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Prominente in Berlin-Zehlendorf und ihre Geschichten

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Harry Balkow-Gรถlitzer, Bettina Biedermann,

Gerhard Drexel

Prominente in Berlin-Zehlendorf und ihre Geschichten Mit Nikolassee, Wannsee, Schwanenwerder

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © berlin edition im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg 2019 KulturBrauerei Haus 2, Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Ingrid Kirschey-Feix, Berlin Umschlag: Ansichtssache, Berlin Satzbild: Friedrich, Berlin (Auf dem Titel abgebildete Personen: Marika Rökk, Heinz Rühmann, Götz George, Hildegard Knef, Johannes Heesters, Harald Juhnke) Schrift: New Baskerville 9/11 pt Druck und Bindung: Multiprint, Kostinbrod ISBN 978-3-8148-0237-4

www.bebraverlag.de


Inhalt

Vorwort 7 Frühe Besiedlung und Kolonistendörfer

10

An der Eisenbahn

17

Wohnen und Baden im Grünen

25

Gutshäuser und Schlösser Jagdschloss Dreilinden Rittergut Düppel Jagdschloss Glienicke und Schloss Glienicke Schloss auf der Pfaueninsel

36 37 42 45 52

Eduard Arnhold

59

Michael Ballhaus

68

Willy Brandt

75

Ingeborg Drewitz

84

Emil Fischer

90

Dietrich Fischer-Dieskau

99

Götz George

106

5


Heinrich George

117

Johannes Heesters

128

Harald Juhnke

133

Max Liebermann

139

Hermann Muthesius

151

Louis Auguste Ravené

154

Heinz Rühmann

160

Carola Stern

170

Anmerkungen

181

Gräber berühmter Persönlichkeiten

193

Sieben Rundgänge

198

Auf einen Blick – Prominente in Zehlendorf mit Nikolassee, Wannsee, Schwanenwerder

213

Abbildungsnachweis

286

Der Autor

287

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Vorwort

Es wäre müßig darüber zu spekulieren, wie sich Zehlendorf entwickelt hätte, wenn der Große Kurfürst das damals heruntergekommene Potsdam 1660 nicht zur zweiten Residenz neben Berlin erhoben hätte. Denn nun lag das Bauerndorf Zehlendorf ziemlich genau auf halber Strecke zwischen beiden Residenzen. Dies brachte ihm den Vorteil ein, Raststätte zur Erholung der Reisenden und Station für einen Pferdewechsel der Kutschen zu werden. Dieser wirtschaftliche Vorteil, bedingt durch seine geographische Lage, verstärkte sich, als der größtenteils geradlinig durch Weiden, Heide und Wälder verlaufende Königsweg zur ersten preußischen Chaussee umgewandelt wurde, die vom Potsdamer Platz in Berlin bis nach Potsdam führte. Wurden zuvor die Wälder als Jagdgebiete für die herrschenden Schlossbewohner interessant, so rückten bald die landwirtschaftlichen Flächen der Bauern als Bauland in den Brennpunkt. Besonders der Bau der ersten preußischen Eisenbahnstrecke zwischen Berlin und Potsdam über Zehlendorf, später der Bau der Wetzlarer Eisenbahn und der Wannseebahn gaben einen wesentlichen Impuls zur Besiedelung der Umgebung Zehlendorfs und am Wannsee. Ein Effekt, der zu damaliger Zeit in größerem Maßstab auch bei der Erschließung des amerikanischen Westens durch die Eisenbahn zu beobachten war. Zunächst entdeckten die Berliner die Gegend um Zehlendorf nicht wie gewohnt als städtische Parkanlage, sondern als tatsächliche Natur mit einer klaren Luft, die in völligem Gegensatz zur Stickigkeit der Großstadt stand. In Berlin wurde in den meisten Haushalten das ganze Jahr über auf einem befeuerten Herd gekocht und Schlote der Manufakturen und Industrie bliesen ihren Rauch in den Himmel. Über das Erleben der Sommerfri7


sche nach geringer Reisezeit, sozusagen vor der eigenen Haustür, war es für wohlhabende Berliner bis zum Bau eines Sommerhauses und für Ärzte zum Bau eines Sanatoriums im »Luftkurort« Zehlendorf ein kleiner Schritt. Aber warum nicht ständig in Zehlendorf wohnen, wo man doch nicht einmal in einer halben Stunde mit der Bahn im Zentrum Berlins sein konnte? Vom Sommerhaus zur ständig bewohnten Villa mit parkähnlichem Garten, am besten als Seegrundstück, führte eine geradlinige Entwicklung. Dass Terraingesellschaften die Idee aufgriffen und aus diesem Bedürfnis ein Geschäft machten, verwundert nicht. Die Villenkolonien entstanden in Zehlendorf, an den Seen und an der Havel. Nach Ende des Ersten Weltkriegs fehlte großer Wohnraum in Berlin. Wälder in Zehlendorf, seit 1920 ein Ortsteil von Groß-Berlin, boten sich als Baugrundstück an, um dieses Mal aber Wohnsiedlungen für Arbeiter und Mittelstand zu errichten. Irgendwann waren die großen als Baugelände genehmigten Flächen bebaut und Zehlendorf verlor sein Wachstumspotenzial als Siedlungsgebiet. Jedoch nicht als bevorzugte Wohnlage. Bei der Berliner Bezirksreform 2001 wurde Zehlendorf mit Dahlem, Nikolassee und Wannsee mit Steglitz zu dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf vereint. Der Ortsteil Dahlem wird in diesem Buch nicht berücksichtigt, in diesem Zusammenhang wird auf das Buch »Eine noble Adresse. Prominente in Berlin-Dahlem und ihre Geschichten«, erschienen im be.bra verlag Berlin, verwiesen. Das vorliegende Buch über die Ortsteile Zehlendorf, Nikolassee mit der Insel Schwanenwerder und Wannsee möchte die Entwicklung eines kleinen landwirtschaftlichen Dorfes aufzeigen, das sich über seine verkehrsgünstige Lage, die Erschließung durch die Eisenbahn und die Umwandlung großer forstlicher und landwirtschaftlicher Gebiete in Bauflächen zu einem Berliner Ortsteil mit Wald, Parks und Seen entwickelt hat. Was mit dem Zuzug einer beträchtlichen Anzahl von bekannten und interessanten Persönlichkeiten einherging. Aus der wirklich sehr großen Menge an möglichen Namen konnte nur einer subjektiven Auswahl historischer Persönlichkeiten eine Plattform geboten werden. Das Buch soll anregen, über diese Persönlichkeiten die offiziellen Ortsteile Zehlendorf, Nikolassee und Wannsee zu entdecken. Zur Verdeutlichung wird die Insel Schwanenwerder als eigener Bereich geführt, obwohl die Insel zum Ortsteil Nikolassee gehört. Wenn auch im Sprachgebrauch von einem Ortsteil Schlachtensee zu hören ist, gibt es diesen offiziell nicht. Dementsprechend kann er nicht über festgelegte geographische Grenzen definiert sein und wird in dem vorliegenden Buch so nicht erwähnt. 8


Das Restaurant »Schloss Schlachtensee« auf einer Postkarte von 1898

Die Spaziergänge oder Radtouren führen durch die interessante Siedlungsgeschichte vom nachempfundenen mittelalterlichen Dorf über Villenkolonien und Wohnsiedlungen bis zur modernen Architektur der heutigen Zeit. Und immer wird man dabei Bäumen, Wald und Seen begegnen, den Charaktermerkmalen, die den Berliner Stadtmenschen in diesen »grünen Bezirk« lockte und immer noch lockt.

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Frühe Besiedlung und Kolonistendörfer

»Im Namen der heiligen und ungeteilten Dreieinigkeit. Wir Johannes und Otto, Gebrüder, von Gottes Gnaden Markgrafen zu Brandenburg, wollen wegen Veränderung der Zeiten in Vergessenheit der vorgeschehenen Dinge damit aller Streit verhütet werde, sowohl denen anitzo als auch zukünftig Lebenden, denen diesen zu Lesen vorkommen möchte, hiermit kund und zu wissen tun, daß wir unsern geliebten Brüdern in Christo, denen von Lehnin, das Dorf Celedendorp mit allem Zugehörigen, nämlich dem slavischen Dorf Slatdorp und den beiden Seen Slatse und Tusen und dem Wald bei genanntem Dorfe, dessen Grenze bis an den Wansze geht allen ihren Nachfolgern wohl bedächtiglich für 300 Mark verkauft haben. […] So geschehen nach Christi Menschwerdung 1242.«1 Durch diese Urkunde, die im Original nicht mehr erhalten, sondern als lateinische Abschrift im Zehlendorfer Dorfordnungsbuch von 1686 überliefert ist und hier in einer »verteutschten« Version zitiert wird, ging das kleine Dorf Celedendorp mit allem Zugehörigen von den askanischen Mark­ grafen der Mark Brandenburg Johann I. (1213 –1266) und Otto III. (1215 –1267) an das Kloster Lehnin. Aus dem Klosterhof Celedendorp entwickelte sich das heutige Zehlendorf. Die Zisterzienser Abtei, rund 50 Kilometer weiter westlich in der Mark Brandenburg gelegen, erwarb zusammen mit Celedendorp das verloren gegangene slawische Dorf Slatdorp, den Slatse und den See Tusen, bei dem es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um den Nikolassee handelt, den die Mönche nach dem heiligen St. Nikolaus benannt hatten. Der Wald ging bis an den Wannsee. Auf dem Gebiet um Zehlendorf gab es damals weitere Dörfer, deren Einwohner den sandigen, aber auf Dauer wenig ertragreichen Boden be10


wirtschafteten. Vermutlich wurden deswegen auch Dörfer nach einiger Zeit wieder verlassen, wie es möglicherweise Slatdorp am Slatse erging, das in späteren Urkunden nicht mehr erwähnt wird. Aus dem slawischen Slatse hat sich Schlachtensee entwickelt. Doch weder eine Schlacht hat dem See zu seinem Namen verholfen, noch hat ein slawischer Fleischer an seinem Ufer zum jährlichen Schlachtfest geladen. Der Name geht vom mittelhochdeutschen »slaht« aus, das ein Pfahlwerk zur Uferbefestigung beschreibt. Besiedelt war die Gegend jedoch schon früher, was wohl auch mit ihrer Lage an den Seen zusammenhing. Funde aus der Bronze- und Eisenzeit zeugen davon, ebenso ein bei Schönow erforschtes Urnengräberfeld der germanischen Semnonen, einem Stamm der Sueben. Nach Größe des Gräberfelds mit 70 Gräbern kann auf eine Siedlung um 500 bis 50 vor Christi Geburt geschlossen werden, von der aber bisher keine Spuren gefunden wurden. Ihr könnte die Bedeutung eines Ur-Zehlendorfs zukommen.2 Nachdem germanische Verbände abwanderten und, wie zum Beispiel die Sueben, die den Schwaben den Namen gaben, nach Süden zogen, rückten vom Osten andere Stämme wie die Burgunder und Slawen, die Heveller und Sprewanen in die Siedlungsgebiete nach. Diese lebten friedlich zusammen, so dass die Germanen mit der Zeit in der slawischen Bevölkerung aufgingen. Slawische und germanische Dörfer lebten nicht nur in guter Nachbarschaft, sondern oft bewohnten Slawen und Germanen gemeinsam ein Dorf. Die erste Niederlassung dieser Zeit entstand wohl um 1170 am Machnower Krummen Fenn.3 Zu der Zeit, als die beiden Markgrafen-Brüder das Dorf Cedelendorp, also das spätere Zehlendorf, an das Kloster Lehnin verkauften, war allerdings schon eine gewisse Gegenbewegung vorhanden. Vom Westen her fand eine Landnahme im slawischen Siedlungsraum statt, bei der in Brandenburg der Ansiedlung von Klöstern samt ihrer Ausstattung mit Besitztümern eine nicht unbedeutende Rolle zufiel. Nicht zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte Brandenburgs und Berlins wurden Siedler angelockt, um mit Kolonistendörfern Bevölkerungs- und Siedlungslücken zu füllen. Vermutlich handelte es sich bei der Entstehung des Dorfes Cedelendorp um 1220 um eine Gründung oder Erweiterung eines bestehenden Dorfes an einer ertragreichen Stelle, um Bewohner anderer, möglicherweise verlassener Dörfer aufzunehmen. Der Name des Dorfes Cedelendorp geht auf slawischen Ursprung zurück, jedoch ist seine Bedeutung nicht vollständig geklärt. Ein Deutungsversuch geht von dem slawischen Wort »selény« für »grün« aus, was zu der Übertragung »Gründorf« führen würde.4 11


Es wird von einem Dorfanger mit zwei Teichen ausgegangen, um den herum die Bauerngüter und Kossätenhöfe, Schulzenamt, Krug und Kirche, Häuser und Ställe aus Fachwerk und Lehm, Dächer mit Stroh oder Rohr gedeckt, erbaut wurden.5 Die Errichtung einer Kirche dürfte spätestens nach dem Verkauf an das Kloster Lehnin erfolgt sein. Wie ein Landbuch aus dem Jahr 1375 von Kaiser Karl IV. (1316 –1378), der von 1373 bis 1378 über die Mark Brandenburg herrschte, bestätigt, war das Dorf Zehlendorf nach seinem Verkauf an das Kloster Lehnin auf einem guten Weg. In dem Landbuch wurden alle Siedlungen erfasst, um Klarheit über die Abgaben zu erhalten. Aus dieser Erhebung geht über Zehlendorf und seine Nachbardörfer hervor, dass »Zehlendorf 50 Hufen (eine Hufe = 30 Morgen) groß war, Schönow 43 Hufen, Stolpe 16 Hufen, Klein-Glienicke nur 7 Hufen. In der Regel gehörten im 13. Jahrhundert zu einem Bauernhof zwei Hufen. Von den 50 Zehlendorfer Hufen besaß der Pfarrer vier und der Lehnschulze drei, die abgabefrei waren. Die Bauern mussten Abgaben an Kloster Lehnin und an den Markgrafen als Landesherrn richten.«6 Die Abgaben bestanden aus Pacht und den Zehnten an das Kloster Lehnin in Form von Geldzins und Getreide. Der Pfarrer bekam ebenfalls Getreide zugestanden. Die Gerichtsbarkeit lag beim Lehniner Abt. An den Markgrafen waren Steuer und Getreide zu entrichten. Er konnte auch Pflugdienste von den Bauern und Handdienste von den Kossäten auf den markgräflichen Ländereien beanspruchen.7 Die Kossäten waren ärmere Bewohner. Sie hausten meist am Rand des Dorfes in einer einfachen Kate. Ihr geringer Besitz zwang sie dazu, Abgaben in Form von Hilfsdiensten zu leisten oder Schulden abzuarbeiten. Auf Bauern- oder Herrenhöfen bildeten sie die ersten Tagelöhner. Die Dörfer Zehlendorf, das im Besitz des Klosters Lehnin war, Schö­ now, Stolpe, beide im Besitz des Bischofs von Brandenburg, und Dahlem, das im Landbuch des Kaisers erwähnt, aber nicht erfasst ist, wurden später zusammen mit anderen Ortschaften Teile des 1920 neu gebildeten Berliner Bezirks Zehlendorf. Dass damals das Siedlerdorf Dahlem nicht erfasst wurde, ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass in Dahlem schon das Adelsgeschlecht von Milow ansässig war. Nach Einführung der Reformation in Brandenburg unter Kurfürst Joachim II. (1505–1571) in den Jahren 1539/40 fielen die kirchlichen Besitztümer an den Kurfürsten. Zehlendorf und Stolpe gehörten nun zum Berliner Amt Mühlenhof, Schönow zum Amt Potsdam. In Dahlem erwarben 1484 die Adligen von Spiel das Dahlemer Rittergut derer von Milow. Sie erbauten ein neues Herrenhaus, diesmal aus Stein statt Holz, und erweiterten die Dorfkirche. Den Wohlstand erzielten sie durch einen be12


deutend vergrößerten Besitzstand. In anderen Dörfern geschah eine ähnliche Entwicklung. Sie kamen entweder in adligen Besitz oder das Dorf wurde in ein Rittergut verändert. Die Bauern blieben arm und mussten, um zu überleben, Frondienst gegenüber der Herrschaft leisten. Es entwickelte sich die Herrschaft der Rittergutsbesitzer und Junker.8 Brandenburg erlitt im Dreißigjährigen Krieg (1618 –1648) einen besonders starken Einschnitt in seiner Entwicklung. Durchziehende Heere mit all den schrecklichen Auswirkungen sowie Hungersnot und nicht zuletzt die Pest entvölkerten das Land. Die Dörfer verfielen. Um den Zustand seines Landes zu erfassen, schickte Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620 –1688) seine Landreiter los. Im Frühjahr 1652 kamen sie nach Zehlendorf und zählten immerhin noch elf Bauern mit sieben Knechten sowie sechs Kossäten. Doch nur vier von den Bewohnern waren in Zehlendorf geboren. Alle anderen waren zugewandert. Aber das Dorf war nicht verfallen, sondern die Bewohner sorgten für ein Weiterbestehen und eine Entwicklung der Gemeinde. Im Jahr 1759 wurde amtlich festgehalten, dass Zehlendorf »172 Bewohner hatte, 78 Pferde, 160 Rinder, darunter 67 Milchkühe, 139 Schweine, 621 Schafe, 336 Stück Federvieh vorhanden waren, sowie 780 Obstbäume; vier Bauern unterhielten 89 Hopfenstangen, der Küster hatte 25 Bienenvölker«.9 Mit Beendigung der Freiheitskriege gegen Napoleons Truppen wurden in Preußen im Zuge von staatlichen Reformen auch die bäuerlichen Besitzverhältnisse neu geordnet. Von den wohlhabenden Bauern ging die Initiative zur »Separation« aus. Verstreut liegende Äcker von verschiedenen Besitzern auf den Zehlendorfer Feldern »Seeschlag«, »Gerstlandschlag« und »Wiesenschlag« sollten zusammengelegt werden. Für eine gerechte Neuordnung der Äcker wurde eine »Charte von der Feldmark Zehlendorf. Behufs der Separation speciell vermessen im Jahr 1819« erstellt. In der Karte wurden nicht nur alle Grenzen der Grundstücke, sondern auch ihre Bodenklassen eingetragen. Bis 1828 war der Separationsprozess in Zehlendorf nahezu abgeschlossen. Andere Dörfer, wie das angrenzende Schönow, folgten. Zusätzlich zu seinem geografischen Vorteil, auf halbem Weg an der Strecke zwischen den beiden Residenzstädten Berlin und Potsdam gelegen zu sein, kam Zehlendorf 1830 ein Umstand zugute, sich zu einem bedeutenden Vorort Berlins zu entwickeln: Die Naturalabgaben und die auf den Höfen ruhenden Lasten wurden durch einen Domänenzins abgelöst. Der bisher von den Bauern bearbeitete, vererbbare, sich jedoch nicht in ihrem Eigentum befindliche Boden ging in ihren Besitz über. In Zehlendorf erhielten die Bauern auch noch einen Anteil aus der »Allmende«, einem Wald-, Weide- und Seengebiet, das allen Bauern gemein13


sam gehörte und das sie nutzen konnten. Mit der Separation und der »Gemeinteilung« der »Allmende« entstanden in Zehlendorf stattliche Bauerngüter. Außerdem wurde der Flurzwang aufgehoben, der die Bestellung der Felder regelte.10 Somit waren die Zehlendorfer Bauern freie Eigentümer ihres teilweise beträchtlichen Besitzes. Als später die Eisenbahn- und Terraingesellschaften anfragten, um Grund und Boden für Eisenbahnlinien oder Wohnsiedlungen zu erwerben, wickelten sie die Grundstücksgeschäfte größtenteils mit Bauern ab, die sich vor die Wahl gestellt sahen, mühsam einen Acker mit dem Pflug zu bestellen oder täglich auf die Bank zu gehen, um sich nach dem Kontostand zu erkundigen. Das Dorf Dahlem, zu jener Zeit ähnlich groß wie das landesherrliche Zehlendorf, nahm als Rittergut eine andere Entwicklung. Hier bestimmte der Gutsbesitzer. Wenn dieser nicht verkaufen wollte, wurde auch keine Grundstücksmarktlawine losgetreten. In Zehlendorf kreuzten sich schon in früheren Zeiten acht Wege, wobei als Hauptverbindungen die nach Berlin, Steglitz, Spandau, Teltow und Potsdam galten. Die Ortschaft bildete einen frühen Verkehrsknotenpunkt. Der Weg von Berlin nach Potsdam führte über Zehlendorf. Als seit 1754 zweimal täglich eine Schnellpost, die »Journalière«, verkehrte, so genannt, weil sie die neuesten Journale sprich Zeitungen von Berlin nach Potsdam mitbringen sollte, wurden im »Erbbaukrug« in Zehlendorf die Pferde gewechselt. Die üblicherweise genutzte Strecke, der sogenannte »Gemeine Weg«, orientierte sich an den geografischen Gegebenheiten und ging über die heutige Potsdamer Chaussee nach Stolpe, von dort weiter bis zur Glienicker Brücke und nach Potsdam. Ab 1724 war der Königsweg befahrbar. Es war ein geplanter Weg, der sich in Zehlendorf einer ehemaligen Viehtrift zum Tränkepfuhl anschloss und in gerader Linie nach Kohlhasenbrück ging. Von dort führte die Straße über Neuendorf bzw. Nowawes über die Lange Brücke nach Potsdam. Ausgenutzt wurde eine geradlinige Sternschneise zwischen zwei Wegesternen, die von Friedrich Wilhelm I. (1688 –1740) in seinem Jagdgarten, der Parforceheide, angelegt worden waren. Der sandige Weg, den der Regent 1730 ausbauen ließ, ging schnurgerade über Hügel und oft feuchte Senken, was für das Befahren mit schweren Fuhrwerken nicht einfach war. Beliebt war er bei den Bauern nicht, doch Postreiter, Kuriere, das Militär oder leichtere Kutschen kamen so zügiger voran. Je nach Wetter und Jahreszeit, konnte der König in ungefähr fünf Stunden von einer Residenz zur anderen eilen. Seinem Nachfolger Friederich II. (1712–1786), auch als »Friedrich der Große« und im Volksmund als der »Alte Fritz« bekannt, der dem Straßenbau wenig zutraute, sondern mehr 14


Plan von 1928

auf den Schiffsverkehr setzte, könnte bei einer Rast in Zehlendorf die vernachlässigte und 1760 von österreichischen Truppen geplünderte Zehlendorfer Dorfkirche aufgefallen sein. Er stiftete 6.000 Taler und Bauholz zum Bau einer neuen Kirche. Der Baukonduktor zweigte für sich die Hälfte ab und türmte damit über die sächsische Grenze. Mit der verbliebenen anderen Hälfte wurde ein achteckiges Kirchlein ohne Turm errichtet: heute ein Wahrzeichen Zehlendorfs. Die Glocke kam in einem »Glockenschauer« neben der Kirche unter.11 Da Friedrich der Große kinderlos starb, kam sein Neffe Friedrich Wilhelm II. (1744 –1797) auf den Thron, der als feier- und lebenslustig galt und Mätressen nicht abgeneigt war. Er ließ von 1792 bis 1795 zwischen Berlin und seinem neu errichten Marmorpalais in Potsdam eine sogenannte Steinbahn ausführen. Sie wurde in Potsdam mit einer schon vorhandenen Allee verbunden, die zur Innenstadt führte. Die Steinbahn war ingenieursmäßig ausgeführt mit mehrschichtigem Schotter- und Kiesunterbau, möglichst gerader Streckenführung, gepflasterter und zur Entwässerung gewölbter Fahrbahndecke. Die oberste Schicht wurde mit Lehm eingeschlämmt. An einigen Abschnitten verlief parallel ein weniger stark befestigter Sommerweg. Der Bau der neuen Chaussee war der Beginn eines neuzeitlichen Straßennetzes in Preußen.12 15


Um zu erforschen, wie so etwas zu machen sei, mussten die preußischen Spezialisten jedoch erst eine Erkundungsreise in andere Länder unternehmen, wo es schon längst Chausseen gab. Im Gegensatz zum Schlösserbau, war der Straßenbau in Preußen bis dahin vernachlässigt worden. Nach ihrer Fertigstellung begann die Chaussee am Potsdamer Tor in Berlin, am späteren Leipziger Platz, und endete am Berliner Tor in Potsdam. Die Reisezeit von Berlin nach Potsdam schrumpfte von fünf auf etwa drei Stunden. Die Benutzer der Chaussee, Angehörige des Hofes ausgenommen, mussten in Schöneberg, Steglitz, Zehlendorf und an der Glienicker Brücke eine Art Maut, das Chausseegeld bezahlen. Der sandige Königsweg verlor an Bedeutung. Jahre später folgte 1838 die erste preußische Eisenbahnlinie größtenteils dem Verlauf der Chaussee und verband die beiden Residenzstädte mit einem Schienenstrang, wieder mit Zwischenhalt in Zehlendorf. Jetzt musste man keine Straßennutzungsgebühr mehr entrichten, sondern vor Antritt der Reise an einem Schalter einen Fahrschein kaufen.

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An der Eisenbahn

Die erste Eisenbahnstrecke Preußens war die Berlin-Potsdamer Eisenbahn. Vor der offiziellen Eröffnung wurden mit auserwählten Fahrgästen mehrere Probefahrten durchgeführt. Allein schon die Probefahrten lockten tausende Neugierige an, die aus der Umgegend und zum Teil aus Berlin mit Droschken und Kutschen angereist waren. In Berlin, damals eine Stadt mit etwa 300.000 Einwohnern, war bezüglich einer Fortbewegung das Pferd das Maß aller Dinge. Sei es als Zugpferd oder als Reitpferd im Galopp. Ein Fahrzeug auf Schienen, das sich selbst bewegte und dazu noch fähig war, mehrere Wagen mit Passagieren zu ziehen, übertraf alles Vorstellbare an Fortbewegungsmitteln. Neben der Werbewirksamkeit und Zufriedenstellung von Direktoren und Aktionären, sollten durch die Fahrten zum einen das Planum gefestigt und zum anderen das Personal geschult und vor der Obrigkeit die Betriebsfähigkeit demonstriert werden.1 Am 22. September 1838 wurde die elf Kilometer lange Strecke zwischen Potsdam und Zehlendorf feierlich offiziell eröffnet. Über dreihundert »Billette« wurden verkauft und die beiden Lokomotiven »Adler« und »Pegasus« zogen sechzehn Wagen, die mit Fahnen und Laubgewinden geschmückt waren. Auf dem ersten Wagen fuhr eine Musikkapelle mit, zur Abfahrt ertönten Böllerschüsse. Einige Reiter versuchten den Zug zu begleiten, mussten aber nach kurzer Zeit die erschöpften Pferde zügeln. Noch im selben Jahr folgte am 29. Oktober die Eröffnung der zwölf Kilometer langen Verlängerung von Zehlendorf nach Berlin. Bis dahin boten die Post und Berliner Fuhrunternehmen Fahrten von Berlin nach Zehlendorf an, um dort auf den Zug nach Potsdam umsteigen zu können.2 Es war der erste Berliner Schienenersatzverkehr, der eine lange Tradition bis in den heutigen Berliner Alltag begründete. 17


Neben Politikern, Industriellen und Militärs fuhren im offiziellen Eröffnungszug von Berlin nach Potsdam auch die Prinzen des königlichen Hofes mit. Der noch nicht fertig erbaute Potsdamer Bahnhof war festlich geschmückt, Musik spielte und die Einwohner Berlins strömten mit derselben Neugier zur Eröffnung der Bahnstrecke, wie sie auch heute noch zum Beispiel einen neuen Straßentunnel am Eröffnungstag in Massen durchwandern und an den nächsten Tagen mit hohem Verkehrsaufkommen ein Verkehrschaos herbeiführen. Eine neue Art Erlebnisgastronomie stellten die Bahnhofsgaststätten dar, von denen die erste in Potsdam ihre Angebote offerierte. Eine bedeutende Neuerung wurde am 1. Juli 1839 in Betrieb genommen: der Güterverkehr mit Abholung und Auslieferung ab den Bahnhöfen an den Bestimmungsort. Außerdem wurden nun auch größere Reisegepäckstücke akzeptiert, die in einem Gepäckwagen mitgenommen werden konnten.3 Auch auf der Schiene lag Zehlendorf wieder auf halber Strecke zwischen Berlin und Potsdam. Trotz Gerüchten, die Gesundheit und Psyche könnten wegen der hohen Geschwindigkeit Schaden nehmen, fürchteten sich die Menschen nicht vor dem schnellen, dampfenden Ungetüm, sondern waren begeistert. Der Bau der Eisenbahn förderte eine unerwartete Reisetätigkeit. Eine Fahrt vom neuen Potsdamer Bahnhof in Berlin nach Potsdam dauerte jetzt nur noch vierzig Minuten. Der prächtige Potsdamer Bahnhof stand in Nähe des Potsdamer Tors, wo in Berlin auch die erste preußische Chaussee nach Potsdam ihren Anfang nahm. So war ein Zeitvergleich mit der Pferdekutschenzeit möglich, als man noch von einer kurzen Reisezeit von fünf Stunden ausging. Bei einer für die damalige Zeit unglaublich hohen Geschwindigkeit von um die 40 bis 50 Stundenkilometer, so schnell wie ein Pferd im Galopp, war man jetzt in rund zwanzig Minuten in Zehlendorf und nach einem kurzen Halt in ungefähr derselben Zeit in Potsdam an der Neuen Brücke. Außer über die jubelnde Menschenmenge schrieb die Presse über das Eintreffen des ersten Zuges in Zehlendorf und die beeindruckende Geschwindigkeit, die ein galoppierendes Pferd noch übertraf: »Auch in Zehlendorf waren Tausende von Neugierigen, zu Fuße, zu Pferde und in Wagen, versammelt, welche den pfeilschnell herannahenden Zug mit lautem Jubelruf begrüßten […]«4 Der Zug hielt quietschend an einem Bahnwärterhäuschen, denn einen Bahnhof in dem Sinne gab es in dem Bauerndorf Zehlendorf noch nicht. Zehlendorf war anfangs der einzige Halt zwischen Berlin und Potsdam. Die Fahrt ging größtenteils durch Felder, Heide und Kiefernwäldern. Denn die heutigen Berliner Ortsteile waren noch nicht zusammengewachsen. 18


Adolph Menzel Berlin-Potsdamer Eisenbahn 1847

Die Nachfrage war so groß, dass bald der Wagenpark und die Gleisanlagen erweitert werden mussten. Im Jahr 1840 wurden bereits 550.000 Reisende gezählt. Neue Haltepunkte wurden angelegt und 1866 erhielt Zehlendorf ein Bahnhofsgebäude, welches das kleine Bahnwärterhäuschen ersetzte.5 Ein Jahr nach der Eröffnung kamen die Bahnhöfe Schöneberg und Steglitz hinzu. Bereits nach 25 Jahren musste in Zehlendorf ein größerer Bahnhof gebaut werden. Die Strecke der »Stammbahn« verlief mit weiteren Zwischenhalten vom Potsdamer Bahnhof in Berlin über Schöneberg, Steglitz, Zehlendorf über den heutigen Bahnhof Griebnitzsee weiter nach Potsdam. Nach dem Bahnhof Zehlendorf wurden später auf Zehlendorfer Gebiet die Haltestellen Zehlendorf-Süd und Düppel eingerichtet. Danach durchfuhr die Stammbahn einen Kleinmachnow und Potsdam zugehörigen Bereich, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur DDR gehörte. Die Berliner aus der verrauchten Großstadt – es gab Industrie mit hohen Schloten und in den Küchenherden brannte den ganzen Tag ein Feuer, um für die Herrschaft zwischendurch mal einen Tee oder Kaffee 19


kochen zu können – hatten den Süden entdeckt und reisten am Wochenende mit dem modernsten Verkehrsmittel der damaligen Zeit aufs Land – um durchzuatmen. Natürlich gab es bereits die ersten Reisevorschriften für die Passagiere, so war das Hinauslehnen während der Fahrt nicht gestattet, Kranke und Säuglinge konnten nicht mitgenommen werden, Tiere und Hunde ebenfalls nicht und rauchen war in der Dampfeisenbahn nur in der letzten Wagenklasse gestattet.6 Wer an einen der nahe gelegenen Seen wollte, hatte vom Bahnhof Zehlendorf eine kleine Wanderung oder Droschkenfahrt durch Äcker und Felder vor sich. Ein erster Shuttle-Service entstand. Im Jahr 1849 und 1858 erwarben Immobilienmakler aus Potsdam die ersten Bauerngüter, parzellierten sie und verkauften sie als Baugrundstücke. Eine neue Siedlungszeit begann. Doch jetzt kamen die Kolonisten nicht aus dem Westen, sondern aus Berlin und fuhren mit der Eisenbahn. Vermutlich war der erste Neusiedler ein »Dr. Krüger, der 1850 an der jetzigen Machnower Straße, etwa in Höhe der heutigen Bismarckstraße siedelte und mit seinem Besitz die Ursprungszelle einer späteren, heute ganz vergessenen kleinen Villenkolonie namens Charlottenau bildete.«7 Es ist bezeichnend, dass der erste neuzeitliche Siedler eines der Grundstücke in Nähe des Bahnhofes bebaute. In den folgenden Jahren gingen der Ausbau und die Modernisierung des Bahnnetzes mit der Entwicklung des Siedlungsbaus Hand in Hand. Nachdem die Strecke von Berlin nach Potsdam weiter nach Magdeburg verlängert worden war, kam bald die Notwendigkeit hinzu, parallele Schienenstränge zu verlegen, damit der Fernzugverkehr vom Vorortverkehr getrennt werden konnte. Der Personenverkehr beschränkte sich auf Ausflugsfahrten, Geschäftsfahrten, Einkaufsfahrten oder das Fahren zu kulturellen oder gesellschaftlichen Anlässen nach Potsdam oder Berlin. Ärmere konnten sich eine Fahrt mit der Eisenbahn oft nicht leisten. Einen Berufsverkehr im heutigen Sinne gab es noch nicht. Die Arbeiter wohnten meist in Arbeitervierteln in der Nähe ihres Arbeitsplatzes.8 Die Bahngesellschaft entdeckte ihr kommerzielles Herz für den einfachen Reisegast und führte 1863 mit großem Erfolg eine vierte Wagenklasse ein. Mit 3 Groschen pro Fahrgast war sie fast nur halb so teuer wie die dritte Klasse. Die billigste Klasse befand sich in einem geschlossenen Wagen mit Dach und Fenstern, jedoch ohne Sitzbänke. Dafür konnte der Stehfahrgast auch Tragelasten bis 35 kg mitnehmen. Das Angebot war äußerst erfolgreich.9 Die kurze Fahrtzeit nach Potsdam oder Berlin führte dazu, dass die Felder von Zehlendorf als Bauland interessant wurden. Als Bauherren hatte man Stadtbürger im Sinn, die ein Landhaus in Form einer Villa nicht nur als Sommersitz als erstrebenswert erachteten, sondern sogar 20


Villenkolonien an den Bahnhöfen Schlachtensee, Nikolassee, Wannsee HeimstättenAktien-Gesellschaft, 1911

einen vollständigen Umzug aus der Stadt in Betracht zogen und vor allem dafür das nötige Geld in die Hand nehmen konnten. Um geplante Villenkolonien in Schlachtensee, Nikolassee und Wannsee anbieten und sie modern erschließen zu können, wurde 1874 die »Alte Wannseebahn« eröffnet. Sie zweigte am Bahnhof Zehlendorf von der Stammbahnstrecke nach Potsdam ab und verband die neuen Bahnhöfe Schlachtensee und Wannsee, danach fädelte sie sich wieder in die Strecke der Stammbahn nach Potsdam ein. Sie war sozusagen die Erschließungsbahn für die entstehenden Villenkolonien Düppel und Alsen. Für Ausflügler war nun der Sonntagsausflug an den Schlachtensee oder den Wannsee ohne Umsteigen auf eine Droschke möglich. Und zukünftige Projektentwickler der Baugesellschaften und Bauherren konnten in kurzer Zeit in der ersten Klasse zu den künftigen Baugrundstücken in Ufernähe fahren. Doch nicht nur Zehlendorf wuchs an, sondern auch Dörfer wie Schöneberg, Friedenau oder Steglitz. Die übervölkerte Stadt Berlin begann sich auszudehnen. Die Dörfer auf dem Land, die durch die Bahnlinie im Einzugsgebiet der großen Stadt lagen, vergrößerten sich und wuchsen zusammen. Zur Bewältigung des starken Zugaufkommens wurde am Potsdamer Bahnhof in Berlin ein Seitenbahnhof angebaut, der sogenannte Wannseebahnhof. Von ihm fuhr ab 1891 die »Neue Wannseebahn« los, die im Gegensatz zum Fernverkehr an jedem Bahnhof hielt, um die Reisenden aufzusammeln. Dies war nicht nach dem Geschmack der Villenbesitzer, die das Geld, mit dem sie ihre Grundstücke gekauft und die präch21


tigen Villen gebaut hatten, nicht in Zehlendorf, sondern in Berlin ver­dienten. Seit 1907 fuhren deswegen Vorortzüge von Wannsee über Nikolassee nach Zehlendorf, wo sie auf die Gleise der Stammbahn überwechselten und von dort ohne weiteren Halt bis zum Potsdamer Bahnhof in Berlin durchbrausten. Diese Schnellverbindungen wurden im Volksmund als »Bankierzüge« bekannt. Nach dem Sieg Preußens über Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war eine der Bedingungen der Sieger, dass Frankreich Elsass-Lothringen an Preußen abtreten sollte. Da man erkannt hatte, dass die Eisenbahn nicht nur für Berufspendler und Sommerfrischler geeignet war, sondern auch für den Güterverkehr und militärische Truppentransporte, wurde 1879 eine westliche Verlängerung der sich im Bau befindlichen Berliner Stadtbahn in Betrieb genommen, die von Charlottenburg über Griebnitzsee, Potsdam, Magdeburg eine Verbindung über Wetzlar bis zum Endbahnhof Metz in Lothringen reichte.10 Diese »Wetzlarer Bahn«, laut ihrer gängigen Bezeichnung in Berlin, wurde wegen ihres militärischen Zwecks auch »Kanonenbahn« genannt. Heute verläuft die Strecke über Charlottenburg und Grunewald entlang der Autobahn nach Nikolassee und Wannsee. Eine weitere besondere Verbindung ging seit 1913 von Wannsee ab. Es war eine eingleisige Bahn, die südlich des Bahnhofs Wannsee von der Wannseebahn nach Süden abzweigte und nach einem Halt in Dreilinden in Stahnsdorf endete. Sie verband den evangelischen Südwestkirchhof Stahnsdorf, der 1909 eröffnet worden war, und den seit 1920 genutzten Wilmersdorfer Waldfriedhof Stahnsdorf mit Berlin. Die Züge der »Friedhofsbahn«, im Volksmund auch »Leichen- oder Witwenbahn«, hatten eine besondere Bauweise, die es gestattete sowohl Särge als auch Trauergäste zu befördern. Nach ihrer Elektrifizierung 1928 befuhren die Strecke Züge ohne diese Besonderheit. Westlich des Bahnsteigs gab es ein Gütergleis, wo die Züge mit Särgen hielten. Eine extra angelegte Straße diente zum Transfer auf den Friedhof. Der Stahnsdorfer Bahnhof besaß zwei Ausgänge, einer für Trauergäste und einen für andere Mitreisende. Der Leichentransport per Bahn von Wannsee nach Stahnsdorf wurde 1952/53 eingestellt. Nach dem Bau der Mauer 1961 kappte die DDR die Strecke der »Friedhofsbahn« und der Bahnhof Stahnsdorf wurde stillgelegt. Die Bahnanlagen sind inzwischen überwuchert oder demontiert. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Entstehung der DDR änderten sich die Gegebenheiten radikal. Der zerstörte Potsdamer Bahnhof, der erste Bahnhof in Berlin, wurde nicht mehr aufgebaut und die Ruine 1958 abgerissen. Die Teltowkanalbrücke in Kohlhasenbrück und viele Gleisanlagen waren zerstört. Die DDR ließ auf ihrem Gebiet die 22


Südzugang S-Bahnhof Zehlendorf 1964

Gleis­ anlagen der Stammbahn zwischen Düppel-Kleinmachnow und Griebnitzsee demontieren. Mit dem Bau der Mauer 1961 verschärften sich die Bedingungen. Die Wannseebahn und die Wetzlarer Bahn wurden an der Grenze zwischen Berlin und der DDR unterbrochen. Die S-Bahnzüge in Westberlin wurden von der DDR-Reichsbahn betrieben und von vielen Westberlinern boykottiert. Ein Streik 1980 von Westberliner Eisenbahnern der S-Bahn, die unter DDR-Arbeitsrecht bei der DDR-Reichsbahn arbeiteten, beendete die DDR mit Entlassungen und Stilllegung von S-Bahnstrecken in Westberlin. Darunter war auch die Strecke nach Zehlendorf und die Wannseebahn. Nach langen Verhandlungen bekam die Berliner BVG 1984 die Betriebsrechte für die S-Bahn in Westberlin, was erst einmal zu einer aufwändigen Sanierung führte. Außer mit Bussen war Zehlendorf aber auch mit der U-Bahn zu erreichen. Die heutige Linie U 3 verband 1968 den Bahnhof Gleisdreieck mit dem Bahnhof Krumme Lanke. Dabei kreuzte sie wie auch heute am Fehrbelliner Platz die U 7 und am Heidelberger Platz die Ringbahn. Das waren gute Gelegenheiten, um die vielen Studierenden zum Beispiel aus Kreuzberg aufzunehmen, die an der Freien Universität studierten. Die Wissenschaftler und Professoren konnten ihnen aus ihrer besseren Wohngegend vom Bahnhof Krumme Lanke entgegenfahren. Diese Möglichkeit bestand auch während der Teilung Berlins.11 23


In Betrieb ging die U-Bahnlinie, die seit ihrem Bestehen mehrmals ihre Bezeichnung wechselte, im Jahr 1928. Allerdings reichte sie nur bis zur Station Thielplatz. Ziel war damals auch, die Ländereien der Domäne Dahlem als künftiges Baugebiet mit einem S-Bahnhof zu erschließen. Eine Weiterführung der Strecke erschien nicht ratsam, denn die Linie wurde bis Thielplatz wenig genutzt und erwies sich als nicht rentabel. Doch mit zunehmender Bebauung änderte sich das Fahrgastvolumen. Der Sommerfeld-Konzern, der im Berliner Südwesten große Baugebiete besaß, war an einer Verlängerung so stark interessiert, dass er Grundstücke und eine Baukostenübernahme für die drei Kilometer Verlängerung der Strecke nach Bahnhof Krumme Lanke anbot. Das war ein Angebot, das die Stadt nicht ablehnen konnte. Der Abschnitt zwischen Thielplatz und Krumme Lanke ging 1929 in Betrieb. Nach dem Fall der Mauer 1989 und der Wiedervereinigung wurden in Berlin die S-Bahn- und U-Bahnlinien, die durch die DDR getrennt worden waren, wieder verbunden. Doch die Schienen der ersten Bahnlinie Preußens, der Stammbahn, auf denen der erste Zug von Potsdam nach Zehlendorf fuhr, wurden zwischen Zehlendorf und Griebnitzsee nicht mehr neu verlegt. Auf anderen Abschnitten nahm der Wald Besitz über die Strecke und Gestrüpp überwucherte die Gleise. Die direkte Linie nach Potsdam wird von Berlin aus über die Strecke der Wetzlarer Bahn von Charlottenburg über Wannsee bewältigt. Wer die Wannseebahn über Zehlendorf wählt, muss in ihrem Endbahnhof Wannsee auf den Zug aus Charlottenburg umsteigen. Geblieben ist für Zehlendorf, Niklassee und Wannsee, dass von Berlin aus im Süden Berlins gelegene Wohn- und Ausflugsgegenden an Seen und Wäldern in wenigen Minuten zu erreichen sind. Dass Zehlendorf auf halber Strecke zwischen Berlin und Potsdam liegt, spielt spätestens seit Ablehnung der Länderfusion Berlin und Brandenburg im Jahre 1996 durch einen Volksentscheid keine wesentliche Rolle mehr. Beide Städte sind Hauptstädte ihrer Länder und kochen ihr eigenes Süppchen. Dennoch ist die Wiederbelebung der Stammbahn­ trasse zwischen Potsdam und Berlin langfristig nicht vom Tisch. Doch nun als Strecke für Regionalzüge, die nicht mehr nur Potsdam, sondern Brandenburg mit Berlin verbinden.12

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Wohnen und Baden im Grünen

Den Immobilienkaufleuten aus Potsdam, die 1849 und 1858 die ersten Bauerngüter gekauft und sie parzelliert als Baugrundstücke angeboten hatten, sollten weitere folgen. Mit dem Anschluss Zehlendorfs an die Schiene im 19. Jahrhundert verwandelte sich die Umgebung Zehlendorfs, die für eine ergiebige Landwirtschaft zu sandig war, in potenzielle Baugrundstücke für Berliner. Durch die Umwandlung von landwirtschaftlichen Flächen, Weiden oder Waldgebieten in Bauland vergrößerte sich das bebaute Zehlendorf. Teilweise waren die neuen Baugebiete der Erschließung durch die Bahn voraus und der Schienenstrang folgte den neuen Kolonien. Aber auch schon eine projektierte Bahnstrecke ließ das Immobiliengeschäft blühen. Im Laufe der Jahrzehnte wurde zahlreiches Bauland erschlossen, neue Viertel und Ortsteile hochgezogen. Es wurden Gebäude für Behörden gebaut, Schulen errichtet, ein Bahnhof gebaut, Ärzte etablierten ihre Sanatorien in dem damaligen Luftkurort vor den Toren Berlins und der Ausbau von Verkehrswegen förderten den Status Zehlendorfs als Stadtteil der Metropole Berlin. Nachdem die Berliner das Gebiet um Zehlendorf, die Seen und die Havel als Ausflugsziel entdeckt hatten, rückte die besondere Lage ins Augenmerk wohlhabender Berliner Bürger. Der Gedanke, vor den Toren Berlins im eigenen Sommerhaus am Wasser gelegen, der Hitze und dem Lärm der Großstadt zu entfliehen, lag nahe. Ungewollte Pioniere einer umgekehrten Landflucht, bei der nicht Landbevölkerung in die Stadt zog, sondern vermögende Städter aufs Land flohen, waren exklusive Segelclubs, die sich bevorzugt am Wannsee angesiedelt hatten. Ungewollt fiel den wohlhabenden Seglern die Rolle der Kundschafter zu. Allerdings mochte der wohlhabende Städter mit seiner Familie auf dem Land nicht gerade auf einem Bauern25


hof mit Landwirtschaft wohnen, sondern er wünschte sich ein schönes Landhaus oder eine Villa. Unerschlossenes, potenzielles Baugelände war genügend vorhanden und wartete auf Terraingesellschaften, welche die neuen Landhaus- oder Villenkolonien entwickelten. Der Berliner Bankier Wilhelm Conrad (1822 –1899) kaufte seit 1863 nördlich und südlich der Königstraße auf der Stolper Heide größere Mengen Land, das aus heutiger Benennung bis ans Ufer des Großen und Kleinen Wannsees reichte. Ziel war zunächst der Bau von Sommerhäusern mit genügend Grundbesitz zum Wasser hin. Zu diesem Zweck kaufte er das Gasthaus »Stimmings Krug« mit größerem unbebautem Grundbesitz, das in Nähe der heutigen Wannsee-Brücke am Großen Wannsee lag. Danach ließ er von Lenné-Schüler und Berlins Städtischer Gartenbaudirektor Gustav Meyer einen Straßen- und Bebauungsplan erstellen. Im Jahr 1868 begann er mit der Parzellierung und dem Verkauf der Grundstücke. Den Gasthof »Stimmings Krug«, in dem der Dichter Heinrich von Kleist (1777–1811) und Henriette Vogel (1780 –1811) ihre letzten Stunden vor ihrem gemeinsamen Freitod am damaligen Stolper Loch, heute Kleiner Wannsee, verbracht hatten, ließ Wilhelm Conrad abreißen und eine Villa errichten, die er »Villa Alsen« nannte.1 Sie ist heute nicht mehr vorhanden. Sein Schwager Louis von Colomier (1809 –1886) hatte sich als Offizier im Deutsch-Dänischen Krieg im Jahr 1864 bei der Eroberung der Düppelner Schanzen sowie beim Übergang auf die dänische Insel Alsen hervorgetan. Aus der nachhallenden Siegesstimmung nannte Wilhelm Conrad die geplante Villenkolonie »Colonie Alsen«. In Vereinigung mit dem Dorf Stolpe und der Villenkolonie Düppel-Wannsee ging daraus der Ortsteil Wannsee hervor. In der Villenkolonie entstanden zahlreiche bedeutenden Villen, die von bekannten Persönlichkeiten bewohnt wurden, wie z. B. die Liebermann Villa von Max Liebermann, aber auch die Villa der Wannseekonferenz, in der am 20. Januar 1942 über die Ermordung der Juden entschieden wurde. Als 1874 die neue Wannseebahn zunächst über die Bahnhöfe Wannsee, Schlachtensee und Zehlendorf eine schnelle Verbindung nach Berlin herstellte, beförderte dies nicht nur den Bau von Villen am Kleinen und Großen Wannsee, sondern es öffnete für die Errichtung weiterer Kolonien Tür und Tor. Der nächste Schritt war der Bau 1878/79 der Berlin-Wetzlarer Bahn durch den Grunewald. Nun war Wannsee aus zwei Richtungen mit der Bahn erreichbar. Allerdings gab dies auch den Anstoß für die Entstehung von mehr Ausflugslokalen und Badestellen. Ganz so ruhig wie vorher blieb es am Wannsee nicht mehr.2 Es entstanden Terraingesellschaften, welche den Kauf, die Parzellierung, die Bebauungspläne, die Erschließung mit Straßen, Kanalisation, 26


Der 1902 erbaute S-Bahnhof Nikolassee, 2000

Gas, Strom usw., den Entwurf von Haustypen, den Verkauf der Parzellen und ihre Bebauung in großem Stil vorantrieben. Ging der Trend anfänglich zum Landhaus nach englischem Vorbild, wurden später fast nur noch Villen projektiert. Die »Villen- und Landhausbau-Bau-Gesellschaft, Heimstätten-Aktiengesellschaft« erwarb von 1894 bis 1898 das Gebiet der späteren Villen­ kolonie Schlachtensee. Die »Zehlendorf-Grunewald Aktiengesellschaft« erwarb und parzellierte das Gelände zum Bau der Villenkolonie Zehlendorf-Grunewald. Von Prinz Leopold von Preußen (1865–1931), der aus Geldnöten Land veräußern musste, kaufte 1900 die »Heimstätten-­ Aktiengesellschaft« das Gebiet um die Rehwiese nahe dem Nikolassee. Das Gelände um den Platz, an dem 1904 der S-Bahnhof »Zehlendorf-­ Beerenstraße«, heute »Mexikoplatz«, errichtet wurde, erwarb die »Zeh­ lendorf-West Terraingesellschaft« und bebaute es vom kreisförmig angelegten Platz aus strahlenförmig.3 Die Insel Schwanenwerder ist eine Insel in der Havel mit einer Zugangsstraße. Sie wurde zwar nicht als Villenkolonie erschlossen, doch an der Straße, die in einer Schleife die Insel erschließt, liegt eines der gefragtesten Wohngebiete Berlins. Bekannte Unternehmer, Bankiers und Per27


An der Rehwiese, 1978

sönlichkeiten wohnten dort, allerdings auch Nazi-Größen in Villen, aus denen die jüdischen Eigentümer verdrängt wurden. Nicht nur Bankiers und Unternehmer zogen aus der Innenstadt heraus, sondern auch der Mittelstand oder Beamte. Zahlreiche Siedlungsgebiete entstanden, in denen mit einer würdevollen Wohnversorgung der Wohnungsmisere in Berlin nach dem Ersten Weltkrieg entgegengewirkt werden sollte. So unter anderem von 1913 bis 1930 die Gartenstadt Zehlendorf, oder eine Beamtensiedlung oder auch eine Marinesiedlung für hochrangige Angehörige der Marine. Dass dabei architektonisch nicht immer an einem Strang gezogen wurde, sondern unterschiedliche Auffassungen aufeinander stießen, zeigt der sogenannte »Zehlendorfer Dächerkrieg«. Nach dem Ersten Weltkrieg konnte die bis dahin privatwirtschaftlich ausgerichtete Wohnungswirtschaft den wachsenden Bedarf an Wohnraum in Berlin kaum noch befriedigen. Die Weimarer Republik übernahm in den 1920er Jahren die Fürsorge für angemessenen Wohnraum durch staatliche Förderung und durch die Form der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaften. So wurden in den 1920er Jahren in Berlin mehrere Wohnsiedlungen errichtet. Einige von ihnen in der Auffassung einer modernen Architektur, die sich an den Ideen des Bauhauses orientierte. Von namhaften Architekten wurden moderne, bezahlbare Wohnungen mit Küchen, Bädern und Balkonen, in Häusern ohne Hinterhof und Seitenflügel, dafür mit 28


Burgunder Straße 8, 1978

Licht, Luft und Sonne, geplant und errichtet. Die qualitätsvolle Baukunst, die Formensprache, die Wohnungsgrundrisse und die städtebau­ lichen Figuren der Siedlungen wurden zum Vorbild für das Bauen im 20. Jahrhundert. Die UNESCO hat 2008 sechs Berliner Wohnsiedlungen der Moderne, die zwischen 1913 und 1934 entstanden sind, auf die Welt­ erbe-Liste gesetzt. Doch die bekannte Zehlendorfer Waldsiedlung oder auch Wohnsiedlung Onkel-Toms-Hütte, erbaut zwischen 1926 bis 1931, ist nicht darunter. Dabei wurden schon bei ihrem Bau Kriterien berücksichtigt, die auch heute wesentlich sind, wie zum Beispiel Schutz und Integration von altem Baumbestand in das Neubaugebiet. Noch heute wird an vielen Stellen der Eindruck erweckt, als sei die Siedlung in einen lichten Kieferwald hineingebaut worden. Vielleicht waren auch inzwischen gemachte individuelle Veränderungen der Eigentümer wie zum Beispiel an Fenstern, Türen und an der Farbgebung der Fassaden ausschlaggebend, dass es die Wohnsiedlung Onkel-Toms-Hütte nicht auf die Welt­ erbe-Liste schaffte. Zehlendorf hatte sich seit etwa 1900 zum beliebtesten Berliner Villenvorort entwickelt. Die Firmengruppe »Terrain AG Botanischer Garten-­ Zehlendorf-West«, die zum Berliner Baukonzern von Adolf Sommerfeld (1886  –1964) gehörte, besaß am Rand des Grunewalds ein baureifes Gelände. Sommerfeld wurde am 4. Mai 1886 in Kolmar, in der damaligen Provinz Posen, als Sohn jüdischer Eltern geboren. Nach Abschluss der 29


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