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„Schummeln ist erlaubt“

Der Regisseur David Bösch und der Komponist Gordon Kampe bringen mit Spring doch eine Oper für Kinder auf die Bühne. Ein Gespräch über Mobbing, Mut und Überwindung – auf der Bühne und im Fitnessstudio. 

Im freien Flug: Regisseur David Bösch.
Schönes Schweben: Komponist Gordon Kampe.

MAX JOSEPH Herr Kampe, Sie haben die Musik für die Kinderoper Spring doch geschrieben, Herr Bösch, Sie haben das Stück für die Bayerische Staatsoper inszeniert. In einem Satz: Worum geht es?

GORDON KAMPE Um die Selbstermutigung eines jungen Mädchens.

DAVID BÖSCH Selbstermutigung ist ein schönes Wort. Ja, Lena überwindet sich, geht durch etwas hindurch und wird dadurch zu einem anderen Menschen.

MJ „Ich springe heute Nachmittag vom Dreimeter“, kündigt sie trotzig an, nachdem sie beim Sport mal wieder als Letzte in die Mannschaft gewählt worden ist.

GK Ob sie am Ende springt, wissen wir nicht, aber sie ist bereit, sich mit der Möglichkeit des Springens auseinanderzusetzen, und das macht sie zur Gewinnerin.

MJ Wann haben Sie zuletzt etwas gewagt, vor dem Sie eigentlich Angst haben?

GK Wissen Sie, als Komponist bewege ich mich notwendigerweise in verschiedenen Szenen, mal in der Welt der Stadttheater, dann wieder in einem großen Haus wie der Staatsoper in München oder der Avantgarde-Szene. Früher haben mich die unterschiedlichen Codes und Konventionen gestresst. Seit einiger Zeit kriege ich es ganz gut hin, keine Rücksicht mehr auf die Gepflogenheiten des Milieus zu nehmen, in dem ich mich gerade befinde, sondern mich zu benehmen, wie ich möchte, und die Musik zu schreiben, die ich hören will.

MJ Haben Sie ein konkretes Beispiel?

GK Ich ziehe mich gern schick an, ich liebe zum Beispiel Fliegen. Und jetzt habe ich keinen Bock mehr drauf, meine Fliege nur dann herauszuholen, wenn ich damit nicht auffalle. Ich ziehe sie an, wenn ich Lust habe. Es klingt banal, aber für mich ist das wie ein Sprung vom Dreimeterbrett, es kostet mich Überwindung und klappt ehrlich gesagt auch nicht immer. Neulich habe ich in einer ziemlich intellektuellen Podiumsdiskussion gesagt, dass es für mich in der Musik eigentlich nur noch um Liebe und Tod geht. Die gefühlte Raumtemperatur sank sofort in den Keller, weil man so etwas eigentlich nicht sagen darf, aber es ist die Wahrheit.

DB Ich kann alles, was du sagt, hundertprozentig unterschreiben – bis auf die Fliege.

MJ Vielleicht wäre Ihr Sprung vom Dreimeterbrett, einen Anzug mit Krawatte zu tragen?

DB Keine Sorge, ich ziehe mich auch schick an, wenn es etwas zu feiern gibt. Abgesehen davon habe auch ich immer weniger Lust auf ideologische Kämpfe und Eitelkeiten. Ich bin jenseits der 40, habe viele Meinungen gehört und ausgehalten, viele Kompromisse gemacht, viel Kritik eingesteckt. Es klingt doof, aber mein Ziel ist es, mich weiterzuentwickeln und mir gleichzeitig treu zu bleiben.

GK Genau. Vorauseilender Gehorsam ist wirklich schlimm, weil er dazu führt, dass die Szenen unter sich bleiben und erstarren. Es gibt tatsächlich Leute, die denken, an einem kleineren Haus müsse man als Musiker eine Dissonanz auflösen, weil die Leute sonst verstört seien. Was für ein Unsinn. Man sollte dem Publikum mehr zutrauen.

MJ „Ganz und gar man selbst zu sein, kann schon einiges an Mut erfordern“, hat Sophia Loren gesagt. Wann haben Sie sich zuletzt durchgerungen, ganz Sie selbst zu sein?

DB Vor ein paar Wochen bin ich im Fitnessstudio zum ersten Mal in einen dieser Kurse gegangen, ich glaube, er hieß „Powercore“. Sonst stelle ich mich immer auf den Stepper, stecke mir Ohrstöpsel rein und schaue den ARD-Presseclub. Diese Kurse wirken ja auch etwas albern, mit den Spiegeln und dem Instructor mit Headset auf dem Kopf. Trotzdem war ich ein bisschen neidisch auf die Leute, und an diesem Tag dachte ich: Das machst du jetzt einfach. Der Anfang war ein wenig peinlich – als der Instructor fragte, wer noch nie beim Powercore gewesen sei, traute ich mich nicht zu melden, bis mein Nachbar laut meinte: „Hey, du warst doch noch nie hier.“ Aber danach war es richtig gut.

MJ Sollte man sein ganzes Leben lang von Brettern springen, die einem Furcht einflößen?

GK Klar, alles andere wäre langweilig.

DB Lenas Lage ist altersunabhängig, jeder von uns kennt diese Situationen. Bei der ersten Konzeptionsprobe von Spring doch habe ich in die Runde gefragt, wer schon mal vom Dreimeterbrett gesprungen ist: Die Eltern der Kinder haben sich schüchtern beäugt und zögerlich gemeldet, die Kinder haben einfach aufgezeigt, die waren viel ehrlicher und unbefangener. Ach, mir fällt gerade noch ein Beispiel ein, wo ich mich überwunden habe: Im vergangenen Jahr habe ich in Düsseldorf Heinrich VI. inszeniert. Als der Hauptdarsteller kurz vor der Aufführung krank wurde, bin ich eingesprungen.

MJ Nicht Ihr Ernst!? Sie haben in einem Drei-Stunden- Stück die Hauptrolle übernommen, ohne sie vorher jemals geprobt zu haben?

DB Ja, wir fanden keinen Ersatz, sonst hätten wir die Vorstellung absagen müssen. Und ich kannte das Stück in- und auswendig und naja, dann hab ich es eben gemacht. Klar kostet das Überwindung, aber als ich auf der Bühne stand, war alles easy. Ich war angstfrei, eine tolle Erfahrung, auch künstlerisch, weil ich meine eigene Regiearbeit aus der anderen Perspektive sehen konnte. Es wäre schade gewesen, wenn ich mir diese Erfahrung aus Angst oder Bequemlichkeit genommen hätte.

MJ Mussten Sie in der Jugend eine Mutprobe bewältigen?

GK Ich musste tatsächlich springen, nicht vom Dreimeterbrett, aber in einen düsteren Kellerabgang im Treppenhaus der Schule. Ich hatte das Gefühl, es ginge 150 Meter in die Tiefe, dabei war es ein Meter 50, aber hey, ich ging in die vierte Klasse und war nicht besonders sportlich. Damals habe ich mir vor lauter Angst in die Lippe gebissen.

DB Ich musste wirklich vom Dreimeterbrett springen, überhaupt war jeder Freibadbesuch eine kleine Mutprobe, diese komplizierte Mischung aus Pubertät, Körperlichkeit, Schüchternheit und erster Liebe hatte es schon in sich. Mein größter Sieg war, als ich mit dreizehn Antje fragte, ob sie mit mir ins Kino geht. Ich hatte mir vorher ein Motivationsbuch aus der Bücherei ausgeliehen, Titel: Ich kann, wenn ich will. Am Ende sind wir nicht mal gegangen, aber ich hatte sie gefragt, und darauf kam es an.

MJ In Spring doch gerät Lena auch außerhalb des Sportunterrichts in heikle Situationen: Sie fährt schwarz mit dem Bus und schleicht sich durch ein Loch im Zaun ins Freibad. Interessant, dass es ganz klassische Szenen sind, die seit Jahrzehnten mit der Pubertät assoziiert werden. Sind heute nicht die sozialen Netzwerke der Ort, wo sich Jugendliche beweisen müssen?

GK Gute Frage. Man müsste den Autor des Stücks fragen, warum er darauf nicht eingegangen ist.

MJ Vielleicht lässt sich die digitale Welt theatralisch nicht so gut darstellen?

GK Das glaube ich gar nicht. Ehrlich, mir hat diese digitale Perspektive nicht gefehlt, weil es in dem Stück um grundsätzlichere Dinge geht.

MJ Was meinen Sie?

GK Vielleicht gibt es die sozialen Netzwerke in der heutigen Form in zehn Jahren nicht mehr, aber ich bin sicher, dass Jugendliche immer noch ins Freibad gehen werden. Das Stück ist nicht zeitgeistig, sondern überzeitlich.

DB Mir haben die Handys auch nicht gefehlt. Die geschilderten Situationen sind wahnsinnig gut ausgewählt, weil mit jeder sofort ein körperliches Gefühl verbunden ist: Man sitzt in der Bahn, hat keine Fahrkarte und der Kontrolleur steigt zu. Jeder weiß, wie sich das anfühlt, deswegen funktioniert die Oper auch für Erwachsene. Im Netz sind die Menschen zwar in Kontakt, aber allein. Echte soziale Situationen sind komplexer, das fängt schon damit an, wenn beim Schulsport der Typ neben dir Haare auf den Beinen hat und deine glatt sind wie eine Wand.

GK Als Zeitungsleser kenne ich die Geschichten von dem sozialen Druck, dem Kinder heute ausgesetzt sind; bei uns zu Hause ist das Gott sei Dank noch kein Problem. Mir ist schon klar, dass Bibis Schminktipps und Heidi Klum unsere Kinder unter Stress setzen, aber es wäre mir zu stammtischig, dem Internet die Schuld für alles unterzuschieben.

DB Ja, das Netz ist gut und böse zugleich, es kann Glück und Unglück hervorrufen.

GK Ich mache mich auf Facebook alle paar Wochen selbst zur Nase. Es ist wichtig, dass man auch mal ein verunglücktes Selfie postet und nicht nur den ganzen Tag glänzen will. Das ist eine Frage des Stils. Man muss es geschmackvoll hinkriegen, wie man das ganze Leben geschmackvoll hinkriegen sollte. Als ich die Komposition fertig hatte, habe ich Lenas Klavierstimme aus der Szene im Sportunterricht bei Facebook gepostet und meinem früheren Sportlehrer gewidmet. Der war richtig bösartig, viel schlimmer als die Lehrerin im Stück. Ich dachte, okay, kriegst du halt ein paar Likes, aber auf einmal rauschten Dutzende Kommentare von vielen tollen Komponistinnen und Komponisten rein. Alle teilten diese Erfahrung, als Kinder im Sport gedemütigt worden zu sein.

DB Ich kenne auch nicht viele Erwachsene, die mit sich und ihrem Körper im Reinen sind. Im Grunde sind wir alle ein bisschen Lena. Wir alle bestehen aus unlösbaren Widersprüchen. Nehmen Sie nur diesen Powercore- Kurs: Ich finde den lächerlich und bin gleichzeitig neidisch auf die Selbstverständlichkeit, mit der andere da hineingehen.

MJ Fernandel hat mal gesagt: „Wer zugibt, dass er feige ist, hat Mut.“ Lena könnte doch auch sagen: „Mir doch egal, was ihr denkt. Wenn ich keinen Bock hab, spring ich eben nicht.“

GK Auf jeden Fall, deswegen finde ich auch gut, dass der Schluss offen ist. Wäre Lena mein Kind, ich würde ihr sagen: „Wenn du nicht springen willst, musst du nicht springen.“ Das ist auch eine Art von Selbstermächtigung.

DB Klar kann es mutig sein, etwas nicht zu tun. Für mich ist dieser Sprung vom Dreimeterbrett aber gar nicht das Thema der Oper, sondern die Dinge, die vorher passieren, Lenas Reise, ihre Begegnungen. Wenn mein Sohn mich um Rat fragen würde, würde ich sagen: „Lass uns zusammen üben, dann schauen wir weiter.“

GK Ich habe versucht, den Schluss auch musikalisch offenzulassen. Lenas letzter Text geht nach oben, nicht nach unten, am Ende steht eine Septime, die unvollendet wirkt und auf etwas verweist. Der Orchesterschluss ist turbulent. Das können die Wellen sein, die über Lena hereinbrechen, vielleicht ist es aber auch nur ihre Fantasie.

MJ Kennen Sie Versagensängste?

DB Permanent.

GK Ununterbrochen.

MJ Wie gehen Sie damit um?

GK Ich weiß inzwischen, dass mir früher oder später immer etwas einfällt und wie viel Zeit ich für welche Komposition ungefähr brauche, aber eines steht fest: Ich bin keiner, der auf den Musenkuss wartet. Ich bringe meine Tochter zur Schule, dann geht es ans Klavier: Steine klopfen. Ich bin ein Arbeiter, kein Spinner.

MJ Darf man schummeln, Herr Bösch, wenn einem zu einer Szene partout nichts einfällt?

DB Klar, Schummeln ist erlaubt. Peter Zadek hat einmal gesagt, jede Inszenierung brauche einen halbstündigen Durchhänger, weil nur dann echte Glanzmomente möglich seien. Da ist was dran. Zu viele Ideen töten eine Inszenierung. Das Tolle am Theater ist: Man ist nicht allein. Manchmal machen die Schauspieler Dinge, die genial sind, mit denen ich aber nie gerechnet hätte, das kann einen richtig erlösen.

MJ Gehen Sie an eine Kinderoper anders heran als an ein Musik- oder Theaterstück für Erwachsene?

GK Die Haltung, die Ernsthaftigkeit ist die gleiche, handwerklich muss man ein bisschen was anders machen.

MJ Was denn?

GK Die Musik darf auf keinen Fall kindgerecht sein.

MJ Was meinen Sie damit?

GKGenau wie ich zu einem zwölfjährigen Kind nicht „dutzidutzi“ sage, sondern mich ganz normal mit ihm unterhalte, darf auch die Musik nicht kindlich oder gar kindisch sein. Trotzdem spricht man mit Kindern anders als mit Erwachsenen: weniger verschnörkelt, konsequent, nicht abgehoben, das Adorno-Zitat lässt man eher weg. Und so muss auch die Musik sein: mit klarer Geste und auf den Punkt.

DB Kinder sind ein ehrliches Publikum. Sie zeigen einem sofort, wenn sie gelangweilt sind, deswegen muss man kreativ sein, mit Musik, Tanz, Video, allen Mitteln des Theaters arbeiten. Das Resultat ist eine andere Ästhetik als im klassischen Theater, aber eben keine kindliche, sondern eine, die besonders fantasievoll und vielfältig ist. Ich bin überzeugt, dass Kinder aus so einem Opernabend enorm viel mitnehmen, was sie gegenüber Erwachsenen nicht verbalisieren können oder wollen.

MJ Welches persönliche Ziel verfolgen Sie in Ihrer Arbeit mit Kindern und für Kinder?

GK Mir geht es nicht darum, die Abonnenten der Zukunft heranzuziehen, auch wenn ich mich natürlich freue, wenn der eine oder andere später zum Operngänger wird. Ganz ehrlich, ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Kunst für Kinder und Erwachsene. Da wie dort geht es darum, dass man etwas mit nach Hause nimmt. Fragen wie: Gibt es bei uns auch eine Lena in der Klasse? Bin ich am Ende vielleicht Lena? Das Wort „pädagogisch“ fühlt sich zu sehr nach Zeigefinger an, aber es geht darum, eine Haltung zu vermitteln, dass man als Zuschauer anders rausgeht, als man reingekommen ist.

DB Mein Sohn ist zwei und verschlingt gerade ein Kinderbuch nach dem anderen. Dieses Genre ist fantastisch, ich spüre, was diese Bücher in ihm auslösen, wie sie ihn bewegen, und ganz ehrlich, nicht nur ihn, sondern auch mich. Mit der Oper ist es ähnlich: eine Bewegung als Ziel, das würde mir schon reichen, eine Veränderung, egal wie geringfügig. Dass man am Ende mit einem anderen Blick in die Welt und auf sein Leben schaut. Dass man sich verstanden fühlt, oder wenigstens nicht allein. Vielleicht ist dieses Gefühl für Kinder sogar noch wichtiger als für Erwachsene. Das Wort Herzensbildung klingt blöd, aber es geht schon in die Richtung.

MJ Haben Sie etwas, einen Film oder einen Song, auf jeden Fall ein Stück Kunst, das Sie mit sich durchs Leben tragen und das Sie immer wieder daran erinnert, ein guter Mensch zu sein?

GK Ja, bei mir sind das ein paar Bach­Kantaten und die Missa solemnis von Beethoven. Wenn ich die höre, gibt es nichts mehr zu sagen, das geht direkt in die DNA.

DB Bei mir sind es verschiedene Sachen, je nach Lebensphase. Mit 14 war es der Film Leon der Profi. Diese Mischung aus Einsamkeit und Hoffnung hat viel in mir ausgelöst. Oder kennen Sie die Schlussszene der Serie Six Feet Under? Sie ist ein bisschen kitschig, aber genial, ich muss jedes Mal weinen. Eine der Hauptfiguren, Claire Fisher, bricht auf nach New York, ein neuer Lebensabschnitt, ein neues Kapitel beginnt, und auf einmal setzt dieser unglaublich schöne Song ein und man sieht, wie alle anderen Protagonisten und am Ende auch sie selbst sterben werden: Der eine fällt einfach um, die andere stirbt bei einem Unfall und so weiter. Dieser Schluss ist große Kunst. Damit hat der Regisseur seine Mission auf Erden erfüllt, ich würde sagen, das kommt fast an eine Bach­-Kantate heran.

MJ Glauben Sie, dass sich Greta Thunberg als Heldin für eine Oper eignen würde?

DB Ich bin mir sicher, es wird gerade fieberhaft über die Filmrechte verhandelt. Auf der Theaterbühne finde ich Menschen interessanter, die sonst übersehen werden, Menschen, die keine Protagonisten im Leben sind, vielleicht nicht mal ihres eigenen Lebens. Ich bin auch eher beim Friseur als beim König. Ich habe ein Herz für die Zweitplatzierten.