GROOVE / HARMONIE
Drei Jubilare aus den USA, die alle eine jeweils eigene Reduktion leben: Mit diesem Profil setzt der heutige Abend auch einen Kontrapunkt zu den grossspurigen Ansagen, die gegenwärtig von der anderen Seite des Atlantiks zu vernehmen sind. Am 12. Januar hat die Musikwelt bereits den 100. Geburtstag von Morton Feldman gewürdigt, der 100. Geburtstag von Earle Brown folgt am 26. Dezember. Im nächsten Jahr steht am 15. Februar der 80. Geburtstag von John Adams an.
REDUKTION UND FRAGMENTIERUNG
Gleichzeitig jähren sich 2027 die Todestage von Feldman und Brown zum 40. bzw. 25. Mal. Bei der heutigen Würdigung gibt es auch zwei kleine Sensationen, nämlich wertvolle Ausgrabungen der Basler Paul Sacher Stiftung. Als posthume Uraufführung erklingt «The Kind of Bird I Am» von Brown. Seit der Weltpremiere mit Feldman am Pult wurde zudem dessen «Dirge. In Memory of Thomas Wolfe» von 1943 nicht mehr aufgeführt. Mit den anderen Feldman-Stücken vereint sich dieses Frühwerk zu einem ungewöhnlichen Porträt, das der Entwicklung Feldmans nachspürt. Als Feldman «Dirge» komponiert, besucht er noch die High School of Music and Art in Manhattan. Ein Artikel in der New York Times
vom 16. April 1943 erwähnt die Uraufführung von «Dirge» unter Feldmans Leitung am Tag zuvor. «Die Komposition ‹Dirge› zeigte den 17-jährigen Komponisten in einer sanften Stimmung», heisst es. «Dieses Werk ist Thomas Wolfe, meinem Lieblingsschriftsteller, gewidmet», wird Feldman zitiert. Der Jungkomponist sei dabei «gelassen» geblieben.
Diese wenigen Sätze sind bemerkenswert, weil sie offenbaren, dass die unaufgeregte Entschleunigung – ein wesentliches Merkmal Feldmans – von Anfang an als Persönlichkeitsstruktur präsent war. Das berührt auch den Bezug zu Wolfe. Er zählt zu den Pionieren der autobiographischen Fiktion und der expressionistischen Dichtung in den USA. Seine Sätze sind kurz und knapp. Mit wenigen Worten ergründet Wolfe ganze Identitäten, seziert sie genau, geradezu singulär seine scharfsinnigen Beobachtungen zum Erstarken des deutschen Nationalsozialismus.
So wie Wolfe die Wahrnehmung schärft, gilt das auch für Feldman und seine «New York School». Zu ihr zählte, neben Christian Wolff und David Tudor, auch Brown. Es geht nicht nur um neue offene oder graphische Notationen, sondern um ein «Weniger ist mehr». Da werden kleinste Motivpartikel oder MaterialFragmente variiert und MinimalStrukturen entworfen, bei Feldman oftmals still, lang und minutiös gewandelt in Zeit, Gestalt und Raum. «Am Anfang habe ich nichts, am Ende habe ich alles», so Feldman im Juli 1985 in seiner legendären «Middleburg Lecture».
GESCHÄRFTE
WAHRNEHMUNG
Woher diese Haltung rührt, das verrät das frühe «Dirge». Der Einfluss der Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg ist hier genauso präsent wie Stefan Wolpe. Bei ihm studiert Feldman ab 1944. Aus dieser Zeit stammt «Episode» für Orchester von 1949. Wolpe war seinerseits Schüler von Anton Webern und musste aus Nazi-Deutschland fliehen. In der Reduktion der Mittel und des Materials ist Webern, vermittelt durch Wolpe, sowohl für Feldman als auch für Brown eine zentrale Bezugsgrösse.
Was sich schon in «Dirge» personalstilistisch ankündigt, wirkt in «Episode» präsenter. Als Feldman und Brown 1950 John Cage kennenlernen, gewinnen beide Vertrauen, ihre ureigenen Ideen in der Musik umzusetzen. Die «New York School» wird geboren. Mit « Orchestra» von 1976 erklingt heute ein reifes Feldman-Werk. Es ist mit «Elemental Procedures» für Sopran, gemischten Chor und Orchester sowie «Routine Investigations» für sechs Instrumentalisten eine Vorstudie zu Feldmans Musiktheater «Neither» nach Samuel Beckett.
«Alle drei Kompositionen enthalten, was ich das ‹BeckettMaterial› nenne: eine längere, zusammenhängende melodische Linie, die ich für meine spätere Beckett-Oper vorgesehen hatte», so Feldman. Im neun Takte zählenden Grundmodell werden die Töne c, des, d und es in unregelmässiger Reihenfolge wiederholt: beschleunigt oder verlangsamt, von Akkordschlägen begleitet. Eine
unendliche Tonhöhen-Bewegung ist das Ergebnis. Eine freche, knappe Replik ist hingegen das Stück von Brown.
«Bin nach Hause gegangen und habe dies sofort komponiert, nachdem ich in der Palas Gallery gefragt wurde, was für eine Art Vogel ich sei – am 26. April 1957», vermerkt Brown im Autograph. «Für Max, mit tiefstem Respekt und Bewunderung», womit Max Ernst gemeint ist. «What kind of a bird are you?», soll ihn der bedeutende Maler, Grafiker und Bildhauer gefragt haben. Eine 20-sekündige Miniatur mit dem Titel «The Kind of Bird I Am » ist das Ergebnis, fragmentarisch, wie man es von Webern kennt.
Durch sämtliche Instrumentengruppen – Holz- und Blechbläser sowie Streicher, Harfe, Gitarre und Schlagwerk, Klavier und Celesta – huschen Motivpartikel. Oft crescendiert die Dynamik oder wechselt zwischen mehrfachem Piano und mehrfachem Forte, überaus divers die Klangfarben, teils enorm die Intervall-Schritte. Auf engstem Raum entwirft Brown eine packende Studie von Farbe und Expression.
MINIMALISTISCHE EMPHASE
Dagegen wird Adams gemeinhin zu den «Post-Minimalisten» oder «Minimalisten der zweiten Generation» in Nachfolge von Steve Reich, Terry Riley oder Philip Glass gerechnet, was Adams für sich ablehnt. «Ich mag nicht Labels. Und ich habe auch nie meine Musik als ‹post-minimalistisch› bezeichnet», sagt er 2017 im Gespräch. Das
heisst aber nicht, dass seine Werke eine Provenienz aus dem US-amerikanischen Minimalismus leugnen. Sein Schaffen generiert gleichwohl eine unerhörte Vielzahl an Perspektiven.
Er umarme die «gesamte musikalische Vergangenheit», formuliert es Adams: vom klassischen Erbe über Jazz bis hin zum Pop. «Kompositionstechnisch werden die sich wiederholenden Klangmuster der Minimal Music zugunsten weitgespannter Melodiebögen und lyrischer Emphase zurückgedrängt», formuliert es der Musikpublizist J. Bradford Robinson. Was seine Musik ausmacht, grenzt sie gleichzeitig von anderen Tendenzen ab. So hatte sich der junge Adams mit Schönberg beschäftigt, sich jedoch bald von dessen dodekaphonen Regeln abgekehrt.
In diesem Kontext ist auch die «Harmonielehre» für Orchester von 1984/85 zu verstehen. Der Titel verweist auf das gleichnamige, 1910/11 im Andenken an Gustav Mahler vollendete Traktat Schönbergs. Die «Harmonielehre» ist eine in der Spätromantik und Tonalität verwurzelte Sinfonie. Sie vereint das Entrückungs-Pathos Mahlers mit dem Groove und Drive der Minimal Music der 1970er. «Dieses Stück war ernst gemeint in seiner Ausdruckskraft.» Adams spricht von «explosiven Energien» sowie «hellen Farben».
Die letzten zwei Sätze tragen konkrete Titel, der zweite «Die Amfortas-Wunde». Adams spielt auf die «Parsifal»-Oper von Richard Wagner an sowie auf die Deutung des Schweizer Psychiaters C. G. Jung.
Für den Begründer der analytischen Psychologie steht die nicht heilende Wunde des Gralkönigs für eine seelische Verletzung, die den Menschen zur Reifung zwingt –und damit zur Heilung. Die Musik thematisiert demzufolge «Krankheit und Gebrechlichkeit, sowohl körperlich als auch geistig». Als eine Art Wiegenlied geriert sich der Finalsatz «Meister Eckhardt und Quackie».
Quackie war der Spitzname seiner Tochter. Adams stellt sich vor, wie sie auf den Schultern des um 1260 in Thüringen geborenen Theologen und Philosophen sitzt und mit ihm durch die Luft schwebt. «Die zarte Berceuse nimmt an Geschwindigkeit und Masse zu», bis sie in eine «Flutwelle von Blechbläsern und Schlagwerk über einen Orgelpunkt in Es-Dur» kulminiere. Der Kopfsatz ist eine «umgekehrte Bogenform» mit grosser Energie und einer «Sehnsuchtspassage» in der Mitte. «Wenn dieses Werk eine Parodie ist, so ist diese Parodie mit Liebe und gänzlich ohne Ironie gemacht.»
Marco Frei
MORTON FELDMAN
Morton Feldman (1926–1987) war eine zentrale Figur der New York School und einer der eigenständigsten amerikanischen Komponisten nach 1945. Seine Musik verzichtet häufig auf traditionelle Entwicklung, dramatische Steigerung und eindeutig gerichtete Formverläufe. Stattdessen arbeitet sie mit reduzierten Materialien, leisen Klangereignissen, feinen Farbnuancen und einem besonderen Empfinden für Dauer. Im Umfeld von John Cage, Earle Brown, Christian Wolff und David Tudor entwickelte Feldman zunächst auch grafische Notationsformen, wandte sich später jedoch wieder präzise ausgeschriebenen Partituren zu. Prägend war zudem seine Nähe zur bildenden Kunst, insbesondere zum abstrakten Expressionismus und zu Künstlern wie Mark Rothko. Feldmans Werke schaffen oft fragile Klangräume, in denen Wiederholung, Verschiebung und Stille eine eigene Spannung entfalten. Zu seinen wichtigen Kompositionen zählen «Rothko Chapel», «For Samuel Beckett», «Triadic Memories» und das mehrstündige «String Quartet II».
EARLE BROWN
Earle Brown (1926–2002) gehörte wie Morton Feldman zur New York School und wurde vor allem durch seine offenen Formen und grafischen Partituren bekannt. Sein Schaffen stellt die Frage, wie weit eine Komposition festgelegt sein muss und wo Entscheidung, Bewegung und Interpretation selbst Teil der musikalischen Form werden. Beeinflusst von bildender Kunst, insbesondere von Alexander Calder und Jackson Pollock, entwickelte Brown Partituren, die nicht nur gelesen, sondern in ihrer Struktur jeweils neu realisiert werden können.
Vor seiner Laufbahn als Komponist studierte er Mathematik und Ingenieurwesen und war als JazzTrompeter tätig; beides prägte sein Interesse an Form, Flexibilität und klanglicher Spontaneität. Anfang der 1950er Jahre kam er nach New York und arbeitete im Umfeld von John Cage, Morton Feldman, Christian Wolff und David Tudor. Mit Werken wie «December 1952» wurde Brown zu einem Pionier grafischer Notation. Zu seinen wichtigen Kompositionen zählen ausserdem «Available Forms I» und «II», «Folio» sowie «Centering».
JOHN ADAMS
John Adams (*1947) gehört einer späteren Generation amerikanischer Komponisten an und wurde zunächst im Umfeld des Minimalismus bekannt. Seine Musik verbindet pulsierende rhythmische Prozesse mit tonaler Orientierung, farbiger Orchesterbehandlung und gross angelegten Spannungsbögen. Anders als die frühe Minimal Music bleibt Adams’ Sprache selten streng reduziert; sie öffnet sich Einflüssen aus europäischer Tradition, amerikanischer Moderne, Jazz und Populärkultur. Während Feldman und Brown in den 1950er Jahren Form, Zeit und Notation radikal befragten, führt Adams prozesshaftes Denken in eine stärker dramatische und erzählerische Musiksprache weiter. Adams studierte an der Harvard University und zog Anfang der 1970er Jahre nach Kalifornien, wo er als Dirigent, Lehrer und Komponist wirkte. Internationale Aufmerksamkeit erlangte er mit «Harmonielehre» und der Oper «Nixon in China». Es folgten Werke wie «The Death of Klinghoffer», «Doctor Atomic», «Short Ride in a Fast Machine», «El Niño» und «Scheherazade.2».
TITUS ENGEL
Titus Engel studierte Musikwissenschaften und Philosophie in Zürich und Berlin und erlernte sein Dirigierhandwerk in Dresden bei Christian Kluttig. Der Schweizer ist nicht nur der Mann für die komplizierten Opernpartitur- Fälle, er beweist auch in seinen Konzertprogrammen eine Repertoire und Stilistik-Bandbreite wie kaum ein Zweiter. Der Principal Conductor der Basel Sinfonietta ist stets auf der Suche nach dem nicht Offensichtlichen, einer Subebene der Partitur, die er offenlegen und in ihrer (gesellschaftlichen) Relevanz dem Hörer vor Ohren führen möchte. Und das mit aussergewöhnlichem Erfolg –nicht nur in der Presse, sondern und vor allem beim Publikum.
BASEL SINFONIETTA
Die Basel Sinfonietta ist ein auf zeitgenössische Musik spezialisiertes Orchester mit sinfonischer Besetzung – und insofern ein in der klassischen Musikszene einzigartiger Klangkörper. Getragen vom Anspruch, Musik am Puls der Zeit zur Aufführung zu bringen, überwindet die Basel Sinfonietta seit ihrer Gründung im Jahr 1980 klassische Konzertkonventionen und zeigt sich in ihren Programmen erkundungsfreudig gegenüber anderen Genres und Kulturen. Die Basel Sinfonietta arbeitet mit den führenden Komponist:innen der Gegenwart zusammen. Das Orchester hat zahlreiche Werke in Auftrag gegeben und konnte seit seiner Gründung mehr als 240 Uraufführungen und nationale Erstaufführungen präsentieren.
MUSIKER:INNEN
Violine 1
Daniela Müller 1
Katarzyna Seremak
Cornelius Bauer
Claudine Ostermann
NN
Franziska Németi-Mosimann
Martina Albisetti
Sabine Schädelin
Lisa Rieder
Tamás Dávid
Alicja Pilarczyk
Renate Hofstetter
Nadia Strijbos
Mirjam Sahli
Violine 2
William Overcash 2
Marzena Treiber-Toczko
NN
Livia Schwartz
Stephanie Ruf
Simone Flück
Friedemann A. Treiber
Iliana Hristova-Schierer
Ulrich Bürgi
Sara Hubrich
Sylvia Oelkrug
Ísak Ríkharðsson
Viola
Marie Stockmarr Becker 2
Benoît Morel
Elia Portabales Rodríguez
Sara Barros
Christina Anger
Anouk Obschlager
Tatiana Kunz
Mariateresa Pagano
Anja Martin-Glatthard
Elijah Spies
Violoncello
Martin Jaggi 2
Ekachai Maskulrat
Aude Pivôt
Anna Karolina Egger
Lisa Hofer
Ursula Kamber-Schaub
Josep Oriol Miró Cogul
Friederike Arnold
Kontrabass
Mariona Mateu Carles 2
Benedict Ziervogel
Philippe Dreger
Youen Cadiou
Lukas Burri
Clea Garzón Tenorio
Flöte
Julian Cawdrey
Regula Bernath
Franziska Stadelmann
Vera Leibacher
Oboe
Marita Kohler
Edoardo Pezzini
Sylvain Faucon
Eduardo Olloqui
Klarinette
Richard Elliot Haynes
Hanna Langmeier Stenz
Lanet Flores
Mariana Rüegg
Fagott
Mehdi El Hammami
Elise Jacoberger
Andrea Matés Pro Lucas Rößner
Horn
Christian Schweizer
Simon Kissling
Carl-Philipp Rombach
Romain Flumet
Trompete
Noe Nillni
Jens Bracher
Simon Blatter
Emma Viellard-Goillot
Posaune
Stephen Menotti
Anita Kuster
Artur Smolyn
Malena Lorenson
Tuba
Sophia Nidecker
David Martín
Schlagzeug
Kai Littkopf
Fran Lorkovic
Thomas Waldner
Víctor Barceló
Santiago Villar Martín
Klavier
Ludovic Van Hellemont
Lukas Rickli
Harfen
Manon Pierrehumbert
Estelle Costanzo
SUBVENTIONSGEBER, GEMEINDEN
KULTUR-POOL DER REGION LEIMENTAL PLUS Allschwil, Biel-Benken, Binningen, Bottmingen, Burg, Ettingen, Oberwil, Schönenbuch, Therwil
HAUPTGÖNNER, STIFTUNGEN
PRODUKTSPONSOREN, MEDIENPARTNER, WEITERE PARTNER
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