Schriftenreihe der Johannes-Sassenbach-Gesellschaft Band 6
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ERIC WEIß
Gewerkschaftsarbeit im Vereinigungsprozess Die Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik in der Transformationszeit 1990–1994 Mit einem Gespräch mit Hermann Rappe
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2018 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Umschlag und Satzbild: typegerecht, Berlin Schrift: DTL Albertina 9,8/13 pt Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-95410-227-3 www.bebra-wissenschaft.de
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Inhaltsverzeichnis Vorwort
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Einleitung Anmerkungen zum Forschungsstand Vorgehensweise
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Die deutschen Chemiegewerkschaften – ein Kurzprofil Die Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik Die Industriegewerkschaft Chemie, Glas und Keramik
15 15 17
Der Vereinigungsprozess von IG CPK und IG CGK Die Anfangsphase auf dem Weg zur gesamtdeutschen Chemiegewerkschaft Die Bernauer Beschlüsse und der Kooperationsvertrag Letzte Maßnahmen auf dem Weg zum ersten gesamtdeutschen Gewerkschaftstag Die »antikommunistische« Grundhaltung der IG CPK
19 19 25 29 31
Mitbestimmung im Transformationsprozess? – Industriepolitische Einflussgebiete der IG CPK Die Ausgangssituation der ostdeutschen Chemieindustrie 1989/90 Die Übertragung der Tarifpolitik und »Chemie-Sozialpartnerschaft« auf die neuen Bundesländer Die Anfangsphase Tarifpolitik im Zeichen der Einheit Der Beginn eines tarifpolitischen Kurswechsels
»Beziehungsgeschichten« zwischen der Treuhandanstalt und der IG CPK Einfluss auf die »Ur-Treuhand« Die Veränderung des THA-Verwaltungsrats Das Wechselspiel zwischen Konfrontation und Kooperation
37 37 39 39 42 46
50 50 53 55
Kohl, Rappe und der »Aufbau Ost«
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Schluss Zum Vereinigungsprozess der Chemiegewerkschaften Tarifpolitik Der Einfluss auf Treuhandanstalt und Bundesregierung Fazit
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»Man rettet weder Unternehmen noch Arbeitsplätze am grünen Tisch.« Ein Gespräch mit Hermann Rappe
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Anhang Quellenverzeichnis Literaturverzeichnis Abkürzungsverzeichnis Abbildungsnachweis Zum Autor
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Vorwort Erst in jüngster Zeit wendet sich die Geschichtswissenschaft den deutschen Gewerkschaften im Prozess der Einheit Deutschlands zu. Ihre Rolle in der für viele Beschäftigten oftmals schmerzhaften und enttäuschenden Phase der Transformation der Wirtschaft in Ostdeutschland nach marktwirtschaftlichen Standards ist bislang erst in Ansätzen erforscht. Massenarbeitslosigkeit und Deindustrialisierung ganzer Regionen stellten die Gewerkschaften vor massive Herausforderungen. Der Aufbau funktionsfähiger Gewerkschaftsorganisationen, die Bindung und Gewinnung von Mitgliedern sowie der Einsatz für eine soziale Gestaltung des wirtschaftlichen Umbruchs waren wesentliche Voraussetzungen beim Streben nach »innerer Einheit«. Dabei gab es Erfolge und Niederlagen – dass der Prozess der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse noch nicht abgeschlossen ist, zeigen jüngste Debatten über die Wahrnehmung von Benachteiligung in der ostdeutschen Bevölkerung. Eric Weiß beschreibt erstmals den gewerkschaftlichen Vereinigungsprozess im Bereich der IG Chemie, Papier, Keramik (IG CPK), deren gewerkschaftliche Aktivitäten in der Tarifpolitik sowie ihr Verhältnis zur Treuhandanstalt. Die Publikation fußt auf seiner Staatsexamensarbeit, die er 2017 an der Universität Leipzig abgeschlossen hat. Sie zeigt, welches wissenschaftliche Potenzial in solchen leider meist kaum beachteten Arbeiten liegt. Das Buch verdankt sein Entstehen einer Reihe von Personen. Dank gebührt an erster Stelle dem Autor, der mit seiner Studie eine wichtige Forschungslücke füllt. Zu danken ist ferner dem Verlag und seinem wiederum hervorragenden Lektorat. Birgit Hormann hat mit ihrer Auswahl der Abbildungen entscheidend zum Gelingen der Publikation beigetragen. Rudi Heims Interview mit Hermann Rappe, dem damaligen Vorsitzenden der IG CPK, fügt dem Manuskript eine wichtige Quelle hinzu. Ihnen allen ein herzliches Dankeschön! Berlin, Oktober 2018 Detlev Brunner
Vorwort 7
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Einleitung Die historische Zäsur des Jahres 1989 mit der »Friedlichen Revolution« und dem nachfolgenden Prozess der staatlichen Vereinigung Deutschlands brachte auch die Transformation1 der ostdeutschen Wirtschaft mit sich. Als einer der wichtigsten Industriezweige der Deutschen Demokratischen Republik galt die Chemieindustrie. Im Jahr 1989 stellte der Chemie-Sektor einen Anteil von 20 Prozent der Warenproduktion und einen Exportanteil von 23 Prozent. Für die Arbeitnehmer2 der DDR hatte die chemische Industrie somit eine zentrale Bedeutung. Deutlich wird dies vor allem am Beispiel der größten Chemieregion der DDR im Raum Merseburg – Halle – Bitterfeld, oft auch als »Chemiedreieck« bezeichnet. Nahezu die Hälfte der Bruttoproduktion der gesamten Chemieindustrie der DDR im Jahr 1989 wurde in dieser Region erwirtschaftet. Des Weiteren waren rund 50 Prozent aller Industriebeschäftigten dieser Gegend, circa 82.900, in der Chemiebranche beschäftigt.3 Die vorliegende Arbeit beleuchtet das Wirken der gewerkschaftlichen Interessenvertretung der ostdeutschen Arbeitnehmer im Transformationsprozess. Vorrangig wird hierbei der Frage nachgegangen: Welche Rolle nahm die Industriegewerkschaft ChemiePapier-Keramik im deutschen Vereinigungsprozess ein und inwiefern und auf welchen Ebenen vertrat sie das Interesse der Beschäftigten in der ostdeutschen Chemieindustrie? Als Untersuchungsrahmen dienen dabei die Jahre 1990 bis 1994. Hermann Rappe erklärte als Vorsitzender der IG CPK bereits im Dezember 1989, dass am Ende des in der DDR begonnenen Prozesses nicht nur die staatliche Einheit Deutschlands, sondern auch die Vereinigung der Gewerkschaften stehen werde.4 Am 27. Januar 1990 wurde in Hannover ein Kooperationsvertrag, die Grundlage der späteren Gewerkschaftsvereinigung, zwischen der bundesrepublikanischen IG Chemie-Papier-Keramik (IG CPK) und ihrem DDR-Pendant, der IG Chemie, Glas und Keramik (IG CGK), geschlossen.5 Das Jahr 1994 markierte insofern einen Wendepunkt, als dass die für die Privatisierung der ehemaligen DDR-Betriebe gegründete Treuhandanstalt, als Hauptakteurin der wirtschaftlichen Umbruchs- beziehungsweise Neuordnungsphase, die wirtschaftliche 1 Als Transformation wird hierbei stets die Umwandlung der ostdeutschen Wirtschaft gemäß dem deutschen Einigungsvertrag Artikel 25 (1) verstanden. Folglich war die Treuhandanstalt damit beauftragt »die früheren volkseigenen Betriebe wettbewerblich zu strukturieren und zu privatisieren«. Vgl. Einigungsvertrag, zit. nach: https://www.gesetze-im-internet.de/einigvtr/EinigVtr.pdf, zuletzt eingesehen am 20.7.2017. 2 In der Arbeit wird zugunsten der Lesbarkeit auf die gleichzeitige Verwendung femininer und maskuliner Sprachform verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten für beide Geschlechter. 3 Vgl. Franz Otto Gilles/Hans-Hermann Hertle/Jürgen Kädtler: »Wie Phönix aus der Asche?«. Zur Restaurierung der industriellen Beziehungen in der chemischen Industrie auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, in: Niels Beckenbach/Werner van Treeck (Hrsg.): Umbrüche gesellschaftlicher Arbeit (= Soziale Welt, Sonderband 9), Göttingen 1994, S. 585 – 604, hier S. 586 f. 4 Vgl. Hermann Rappe, in: presse-dienst IG CPK XXV/97, 14.12.1989. 5 Vgl. ebd., XXVI/10, 30.1.1990.
Einleitung 9
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Transformation der neuen Bundesländer als weitestgehend abgeschlossen ansah. Infolgedessen wurde im August 1994 das »Gesetz zur abschließenden Erfüllung der verbliebenen Aufgaben der Treuhandanstalt«6 beschlossen und trat mit Wirkung zum 1. Januar 1995 in Kraft. Zudem beinhaltete es die Umbenennung der mittlerweile in Ostdeutschland »allseits gefürchteten wie verhassten« Treuhandanstalt in Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben.7
Anmerkungen zum Forschungsstand Die großen Herausforderungen, die mit der Zeitgeschichte verbunden sind, ergeben sich aufgrund fehlender Distanz, mangelhafter Literaturgrundlage sowie einem erschwerten oder gar verwehrten Quellenzugang. So ist das Wirken der Gewerkschaften im deutschen Vereinigungsprozess und in der sich anschließenden Transformation der ostdeutschen Wirtschaft bisher Untersuchungsgegenstand nur weniger Forschungen der zeitgeschichtlichen Wissenschaft. Vielmehr finden sich hierzu vor allem Publikationen aus dem Bereich der Sozialwissenschaften. Eine frühzeitige und alle DGB-Einzelgewerkschaften betreffende Analyse, die die Vereinigungen zwischen den west- und ostdeutschen Gewerkschaften dokumentiert, legten Manfred Wilke und Hans-Peter Müller bereits 1991 vor.8 Weiterhin ist der Beitrag von Michael Fichter und Maria Kurbjuhn aus dem Jahr 1992 sowie deren Projekt »Spurensicherung« von 1993 zu nennen, das die Gewerkschaften IG Medien, HBV, GEW und IG Metall im gewerkschaftlichen Aufbauprozess von 1989 bis 1991 erforschte.9 Das unter der Leitung von Theo Pirker und Mitarbeit von Jürgen Kädtler und Hans-Hermann Hertle bereits vor Herbst 1989 angelaufene DFG-Forschungsprojekt über den Strukturwandel im Organisationsbereich der IG CPK thematisiert primär die Zeit der 1970er und 1980er Jahre.10
6 Vgl. Gesetz zur abschließenden Erfüllung der verbliebenen Aufgaben der Treuhandanstalt, https://www. gesetze-im-internet.de/treuhabschlg/TreuhAbschlG.pdf, zuletzt eingesehen am 20.7.2017. 7 Vgl. Marcus Böick: Vom Werden und Vergehen einer (post-)revolutionären Arena. Die Treuhandanstalt in der Umbruchs- und Übergangsgesellschaft, in: Thomas Großbölting/Christoph Lorke (Hrsg.): Deutschland seit 1990. Wege in die Vereinigungsgesellschaft (= Nassauer Gespräche der Freiherr vom Stein Gesellschaft 10), Stuttgart 2017, S. 139 –159, hier S. 157. 8 Vgl. Manfred Wilke/Hans-Peter Müller: Zwischen Solidarität und Eigennutz. Die Gewerkschaften des DGB im deutschen Vereinigungsprozeß (= Konrad-Adenauer-Stiftung Forschungsbericht 68), Melle 1991. 9 Vgl. Michael Fichter/Maria Kurbjuhn: Die Gewerkschaften im Einigungsprozeß. Ausdehnung mit alten Organisationstrukturen und neuen Integrationsproblemen, in: Volker Eichener/Ralf Kleinfeld/Detlef Pollack, et. al. (Hrsg.): Organisierte Interessen in Ostdeutschland (= Probleme der Einheit 12), Marburg 1992, S. 159 –173. Vgl. Michael Fichter/Maria Kurbjuhn: Spurensicherung. Der DGB und seine Gewerkschaften in den neuen Bundesländern 1989 –1991 (= Hans-Böckler-Stiftung, Manuskripte 120), Düsseldorf 1993. 10 Vgl. Jürgen Kädtler/Hans-Hermann Hertle: Sozialpartnerschaft und Industriepolitik. Strukturwandel im Organisationsbereich der IG Chemie-Papier-Keramik (= Schriften des Zentralinstitut für Sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin 78), Opladen 1997.
10 Einleitung
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Dennoch ist die Transformation der chemischen Industrie in den neuen Bundesländern Gegenstand essenzieller Teilveröffentlichungen dieses Projektes, die sowohl die Tarifpolitik der IG CPK als auch ihr Verhältnis zur Treuhandanstalt behandeln.11 Hieraus entstand letztlich auch die Arbeit Carl Chungs im Jahr 1994, der eine erste Auswertung der Struktur- und Industriepolitik am Beispiel des »Chemiedreiecks« vornahm.12 Die Restrukturierung und Privatisierung untersuchte Franz-Otto Gilles am konkreten Beispiel der Filmfabrik Wolfen 1998.13 Bezüglich des Vereinigungsprozesses der DGB-Einzelgewerkschaften mit ihren DDR-Pendants erschienen weiterhin Publikationen zur IG Bergbau und Energie 1996 sowie zur ÖTV im Jahr 2011.14 Hinsichtlich der Publikationen zur Treuhandanstalt lassen sich zwei konträre Richtungen feststellen: Einerseits finden sich Publikationen, die vor allem die skandalösen Geschichten der THA in Form eines »kritischen Romans« in den Vordergrund rücken.15 Andererseits existieren affirmative Darstellungen, hauptsächlich aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich, die häufig mit Zeitzeugenberichten versehen sind.16 Eine kritische Aufarbeitung der Treuhandgeschichte könne man, so Roland Czada, aus den Reihen der Beteiligten nicht erwarten.17 Die aktuellsten Publikationen in der historischen Geschichtswissenschaft erschienen von Marcus Böick im Jahr 2018.18
11 Vgl. Gilles/Hertle/Kädtler, »Wie Phönix aus der Asche?«. 12 Vgl. Carl Chung: Die Struktur- und Industriepolitik des Landes Sachsen-Anhalt am Beispiel des ChemieDreiecks Halle-Merseburg-Bitterfeld (= Berliner Arbeitshefte und Berichte zur sozialwissenschaftlichen Forschung 91), Berlin 1994. 13 Vgl. Franz-Otto Gilles: Am Ende blieb nur die Verpackung. Restrukturierung und Privatisierung der Filmfabrik Wolfen, Berlin 1998. 14 Vgl. Hans-Peter Müller/Manfred Wilke: Braunkohlepolitik der Steinkohlegewerkschaft. Die Energiepolitik der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie im Vereinigungsprozeß 1990 bis 1994, Berlin 1996; Manfred Scharrer: Der Aufbau einer freien Gewerkschaft in der DDR 1989/90. ÖTV und FDGB-Gewerkschaften im deutschen Einigungsprozess, Berlin/New York 2011. 15 Vgl. Peter Christ/Ralf Neubauer: Kolonie im eigenen Land. Die Treuhand, Bonn und die Wirtschaftskatastrophe der fünf neuen Länder, Berlin 1991; Dirk Laabs: Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand, München 2012. 16 Vgl. Birgit Breuel/Hans-Jürgen Allert (Hrsg.): Treuhand intern, Frankfurt a. M./Berlin 1993; Wolfram Fischer/Herbert Hax/Hans Karl Schneider (Hrsg.): Treuhandanstalt. Das Unmögliche wagen, Forschungsberichte, Berlin 1993; Birgit Breuel/Michael C. Burda (Hrsg.): Ohne historisches Vorbild. Die Treuhandanstalt 1990 bis 1994, eine kritische Würdigung, Berlin 2005; Otto Depenheuer/Karl-Heinz Paque (Hrsg.): Einheit – Eigentum – Effizienz. Bilanz der Treuhandanstalt, Gedächtnisschrift zum 20. Todestag von Dr. Detlev Karsten Rohwedder (= Bibliothek des Eigentums 9), Berlin/Heidelberg 2012. 17 Vgl. Roland Czada: Nach 1989. Reflexionen zur Rede von der »Berliner Republik«, in: Martin Gornig/ Roland Czada: Von der Bonner zur Berliner Republik, 10 Jahre Deutsche Einheit, Wiesbaden 2000, S. 13 – 45, hier S. 39. 18 Vgl. Marcus Böick, Vom Werden und Vergehen einer (post-)revolutionären Arena; ders.: Beziehungsgeschichten von Treuhandanstalt und Gewerkschaften in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Konflikte, Kooperationen, Alltagspraxis., in: Detlev Brunner/Michaela Kuhnhenne/Hartmut Simon (Hrsg.): Gewerkschaften im deutschen Einheitsprozess. Möglichkeiten und Grenzen in Zeiten der Transformation, Bielefeld 2018, S. 109 –129; ders.: Die Treuhandanstalt 1990 –1994, Erfurt 2015. Seine im Sommer 2018 publizierte Dissertation konnte für die vorliegende Studie nicht mehr ausgewertet werden:
Anmerkungen zum Forschungsstand 11
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Als großes Hindernis bei der Erforschung der Treuhandgeschichte erweist sich insbesondere der Quellenzugang. Die im Bundesarchiv befindlichen Quellen der THA sind einerseits nur geringfügig erschlossen, andererseits weitestgehend unzugänglich. Für diese Arbeit standen dennoch einige THA-Akten zur Verfügung, die inhaltliche Schnittmengen mit der IG CPK besaßen. Weiterhin begann im Dezember 2016 die Aufarbeitung der THA-Akten durch das vom Bundesfinanzministerium geförderte Projekt der »Geschichte der Treuhandanstalt« des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. Ziel des Projekts ist es, einen Beitrag zur Historisierung der THA zu leisten, insbesondere in Form von Regionalstudien.19 Laut Projektvorstellung befasst sich ein Teilprojekt mit dem Verhältnis von Treuhandanstalt und Gewerkschaften.20 Für die vorliegende Studie stellt der Pressedienst der Gewerkschaft eine entscheidende Quellengrundlage dar. Einen noch vielfältigeren Zugang bietet die eigens von der IG Chemie angefertigte »Dokumentation ›neue Bundesländer‹« für die Jahre 1990 bis 1992, die aus einer Sammlung ausgewählter Pressemitteilungen, Zeitungsartikeln und internen Akten besteht. Des Weiteren dienen die Funktionärszeitung der IG CPK sowie das eigene Mitgliedermagazin als Quellenlage.
Vorgehensweise Zunächst werden die in dieser Arbeit thematisierten west- sowie ostdeutschen Chemiegewerkschaften in Form eines skizzierten Profils vorgestellt. Im Anschluss daran wird der Vereinigungsprozess zwischen der IG Chemie-Papier-Keramik und der IG Chemie, Glas und Keramik dargestellt, der vor allem folgende Fragen aufwirft: Wie verlief dieser Prozess? Welche Maßnahmen ergriff die IG CPK in Hinblick auf die Übertragung westdeutscher Gewerkschaftsstrukturen auf Ostdeutschland? Konnte die IG CGK als DDRGewerkschaft den Vereinigungsprozess mitbestimmen? Und inwiefern spielten SEDVergangenheit und Kommunismus eine Rolle in diesem Prozess? Im Folgenden werden die Mitbestimmungsmöglichkeiten der IG CPK im Transformationsprozess diskutiert. Als Grundlage erfolgt daher zunächst eine Betrachtung der wirtschaftlichen Situation der ostdeutschen Chemieindustrie in den Jahren 1989/90.
Marcus Böick: Die Treuhand. Idee-Praxis-Erfahrung 1990 –1994, Göttingen 2018. Vgl. außerdem Constantin Goschler, Marcus Böick: Studie zur Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, Bochum, 9. November 2017, S. 55 f. (https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Studien/wahrnehmung-bewertung-der-arbeit-dertreuhandanstalt-lang.pdf?__blob=publicationFile&v=22, zuletzt eingesehen 27.2.2018). 19 Vgl. Projektinhalt: http://www.ifz-muenchen.de/forschung/transformationen-in-der-neuesten-zeitgeschichte/projektuebersicht/ea/projekt/die-geschichte-der-treuhandanstalt/, zuletzt eingesehen am 20.7.2017. Vgl. außerdem Dierk Hoffmann: Im Laboratorium der Marktwirtschaft: Zur Geschichte der Treuhandanstalt 1989/90 bis 1994. Ein neues Projekt des Instituts für Zeitgeschichte, in: VfZ 66 (2018) 1, S. 167–185. 20 Vgl. ebd., S. 183.
12 Einleitung
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Nachfolgend wird das Hauptaugenmerk auf die Tarifpolitik während des ostdeutschen Wirtschaftsumbaus gelegt. Dieses Unterkapitel ist mit den Fragestellungen verbunden: Inwiefern gelang der IG CPK der Transfer des bewährten bundesrepublikanischen Tarifsystems sowie der »Chemie-Sozialpartnerschaft« auf den Bereich der ostdeutschen Chemieindustrie? Wie versuchte die IG Chemie, dieses erst zu etablierende System mitzugestalten und mit welchen Problemen sahen sich die Tarifvertragsparteien konfrontiert? Im zweiten industriepolitischen Einflussgebiet der IG CPK, das eines der komplexesten, aber auch interessantesten ist, gilt es vorrangig zu klären: Wie gestaltete sich das Verhältnis zwischen Treuhandanstalt und IG Chemie? Und welche Möglichkeiten und Grenzen hatte die IG CPK, um die Treuhandpolitik zu beeinflussen? Hieraus ergeben sich anschließend weitere Fragen. Hermann Rappe rühmte sich beispielsweise bester Kontakte zum Bundeskanzleramt und zu Helmut Kohl selbst. Daher wird der Fragestellung nachgegangen: Welchen Einfluss konnte Rappe bei Kohl im Zuge des »Aufbaus Ost« geltend machen? Abschließend soll die Rolle der IG Chemie-Papier-Keramik im deutschen Vereinigungsprozess anhand ihrer industriepolitischen Einflussgebiete resümiert und die Restrukturierung sowie Arbeitsplatzentwicklung am Beispiel des »Chemiedreiecks« skizziert werden.
Vorgehensweise 13
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Die deutschen Chemiegewerkschaften – ein Kurzprofil
Die Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik Im Jahr 1989 war die bundesrepublikanische IG CPK, hinter der IG Metall und der ÖTV, mit rund 676.000 Mitgliedern die drittgrößte Einzelgewerkschaft des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).21 Vorsitzender der IG Chemie war von 1982 bis 1995 der Sozialdemokrat Hermann Rappe.22 Dieser bekleidete eine Vielzahl verschiedener Ämter, so wurde er im Jahr 1982 zum Vizepräsidenten der »Internationalen Föderation von Chemie-, Energie- und Fabrikarbeiterverbänden« gewählt und übernahm ab 1988 das Amt des Präsidenten. Weiterhin war Hermann Rappe zwischen 1972 und 1998 SPD-Bundestagsabgeordneter sowie ab 1988 Präsident der »Europäischen Föderation von Chemiegewerkschaften«.23 Obwohl der Name der IG Chemie-Papier-Keramik eine Branchenvielfalt impliziert, zeichnete sich seit den 1950er Jahren eine Verschiebung der Branchenstruktur mit Tendenz zur »Chemisierung« ab.24 So betrug zum Ende der 1980er Jahre der Anteil der in der chemischen Industrie beschäftigten Mitglieder der IG CPK nahezu zwei Drittel. Die Kautschuk- und Papierindustrie sowie Porzellan- und Glasindustrie, gewerkschaftlich traditionsreiche Branchen, verloren als Organisationsgebiete zunehmend an Bedeutung. Allerdings war die IG Chemie aufgrund ihrer geringfügig organisierten25 und überwiegend großbetrieblich strukturierten Chemieindustrie stets auf eine praktische Kooperation angewiesen. Maßgeblichen Anteil daran hatte vor allem der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC), ehemals »Arbeitsring Chemie«, der bereits 1970 die IG CPK mit einem »sozialpolitischen Programm« konfrontierte. Ursache hierfür war eine seit dem Ende der
21 Vgl. Bernhard Ebbinghaus/Claudia Göbel: Mitgliederrückgang und Organisationsstrategien deutscher Gewerkschaften, in: Wolfgang Schroeder (Hrsg.): Handbuch Gewerkschaften in Deutschland, 2. Aufl., Wiesbaden 2014, S. 207–239, hier S. 214. 22 Samuel Greef: Gewerkschaften im Spiegel von Zahlen, Daten und Fakten, in: Wolfgang Schroeder (Hrsg.): Handbuch Gewerkschaften in Deutschland, 2. Aufl., Wiesbaden 2014, S. 659 –755, hier S. 714. 23 Vgl. Hermann Rappe, in: Hans Böckler Stiftung (Hrsg.): Geschichte der Gewerkschaften. Biografien, https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/hermann-rappe-2950.html, zuletzt eingesehen am 15.7.2017. 24 Hans-Hermann Hertle/Jürgen Kädtler: Die industriepolitische Wende der industriellen Beziehungen. Gewerkschaftspolitik unter dem Primat der Industriepolitik am Beispiel der IG Chemie, Papier, Keramik, in: Soziale Welt. Zeitschrift für sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis 41, 1990, S. 183 –205, hier S. 199. 25 Der Organisationsgrad des dominierenden Chemiesektors betrug im Jahre 1987 rund 44 Prozent. Folglich bestand ein erhebliches Potential an unorganisierten Beschäftigten in der Chemieindustrie. Vgl. hierzu: Kädtler/Hertle, Sozialpartnerschaft und Industriepolitik, S. 42.
Die Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik 15
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1960er Jahre sich abzeichnende konfliktorientierte Tarifpraxis der IG Chemie. Das »sozialpolitische Programm« stellte eine Neuheit in den industriellen Beziehungen der Bundesrepublik dar, da es inhaltlich geprägt war durch eine Branchenkooperation auf allen Bereichen der Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.26 In der Folgezeit bezog die IG CPK zwischen 1970 und 1990 zunehmend eine industriepolitische27 Stellung, zu deren Hauptbestandteil die Sicherung der Chemieindustrie durch die »Sozialpartner« gehörte. Die Tarifpolitik der IG Chemie in den 1980er Jahren war daher, im Kontrast zu anderen Gewerkschaften, insbesondere durch einen Verzicht auf eine »konfliktträchtige Wochenarbeitszeitverkürzungspolitik« gekennzeichnet.28 Der 13. ordentliche Gewerkschaftstag der IG CPK im Jahr 1988 stand unter dem Zeichen der Rückgewinnung der gesellschaftlichen Akzeptanz für die Chemieindustrie. Kädtler und Hertle betrachteten den Leitantrag A1 – »Chemie der Zukunft – Chancen für die Zukunft« – als eine Art »industriepolitisches Manifest«, das weit über den Rahmen der chemischen Industrie hinausreichte. Folglich richtete die IG Chemie ihre Programmatik nach 1988 auf eine strategische Industriepolitik aus, die eine enge Kooperation mit den Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden der Chemieindustrie sowie ein »Ausschöpfen« der existierenden Gemeinsamkeiten und Kompromisse der großen Volksparteien SPD und CDU beinhaltete.29 Dabei war die sogenannte »Chemie-Sozialpartnerschaft«, gemäß dem Hauptgeschäftsführer des BAVC Karl Molitor, dadurch geprägt, dass das Ziel der Verhandlungen zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaft kein konsensfähiger Tarifvertrag sei, sondern der »inhaltliche Kompromiß«.30 Auch Hermann Rappe versuchte im Jahr 1989 den Kontext zwischen industriepolitischer Zusammenarbeit und Einigkeit, als Grundprinzip der industriellen Beziehungen, mit dem Begriff der »Industriepartnerschaft« zu verdeutlichen.31
26 Vgl. Hertle/Kädtler, Die industriepolitische Wende, S. 199 f. 27 Der Begriff der Industriepolitik ist wissenschaftlich nicht eindeutig definiert. Ein Konsens besteht jedoch insofern, als dass Industriepolitik als Bestandteil staatlicher Wirtschaftspolitik angesehen werden kann, die darauf abzielt, Einfluss auf einen Industriezweig oder die gesamte Wirtschaft zu nehmen. Das Ziel gewerkschaftlicher Industriepolitik besteht folglich in der Beratung oder Beeinflussung dieser staatlichen Entscheidungen. Vgl. hierzu Peter Jansen/Ulrich Jürgens: Gewerkschaften und Industriepolitik, in: Wolfgang Schroeder (Hrsg.): Die Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch, 1. Aufl., Wiesbaden 2003. 28 Hertle/Kädtler, Die industriepolitische Wende, S. 193 f. 29 Kädtler/Hertle, Sozialpartnerschaft und Industriepolitik, S. 23 f. 30 Karl Molitor, Bilanz der Chemie-Sozialpartnerschaft, in: Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (Hrsg.): Kurz-Nachrichten-Dienst, Nr. 43, 6.6.1989. 31 presse-dienst IG CPK XXV/81, 26.10.1989.
16 Die deutschen Chemiegewerkschaften – ein Kurzprofil
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Die Industriegewerkschaft Chemie, Glas und Keramik Die IG CGK war im Januar 1989 mit rund 531.00 Mitgliedern eine der 18 Einzelgewerkschaften des »Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes« (FDGB) der DDR.32 Die IG CGK war jedoch im Vergleich zur IG CPK keine autonom handelnde Gewerkschaft. Die Vorsitzende Edith Weber machte dies 1988 deutlich: »Wir sind Parteiarbeiter in den Gewerkschaften. Es ist unser Parteiauftrag, die Hirne und Herzen unserer Menschen für unsere Sache zu erobern. […] Maßstab unserer Arbeit können nur Beschlüsse unserer Partei [der SED, Anm.] sein. Andere kann es nicht geben.«33 Die IG CGK bildete somit eine »Fachabteilung« des FDGB, der größten Massenorganisation der SED, die weder Streiks noch Betriebsräte zuließ. Obwohl das Streikrecht bis 1968 in der Verfassung der DDR verankert war, wurden Streiks als Arbeitskampfmaßnahme spätestens seit dem 17. Juni 1953 als politische Gegnerschaft zum FDGB und zur SED gewertet. Auch eine unabhängige Interessenvertretung in Form der bundesrepublikanischen Betriebsräte gab es in der DDR nicht, da die Betriebsgewerkschaftsleitung kein Vertretungsorgan der gesamten Belegschaft war, sondern der »unterste Befehlsempfänger im System des demokratischen Zentralismus«.34 Demnach, so heißt es im Geschäftsbericht der IG CGK vom April 1990, war die Gewerkschaft zu einem »Ausführungsinstrument der SED geworden« – aufgrund einer »Demontage jeglicher demokratischer Entscheidungselemente« sowie der Pflicht zur »Durchsetzung einer verfehlten Wirtschaftspolitik«. Diese Bedingungen hatten dazu beigetragen, dass der Zentralvorstand die tatsächlichen Interessen seiner Mitglieder nicht entsprechend vertreten konnte, was sich auch auf den »äußerst autoritärer[n] Kommandostil« in der Führungsarbeit der Vorsitzenden Weber zurückführen ließ. Die eigenmächtigen Entscheidungen Edith Webers hatten zur Folge, dass Anpassung und Kritiklosigkeit bei einigen hauptamtlichen Funktionären des Zentralvorstandes eintraten.35 Doch innerhalb der IG Chemie, Glas und Keramik gab es seit Sommer 1989 Bestrebungen, die Gewerkschaftsarbeit in der DDR zu erneuern. Diese kulminierten auf der 13. Tagung des Zentralvorstandes am 22. November 1989 nach heftigen Disputen im Sekretariat und
32 Vgl. Karlheinz Kuba: Die IG Chemie, Glas und Keramik (1946 –90), in: Dieter Dowe/Karlheinz Kuba/Manfred Wilke (Hrsg.): FDGB-Lexikon. Funktion, Struktur, Kader und Entwicklung einer Massenorganisation der SED (1945 –1990), Berlin 2009, http://library.fes.de/FDGB-Lexikon/texte/sachteil/i/IG_Chemie,_IG_ Chemie,_Glas_und_Keramik_ (1946-90).html, zuletzt eingesehen am 20.7.2017; Organisationsstruktur der IG CGK, 20.6.1989, in: Hermann Rappe/Birgit Hormann-Reckeweg/Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik (Hrsg.): Dokumentation »neue Bundesländer«. Die Industriegewerkschaft Chemie-PapierKeramik im Prozess der deutschen Einheit vom Herbst 1989 bis Sommer 1992, Hannover 1993, Dokument 1. 33 Zit. nach: Gilles/Hertle/Kädtler, »Wie Phönix aus der Asche?«, S. 589. 34 Streiks, Betriebsgewerkschaftsleitung in: Dieter Dowe/Karlheinz Kuba/Manfred Wilke (Hrsg.): FDGBLexikon. Funktion, Struktur, Kader und Entwicklung einer Massenorganisation der SED (1945 –1990), Berlin 2009, http://library.fes.de/FDGB-Lexikon/, zuletzt eingesehen am 20.7.2017. 35 BArch DY 38/35/16; BArch DY 38/35/18.
Die Industriegewerkschaft Chemie, Glas und Keramik 17
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führten zum Bruch mit dem »zentralistischen und parteiabhängigen Leitungsstil«.36 Folglich begann die IG CGK nach 40 Jahren damit, den durch die FDGB-Führung hervorgerufenen Vertrauensverlust der ostdeutschen Gewerkschafter zu stoppen und diese erneut für eine »wirkliche Gewerkschaftsarbeit« zu gewinnen.37
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18 Die deutschen Chemiegewerkschaften – ein Kurzprofil
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Der Vereinigungsprozess von IG CPK und IG CGK
Die Anfangsphase auf dem Weg zur gesamtdeutschen Chemiegewerkschaft Erstmalig bezog die bundesrepublikanische IG Chemie-Papier-Keramik, im Namen ihres Vorsitzenden Hermann Rappe, am 14. Dezember 1989 Stellung zu den künftigen Entwicklungen in der DDR.38 Für den Weg hin zu einer parlamentarischen Demokratie, so Rappe, erwartete man einen grundlegenden Wandel in der DDR, an dessen Beginn freie und geheime Wahlen ständen. Des Weiteren erachtete Hermann Rappe freie Gewerkschaften als eine Grundvoraussetzung für Veränderungen der Wirtschaftsordnung der DDR in Richtung marktwirtschaftlicher Strukturen. »Zur Marktwirtschaft, soll sie auch sozial sein, gehört systemimmanent eine freie und kraftvolle Gewerkschaftsbewegung.«39 Hierzu bot die IG Chemie ihren Kollegen in der DDR jede Art der Kooperation und praktischen Hilfe an. Diesen Prozess der Solidarität und Unterstützung beim Aufbau verband Rappe jedoch mit einem weitblickenden Ziel. So ging er davon aus, dass der begonnene Prozess in der DDR letztlich nicht nur mit der staatlichen, sondern auch mit einer gewerkschaftlichen Einheit enden werde. Allerdings betonte der Vorsitzende der IG CPK unmissverständlich, dass eine Vereinigung nur mit einer Gewerkschaft erfolgen könne, die dem Charakter und Selbstverständnis der IG Chemie entspreche.40 Diesbezüglich hatte die IG CPK bereits im Juni 1989 ein Grundsatzpapier mit dem Titel »Einig im Ziel, neuer Weg einer demokratischen und sozialen Gewerkschaftsstrategie« verabschiedet. Der entscheidende Leitspruch für die Folgezeit und damit auch für die ab 1990 beginnende Kooperationsphase mit der IG Chemie, Glas und Keramik der DDR lautete: »Grundlage unserer Gewerkschaftspolitik war und ist das Bekenntnis zum demokratisch-sozialen Rechtsstaat als unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung freier Gewerkschaftsarbeit und soli-
38 Zwar behauptete Hermann Rappe in seiner Rede anlässlich der Leipziger Wirtschaftsgespräche im Jahr 1994, dass man etwa zwei Wochen nach dem 9. November 1989 eine politische Erklärung abgegeben habe. Dennoch war keine frühere Pressemitteilung nachzuweisen als die vom 14. Dezember 1989. Vgl. hierzu: Hermann Rappe: Der Beitrag der Gewerkschaften zur Umstrukturierung und zum Aufbau Ost, in: Ders./Winfried Schneider-Deters (Hrsg.): Der Beitrag der Gewerkschaften zur Umstrukturierung und zum Aufbau Ost. Einstiegsvortrag zu dem Leipziger Wirtschaftsgespräch am 17. Februar in Leipzig, (= Leipziger Wirtschaftsgespräche der Friedrich-Ebert-Stiftung 4), Leipzig 1994, S. 12. 39 Hermann Rappe, in: presse-dienst IG CPK XXV/97, 14.12.1989. 40 Vgl. ebd.
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darischem Miteinander.«41 Daher stellte es für die IG CPK kein Problem dar, nach dem 9. November 1989 eindeutig Position zum Prozess der Demokratisierung und Parlamentarisierung in der DDR zu beziehen.42 Am 18. Dezember 1989 trafen sich am Rande des SPD-Bundesparteitages in Berlin erstmals Hermann Rappe und der neu gewählte Vorsitzende der ostdeutschen IG Chemie, Glas und Keramik, Hartmut Löschner, um sich auf eine praktische Unterstützung zu verständigen, in der tarifliche und organisationspolitische Probleme im Vordergrund standen. Weiterhin einigte man sich auf die Entstehung von Betriebspartnerschaften.43 Wie einer Rede Löschners vor dem Zentralvorstand der IG CGK vom 22. Februar 1990 zu entnehmen ist, ging das Treffen auf die Initiative Hermann Rappes zurück.44 Die erste Maßnahme der Zusammenarbeit verkündete die IG CPK am 16. Januar mit der Einrichtung eines sogenannten »Beratungsbüros« in Leipzig. Grund hierfür war ein »außerordentlich hoher Bedarf an Information über Arbeit, Aufgaben und Ziele der bundesdeutschen Gewerkschaften«. Des Weiteren sollte das mit zwei hauptamtlichen Sekretären besetzte Beratungsbüro die IG CGK vor allem in den Bereichen der Tarif- und Umweltpolitik sowie bei Problemen mit der Betriebsratsarbeit unterstützen.45 Laut Wolfgang Uellenberg-van Dawen46 strömten die Menschen nach dem 9. November 1989 nicht nur in die westdeutschen Kauf-, sondern auch in die Gewerkschaftshäuser. Die Nachfrage nach Informationsmaterial zum westdeutschen Sozialsystem sei immens gewesen.47 Die Einrichtung eines »Beratungsbüros« durch die IG CPK kam demnach einem großen Informationsbedürfnis entgegen und trug zum Aufbau eigenständiger Organisationsstrukturen in der DDR bei. Hierbei nahm die IG CPK innerhalb der DGB-Einzelgewerkschaften eine Vorreiterstellung ein, da die übrigen Gewerkschaften sich zum Großteil erst Ende Februar/Anfang März 1990 zur Einrichtung von »Beratungsbüros« entschlossen hatten.48 Zum Neujahrsempfang der Betriebsräte, Mitglieder und Vertrauensleute der IG CPK am 20. Januar 1990 in Hamburg formulierte der Vorsitzende Rappe, ausgehend vom
41 Dokumentation, in: Gewerkschaftliche Umschau. Zeitschrift für die Funktionäre der Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik, 1989, 4, S. 1. 42 Vgl. Wilke/Müller, Zwischen Solidarität und Eigennutz, S. 128 f. 43 Vgl. presse-dienst IG CPK XXV/98, 19.12.1989. 44 Vgl. BArch DY 38/188/20. 45 presse-dienst IG CPK XXVI/2, 16.1.1990. 46 Uellenberg-van Dawen war zwischen 1989 –1993 u.a. Referatsleiter für Gewerkschaftsbildung im DGB, als auch bei der IG Metall 1993/1994 Berater der Stahlwerke Hennigsdorf und Brandenburg. 47 Vgl. Wolfgang Uellenberg-van Dawen: Gewerkschaften im deutschen Einheitsprozess. Referat auf der Tagung der Gewerkschaft ver.di und der Hans Böckler Stiftung am 12. November 2015 in Berlin, https:// www.boeckler.de/pdf/v_2015_11_12_uellenberg.pdf, zuletzt eingesehen am 20.7.2017, S. 3; vgl. außerdem ders.: Gewerkschaften und deutsche Einheit, in: Brunner/Kuhnhenne/Simon (Hrsg.): Gewerkschaften im deutschen Einheitsprozess, S. 45 – 67, hier S. 48. 48 Vgl. Ingrid Artus: Die Etablierung der Gewerkschaften, in: Joachim Bergmann/Rudi Schmidt (Hrsg.): Industrielle Beziehungen. Institutionalisierung und Praxis unter Krisenbedingungen, Opladen 1996, S. 21– 48, hier S. 27.
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Verbindungsstelle der IG CPK in Leipzig, 1990. V.l.n.r.: Horst Seel, Dagmar Thiel, Michael Meersmann.
Grundgesetz, selbstbewusst die Grundlinien der eigenen Gewerkschaftspolitik. Rappe betonte ausdrücklich, dass mit der Unterstützung der IG CKG insbesondere das Ziel der sozialen Marktwirtschaft mit einer freien Gewerkschaftsbewegung in der DDR verbunden sei. Demnach erhielt die ostdeutsche Chemiegewerkschaft Hilfe in Form von Fachlehrgängen in der Bundesrepublik, Referentenentsendung und verstärkten Vorstandsgesprächen.49 Rappe sah die politischen und wirtschaftlichen Systematiken der Bundesrepublik als Bezugsrahmen für Richtung und Ziel der Veränderungen in der DDR an.50 Einen Grundstein auf dem Weg zur Vereinigung beider Chemie-Gewerkschaften legten die beiden Vorsitzenden am 27. Januar 1990. Nach einem Spitzengespräch zwischen IG CPK und IG CGK in Hannover erklärten beide Seiten bereits an diesem Tag die deutsche Einheit als Ziel der gemeinsamen Zusammenarbeit, indem man »alle Bestrebungen unterstützen und fördern [wolle], die der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten dienen«.51 Weiterhin erklärte die IG CGK, sie werde durch Delegiertenwahlen auf einer
49 Vgl. presse-dienst IG CPK XXVI/7, 20.1.1990. 50 Vgl. Wilke/Müller, Zwischen Solidarität und Eigennutz, S. 130. 51 presse-dienst IG CPK XXVI/10, 30.1.1990.
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zentralen Gewerkschaftskonferenz am 27. und 28. April 1990 in Bernau einen neuen Hauptvorstand legitimieren. Anschließend werde die IG Chemie die Verhandlungen über einen Kooperationsvertrag mit der IG CPK konkretisieren. Als Grundlage für eine Strukturreform der DDR-Gewerkschaften erachteten beide Vorsitzenden eine parteipolitische Unabhängigkeit als zwingend notwendig.52 Den nächsten Schritt auf dem Weg zur Eigenständigkeit und späteren Vereinigung vollzog die IG CGK mit der Loslösung vom FDGB auf dem außerordentlichen Kongress des FDGB vom 31. Januar bis 1. Februar 1990.53 Damit glich das Tempo der Vereinigung zwischen ost- und westdeutscher Chemiegewerkschaft ungefähr dem des staatlichen Vereinigungsprozesses zu jener Zeit – Kohls 10-Punkte Plan vom 28. November 1989 beziehungsweise Modrows Vorschlag einer Vertragsgemeinschaft vom 17. November des Jahres.54 Um die ostdeutschen Chemie-Kollegen mit der Politik des bundesrepublikanischen Verbandes vertraut zu machen, vereinbarten beide Gewerkschaften einen von Hermann Rappe verfassten Gastkommentar für das Informationsblatt der IG CGK.55 Dieser erschien am 20. Februar 1990. Gleich zu Beginn des Kommentars erklärte Rappe, dass die starken westdeutschen Gewerkschaften den Prozess einer freien und demokratischen Entwicklung in der DDR aktiv mitgestalten müssten. Diese sollten daher »nicht hinterherhinken und nur reagieren, sie müssen auch hier von Anfang an mitbestimmen, weil sie auch mitverantworten müssen und wollen«.56 Erneut nannte Rappe sowohl das Ziel der Vereinigung beider Chemiegewerkschaften als auch die zuvor erwähnten Schlagworte des Grundverständnisses der IG CPK: sozialer Rechtsstaat, Parlamentarismus, Pluralismus, freie Einheitsgewerkschaft, Unabhängigkeit, Mitbestimmung sowie das Konzept der Kooperation mit Politik und Wirtschaft.57 Erstmals waren somit eindeutig und unmissverständlich die Maßstäbe für die Vereinigung beider Chemiegewerkschaften verlautbart. Zwar erklärte Hermann Rappe, »wir wollen beraten und helfen, und nicht bevormunden«, doch die beiden Ziele der staatlichen und gewerkschaftlichen Vereinigung galten als unverrückbar.58 Am 22. Februar 1990, zwei Tage nach Veröffentlichung des Gastkommentars, nahm Hermann Rappe erstmalig an einer Tagung von 120 Mitgliedern des Zentralvorstandes der IG Chemie, Glas und Keramik in Halle teil. In einem dort vorgetragenen Grundsatzreferat stellte er die IG Chemie-Papier-Keramik und deren Politik vor und offenbarte die zentrale Voraussetzung für eine Vereinigung beider Chemiegewerkschaften – einen Vor-
52 Vgl. ebd. 53 Vgl. Dieter Kropp: Wir wollten den Wandel! Über den Beitrag der Beschäftigten und ihrer Vertretungen zum Erhalt des ostdeutschen Chemiedreiecks, eine sozialgeschichtliche Dokumentation, Magdeburg 2003, S. 10. 54 Vgl. Wilke/Müller, Zwischen Solidarität und Eigennutz, S. 130. 55 Vgl. presse-dienst IG CPK XXVI/17, 20.2.1990. 56 Hermann Rappe, in: presse-dienst IG CPK XXVI/17, 20.2.1990. 57 Vgl. Wilke/Müller, Zwischen Solidarität und Eigennutz, S. 131. 58 Hermann Rappe, in: presse-dienst IG CPK XXVI/17, 20.2.1990.
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stand mit neuen Strukturen. Alte Denkweisen und Strukturen dürften nach der Delegiertenkonferenz der IG CGK im April nicht weiterbestehen. Außerdem erläuterte Rappe die Bedeutung und Notwendigkeit der Betriebsräte.59 Damit einhergehend forderte er die Abschaffung der Betriebsgewerkschaftsleitungen zugunsten der Wahl von Betriebsräten, was kontroverse Diskussionen innerhalb der IG CGK auslöste.60 Harmut Löschner hingegen bedankte sich bei Hermann Rappe und der IG CPK für die entgegengebrachte Unterstützung in Form des »Beratungsbüros« in Leipzig sowie für die Aufnahme von Betriebspartnerschaften.61 Löschner betonte, dass man das »Beratungsbüro als große Unterstützung für die Werbung aktiver Gewerkschaften« und als wichtige Hilfe bei der Wahl von Vertrauensleuten betrachte.62 Rappes Wunsch nach neuen Strukturen kam die IG CGK bereits seit Ende Januar 1990 entgegen, nachdem der erste Entwurf der ersten eigenen Satzung bei allen Mitgliedern, Vorständen und Leitungen zur Diskussion vorgelegt worden war. Auch die IG CPK beteiligte sich beim Satzungsentwurf und entsandte einen Kommentar mit Empfehlungen Mitte Februar nach Halle.63 Doch verdeutlicht ein Schreiben von 26. Februar 1990, adressiert an Hartmut Löschner, dass scheinbar nicht für alle Mitglieder der bisher gewünschte Fortschritt im Satzungsentwurf erzielt wurde. Die Vorsitzenden der Bezirke Potsdam, Frankfurt/Oder, Cottbus und Berlin kritisierten eine mangelnde Leitungstätigkeit und inhaltliche Vorbereitung der Zentraldelegiertenkonferenz. Ihre Kritik lässt sich dabei auf die unbefriedigende Qualität des ersten Satzungsentwurfs sowie eines noch ausstehenden zweiten Entwurfs zurückführen. Zudem forderten die Bezirksvorsitzenden von Hartmut Löschner mehr Öffentlichkeitsarbeit.64 Nach den Debatten in Halle gab Hermann Rappe eindeutig und unmissverständlich die Grundvoraussetzungen für eine weitere Kooperation bis hin zu einer »Fusion« mit der IG Chemie, Glas und Keramik bekannt. In einer Pressemitteilung vom 28. Februar 1990 forderte er: die Anerkennung der politischen Grundsätze der IG CPK und des Betriebsrätewesens der Bundesrepublik, den Verzicht auf ein Gewerkschaftsgesetz65 sowie auf
59 Vgl. Hermann Weber/Werner Müller (Hrsg.): 100 Jahre Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik 1890 –1990. Von den Verbänden der ungelernten Fabrikarbeiter, der Glas- und Porzellanarbeiter zur modernen Gewerkschaftsorganisation, Köln 1990, S. 606. 60 Vgl. Kropp, Wir wollten den Wandel, S. 11. 61 Vgl. BArch DY 38/188/21. 62 Hartmut Löschner, in: BArch DY 38/188/21. 63 Vgl. Einladung zur außerordentlichen Delegiertenkonferenz der IG CGK am 27. und 28. April 1990 in Bernau, in: Rappe/Hormann-Reckeweg/ig Chemie, Papier, Keramik (Hrsg.): Dokumentation »neue Bundesländer«, Dokument 27. 64 Ein Antwortschreiben Hartmut Löschners lag nicht vor; vgl. BArch DY 38/1708/2. 65 Mit einem Gewerkschaftsgesetz, auf dem außerordentlichen FDGB-Kongress Jan/Feb. 1990 gefordert, sollte der Einfluss der Gewerkschaften in allen Fragen der »Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen« gesichert werden, einschließlich des Rechtes eigener Gesetzesinitiativen. Zugleich sollte das Streikrecht eingeschränkt werden. Am 6. März 1990 verabschiedete die Volkskammer eine entsprechende Vorlage, die jedoch angesichts der Entwicklung nach der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 wirkungslos
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die Anwendung des politischen Streiks, die Unterstützung der Grundsätze der »Sozialpartnerschaft« und die Anerkennung Hannovers als Sitz der Hauptverwaltung.66 Des Weiteren erklärte Rappe, die gewerkschaftliche Arbeit in der DDR verstärken zu wollen. Hierzu plante die IG CPK, drei weitere »Beratungsbüros« in Halle, Erfurt und Ost-Berlin zu eröffnen, und entsandte für die Hauptverwaltung der IG CGK in Halle zwei »Berater«.67 Anhand dieser Pressemitteilung wird erkennbar, welch enormer Druck auf die IG CGK ausgeübt wurde.68 Obwohl oftmals die Unterstützung der westdeutschen Kollegen als notwendig und wichtig angesehen wurde, bleibt zu fragen, ob eine zu geringe Mitbestimmung der DDR-Gewerkschafter bei der Übernahme bundesdeutscher Strukturen unter dem Gesichtspunkt der »Bevormundung« geschah.69 Dieses Spannungsfeld lässt sich an folgendem Beispiel verdeutlichen. So gehörte zu den ersten Aufgaben der Kooperationsphase zwischen beiden Chemiegewerkschaften »die Mitberatung [der IG CPK] beim Satzungsentwurf der IG Chemie, Glas und Keramik, um so erkennen zu können, ob eine spätere Fusion erreichbar sei«.70 Die eigenen Grundsätze der IG Chemie-Papier-Keramik wurden zur Grundlage für die Reform der DDR-Chemiegewerkschaft erhoben. Müller und Wilke beurteilen die sechs genannten Bedingungen als die klarsten und politischsten Forderungen, die eine Westgewerkschaft »seinem DDR-Pendant nicht nur einfach abverlangte, sondern diktierte«.71 Hinter diesen bewusst scharfen Grundvoraussetzungen könnte sich die Strategie verbergen, vor allem die einfachen Mitglieder durch einen starken Kontrast zu gewinnen.72 Die Formulierung eindeutiger Aufforderungen zur Übertragung des bewährten bundesrepublikanischen Systems erfolgte nicht ohne Grund. Dies wird angesichts der fehlenden Kenntnisse der DDR-Gewerkschafter deutlich. Der Gewerkschaftssekretär der IG CGK in Chemnitz, Günter Petzsch, beschreibt diese »Erfahrungslücke« vieler ostdeutscher Gewerkschafter wie folgt: »Die haben uns ausgerüstet, die Kollegen [in der fränkischen Verwaltungsstelle Selb, Anm.], mit allen Unterlagen, mit allem Material, ob das erstmal ein Betriebsverfassungsgesetz war oder andere Dinge, all das, was wir nicht kannten. Man sagt hier in Sachsen, das waren für uns alles ›böhmische Dörfer‹. Man musste ja
blieb. Am 28. Juni 1990 hob die Volkskammer das Gesetz auf. Der DGB lehnte das Gewerkschaftsgesetz mit Verweis auf die Einschränkung der gewerkschaftlichen Handlungsmöglichkeiten und der Tarifautonomie ab. Vgl. Artikel »Gewerkschaftsgesetz«, in: FDGB-Lexikon (http://library.fes.de/FDGB-Lexikon/ texte/sachteil/g/ Gewerkschaftsgesetz.html, zuletzt eingesehen am 19.4.2018) sowie »Der FDGB in Auflösung«, in: Geschichte der Gewerkschaften (https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/das-ende-des-fdgb. html, zuletzt eingesehen am 19.4.2018). 66 Vgl. presse-dienst IG CPK XXVI/9, 28.2.1990. 67 Ebd. 68 Vgl. Wilke/Müller, Zwischen Solidarität und Eigennutz, S. 131. 69 Vgl. Detlev Brunner/Christian Hall: Revolution, Umbruch, Neuaufbau. Erinnerungen gewerkschaftlicher Zeitzeugen der DDR (= Schriftenreihe der Johannes-Sassenbach-Gesellschaft 4), Berlin 2014, S. 89. 70 Vgl. presse-dienst IG CPK XXVI/9, 28.2.1990. 71 Wilke/Müller, Zwischen Solidarität und Eigennutz, S. 131 f. 72 Vgl. ebd., S. 132.
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sich völlig neu orientieren.«73 Klare Erwartungen der bundesrepublikanischen Industriegewerkschaft waren offenkundig notwendig beziehungsweise auch hilfreich.74
Die Bernauer Beschlüsse und der Kooperationsvertrag Nachdem durch die Wahl der Volkskammer vom 18. März 1990 die Zeichen in Richtung einer gewünschten schnellen Einheit zeigten,75 fragte sich die IG CPK, ob auch die IG CGK diesem Kurs folgen würde. Hierzu meinte Hermann Rappe: »Zur Zeit [sic!] heißt es für uns bei allen verstärkten Aktivitäten in der DDR vor weiteren Schritten abzuwarten. Am 27. und 28. April findet in Bernau eine außerordentliche Zentraldelegiertenversammlung der IG Chemie, Glas und Keramik« statt. Anhand der Beschlüsse werde erkennbar sein, so Rappe, ob eine »Fusion« erreichbar sei.76 Hartmut Löschner bilanzierte die Bedeutung der Arbeit seiner Gewerkschaft in den vergangenen Monaten in seinem Referat zur 16. Tagung des Zentralvorstandes der IG CGK in Halle am 10. April 1990 wie folgt: »Als die Mitglieder und Kandidaten des Zentralvorstandes mich zum Vorsitzenden wählten, verbanden sie damit die Hoffnung auf eine radikale Erneuerung unser Industriegewerkschaft. Dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen, ist das oberste Gebot unserer Arbeit in den vergangenen Monaten gewesen.« Daher habe man ein zukunftsweisendes Programm erarbeitet.77 Doch was würde geschehen, wenn sich die IG CGK auf der Zentraldelegiertenversammlung nicht wie gewünscht zu den Kooperations- und Fusionsbedingungen der IG Chemie bereiterklärte? Hierzu antwortete Rappe auf der Eröffnung des Ost-Berliner »Beratungsbüros« eine Woche vor der Versammlung und in Anwesenheit Hartmut Löschners kühl, dass dann innerhalb einer Woche eine neue IG CPK in der DDR gegründet würde. Die vier »Beratungsbüros« in der DDR dienten also nicht nur als Informationsstellen, sondern stellten ebenfalls eine organisatorische Absicherung beziehungsweise Konkurrenzinstitution dar, falls sich die Zentraldelegiertenkonferenz für einen anderen Weg entschied. Die Büros übten somit einen erheblichen Handlungs- und Anpassungsdruck auf die IG CGK aus.78
73 Brunner/Hall, Revolution, Umbruch, Neuaufbau, S. 90. 74 Die Vorgehensweise der westdeutschen Funktionäre sowie die unterschiedlichen Kooperationserfahrungen zwischen Ost- und Westfunktionären können im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter thematisiert werden. 75 Vgl. Annabelle Petschow: Freie Volkskammerwahl, in: Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, http://www.hdg.de/lemo/kapitel/deutsche-einheit/wegzur-einheit/freie-volkskammerwahl.html, zuletzt eingesehen am 20.7.2017. 76 Hermann Rappe, in: presse-dienst IG CPK XXVI/29, 27.3.1990. 77 Hartmut Löschner, in: BArch DY 38/189/2. 78 Vgl. Wilke/Müller, Zwischen Solidarität und Eigennutz, S. 133; Ingrid Artus: Die Etablierung der Gewerkschaften, in: Joachim Bergmann/Rudi Schmidt (Hrsg.): Industrielle Beziehungen. Institutionalisierung und Praxis unter Krisenbedingungen, Opladen 1996, S. 21– 48, hier S. 27.
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Rede Hermann Rappes auf der Zentraldelegiertenkonferenz der IG CGK im April 1990 in Bernau.
Die außerordentliche Zentraldelegiertenversammlung der IG Chemie, Glas und Keramik tagte am 27. und 28. April 1990 in Bernau bei Berlin. Anwesend war ebenfalls der gesamte Hauptvorstand der IG Chemie-Papier-Keramik sowie der Leiter des Leipziger »Beratungsbüros«.79 Hartmut Löschner stellte in seiner Ansprache die Bedeutung der Versammlung wie folgt heraus: »Sie wird in die Geschichte eingehen als die Geburtsstunde einer erstmals freien und unabhängigen und zutiefst demokratischen Industriegewerkschaft Chemie, Glas und Keramik.«80 So enthielt der einstimmig verabschiedete Grundsatzantrag Nummer 7 das Bekenntnis der IG CGK zum demokratischen parlamentarischen Rechtsstaat, die Unabhängigkeit von politischen Parteien, die Bildung und Wahl von Betriebsräten sowie die Anerkennung Hannovers als Hauptsitz einer gesamtdeutschen Chemiegewerkschaft. Ebenfalls einstimmig nahmen die 276 Delegierten den Grundsatzantrag Nummer 6 zur »Schaffung einer einheitlichen Industriegewerkschaft im Rahmen des deutschen Einheitsprozesses« an. Als Vorsitzender der IG CGK wurde Hartmut Löschner mit 84 Prozent der Delegiertenstimmen in seinem Amt bestätigt. Die Erneuerungen der IG CGK gewährleisteten damit die unabdingbaren Voraussetzungen
79 Vgl. presse-dienst IG CPK XXVI/10, 30.1.1990. 80 BArch DY 38/35/11.
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Unterzeichnung des Kooperationsvertrags durch die beiden Vorsitzenden der Chemiegewerkschaften Hermann Rappe (Mitte) und Hartmut Löschner (rechts).
für eine Vereinigung beider Chemiegewerkschaften. Der Vorstand der IG Chemie konnte sich somit in Bernau von der Willenskraft der IG CGK zum Zusammenschluss eindeutig überzeugen.81 Selbst das neue Programm der IG Chemie, Glas und Keramik lautete gleichermaßen wie das Grundsatzpapier der IG CPK aus dem Jahre 1989: »Einig im Ziel. Unser Weg einer demokratischen und sozialen Gewerkschaftsstrategie«. Dabei sah die neue Leitlinie der IG CGK bereits im April 1990 den Erhalt und Ausbau des Chemiestandorts DDR als zentrale Aufgabe gewerkschaftlicher Arbeit an. Allerdings wurde hervorgehoben, dass dieses Ziel nur in Kooperation mit der IG CPK realisierbar sei.82 Der Hauptvorstand der IG CPK ließ unmittelbar nach den Bernauer Beschlüssen in einer Pressemitteilung verkünden, dass wesentliche Unterschiede zu den eigenen Positionen, der Politik und Strategie nicht erkennbar seien. Daher gab die IG Chemie das Ziel bekannt, einen Kooperationsvertrag zwischen beiden Verbänden am 14. Mai 1990 in Hannover zu verabschieden. Im Anschluss würden gemeinsame Fachkommissionen
81 Vgl. Grundsatzantrag Nr. 7, Außerordentliche Zentraldelegiertenkonferenz der IG CGK, in: Rappe/Hormann-Reckeweg/ig Chemie, Papier, Keramik (Hrsg.): Dokumentation »neue Bundesländer«, Dokument 30; Grundsatzantrag Nr. 6, Außerordentliche Zentraldelegiertenkonferenz der IG CGK, in: Ebd., Dokument 29; presse-dienst IG CPK XXVI/40, 30.4. 82 Vgl. BArch 38/1705/69.
Die Bernauer Beschlüsse und der Kooperationsvertrag 27
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den Zusammenschluss gründlich vorbereiten, wobei der Termin der gewerkschaftlichen Einheit unabhängig von der staatlichen Vereinigung, dennoch aber zügig erfolgen sollte.83 Entsprechend dieser Pressemitteilung entschied auch das höchste Gremium zwischen den Gewerkschaftstagen, der Beirat der IG CPK, am 7. und 8. Mai 1990. Die Bernauer Beschlüsse verdeutlichten dem Beirat, dass die IG CGK alle Bedingungen für einen Kooperationsvertrag erfüllte. Gewerkschaftliches Handeln sei aber auch aufgrund der bevorstehenden Vereinigung beider deutschen Staaten sowie der Einführung der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zum 1. Juli 1990 dringend notwendig.84 Daher würde der Kooperationsvertrag letztlich die erforderlichen Maßnahmen für eine Vereinigung beider Gewerkschaften enthalten. Einen Tag später, am 9. Mai 1990, wurde ein weiteres letztes Hindernis auf dem Weg zur Kooperation beseitigt: So hatten die 20 Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften des FDGB beschlossen, dessen Auflösung einzuleiten. 85 Der am 14. Mai 1990 in Hannover unterzeichnete Kooperationsvertrag zwischen der IG CPK und der IG CGK formulierte als Hauptziel den Zusammenschluss beider Verbände. Inhaltlich wurden in der Präambel des Vertrages die politischen und gewerkschaftlichen Grundsätze sowie die Festlegung Hannovers als Hauptsitz wiederholt. Weiterhin enthielt der Kooperationsvertrag die Bildung zweier paritätisch besetzter Vorstandskommissionen, in denen alle politischen, personellen, finanziellen und organisatorischen Fragen durch wechselseitige Konsultation bearbeitet wurden. In Hinblick auf die Bereiche Finanzen, Organisationsstruktur und Satzung erarbeitete ein Lenkungsausschuss Vorschläge für die Kommissionen. Als Grundlage für die Entwicklung einer gemeinsamen Satzung dienten dem Ausschuss die organisationspolitischen Grundsätze der IG CPK. Dies illustriert erneut die Übertragung der bundesdeutschen Strukturen. Für die Vereinigung beider Gewerkschaften beschloss man, einen gemeinsamen ordentlichen Gewerkschaftstag für das Jahr 1991 einzuberufen.86 Nach 40 Jahren der Trennung beider Chemie-Gewerkschaften und im 100. Jahr der Gründung des Fabrikarbeiterverbandes, dem Vorläufer beider Verbände, resümierte die IG Chemie-Papier-Keramik: »Dies ist zweifelslos ein wichtiger Markstein in der Geschichte der Gewerkschaftsbewegung.«87
83 Vgl. presse-dienst IG CPK XXVI/40, 30.4.1990. 84 Vgl. Kurt Thomas Schmitz/Heinrich Tiemann/Klaus Löhrlein: Mitgliederentwicklung. Gewerkschaftseinheit und Gewerkschaftsbau in Deutschland, in: Michael Kittner (Hrsg.): Gewerkschafts-Jahrbuch 1992. Daten-Fakten-Analysen, Köln 1992, S. 72– 87, hier S. 72; presse-dienst IG CPK XXVI/43, 10.5.1990. 85 Nach dem Ende des SED-Regimes. Der FDGB in Auflösung, in: Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.): Geschichte der Gewerkschaften, https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/das-ende-des-fdgb.html, zuletzt eingesehen am 20.7.2017. 86 Vgl. Kooperationsabkommen zwischen IG CPK und IG CGK, 14.5.1990, in: Rappe/Hormann-Reckeweg/ ig Chemie, Papier, Keramik (Hrsg.): Dokumentation »neue Bundesländer«, Dokument 48. 87 Hermann Weber/Werner Müller (Hrsg.): 100 Jahre Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik, S. 606.
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Letzte Maßnahmen auf dem Weg zum ersten gesamtdeutschen Gewerkschaftstag Die IG Chemie-Papier-Keramik hatte für den 10. und 11. September 1990 einen außerordentlichen Gewerkschaftstag in Bonn einberufen, um die notwendige Satzungsänderung für eine Vereinigung mit der IG Chemie, Glas und Keramik zu beschließen. Hierdurch erstreckte sich nun der Tätigkeitsbereich der IG CPK, laut Paragraf 1 der Satzung, auch auf die DDR beziehungsweise das neue deutsche Staatsgebiet infolge der Vereinigung. Als eine der letzten Maßnahmen des Vereinigungsprozesses beider Gewerkschaften erachtete man den Beitritt der Mitglieder der IG CGK in die IG Chemie.88 Bereits im Juni 1990 hatte die IG CPK die DDR-Mitglieder zum Übertritt in der Zeit vom 1. Oktober bis zum 30. November aufgefordert, da anhand dieses Zeitraums der Delegiertenschlüssel für den ersten gemeinsamen Gewerkschaftstag im Juni 1991 festgelegt werde.89 Weiterhin verkündete der Hauptvorstand auf dem außerordentlichen Gewerkschaftstag, dass man aufgrund der abgeschlossenen Einrichtung von 33 Verwaltungsstellen und vier Bezirksleitungen in der DDR flächendeckend präsent und arbeitsfähig war.90 So gelangte der dritte außerordentliche Gewerkschaftstag bilanzierend zum Entschluss, dass mit dem 14. ordentlichen Gewerkschaftstag im Juni 1991 nur noch eine IG Chemie-Papier-Keramik für das gesamte Deutschland existieren werde und alle organisatorisch notwendigen Schritte eingeleitet würden.91 Im Anschluss an den außerordentlichen Gewerkschaftstag erhielten die Mitglieder der IG CGK eine Broschüre, in deren Anschreiben die beiden Vorsitzenden Hermann Rappe und Hartmut Löschner darum baten, der IG CPK ab 1. Oktober 1990 beizutreten. Hierbei bestand für die Mitglieder die Möglichkeit einer vorübergehenden Doppelmitgliedschaft bis zum 31. Mai 1991, wobei die Beitragszahlung weiterhin nur an die IG CGK getätigt wurde. Außerdem enthielt die Broschüre eine ausfüllbare Zustimmungserklärung zur Auflösung der IG Chemie, Glas und Keramik.92 Aus Unterlagen der Organisationsstruktur der IG CGK geht hervor, dass die Gewerkschaft im Januar 1989 einen Mitgliederstand von 531.301 verzeichnete.93 Noch Ende April 1990 gab Hartmut Löschner in seiner Ansprache auf der Zentraldelegiertenversammlung in Bernau an, dass man ungefähr 500.000 Mitglieder vertrete.94 In der Literatur wird für das Frühjahr 1991 eine Zahl von rund 330.000 Mitgliedern angegeben, was auf einen deutlichen Mitgliederverlust
88 89 90 91 92
Vgl. presse-dienst IG CPK XXVI/85, 10.9.1990; ebd., XXVI/86, 10.9.1990. Vgl. presse-dienst IG CPK XXVI/57, 27.6.1990; ebd., XXVII/1, 9.1.1990. Vgl. gp-magazin, Extrablatt, 1990, 4, S. 2. Vgl. presse-dienst IG CPK XXVI/86, 10.9.1990. Vgl. Schreiben des Hauptvorstandes der IG CPK an die Mitglieder der IG CGK, in: Rappe/HormannReckeweg/ig Chemie, Papier, Keramik (Hrsg.): Dokumentation »neue Bundesländer«, Dokument 87. 93 Vgl. Organisationsstruktur der IG CGK, 20.6.1989, in: Ebd., Dokument 1. 94 Vgl. BArch DY 38/35/10.
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verweist.95 Als Hermann Rappe das erste Mal zum Mitgliederbeitritt in die IG Chemie aufforderte, verkündete er im Juni 1990: »[…] wie stark sie [die Mitglieder der IG CGK, Anm.] in einer gemeinsamen IG Chemie-Papier-Keramik mitwirken können und wollen, liegt an den Arbeitnehmerinnern und Arbeitnehmern in der DDR selbst. Nach 40 Jahren Zwang zählt jetzt die freie Entscheidung.«96 Nach Uellenberg-van Dawen gestaltete sich der Gewinn neuer Mitglieder schwierig, da durch den FDGB das Ansehen der Gewerkschaften für lange Zeit ruiniert war.97 Demgegenüber betont Fichter, dass die Arbeitnehmer zwar im Allgemeinen wenig Vertrauen in die FDGB-Gewerkschaften gehabt hätten, ihre Erwartungen an die DGB-Gewerkschaften jedoch enorm hoch gewesen seien. Als »gewerkschaftsmüde« betrachtete er die ostdeutschen Arbeitnehmer nicht.98 Von den ehemals circa 530.000 Mitgliedern traten bis zum 30. November 1990 über 102.000 aus den neuen Bundesländern in die IG Chemie ein, bis zum 31. Januar 1991 waren es rund 130.000. Damit verzeichnete die IG CPK zum Jahresbeginn 1991 einen bundesweiten Mitgliederhöchststand von rund 778.000 Mitgliedern.99 Das Schlusskapitel der IG CGK wurde eingeläutet, nachdem bei der Urabstimmung 95 Prozent der übergetretenen Mitglieder für eine Auflösung gestimmt hatten. Daher beschloss die IG Chemie, Glas und Keramik Anfang Mai 1991 ihre eigene Auflösung zum Monatsende.100 Mit dem 14. ordentlichen Gewerkschaftstag vom 23. bis 29. Juni 1991 in Bonn wurde das Ziel einer vereinigten, gesamtdeutschen IG Chemie-Papier-Keramik verwirklicht. Die 389 Delegierten, davon stammten 57 aus den neuen Bundesländern, wählten für die folgenden vier Jahre die neuen Mitglieder des Hauptvorstandes.101 Noch vor der Vorstandswahl betonte Hermann Rappe am ersten Verhandlungstag hinsichtlich der Integration der neuen Mitglieder aus den neuen Bundesländern: »Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn 200.000 Mitglieder oder mehr in diese Organisation kommen, ist es doch wohl selbstverständlich, daß sie durch Vertreter in allen Gremien verankert werden müssen.« Des Weiteren erklärte Rappe: »Wir wollten keinen kalten Anschluß. Wir wollten vielmehr eine Integration mit den Kräften, die drüben getragen werden und die Vertreter der Mitglieder in den Betrieben sind.«102 Mit einer Mehrheit von 88,7 Prozent der Stimmen wurde Hermann Rappe erneut zum Vorsitzenden der IG CPK gewählt. Weiterhin stimmten rund 60 Prozent der Delegierten dafür, dass neben Egon Schäfer und Wolfgang Schultze auch 95 96 97 98 99 100
Vgl. Gilles/Hertle/Kädtler, »Wie Phönix aus der Asche?«, S. 586; Kuba, Die IG Chemie, Glas und Keramik. presse-dienst IG CPK XXVI/57, 27.6.1990. Vgl. Uellenberg-van Dawen, Gewerkschaften im deutschen Einheitsprozess, S. 6. Vgl. Fichter/Kurbjuhn, Die Gewerkschaften im Einigungsprozeß, S. 162. Vgl. presse-dienst IG CPK XXVII/1, 9.1.1991; ebd., XXVII/12, 30.1.1991. Vgl. Initiativantrag des Hauptvorstandes der IG CGK, in: Rappe/Hormann-Reckeweg/ig Chemie, Papier, Keramik (Hrsg.): Dokumentation »neue Bundesländer«, Dokument 158; presse-dienst IG CPK XXVII/48, 8.5.1991. 101 Vgl. presse-dienst IG CPK XXVII/61, 26.6.1991. 102 Tagungsprotokoll des 14. ordentlichen Gewerkschaftstages der IG CPK, 1. Verhandlungstag, in: Rappe/ Hormann-Reckeweg/ig Chemie, Papier, Keramik (Hrsg.): Dokumentation »neue Bundesländer«, Dokument 168.
30 Der Vereinigungsprozess von IG CPK und IG CGK
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