Position
BDI-Position zu Aspekten des anstehenden Reviews des EU ETS1 (MSR1)

Bereich Energie, Mobilität und Umwelt
Datum 24 Juni 2026
Dokument D2326
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1. Der ETS1 sollte über 2030 hinaus als das zentrale marktbasierte Instrument zur Erreichung der Klimaneutralität erhalten bleiben; aber es muss neu kalibriert werden, da die industrielle Wettbewerbsfähigkeit ernsthaft in Gefahr ist. Dringend nötige Investitionen bleiben aus, da Infrastrukturen und berechenbare Politik fehlen.
2. Nur die gemeinsame Transformation wird - bei allen Sektorspezifika – letztlich CO2-freie bzw. CO2-arme Wertschöpfungsnetzwerke schaffen können. Die ETS-Revision muss also sowohl denen gerecht werden, die bereits investiert haben, als auch denen, die aus vielfältigen Gründen (v.a. fehlende Infrastrukturen) weiter Unterstützung bei der Transformation brauchen. Bei der Neukalibrierung des ETS ist auch der Zertifikatebedarf des Energiesektors zu beachten.
3. Der CO2-Preis wird durch das Cap bestimmt, nicht durch dieArt der Zuteilung. Ein zuverlässiges Preissignal lenkt Investitionen in CO2-arme/-freie Prozesse, sofern die notwendigen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen gegeben sind.
4. Die CO2-Kosten werden v. a. durch die Höhe der freien Zuteilung bestimmt. Besonders, wenn Transformationsvoraussetzungen fehlen, müssen die CO2-Kosten begrenzt werden. Für NichtCBAM-Sektoren und für Produkte, bei denen der CBAM (noch) keinen effektiven Schutz gegen Carbon Leakage darstellt, sollte die heutige freie Zuteilung beibehalten werden.
5. Liquidität im ETSist eineGrundvoraussetzung.Ein „endgame“(nach 2039 kommen keine Zertifikate mehr auf den Markt) muss verhindert werden. Der lineare Reduktionspfad ist so anzupassen, dass die Klimaneutralität im ETS1 gem. EU-Klimaschutzgesetz bis 2050 erreicht wird. Der BDI setzt weiterhin auf den EU-weiten ETS2-Beginn am 1. Januar 2028 und fordert wirksamen Carbon Leakage-Schutz für industrielle Prozesse auch im ETS2.
6. Die heute bestehende MSR kann in Zeiten zunehmender Knappheit von Zertifikaten kein sinnvolles Zusammenspiel vonAngebot und Nachfrage sicherstellen. Ihre Regeln müssen verändert werden, um sie fit für die Zukunft zu machen.
7. Im Luftverkehr müssen der Anwendungsbereich des ETS beibehalten und CORSIA gestärkt werden, um weitere Wettbewerbsverzerrungen und Vergeltungsmaßnahmen zu verhindern. Eine Ausweitung der SAF-Allowances und die Einführung
eines Book & Claim-Systems unterstützen den Hochlauf nachhaltiger Flugkraftstoffe.
Was ist das Problem?
Die Wettbewerbssituation der EU-Industrie hat sich auch durch externe Rahmenbedingungen in den letzten Jahren signifikant verschlechtert. Ohne Business Cases können die enormen notwendigen Investitionen nicht refinanziert werden und werden nicht stattfinden. Strukturelle Wettbewerbsnachteile,hoheEnergiekosten,ÜberregulierungundweitersteigendeAnforderungen (z.B. ökologische Gegenleistungen) gefährden generell Produktion, Investitionen und Beschäftigung (allein in Deutschland sind in 2024-2025 rund 240.000 Industriearbeitsplätze verloren gegangen – 10.000 jeden Monat).
Dabei finden die verschiedenen Industrien unterschiedliche Transformationsrealitäten vor – entsprechend transformieren sich die Branchen mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Hinzu tritt ein zunehmender Kostendruck entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Steigende Energie- und CO₂‑Kosten wirken nicht allein auf ETS-pflichtige Anlagen, sondern werden über Vorprodukte, Logistik sowie nachgelagerte Prozessund Fertigungsstufen weitergereicht. In der Folge geraten Investitionsentscheidungen auch dort unter Druck, wo einzelne Akteure nur begrenzt und nicht kurzfristig auf emissionsärmere Alternativen umstellen können. Diese kaskadierenden Belastungswirkungen gilt es ebenfalls zu verhindern, umCarbon-und Investment-Leakagewirksamzuvermeiden.Nurfossile/fossil-basierte Anwendungen zu verteuern schafft noch keine Alternativen.
Die EU muss die Standortfaktoren in ihrer Summe wieder wettbewerbsfähig machen: Energiekosten senken, Vorrang für Klimaschutzinfrastrukturen (Strom, CO2, H2), Vereinfachung der Regelungen und Bürokratieabbau, mindestens aber kein weiterer Aufbau. Das ETS1 muss an die Erfordernisse der30erJahre angepasst werden. Dazuzählt vor allemeine Verbesserung des Carbon Leakage-Schutzes, da ein Level Playing Field mit den globalen Hauptwettbewerbern weiter illusorisch bleibt.
Was ist die gemeinsame Ausgangsbasis für den ETS1-Review?
Am europäischen Ziel der Klimaneutralität bis 2050 wird festgehalten. CO2Bepreisung als marktbasiertes, technologieoffenes Klimaschutzinstrument soll auch künftig Teil des klimaschutzpolitischen Instrumentenmixes sein und die Anreizwirkung von CO2-Preisen für die Transformation im EU ETS soll erhalten werden. Getätigte und geplante Transformationsinvestitionen
dürfen nicht entwertet werden. Die Belastungswirkungen durch vergleichsweise (zu) hohe CO2-Kosten, die Wettbewerber international so absehbar nicht zu tragen haben werden, müssen gemindert werden. Im Jahr 2025 gingen mehr als 83 % der jährlichen weltweiten Erlöse für CO2-Zertifikate (knapp 80 Mrd. USD/a) auf das EU ETS1 und das BEHG zurück (ICAP Status Report 2026).
Was braucht es jetzt?
Der ETS1-Review muss zu besserem Schutz gegen Carbon and Investment Leakage führen, die Liquidität im System erhalten und der langfristigen Investitionssicherheit dienen.
• Mittels eines gründlichen Impact Assessments ist das widerspruchsfreie Zusammenspiel der im Review beabsichtigten Systemänderungen darzulegen, ebenso wie das effektive und effiziente Zusammenwirken des ETS mit weiteren Maßnahmen im klima-, energie- und industriepolitischen Rahmen.
• Die wesentlichen Voraussetzungen für die industrielle Transformation und tragfähige Geschäftsmodelle müssen geschaffen werden – insbesondere der Zugang zu international wettbewerbsfähiger Energie und Rohstoffpreisen, eine ausreichende Energie- und CO₂-Infrastruktur, wirksame handelspolitische Instrumente zur Bewältigung globaler Überkapazitäten, ein glaubwürdiger und effektiver Carbon-Leakage-Schutz, adäquate CAPEX- und OPEX-Unterstützung sowie weniger Bürokratie. Ein zuverlässiges Preissignal lenkt Investitionen in Dekarbonisierung, wo technische und infrastrukturelle Voraussetzungen vorliegen. Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, verursacht das ETS für Industrieunternehmen im internationalen Wettbewerb eine zusätzliche Kostenbelastung, die Investitionen behindert oder unrentabel macht.
• Carbon Leakage Schutz stabilisieren: für Nicht-CBAM-Sektoren und für Produkte, bei denen der CBAM (noch) keinen effektiven Schutz gegen CL darstellt, sollte die heutige freie Zuteilung beibehaltenwerden. Dafürsolltedas Verhältnis vonVersteigerung zu Freizuteilung von 57:43 im Art. 10(1) ETS-RL geändert werden. Die Regeln für den CL-Schutz sind so zu gestalten, dass es zudem keines sektorübergreifenden Korrekturfaktors bedarf. Das Portfolio an CL-Schutzmechanismen sollte erweitert und diese auf Effektivität getestet werden. Für die Realisierung von zielführenden Investitionen in Europa, die im weltweiten Wettbewerb um das
Kapital vorne liegen, braucht es zuverlässig wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen und wettbewerbsfähige Transformationsvoraussetzungen. Eine Konditionalisierung der freien Zuteilung liefe dem Grundgedanken des ETS zuwider, wonach ETS-pflichtige Unternehmen ihre Reaktion auf das Preissignal selbst und damit effizient wählen können.
• LRF auf 2050-Klimazielkurs bringen: das ETS muss – wo technische und wirtschaftliche Lösungen existieren – weiter Investitionen in Klimaschutz lenken. Getätigte und geplante Investitionen dürfen nicht entwertet werden.
Der lineare Reduktionspfad ist so anzupassen, dass er effektiven Klimaschutz widerspiegelt, gleichzeitig aber sicherstellt, dass auch ab 2040 noch ausreichend Liquidität vorhanden ist, um schwer vermeidbare Emissionen abzudecken So leistet das ETS seinen Beitrag zur Erreichung der Klimaneutralität gem. EU-Klimaschutzgesetz bis 2050. Der BDI setzt auch weiterhin auf den EU-weiten ETS2-Beginn am 1. Januar 2028 und fordert wirksamen Carbon Leakage-Schutz für industrielle Prozesse auch im ETS2.
• Ohne das Cap zu erhöhen kann für die Anpassung des Minderungspfades der Inhalt des “Allocation Buffer” gem. ETSRL, Art. 10a (5a) genutzt werden (ca. 370 Mio. EUAs). Dabei ist sicherzustellen, dass es nicht zu Marktverzerrungen kommt. Die EU-Institutionen sollten daher schnell Klarheit schaffen, wann und in welcher Form diese Mengen in den Markt gebracht werden sollen. Dies sollte graduell und mit ausreichendem Vorlauf erfolgen, um einer Verunsicherung des Marktes mit entsprechender Gefahr sehr hoher Volatilität vorzubeugen.
• Der CBAM ist noch nicht funktionsfähig wie beabsichtigt. Für CBAM-Sektoren sollte der Abschmelzpfad der freien Zuteilung überprüft werden. Die Abschmelzung sollte langsamer erfolgen, um den beträchtlichen Startschwierigkeiten bei der CBAM-Einführung Rechnung zu tragen.Am bisherigen Umgang mit indirekten Emissionen sollte festgehalten werden. In CBAM-Sektoren ohne Einbeziehung der indirekten Emissionen ist die SPK beizubehalten. Exporte dürfen durch den CBAM nicht benachteiligt werden, hier muss eine dauerhaft tragfähige Lösung gefunden werden. Eine Einbeziehung zusätzlicher neuer Waren in den CBAM ohne Zustimmung der betroffenen Sektoren wird abgelehnt.
• Die Regel, dass der MSR-Inhalt bei 400 Mio. Zertifikaten gedeckelt wird, gem. KOM-Vorschlag vom 01.04.2026 aufheben (d.h. „invalidation clause“ nicht weiter anwenden). Es wäre ökonomisch und haushalterisch nicht begründbar, weitere Millionen von EUAs für ungültig zu erklären, um dann später u. U. Artikel 6-Gutschriften zu kaufen, um die Liquidität im ETS zu erhalten.
• Die bestehende MSR hat „ihre Aufgabe“ (Entfernung von i. W. durch CDM-Gutschriften entstandenem Überschuss) erfolgreich erfüllt und sollte keine weiteren EUAs mehr abschöpfen. Die zukünftigeRollederMSRundinderFolgeihrerFunktionsweiseund Steuerungsparameter sind neu zu definieren.
• Die Versteigerungserlöse aus dem ETS1 sollten in deutlich stärkeremAusmaß als bisher an die ETS1-Pflichtigen zurückfließen und sie bei ihrer Transformation unterstützen.
• DerAnwendungsbereich des EU ETSAviation muss dauerhaft auf Flüge im EWR beschränkt bleiben, um weitere Wettbewerbsnachteile, Carbon Leakage und Vergeltungsmaßnahmen durch NichtEU-Staaten zu vermeiden. Eine Ausweitung des EU ETS auf Flüge in Drittstaaten würde den Erfolg des Carbon Offsetting and Reduction Scheme for InternationalAviation (CORSIA) der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) gefährden.
Die EU sollte daher CORSIAstärken, da das System global angelegt ist und in der Konsequenz weltweit zum Klimaschutz und der Herstellung eines Level-Playing-Fields im Luftverkehr beitragen kann. Die bislang im ETS vorgesehenen Zertifikate zur Kompensation der Mehrkosten von nachhaltigen Flugkraftstoffen (SAF Allowancesbzw.FEETS)werdennichtfüreineKompensationder Mehrkosten ausreichen und voraussichtlich spätestens 2028 aufgebraucht sein.
DieEUsolltedaherdiein derEUETS-Richtliniebereitsangelegte Verlängerungdes Programms anstrebensowieeineAufhebungder mengenmäßigen Deckelung und der zeitlichen Begrenzung der SAFAllowances umsetzen.Aktuell begünstigen die Zuteilungsregelungen einige Fluggesellschaften stärker als andere. Für die Skalierung nachhaltiger Flugkraftstoffe ist die Einführung eines Book & Claim-Systems ein wesentlicher Baustein.
• Die grundsätzliche Öffnung im EU-Klimaschutzgesetz für die Nutzung vonArtikel 6-Gutschriften wird begrüßt. Es sollte sichergestellt werden, dass die ETS1-Sektoren von der Nutzung dieser internationalen Gutschriften profitieren. Qualitativ hochwertige internationale
GutschriftensolltendieDekarbonisierungderEUundAnstrengungen zur CO2-Entnahme im ETS1 ergänzen. Ein gangbarer Weg könnte sein, internationale Zertifikate mittels eines zentralisiertenAnkaufs in den ETS1 zu überführen.
Schlussfolgerung
Diese im Rahmen der ETS1-Reform anstehenden Maßnahmen sollten so rasch wie möglich vorgeschlagen, verhandelt und umgesetzt werden und bis spätestens Ende 2027 in Kraft treten. Dann könnten sie helfen, die Wettbewerbsfähigkeit unserer ETS-pflichtigen Industrien während der Transformation zu erhalten.
Übergeordnet ist die Politik aufgerufen, alles für eine Annäherung an ein internationales Level Playing Field (z.B. durch „global carbon pricing“) zu tun undinderEU„alle“,d.h.nichtnurdieklimapolitischenRahmenbedingungen so zu verändern bzw. zu schaffen, dass potenzielle Investoren ihre Investitionen in der EU realisieren.
EU-Kommission und Mitgliedstaaten (MS) müssen viel stärker als bisher zusammenarbeiten und rasch MS-übergreifend die erforderlichen Klimaschutzinfrastrukturen (Strom, CO2, H2 …) schaffen und ertüchtigen. Diese Infrastrukturen sind von überragendem EU-Interesse für das Gelingen der Transformation.
Entscheidend wird sein, dass die Erwartungen der Marktakteure sehr rasch stabilisiertundderAttentismusbei Investitionenbeendet werden.DieAttraktivität des Investitionsstandortes EU muss wieder hergestellt werden. Die gesetzlichen Regeln müssen so verändert und vereinfacht werden, dass Anlagenbetreiber Business Cases definieren können, die Investitionen und Innovationen in der EU wieder ermöglichen.