Als die Comics laufen lernten (Leseprobe)

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Herma Kennel

ALS DIE COMICS LAUFEN LERNTEN Der Trickfilmpionier Wolfgang Kaskeline zwischen Werbekunst und Propaganda

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © edition q im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2020 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Umschlag: Manja Hellpap, Berlin Satz: typegerecht, Berlin Schrift: Dante 10,5/14 pt Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-89809-173-2 www.bebraverlag.de

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Ich liebte das Genie von Wolfgang Kaskeline. Wie berühmt er war, wusste ich am Anfang im vollen Umfang nicht. Er war mysteriös, extravagant und ungemein, ungemein sympathisch. Er war ein Mensch, der ein Geheimnis hütete, und es verstand, Distanz zu halten. Uta von Kardorff, geb. von Witzleben

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Wolfgang Kaskeline (sitzend, links) im Gespräch mit Gustaf Grßndgens (dritter von rechts)

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Inhalt

Vorwort 9 I. Vom Zeichenlehrer zum Zeichentrickfilmer

11

Eine böhmische Familie

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Die frühen Jahre

14

Student an der Kunstgewerbeschule

15

Der Erste Weltkrieg

18

Vom Lazarett in den Schuldienst

21

Die Anfänge des Zeichentrickfilms

26

Gründung der Kaskeline-Film GmbH

27

Der Wechsel zur Ufa

33

»Bolle« und andere Werbefilme

35

Die Ufa-Kaskeline-Filme

43

Neue Zeiten

52

II. »Die schweren und trüben Jahre«

57

Machtergreifung

57

Der »Ariernachweis«

61

Familien-Legende

77

Auszeichnungen und Schikanen

79

1936: Ein produktives Jahr

84

Von der Ufa zur Epoche Sanktionen und Novemberpogrom

93 109

Ein Schreiben der Reichsfilmkammer

113

Der Fall Kaskeline

119

In der »Reichsstelle für Sippenforschung«

131

Kündigung

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Im »totalen Krieg«

148

Klage gegen Kaskeline

168

Künstlerischer Leiter

171

1945: Das Ende

174

Ediths Tagebuch

178

Heimkehr nach Berlin

186

III. Aufbruch in eine neue Zeit

191

Die eigene Firma: Kaskeline-Film

191

Neue Werbefilme

200

Löwe und Sarotti-Mohr

207

Letzte Jahre

211

Anhang Quellen und Archive

221

Literaturverzeichnis

221

Weitere Quellen

222

Filmographie Wolfgang Kaskeline

223

Anmerkungen

238

Bildnachweis

239

Die Autorin

240

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Vorwort

Während einer Feier in Berlin hatte ich Horst Kaskeline, den Sohn von Wolfgang Kaskeline, kennengelernt. Er hatte mir von seinem Vater berichtet. Er schilderte, dass er über das Werk von Wolfgang Kaskeline ein Manuskript mit dem Titel »Der Nachweis« geschrieben habe. Horst Kaskeline gab mir später sein Manuskript, dem ein Anhang mit Dokumenten aus dem Bundesarchiv beigefügt war. Im April 2013 starb Horst Kaskeline im 94. Lebensjahr. Auf dem Weg zu seiner Beerdigung kam mir der Gedanke, ein Buch über Wolfgang Kaskeline zu schreiben, zumal ich mit dem mir anvertrauten Manuskript eine wertvolle Grundlage in den Händen hatte. Kurze Zeit danach begann ich mit Recherchen und befragte Familienangehörige, die mir auch Fotos und Aufzeichnungen anvertrauten. Wichtige Informationen und Familienfotos erhielt ich dabei von Ramona Sieglerschmidt, die ausführlich über ihren Großvater Wolfgang Kaskeline berichtete, wofür ich ihr herzlich danken möchte. Mein Dank gilt auch Ingrid Vonderschmitt, Wolfgang Kaskelines letzter Sekretärin. Hilfe erhielt ich außerdem von Jutta Kaskeline, der Schwiegertochter. Sie war ab 1954 im Atelier Kaskeline als Zeichnerin tätig und machte mir von Wolfgang Kaskeline produzierte Werbefilme, Fotos sowie Briefe und Unterlagen zugänglich und übermittelte mir die Anschrift eines privaten Sammlers, Heinz Offermann, der mir sein umfangreiches Archiv für Recherchen öffnete. Ich möchte Heinz Offermann und den Verwandten von Wolfgang Kaskeline, insbesondere Jutta Kaskeline, ohne deren Unterstützung ich dieses Buch nicht hätte schreiben können, herzlich danken. Nicht zu vergessen auch meinem Ehemann, der mir bei den Recherchen zur Seite stand. Herma Kennel, Dezember 2019 Vorwort 9

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I. Vom Zeichenlehrer zum ­Zeichentrickfilmer

Eine böhmische Familie

Wolfgang Kaskelines jüdische Vorfahren stammten aus Teplitz in Böhmen. Teplitz liegt, umgeben von sanften Hügeln, zwischen dem südlichen Rand des Erzgebirges im Norden und den Ausläufern des Böhmischen Mittelgebirges im Süden. Im Jahre 762 sollen dort – einer Sage nach – warme Quellen entdeckt worden sein. Um 1160 wurde an diesem Ort ein Benediktinerinnenkloster errichtet, aber während der Hussitenkriege zerstört. Auf den Ruinen entstand im 16. Jahrhundert ein prunkvolles Schloss im Renaissancestil, von den späteren Herrschaften, der fürstlichen Adelsfamilie von Clary und Aldringen, mit Umbauten im spätgotischen, barocken und klassizistischen Baustil nach und nach erweitert. Als Gäste der Schlossherren weilten berühmte Persönlichkeiten in Teplitz, darunter der russische Zar Peter der Große, Ciacomo Casanova, Frédéric Chopin und Franz Liszt. Ludwig van Beethoven unterzog sich hier 1811 einer sechswöchigen Kur. Johann Wolfgang von Goethe war sogar mehrmals in Teplitz zur Kur, zuletzt im Jahre 1813. Während der Napoleonischen Kriege war Teplitz vorübergehender Sitz der Monarchen von Russland, Österreich und Preußen. Im Schloss von Teplitz legten sie 1813 ihr gemeinsames Bündnis gegen Napoleon vertraglich fest. Spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts war Teplitz zum beliebten Aufenthaltsort von Majestäten aus ganz Europa geworden. Auch Kaiserin Sissi von Österreich genoss 1854 eine Kur im Steinbad. Die heilenden Quellen lockten viele Kurgäste in das Städtchen, das als das älteste Heilbad Mitteleuropas bezeichnet wurde; die Zahl der Einwohner nahm stetig zu. 1870 lebten 11 850 Menschen in Teplitz, darunter waren 1280 Juden, die 1849 zu gleichberechtigen Bürgern der Eine böhmische Familie 11

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Stadt erklärt worden waren. Ab dem Jahre 1861 war es ihnen auch gestattet, Grund und Boden zu erwerben. Wirtschaftlich ging es weiter aufwärts, viele Juden gründeten Unternehmen oder waren als Kaufleute tätig. Der 1808 in Teplitz geborene Josef Kaskeline, ein Urgroßonkel von Wolfgang Kaskeline, betrieb in der Stadt seine Firma »Gemischt-Warenhandlung, Josef Kaskeline«. Er war Mitglied des Stadtrates, unter anderen neben Sr. Durchlaucht Edmund Fürst von Clary und Aldringen sowie Carlos Graf von Clary. Zudem engagierte er sich als Vorsteher der sich rasch vergrößernden israelitischen Kultusgemeinde. Josef Kaskeline war zweimal verheiratet und hatte sechs Kinder. Seine Tochter Elise heiratete 1866 Louis Löwy, Kaufmann aus Breslau. Josef Kaskeline zog später zu dieser Tochter und starb, 72-jährig, nach langem Leiden im August 1880 in Breslau. Sein Neffe David Kaskeline, geboren 1835, übersiedelte 1860 von Teplitz nach Prag, verheiratete sich mit Eleonore Beck und eröffnete 1863 in der Prager Altstadt eine Firma für den Handel mit Manufakturen sowie für Kommissions- und Speditionsgeschäfte, die er 1864 um Wechselgeschäfte erweiterte. Das »Bankhaus David Kaskeline« handelte mit Anleihen, Aktien und Losen. 1869 kaufte der Besitzer für 250 000 Gulden ein Landhaus und für 105 000 Gulden ein Haus am Heuwagsplatz in der Prager Altstadt, alsbald das »Kaskeline’sche Haus« genannt, das zu einem beliebten Treffpunkt von Politikern wurde. Ausgelöst durch eine Börsenbaisse in Wien, geriet die Firma in die Insolvenz und Kaskeline wurde verhaftet. In einem aufsehenerregenden Prozess, über den alle Blätter der k. u. k.-Monarchie berichteten, wurde er Anfang 1871 freigesprochen. Befreundete Geschäftsleute planten Mitte 1871 die Gründung einer neuen Bank, der David Kaskeline als Direktor vorstehen sollte. Doch die Geschäfte liefen schlecht, 1875 kam es vor dem Prager Schwurgericht zu einem neuerlichen Prozess gegen den Bankier, der wieder mit einem Freispruch endete. Mit Beginn der 1880er Jahre betrieb David Kaskeline in seinem Haus Am Graben Nr. 37 in Prag die »Continentale Bank & Wechselstube«, bot Promessen, Kreuz-Lose und Braunschweiger Lose an. 12

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Eleonore und David Kaskeline hatten sechs Kinder. Ein Sohn, Robert, war musikalisch hochbegabt. 1880 gab der Elfjährige bei einer öffentlichen Veranstaltung auf seiner Violine ein Solo-Konzert in Prag, das große Beachtung fand. Robert wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann, der zwischen Prag und New York pendelte. Im Jahre 1912 starb er nach kurzer Krankheit in New York. David Kaskeline starb 1890 in Prag, Eleonore Kaskeline 1914. Davids Bruder, Ludwig Kaskeline, 1823 in Teplitz geboren, eröffnete 1863 in Prag nahe dem Kaskeline’schen Haus in der Obstgasse 767 II eine Firma für Schnittwaren unter dem Namen »A. Kaskeline Sohn«, auch tätig in Kommissions- und Speditionsgeschäften. 1866 konnte die Firma ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen, das Vergleichsverfahren wurde 1867 abgeschlossen. Sechs Jahre später, 1872, eröffnete seine Ehefrau Lina Kaskeline, geboren 1834 in Ratibor, Zlinský, Mährische Walachei, in der Obstgasse 1001/1 eine Firma »Handel mit Schnitt- und Damenoberwaren« nebst Kommissions- und Speditionsgeschäften. Aber auch Linas Geschäft konnte sich nicht etablieren, 1875 wurde der Konkurs eröffnet. Ludwig und Lina waren gesellschaftlich aktiv, 1872 und 1874 spendeten sie Gelder für Hochwassergeschädigte der israelitischen Kultusgemeinde in Prag. Ludwig Kaskeline hielt im April 1875 einen Vortrag über Plattdeutsch im »Verein Eintracht« in Prag-Smichow. Lina starb im Dezember 1900 in Teplitz. Ludwig Kaskeline, »vom tiefsten Schmerze niedergebeugt«, gab in einer Annonce des Teplitz-Schönauer Anzeigers ihren Tod bekannt. Lina und Ludwig hatten acht Kinder: Olga, Berta Regine, Arnold, Lothar (der Gymnasiast starb 1879 mit 13 Jahren in Prag an Gehirnlähmung), August Guido, Benno (promovierter Jurist, Statthalterei-Konzipist, 1906 zum Bezirkskommissär in Prag ernannt; er beteiligte sich aktiv an Prager »Juristenkonzerten«, war Mitglied des Prager Ruderclubs »Regatta«) sowie Friedrich, ein bekannter Zeichner, Maler und Scherenschnittkünstler – und Viktor Kaskeline, geboren 1858 in Teplitz. Viktor war der Vater von Wolfgang Kaskeline.

Eine böhmische Familie 13

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Die frühen Jahre

Wolfgang Kaskeline kommt am 23. September 1892 in Frankfurt am Main zur Welt. Seine Eltern, Katharina und Viktor Kaskeline, sind glücklich, zwei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter nun auch einen Sohn zu haben. Bald darauf lässt sich die Familie in Hamburg nieder. Viktor Kaskeline ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der dort für ein großes Unternehmen in leitender Position, als Generaldirektor, tätig sein wird. Das Unternehmen produziert Landmaschinen, die europaweit verkauft werden sollen. Viktor Kaskeline hat in Leitmeritz das Kaiserlich-königliche Staatsgymnasium besucht und mehrere Sprachen erlernt. Er beherrscht auch Russisch, sodass es ihm gelingen wird, landwirtschaftliche Maschinen auch in das russische Zarenreich zu exportieren. In Hamburg wächst Wolfgang Kaskeline, von einer energischen Mutter streng erzogen und vom Dienstpersonal liebevoll betreut, in einem wohlhabenden Haushalt auf. Über seine frühen Jahre ist wenig bekannt; er bekommt noch zwei Geschwister, Sigrid und Raimund. Wolfgang besucht nach der Volksschule die Ober-Realschule Hamburg. Doch der Unterricht gefällt ihm nicht. Er langweilt sich, lieber würde er malen oder zeichnen. Heimlich bringt er Porträts von Klassenkameraden aufs Papier. Die Leistungen des schulischen Einzelgängers lassen mehr und mehr zu wünschen übrig. Viktor Kaskeline, der seine Gymnasialzeit in Leitmeritz mit hervorragenden Noten abgeschlossen hat, ist enttäuscht, hat er doch große Hoffnungen in seinen erstgeborenen Sohn gesetzt. Er zeigt kein Verständnis für die mangelhaften Noten, hält dem Jungen vor, sich nur ungenügend oder gar nicht auf die Schule zu konzentrieren, und stellt die hervorragenden schulischen Bewertungen des Bruders Raimund dagegen. Die Strenge des gefürchteten Vaters schafft keine harmonische häusliche Atmosphäre für Wolfgang, er kapselt sich innerlich ab. Nach wie vor bekommt er in den künstlerischen Fächern Malen und Zeichnen die einzig guten Schulnoten. Seine ältere Schwester Olga ist ebenfalls künstlerisch tätig. Sie entwirft unter anderem Zeichnungen für Kindermoden und sendet sie an 14

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eine Berliner Zeitschrift. Durch Zufall erfährt der Vater von der heimlichen Leidenschaft seiner minderjährigen Tochter, als ein Geldbriefträger das Honorar für Olga überbringen will. Viktor Kaskeline verbietet ihr daraufhin jegliche künstlerische Tätigkeit, solange sie noch keinen Schulabschluss hat. Auch Wolfgangs Porträts und Zeichnungen finden im Elternhaus keinen Anklang. Mit dem Abschlusszeugnis der Mittleren Reife verlässt er die Ober-Realschule – ohne zu wissen, was danach kommen soll. Nach der Entlassung aus der Schule verbringt Wolfgang Kaskeline seine Zeit meist mit Nichtstun im Elternhaus, sucht aber nach einer Möglichkeit, ihm zu entrinnen. Die Vorwürfe des Vaters kann er nicht mehr ertragen, seine scheinbar ausweglose Situation belastet ihn mehr und mehr. Durch Zufall erfährt er von einer fahrenden Artistentruppe, die auf der Suche nach einem starken Untermann ist. Wolfgang Kaskeline ist seit einigen Jahren Mitglied im Turnerbund, er ist durchtrainiert, hat Muskeln und kräftige Oberarme – und er besitzt Standfestigkeit. Ohne lange zu überlegen, bewirbt er sich, wird nach einer ersten Probe engagiert und reist von da an mit der Wandertruppe von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, von Aufführung zu Aufführung. Ein Leben ganz anderer Art hat für ihn begonnen. Die Zirkusatmosphäre gefällt ihm, fasziniert ihn geradezu. Der gut aussehende und gut gebaute junge Mann erfreut sich am Beifall vor allem der jungen Damen. Er empfindet die Anerkennung des Publikums als ein Geschenk und ist zufrieden. Von seinem neuen Leben weiß zu Hause niemand. Weder Eltern, Verwandte, Freunde und Bekannte sind von ihm informiert worden. Wolfgangs Verschwinden bleibt rätselhaft und unerklärlich. Student an der Kunstgewerbeschule

Nach einer Zeit des Wanderns mit der Artistengruppe kehrt Wolfgang Kaskeline nach Hause zurück. Froh und erleichtert über seine Rückkehr, wird der »verlorene Sohn« von der Familie aufgenommen. Jetzt weiß er auch, wie es weitergehen soll: Er bittet den Vater darum, die Kunstgewerbeschule Hamburg besuchen zu dürfen. Viktor Kaskeline Student an der Kunstgewerbeschule 15

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ist einverstanden, greift er doch selbst in seiner wenigen Freizeit gerne zu Pinsel und Farben, um phantasievolle Gemälde auf die Leinwand zu bringen. Im Sommersemester 1909 beginnt Wolfgang mit dem Studium der Gebrauchsgraphik. Endlich ist er da angelangt, wo er schon immer hinwollte. Mit Eifer, Elan und Ehrgeiz macht er sich daran, alle Aufgaben zur besten Zufriedenheit zu meistern. Und er ist interessiert an den Gesprächen seiner Kommilitonen über die politische Lage im Deutschen Reich. Die meisten von ihnen sind nationalbewusste Verfechter der Monarchie, Bewunderer des Kaisers Wilhelm II. Ihren Meinungen schließt Wolfgang Kaskeline sich wie selbstverständlich an. Inzwischen hat Bruder Raimund an der Technischen Hochschule sein Ingenieurstudium erfolgreich abgeschlossen. Die Familie ist stolz, als er in Berlin bei dem Unternehmen »Rumpler-Luftfahrzeugbau« seine erste Stelle antritt. Auch Viktor Kaskeline ist erfolgreich. Es ist gelungen, Landmaschinen in nahezu alle Länder Europas zu exportieren, und die Exporte in das russische Zarenreich stehen an oberster Stelle. Doch 1912 beginnt die Auftragslage zu stagnieren. Seine Hoffnungen setzt Viktor Kaskeline auf ein Treffen von Zar Nikolaus II. mit Kaiser Wilhelm II. Die beiden Monarchen begegnen sich am 4. Juli 1912 in Baltischport am Finnischen Meerbusen, um über die außenpolitische Lage zu beraten. Zum Abschluss der Gespräche versichern sie sich der gegenseitigen Freundschaft und Zusammenarbeit, was Viktor Kaskeline als ein positives Signal auch für künftige Geschäftsbeziehungen mit dem Zarenreich deutet. In dieser Zeit nimmt Wolfgang Kaskeline ein zweites Studium am Konservatorium Hamburg auf. Er macht eine musikalische Grundausbildung, erlernt das Spielen mehrerer Instrumente sowie das Komponieren. Zielstrebig möchte er das Studium an der Kunsthochschule mit einem hervorragenden Examen abschließen. Zu Hause, bei abendlichen Gesprächen, erfährt Wolfgang von seinem Vater, dass sich dessen Hoffnungen, die er in die Begegnung von 16

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Wolfgang Kaskeline

Kaiser Wilhelm II. mit Zar Nikolaus II. gesetzt hat, nicht erfüllen. Die Geschäfte gehen zunehmend schlecht. Auch die Bestellungen von Landmaschinen aus England sind ins Stocken geraten. Grund dafür seien Spannungen zwischen Großbritannien und dem deutschen Kaiserreich, das nun seine Flotte mit über vierzig Schlachtschiffen aufstocken wolle. Nicht nur Großbritannien, sondern auch Staaten wie die Niederlande, Schweden und Frankreich hätten dagegen protestiert. Alle Großmächte seien dabei, militärisch aufzurüsten, alles deute auf einen Krieg hin. Umso wichtiger sei es, dass das deutsche Kaiserreich eine schlagkräftige Streitmacht aufbaue. Am 7. September 1913 beschließen das deutsche Kaiserreich, Öster­ reich-Ungarn und Italien den »Dreibund«, eine militärische Zusammenarbeit im Kriegsfall. Wolfgang Kaskeline setzt, unbeirrt von drohender Kriegsgefahr, konsequent sein Studium an der Hamburger Kunsthochschule fort.

Student an der Kunstgewerbeschule 17

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Der Erste Weltkrieg

Am 28. Juni 1914 werden der österreichisch-ungarische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Gemahlin, Sophie Herzogin von Hohenberg, in Sarajevo erschossen. Der 19-jährige serbische Attentäter Gavrilo Princip, ein Gymnasiast, wird sofort festgenommen. Erschüttert von dieser Tat, lässt Kaiser Wilhelm II. über seinen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg bekräftigen, dass die »unbedingte Bündnistreue des Deutschen Reiches zu Österreich-Ungarn« absoluten Vorrang habe. Doch auch die Großmächte England, Frankreich und Russland haben ein militärisches Bündnis geschlossen und Russland sichert Serbien seine Unterstützung zu. Österreich, überzeugt davon, dass Serbien das Attentat zu verantworten hat, plant einen Angriff nach dem Motto: »Mit den Serben muss aufgeräumt werden – und zwar bald!« Anfang Juli bestärkt Kaiser Wilhelm II. über seinen deutschen Botschafter in Wien Österreich darin, mit aller Härte gegen Serbien vorzugehen. Kaiser Wilhelm II. plädiert sogar für einen raschen Präventivschlag gegen das russische Zarenreich, bevor dieses, militärisch aufgerüstet, einen Angriff auf das Deutsche Reich beginnen kann. Zuvor aber soll nach Meinung des Kaisers und seiner Generäle Frankreich rasch besiegt werden. Die Entschlossenheit Wilhelms II., gegen den »Erbfeind« Frankreich militärisch vorzugehen, überzeugt Wolfgang Kaskeline. Sein Vater dagegen rät zur Mäßigung. Vater und Sohn streiten über die richtige Strategie. Je mehr Viktor sich für eine diplomatische, friedliche Lösung der beteiligten Länder ausspricht, desto mehr ist Wolfgang für ein militärisches Eingreifen. Ein Krieg scheint unaufhaltsam. »Der Gegner zwingt uns den Krieg auf«, heißt es allgemein. Am 28. Juli 1914 erklärt Österreich Serbien den Krieg, bald darauf verkündet Russland die Generalmobilisierung. Die meisten Staaten Europas sind wie von einem Kriegsrausch erfasst. Mahnende Stimmen werden ignoriert. Am 1. August 1914 erklärt Deutschland Russland den Krieg. Um Mitternacht wird die Mobilmachung ausgerufen. Am 3. August erklärt Deutschland seinem Nachbarland Frankreich den Krieg. Am 4. August 18

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erklärt England Deutschland den Krieg, wie am 6. August auch Serbien. In den nächsten Tagen folgen weitere Kriegserklärungen einzelner Staaten. Es gibt kaum ein Land Europas, das nicht in den Krieg verstrickt sein wird. Kaiser Wilhelm II. wendet sich an seine Untertanen mit dem Aufruf: »Deutsches Volk! So muss denn das Schwert entscheiden! Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Nun auf zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Fehlen wäre Verrat am Vaterland!« Raimund Kaskeline wird sofort als Pilot eingezogen. Wolfgang Kaskeline möchte seinem Beispiel folgen und seine Treue zu Kaiser und Vaterland unter Beweis stellen. Viktor Kaskeline rät ihm eindringlich ab; er ist überzeugt, dass dieser Kampf gegen übermächtige Gegner nicht zu gewinnen ist. Doch Wolfgang schlägt die Warnungen seines Vaters in den Wind. Er ist entschlossen zu kämpfen und meldet sich als Kriegsfreiwilliger. Für eine kurze Ausbildungszeit wird er zu einer Hamburger Infanteriekompanie befohlen. Viele junge Männer drängt es, endlich den Waffenrock tragen zu dürfen, um für Kaiser und Vaterland den Sieg zu erringen. Keiner von ihnen möchte den Sieg versäumen, denn der Krieg, davon sind sie überzeugt, wird nur von kurzer Dauer sein. Schon in ersten Wochen verkünden Schlagzeilen der deutschen Presse Siegesmeldungen über den deutschen Vorstoß in Belgien. Wolfgang Kaskeline wird nach Beendigung seiner militärischen Ausbildung mit Hunderten anderer Freiwilliger in einem Viehwaggon zum »Frontbereich« nach Belgien transportiert. Der deutsche Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen hatte schon 1905 einen Plan entwickelt, wie das Deutsche Reich erfolgreich einen Zwei-Fronten-Krieg gegen Russland und Frankreich gewinnen könne: Eine rasche Niederlage Frankreichs werde erreicht, wenn das deutsche Heer über Belgien nach Frankreich einmarschiere, von Nord und West angreife, den Gegner wie mit einer Zange einschließe, ihn südwärts in Richtung Schweiz zurückdränge und so zur Kapitulation zwinge. Nach dem Sieg über Frankreich solle das gesamte deutsche Heer in Richtung Osten verlegt werden, um dann die Truppen des russischen Der Erste Weltkrieg 19

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Reiches zu schlagen. Dieser Plan, wenn auch leicht revidiert, erscheint dem Kaiser und seinen Generälen so überzeugend, dass sie an einen raschen Sieg glauben. Frankreich, so die allgemeine Meinung, werde in vier Wochen besiegt sein und danach würde Russland siegreich geschlagen. In Belgien ist die deutsche Offensive, eine verheerende Spur der Verwüstung hinter sich zurücklassend, schon tief ins Land, bis nach Diksmuide in Westflandern vorgedrungen. Hier strömen nun die jugendlichen Freiwilligen aus den Viehwaggons, um sich kampfesmutig der belgischen Armee und den sie unterstützenden französischen Marinesoldaten entgegenzustellen. Unter ihnen ist Wolfgang Kaskeline. Bei heftigem Regen wird das Reserve Infanterie Regiment 203, II. Kompagnie, in Marsch gesetzt. Diksmuide ist eine Kleinstadt im äußersten Westen Belgiens, gelegen am Fluss Yser, nicht weit von der Küste entfernt. Die frisch angekommenen Freiwilligen sollen den deutschen Soldaten auf ihrem Vormarsch, der nach schweren nächtlichen Kämpfen ins Stocken geraten ist, beistehen. Schon zu Beginn der ersten heftigen Kampfhandlung, am 26. Oktober 19141, wird Wolfgang Kaskeline durch Granatsplitter schwer verwundet. Seine linke Gesichtshälfte ist getroffen, sein rechtes Knie zertrümmert. Er kann sich vor Schmerzen nicht mehr bewegen und wird endlich zum Feldlazarett weit hinter der Front transportiert. Die vielen Verwundeten dieser Schlacht werden nach Berlin ins Rudolf-VirchowKrankenhaus verbracht, weil das Feldlazarett sie nicht versorgen kann. Einen Tag später, am 27. Oktober 1914, erteilt der belgische König Albert I. in Absprache mit seinen militärischen Beratern den Befehl, den Kanal der Yser zu stauen. Danach sollen die Schleusen geöffnet werden, um Diksmuide und das umgebende Tiefland zu überfluten. Die Flutung der Polderfelder am 27., 28. und 29. Oktober kann den deutschen Vormarsch jedoch nicht stoppen. In den folgenden Tagen dann wird eine Seeschleuse bei Flut geöffnet und damit die Polderfelder mit Meereswasser überflutet. Die von den Wassermassen überraschten Soldaten mit schwerem Gerät bleiben in Schlamm und Wasser stecken. Damit ist es den belgischen Truppen gelungen, die 20

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deutschen Soldaten zurückzudrängen. Zermürbt treten die wenigen Überlebenden am 2. November den Rückzug an. Bei dieser »Ersten Flandernschlacht« im Herbst 1914 sind 3000 junge deutsche Freiwillige gefallen. Vom Lazarett in den Schuldienst

Das Berliner Rudolf-Virchow-Krankenhaus ist zum Lazarett geworden. Der 22-jährige Wolfgang Kaskeline wird mit anderen Verwundeten, mit denen er ein ähnliches Schicksal teilt, in einem großen Krankensaal untergebracht. Schon bei einer der ersten Arztvisiten wird er informiert, dass sein zertrümmertes Knie, so haben es die Aufnahmen der Röntgenbilder gezeigt, nicht mehr zu retten ist. Eine Amputation oberhalb des rechten Knies ist unvermeidlich. Unter den Ärzten ist ein jüngerer Chirurg namens Dr. Christella. In einem Gespräch unter vier Augen empfiehlt er dem Patienten, von einer Amputation unbedingt abzusehen. Er habe sich seit geraumer Zeit wissenschaftlich mit diesem Gebiet befasst und Möglichkeiten erforscht, wie eine Durchtrennung von Venen und Nervenbahnen überbrückt werden könne. Wolfgang Kaskeline vertraut dem Chirurgen und verweigert seine Zustimmung zur Amputation. Die von Dr. Christella durchgeführte Operation, bei der eine künstliche Vene in Form eines feinen Glasröhrchens eingesetzt wird, verläuft nahezu problemlos. Der Heilungsprozess allerdings wird sich über einen langen Zeitraum hinziehen, länger als es bei einer Amputation der Fall gewesen wäre. Wolfgang Kaskeline kann sich nicht allein fortbewegen, sondern muss in den folgenden Monaten auf einer Rollliege transportiert werden. Wenn er wieder ohne fremde Hilfe laufen kann, so seine Planung, möchte er sein Studium fortsetzen und mit der Lehrerlaubnis abschließen. Die Tage im Krankenbett vergehen langsam, Abwechslung in den eintönigen Lazarettalltag bringen nur die Krankenschwestern. Sie kümmern sich aufopfernd um die Kriegsverletzten. Im Virchow-Hospital lernt Wolfgang Kaskeline die Schwesternschülerin Minna Berg kennen. Minna spricht mit leicht niederschlesiVom Lazarett in den Schuldienst 21

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Minna Kaskeline, Porträt von Wolfgang Kaskeline, etwa 1917

schem Dialekt und scheint mit ihren 16 Jahren die Jüngste unter den Schwestern zu sein. Sie stammt aus einem idyllisch gelegenen Ort im Riesengebirge. Ihr älterer Bruder Ernst arbeitet bereits seit vier Jahren als Krankenpfleger im Rudolf-Virchow-Krankenhaus und hat seiner jüngsten Schwester den Weg zur Ausbildung als Krankenschwester geebnet. Normalerweise liegt das Eintrittsalter für eine Lernschwester bei 18 Jahren, doch wegen der unerwartet hohen Zahl von Schwerverwundeten ist es auf 16 Jahre herabgesetzt worden. Wolfgang Kaskeline verliebt sich in die junge Krankenschwester. Seine Genesung allerdings macht nur sehr langsam Fortschritte. Die Heilung des operierten Knies verlangt ihm Zuversicht und Geduld ab. So bleibt ihm viel Zeit, über seine Lage und über den Kriegsverlauf nachzudenken. Hatte der Vater mit seinen warnenden Worten doch recht? Wolfgang Kaskeline hat bei Diksmuide das Sterben junger Kriegskameraden miterleben müssen. Vor Entsetzen ist er wie erstarrt gewesen. Welche gütige Fügung hat ihn davor bewahrt, das gleiche Schicksal zu erleiden? Seinen Mitpatienten ergeht es ähnlich. Sie spre22

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chen über ihre Kriegserfahrungen und sind – trotz schwerer Verwundung – froh, überlebt zu haben. Bei schönem Sommerwetter begleiten die Krankenschwestern in den Nachmittagsstunden Kriegsversehrte nach draußen. Minna kümmert sich um Wolfgang und schiebt ihn auf der Rollliege auf die lange, schmale Terrasse. Die Patienten sollen von den wärmenden Sonnenstrahlen und der milden Luft profitieren. Wann immer es ihr möglich ist, sucht Minna Wolfgangs Nähe. Sie erzählt ihm Sagen und Märchen aus dem Riesengebirge; in ihrer lebendigen Art schildert sie die Geschichten von »Rübezahl« so spannend, dass Wolfgang das Gefühl hat, das Geschehen wie in einem Film zu sehen. Minna berichtet ihm auch von ihrer glücklichen Kindheit in Oberkretscham, zwei Kilometer vor dem Städtchen Buchwald gelegen. Sie ist die Jüngste von elf Geschwistern. Nachdem der geliebte Vater verstorben war, unterstützte Minna ihre Mutter, die weder Rente erhält noch ein eigenes Einkommen hat. Manchmal aber konnte die Mutter wie ein »Friedensrichter« wirken und Streitigkeiten unter Dorfbewohnern schlichten, wofür sie als Gegenleistung Milchprodukte und Hühnereier erhielt. Minna lebte mit der Mutter allein in einem alten Bauern­haus am Waldesrand. Ihre Geschwister haben sich mit Beendigung der Schulzeit nach Berlin aufgemacht, der älteste Bruder nach Bayern, wo er als Gutsverwalter tätig ist. In Schmiedeberg bei Buchwald hat Minna die einklassige Volksschule besucht, von hier aus konnte sie den Gipfel der Schneekoppe sehen. Im Sommer war sie meist barfuß zum Unterricht gelaufen, weil Geld für neue Schuhe fehlte. In der kalten Jahreszeit trug sie Schuhe ihrer älteren Schwestern auf. Von ihrem Lohn als Schwesternschülerin schickt Minna jetzt Pakete an ihre Mutter. Vor allem mit Kaffeebohnen, hat die Mutter doch immer einen mit heißem Wasser gefüllten Kessel auf dem Herd in der Hoffnung, von Minna Kaffee zu erhalten. Wolfgang Kaskeline ist von Minnas Schilderungen aus dem Riesengebirge und ihren Berichten über die Mutter angetan. Er liebt Minna. Sein Gesundheitszustand hat sich nach Monaten des geduldigen AbVom Lazarett in den Schuldienst 23

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wartens gebessert. Zu seinem Geburtstag im September 1915 schenkt Minna ihm einen Zeichenblock und Stifte, damit er sich auf die Wiederaufnahme seines Studiums und die Prüfung zum Zeichenlehrer vorbereiten kann. Nach mehr als zwei Jahren im Lazarett wird Wolfgang Kaskeline entlassen. Er ist zu siebzig Prozent kriegsbeschädigt, sein Kniegelenk versteift, sein rechtes Bein verkürzt. Er leidet unter einer Lähmung der linken Gesichtshälfte und wird, weil auch sein Auge geschädigt ist, Zeit seines Lebens immer eine Augenklappe bei sich tragen, um sie bei Bedarf anlegen zu können. Er erhält eine lebenslange Invalidenrente. Nachträglich wird er zum Gefreiten ernannt, mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet und im Dezember 1916 mit dem Hamburger Hanseatenkreuz geehrt. Der Krieg, in den er einst voller Enthusiasmus aus Liebe zum Vaterland gezogen ist, scheint zu diesem Zeitpunkt endgültig verloren. Er fühlt sich vom Aufruf des Kaisers, in den Kampf zu ziehen, getäuscht und betrogen. Er wird nie über diesen Krieg sprechen, der mehr als 17 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Nach fast zwei Jahren Unterbrechung setzt Wolfgang Kaskeline sein Kunststudium an der Kunstgewerbeschule Berlin fort. Jetzt kann er mit Hilfe eines Gehstocks wieder laufen, wenn auch zunächst nur langsam. So rasch wie nur möglich will er die Lehrerlaubnis erhalten und meldet sich deshalb an der Zeichenlehrer-Akademie Berlin an. Nach bestandenem Examen möchte er Minna heiraten. Trotz seiner gesundheitlichen Einschränkungen absolviert Wolfgang Kaskeline das Studium an der Zeichenlehrer-Akademie mühelos. Am 5. Juli 1917 erhält er von der Königlichen Prüfungskommission die Zulassung, »an mehrklassigen Volks- und Mittelschulen sowie an höheren Schulen und Lehrerbildungsanstalten Unterricht im Zeichnen zu erteilen«. Minna schickt ihrer Mutter Kaffeebohnen und teilt ihr in einem beigefügten Brief froh mit, dass sie einen Heiratsantrag von einem ihrer Patienten erhalten habe. Ihr Bräutigam sei der beste Mann der Welt, gut aussehend und tüchtig. Demnächst werde er die Prüfung zum Zei24

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chenlehrer ablegen. Die Mutter glaubt zu träumen: Ausgerechnet ihre kleine, tapfere Minna scheint es am weitesten von allen zu bringen – sie wird einen Mann aus wohlhabender Familie heiraten. Dazu noch einen Lehrer! Bald heißt es in dem schlesischen Dorf: »Berga Minna heiratet einen Lehrer!« Das ist die größte Sensation! Einem Lehrer wurde, neben dem Arzt und dem Herrn Pfarrer, damals höchstmögliche Verehrung entgegengebracht. Bei Wolfgangs Eltern dagegen stößt seine Mitteilung der bevorstehenden Hochzeit auf Ratlosigkeit und Unverständnis. Weshalb nur muss es eine Krankenschwester sein, dazu eine arme Halbwaise aus dem entfernten Riesengebirge? Warum keine Tochter aus gutem Hause und begüterter Familie? Es gibt so viele heiratswillige junge Frauen – und er wählt die Ärmste von allen! Viktor und Katharina Kaskeline sind inzwischen von Hamburg nach Berlin-Lichtenberg umgezogen, wo Viktor Direktor einer Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen und Geräte geworden ist. Olga, die älteste Tochter, hat in Lichtenberg geheiratet. Ihr Mann ist Landwirt und entstammt einer alteingesessenen, berühmten adeligen Familie. Voller Stolz schenkt Vater Kaskeline dem Brautpaar als Mitgift einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb. Wieder dient Olga als Beispiel dafür, welch gute Wahl sie hinsichtlich ihres Ehepartners doch getroffen habe. Wolfgang möge seinen Entschluss noch einmal überdenken. Aber der Sohn lässt sich trotz familiärer Widerstände in seiner Entscheidung für Minna nicht beirren. 1917 heiraten beide und beziehen eine Wohnung in der Gitschiner Straße 1 in Berlin-Kreuzberg mit Blick auf den Landwehrkanal. Ein Jahr später wird eine Tochter, Sigrid, geboren. Viktor Kaskeline unterstützt die junge Familie finanziell, bis Wolfgang im Oktober 1917 die offizielle Bestätigung erhält, als Zeichenlehrer eingestellt zu werden. Die Carl-Michael-Oberschule in Berlin wird für etliche Jahre zu seinem Berufsmittelpunkt. Das Glück ist vollkommen, als im Dezember 1919 ein gesunder Junge, der den Namen Horst tragen wird, zur Welt kommt.

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Die Anfänge des Zeichentrickfilms

In den 1920er Jahren wird in Deutschland zum ersten Mal über einen bis dahin unbekannten amerikanischen Zeichentrickfilmer mit dem Namen Walt Disney berichtet. Im November 1928 hat Disneys Zeichentrickfilm »Steamboat Willie«, in dem auch Mickey Mouse auftritt, Premiere in einem New Yorker Kino. Schon mehr als ein Jahrzehnt zuvor waren im Deutschen Reich erste Werbefilme in Zeichentricktechnik entstanden. Die Zeit war reif für diese neue Kunstrichtung: Unabhängig voneinander hatten mehrere deutsche Kunstschaffende den Film mit animierten gezeichneten Bildern für sich entdeckt, hatten experimentiert und dieses neue Medium stetig weiterentwickelt. Der erste noch erhaltene deutsche Animationsfilm war im Auftrag des Sektherstellers der Marke »Kupferberg-Gold« zum Jahreswechsel 1909/1910 von Guido Seeber hergestellt worden. Der Schriftzug am Ende des kurzen Films lautete »Prosit Neujahr 1910«. Julius Pinschewer hatte sich ab 1910 mit der Entwicklung von Werbefilmen befasst und 1912 Trickfilme für die Firma Maggi und für die Sektmarke »Kupferberg-Gold« gestaltet. 1919 folgten weitere Werbetrickfilme, vor allem für »Kupferberg-Gold«. Hans Fischer, 1896 in Bad Kösen geboren, hatte 1919 den ersten deutschen Zeichenfilm geschaffen: »Das Loch im Westen«, 30 Minuten lang, der als verschollen gilt. Hans Fischer gab sich damals den Künstlernamen Fischer-Kösen, später nennt er sich Fischerkoesen. Curt Schumann, 1894 in Köthen/Sachsen-Anhalt geboren, schuf 1922 seinen ersten Werbefilm »Die Geschichte des bösen Rasselmann« (verschollen) und arbeitete danach mit Fischerkoesen. Die Scherenschnittkünstlerin Lotte Reiniger hatte 1919 in Berlin ein Trickfilmstudio eröffnet, um gemeinsam mit ihrem Mann Trickfilme aus Scherenschnitten zu kreieren. Ihr erster Film »Aschenputtel« lief 1922 in den Kinos an. Es ist nicht bekannt, zu welchem Zeitpunkt Wolfgang Kaskeline vom Wirken der jungen Lotte Reiniger und anderer Zeichentrickfilmer erfahren hat. Doch als er zum ersten Mal von den Trickfilmen Walt Disneys erfährt, ist er von der Vorstellung, selbst einen Zeichen26

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trickfilm herzustellen, fasziniert. Unentwegt denkt er darüber nach, wie es technisch zu bewerkstelligen ist, einer Figur Leben und Bewegung einzuhauchen. In seinen freien Nachmittagsstunden entwirft er auf Papier Figuren mit unverwechselbarem Aussehen. Kopf, Hals, Oberarme, Unterarme, Hände, Oberschenkel, Unterschenkel, Füße, Rumpf werden getrennt, aber passgenau zueinander gezeichnet und ausgeschnitten. Zuletzt werden die einzelnen Teile mit einem dünnen Faden verbunden und damit beweglich. Damit ist ein Anfang gemacht, doch Kaskeline treibt die Frage um, wie es nun weitergehen soll. Gründung der Kaskeline-Film GmbH

Ende 1922 entschließt sich Wolfgang Kaskeline, zwei seiner talentiertesten Schüler aus der Oberprima der Carl-Michael-Oberschule, Gerhard Huttula und Gerd Dressler, zu einem Gespräch über die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu sich nach Hause einzuladen. Er verblüfft seine Besucher mit der Frage, ob sie das Projekt, gemeinsam einen Zeichentrickfilm herzustellen, unterstützen würden. Obwohl weder Huttula noch Dressler konkrete Vorstellungen haben, wie das Vorhaben zu bewerkstelligen sein könnte, erklären sie sich sofort zur Mitarbeit bereit. Begeistert von der Idee, wollen sie sogar dem Wunsch ihres Lehrers entsprechen und zunächst auf eine Entlohnung verzichten. Unter Hochdruck arbeiten Wolfgang Kaskeline, Gerhard Huttula und Gerd Dressler an ihrem Pionierprojekt. Kaskeline kann es gar nicht schnell genug gehen, er entwickelt einen Handlungsstrang, bespricht mit seinen Mitstreitern die Hauptfigur und schreibt das Drehbuch für den Trickspielfilm mit dem Titel »Erlebnisse eines Detektivs«. Gerd Dressler erweist sich als ideenreicher Zeichner. Er experimentiert, um herauszufinden, wie viele Zeichnungen notwendig sind, um im Zeichentrickfilm einen einzigen Schritt dazustellen. Gerhard Huttula, handwerklich und technisch begabt, entwickelt und konzipiert einen Tricktisch mit einer Auslassung in der Mitte. Die Öffnung versieht er mit einer Milchglasscheibe, die mit transparentem Papier belegt wird. Wolfgang Kaskeline erwirbt Tischlampen und eine Kamera, die noch mit der Hand zu kurbeln ist. Damit steht der anstrengendste Teil zur Gründung der Kaskeline-Film GmbH 27

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Herstellung eines Trickfilms bevor. Gerhard Huttula sorgt mit Tischlampen rechts und links der Milchglasscheibe für die richtige Beleuchtung. Die Glasplatte wird dabei von einer unter dem Tisch stehenden Lampe angeleuchtet. Der Raum muss völlig verdunkelt sein, die Fenster sind mit schwarzem Stoff zugehängt, damit kein Lichtschein hereindringt. Huttula macht die einzelnen Aufnahmen mit der Kamera per Knopfdruck und filmt Bild für Bild. Für einen Bewegungsablauf sind zwölf bis vierundzwanzig Zeichnungen pro Sekunde notwendig. Für Wolfgang Kaskeline ist die Zeit gekommen, eine eigene Firma zu gründen – die »Kaskeline-Film GmbH«. Mit Unterstützung eines Anwalts in der Lützowstraße wird sein Unternehmen angemeldet und im Handelsregister eingetragen. Der Rechtsanwalt wirkt beratend, wird aber auch Werbeaktionen für die Kaskeline-Film GmbH durchführen. Kaskeline entwirft einen Briefkopf, auf dem oben links das Logo seiner GmbH in Silhouetten-Technik zu sehen ist, darunter werden in künstlerisch gestaltetem Design die Dienste seines Film-Unternehmens angeboten: »Fabrikation von technisch vollendeten Filmen für Industrie, Technik, ­Gewerbe, Handel, Landwirtschaft Packende Werbefilme als Trickfilm, Zeichentrickfilm, Schauspielfilm usw. Wissenschaftliche Filme, Kultur- und Lehrfilme Künstlerische Programmfilme« Mit Datum vom 13. Juni 1923 geht ein von der Anwaltskanzlei verfasstes Schreiben an eine Filmfirma in Prag, mit dem der Spieltrickfilm »Erlebnisse eines Detektivs« vorgestellt wird, von der Kaskeline-Film GmbH »ganz nach amerikanischem Muster im eigenen Atelier« produziert.2 Der erste Teil des »Detektiv«-Films, »Der Schuss aus dem Krater«, von etwa 150 Metern Länge stehe kurz vor seiner Fertigstellung, heißt es in dem Brief. Die Kaskeline-Film GmbH habe die Absicht, den Film auf dem Lizenzweg in die Tschechoslowakei, aber auch in andere Länder zu verkaufen. Postwendend lehnt die Prager Firma das Angebot ab, da sie keine Filmverleih-Anstalt sei. 28

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Briefkopf der 1923 gegründeten Kaskeline Film GmbH

Wolfgang Kaskeline lässt sich von dieser Absage nicht entmutigen. Wie besessen arbeitet er daran – wenn auch zunächst ohne Aufträge, ohne finanzielle Vergütung und auf eigenes Risiko –, kleine Werbefilme in Zeichentricktechnik herzustellen. Um seine enormen Auslagen kompensieren zu können, porträtiert er, wie schon in den Jahren zuvor, neben seiner Tätigkeit als Zeichenlehrer Bekannte, Freunde und neu gewonnene Auftraggeber. Doch um in Zukunft ungehindert arbeiten und experimentieren zu können, bedarf es eines größeren Arbeitsraumes mit mehreren Zeichentischen, Zeichenmaterialien und Lampen, die in dem beengten Wohnzimmer in der Gitschiner Straße mit Sicht auf den U-Bahnhof Hallesches Tor nicht aufgebaut werden können. Auch sind Zeichnerinnen und Zeichner notwendig, um einem möglichen größeren Auftrag gerecht zu werden. Zudem Gründung der Kaskeline-Film GmbH 29

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stört beim konzentrierten Arbeiten der Lärm der parallel zur Straße verlaufenden Hochbahn. Wolfgang Kaskeline plant, ein Einfamilienhaus zu mieten oder zu kaufen. Er berät sich mit Minna, die sofort einverstanden ist. Ein Haus in Neu-Tempelhof

Ab Anfang der 1920er Jahre reifen in Berlin Pläne für den Bau einer Siedlung in der Nähe des Flugplatzes Tempelhof mit dem Namen »Gartenstadt Neu-Tempelhof«. Die Pläne sehen zunächst dreigeschossige Wohnblöcke und zweigeschossige Wohnhäuser in aufgelockerter Anordnung vor. Reihenhäuserblöcke sollen leicht versetzt voneinander errichtet werden, kleine Vorgärten die Vorderfronten der Häuser verschönern, Gartenanlagen die Rückfronten. Von den in den frühen Zwanzigerjahren erbauten Wohnungen und Häusern können zuerst Kriegsheimkehrer und ihre Familien profitieren. Wolfgang Kaskeline ergreift die sich ihm bietende einmalige Chance, ein Einfamilienhaus in Neu-Tempelhof, Hohenzollernkorso 34, zu erwerben. Als verbeamteter Lehrer erhält er im Mai 1925 einen Bankenkredit in Höhe von 30 000 Goldmark. Sein Vater Viktor kauft ein Haus am nahe gelegenen Thuyring. Die Vorfreude auf ein eigenes Haus mit Garten begeistert auch die Kinder, Sigrid und Horst, inzwischen sieben und sechs Jahre alt. Wie heißt es in dem gerade aktuellen Schlager, gesungen von dem beliebten »Traumpaar« des deutschen Films, Willy Fritsch und Lilian Harvey: »Wir zahlen keine Miete mehr, wir sind im Grünen zu Haus. Wenn unser Nest noch kleiner wär – uns macht das wirklich nichts aus.« Nach dem Umzug bekommen Horst und Sigrid ein eigenes Kinderzimmer. Sie freuen sich auf das Spielen im großen Garten, der mit Hilfe eines Gärtners bepflanzt werden soll. Für Wolfgang Kaskeline ist jede Art von Gartenarbeit wegen seiner schweren Kriegsbehinderung unmöglich. Aber mit Eifer macht er sich daran, Pläne für die Innengestaltung seines Fünf-Zimmer-Hauses – mit zwei ausgebauten Dachbodenräumen – zu zeichnen. Die große Küche mit Ausblick auf den Garten wird mit einem langen Esstisch 30

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