft zwischen Elbe und Fläming im Westen, Oder, Neiße und Bober im Osten sowie der Schwarzen Elster und der Pulsnitz mit Schraden und Muskauer Heide im Süden. In allen eroberten Gebieten vertreten Markgrafen die Herrschaftsgewalt des römisch-deutschen Kaisers, die das Land zum Lehen erhalten und die Tribute einzutreiben haben. Dazu bedienen sie sich des militärischen Stützpunktsystems aus Burgwarden, die unmittelbar an den Siedlungen der Slawen errichtet werden.5 Schwächen des römisch-deutschen Kaiserhauses der Ottonen nutzend, dringen schließlich auch die polnischen Piasten unter Boleslaw Chrobry in die slawischen Gebiete und unterwerfen sie ihrerseits. Erst unter dem Salier-Kaiser Konrad II. erfolgt 1031 die dauerhafte Rückeroberung.6 Dem schließt sich eine Zeit wechselnder Zugehörigkeiten hinsichtlich der Markgrafschaft zwischen dem südlichen Territorium, der Mark Meißen, und dem nördlichen Gebiet, der Mark Brandenburg bzw. der Nordmark, an. Im 12. Jahrhundert kommt es zu einem Bevölkerungsüberschuss in den deutschen und niederländischen Siedlungsgebieten, was eine massenhafte Siedlungsbewegung, die sogenannte Ostsiedlung, auslöst, die nach und nach die ehemals slawischen Gebiete, Teile Polens, Schlesien, Teile Böhmens und Mährens, Teile Ungarns und Rumäniens erfasst.7 In den Marken Meißen und Lausitz wird dieser Prozess zuerst durch Wiprecht von Groitzsch, seit 1123 Markgraf von Meißen und der Lausitz, initiiert und befördert, der vor allem Franken über den Erzgebirgskamm, später auch Thüringer, ins Land holt.8 Getragen wird die Organisation der Kolonisierung von den Ministerialen, d. h. dem niederen Adel, der sich davon mehr Macht und Einfluss mithilfe höherer Einnahmen und Frondienste durch die angesiedelten Bauern verspricht. 1123 erhält Graf Albrecht von Ballenstädt die Niederlausitz.9 Nach weiterem Hin und Her gelangt 1136 Konrad von Wettin, Markgraf von Meißen, in den Lehnsbesitz der Niederlausitz10. Die Wettiner halten den Lehnsbesitz nun dauerhaft bis 1301. Sie führen die bisherige Politik des Landesausbaus, insbesondere unter Heinrich III. dem Erlauchten fort, der diesen auch weiter in beide Lausitzen hineinträgt. Er gründet das

4 Die »Marchia Lusacie« (= Mark Lausitz) mit den genannten Flüssen als Begrenzung taucht noch 1301 in der Verkaufsurkunde zugunsten von Erzbischof Burkhard von Magdeburg auf. Vgl. Heimann/Neitmann/Tresp: Konturen einer Integrationslandschaft. In: Die Nieder- und Oberlausitz, Band I. S. 20.   5 Blaschke, Karlheinz: Geschichte Sachsens im Mittelalter. S. 59.   6 Engel, Evamaria und Holtz, Eberhard (Hg.): Deutsche Könige und Kaiser des Mittelalters. S. 102.   7 Kuhn, Walter: Vergleichende Untersuchungen zur mittelalterlichen Ostsiedlung. Karte zu den Phasen der Ostsiedlung.   8 Blaschke, Karlheinz: Geschichte Sachsens im Mittelalter. S. 76.   9 Schrage, Gertraud Eva: Entstehung und Entwicklung der Markgrafschaft Niederlausitz im hohen Mittelalter. In: NEITMANN 2006. S. 54. 10 Naumann, Günter: Sächsische Geschichte in Daten. S. 24.

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Zisterzienserkloster Neuzelle. Ähnlich aktiv agiert zu dieser Zeit der Magdeburger Erzbischof Wichmann, ebenfalls ein Spross der Wettiner, indem er die Ansiedlung von Flamen und Niedersachen im Gebiet östlich der Elbe und im Fläming vorantreibt. Dass bei der Siedlungsbewegung im ostmitteldeutschen Raum nicht ausschließlich Deutsche, sondern auch Siedler slawischer Herkunft beteiligt sind, lässt sich direkt für das Pleißenland und die östliche Oberlausitz nachweisen.11 Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass diese Tatsache auch für die Niederlausitz zutrifft. Um die Jahrhundertwende vom 13. zum 14. Jahrhundert bedrängt der römisch-deutsche König die Wettiner um ihre Ansprüche auf die Mark Meißen und die Landgrafschaft Thüringen, so dass sie zur Beschaffung finanzieller Mittel u. a. die Niederlausitz verpfänden müssen. Erst nach der siegreichen Schlacht bei Lucka (nahe Leipzig) 1307 können die Wettiner sich dauerhaft durchsetzen12, verlieren aber die Niederlausitz. Dem Umstand, dass die Pfändungsurkunde von 1301 überliefert ist, verdanken wir eine erste – und zwar naturräumliche – Beschreibung des Territoriums der Markgrafschaft Niederlausitz. Es reicht vom Fluss Dahme bis zur Landschaft Sorau und von der Schwarzen Elster bis zur Oder sowie von der Oder bis zur Schlaube bzw. von der Schlaube bis zum Bober: »Praedicta enim terra seu Marchia Lusatiae incipit ab illa parte aquae Damis, et continet in se Zanowe etc. item praedicta terra incipit ab Oelstera nigra et protendit usque Oderam, et ab Odera, usque an fluvium Slube, et a slube usque ad fluvium Boberam«.13 Unter böhmischer Herrschaft Schließlich nutzt der böhmische König und spätere Kaiser Karl IV. die Gunst der Stunde und kauft 1368 die Markgrafschaft Niederlausitz und 1373 die Markgrafschaft Brandenburg, fördert den Sechs-Städte-Bund in der Oberlausitz und bindet die Schlesischen Herzogtümer an sich.14 Böhmische Adlige, meist Mitglieder des Prager Hofes, übten als sog. Landvögte, die Herrschaft in den inkorporierten Ländern aus und wählten ihrerseits Stellvertreter und Unterhauptleute aus dem lokalen Adel für die niederen Ämter: »Das innere Leben des Landes, seine Gewohnheiten und spezifische Merkmale, wurden durch die Angliederung an die Böhmische Krone im Wesentlichen nicht gestört. Allerdings nahmen damit die Kontakte nach Prag zu – und zwar nicht nur im administrativen Sinne, sondern auch in sozialer und kultureller Hinsicht.«15

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Schulze, Hans K.: Siedlung, Wirtschaft und Verfassung im Mittelalter. S. 23 –32. Naumann, Günter: Sächsische Geschichte in Daten. S. 53. Reinhold, Werner: Chronik der Stadt Dahme und der Umgegend. S. 64 – 65. Heimann / Neitmann / Tresp: Konturen einer Integrationslandschaft. In: HEIMANN / NEITMANN / TRESP 2013. S. 20. 15 Bobková, Lenka: Zwei Länder der Böhmischen Krone in der Zeit der Luxemburger. In: HEIMANN / NEITMANN / TRESP 2013. S. 215.

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Im Zusammenhang mit dem Verkauf der Niederlausitz durch den Wettiner Friedrich III., Markgraf von Meißen und Landgraf von Thüringen, an Karl IV. werden in der Urkunde vom 8. August 1353 erstmals Landesteile konkret differenziert: »Luckowe hus und stat, Gubin dy stat und daz frowencloster, Sumerfelt hus und stat, Ubgowe daz hus, daz closter zcu der Nuencellen, daz closter zcum Dobirluge, Besekowe, Storkowe, Bucholcz, Fridelant, Lubraz, Luebin, dy Picze, Boransdorf, Sunnenwalde, Tupcz, Schenkendorf, den Sare, des Sezs, Ylburg hus und stat, Elztirwerde, Mukenberg, Lubenowe, Golzsin, Richenwalde, Kotebuz hus und stat, den von Ylburg, des Libenwerde ist, mit dem Forste, Drebekowe, Kalowe und Vinsterwalde, […und] Zcossen.«16 Nach heutiger Schreibweise zählt die Urkunde die Orte Luckau, Guben, Sommerfeld, Übigau, Beeskow, Storkow, Buchholz, Friedland, Lieberose, Lübben, Peitz, Bornsdorf, Sonnewalde, Teupitz, Schenkendorf, Groß Särchen, Seese, Elsterwerda, Mückenberg (heute eine Ortsteil von Lauchhammer), Lübbenau, Golßen, Reichenwalde, Cottbus, Liebenwerda, Forst, Drebkau, Calau, Finsterwalde, Zossen sowie die Herrschaft Ileburg und die Klöster Guben, Dobrilugk und Neuzelle auf. Nach dem Tod Karls IV. 1378 wird sein erstgeborener Sohn Wenzel böhmischer König und damit gleichzeitig Markgraf der Niederlausitz, und als Wenzel IV. Kaiser des römisch-deutschen Reiches. Die Ränkespiele innerhalb des böhmischen Herrscherhauses führen jedoch dazu, dass Wenzel von 1398 bis 1401 seinem Vetter, Jobst von Mähren, die Niederlausitz auf Lebenszeit überlässt. Zur Huldigung durch die Stände kommt es erst 1411: »Damals gelobt ihnen […] [Jobst von Mähren], dass das Land Lausitz von der Krone Böhmen nicht geschieden werden solle, und zwar werden genannt vom Prälatenstande die Äbte von Dobrilugk und Neuzelle und die Äbtissin des Klosters Guben, vom Herrenstand Hans von Biberstein (auf Sorau und Beeskow), Otto von Kittlitz (auf Spremberg), Hans von Cottbus (auf Cottbus), Hans von Torgau (auf Zossen), Anselm von Ronow (auf Lieberose), Otto Schenk von Synow (auf Teupitz), Botho von Ileburg (auf Sonnewalde), dann Ritter und Knechte und endlich die Städte Luckau, Guben, Sommerfeld, Spremberg, Lübben, Calau.«17 Diese Aufzählung der Stände stellt eine weitere umfassende Dokumentation der territorialen und inneren Machtstrukturen der Niederlausitz im Mittelalter dar. Deutlich wird die Ständestruktur bestehend aus den Prälaten der Klöster, den adligen Grundherren und den Städten. Territorial greift der Machtbereich im Norden bis Neuzelle, Beeskow, Zossen und Teupitz, im Süden bis Spremberg und Sorau, im Westen bis Dobrilugk, Luckau, Sonnewalde sowie im Osten bis Guben, Sommerfeld und Sorau. Nicht erwähnt wird, wie auch in der oben genannten Urkunde von 1353, die Herrschaft Dahme.

16 Lehmann, Rudolf: Urkundeninventar zur Geschichte der Niederlausitz, Nr. 561. 17 Lehmann, Rudolf: Geschichte der Niederlausitz. S. 106 – 07.

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Nach dem Tod Jobst von Mährens 1411 fällt das Markgraftum wieder an Wenzel zurück. Als auch dieser 1419 stirbt, sieht sich sein Bruder Sigismund endlich am Ziel, als Abschluss seines Machtstrebens nach der böhmischen Krone zu greifen. Sigismund – seit 1411 deutscher König – ringt schon seit längerem darum, mit päpstlichem Segen die Kaiserkrone zu erhalten. Zu dieser Zeit herrscht die größte Krise des Papsttums: das abendländische Schisma. Drei Päpste beanspruchen den Stuhl Petri. In der Überwindung des abendländlichen Schismas sieht Sigismund seine größte Herausforderung. Als spiritus rector initiiert er 1414 das Konstanzer Konzil.18 Vor Beginn des Konzils lässt er sich in Aachen zum Kaiser krönen. Während des Konzils aber wird auch die Ketzerei des Jan Hus thematisiert.19 Mit kaiserlichem Wort für freies Geleit kommt Hus am 03. November 1414 in Konstanz an und ihm wird sogleich der Prozess gemacht. Schließlich, am 06. Juli 1415, wird Hus auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Konzil endet 1418 mit der Einigung auf die Wahl von Papst Martin V. und damit der Herstellung der Einheit des Papsttums. Sigismunds Wortbruch und sein Griff nach der böhmischen Königskrone 1420 ist allerdings das Fanal für den Beginn der Hussitenkriege und damit unruhiger Zeiten für die Niederlausitz. Das Wirken des Landvogts Hans von Polenz Bereits im September 1420 dringt ein kleines Heer der Hussiten bis nach Zittau vor, wodurch die Lausitzen erstmals vor der drohenden Gefahr gewarnt waren.20 Anfang des Jahres 1422 hält sich die Kunde, dass hussitische Scharen die Niederlausitz mit einem Einfall bedrohen. Daraufhin ruft der damalige Landvogt, Hans von Polenz, Landstände und Städte nach Lübben, um einen Abwehrbund zu schmieden.21 Nach einigem Hin und Her zur Übernahme der Schutzmacht für die Niederlausitz verpfändet König Sigismund am 06. September 1422 für 7859 Schock böhmische Groschen das Markgraftum mit allen Rechten und Einkünften an Hans von Polenz.22 Damit liegt die ganze Verantwortung der Verteidigung des Landes beim Landvogt, der praktisch wie ein Markgraf regieren konnte. In dieser Zeit hat er zeitweise auch die Verweserschaft der Oberlausitzer Landvogtei inne. Dieser Umstand führt dazu, dass unter seiner Herrschaft ein Bündnis des Adels und der Städte beider Lausitzen zustande kommt und eine gegenseitige Unterstützung durch Geld und bewaffnete Kontingente stattfindet.23 Rudolf Lehmann beschreibt die Zusammenarbeit wie folgt: »Die Oberlausitz mit ihrem System wehrhaf-

18 Stober, Karin: Das Konstanzer Konzil – Eine Umschau. In: KATALOG KONSTANZER KONZIL 2014. S. 218. 19 Hruza, Karel: Die Causa Jan Hus auf dem Konzil. In: KATALOG KONSTANZER KONZIL 2014. S. 270 – 272. 20 Querengässer, Alexander: Die Heere der Hussiten, Teil 2. S. 38. 21 Paulitz, P.: Chronik von Senftenberg. S. 118. 22 Lehmann, Rudolf: Die Geschichte der Niederlausitz. S. 73. 23 Ebd. S. 74.

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ter Städte hielt zunächst als festes Bollwerk alle Stürme auf. […] Im Frühjahr 1426 erging wieder ein Hilferuf der Oberlausitz an die Nachbarlandschaft […]. Im Mai 1427 kamen dem vom Feind bedrohten Görlitz u. a. zu Hilfe: Hans von Polenz, Hans von Cottbus […], Heinrich von Maltitz, dazu Mannschaften aus Spremberg, Sorau, Forst, Triebel, Sommerfeld und Guben«.24 Schützengilden bzw. -bruderschaften, in denen Männer und Frauen aus der Bürgerschaft gleichberechtigt Mitglied sind25, organisieren die Selbstverteidigung der Stadt und den laufenden Wachdienst. Ihre Pflicht, den Landesfürsten im Kriegsfall zu unterstützen, ist »eingeschränkt worden. Man hält sie bloß zur Landesverteidigung an oder zu Auszügen, die nicht länger als einen Tag währen. Dafür sollen sie aber ihre eigene Stadt bewachen und deren Befestigung in gutem Zustande erhalten«.26 Sicherlich war die Art und Weise der Befestigung in den Städten der Niederlausitz ähnlich aufgebaut. Exemplarisch sei an dieser Stelle die Befestigung der Stadt Cottbus beschrieben: »Mit der Anlage der Stadt erfolgte auch ihre Befestigung. […] Mit […] Ausheben des Stadtgrabens […] wurde ein Wall aufgeschüttet und dessen Krone zusätzlich durch eine doppelte Palisade geschützt. Später […] [errichtete man] auf der Innenseite der Palisade […] die Stadtmauer aus Backsteinen.«27 Während Hans von Polenz und seine Mannen mit den Heerscharen Sigismunds gegen die Hussiten außer Landes ziehen, kommt es 1429 doch zum Einfall der Hussiten in die Niederlausitz. Das Land wird flächendeckend heimgesucht. In der Sorauer Chronik steht: »Nach der vergeblichen Belagerung von Bautzen Anfang Oktober bekamen die Hussiten weitere 5000 Mann Verstärkung und zogen in die Niederlausitz.«28 Über Spremberg und Cottbus soll der Weg nach Sommerfeld geführt haben. Weiter schreibt der Chronist: »Guben wurde zu einem Grabe seiner Einwohner gemacht, und das Kloster Neuzelle aufs schrecklichste behandelt. Vor Sorau standen sie gegen Ende des Oktober.«29 Die Stadt Guben und ihr Kloster sowie das Kloster Neuzelle werden niedergebrannt. Während in Neuzelle der gesamte Konvent ausgelöscht wird30, können die Gubener Nonnen sich in das benachbarte Forst retten31 und wenige Jahre später einen Ablass erwirken.32 24 25 26 27

Ebd. S. 74. Krüger, Karl Wilhelm: Alt-Lieberose. S. 37. Paulitz, P.: Chronik von Senftenberg. S. 860 – 861. Christl, Gundula / Christl, Andreas: Die mittelalterliche Stadt von ihrer Entstehung bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. In: COTTBUS 1994. S. 27. 28 Worbs, Johann Gottlob: Geschichte der Herrschaften Sorau und Triebel. S. 44 – 45. 29 Ebd. 30 Schumann, Dirk: Die Zisterzienserklöster Dobrilugk und Neuzelle. HEIMANN / NEITMANN / TRESP 2013. S. 355. 31 Töpler, Winfried: Das Benediktinerinnenkloster vor Guben. S. 33. 32 Bünz, Enno: Die Lausitzen und Rom. In: HEIMANN / NEITMANN / TRESP 2013. S. 76 –77. Die Angabe des Klosterpatroziniums »St. Mauritius« in der Urkunde muss bezweifelt werden. Töpler schreibt,

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Die Senftenberger Chronik erwähnt eine weitere hussitische Heerschar für Ende 1429, die sich offenbar bei Cottbus miteinander wieder vereinten: »… über Liebenwerda, Dobrilugk, Kirchhain und Drehna, wo sie Kirche und Schloss plünderten. Theils zogen sie in kleineren Rotten, die sich da und dort wieder zusammenfanden, theils als geschlossenes Ganze. Die geschlossenen Städte vermieden sie […] größtentheils und hatten es nur auf die Zerstörung der Klöster, Kirchen und Schlösser abgesehen. Von Drehna aus zogen sie weiter nach Lübbenau, Vetschau, Burg, Cottbus und Guben. Ein anderer Zug muß auch in diesem Jahre über Hoyerswerda und Senftenberg gegangen sein.«33 Einige Städte, wie Calau und Drebkau34 sowie Crossen und Sorau35, kaufen sich von den Hussiten frei, um einer Zerstörung oder Plünderung zu entgehen. Im März 1430 hält sich die Nachricht von einem erneuten Einfall der Hussiten. Daraufhin beruft Hans von Polenz die Herren, Mannen und Städte der Niederlausitz zu sich, um einen Vertragsschluss über einen Freikauf mit den Hussiten zu beraten. Gegen Zahlung großer Summen kommt 1432 ein zweijähriger Friedensvertrag zwischen Hans von Polenz und den Hussiten zustande.36 Die ein Jahrzehnt andauernde Furcht vor den Hussiten ist nun endgültig gebannt. Aufteilung und Zersplitterung des Markgraftums Im gleichen Jahr wie Sigismund stirbt auch Hans von Polenz 1437. Damit endet die von Karl dem IV. eingeleitete Phase der Konsolidierung des Landes, die nicht zuletzt durch das Wirken des Hans von Polenz eine besondere Ausprägung während der Zeit der Hussitengefahr gefunden hat, und es beginnt eine fortwährende Aufteilung und Zersplitterung der Niederlausitz bis hin zur Herauslösung von Gebieten aus dem Lehnsverband.37 Liebenwerda, Elsterwerda und Übigau gehören bereits ab 1360 zu Kursachsen, Mückenberg folgt 1405.38 1364 »war an die Stelle von Uebigau das Haus Bärwalde (Berenwalde) bei Dahme getreten und Spremberg ebenso wie Zossen weggefallen.«39 Den Wettinern gelingt es, 1425 die Herrschaft Finsterwalde in ihren Besitz zu bringen, 1448 die Herrschaft Senftenberg, 1477 die Herrschaft Sonnewalde und 1490 bis 1512 die Herrschaften Beeskow, Storkow und Sorau als Pfand. Mit ihnen rivalisieren die Ho-

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das Kloster hätte keinen Namen gehabt, es wurde meist Jungfrauenkloster vor Guben genannt, siehe Töpler, Winfried: Das Benediktinerinnenkloster vor Guben. S. 31. Paulitz, P.: Chronik von Senftenberg. S. 123 –125. Ebd. S. 123. Worbs, Johann Gottlob: Geschichte der Herrschaften Sorau und Triebel. S. 44 – 45. Lehmann, Rudolf: Die Geschichte der Niederlausitz. S. 75 –76. Lehmann, Rudolf: Zur Geschichte der Verkehrsstraßen in der Niederlausitz bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. S. 61. https://de.wikipedia.org/wiki/Lauchhammer-West (Stand: 30.01.2018). Scholz, Michael: Landesherr oder Landesstand? In: HEIMANN / NEITMANN / TRESP 2013. S. 271.

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Die territoriale Situation der dezimierten Markgrafschaft um 1500 nach den vorgenannten Rivalitäten (aus Bulisch, Jens: Das Bistum Meißen in der Reformationszeit. S. 41).

henzollern, die inzwischen die Mark Brandenburg fest in ihrer Hand haben. Ihnen wird schließlich 1462 im Frieden von Guben die Herrschaft Cottbus und Peitz zugesprochen. 1482 folgt die Herrschaft Crossen mit Sommerfeld und Bobersberg.40 Die einzigen Städte der Niederlausitz, die nicht in andere Hände fallen, sondern dauerhaft landesherrlich bleiben, sind Luckau und Guben.41

40 Heimann / Neitmann / Tresp: Konturen einer Integrationslandschaft. In: HEIMANN / NEITMANN / TRESP 2013. S. 21. 41 Wejwoda, Marek: Die Lausitzen im 14. Jahrhundert. In: HEIMANN / NEITMANN / TRESP 2013. S. 197.

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