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"Es ist immer spannender, etwas falsch zu machen"

„Es ist immer spannender, etwas falsch zu machen“

Mit 16 zog er von zu Hause aus, mit 20 fing er an zu inszenieren, mit 24 wurde er zum ersten Mal Vater, mit 29 feierte er seinen Durchbruch an der Berliner Volksbühne: Regisseur Andreas Kriegenburg erzählt im Interview, wie man wird, was man ist – ohne dabei verloren zu gehen.

MAX JOSEPH:Herr Kriegenburg, Sie bringen Hans Abrahamsens Oper The Snow Queen auf die Bühne. Das Märchen, das dem Stück zugrunde liegt, ist Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen, eine Geschichte über zwei Kinder, die um ihre Freundschaft kämpfen. Welches Motiv hat Sie an diesem Stoff gefangen genommen?

ANDREAS KRIEGENBURG: Ich wollte das Motiv des Splitters im Auge und im Herzen adaptieren, das Kay von Gerda entfernt. Es ist der Gedanke, dass jemand in der Gesellschaft so weit erkaltet, dass er sich in seine eigene innere Schneelandschaft zurückzieht. Worauf wir uns in der Inszenierung beziehen, ist eine Form des Mutismus, eine Störung, die keine organischen Ursachen hat, sondern sich darin ausdrückt, dass man verstummt, ausgelöst durch Traumata oder soziale Überforderung. Mich interessiert, dass jemand in dieser Überfülle von Kommunikation, auch von beschleunigter Kommunikation in den sozialen Medien an den Punkt kommt, an dem er es nicht mehr schafft, das Spiel mitzuspielen, und aus Reflex jegliche Kommunikation verweigert. Wie bei einer schweren Depression. Man flieht vor dem, was permanent auf einen einströmt. Wir erzählen letztlich die Geschichte einer großen Liebe, für die man sich durch alle Widrigkeiten auf die Reise macht, um wieder zueinander durchzudringen.

MJ: Spielt es denn eine Rolle, ob das eine romantische Liebe ist oder eine platonische Freundschaft, wie von Andersen angelegt?

AK: Wir erzählen von zwei Liebenden, die sich seit vielen Jahren kennen. Das Romantische liegt in der Unerbittlichkeit: Als Kay nicht mehr funktioniert, stellt Gerda ihn nicht einfach ab und übergibt ihn der Pflege, um ihr Leben weiterzuleben. Stattdessen fühlt sie sich bis zum Ende, durch seine Verweigerung hindurch, an ihn gebunden. Diese Dopplung zum Märchen dient als Projektion der erwachsenen Frau auf die ursprünglichen idealen Liebesgeschichten, mit denen wir alle aufgewachsen sind.

MJ: Kennen Sie das Gefühl der Sprachlosigkeit, der inneren Emigration?

AK: Ja. Wobei das für mich auch genussvolle Momente sind, die dann eher meine Partner erleiden, weil sie nicht mehr zu mir durchdringen. Es gibt aber auch Momente, in denen ich einen ähnlichen Druck der Überforderung spüre, wenn ich mich völlig abkapsle und merke, dass das drei, vier Schritte später auch gefährlich werden kann. Es gibt Situationen, durch den Beruf bedingt, in denen ich das Gefühl habe, derart im Anforderungsregen zu stehen, von allen Seiten gefragt zu werden, Entscheidungen treffen zu müssen, dass mein Schutzreflex sagt: Jetzt mache ich die Fensterläden zu, jetzt bin ich verschwunden.

MJ: Wie kommt man da wieder heraus?

AK: Das Fatale ist, dass sich dieser Reflex über die äußeren Umstände hinwegsetzt. Ich muss als Willensentscheidung die Fensterläden wieder aufstoßen. Denn diese Momente in einem abgeschlossenen, dunklen Raum sind sehr verlockend. Man kann sich darin auch verlieren.

MJ: Andersens Märchen erzählt eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Dazu gehört, dass man als Kind an vielem festhält, von dem man sich nach und nach löst, das man aufgeben muss, wie beispiels weise die eigene Naivität, um in der Wirklichkeit zu bleiben. Was tut weh beim Erwachsenwerden?

AK: In meiner Erinnerung gab es nur eine kurze Übergangsphase zwischen Kindsein und Erwachsenwerden, mit dem ausgelassenen Toben und all der Ungeschicklichkeit. Ich bin in fast alle Klischees abarbeitenden Verhältnissen aufgewachsen, mit einem guten Geschirr und einem für alle Tage. Wir hatten einen großen Tisch, wo die Eltern an den Stirnseiten saßen, die vier Kinder rechts und links, und wenn die Eltern redeten, hatten wir ruhig zu sein. Das war alles sehr geordnet. All den Geschichten, die sich mit Kindheit und Familie verknüpfen, lagen Rituale zugrunde: am Samstag zu den Großeltern fahren, am Sonntag gemeinsam essen, der Zwang, danach spazieren zu gehen – und wir Brüder langweilten uns zu Tode. Ich weiß, dass ich es nie geschafft habe, die Sonntagskleidung sauber zu behalten. Ich habe versucht, dieser Ordnung zu entsprechen. Aber es ist mir nie gelungen, auch wenn ich kein Rebell war.

MJ: Warum ist es Ihnen nicht gelungen?

AK: Ich bin der dritte von vier Söhnen. Meine großen Brüder sind jeweils ein Jahr älter als ich, wir kamen also sehr knapp aufeinander. Zu meinem kleinen Bruder gab es dann drei Jahre Abstand, in denen ich wohl genossen habe, der Jüngste zu sein. Und diese Position musste ich räumen. Währenddessen hatten sich meine älteren Brüder ihre Stellung erarbeitet. Der erste ist geradezu beschämend intelligent. Der zweite war dem Vater am nächsten. Und ich war irgendwie dazwischen, nicht mehr der jüngste, aber auch nicht so taff wie die beiden älteren. Wahrscheinlich habe ich mich in dieser Position des Ungeschickten, des Tollpatsches eingerichtet. Das ist die Begründung, die ich mir selbst und meinem eigenen Scheitern gegenüber gegeben habe.

MJ: Sich zu messen gehört zum Erwachsenwerden dazu, mit der Hoffnung, dass man den Konkurrenz kampf halbwegs unbeschadet übersteht. Konnten Sie sich von diesem gefühlten Defizit irgendwann emanzipieren?

AK: Aus dem Gefühl des Nichtgenügens, des Nichtfunktionierens und der Verlorenheit, die sich damit verknüpft, hat sich emotionaler Stoff angesammelt, mit dem ich jetzt hantieren kann. Ich habe sehr früh mit dem Schreiben angefangen und versucht, über die Kreativität ein Ventil zu finden, um dem Gefühl, zwischen allen Beziehungen zu stehen und nirgendwo wirklich verknüpft zu sein, Form und Ausdruck zu geben.

MJ: Sie sagten vorher, dass der Übergang vom Kind zum Erwachsenen nur kurz war. Woran lag das? Das hatte damit zu tun, dass sich meine Eltern scheiden ließen, als ich ungefähr zwölf war. Meine Mutter versuchte nach 17 Jahren Ehe, das Leben noch einmal in vollen Zügen zu genießen. Sie bekam noch ein Kind, ließ sich aber davon nicht beirren. Und während andere in meinem Alter in die Pubertät kamen, hatte ich das Gefühl, schon so im Windel- und Aufsichtsstress zu stecken, dass es mir zu viel wurde. Mit Anfang 16 bin ich ausgezogen, weil ich keine Lust mehr hatte, Babysitter zu sein. Ich bin regelrecht von zu Hause geflohen, weil ich von diesem Eingebettetsein in Elternschaft überfordert war.

MJ: Das muss ein großer Kontrast gewesen sein, aus einer Großfamilie mit solch festen Strukturen herauszutreten, um allein und selbstständig zu leben. Ja, wobei ich schon immer ein Eigenbrötler war. Ich habe den Entschluss genossen und die Zeit des Alleinseins. Das war damals in der DDR eine wilde Zeit. Bereits nach acht Wochen lebte ich in einer sehr kleinen Wohnung mit drei Mitbewohnern. Da sind schnell andere Strukturen entstanden. Als die dann wiederum wegbrachen, bin ich in eine Phase gerutscht, in der ich nah dran war, in Richtung Alkohol abzubiegen, weil ich mich verloren fühlte. Mit Anfang 18 hatte ich eine Stammkneipe, in der ich vom Wirt mit Vornamen begrüßt wurde. Ich war jeden Abend betrunken, sieben Tage die Woche. Gott sei Dank hatte ich zwei gute Freunde, die irgendwann nachts mit einem Anhänger zu mir fuhren, mich samt meiner Möbel eingeladen und zu sich nahmen, weil sie merkten, dass ich von allein die Kurve nicht mehr kriege. was, das man wie die eigenen Haare oder den eigenen Geruch immer bei sich hat. Dieses Gefühl der Fremdheit den anderen gegenüber, des Defizitären ist fatal. Ich habe aber auch gesehen, wie sehr ich meinem Vater in beiden Facetten ähnle, sowohl in dem Wunsch, ein funktionierender Teil der Gesellschaft zu sein, und gleichzeitig zu merken, dass man keine Chance hat – warum auch immer. Komischerweise sehe ich diesen Wesenszug in meinen Söhnen wiederkehren.

MJ: Reiben Sie sich an dieser Diskrepanz auf?

AK: Man lernt eher, damit umzugehen. Der Weg zum Theater war deshalb letztlich ein Glücksfall. Ich weiß nicht, wie es mir sonst ergangen wäre. All das ist ein wesentlicher Quell der Authentizität, auf die ich hinarbeite. Und die Bühne dient als Kommunikationsventil. Ob im Schauspiel oder in der Oper: Ich nutze das Ereignis, um einen Teil meiner Welt öffentlich zu machen. Und wenn wir von Kindsein und Erwachsenwerden sprechen, da gab es eine gegenläufige Bewegung bei mir: Ich habe mit gerade mal 20 Jahren meine erste Inszenierung gemacht. In den ersten zehn Jahren als Regisseur war ich immer der Jüngste in der Produktion. Also musste ich vor mir hertragen, wie erwachsen ich bin. In den vergangenen Jahren habe ich dagegen das Gefühl, in das Kindliche zurückzurutschen. Ich werde verspielter, unernster, unbesorgter. Es ist das Gefühl, nicht mehr erwachsen spielen zu müssen.

MJ: Was ist das Schöne am Erwachsensein?

AK: Es gibt Unsicherheiten im Umgang mit anderen Menschen, mit dem anderen Geschlecht, mit der eigenen Sexualität, die man nicht noch einmal wiederholen möchte. Es ist gut, dass man bestimmte Erfahrungen gemacht hat und merkt: Das habe ich schon gelernt. Wobei die Phase, in der man Fehler macht, unglaublich toll ist. Es ist immer spannender, etwas falsch als etwas richtig zu machen. Der Fehler sagt in dem Moment, ich war zwar falsch, meinetwegen auch unbelehrbar, aber authentisch. Wenn ich mir Videos von frühen Arbeiten von mir anschaue, bin ich erstaunt und auch ein bisschen neidisch, mit welchem Mut ich Sachen falsch gemacht habe. MJ:

Sind Sie heute weniger mutig?

AK: Ja. Das bereue ich manchmal. Es ist zwiespältig mit dem Mut. Bei Aufführungen war ich sehr authentisch, aber es haben eben auch Leute erbost den Saal verlassen, weil da jemand so eigensinnig in seiner Welt geblieben ist. Heute bin ich routinierter, weiß Wirkung genauer zu dosieren und bin insofern auch kommunikativer mit dem Zuschauer. Es wird immer schwerer, aufzupassen, dass einen diese Wirkungsroutine nicht auffrisst. Das starrsinnig Falsche vermisse ich.

„Aus dem Gefühl des Nichtgenügens, des Nichtfunktionierens und der Verlorenheit, die sich damit verknüpft, hat sich emotionaler Stoff angesammelt, mit dem ich jetzt hantieren kann.“
„Im Prinzip habe ich die Fehler meiner Eltern wiederholt – wie wir alle. Mein Vater konnte sich seinen Kindern nicht emotional mitteilen. Und auch bei mir gab es diese Lücke, die ich nicht füllen konnte.“

MJ: Woran zeigt sich das Erwachsensein?

AK: Eine ganz klassische Erinnerung ist die Schrittlänge. Da gab es diesen Ehrgeiz, die fast vergnügliche Verzweiflung, dass die eigenen Schritte viel kürzer waren als die des Vaters. Was ich an Erwachsenen beneidet habe, war der Teil der Autorität, der sagen konnte: Hier darfst du nicht rein. Nicht nur, dass man Verbote aussprechen konnte, denen die Kinder folgen mussten, sondern dass es abgeschlossene Bereiche gab, die andere nicht betreten durften. Wie das Schlafzimmer meiner Eltern. Diese Grenzlinie, die durch Autorität gezogen wurde, die man nicht infrage stellen konnte: Das habe ich gehasst – aber insgeheim auch beneidet. Als mein Vater nach der Scheidung auszog, haben sich diese Formen des Reglements aufgelöst. Das haben wir als Kinder genossen. Erst sehr viel später habe ich verstanden, für welchen Teil der Erziehung er im prägenden Sinne verantwortlich war.

MJ: Wie ist das heute bei Ihnen? Sie sind selbst sechsfacher Vater.

AK: Das klingt spektakulärer, als es ist. Ich habe sechs Kinder von drei verschiedenen Frauen, es war nur eine relativ kurze Zeit, in der wir als Großfamilie zusammengelebt haben. Nach alter DDR-Tradition bin ich früh Vater geworden, mit 24. Die Mutter meines ersten Kindes hatte selbst schon zwei Kinder und war älter als ich. Ungefähr ein Jahr nach der Geburt haben wir uns getrennt, und meine Tochter kam zu mir. In meinem jugendlichen Leichtsinn habe ich gesagt, na gut, dann bin ich halt alleinerziehender Vater. Da war ich zum ersten Mal mit einer mich total überfordernden Ernsthaftigkeit von Leben konfrontiert. Aber ich habe einfach getan, was nötig war.

MJ: Einen alleinerziehenden Vater in der DDR stelle ich mir sehr ungewöhnlich vor.

AK: Das stimmt. Damals habe ich die Windeln noch selbst ausgekocht. Aber tatsächlich ist mir das nicht so bewusst gewesen. Mein Tagesablauf war minutengenau geplant, und mit 13, 14, 15 hatte ich ja das Gleiche als Training schon mal mit meiner kleinen Schwester. Deshalb habe ich das nie als Belastung empfunden.

MJ: Hatten Sie keine Angst, etwas falsch zu machen?

AK: Nein. Ich habe erst später verstanden, was ich alles falsch gemacht habe. Im Prinzip habe ich die Fehler meiner Eltern wiederholt – wie wir alle. Mein Vater konnte sich seinen Kindern nicht emotional mitteilen. Und auch bei mir gab es diese Lücke, die ich nicht füllen konnte. Ich habe all meinen Kindern von emotionaler Seite zu wenig Halt gegeben, weil ich das selbst nie gelernt habe.

MJ: Was haben Sie gut gemacht als Vater? 

AK: Ich habe meinen Kindern eine bestimmte Wertschätzung des Gegenübers vermittelt. Sie sind ausnehmend höflich, weil sie sich offenbar von mir abgeguckt haben, dass Respekt einen in gewisser Weise schützt. Das sollte man pflegen. Als ich zu inszenieren anfing, hatte ich das ganze Füllhorn an Unsicherheiten und Selbstinfragestellungen bei mir; deshalb habe ich eine freundliche Art des Umgangs praktiziert. Es gibt kaum einen anmaßenderen Künstlerberuf als den des Regisseurs, weil man Menschen und deren Lebenszeit beansprucht, um die eigene Kunst zu verwirklichen. Auf gewisse Weise stehe ich daher in ihrer Schuld. Deshalb sollte ich dankbar sein und versuchen, das zurückzugeben.

MJ: Ihre Zeit an der Berliner Volksbühne haben Sie einmal als „eigentliche Lehrzeit“ und als „Zeit der Abhärtung“ beschrieben. Was hat Sie da geprägt?

AK: Die Bühne prägt einen, entlarvt einen aber auch. Allein die Architektur der Volksbühne! Das ist ein sehr großer Raum. Zuschauersaal und Bühne sind fast gleich groß, die Bühne ist eher noch größer. Der Zuschauerraum ist sehr hoch, hat nur einen Rang, und da muss man sehr viel Luft bewegen. Es ist keine bequeme Bühne, keine, die den Zuschauer zur Bühne hinschiebt. Es ist eine Kampfbühne, man muss etwas zu sagen haben, sonst kann man zu Hause bleiben, sonst ist man sterbenslangweilig. Man muss sich den Fokus auf der Bühne durch Statements erkämpfen. Als junger Regisseur ist es gut, dort zu lernen. Hinzu kommt, dass die Hierarchien in diesem Haus zumindest auf administrativer Ebene keinen Bestand hatten. Das war ein utopischer Zustand des kollektiven Produzierens, der gemeinsamen Verantwortlichkeit – offen und gnadenlos.

MJ: Wie geht man mit dieser Gnadenlosigkeit um?

AK: Das war gut. Alle waren auf Augenhöhe. Deshalb habe ich nie infrage gestellt, wenn ein Techniker zu mir sagte: Dieser Song, den du da spielst, das ist grauenvoll, musst du wegmachen, das geht so nicht. Man konnte darauf reagieren. Ich finde es viel anstrengender, wenn heute jemand zu mir sagt: Ich würde mich nie trauen, so was zu dir zu sagen. Weil mir da Partnerschaften verloren gehen.

MJ: Gab es einen Moment in Ihrer Karriere, an dem Sie merkten, dass Sie es geschafft hatten?

AK: Ein wirklicher Einschnitt war meine Berliner Inszenierung von Woyzeck. Wir hatten eine intensive Probenzeit und sind davon ausgegangen, dass wir einen schönen, der Büchner’schen Vorgabe sehr nahe kommenden Woyzeck machen. Nach der Generalprobe waren wir dann überrascht, wie viel Gegenwind wir erfuhren. Es gab Irritationen und Zwischenrufe, und wir gingen mit gespannter Vorfreude in die Premiere. Ich war sehr jung, 25, und machte eben noch starrsinnig Fehler. Wir hatten am Schluss ein 90-sekündiges Fade-out, es dauerte ewig, bis das Licht ausging, weil ich die Schmerzhaftigkeit bis zum Letzten ausreizen wollte. Danach brach ein lauter Sturm der Entrüstung los, dem sich Gott sei Dank ein Wind der Begeisterung entgegenstemmte. Binnen Sekunden war das ganze Haus mit 800 Leuten am Brüllen. Bei denen sah man teilweise die Adern hervortreten, so haben die geschrien. Das ebbte ab, als die Schauspieler auf die Bühne kamen, und es stieg wieder an, als ich auf die Bühne trat. Ich stellte mich diesem Orkan entgegen, der sich mit Buhs und Bravos die Waage hielt. Und dann schoben mich die Schauspieler entschieden vor an die Rampe, als ob sie sagen wollten: Das hol dir jetzt ab. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass sie sich hinter mir im Halbkreis aufgestellt hatten und mir applaudierten. Das hat mich sehr geprägt. Weil ich gemerkt habe, ich habe ihren Rückhalt, egal, was mir entgegenschlägt.

MJ: Wann hatten Sie das Gefühl, angekommen zu sein?

AK: Es hat lange gedauert, bis ich akzeptiert habe, dass das nun mein Beruf ist, dass ich das ganz gut kann. Sicher bis ich Mitte oder Ende dreißig war. Das soll jetzt nicht kokett klingen, aber ich hatte nicht mal so sehr das Gefühl zu scheitern, sondern dass mir jemand auf die Schliche kommt. Ich bin Autodidakt, und es gibt keine akademische Rechtfertigung dafür, was ich hier tue. Aber man muss lernen, seinen Frieden damit zu machen. Etwas gut zu können ist allerdings auch ein Handicap, weil man weniger Fehler macht. Weil es immer schwerer wird, die eigenen Grenzen zu durchbrechen.

MJ: Wenn wir übers Erwachsenwerden sprechen, müssen wir auch über Verlust reden. Welcher Mo ment kommt Ihnen da in den Sinn?

AK: Als ich in Frankfurt an der Oder lebte, hatten we nige von uns Telefon. Ich war damals nur über Freunde erreichbar, die eineinhalb Straßen weiter wohnten. Wenn jemand mit mir telefonieren wollte, rief er dort an, dann liefen meine Freunde los und gaben mir Bescheid, dass ich gleich einen Anruf bekommen würde. Dann ging ich rüber, und das Telefon klingelte. Das war zu der Zeit völlig normal. Einmal stand meine Bekannte vor der Tür und sagte mir, dass mein Vater gestorben sei. Daran erinnere ich mich mit absurder Deutlichkeit. Ich war 24, er gerade mal 56. Und es war insofern tragisch, als dass wir dieses sehr gestörte Verhältnis zueinander hatten, wahrscheinlich weil wir uns so ähnlich waren. Wir hatten gerade einen Punkt erreicht, an dem sich unsere Beziehung wieder aufbaute und er sah, dass ich einen Weg ging, der ihm zwar völlig fremd war, aber es war ein Weg. Ich war in diesem Moment voller Mitleid für meine Bekannte, weil sie den Anruf angenommen hatte und mit dieser Botschaft diese anderthalb Straßen gehen musste, um bei mir zu klingeln. All die Traurigkeit über den Verlust meines Vaters kanalisierte sich auf sie. Ich überlegte, was ich tun könnte, um ihr das von der Schulter zu nehmen. Ich weiß aber nicht mehr, ob mir das gelang. Ich weiß nur, dass ich die Woge von Emotionen gleichzeitig so treffend und so absurd fand. Das beschreibt für mich den Reflex, wie man geworden ist, was man ist.

MJ: Bei diesen Reflexen sind meist große Gefühle im Spiel. Große Traurigkeit zum Beispiel, in der Erinnerung, die Sie gerade geschildert haben. Wie ist das mit großem Glück oder großer Liebe? Muss man sich vom Ideal der romantischen Liebe verabschieden, wenn man erwachsen wird?

AK: Man kann es auch umdrehen – immer wenn man sich verliebt, kommt dieser romantische Begriff zurück und damit auch die Kindlichkeit. Ich verliebe mich sehr gerne. Das hat auch damit zu tun, dass sich zu verlieben nicht sofort Partnerschaft bedeutet oder miteinander ins Bett zu gehen, sondern das Erlebnis von Nähe, von Distanzverlust. Sich einander verletzlich zu zeigen.

MJ: Gibt es ein Ideal, zu dem man hinstrebt?

AK: Ja. Immer die Zeit, bevor man jemanden in Besitz nehmen will. Irgendwann will jemand festhalten, am Gefühl, am Partner, will das Fließende, sich Bewegende, Taumelnde für immer konservieren.

MJ: Wie bewahrt man sich davor?

AK: Es fällt mir schwer, darüber zu reden, weil ich bis vor eineinhalb Jahren in einer Beziehung war, die 20 Jahre gehalten hat. Auch deswegen, weil wir zwei eigenständige Menschen waren, die einander ganz selbstverständlich verbunden waren. Wir haben zwei Leben gelebt, die zusammengehörten. Insofern ist es gerade schwer, über die Liebe als Ewiges zu reden. Dennoch glaube ich, dass ein wesentlicher Zweck von uns darin besteht, einander zu lieben.

MJ: Welche Lektion hat Ihnen die Liebe fürs Leben erteilt?

AK: Die Schwierigkeit ist, dass man in der Beziehung schnell lernen muss, Dinge, die der Partner in sich trägt, als ein Teil seines Wesens zu ertragen. Schneller, als dass man den Impuls verspürt, ihn ändern zu wollen. Der andere bietet immer die Chance, in der eigenen Persönlichkeit zu reifen, indem man ihn so nimmt, wie er ist. Oder man merkt, wie kleinlich man selbst ist.

MJ: Gibt’s denn ein Happy End?

AK: Unbedingt.

Das Gespräch führte Sarah-Maria Deckert, Redaktionsleiterin von Max Joseph.
Mehr über die Fotografin auf S. 8
Premiere / Erstaufführung der Fassung in englischer Sprache Samstag, 21. Dezember 2019, Nationaltheater
Weitere Termine im Spielplan ab S. 102
ANDREAS KRIEGENBURG — Andreas Kriegenburg, 1963 in Magdeburg geboren, begann nach einer Ausbildung zum Modelltischler an den Theatern in Zittau und Frankfurt an der Oder mit der Arbeit als Regisseur. Weitere wesentliche Wirkungsstätten waren die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, das Staatstheater Hannover, das Thalia Theater in Hamburg, das Deutsche Theater in Berlin, die Münchner Kammerspiele und das Bayerische Staatsschauspiel. Seit 2006 arbeitet er auch im Musiktheater. An der Bayerischen Staatsoper inszenierte er bislang Wozzeck, den Ring des Nibelungen und Die Soldaten – letztere in der Opernwelt-Kritikerumfrage als „Produktion des Jahres“ 2013 / 14 ausgezeichnet. Nun folgt, als deutsche Erstaufführung, Hans Abrahamsens Oper The Snow Queen.