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DIVEN UNTER SICH

Marina Abramović ist die bedeutendste Performance-Künstlerin unserer Tage und die Uraufführung von 7 Deaths of Maria Callas Ausdruck ihrer Faszination für die Primadonna assoluta des 20. Jahrhunderts.

„Die Callas war meine Inspiration. Ich hatte alle Biografien über sie gelesen und mir Filmaufnahmen von ihren Auftritten angesehen. Ich identifizierte mich sehr stark mit ihr. So wie ich war sie Sternzeichen Schütze, so wie ich hatte sie eine schreckliche Mutter gehabt. Wir sehen uns ähnlich. Mir war mehrmals das Herz gebrochen worden, sie ist sogar an gebrochenem Herzen gestorben.“ Diese Sätze schrieb die Performance-Künstlerin Marina Abramović in ihrer 2016 erschienenen Autobiografie „Durch Mauern gehen“. Es gibt noch viel mehr, was auf die beiden exzentrischen und polarisierenden Ausnahmekünstlerinnen zutrifft – das Zentrale dabei ist: Sowohl Maria Callas als auch Marina Abramović verstehen ihre Kunst als ihr Leben – eine Trennung zwischen Privatperson und Künstlerin kennen sie nicht. Beide suchen nach der Einzigartigkeit und dem Risiko, nach dem Ertasten oder gar Überschreiten der Grenzen, geben immer alles und schaffen mit ihrer Kunst eine Magie, eine ultimative Verzauberung ihres Publikums. „Konnte oder sollte Kunst vom Leben getrennt sein? Mehr und mehr gelangte ich zu der Überzeugung, dass Kunst das Leben sein muss“, so Abramović in ihrem Buch.

Momentaufnahme beim Dreh des Films zu 7 DEATHS OF MARIA CALLAS: Marina Abramović als Lucia di Lammermoor.
Photograph by Marco Anelli © 2019

Marina Abramović plant seit Jahren ein Projekt über Maria Callas. Einen konkreten Anlauf nahm es im Jahr 1991, als sie in das brasilianische Dorf Serra Pelada reiste. Sie war nicht wegen der Goldminen dort, sondern wollte einen Film mit dem Titel „How to Die“ drehen.

1988 hatte es dort einen Aufstand der Bergarbeiter gegeben, dieser wurde jedoch von der brasilianischen Militärpolizei gewaltsam niedergeschlagen und es kam angeblich zu über hundert Todesfällen. Abramovićs Idee dabei war es, den Toten ihre Würde zurückzugeben, denn sie empfand in Serra Pelada den Tod so real wie nirgendwo sonst. Bei einer Oper im Theater oder Fernsehen sieht man die Heldin langsam sterben, und Marina Abramović empfindet, dass man sich somit mit diesem in Szene gesetzten, ästhetischen Tod identifiziert. In Serra Pelada ist man dem Tod viel näher: „Man schaut hin, ist ergriffen und weint.“

Aufnahmen tatsächlicher Tode

Es sollten sieben Todesszenen aus unterschiedlichen Opern – Carmen, La traviata und Otello waren im Gespräch – werden, jeweils nur ein paar Minuten. Sie dachte dabei immer an Maria Callas, von der sie immer schon fasziniert war. Diesen Szenen sollten wenige Minuten dauernde Aufnahmen tatsächlicher Tode gegenübergestellt werden. Sieben verschiedene Modedesigner würden die Kleider für die Opernsegmente entwerfen. Der fertige Film könnte dann als Videoinstallation gezeigt werden. Das war die Idee, doch das Projekt war zu teuer und daher wurde es nicht realisiert.

Viele dieser Gedanken hat Marina Abramović nun aber in ihrem Opernprojekt „7 Deaths of Maria Callas“, das an der Bayerischen Staatsoper am 11. April 2020 uraufgeführt und danach an weiteren internationalen Opernbühnen gezeigt wird, umgesetzt. Sieben verschiedene Arien, in denen Maria Callas als Interpretin glänzte, werden von sieben unterschiedlichen Sängerinnen konzertant vorgetragen. Wir hören Marina Abramovićs Stimme, die aus ihrer Perspektive Aspekte aus der Oper erläutert, woraufhin die zentrale Sopranarie daraus gesungen wird. Gleichzeitig sieht man in einem Film, wie Marina Abramović den Tod der jeweiligen Opernheldin spielt.

In vielen Szenen stirbt die Opernfigur nicht alleine, sondern wird von einem Mann umgebracht. „Für Maria Callas war der Mann, der sie auf der Opernbühne tötete, immer Aristoteles Onassis gewesen.“ – so Abramović in ihrer Autobiografie. Als Mörder wählte Marina Abramović an ihre Seite den vielfach ausgezeichneten Schauspieler Willem Dafoe. Damit die sieben verschiedenen Arien – „Addio del passato“ aus La traviata, „Vissi d’arte“ aus Tosca, „Ave Maria“ aus Otello, „Un bel dì vedremo“ aus Madama Butterfly, „Habanera“ aus Carmen, „Il dolce suono“ aus Lucia di Lammermoor und die wichtigste Arie überhaupt im Leben von Maria Callas: „Casta Diva“ aus Norma – nicht wie bei einem Liederabend für sich alleine stehen, schreibt der serbische Komponist Marko Nikodijević Übergänge und verbindet so die einzelnen Arien. Als Höhepunkt des Abends wird Marina Abramović selbst auf der Bühne stehen und zu einer Neukomposition Nikodijevićs als Maria Callas auftreten.

Immer die Kunst, immer ein Mensch

 „Sie ist die einzige Person, die rechtmäßig die Bühne in diesen Jahrzehnten betreten hat, um den Zuhörer unten erfrieren, leiden, zittern zu machen, sie war immer die Kunst, ach die Kunst, und sie war immer ein Mensch.“ An diesen vielzitierten Gedanken von Ingeborg Bachman könnte man folgende Frage anschließen: Wer sonst als Marina Abramović ist in der Lage, sich der Maria Callas zu nähern und uns ihr Kunstverständnis auch nach ihrem Tod sichtbar zu machen?

Text: Benedikt Stampfli

MARINA ABRAMOVIĆ

Marina Abramović, geboren in Belgrad, ist seit den 1970er-Jahren Pionierin auf dem Feld der Performance-Kunst. In ihren Werken ist ihr Körper sowohl Gegenstand als auch Medium. Ihre Performances wurden u. a. aufgeführt im Centre Georges Pompidou in Paris, der Neuen Nationalgalerie in Berlin, dem Museum of Modern Art New York, dem Guggenheim Museum und bei der Documenta. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter für ihr Werk Balkan Baroque den Goldenen Löwen der 47. Biennale di Venezia. Ihre Retrospektive The Cleaner ist von 2017 bis Januar 2020 in zahlreichen europäischen Metropolen zu sehen. Am Opera Ballet Vlaanderen in Antwerpen gestaltete sie Bühne und Konzept für Pelléas et Mélisande. Für 7 Death of Maria Callas zeichnet sie für die Konzeption, Inszenierung und Bühne verantwortlich und wirkt als Performerin darin mit.