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Die Körper und der Raum. 113 Beiträge zu einer sinnlichen Erkenntnis

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die körper und der raum

herausgegeben von aut. architektur und tirol

113 beiträge zu einer sinnlichen erkenntnis


aut. architektur und tirol die körper und der raum 113 Beiträge zu einer sinnlichen Erkenntnis

Ausstellung im aut. architektur und tirol, Innsbruck 1. Juli bis 18. September 2021


arno ritter die körper und der raum

„Einen Raum oder einen Ort erinnern zu können, setzt vor allem voraus, dass die Erinnerung im Körper gespeichert wird. So übertragen wir alle Städte und Dörfer, die wir besucht haben, und alle Orte, die wir wiedererkannt haben, in Erinnerungen, die wir im Körper tragen.“ (Juhani Pallasmaa) Raum ist ein synästhetisches Phänomen und wird mit allen unseren Sinnen wahrgenommen, von den Augen über die Ohren und die Nase bis zum größten Organ, der Haut. Nicht ohne Grund spricht man vom Raum als dritter Haut, die die Sinneswahrnehmung und unsere körperlichen Erfahrungen prägt. ­Proportion, Materialität und Licht erzeugen Atmosphären, stimmen den Raum und beeinflussen die Rezeption. Sowohl im kleinen als auch im größeren ­Maßstab, zum Beispiel im öffentlichen Raum, beeinflusst die Gestaltung das individuelle ebenso wie das kollektive Empfinden und damit letztlich unser ­soziales Verhalten. Es gibt eine lange und umfassende Geschichte der Auseinandersetzung mit der Körper-Raum-Beziehung: vom Versuch, von der Körperproportion auf ein gültiges Raummaß zu schließen, über fotografische oder filmische Ana­ lysen bis hin zu künstlerischen und architektonischen Konzepten oder rea­ lisierten Bauten, die dieses Thema behandeln und zwischen Körper und Raum vermitteln. Zunehmend verändert auch die virtuelle Welt die Körper-Raum-­ Beziehung und beeinflusst unser soziales und gesellschaftliches Leben. In den letzten Monaten mussten wir erfahren, dass die gewohnte KörperRaum-Beziehung brüchig geworden ist und wir in einer mehrschichtigen ­Distanzerfahrung leben. Sowohl der soziale Aspekt, die Entkörperlichung des Alltags, die spürbare Veränderung des öffentlichen Raums und des indi­ viduellen räumlichen Lebens als auch die zunehmende Verlagerung vieler ­Lebensbereiche in den virtuellen Raum haben Fragen zur Beziehung zwischen uns als sozialen Wesen und der persönlichen ebenso wie der kollektiven Raumerfahrung aufgeworfen. Dieser „intakten“ oder „gestörten“ Beziehung zwischen Körper und Raum und deren gesellschaftspolitischer Bedeutung widmete sich die Ausstellung „Die Körper und der Raum“. Im Vorfeld luden wir über 230 Personen ein, einen Beitrag dazu zu liefern: Architekt*innen, Grafiker*innen, Designer*innen, Künstler*innen, Theoretiker*innen, Historiker*innen und Kritiker*innen, die in den vergangenen Jahren mit ihren Ausstellungen, Vorträgen, „Vor Ort“-­ Gesprächen oder ihrer Jurytätigkeit und als aktive Mitglieder des aut am ­Programm mitgewirkt haben. Insgesamt 113 Personen bzw. Büros folgten unserer Einladung und beteiligten sich an der Ausstellung mit einer visuellen, hör- oder lesbaren Referenz, die die jeweils individuelle Beziehung zwischen dem/den Körper/n und dem realen, sozialen wie virtuellen Raum verdeutlicht. Mit der Präsentation

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Vorwort Arno Ritter, Leiter aut. architektur und tirol


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Krater Fajan: Viel TamTam um Nichts Fotos Günter R. Wett, Nikolaus Schletterer


dieser um einen erklärenden Text ergänzten Fotos, Grafiken, Filme und Ton­ dokumente setzte das aut jene Reihe fort, die – wie die Ausstellungen „Haus Enzian“, „ex libris“, „sketches“, „genius loci“ und „einfach alltäglich“ davor – versuchten, die kreativen Interpretationen von Architekt*innen und Gestalter*innen zu einem gestellten Thema zu vermitteln. Zu den Auslösern für die konkrete Fragestellung der Ausstellung und damit für das vorliegende Buch gehörten die zahlreichen Gespräche, die ich mit dem Architekturkollektiv Krater Fajan im Vorfeld ihrer Installation im aut. archi­ tektur und tirol führte. Der Ausbruch der Pandemie und die Maßnahmen zu deren Eindämmung veränderten und dominierten das Leben der Menschen in einer Art und Weise, wie es sich noch vor wenigen Jahren niemand vor­ stellen hätte können. „Lockdown“, „social distancing“, „home office“, ­„ distance learning“ sind nur einige der Schlagwörter, die in unseren Sprachgebrauch Eingang f­ anden und unsere „neue Normalität“ der letzten Zeit ­prägten. Einige der Themen, die mit dieser Ausnahmesituation in Zusammenhang ­stehen, griffen Krater Fajan in der Rauminstallation „Viel TamTam um Nichts“ auf und schufen damit eine räumlich wie körperlich erfahrbare Installation. Insbesondere widmeten sie sich dem „social distancing“ und dessen Aus­ wirkungen im architektonischen wie alltäglichen Kontext. Denn das, was wir als „social distancing“ erlebten, hat nicht wirklich mit sozialer, sehr wohl aber mit physischer Ferne zu tun. Selbst im Lockdown kommunizierten wir miteinander, aber auf eine Weise, die unsere physische Präsenz nicht zwingend erforderte. Besprechungen wurden in den virtuellen Raum verlagert, Konzerte und Vorträge gestreamt, Nachrichten, Fotos und Filme in den so­genannten „sozialen Medien“ geteilt. Was aber fehlte, waren der direkte, ­körperliche Kontakt, die unmittelbare physische Begegnung in Räumen und die über eine rein optisch-akustische Wahrnehmung hinausgehenden ­Erfahrungen. Insbesondere diese Verluste und Sehnsüchte, die mit diesem „physical ­distancing“ in Bezug auf Architektur- und Raumerfahrungen einhergingen, machten Krater Fajan erlebbar. Damit schufen sie eine konzeptionelle ­Ergänzung und eine sinnliche Erweiterung zur Ausstellung „Die Körper und der Raum“. Ich danke allen Teilnehmer*innen für die spannenden Beiträge, Cam nhi Quach für ihre Ausdauer und Geduld sowie die Gestaltung der Ausstellung und ­Claudia Wedekind für die grafische Umsetzung des vorliegenden Katalogs.

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Ausstellung im aut, 1. Juli bis 18. September 2021 Foto Günter R. Wett


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Ausstellung im aut, 1. Juli bis 18. September 2021 Foto Günter R. Wett


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Ausstellung im aut, 1. Juli bis 18. September 2021 Foto Günter R. Wett


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Ausstellung im aut, 1. Juli bis 18. September 2021 Foto Günter R. Wett


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Ausstellung im aut, 1. Juli bis 18. September 2021 Foto Günter R. Wett


die körper und der raum 113 beiträge zu einer sinnlichen erkenntnis

A JDVIV / IVJDV A David Adjaye Walter Angonese ARTEC Architekten Christian Aste Auböck + Kárász b+ Bernardo Bader Alexa Baumgartner Ruedi Baur Sabine Bitter & Helmut Weber Walter Bohatsch Friedrich von Borries, Jakob Brossmann Angelo Bucci, Fernanda Carlovich, Adriane de Luca Werner Burtscher Franco Clivio Columbosnext Andreas Cukrowicz Hermann Czech mit Thomas Roth Hans Dragosits Hugo Dworzak Thomas Eisl EOOS Yvonne Farrell (Grafton Architects) Hemma Fasch (fasch&fuchs) Dietmar Feichtinger Martin Feiersinger Werner Feiersinger Thomas Feuerstein Feyferlik / Fritzer Volker Flamm, Gilbert Sommer, Stefan Holst, Martin Engelhardt Andreas Flora Helga Flotzinger Tony Fretton Susanna Fritscher Gangoly & Kristiner Architekten Maria Giuseppina Grasso Cannizzo giner + wucherer Hans Peter Gruber Roland Gruber (nonconform)

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55 Manfred Gsottbauer Peter Haimerl mit beierle.goerlich 56 Reinhardt Honold 57 Christof Hrdlovics 58 Hertha Hurnaus 59 Christina Jauernik 60 Sabine Jelinek 61 Klaus Kada mit Gernot Lauffer 62 Hermann Kastner 63 Otto Kapfinger 64 Christian Kerez 68 Klaus Kinold 69 Christian Knechtl 70 Cornelius Kolig 71 Brigitte Kowanz 72 Daniela Kröss 73 LAAC 74 Lacaton & Vassal 75 LAN 76 Gabriele Lenz 77 Armin Linke 78 Christian Mariacher 79 pia + manzlritschsandner 80 Manfred A. Mayr 82 Milena Meller 83 Valerie Messini 84 Miller & Maranta 85 Gerhard Mitterberger, Zita Oberwalder 86 Professur Elli Mosayebi 87 Bruno Moser 88 Thomas Moser 89 Carmen Müller 90 Hans-Walter Müller 91 MVRDV 92 Werner Neuwirth 93 Walter Niedermayr 94 Numen / For Use 96 Simon Oberhammer, Pia Prantl 97 Paul und Oskar Ott 98 Thomas Parth 99 PAUHOF 100 pedevilla architects 101

Ausstellungsbeitrag ist ein Video, nachzusehen auf www.aut.cc

Ausstellungsbeitrag ist ein Tonfile, nachzuhören auf www.aut.cc

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Teilnehmer*innen an der Ausstellung „Die Körper und der Raum“

Robert Pfurtscheller, Nikolaus Schletterer Sasha Pirker Wolfgang Pöschl PPAG architects Carl Pruscha Johannes Rauch Max Rieder Arthur Salner Bruno Sandbichler Lukas Schaller Martin Scharfetter Andreas Schett Lotte Schreiber Jonathan Sergison (Sergison Bates architects) Snøhetta Hannes Stiefel mit Roger Connah Teresa Stillebacher Erich Strolz mit Ekehardt Rainalter Mario Terzic the next ENTERprise-architects Wolfgang Tschapeller Dieter Tuscher Rens Veltman Peter Volgger Elias Walch Lois Weinberger Günter Richard Wett Roland Winkler Manfred Wolff-Plottegg Karl Wutt Cino Zucchi

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a jdviv / ivjdv a that it does not look good makes that it looks good Three images of the same object. How memory ­en­­abled the lost one to be re-enacted the same way ­differently. The first image – with silver construction posts – reminds us how, at the end, things are first made. The second image – without silver construction posts – recalls how it was intended and stood there. The third image – the re-enactment of the ­destroyed one, with building posts, formwork and loose ­materials – is not because of ­ re­­mem­bering the one that was intended.

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architecten Jan De Vylder inge vinck / inge vinck Jan De Vylder architecten, Gent [B] Jan De Vylder: Vortrag 2017


david adjaye the contemplation court

The Contemplation Court at the Smithsonian ­National Museum of African American History and Culture s­ timulates a meditation on the primary ­elements of our biophilic relationship to the world. Through ­wit­nes­s­ing the flowing of water, there is an associated emotional and cultural connotation that bears con­nection to bodies as both a ­­primary element and a life-­sustaining force. Water has a history, and through its flow, it aligns with ­his­torical moments of being constituted within ­exchange, circulation, power and community. The droplet ­becomes the body, and in its falling through time, there is both the weight of memory and the weight of being human.

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More specifically, water becomes a litmus material of the colonial relationship between Africa and the world. Water, in its innate affinity to life, bears the force of design, through geographically ­shaping our world in oceanic form; politically entangled with c­ ontemporary crises of drought, ­flooding, destruction, pollution and global ­shortage; and metaphorically reflecting internal ­ aspects of life through fluidity, change, and the way that the one also becomes the many.

David Adjaye, geb. 1966, Architekt, London [GB] Vortrag 2008


walter angonese le corbusier, maison au lac, vevey seit meiner beschäftigung mit heinrich tessenow vor einigen jahren hat mich das thema des fensters nicht mehr losgelassen, vor allem nach mehr als einem jahr des fast steten verweilens in den eigenen vier wänden. die exakte positonierung der öffnungen, das ­fenster als architekturelement und nicht nur als teil der fassadengestaltung oder einer architektur­ sprache gedacht, die beziehung des innen mit dem aussen, das licht, das durch ein fenster nach innen fällt und den raum in beziehung zu den ­tageszeiten zu setzen vermag, das hatte ich ­eigent­lich verdrängt. wie habe ich die schönheit der schatten im raum vermisst und sie lange als eine der wichtigsten raummerkmale nicht mehr wahrgenommen, obwohl ich das buch „lob des schattens“ von tanizaki jun’ichiro so sehr schätze. was ist wand, was decke, was boden? warum muss immer alles gleich sein, warum immer alles nur ma­te­rialgerecht? geht es nicht vielmehr um die ­stimmung, wie sie adolf loos definiert hat, um das, was wir e ­ rfahren und evozieren wollen? wie oft irren wir bei der p ­ lanung von grossflächigen öffnungen, dem unein­geschränkten blick nach ­aussen – der durch beschattungselemente wieder relativiert wird –, der eine besondere qualität der innen-aussen-beziehung und superzeitgenössisch sei. wir haben das denken in h ­ ierarchien und ­setzungen von öffnungen, ihre semantischen qualitäten vergessen oder verdrängt. es musste erst ein virus kommen, um mich ­wieder auf den boden der sinnlichen wahrnehmung zurück­zuholen. was brauchen wir wirklich zum wohnen? eigentlich einen raum, der uns vor regen und schnee schützt, der uns wärmt, wenn es draussen – oder in unserem inneren – zu kalt ist, oder einen patio, umfriedet und ohne decke, der uns in beziehung zur natur setzt, und ein fens­ ter, das uns einen blick in die welt schenkt, uns ­träumen lässt und das schweifen von gedanken ermöglicht. hatte heidegger doch recht? diese themen hat le corbusier in dem haus für seine mutter in vevey behandelt, in vielerlei hinsicht sicher sein sinnlichstes projekt. bin ich jetzt nicht nur ein eklektiker, sondern auch noch ein ­romantiker?

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Walter Angonese, geb. 1961, Architekt, Kaltern [I] Vortrag 2008, Ausstellung 2011, Gespräch 2018


artec architekten (bettina götz, richard manahl) still sein, wie der baum

„Véritable poussée de la terre vers le ciel, un arbre est une image et une expression de joie. Pour ­appréhender cette image, nous devons être immobiles, à l’égal de cet arbre. ­Lorsque nous bougeons, c’est l’arbre qui devient le spectateur.“ „Ein Baum ist ein Bild und ein Ausdruck der Freude, ein echter Schub von der Erde zum ­Himmel. Um ­dieses Bild zu erfassen, müssen wir still sein, wie der Baum. Wenn wir uns ­bewegen, ist es der Baum, der zum Zuschauer wird.“ (René Magritte, l’Arbre 1959)

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ARTEC Architekten (Bettina Götz, Richard Manahl), Architekturbüro, Wien Vortrag 2006, „Vor Ort“-Gespräche 2014 und 2015, Buchpräsentation 2018


christian aste o. t.

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Christian Aste, 1943 – 2021, Bauingenieur, Innsbruck „nimm 3“ 2012, „meins“ 2018


auböck + kárász land schafft raum

behutsame intarsie

erinnerungsort

Central Park, Baku / Aserbaidschan

Turnertempel, Wien

Der Zerstörung ausgeliefert Der Spekulation entrissen Neuer Raum im Mantel von Baku Eingebettet zwischen Stadtautobahnen Geborgen in einer Hügellandschaft

Synagoge im Pogromfeuer zerstört Neuer Platz erschließt sich als imaginärer Raum des Dachstuhls: Auf den Boden geklappt Als Einladung zum Verweilen Nachdenklich Platz zu nehmen

rallentamento

Wilhelm-Furtwängler-Garten, Salzburg 22 Zentimeter Absenkung Verlangsamung der Raumerfahrung Gefühl von Tiefe, Respekt, Anmutung Möglichkeit zum Verweilen

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Auböck + Kárász (Maria Auböck, János Kárász), Atelier für Landschaftsarchitektur, Wien Vortrag 2016


b+ cohabitation – neue formen des zusammenlebens

Vor fünf Jahren, vielleicht sogar noch vor zwei, ­schienen die Auswirkungen des Klimawandels weit genug entfernt, um sich nicht darum kümmern zu müssen. Zu abstrakt, zu unscharf, zu weit weg, um unser Verhalten und unsere architektonische Praxis ­tatsächlich zu verändern. Heute sind wir mit einer neuen Realität des radikalen Wandels konfrontiert und sprechen inzwischen von Klimakrise. Aber wie können wir, als Individuen und als Ar­chi­tekturschaffende, den Herausforderungen ­aktueller Krisen innerhalb des „gegebenen“ wirtschaftlichen, politischen und sozialen Systems werden? Letztlich geht es ums Überleben: Wie können wir – Menschen, Tiere, Pflanzen – nicht nur ­ko­existieren, sondern unseren Planeten in einer ­ressourcenschonenden und zirkulären Weise ­gemeinsam bewohnen und erhalten? Wie kann es gelingen, sich um diejenigen zu kümmern, die selbst kein Mandat haben? Wie sehen Formen des

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Zusammenlebens aus, die es vielen Spezies ermög­­­­ lichen, nebeneinander, miteinander, gemeinsam zu überleben? Eine post-humanistische Perspektive öffnet die uns an­trainierte menschenzentrierte Sichtweise für eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten, Erfahrungen und konkreten Modellen. Sobald wir nicht (nur) für den Menschen entwerfen, sondern andere Akteure und Akteu­rinnen mitdenken – seien es Tiere, Pflanzen oder Ressourcen – entstehen neue Modelle und Strukturen in der Architektur: vom kleinen zum großen Maßstab, von der Rechtsform zur gebauten Umwelt, von Gebäudedetails über Typologien zu Betriebssystemen. b+ ist eine Architekturpraxis in-the-making, initiiert von Arno Brandlhuber, Olaf Grawert, A ­ ngelika ­Hinterbrandner, Roberta Jurčić und ­Gregor Zorzi

b+, Architekturpraxis, Berlin [D] Ausstellung 2019, Arno Brandlhuber: Vortrag 2019


bernardo bader wohnzimmer haus am moor, krumbach, b ­ regenzerwald

die unübersetzbarkeit von architektur

Die Unübersetzbarkeit von Architektur ist ein ­wichtiger Schlüssel des Verständnisses von Architektur. Gerne misstraue ich den Worten, dem bloß Ausgedachten. Das Mensch-Sein wird zum Verbindenden für Nutzer und Gestalter und ver­ meidet so den Umweg über eine trennende Intellektualität. zita bader, 13 jahre alt, übt auf ihrem cello, 14. 4. 2021

„Das junge Mädchen, das auf dem Cello spielte, genoss sichtlich den Klang, der sich bis ins Dach hinauf ausbreitete und den das dichte Bretterwerk aus Tanne mit sattem Ton wiedergab. Der volle Klang schien nach weiteren Klängen zu rufen, aber ja: Alles hatte Raum – genug, um sich ruhig an Ort und Stelle niederlassen zu können. Und auch die Hände fanden ausreichend Raues, in dem sie lesen konnten. Wandtäfer und Holzboden, Leinenvorhang und Eisenofen, alles zeigte sein Gewebe und

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war gut einschätzbar, dabei auf sicherer Distanz. War es diese Entfernung, die mich so beruhigte? ‚Ein Lebensgefäß‘ hatte ein älterer Kollege es genannt und hatte recht damit, denn das Haus schien Sinnbild seines Gestalters. Das Tragwerk blieb ­einfach. Das Holz dafür – massiv aus Tanne und Fichte – kam, sparsam auf­geschnitten, aus dem eigenen Wald; und wie man sich erzählt, war auch eine Ulme dabei, aus der die Küche erstellt wurde. In seiner Form archaisch, folgt das Haus aber ­keiner regionalen Typologie und bleibt doch als ­Einhof dem Ort zugeneigt. Schlicht und stimmig, ­dennoch frei von Zwanghaftigkeit wurde hier zum traditionellen Thema Wohnen improvisiert – Tenne – Stall. Seine selbstbewusste Größe nahm alles auf wie ein Boot; und auf dem Weg zurück zur Straße war mir, als bewegte ich mich im Meer der Moorlandschaft ans Ufer.“ (Robert Fabach, 2019)

Bernardo Bader, geb. 1974, Architekt, Krumbach Vortrag 2012, „Vor Ort“-Gespräch 2016, Exkursion 2017


alexa baumgartner un*genormter raum

Leonardo da Vinci illustrierte mit dem vitruvianischen Menschen seinen Beweis, dass der menschliche Körper sowohl einem Regelwerk an Proportionen und Symmetrien folge als auch den geometrischen Formen des Quadrats und Kreises eingeschrieben werden kann. Die Darstellung verkörperte den Menschen [den Mann] als Abbild der Weltanschauung jener Zeit, in der er selbst im Zentrum stand. In der Architektur wurde diese Idealisierung des menschlichen Körpers zu einer wichtigen Referenz für Darstellungs- und Proportionslehren. Spätestens seit den 1960er-Jahren wird der vitruvianische Mensch von Seiten der Philosophie, Feminismus, Soziologie, Ökologie sowie Kunst und Architektur als Symbol des Humanismus und patriarchaler Machtstrukturen kritisiert. Posthumane- und Post-gender-Theorien fordern eine vielfältigere Neuauffassung der Welt. Normen – egal ob körperliche, soziale oder ge schlechtliche – werden in jeglicher Form abgelehnt und durch die Idee von Diversität und Inklusion ersetzt. Aber wo findet sich die Debatte für mehr Pluralität, die derzeit in jedem Bereich unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle spielt, in Architektur und Städtebau? Die Auflösung von körperlichen

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und geschlechtlichen Normen wird im derzeitigen Architekturdiskurs nicht wirklich thematisiert. Doch ist sich der spanische Philosoph und Queer-Theoretiker Paul B. Preciado sicher, dass Architektur das Potenzial zum Aktivismus für eine diversere Welt in sich trägt und man sich dessen bald bewusst werden sollte. Architektur muss den Raum für Transformationen dieser Art bieten und diverse Lebensräume und -modelle aufzeigen. Architektur soll nicht nur Bedürfnissen und Anforderungen entsprechen, sondern zu Inspiration, Andersdenken und Akzeptanz führen. Sie kann ihre Benutzer*innen dazu bewegen, die Grenzen des Zusammenlebens, des eigenen Körpers und der eigenen Identität neu zu überdenken und zu verschieben. Bild: „Ein neuer Himmel“, AliPaloma, Jana Wörn, Collage, 2016

Alexa Baumgartner, geb. 1985, Architektin, Innsbruck Vortrag 2020


ruedi baur „la bise“: ein lebendiges patrimonium in gefahr

Soll man sich küssen oder nur den Ellbogen oder sogar den Fuß strecken? Der Körper in dieser Begrüßungs­phase spiegelt Ängste und fordert von uns eine Entscheidung, entweder dem unver­nünf­tigen Neid nach Liebe – Wärme – Nähe oder der ungerecht benannten „sozialen Distanzierung“ zu folgen. Gewisse Politiker und Politikerinnen sprechen von ­dauerhaften Sicherheitsmaßnahmen, froh sind sie, diese zivile Unterordnung festzu­ stellen und eine überhygienische, autoritäre und prüde Gesellschaft zu installieren, in der die ­Umarmung als gefährliche und unmoralische Geste definiert wird. Der Raum wird dann zum Schutz der verlorenen intimen Interrelation.

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Ruedi Baur, geb. 1956, Kommunikationsdesigner, Paris [F] Vortrag 2009, Ausstellung 2011


sabine bitter & helmut weber z_orb

The Z_orb is originally a video work, in which a clear inflatable ball, with a single person seemingly ens­nared or held within, spins and rolls in a virtual space. Filmed as the ball is rolling down a green ­meadow in the Austrian Alps as a sort of leisure ­ad­venture sport, Bitter / Weber then cut out the ball from its original background. They refer the slightly sci-fi-looking ball to the transparent ­in­flatable structures of the sixties and seventies – such as Haus-Rucker-Co’s projects “Oase Nr. 7” (1972) and “Ballon für Zwei” (1967), which held the promise of new architectural and social meanings through a more flexible relationship of the body to built spaces. Z_orb engages with the tensions between the potential and intentions of architecture and its eventual un­­predictable employments. The poten­ tials of quick, light and flexible architecture pointed to a social and indi­vidual utopia. Yet, now that the technology exists for their mass production, such inflatables are used to roll the leisure class down a hill. Like in other works of Bitter / Weber they ask: What happened to the utopian potential in ­architecture?

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Video: Sabine Bitter & Helmut Weber, 1998 / 2000 Sound: Peter Rantasa

Sabine Bitter, geb. 1960 | Helmut Weber, geb. 1957, Künstler*innen, Wien / Vancouver [CAN] Ausstellung 2006


walter bohatsch coexist

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Walter Bohatsch, geb. 1949, Grafikdesigner, Wien Corporate Design aut. architektur und tirol, Gespräch 2017


friedrich von borries, jakob brossmann: schule der ­ interlassen folgenlosigkeit, lektion 7: keine spuren h

Wie sähe ein Leben aus, das keine negativen Folgen für andere Menschen, Lebewesen und Materie hat – das fragte die „Schule der Folgenlosigkeit“, die Friedrich von Borries im Museum für Kunst und Gewerbe (M & G) in Hamburg als Ausstellung (5. 11. 2020 – 19. 07. 2021) einrichtete. Gemeinsam mit dem Regisseur Jakob Brossmann ent­wickelte er dazu eine Reihe von Tutorialvideos – unter ­anderem zur Frage, wie man das Hinterlassen von „Spuren“ ­ver­hindert. Denn eigentlich wollen wir immer und überall Spuren hinterlassen – als Architekt*innen mit ­unseren Bau­w erken, als Künstler*innen mit unseren Kunst­w erken, als Menschen in unseren Kindern.

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Zugleich ­hinterlassen wir auch Spuren, die uns nicht bewusst sind oder die wir vermeiden wollen: beispielsweise der ö ­ kologische Fußabdruck oder die Metadaten, die wir mit unseren Bewegungen im Netz generieren. Für ein Leben, das möglichst ­w enige negative Folgen für an­dere hat, müssen wir uns auch mit unseren Spuren beschäftigen.

Friedrich von Borries, geb. 1974, Architekt und Designtheoretiker, Berlin [D] Interimistische Leitung aut. architektur und tirol 2010, Vortrag 2019


angelo bucci, fernanda carlovich, adriane de luca somos paulicéia, sóma politeia When I die I want to stay, Don’t tell my enemies. Buried in my city, Homesick. Bury my feet on Aurora Street, Leave my sex at Paissandu Square, My head on Lopes Chaves Forget In the courtyard of the grammar school sink deep My São Paulo heart: A living heart and a dead man Close by. Hide my right ear in the Post Office, The left at the Telegraph, I want to snoop in others’ lives, Siren. Keep my nose close to the rose, My tongue on Ipiranga’s heights To sing of liberty. Longing…

In his testamentary poem, published in Lira Pau­ listana (1945), Mário de Andrade describes how his body should be dismembered throughout the city of São Paulo after his death, according to ­experiences in life and affection for and through unique places in the city. The streets, buildings, and landmarks acquire humanity from the association with the poet’s body: His feet become Aurora Street, his eyes are the Jaraguá Peak, his heart turns into São Paulo’s central courtyard. The dance of the body in the city is the everyday experience of living together. Within a lifetime in a city, a person grows fond of people, places, smells, sounds, sights, and each part of the body is molded by and clings to different places. The city, at first ­disordered, decodes itself from pleasure and delight: affections so warm that they can trans­form chaos into cosmos. After death, the division of the poet’s body resumes the unity of being as the body regains its wholeness from the collection of affections scattered over São Paulo.

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My eyes take down to Jaraguá, They can watch what’s yet to come, Leave my knee at the University, Longing… Throw my hands just anywhere, Let them die as they have lived, Toss my entrails to the devil, My soul will belong to God. Farewell.

Poem: Mário de Andrade, in: Lira Paulistana, São Paulo: Livraria Martins, 1945. English translation: José I. Suárez and Jack E. ­Tomlins. Mário de Andrade: The Creative Works. Lewisburg, PA: Bucknell University Press, 2000.

Angelo Bucci (SPBR arquitetos), geb. 1963, Architekt, São Paulo [Brasilien] Vortrag 2009


werner burtscher die unschärfe ist mir lieb

Wien 2003 Eine Skizze, ein Bild, Arbeit am Lichtspieltheater

im Untergrund den Raum genommen haben

Wie ein Maulwurf, der schlecht sieht und nur dem Körper folgend spürt und Räume gräbt.

für sich, alle Cineasten, Phantasten, Illusionisten und für die, die Pause machen wollten von der Realität.

In dieser Arbeit erfand ich Orte, welche sich dem Gefühl folgend

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Werner Burtscher, geb. 1972, Architekt, Stams „Vor Ort“-Gespräch 2015, „nimm 3“ 2019

Die Unschärfe ist mir lieb. Stams, am 30. April 2021


franco clivio manifolds

www.manifolds.ch

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Franco Clivio, geb. 1942, Produktgestalter, Erlenbach [CH] Vortrag 2017


columbosnext partycelle

„Mondänität ist immer dissoziierend: Es geht darum, sich einzuschließen, um auszuschließen und das Feld abgrenzen zu können, in dem die Spielregeln ­gelten sollten.“ (Roland Barthes, Sade. Fourier. Loyola) Epidemien sind Experimentierfelder, in denen Räume neu konfiguriert und Körper anders verteilt werden. Dieser Aspekt manifestiert sich vor allem in der Sphäre des Öffentlichen. Im Lockdown wird der öffentliche Raum seiner sozialen Funktion beraubt. Nicht mehr der Sozius ist Akteur und ­Gestalter dieses Raumes, sondern der Privilegierte, das systemrelevante Subjekt – Arbeiter*innen, Instandhalter*innen, Verkäu­fer*innen eigener oder fremder Körper, Kontrollorgane. In der CoronaKrise ist Wohnen ein Fetisch, Social Distancing ein Kult. Alles Hedonistische ist verboten, der Mensch zur Leibniz’schen Monade degradiert, d ­ essen ­einziges Interface zur Außenwelt der virtuelle Raum ist. Wohnen ist längst kein Bedürfnis, sondern Luxus, denn die Wohnverhältnisse beein­

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columbosnext, Kollektiv, Innsbruck u. a. Plattform „… ich will an den Inn“ 2008

flussen die Er­träglichkeit dieser aufgezwungenen Klausur. Wo aber eingeschlossen wird, entsteht Aus­bruch. Ein­schlie­ßung­s­­milieus generieren Guerilla­­taktiken zur Wiederer­schließung des Territoriums und der Wiederaneignung verloren­ gegangener Räume. In dieser Hinsicht haben die ­coronabedingten Maßnahmen eine neue soziale Gemeinschaft hervorgebracht, nämlich die der ­hedonistischen Deserteure. Hedonistische De­ serteure sind popkulturelle Fahnenflüchtige, die trotz der forcierten Liquidierung das Leben als ­Qualität zelebrieren. Ihr Credo ist Party und ihre Kirche die Zelle: PARTYCELLE – das erste Non-­ Fungible Token von columbosnext.


andreas cukrowicz was wäre wenn

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Cukrowicz Nachbaur (Andreas Cukrowicz, Anton Nachbaur-Sturm), Architekturbüro, Bregenz „Vor Ort“-Gespräch 2012, Andreas Cukrowicz: Vortrag 2014


hermann czech, thomas roth stiege oder treppe In Österreich ist die Stiege der Normalfall; eine Treppe führt aufs Dach oder in den Keller und ist unbequem, aber ökonomisch (Ausnahme: die ­Freitreppe). In Deutschland ist es umgekehrt. ­( Analog, aber gegenläufig ist in Österreich der ­Sessel ein einfacher, der Stuhl dagegen ein bequemer Sitz – in Deutschland wiederum umgekehrt.) Nunmehr heißen Stiegen auch in Österreich ­behördlich nur mehr Treppen; was dagegen bei uns Treppen waren, ist behördlich unzulässig. Gewendelte Kurz­treppen kommen überhaupt nicht vor. Hermann Czech, Thomas Roth: 60 cm breite zweifach gewendelte Kurz- oder Sambatreppe, 2021. Beide Räume haben auch andere Zugänge; die Kinder kommen gelegentlich aus dem Parapet.

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Hermann Czech, geb. 1936, Architekt, Wien Vortrag 2011


hans dragosits ohne text

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Hans Dragosits, geb. 1941, Künstler, Absam Buchpräsentation 2019


hugo dworzak das normscheißhaus – maßgeschneidert

selten kommen sich raum und mensch näher als am fälschlich als still bezeichneten örtchen. die erwartungshaltung sind vorschriftsmäßige 150 cm in der länge und 90 cm in der breite, meist ­ elches üppige 250 cm höhe – das einzige maß, w außerhalb menschlicher reichweite liegt, des­wegen „unbegreiflich“. menschlich gesehen: atmosphäre ist ein fremdwort, soll doch die aufenthaltsdauer beschränkt sein. ­fluktuation ist die devise, sowohl im sinne der benutzung als auch des vorgangs. sauberkeit ist schwer messbar, erziehungsvariabel, deswegen in einem s­ elten breit gefächerten angebot (nicht) ­vorhanden. privatsphäre ist optisches gebot, ­akustisch kommt man sich umso näher, was dem eigenen tun und l­assen einen gewissen­ (haften) spielraum ermöglicht.

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Hugo Dworzak, geb. 1957, Architekt, Lustenau „nimm 3“ 2019

aus sicht der naturwissenschaft: die toilette ist substanziell nachhaltig. im verlauf der nahrungskette ist sie das bindeglied von abgeschlossener verwertung zu rückführung. alle derzeit modernen begriffe wie reuse und recycle haben genau dort ihren ursprung. schließen sie die augen – drücken sie die (spül-)taste – machen sie sich ein bild.


thomas eisl o. t.

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Thomas Eisl, geb. 1947, Künstler, London [GB] Ausstellung 2007, Performance 2013


eoos die klinke

In einem Hochhaus in Wien wurde zur Pandemie­ bekämpfung auf den Toilettenanlagen auf alle ­Türgriffe eine Adaption montiert, die es ermöglicht, die Türen auf- und zuzuziehen, ohne sie mit den Handflächen zu berühren. Statt der vom Designer Otl Aicher in den „Vier Geboten des Greifens“ ­formulierten Abfolge von Daumenbremse, Zeige­ fingerkuhle, Greifvolumen und Ballenstütze wird nun der Unterarm zur Schnitt­stelle mit dem ­Öffnungsmechanismus. Die Hand steht funk­ tionslos in den Raum, der Körper biegt sich nach unten und die Schulter verdreht sich Richtung Tür. Eine unbewusste Handlung wird so zur grotesken Geste im Raum.

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EOOS (Martin Bergmann, Gernot Bohmann, Harald Gründl), Designbüro, Wien Ausstellung 2012, Harald Gründl: Vorträge 2012, 2016 und 2020


yvonne farrell (grafton architects) the body and the space. on sensual cognizance

“Being able to remember a space or a place ­require, above all, that the memory is stored in the body. In this way we transfer all the cities and ­villages that we have visited and all the places we have recognised into memories that we carry in our bodies.” (Juhani Pallasmaa: The Eyes of the Skin: Architecture and the Senses) My mother Eleanor was pregnant with me when my parents designed and built our first newly-built, family home on the edge of the town of Tullamore, Co. Offaly, Ireland. My father’s brother, Raymond, was an engineer, who designed the two-storey, stand-alone house. It was constructed of 230 mm thick walls of mass concrete, with no insulation, with a pebble-dash finish on the exterior and a smooth plaster on the interior walls. Maybe, inside my mother, I could feel her excite­­ment of designing the future, of giving form to hope. Maybe, I could sense my parents’

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­ nthusiasm to build. Maybe, it sowed the seed in e me to love architecture. The front of the new house connected to the town with a large garden facing north and the sunny back garden was layered from a terrace close to the house, with a step down to a lawn, a large vegetable garden and then to open fields, with ­mature chestnut trees and elderberry hedgerows, stone walls, a ring fort surrounded by hawthorn bushes. All of this, as children, we used as our playground. This immediate connection that twinned the shared advantages of town life on one side and N ­ a­ture – alive and generous on the other – is d ­ eep­ly embedded in my memory of place. The lawn in the back garden had a part of it which as children we called: the hill, which in fact was about 500 mm high with a mature hawthorn tree at its ‘crown’. Two things are important for me remembering this… one; how as a child 500 mm

Yvonne Farrell (Grafton Architects), geb. 1951, Architektin, Dublin [IRL] Vortrag 2016


can truly be a mountain, so that when we are ­de­signing as architects for children, the smallest elevation has the capacity to be imagined by a child as enormous. The other aspect for me to remember is that the hawthorn tree which had been on the site for our new house was not chopped down to make way for the new lawn, but was incorporated into it. This decision, made by the adults of my world at that time, is an interesting one. I never asked them about it, but I know that in the old Irish tradition, hawthorn trees were a type of sacred tree… trees associated with fairies… the blossoms of which you did not pick. It was bad luck to bring hawthorn blossoms into your home. It’s not that people ­believed in fairies, but that old traditions do have a residual power of some sort. I remember hearing about persons being interviewed on some radio programme many years ­ ago about fairies. When they were asked if they ­be­lieved in fairies, they had a great answer and I quote: Just because I don’t believe in them, that doesn’t mean they don’t exist! It’s a bit ridiculous that I’m mentioning fairies in the 21st century, but is really to emphasise: ­imagination, the ‘unknowable’, old stories, past memories that weave into our personal histories… So for me, my personally perceived relationship between my body and the real world is a rea­l­ isation that we breath air, … that all our senses absorb ­impressions, environments, past histories, voices, sounds. Absorbed into me is a love of architecture; aware of the advantages of towns and cities; of the impact of orientation, of dimension, of materiality; a deep appreciation of Nature; a love of trees, a love of stories, culture, and most of all: of imagination… We harbour old experiences, memories in our bodies. They are stored there, embedded into our very being. These experiences formulate our value system… Since March 2020, Covid-19 severed the complex, normal ties to all around each of us. It forced us into a new way of being; forcing each of us to find new ways of constructing our days, I per­ sonally found that Nature came to my rescue. Each morning during lockdown, I walked the twenty minutes to the beach to watch the sun rise over Dublin Bay… tide in, tide out… tide in… waves lapping on the shore… tide out… kilometres

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of newly formed ripples in the sand, stretching out to the watery horizon… each new day is beautiful and reassuring, as the rhythms of Nature ­continue… The blackbird sitting in the yellow forsythia tree in my garden sang. My wild cherry tree changed its blossoms to bright red cherries as the months passed. Landscape interventions are vital in the planning of how we live. The design and planning of parks and public spaces have powerful social, environmental, economic and health impacts on the lives of people and communities. Since March 2020, so much has changed… All of us have been working apart, working from home… joined by the virtual thread of Zoom. The virtual ‘arena’ allows technology to be at the service of humanity. Zoom, Teams, Webinars all provide opportunities for collaboration. The incredible strength of the virtual world is that it does make connections possible, across time and space. It does allow us to express ideas, discuss complex issues with all parts of the globe simultaneously. It does bring us together… visually. Our eyes and ears are fully at work. We can learn to be more focused and only travel to meet when it’s absolutely necessary… …The virtual world allows us the opportunity to construct a new balance… of personal life and public life… But it’s not the same thing as human gather­ ings… People affect space, people affect us, by their individuality, by their intelligence, by their ­friendship, by their ability to make us laugh, … Their totality, with all those subliminal connections… Those human interactions… affect us… Sometimes, through inconsequential matters, we discover important aspects of life, by accident… Covid-19 shows us all how interconnected we all are, not only to those close to us… but, ­globally… We all are on this beautiful planet, together. We are physical beings… It is wonderful to be human. Supported by N­ature and Imagination. Thank you!


hemma fasch (fasch&fuchs) 1228 impulse für raumprozess – eine tanzmaschine

die auseinandersetzung zwischen körper und raum und ihrer gesellschaftlichen und gesellschafts­ politischen relevanz – das sollte doch eigentlich „architektur“ sein, oder? einen experimentellen zugang zu dieser auseinandersetzung hatte ich mir mit meiner diplomarbeit 1989 verordnet: 1228 impulse für raumprozess – eine tanz­maschine. es war eine „wilde“ auseinandersetzung mit raum, zeit, innerer und äußerer bewegung, tempo, publikum und klang und ein ausflug ins reich von john cage und personen, die ich für meine über­legungen als wichtig einstufte. welche räume ­w ollen wir erzeugen? was und woraus ist der raum, der uns umgibt? die komponenten einer räumlichen erfahrung liegen nicht nur im gebauten sichtbaren und ­benutzbaren. sie liegen auch in der vielschichtigkeit von wechsel­wirkungen und unterschwelligen einflussnahmen.

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es liegt an den architektinnen und architekten, mit lust auszuloten, worum es in der entwicklung räumlicher gebilde jenseits der schnellen befriedigung von pragmatisch funktionalen anforderungen auch gehen muss. architektur bedeutet, immer wieder eine hypothese aufzustellen, und zu ver­ suchen, diese zu beweisen – scheitern inbegriffen. die tanzmaschine wurde 1 : 1 gebaut und ge­ mein­sam mit christian muthspiel bei der d ­ iplom­­prüfung vor­gestellt. danach musste sie, um ­ spon­­soren zufriedenzustellen, auch für eine brei­ te­re ­öffentlichkeit „be­trieben“ werden, so auch bei einem festival zeit­genössischer musik. was vom experiment noch übrig ist, sind ein paar fotos und vor allem ein film. Video: Performance Hemma Fasch gemeinsam mit Christian Muthspiel, 1989

fasch & fuchs (Hemma Fasch, Jakob Fuchs), Architekturbüro, Wien Vortrag 2009, „Vor Ort“-Gespräche 2018 und 2019


dietmar feichtinger hautnah

Dietmar Feichtinger, Herrengasse, Graz Dezember 1980

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Dietmar Feichtinger, geb. 1961, Architekt, Paris – Montreuil [F] Ausstellung 2013, Vortrag 2018


martin feiersinger folly—lot 225

Die Grundrissfigur aus drei Ellipsen und drei Quadra­ten, die Fischer von Erlach für das Lust­ gebäude im Park von Schloss Kleßheim ersonnen hat, verfolgt mich schon seit Jahrzehnten. ­ Ähn­lich verhält es sich auch mit einigen Körper­ zeichnungen von Leonardo da Vinci, etwa die an Bändchen hängenden Ikosaeder oder Dode­ kaeder. Letztes Jahr nun – in der allgemeinen Ver­lang­ samung durch die Pandemie – habe ich einige ­dieser Stiche von 1509 rekonstruiert und Mock-ups

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angefertigt, als losgelöste „Körper im Raum“. Im Entwurf für das Folly—lot 225 hingegen kommt es zur Umkehrung d ­ ieses Prinzips: Hier wird der „Raum im Körper“ hinterfragt. Das EinraumFolly setzt sich aus platonischen Körpern, dem ­Do­dekaeder und dem Ikosaeder, mit jeweils 225 cm Kantenlänge zusammen.

Martin Feiersinger, geb. 1961, Architekt, Wien Exkursionen 2008, 2009, 2011, 2012 und 2015, Ausstellungen 2011/12 und 2015/16, Vortrag 2016


werner feiersinger stein, la tourette

Ein seltsamer Körper ertrotzt sich Aufmerksamkeit. Mysteriös und schwer zu fassen, befindet er sich ­zwischen einer Betonbank, einer grob struk­ turierten Wand und dem Abgrund. Das Objekt hat ohne Zweifel die Aufgabe zu erfüllen, einen Ab­­ sturz zu verhindern. Anstatt eines Geländers wird also eine Skulptur ge­setzt. Das Raumerlebnis in La Tourette und im Speziellen diese Raum­situ­ ation waren eine intensive Erfahrung für mich, eine ­Herausforderung in ihrer Rätselhaftigkeit und räumlichen Spannung.

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Werner Feiersinger, geb. 1966, Künstler, Wien Ausstellungen 2011/12 und 2015/16


thomas feuerstein soziale schwerelosigkeit

Das Video zeigt Quallen (Mastigias papua) in einem See auf Palau im Südpazifik. Jeden Morgen schwim­men sie an die Oberfläche und treiben mit den Sonnen­strahlen ans andere Ufer. In ihrem ­Körper kultivieren sie Algen, um sich von Licht zu nähren. Die rhyth­mische Bewegung der Quallen bildet als Hintergrund des gesprochenen Textes eine Allegorie sozialer Schwere­losigkeit, bei der singuläre Körper frei und haltlos durch den Raum schweben. Sie bilden keinen Schwarm und keine Gemeinschaft, sondern leben als postmoderne ­Parallelwesen ihre Existenz oder wie es im Video heißt: „Sie haben den Mangel, die Niedertracht und Armseligkeit ihrer Existenz satt. Sie wollen die Sterne greifen und brennen. Sie fordern ihr Recht auf Sinn und wollen etwas für die Sinne. Sie schreien nach einer neuen Ordnung, nach Glanz und Schönheit. Sie sind jung und wollen leben.

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Thomas Feuerstein, geb. 1968, Künstler, Wien Kurator Potenziale 3, 2021

Sie rufen: ,Glamour is the grammar!‘ Sie wollen wie Kristalle glänzen und zur Sonne werden. Sie wollen goldene Ärsche und das Feuer des ­Gottes Anus soll sich durch alle Gedärme brennen, bis ein gewal­tiges Universum schwarzer Löcher in einem Licht, h ­ eller als die Sonne, erstrahlt. Aus ihren facetten­geschliffenen Rosetten sollen Diamanten leuchten, die das Licht wie nasse Fürze von einem zum nächsten spiegeln, bis eine glitzernde Wolke die Umnachtung bannt.“ Text und Video: Thomas Feuerstein Stimme: Christoph Grissemann Keyboard: Stefan Bidner


feyferlik / fritzer zum raum wird hier die zeit Aus der Zeit, an der Schwelle zur Veränderung. Oder war es der Moment einer Sternschnuppe, der wir zu­sehen durften, um die ­Sehnsucht zu wecken, das ­andere zu ­spüren.

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Feyferlik / Fritzer (Susanne Fritzer, Wolfgang Feyferlik), Architekturbüro, Graz Vortrag 2008, Susanne Fritzer: Jury Landespreis 2014, Wolfgang Feyferlik: Jury Landespreis 2016


volker flamm, gilbert sommer, stefan holst, martin engelhardt: KAR

Im hochalpinen Whiteout verschwinden alle visu­ ellen Konturen des Raumes. Licht wird zu einer flüssigen Masse, die den Körper umhüllt. Sinneswahrnehmungen der Haut treten in den Vordergrund. Kälte- und Wärme­strahlung, wechselnde Lichtintensitäten und Luftströmungen – ein höchst anregendes, energie­geladenes Erlebnis. Mit der menschlichen Wahrnehmung als ­Maßstab wird ein Spannungsfeld zwischen Optimum / Standard und Varianz eröffnet. Können wir auf ­einige unserer Kom­fort­ansprüche verzichten, ohne dabei etwas zu verlieren – vielleicht sogar Lebensqualität hinzuge­winnen? Die Rauminstallation KAR stellt auf sinnliche Art Fragen in diesem Spannungsfeld. Klima­ bewusstes Bauen kann nicht nur Energie aus der Umwelt ­schöpfen, sondern auch Lebendigkeit und Sinnlichkeit.

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KAR – Ein Projekt von experimentelle archi­tektur.

hochbau (Volker Flamm, Gilbert Sommer) und transsolar (Stefan Holst, Martin Engelhardt)

Ohnmacht Flamm Architekten (Volker Flamm, Wolfgang Ohnmacht), Architekturbüro, Innsbruck „nimm 3“ 2007, „Vor Ort“-Gespräch 2015


andreas flora flat horizon

Ich wollte einfach nur eine Zeichnung machen. ­Vieles, was ich in den letzten Jahren erlebte und schuf, geschah stets über die Vermittlung einer Rechen­maschine und eines Bildschirms. Alle meine Erfahrun­gen dabei waren letztendlich flach. Auch wenn die Zeichenfläche eines Blatt Papiers vordergründig ­ebenso nur in zwei Dimensionen wirkt, ist der analoge Zeichenvorgang doch ein Akt, der meinen ganzen Körper und dessen Feinmotorik ­fordert. Ich, meine zwei Stifte, ein Lineal und das vielzitierte weiße Blatt Papier. Keine „Zurück“Taste, kein „Löschen“-Befehl. Die Beschränktheit meiner Fähigkeiten wird unmittelbar und unauslöschlich auf dem Papier abgebildet. Das Ergebnis: fehlerhaft und einzigartig, aber gerade deshalb ­anders als eine digitale Zeichnung. Beob­achten

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Andreas Flora, geb. 1969, Architekt, Innsbruck „nimm 3“ 2011 und 2015, Exkursion 2018

Sie sich selbst! Frage: Achten Sie beim Betrachten der Zeichnung zunächst auf ihren Inhalt oder auf ihren Perfektionsgrad? Die Zeichnung „Flat Horizon“ ist kein Plädoyer für ­analoges Arbeiten, aber eine Erinnerung daran, dass sich Technik niemals neutral verhält. Unsere Wahr­nehmung ist angesichts der eigenen Unter­ legenheit gegenüber unseren eigenen technischen Schöpfungen vernebelt. Wo ist der Horizont?1 1 Flat Horizon bezieht sich auf die Arbeiten des Philosophen Günther Anders und dessen These der prometheischen Scham. Der Mensch verspürt den Wunsch, selbst eine Maschine zu sein, da er sich angesichts seiner Unterlegenheit gegenüber den Maschinen schämt.


helga flotzinger hufeisenfinder Ferner Blitz – das Leben fiel Wie ins Wasserglas die Wimper Lügenschwer schon auf dem Halm – Keinen, niemand klag ich an. Willst du einen Schlummerapfel Heißen Honigtee zum Abend? Ziehn wir dir die Stiefel aus Heben dich, ein Flöckchen, auf? Engel hell im Spinngewebe Steht im goldnen Schaffell, steht Schweigend im Laternenstrahl Schulterhoch vom Licht bemalt. Wie die aufgeschreckte Katze Die, verhext zum schwarzen Hasen Jäh den Weg steppt hinterm Hof Und verschwindet irgendwo. Himbeerlippen, zitternd – wie mit Tee den Sohn du tränktest, wie du Irgendwelche Worte sprachst Keins zur Zeit, und keines traf … Wie du stocktest, schwiegst, und mühsam Lächeltest, und fielst in Lügen Und verzerrte Schönheit schien Hilflos still durch dein Gesicht … Hinterm Mönchshut der Paläste Hinterm Schaum von tausend Gärten Wimpernjenseits liegt ein Land Dort gehört dir meine Hand. Und wir nehmen trockene Stiefel Goldne Bauernpelze, Zwiebeln Halten unsre Hände, gehn Jene Straße weiter, sehn Uns nicht um, gehn frei und leicht Nach den brennend hellen Zeichen Abendaus zum Frührot hin – Zwei Laternen, voll von Licht. Ossip Mandelstam: Ferner Blitz – das Leben fiel, aus dem Gedichtband: Hufeisenfinder, 1925

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Helga Flotzinger, geb. 1972, Architektin, Innsbruck „nimm 3“ 2007 und 2016


tony fretton restoring the pleasure

Lockdown ingrained the ability in us to stay at home, talk by video and be apprehensive of ­physical contact. Going outside meant masking, staying at a distance or walking alone. The ­Viennese apparatus of social gathering had been retracted. There were no café chairs and tables at which to spend time talking, thinking and re­ making friendships, and no sun in which to do it. Two friends decided to restore that p ­ leasure by bringing home-made coffee and cake to this ­unintended table in the deserted Naschmarkt.

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Tony Fretton, geb. 1945, Architekt, London [GB] Vorträge 2007 und 2021


susanna fritscher frémissements, 2020

Inmitten der weißen Architektur des Centre Pompidou-Metz von Shigeru Ban und Jean de Gastines verwandelt Susanna Fritscher eine der weitläufigen Galerien in eine imaginäre Landschaft. Die Künstlerin besetzt den zwischen Himmel und Erde schwebenden Raum mit Tausenden transluzenten ­zarten Fäden. Sie mischen sich mit Luft und Leere und geben ihm so Textur, Glanz, Greifund Sichtbarkeit. Sie verschmelzen mit der Atmosphäre der Architektur, die plötzlich flüchtig, ­fließend, in ständiger Bewegung zu sein scheint. Um den Eindruck der Unbeständigkeit zu er­ höhen, greift die Künstlerin in das Belüftungs­ system des Ge­bäudes ein. Umgeleitete, modulierte Luftströmungen bringen die Fäden in Vibration und Schwingung, die dadurch entstehenden, turbulenten Bewegungen l­assen mit Membranen ausge­stattete Tuben erklingen. „In einer Zeit, in der auch Belüftungssysteme hinterfragt werden, Ökosysteme, fragil durch die Ausbeutung von Materien, wie eben auch der

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Luft, Atem, ... stellen Sie sich nun vor, dass der ­Metabolismus der Archi­tektur des Centre Pompidou-Metz ein Werk generiert. Wie wenn Susanna Fritscher den Puls dieser emotionellen Archi­tektur nehmen würde, um daraus eine Landschaft zu schaffen.“ (Emma Lavigne, Kuratorin der Aus­ stellung, Präsidentin des Palais de Tokyo, Paris) Die Künstlerin Valérie Belin hat ihre Eindrücke bei einem Besuch der Ausstellung „Frémissements“ in einem Film festgehalten. Valérie Belin, geboren 1964, ist eine franzö­si­sche ­bildende Künstlerin. Schon früh wandte sie sich der Fotografie zu, die sie als Mittel ihres A ­ usdrucks wählte. In diesem Sinne ist vor allem das foto­ grafische Medium selbst das Hauptthema ihrer ­Arbeit. Licht, Materie, die Körperlichkeit von D ­ ingen und Wesen sowie ihre Darstellung und Transfor­ mation durch die Fotografie bilden den Hintergrund ihres Werks und dessen künstlerischen Inhalt.

Susanna Fritscher, geb. 1960, Künstlerin, Paris – Montreuil [F] Ausstellung 2011


gangoly & kristiner architekten wird raum tatsächlich wahrgenommen? Das letzte Jahr ließ vermuten, dass Raum ganz ­ge­­nerell wieder an Bedeutung gewinnt. Erste Aus­ einander­setzungen mit dem Thema unmittelbar nach dem ersten Lockdown hatten diese Mög­lich­ keit an­gedeutet. Da war plötzlich von schon lange nicht mehr diskutierten, beanspruchten und eingeforderten Qualitäten die Rede, allerdings immer unterlegt mit der sensationslüsternen Grund­stimmung eines großen gesellschaftlichen Experiments, das uns endlich die lang ersehnte Hinwendung zum besseren Menschen, zu einem besseren Leben und zu einer besseren Welt ­bringen würde. Nun herrscht große Ernüchterung. Wir sind ­zufrieden, wenn wir geimpft wieder ins Gasthaus gehen dürfen. Alles andere wird wieder in den ­gewohnten Bahnen und den gewohnten ­ideo­logischen Argumentations­mustern erledigt. Scheiß­virus. Wenn wir als Architekt*innen über Raum und Raum­erfahrung sprechen, hört uns praktisch ­niemand zu. Als ästhetisches Erlebnis wird Raum kaum wahr­genommen, höchstens in einem his­ torischen Kontext. Es dominiert die Überlagerung mit seinem Programm. Ein Bewusstsein für Raum flammt nur in ­unge­w öhn­lichen oder überraschenden räumlichen ­Situationen auf. Dieser seltene Augenblick, in dem sich die körperliche Raumerfahrung in den Vor­dergrund drängt, bewegt auf der Gefühlsebene, ohne dabei romantisch zu sein. Ein kleiner Ausbruch aus der Ernüchterung. Es stellt sich die Frage, ob die von uns als ­Archi­tek­t*innen gepflegten Vorstellungen von Raum überhaupt einen Beitrag für ein soziales und ge­ sellschaftliches Leben leisten können.

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Hans Gangoly (Gangoly & Kristiner Architekten), geb. 1959, Architekt, Graz Ausstellung 2005/06


maria giuseppina grasso cannizzo DIP / INTO Dreamcatcher is the subject of the DIP / INTO (paint­ing): the image, borrowed from a Ojibwe legend, is not Asibikaashi’s magic net, which is woven of willow branches, natural fibers, feathers from a sacred bird and beads in order to capture the bad dreams and let the reassuring thought coming with the dawn’s light slip gently on the sleepers. It is not a talisman designed to catch the light and allow us to see the air playing with the feather. It is only a device, both iridescent and permeable in every point and every direction, nourishing imagination and triggering astonishment and wonder. It is an object both precious and charming: the gold covering the iron pipes, randomly hit by the light, s­ hines with sudden and vivid flashes. It is a forest of metallic oscillating pipes of ­different height and size: seen from the outside, de­pending on the point of view, it shows possible passages or it becomes impenetrable. Its precise position between two different spaces offers no alternatives and forces the visitor to go across. Once inside, the moving bodies start chain reactions, provoking movements that alter the overall geometry, generating instant and unrepeatable passages, producing sound vibrations. It is a deceptive space hiding a secret cavity where the visitor may accidentally find a safe cache in case the crash of collisions and the deafening noises ­become unbearable. While crossing, a reckless gesture could create danger for the safety of other bodies in motion: each choice, therefore, needs caution, attention and a ­preliminary evaluation of the amplitude of the oscillations. It implies taking responsibility and moving co­herently. Dreamcatcher is a sound DIP / INTO (painting), recording and amplifying the sound of life. The DIP / INTO settles in the space as it is found, ­needing no adjustments and no upgrading of the scene: On a diagonally placed screen the filmed bodies, projected at a quasi-human scale, move on a virtual floor and generate a trompe-l’oeil wedging the existing space.

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The position of the sound source forces the v­ i­sitor to go near the screen to perceive the sounds ­produced by the moving pipes and then to dive in­to the images deformed by exceeding proximity. ­Moving on, and t­ urning around the screen, the vi­si­ tor interferes with the light beam of the pro­jec­tion. Her / His shadow, overlapping with the images in mo­­tion, temporarily becomes part of DIP / INTO. On a music stand there are instructions for the assembling of the device. The drawings show plans and sections of all ­necessary elements for the construction of an ­architectural space destined to fulfill the role of welcoming visitors and introducing them to other spaces. The work Entrance was designed and installed at HangarBicocca for the exhibition Architecture as Art, imagined and directed by Pierluigi Nicolin and curated by Nina Bassoli, Milan, 2 April 2016 – 12 December 2016. Maria Giuseppina Grasso Cannizzo, DIP / INTO, ­Installation auf der Biennale 2018 Video: „Zustand“ von Giulia Bruno und Giuseppe Ielasi

Maria Giuseppina Grasso Cannizzo, geb. 1952, Architektin, Vittoria [I] Ausstellung 2014


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giner + wucherer go and see Ein fantastisches reales Körper-Raum-Erlebnis, das uns bis heute begeistert, hatten wir vor vielen Jahren beim Dom in Siena. Bedingt durch die spezielle Topografie, Siena wurde auf einem Hügel erbaut, ist lediglich die frei stehende Hälfte des Dombaukörpers vom ebenen großzügigen Domplatz aus erlebbar. Der lang­ gezogene Baukörper des Doms mit seiner zentralen Kuppel steht also nicht frei als Solitär auf einem großen ebenen Platz, sondern verschmilzt ab der Hälfte mit der umgebenden Bebauung. Offensichtlich war die zur Verfügung stehende Grundfläche für den lang gestreckten Baukörper zu kurz, sodass etwa die Hälfte des Kirchenraums über dem steil abfallenden Gelände errichtet werden musste. Um diese Baumasse des Doms im Hang zu fundieren, war daher ein gewaltiger Unterbau erforderlich. Zu dieser Zeit hatten jeder Dom und jede Kirche ein Baptisterium, eine Taufkapelle, als eigenen ­Baukörper außerhalb der Kirche, weil Ungetaufte den Kirchenraum nicht betreten durften. Kurzerhand wurde in Siena das Baptisterium, nicht wie zum Beispiel in Florenz als kleiner Zentralbau auf dem Domplatz errichtet, sondern in den notwendigen Unterbau integriert und unter dem ­darüber liegenden Chorraum des Langhauses als Unterkirche positioniert. Der Baukörper des Domes hat somit zwei Gesichter, den Haupteingang zum Dom und am anderen Ende des Langhauses den tiefer liegenden Eingang zum Baptisterium mit der gewaltigen Last des darüber liegenden Kirchen­ raumes. Zur Wahrnehmung eines Bauwerks mit zwei ­unterschiedlich ausgeprägten Außenräumen, die dramatischer nicht sein können: Wir stehen, nach Besichtigung des grandiosen Innenraumes des Doms, auf dem großzügigen, ebenen und repräsentativen Domplatz, der wie vielfach in Italien der ­Bedeutung des Bauwerks entspricht, angenehm dimensioniert und gut proportioniert – eine luftige, helle und sonnige Piazza mit den gewohnt maßstäblichen Aufenthaltsqualitäten. Auf der Höhe des Campanile, wo ein Querschiff an das Langhaus andockt, erblicken wir in der Mauer einen offenen Durchgang. Beim ­Durchschreiten des schmalen hohen Torbogens werden wir von einer engen, dramatisch ab­

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fallenden und scheinbar endlosen Marmortreppe überrascht, die, eingeklemmt zwischen Dom­ baukörper und begleitender Nachbarbebauung, uns regelrecht hinunterdrückt. Am Ende der Treppe ­angekommen, befinden wir uns auf einem kleinen und weiter abfallenden Platz und staunen über den ungewöhn­lichen, dreiecksförmigen Zuschnitt. Noch ehe wir wahrgenommen haben, wo wir uns jetzt eigentlich befinden, drehen wir uns um und erblicken das Baptisterium mit der gewaltigen darüber liegenden Baumasse des Doms und sind überwältigt von den unglaublichen „Kräften“, die auf uns einwirken. Dieser Platz, die Piazza Giovanni, widerspricht offensichtlich allen historischen Regeln der Baukunst für Platzraumgestaltung. Vielleicht imponiert und fasziniert uns diese Besonderheit gerade deshalb so nachhaltig – go and see!

Giner + Wucherer (Thomas Giner, Erich Wucherer), Architekturbüro, Innsbruck „Vor Ort“-Gespräche 2008, 2011, 2016 und 2017


hans peter gruber raumspuren

Bei ausgedehnten Spaziergängen im Wald begann eine Beschäftigung mit den Spuren anderer ­Wanderer, ­w elche sie mit Ihren individuellen ­Fußabdrücken ­hinterlassen hatten. Ich imaginierte mir sozusagen die sich durch die Landschaft be­ wegenden Körper und ihre Beziehung zum Landschaftsraum. Mit der Zeit kann man meist konkrete Personen zuordnen, welche man auf dem Weg ­getroffen hatte. Plakatgestaltung: Martin Eiter – Agentur für Grafik und Corporate Design

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Hans Peter Gruber, geb. 1970, Architekt, Innsbruck „Vor Ort“-Gespräche 2006, 2012 und 2018


roland gruber (nonconform) ich arbeite jetzt im keller und im wald

Ein übliches Arbeitsjahr bedeutete für mich rund 200 Tage pro Jahr in Sachen Zukunftsraumentwicklung unterwegs zu sein. Die Aufgaben sind im Corona-Jahr gleich geblieben, aber das Nomadentum wurde radikal beendet. Ich bin jetzt aktiver Teil des Familienlebens und ich fahre täglich mit dem Fahrrad in den Cowor­king-Space, den ich vor einigen Jahren in einem Leerstand am Dorfplatz mit­entwickeln konnte. Es fühlt sich an, als wäre es immer schon so gewesen. Die Pandemie hat uns in Sachen Digitalisierung einen Crashkurs verpasst und vieles, was bis vor Kurzem undenkbar schien, ist nun Realität ge­­ worden. So be­­treue ich Projekte im Kontext ­räum­­licher Veränderung vom Kellerstudio im Coworking aus. Dort tauche ich in digitale Welten ein und lade zu Zoom-Stamm­tischen. Wir tauschen uns aus, wir denken miteinander weiter, wir essen und trinken zusammen. Es fühlt sich an, als wäre es immer schon so gewesen.

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Das Arbeitsleben im Kellerstudio braucht körper­ liche Abwechslung. Deshalb kombiniere ich einen Teil der Besprechungen mit einem Spaziergang durch den Wald. Ich nenne das „Gehsprechung“. Mit einem guten Kopfhörer ausgestattet, durchschreite ich die Land­schaft und bin zeitgleich in den digitalen Meeting­räumen voll konzentriert dabei. Es fühlt sich an, als wäre es immer schon so gewesen. Ein Arbeitsleben wie vor Corona wird es für mich nicht mehr geben. Nur mehr zu ausgewählten Workshops wird Präsenz notwendig sein, vieles funktioniert ­reibungslos im digitalen Raum. Als mich der Bürger­meister meines Lebensabschnittsortes fragte, ob ich Lust hätte, mich aktiver um die Lebensraumgestaltung vor der Haustüre zu kümmern, habe ich zugesagt. Und jetzt bin ich seit kurzem Vizebürgermeister. Es fühlt sich an, als wäre es immer schon so gewesen.

Roland Gruber (nonconform), geb. 1972, Architekt, Moosburg Vortrag 2011


manfred gsottbauer stadtraum für alle sinne

Wie empfindet man das Steinpflaster unter den Fußsohlen? Wie sitzt es sich auf einer Holzbank mit ge­­rundeten Bohlen und wie greift sich das wetter­gegerbte Holz an? Wie schmeckt das sprudelnde Wasser aus dem Brunnenrohr? Was macht das Wasser in der Mundhöhle, kühlt es Haut und Zunge? Wie fühlen sich die Sonnenstrahlen auf der Haut an im Gegensatz zum Schatten der Häuser oder der Bäume? Wie riecht frisch geerntetes Gemüse oder wie ­duften frische Kräuter am Marktstand? Wie nimmt man das Plätschern des Wassers, das Rauschen der Blätter im Wind wahr? Wie nimmt man den Lärm des Verkehrs wahr und wie ist der Klang des Stadtraums dort, das Echo der Häuser?

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Wie klingt die Musik der Musizierenden und was macht sie mit uns? Wie spüren wir die Tanzpartner*innen im R ­ hythmus der Musik? Wie erlebt man kollektiv einen Film oder eine ­Rad­akrobatik? Wie wärmt der Glühwein und wie schmecken die Kiachln am Adventmarkt? Wie nimmt man beim Durchschreiten des P ­ latzes den Raum wahr? Wie fühlt sich der (öffentliche) Raum an? Man kann die unterschiedlichen Sinneswahr­ nehmungen behelfsmäßig beschreiben. Erfahren, ­spüren, riechen, schmecken, hören und wahr­ nehmen im weitesten Sinne muss man dies vor Ort. Bilder und Fotos sind immer nur eine ­Re­duktion.

Manfred Gsottbauer, geb. 1953, Architekt, Innsbruck „Vor Ort“-Gespräche 2007, 2010, 2013 und 2017, „nimm 3“ 2011


peter haimerl mit beierle.goerlich ach, bleib! ortsmitte blaibach 2013 und 2014 revitalisierte der

Münchner Architekt Peter ­Haimerl Blaibach, ein von Ödnis und Leerstand geprägtes Dorf im Bayerischen Wald nahe der Grenze zu Tschechien. Neben dem neuen Bürgerhaus rea­li­sier­te er mitten im Dorf ein Konzerthaus, einen Solitär aus Beton und Granit. Blaibach wurde welt­ berühmt und belebte die Region. 2014 besuchte die schwarze Frau – eine Kunst­figur von ­beierle.goerlich – Blaibach. In Räumen, deren Abriss oder Umbau unmittelbar bevorstand, inszenierte Jutta Görlich als schwarze Frau in Miniperformances die ­vorher gesammelten Er­zählungen der Bürger*innen. Edward Beierle fotografierte diese Inszenierungen. Durch Präsenta­tionen der großforma­ tigen Plakate im öffentlichen Raum wurde das Dorf zum ­Museum. Bei gemein­samen Wanderungen im eigenen Dorf be­gleiteten beierle.goerlich die Bürger*innen poetisch beim Wandel ihres Ortes. Die Bilder hängen noch immer im Dorf.

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Peter Haimerl, geb. 1961, Architekt, München [D] Vortrag 2016, Jury Landespreis 2020


reinhardt honold man(n)schaff traum ...

... ein kleines häuschen am waldrand, voll­gepfropft mit noch viel kleineren zimmerchen. vorstellung, daraus lebens-raum zu schaffen, ­vorhanden … wichtigste werkzeuge: motorsäge, brechstange und entschlossenheit … die b ­ ilder ­zeigen arbeiten im modell 1 : 1 … danke an alle h ­ elferInnen.

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Reinhardt Honold, geb. 1949, Architekt und Musiker, Innsbruck „nimm 3“ 2007, Konzert 2011, „meins“ 2017


christof hrdlovics (fügenschuh hrdlovics architekten) chutay 03. 05. 2020

Nach 49 Tagen Ausgangssperre wage ich einen ersten Ausflug mit meiner Skitourenausrüstung ins hoch­alpine Tirol. Auf 2.000 m Seehöhe überrascht mich dieses verlassene Bauwerk und löst in mir ein von Melancholie geprägtes KörperRaum-­Ge­fühl aus. Die Erinnerung an eigene ­ex­perimentelle Bauerfahrungen mit Schnee, ­diesem haptisch ein­zigartigen Baustoff, machen mich glücklich. Der vielschichtigen Frage, ob die Vergangenheit dieser unzufälligen räumlichen Situation in unserer Bergwelt eine Zukunft hat, wäre ich gern mit ­Albrecht Dürer und Kaiser Maximilian in seinem nahegelegenen Jagdschloss nach­ gespürt, aber wie alle anderen Be­­sucher waren auch diese ­beiden an diesem herrlichen Tag im Chutay nicht zugegen …

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Fügenschuh Hrdlovics Architekten (Julia Fügenschuh, Christof Hrdlovics), Architekturbüro, Zirl „nimm 3“ 2007 und 2016, „Vor Ort“-Gespräche 2014, 2016 und 2018


hertha hurnaus der raum als projektion

Die Subjektivität eines Raums bildet den Nähr­ boden für Handlungen, unterstützt Stimmungen, Mutmaßun­gen und Atmosphären, sie finden ihre Verbindung zu den handelnden Lebewesen, den Bewohnerinnen und Bewohnern, wie auf einer Bühne. Unabhängig davon, ob jemand den Raum wahrnimmt oder nicht, benutzt er ihn, wie der Raum ihn benutzt, um Geistiges oder Seelisches sichtbar zu machen. Ein Ort, der Gestalten auftreten und wieder verschwinden lässt. Der Raum dient als Abgrenzung von den direkten Geschehnissen in uns und um uns. Das Innere ist das Äußere von innen betrachtet. Wer beobachtet wen, wenn man beobachtet? Auf welcher Seite der permeablen Wirklichkeit ­stehen wir? Löst sich das Ich auf, wenn wir das andere beschreiben? Ist der Raum ein Angebot,

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z­ wischen den metaphy­sischen Welten zu wandern, weil es im Gegensatz zu Mauern nur einen Scheinschutz, aber auch einen Scheinausweg bietet? Ein einziger Zweifel und das Gehäuse gibt nach und der Weg wird frei. Sind unsere Gebäude überhaupt hohl, wenn ­niemand in ihnen ist? Der Raum ist demnach eine perspek­tivische Erfahrung, eine Abmachung, ein Vorschlag. Den Ausschnitt, den man sieht, kann man inter­pretieren und Rückschlüsse auf den ­Bewohner ziehen. Dem Raum ist das egal. Vladimir Dedeček, Landwirtschaftliche Universität, Nitra, Slowakai, 1960 – 1966 Text: Tex Rubinowitz

Hertha Hurnaus, geb. 1964, Architekturfotografin, Wien „nimm 3“ 2016


christina jauernik wirbelkörper

Ineinanderfallen, ins SINKverhältnis. Ineinandergreifen, bloß, augenBLICKlich. Eine scheinbar ­gemeinsame Bewegung, die an die Schwelle der UndurchSICHTig­keit führt. Am Bildgrund. Haltlos. Entblößt. KONTAKT­halten zu einer flüchtigen Architektur der Berührungen. Ein Wagnis, unauffindbar in der Ebene der Realitäten. Beschwörung als Schwindende. GESICHTspunkte. Wirbelkörper1 zeigt eine Übersetzung ver­ gangener Berührungen des Virtuellen mit meinem ­Körper. Diese Wirbelkörper sind Hilfskonstruk­ tionen eines geteilten Erfahrungszeit/raums. So sehr sie die Grenzen dieser unterschiedlichen Sphären zu­einander zu öffnen ­ver­mögen, so ­bringen sie auch U ­ nruhe in deren Be­geg­­nungen. Bilder der Unschärfe werfen den Körper als

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­ remdkörper auf sich selbst zurück. Am Grunde F dieser Arbeit mit virtuellen Körpern liegt die Frage: was konsti­tuiert einen Körper? In der Zuwendung zum schlafenden (Hilfs-) Körper des Fremden, an den Rändern des Bewusstseins, des Sehfelds, der zweifelhaften Präsenz zeigt sich die Unmöglichkeit dieser Fixierung, dieser Grenzziehung. Mein Körper als ein Körper vieler möglicher Körper fällt wie Blätter von den Augen. 1 In diesem Auszug kommen ein Halswirbel und ein Kopfstück vor, als 1 : 1-Modelle aus weißem Papier. Diese Modelle

führen auf meine Arbeit mit virtuellen Figuren zurück, deren virtuelle Skelette eine Verschneidung unserer Bewegungen ermöglichen.

Christina Jauernik, geb. 1985, Architektin und Tänzerin, Wien Ausstellung 2019


sabine jelinek reine des abeilles

Bienen leben gewissermaßen nomadisch. Finden sie zu wenig Futter oder werden sie an einem Ort zu viele, ziehen sie weiter. Beim Ausschwärmen wird eine Königin auf der Suche nach einem neuen Zuhause von einem Schwarm begleitet und beschützt. Dieses „Bienenhaus“ hat weder Gerüst noch feste Wände oder Dach, es besteht aus ­lebendigen Körpern und einem Schatz in seinem Zentrum. Ist man verrückt genug, in dieses zu ­greifen, um mögli­cherweise die Königin zu fassen, würde es sich einfach in Luft a ­ uflösen.

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Sabine Jelinek, geb. 1969, Künstlerin, Wien Ausstellung 2005


klaus kada mit gernot lauffer innenwelt der außenwelt der innenwelt

Der Denk-Raum war eine temporäre Installation in Graz. Die Transformation des Raumes mittels einer raumschaffenden Struktur zu verstehen, als Visu­ alisierung einer architektonischen Methode und als Bewusstmachung des Raumes als Ort von Geschichte. In der Längsachse eines Stollens hängt ein 42 m langer Granitstab. Als Beleuchtung dient eine im Boden versenkte Lichtröhre. In dialektischer Umkehrung der Verhältnisse erklärt der schlanke Stab im Luftraum des Tunnels die Situation des herausgebrochenen Stollens in der umgebenden, riesigen Steinmasse des Berges. Zugleich war damit dem archaischen, aushöhlenden Prinzip, das Raum durch die Bearbeitung und Öffnung einer skulpturlosen Baumasse erzeugt, ein modernes Motiv ­entgegengesetzt, das raumkonstruierende Prinzip einer Struktur verdichtet auf die Linie der hängenden „Säule“. Mit dieser Installation wird durch Überlagerung zweier Systeme der Raum im phänomenologischen Sinne transparent gemacht und damit ein Grundmoment angesprochen, das meine architektonische Arbeit am besten erklärt. Dazu die historische Situation: der Ort, ein Luft­ schutzstollen, erbaut im Zweiten Weltkrieg von

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Klaus Kada, geb. 1940, Architekt, Graz Vortrag 2017

r­ ussischen Gefangenen zum Schutz der Bevöl­ kerung vor Bomben. Der Granit des Steins kommt aus dem Steinbruch Dachau! Das Licht zeichnet den Schatten der Granitstange in „gebrochener“ Linie an die Decke des Stollens. Stollen – herausgebrochene Höhlung, Hohlraum, Luftzylinder, Luftröhre in massiver Masse. Das L ­ uftprisma, der Luftzylinder, umschlossen von ­Gesteinsmassen, abgedeckt nach außen durch einen mächtigen Panzer. Die Außenfassade bildet die „Schloßberglandschaft“, die Oberfläche aus Stein, Mauern und Pflanzen. Die Innenfassade ist die Oberfläche des ausgebrochenen Felsens. ­Hohl­raumarchitektur, Negativfassade, Rückzugs­ architektur. Der Balken aus Stein, das Steinprisma, markiert die Achse des Luftprismas, die massige Schwere, in der Luftröhre schwebend, macht in dialektischer Umkehrung die Beziehung zwischen Luftröhre und Felspanzer deutlich. Ausstellung „Innenwelt der Außenwelt der ­Innenwelt“ in einem Luftschutzstollen im Schloßberg von Graz, 1984; Konzept und Realisierung: Klaus Kada und Gernot Lauffer


hermann kastner körper und raum Gebaute Körper sind, etwa beim Kolosseum oder bei Triumphbögen, raumbildend wirksam. Auch Pyramiden haben Innenräume. Im alten Ägypten wurden freistehende massive Baukörper eingesetzt, um Raumwirkungen zu ­erzielen. Ein gutes Beispiel dafür sind Vorbauten zu den Tempeln in Karnak (Mittleres Reich) und in Luxor (Neues Reich). tempel des amun-re in karnak

Die Anlage beginnt mit einer Widderallee, weiter geht es mit einer Folge von Pylonen und Innen­ höfen. Jeweils zwei massive Türme, neben­ einanderstehend, mit oder ohne Tor dazwischen, ­ bilden einen Pylon. In Karnak sind es mehrere ­Pylone, die direkt Richtung Eingang zum Tempel führen, weitere, die einen Zugang von der Seite begleiten. Der größte Pylon ist 113 m breit, 15 m dick, geplante Höhe 45 m. Die Pylone unter­ streichen die Bedeutung des Tempels. Zwischen den Pylonen bilden sich nach den Seiten offene Höfe, sodass Eng­stellen und Erweiterungen a­bwechseln, bis man schließlich den eigentlichen Tempel des Amun-Re erreicht. Der Tempelbezirk umfasst zahlreiche w ­ eitere Tempel und ein Wasserbecken (Spiegelung). tempel in luxor

Man betritt das Tempelgelände von der Nilpro­ menade. Eine Sphinxallee führt zum Vorhof, der durch einen großen Pylon abgeschlossen wird. Von den ursprünglichen Figuren sind noch ein ­Obelisk, eine Stehfigur und zwei Sitzfiguren ­erhalten. Auf dem Pylon sind Szenen aus den Kämpfen ­Ramses II. mit den Hethitern dargestellt. Hinter dem ersten Hof folgt der Hof Ramses II., mit dop­pelter Kolonnade umgeben. Es folgen eine ­Säulenkolonnade, ein zweiter Hof, der Kultraum und das Allerheiligste. zusammenfassung

Die Vielfalt unterschiedlicher Gestaltung zeugt von der intensiven Beschäftigung mit Raumbildungen, ein wesentliches Element der ägyptischen Kultur.

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Hermann Kastner, geb. 1939, Architekt, Igls „nimm 4“ 2020


otto kapfinger: palais stonborough = haus wittgenstein kosmos – zeit – ton – körper – ziegel – raum das haus wird meist als „hausgewordene logik“ ­be­zeichnet, speziell die räume im erdgeschoß ­ zeigen eine radikale reduktion von materialität und detail, sämtliche proportionen harmonieren in ­äußerster ­klarheit in ganzzahligen verhältnissen und strikten, achsialsymmetrischen teilungen. die edle kargheit des ganzen bietet dem sehund auch dem tastsinn außergewöhnliche ­ästhetische reize. im subtilen minimalismus des raum­körpers liegen allerdings referenzen ­„ver­borgen“, die auf die uralte modularität der dem ­humanen körper kommensurablen maß­ systeme ­baulicher fügungen verweisen. die platten, welche die brüstungen der stiege in der eingangshalle abdecken, offenbaren sich als modul der geometrischen und kulturellen fundierung des hauses. sie sind 31,6 cm breit = 1 wiener ­ rüstungen im alten wittgen­ fuß, wie auch die b steinfamilienpalais, nahe der karlskirche, 1 fuß breit waren … die dicke dieser zwei platten in der kundmanngasse ist nun ein viertel der breite und entspricht auch der dicke des fußbodenaufbaus, sie beträgt 7,9 cm = 3 Zoll = 1/4 wiener fuß. die proportion 1:4 ist ein verhältnis, das in der halle auch sonst vorkommt. von zoll, fuß, (hand-)spanne und klafter ­ausgehend, die auch mit der modularität der alten ­wiener ziegelformate korr­elieren, kommt man zu allen anderen maßaspekten der halle: - das achsmaß zwischen den pfeilern längs und quer: 10 fuß - die lichte weite zwischen den pfeilern: 9 fuß - der durchmesser der pfeiler: 16 zoll oder 2 spannen - die stärke der pilaster dann: 8 zoll bzw. 1 spanne - die türhöhen halle: 10 fuß (120 zoll) - die raumhöhe salon: 12 fuß = 2 klafter usw. usw. wie wir wissen, war wittgenstein in seinem kul­ tur­verständnis eher „konservativ“ im „avant­gar­ distischen“ sinn. ich denke, dass er deshalb auch als architekt des hauses für seine schwester sich lieber im uralten, kosmologisch und anthro­po­ zentrisch fundierten DUODEZIMALSYSTEM beweg­ ­te (das in wien bis 1876 norm war, das z. b. alle raummaße der ringstraßen­planung regulierte, dann durch das dezimalsystem abgelöst wurde, das aus der französischen revolution kommt, in england

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aber, wo er sich gern aufhielt, wird das duodezimalsystem bis heute benutzt) – wo alles MESSEN und proportionieren (von der zahl der sternzeichen über die monate, tageszeiten, stundenrhythmen bis zu gewicht-, längen- und volumsmaßen) auf den 12-teilungen fundiert, bis hin zur tonleiter, zu den 12 tonschritten der MUSIK innerhalb der oktave … und wir erinnern uns, welche zentrale bedeutung MUSIK in der familie wittgenstein hatte, wie sehr dies in jenen bereich humaner äußerung gehörte, der ludwig die fähigkeit zuerkannte, das ­U NSAGBARE fassbar zu machen … und deshalb als sein „urmeter“ im haus diese zwei platten der stiegenbrüstung (die man im aufsteigen vielleicht flüchtig mit der hand berührt, auf die man sich kurz abstützt oder – wie ich es oft tat – sich sogar kurz hinsetzt, denn es gibt keine möbel in dieser halle) – die uns sozusagen still, unbemerkt sagen: die ebene, die plattform, auf der wir uns hier (und in jeder hinsicht) bewegen, der BODEN des ­hauses basiert auf genau dieser kul­turellen modularität … die sich dann in alle räum­lichen aspekte und maße ausdifferenziert … dazu gehört, dass die eingangshalle als prägen­ ­de ­tektonische elemente 12 pfeiler (!) hat, wovon nur 2 als volle rundplastische elemente aufscheinen, 6 dann als pilaster in halber „dicke“ und 4 dann als viertel­pfeiler in den 4 ecken usw. usw.

Otto Kapfinger, geb. 1949, Architekturforscher und Architekturkritiker, Wien u. a. Vortrag 2011


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otto kapfinger: villa wehtje: natur & habitat – ­ arten – ­kurven & kanten – bewegung & ruhe haus & g

die villa, kurz vor dem zweiten weltkrieg in süd­ schweden errichtet, ist der letzte ausgeführte bau von josef frank. auf dem polygonalen, ebenen platz standen mehrere große bäume. um diese herum ist das haus in freier geometrie komponiert, ­geschmiegt möchte man sagen, und auch mit bedacht auf die grund­grenzen und den sonnenlauf gestaltet. im hauptteil des erdgeschosses markiert eine stütze den tektonischen, funktionalen und räumlichen charakter der architektur. sie steht am durchgang von der hohen eingangshalle zum ­niedrigen bereich rechts mit dem großen esstisch, links davon geht es zum abgewinkelten wohnraum mit kaminplatz und „erker“, vertikal schließt über dem essplatz eine galerieartige empore an, die dann den austritt auf große dachterrassen bietet. die stütze ist auf einer seite rechtkantig orthogonal, auf der anderen, zur halle hin, im kreisbogen

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gerundet. syntaktisch gesehen ist sie sowohl pfeiler als auch säule – eine hybride, im orthodoxen sinne „unsaubere“ form. doch dies ist eben resultat einer körper- und bewegungsbezogenen, funktional /  räumlich elastischen logik. an der seite zum essraum treffen auf der decke an der innenkante der säule / des pfeilers eingelegte schienen aufeinander, mit denen zwei vorhänge diesen raumteil vom übrigen separieren ­können. der essplatz ist der mehr statische, auf den tisch zentrierte teil des hausgefüges, auch sein grundriss ist strenger, fast orthogonal. die abgerundete vorderseite der säule / des ­pfeilers markiert hingegen das gelenk, den direkten durchgang von der halle zum wohnraum – es ist der dezentrierte, informelle teil des raumgefüges, mit komplexem grundriss und sehr unterschied­li­chen belichtungen / ausblicken von / nach drei seiten.

Otto Kapfinger, geb. 1949, Architekturforscher und Architekturkritiker, Wien u. a. Vortrag 2011


die einseitige rundung der stütze entspricht der ­tat­sache, dass in diesem engeren, immer offenen durchgang der körper nahe an die architektur tritt – und dass hier dynamische bewegungen aus ­mehreren ­winkeln um diese form herum statt­­finden (können). und schließlich verweist die ­rundung noch auf die parasitäre situation der empore, die – eingeschoben über dem essplatz – blick­beziehungen zur halle und über eck auch zum wohnraum ermöglicht. die bein­artige vorderseite der stütze verweist so auch auf das ein­ gestellte, das gleichsam möbelhafte dieses hoch­ sitzes hin. in der ambivalenz der stütze verdichtet sich – am ­knotenpunkt aller wesentlichen raumteile – die auch im ganzen sinnfällige ambivalenz des h­auses – als gemisch von orthogonalen und ­gekurvten partien, als lebhafte osmose zwischen

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innen und außen, zwischen haus und garten, z­ wischen „eingehaustem“ h ­ abitat und freier natur. was sich in den bauten der späten 1920er jahre andeutet, führt frank hier zu kohärenter entfaltung – und mündet nach 1947 in die serie seiner „accidentistisch“ genannten entwürfe für „phantasiehäuser“. im vergleich zwischen frank und wittgenstein könnte man aphoristisch verknappt sagen: bei wittgenstein ist der mensch zu GAST IN AUTO­N OMER ARCHITEKTUR, die aus anthropo­ genen maß- und formsystemen ein stringentes, pädagogisches statement bildet. in franks häusern sind wir durch bauliche ­elemente zwanglos und differenziert geschützte, genießende GÄSTE IN EINGEHEGTER NATUR.


christian kerez die körper und der raum. über eine sinnliche erkenntnis

Nur ganz selten wird der Raum zum Baukörper. Dann findet die Architektur ihren elementars­ten Aus­druck vollkommen unabhängig von der Aus­bildung ihrer Form.

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Christian Kerez, geb. 1962, Architekt, Zürich [CH] | Berlin [D] Ausstellung 2009


klaus kinold hans döllgast – alter südlicher friedhof, münchen, 1987

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Klaus Kinold, 1939 – 2021, Architekturfotograf, München [D] Ausstellung 2018


christian knechtl delphi parfums

„Der Mensch ist nicht Einer sondern Viele. Er ist nicht Substanz, sondern Prozess, nicht Stabilität, sondern Fluidität.“ (Wolfgang Welsch, Im Fluss. Leben in Bewegung, Berlin 2021) parfum

Ganzseitige Werbung für HELMUT LANG Parfums New York, National Geographic Magazin, September 2000. Die „National Geographic Society“ wurde am 27. Jänner 1888 gegründet. Millionenfache Auflage des Magazins. Bis zu diesem Inserat nicht als Werbeumfeld für Mode genutzt. proust-effekt

Im Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ entdeckt der Protagonist, wie eng die menschliche Erinnerung mit Düften und Gerüchen verknüpft ist. Der Geruchssinn ist der unmittel­ barste der menschlichen Sinne.

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Christian Knechtl, geb. 1954, Architekt, Wien Jury Landespreis 2008, Vortrag 2014

apollontempel

Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt vier der ursprüng­lich 38 dorischen Säulen des 320 vor Christus errich­teten Apollontempels. Das Orakel von Delphi galt den Menschen der griechischen Antike als der Mittelpunkt der Welt und zentraler Ort für die Erstellung von Prognosen. Dem Mythos zufolge ließ Zeus zwei Adler von je einem Ende der Welt aufsteigen, die sich in Delphi trafen.


cornelius kolig konzerthaus Das „Paradies“ ist eine etwa 5.000 m2 große Anlage, bestehend aus Gebäuden, aus mit Blumen und Obstbäumen bepflanzten Innenhöfen und aus einigen Objekten auf den Freiflächen innerhalb der die Anlage umschließenden Mauer. In den B ­ auten lagern oder stehen meine seit 1963 entstandenen Installationen, Objekte, Bilder, Zeichnungen, Videos für die Benützung durch Besucher oder für die ­mediale Vermittlung bereit. Diese Artefakte sind Verstärker unserer körperlichen, sinnlichen Er­ lebnismöglichkeiten und deren Inszenierung. Die wichtigsten Eigenschaften des Lebendigen, der Stoffwechsel, Nahrungs­aufnahme und -abgabe, Reproduktion, Liebe, ­Sexualität, Gewalt und Tod sind die Themen dieser Arbeiten. Die Bezeichnung der Bauten wie „­ Saustall“, „Kuhstall“, „Pantheon“, „Akustische ­Re­animation“, „Silo“, „Sixtinische ­Kapelle“ oder ­„Katzenhäuser“ (eine Subarchitektur auf der ­Paradiesmauer) geben Hinweise auf Inhalt oder die durch ihre Funktion mitbedingte Bauform. 2020 entstand während der Corona-Pandemie ein Gebäude mit dem Arbeitstitel „Konzerthaus“, dessen Innenraumbeplankung wie der Resonanzkörper eines Streichinstruments aus akus­tischen Gründen aus Holz besteht. Den Witterungsschutz und die Belichtung des Einraumhauses übernimmt eine Außenhaut aus d ­ urchsichtigem Wellplexiglas. Wie bei allen Ge­bäuden des Paradieses ist auch hier die gesamte K ­ onstruktion inklusive Dachkonstruktion von außen und von innen her sichtbar. Während in den a ­ nderen Räumen des ­Paradieses die Aufstellungsorte der Kunstwerke fixiert sind (die Gebäude und deren Inhalt stehen seit zwei Jahren unter Denkmalschutz), ist das Konzerthaus für jährlich wechselnde „Ausstellungen“ mit bisher nur selten oder noch nie gezeigten Objekten aus den „Schaulagern“ gedacht. Besonderes Augenmerk bei der Planung des Konzerthauses galt der Neuformulierung des ­Zugangserlebnisses aus dem Außenbereich in das Paradies über eine flache Treppe in den Ausstellungsraum sowie der Ausgangssituation aus dem Gebäude und dem Abgang über die „Grillenrampe“ über eine breite Treppe hinunter in den durch „Silo“ und „Sixtina“ gebildeten Hof. Türen, Böden und Treppen bilden eine Materialeinheit aus ge­ riffelten Aluminiumblechen.

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Cornelius Kolig, geb. 1942, Künstler, Vorderberg im Gailtal Ausstellung 2011


brigitte kowanz relations

Relations ist eine ortsspezifische Installation, die lichtgestützte Räume schafft. Verschieden beschichtete Spiegel bilden in Verbindung mit Licht einen virtuellen Raum. Betrachter*innen erleben gleichzeitig realen und virtuellen Raum. Sie werden selbst Teil der Instal­lation. Während sich ihr Körper im realen Raum be­­findet, betreten sie durch die Arbeit unendliche vir­tuelle Räume. In diesen vi­su­el­ len Denkräumen werden sie mit ihrem eigenen Spiegelbild sowie dem titel­gebenden Morsecode

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Brigitte Kowanz, geb. 1957, Künstlerin, Wien Vortrag 2006

„Relations“ konfrontiert. Die Lichtringe werden durch Morsezeichen strukturiert und schreiben als solche das Wort „Relations“. Der Morse­code ist ein früher binärer Code, der zur Informationsübertragung mit Lichtgeschwindigkeit verwendet wurde. Virtuelles und Reales durchdringt einander gegenseitig. Foto: Brigitte Kowanz, während des Aufbaus, ­Galerie Max Goelitz, München 2021.


daniela kröss spiegel

Spiegel – in dem sich alles zeigt und nichts, sich verflüchtigt, ungreifbar. Eine Brüchigkeit, das Auftauchen einer anderen Welt, Grenzen der Belastbarkeit, ungeahnte Möglichkeiten der Veränderung, plötzlich sichtbare Abhängigkeiten. Virale Information auf mehreren Ebenen. Digitales Flimmern von Un­ körperlichkeiten. Ich das Virus oder das Virus in mir?

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Daniela Kröss, geb. 1978, Architektin, Innsbruck „Vor Ort“-Gespräche 2015 und 2021


LAAC

sphäre 1:50.000 „Der Körper des Menschen ist so geformt, dass das Gesicht vom Kinn bis zum oberen Ende der Stirn und dem unteren Rand des Haarschopfes 1/10 beträgt, die Handfläche von der Handwurzel bis zur Spitze des Fingers ebenso viel, der Kopf vom Kinn bis zum h ­ öchsten Punkt des Scheitels 1/8 […] Vom unteren Teil des Kinns aber bis zu den Nasenl­öchern ist der dritte Teil der Länge des Gesichts selbst, ebenso viel die Nase von den Nasenlöchern bis zur Mitte der Linie der Augenbrauen. Von dieser Linie bis zum Haaransatz wird die Stirn gebildet, ebenfalls 1/3 […]“ (Vitruv, Zehn Bücher über Architektur) Vitruvs Theorie des wohlgeformten Menschen (homo bene figuratus) prägt bis heute unser ­Verständnis von Proportion und Maßstäblichkeit und definiert unser Verhältnis zum Raum. Bis in die ­Gegenwart inspiriert die Anthropometrie die kulturelle Praxis. Insbesondere Leonardo da Vincis ­„vitruvianischer Mensch“ (1490), aber auch Le ­Corbusiers „Modulor“ (1955) machten den 183 cm großen Menschen zum Zentrum mathe­ma­tischer Maß-, Proportions- und Ordnungssysteme, die viel eher unsere anthropogene Selbstwahrnehmung veranschaulichen als den Versuch unternehmen, den Menschen als Teil eines übergeordneten Sys­­ tems zu profilieren. Daran vermag auch der Verweis auf den Goldenen Schnitt, die Fibonacci-Folge oder das Ein­schreiben des menschlichen Körpers in das geo­metrische Problem der Quadratur des Kreises nichts zu ändern. Unsere Kultur des Sehens und Wahrnehmens als erlernte Befähigung ist stark mit der Idee der Propor­tion, basierend auf dem Humanismus, verbunden. Die posthumane Kritik richtet sich ­sowohl gegen das humanistische Ideal vom ­Menschen als Maß aller Dinge, als universellem ­Re­­präsentanten als auch gegen die Hierarchie der Arten. Sie versucht die Selbst­gefälligkeit des menschlichen Seins zu stören und die Definition des Menschseins neu zu schreiben, indem sie den Begriff der Identität erweitert und die tra­di­ tionellen Vorstellungen von Menschlichkeit und menschlichem Zustand hinterfragt.

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Jede Architektur ist eine visuelle Beschreibung ­unseres Verhältnisses zu unserer Umwelt. Jede ­visuelle Beschreibung ist eine Mitteilung an die Z ­ u­kunft und jede Gegenwart erfordert einen kritischen Blick darauf. Verstehen wir den Menschen nicht nur mehr als Nutzer, sondern als Verwandten bzw. Symbionten, wie es Donna Haraway vorschlägt, kann auch die Architektur den Anthropozentrismus überwinden. Rauminstallation, Architektur Biennale 2018, ­Venedig

LAAC (Kathrin Aste, Frank Ludin), Architekturbüro, Innsbruck „nimm 3“ 2010, „Vor Ort“-Gespräche 2010, 2016 und 2018, Kathrin Aste: „nimm 3“ 2016, „meins“ 2018


lacaton & vassal paillote

A spot on the other side of the only bridge cros­sing the Niger River, in its meander, one kilometer from the village of Saadia, where the view over Niamey was magnificent. The house was built on one of the few sand dunes formed on the bank by fresh air currents that roll off the axis of the river. The site was therefore particularly well-ventilated. The house consisted of three elements: a straw hut to retreat to, an open yet enclosed space, and a ­“hangar” to receive guests and enjoy the view. Given that the house was just facing Niamey, the lights of the city at night sufficed to guide your way. It took six months to find the right site and two days for the people of the village to build the house. And it took the wind two years to take it away again. The construction is made of the basic materials to build huts found on the market for construction materials on the right bank of Niamey: tree branches around three meters long that could be used for frames; panels of sekko (millet stalks

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b­raided together) for walls (the braiding was sufficiently loose to let the wind through); rolls of rice straw, sufficiently dense to protect against the rain, to unroll on the roof; front doors made of timber frames, sealed with steel sheets, with padlocks; a 200-liter water barrel serving to carry water from the river to help pack and strengthen the sand floor (also used before to stand on to connect the tree branches of the frame at the top of the hut); rope made of palm leaf used to connect each mem­ ber and hold the entire structure in place; beds made of crisscrossed tree branches, with reed mats to place over the frames.

Lacaton & Vassal (Anne Lacaton, Jean-Philippe Vassal), Architekturbüro, Paris [F] Vorträge 2005 und 2018, Ausstellung 2018


LAN

axonometries of void

A means of representation is never indifferent or objective. Basically, it is never a means. It marks an intention, it generates a project, it is already part of it. In architecture, representation always anticipates the building to come. As Merleau-Ponty says, the artist has only one way to represent the work he is working on: he has to do it. The ­representation is a dialogue with the material of the architecture, that is to say the void. Through the exercise of drawing, the use of the instrument that serves to represent the thing ­remains the architect’s only bodily relationship with the physical aspect of the material to which it is to give shape. For Vittorio Gregotti, this is his last “manual” and he must defend it fiercely. The body of the architect is first of all in the space of the ­representation. Axonometry is a specific representation of ­architecture. Unlike the linear perspective it has no point of view and no target point. Orthogonal projec­tion is a representation of pure depth,

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­ ithout vanishing lines. It shows space as a con­ w tinuum. By freezing its limits, it represents the void as the place where transformations take place. While architecture constructs voids, its drawn representations add matter upon matter. The ink of the line on the backing paper. The smooth surface of the rectangular format forms the background, both free and limited, for an idea to come. It is the opacity of the figure which, by contrast, will define the immateriality of the support as that which is empty. We have sought here to represent the void differently, literally, and therefore to make the support disappear. By digging into the paper, by working it as concrete material, a ­ nalogous to the layered material of a city in which we have come to dig. Projects: Maillon Theatre, Strasbourg, France Headquarters of Dimnikcobau d.o.o, Ljubljana, Slovenia

LAN (Benoit Jallon, Umberto Napolitano), Architekturbüro, Paris [F] Vortrag 2012, Umberto Napolitano: Vortrag 2018


gabriele lenz reflexion 2020/21 „Ein Orientierungssystem, das Bezug nimmt auf die topografischen und kulturellen Spezifika der Stadt und der Welterberegion Wachau, leitet zu den Institutionen und Museen entlang der Kunstmeile Krems. Leitmotiv für die Formgebung waren die Ecksteine, die in vielfältiger Form typisch für die Fassadengliederungen der Altstadthäuser von Krems und Stein sind. Die schlanken Stelen bilden eine eigenständige Informationsstruktur im Stadtbild. In einer kultivierten Sprache und einer wiedererkennbaren, eigenständigen Form, die nicht mit den Hauptdarstellern der Stadt – den Baudenkmälern und der Landschaft – in Konkurrenz tritt, schafft es konzentrierte Aufmerksamkeit für Kul­ turinstitutionen der Kunstmeile Krems. Die beige, mit Glitzerpartikeln angereicherte Farbe nimmt Bezug auf das Licht und die Bodenbeschaffenheit – Sand und Löss – der Region. Je nach Witterung und Sonnenstand und abhängig von der Bewegung der Betrachter im Raum changiert die Oberfläche, was ebenso zu einem sich stets sub­til ­verändernden, lebendigen Erscheinungsbild beiträgt wie der Schattenwurf der kubisch bekrönten Stelen.“ (Franziska Leeb) Orientierungssystem für die Kunstmeile Krems 2017 – 2019, geladener Wettbewerb, 1. Preis Visuelle Konzeption, Gestaltung, Umsetzung: lenz + henrich gestalterinnen, Gabriele Lenz und Elena Henrich, Wien, gemeinsam mit Ulrich Huhs, Architekt, Wien

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Gabriele Lenz, Grafikerin, Wien „nimm 3“ 2009 und 2016

Wenige Monate nach der Fertigstellung begann der erste Lockdown und die Museen und Institutionen, zu denen die Besucherströme geleitet werden sollen, sind geschlossen. Die Stelen haben tem­ porär ihre Funktion verloren. Sie sind Körper im Stadt- und Landschaftsraum, spiegeln ihre Umgebung und die Vorübergehenden. Beim Blick auf die Stele verliert die angebotene Information ihre Bedeutung und die unscharf im Hintergrund ­liegende Reflexion tritt in den Vordergrund. (Gabriele Lenz)


armin linke star city, cosmonaut training center, moscow, russia, 1998

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Armin Linke, geb. 1966, Fotograf und Filmemacher, Berlin [D] Ausstellung 2016


christian mariacher typografische fachbegriffe A

E

I

P

T

Absenkung

Eingang

Inktraps

Papierfrösche

Tabellenkopf

Innen

Perl

Taille

Abstürzender Schenkel Achselhöhe

F

Innenraum des Buchstabens

Pfeil

Tanzender Kolumnenfuß

Achsensprung

Fähnchen

Innenräume

Pixeltiefe

Taschenfalz

Acrobat

Fahne

Innensteg

Platzeinsparung

Textfeld

Aldusblatt

Falsche Fette

Innentitel

Pre-Flight

Textkeil

Arabeske

Farbtiefe

Pultdachförmige Oberlängen

Tiefdruck

Arabische Ziffern

Fensterfalzung

J

Arbeitsfarbraum

Fette

--

Arm

Figurensatz

Auge

Flachbettscanner

K

Augenhöhe

Flacher Kopf

Kapitalband

Augenlinie

Fleisch

Kassetteninitialen

R

Überhang

Augenpunkt

Fliegenkopf

Kästen

Rastertiefdruck

Unterführung

Ausgang

Fließendes Spielbein

Kegel

Rasterweite

Unterschneiden

Ausgestellter Fuß

Font

Kegelmaß

Registerhalten

Auslauf

Formsatz

Keilschrift

Reichweite

V

Ausschießen

Freehand

Kern

Rheinländer Zeilenfall

Vertikaler Raumbedarf

Außen

Freischlagen

Kolumne

Römische Ziffern

Virtuelles Kegelmaß

Außensteg

Froschperspektive

Kolumnentitel

Rückentitel

Vogelperspektive

Austreiben

Fußnote

Königsantiqua

Ausziehen der Farben

Fußrille

Kopf

S

Fußsteg

Kopfring

Sägezahneffekt

W

Fußzeile

Kopfserife

Sättigung

Wasserzeichen

Kopfsteg

Satzspiegel

Wegschlagen

B Bastarda

Tochterlogo Q

Treppenfall

Quadratfüßchen

Tropfen

Querbalken U

Vorbreite

Bauch

G

Kopfzeile

Satzspiegelkonstruktion

Weight

Baumstruktur

Gänsefüßchen

Körper des Buchstabens

Säulendiagramm

Weißraum

Berliner Format

Gassenbildung

Korpus

Scheitelansatz

Wellenlinien

Binnenraum

Gatter

Kugelkopf

Schlaufe

Witwe

Blatt

Gespreizte Schenkel

Schlinge

Wolken

Blattnutzen

Geviert-Leerraum

L

Schlüsselbild

Wortabstand

Bleed-Box

Gewicht

Laufrichtung

Schmuck

Wortzwischenraum

Bleifüße

Graukeil

Laufweite

Schmutztitel

Wurzelzeichen

Blickfang

Grundgerüst

Leerraum

Schnurzugschriften

Leicht abgespreizter Fuß

Schriftfamilie

X

Brillant

H

Leicht gebogener Fuß

Schriftsippe

X-Höhe

Brotschrift

Haarlinie

Leipziger Schrifthöhe

Schrittweiten

Buchstabenarchitektur

Haken

Leiste

Schulter

Y

Buchstabendreher

Halbfette

Leserichtung

Schulterfläche

--

Bundsteg

Handausgleich

Logofamilie

Schusterjunge

Briefbogen

Schwabacher

Z

C

Hausschrift

M

Schwanz

Zeichenpaarausgleich

--

Hochdruck

Magere Schrift

Schweif

Zeilenabstand

Hochformat

Mittelachse

Sechs-Hüte-Methode

Zeilensprung

Senkrechter Keil

Zeittafel

Handschrift

D

Hochgestellt

Dachlogo

Hochzeit

N

Spationieren

Zuschuss

Daumenregister

Hohlfüßchen

Nachbreite

Spatium

Zwiebelfisch

Diamant

Hurenkind

Nasenklammer

Sperren

Zwischenschlag

Doves Press Durchschuss

Spielbein O

Spitze Scheitel

Sonstige

Ohr

Stamm

3-stöckige Form

Sternchen Suitcase

Typografische Fachbegriffe • Der menschliche Körper • Herkunft und Beziehungen • Fauna, Flora, die Natur • Architektur • Der Raum, Dimension, Richtung • Objekte, die Form an sich • Bewegung im Raum

Gefunden von Christian Mariacher in: Böhringer J, Bühler O, Schlaich P (2000). Kompendium der Mediengestaltung. 2011 edn. Berlin, Heidelberg: Springer Bosshard H R (1985). Mathematische Grundlagen zur Satzherstellung. Bern: Verlag des Bildungsverbandes Schweizerischer Typografen BST Bosshard H R (1980). Technische Grundlagen zur Satzherstellung. Bern: Verlag des Bildungsverbandes Schweizerischer Typografen BST

Frick R, comedia-Autorenkollektiv (1996). Satztechnik und Typografie. Band 2. Bern: comedia-Verlag Frutiger A (1978). Der Mensch und seine Zeichen. 2000 edn. Wiesbaden: Fourier Verlag

Sauthoff D, Wendt G, Willberg H P (1981). Schriften erkennen. 2003 edn. Mainz: Verlag Hermann Schmidt

Gulbins J, Kahrmann C (1992). Mut zur Typografie. Ein Kurs für Desktop-Publishing. 2000 edn. Berlin, Heidelberg, New York: Springer

Sommer M, comedia-Autoren kollektiv (2003). Satztechnik und Typografie. Band 1. Bern: comedia-Verlag

Haarman H (1998). Universalgeschichte der Schrift. 1991 ed. Köln: Parkland

Unger G (2009). Wie man’s liest. Sulgen, Zürich: Niggli

Forssman F, de Jong R (2004). Detailtypografie. 3 edn. Mainz: Hermann Schmidt

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Mehnert W (1947). Die Gehilfenprüfung als Schriftsetzer. 1966 edn. Stuttgart: Otto Blersch Verlag

Christian Mariacher, geb. 1972, Informationsdesigner, Innsbruck Buchgestaltung „Vermessungen. Tirol auf der statistischen Couch“, 2014

Willberg H P, Forssman F (1999). Erste Hilfe in Typografie. 2003 edn. Mainz: Verlag Hermann Schmidt


pia + manzlritschsandner stille

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manzlritschsandner (Gerhard Manzl, Johann Ritsch, Manfred Sandner), Architekturbüro, Innsbruck „Vor Ort“-Gespräche 2006 und 2009, Manfred Sandner: „meins“ 2018


pia + manzlritschsandner alles voll?

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Pia Sandner, geb. 1980, Architektin, Innsbruck Ehemalige Mitarbeiterin aut. architektur und tirol


manfred alois mayr: hauptbahnhof münchen, donnerstag, 29. september 2011, 01:27 uhr

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Manfred A. Mayr, geb. 1952, Künstler, Meran [I] Ausstellung 2011, Vortrag 2016


milena meller splash SPLASH

Zwei Räume zwei Sphären Getrennt durch die Wasseroberfläche Flüssige Trennlinie zwischen dem Raum unter ­Wasser und dem Raum darüber Unsere schwimmenden Körper: zugleich unter und über Wasser Geteilt in einen Wasser- und einen Luftkörper Eintauchen Untertauchen Auftauchen Gleiten Springen Fallenlassen Wippen Driften Schwerelosigkeit Einatmen Ausatmen Widerhall der auf das Wasser aufschlagenden ­Körper in der Kathedrale des Hallenbades Knäuel aus Schreien in der flirrenden Luft des ­Freibades Gedämpft verwirbelte Lautfetzen unter Wasser Zähneklappernde Gänsehaut Aufgeweichte Fingerkuppen Dampfschwadenbeschlagene Spiegel

Die Arbeit SPLASH widmet sich auf assoziative Weise und über diverse Medien dem in dieser Zeit wohl ­verstärkt und in allerlei Spielarten auftretenden Gefühl der Sehnsucht: Etwa nach einem ­speziellen Körper-Raum-Erleben, wie wir alle es in irgendeiner Form k­ ennen (und vielleicht vermisst haben), herauszulesen aus dem Text SPLASH, ­hörbar im Sound – die faszinierende funktionale Ästhetik von Schwimmbädern be­­gleitet mich ­abgesehen davon in meiner Arbeit schon lange. Vorbild für die Wand-Skulptur sind Telefon­zellen, wie ich sie im ukrainischen Lemberg (auch ein Sehnsuchtsort) fotografiert habe, Teil meiner jahre­ langen künstlerischen Arbeit rund um alle Arten von Kleinarchitekturen. Statt des „Fernsprechap­ parates“ holt hier eine andere Apparatur ferne Klänge nah heran und lässt sie in den Ohren plätschern.

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Milena Meller, geb. 1964, Künstlerin, Rum Führung 2020

Sound (7 min.): Idee, Produktion, Aufnahmen, Klänge: Milena Meller (ausgenommen Alt-Flöte: Hermann Unterberger, und Grashalmsound: ­Katharina Meller, Florina Pfaundler) Wandskulptur (60 x 40 x 22 cm, Malerei, Holz, Blech, Kaliwasser­glas, Papier): Idee, Konzept, Malerei: ­Milena Meller. Plan: Linja Meller. Bau: Klaus + Adrian Oberwalder (Holz), Josef Thaler (Blech) Text: Milena Meller


valerie messini wave-bench

Wave-bench ist eine Skulptur / ein urban furniture, ­dessen Form sich aus den Social-Distancing-­ Anfor­de­rungen ableitet. Die Sitzfläche umschreibt wellen­förmig einen Kreis. Durch den Wellenschlag ergeben sich natürliche Abstandsbereiche zwischen den ­einzelnen Sitzflächen. Die Skulptur entwickelt sich aus dem Boden in die Höhe und löst sich teilweise. Die radiale Anordnung fördert die Kommunikation, man hat aber auch die ­Möglichkeit, sich nach außen abzuwenden oder einzelne Module aus dem Kreis auszudrehen. Architektonische Themen wie Raumvolumen oder Luftaustauschkapazität wurden durch ­Covid-19 erstmals aus virologischer Sicht betrachtet. ­Dieser Aspekt kann in Zukunft ein neues ­Paradigma in der Raum­normierung werden und diese ­positiv beeinflussen, da der menschliche ­Organismus in seiner vollen Kom­plexität und nicht nur auf seine Körpermaße reduziert der ­ Ökonomie und ­Sicherheit entgegengestellt wird.

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Valerie Messini, geb. 1986, Architektin, Wien Ausstellung 2019, Filme 2020

Wave-bench gibt einen spekulativen Einblick in poten­zielle zukünftige ­Formen innovativer Architektur frei. Wave-bench lädt zum Verweilen im öffentlichen Stadt­raum / Natur ein. Covid-19 hat uns Stadt­ bewohner an die Wichtigkeit urbaner Außenräume erinnert. Der stark geschrumpfte, nicht komme­r­ zialisierte öffentliche Raum kann durch kleinmaßstäblich architektonische Interventionen reaktiviert werden. Als urban furniture soll die Wave-bench Austausch fördern und dadurch zur Bildung einer kollektiven Intelligenz beitragen. Auch die Wahl des Biomaterials Hempcrete soll für das Ökosystem Stadt sensibilisieren.


miller & maranta: topografie des denkens eine reise in die welt der assoziationen ­­

Entwerfen als Befragung der persönlichen Topografie des Denkens Die Gestaltung von gebautem Raum ist, jenseits der bloßen Erfüllung von räumlichen Bedürfnissen, eine kulturelle Auseinandersetzung mit der spe­­­ zifischen architektonischen Form. Sie ist Ausdruck des Aggre­gatszustandes der Gesellschaft zum ­aktuellen Zeit­punkt und im konkreten gesellschaftlichen Kontext. Unter dieser Perspektive kann diese Form kein zu­fälliges Resultat sein, sie entsteht als Konsequenz einer Vielzahl von beeinflussenden Faktoren, die es zu ordnen gilt. An diesem Ursprung steht die Archi­tektin oder der Architekt selbst: Die eigene Welt der Erinnerungen, der ­Er­fahrungen und persön­lichen Inter­e ssen ist der Schlüssel zur zukünftigen Form. Diese Welt ist das Leben, das wie eine kontinuierliche, konstante ­Forschung an den Dingen verstanden werden kann. Die Erkenntnisse daraus prägen den Vor­­ stellungs­raum der Entwerfenden. Dabei ist klar,

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dass diese Welt nicht nur aus singulären Ele­menten besteht, s­ ondern das Abbild eines kulturellen ­Netz­w erks von vielen Dingen ist, die über die Persönlichkeit mit­einander in Bezug stehen – sozu­ sagen eine weit­­läufige Topografie der Imagination. Der wertvolle Inhalt der Mappe ist Ausdruck ­dieser Denklandschaft von Miller & Maranta und nimmt die neugierigen Betrachter mit auf eine ­assoziative Reise von Dingen, die sich natürlich mit der eigenen Gedankenwelt unendlich erweitern lässt. Gute Reise!

Miller & Maranta (Quintus Miller, Paola Maranta), Architekturbüro, Basel [CH] Ausstellung 2006


gerhard mitterberger, zita oberwalder lock-up

„Nest, Schmetterlingspuppe, Kleid bilden nur ein Moment der Wohnung. Je kondensierter die Ruhe ist, je geschlossener die Chrysalide (Kokon), desto mehr ist das Sein, das daraus hervorgeht, ein Sein in einem Anderswo, desto größer ist seine Expansion. Die Gastfreundschaft des Hauses ist dann so un­eingeschränkt, dass alles, was man vom Fenster aus sehen kann, ins Haus hineingehört.“ (Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, Frankfurt am Main 1987)

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Bogdan Bogdanović, Gedenkstätte mit ­Krieger­mausoleum, 1970 – 80, Čačak, Serbien

Gerhard Mitterberger, geb. 1957, Architekt, Graz Vortrag 2013


professur elli mosayebi performativer raum / zyklisch-konstant / frühling 2019

Der performative Raum ist ein veränderlicher Raum, der sich in Interaktion mit dem Menschen entfaltet. Gemeinsam mit Studierenden der ETH Zürich und der Szenografin Selina Puorger haben wir zwei Raum­modelle im Maßstab 1 : 1 entworfen und gebaut. Die Raumideen basieren auf nicht ­zusammenpassenden oder dichotomen Begriffspaaren und damit auf der Gleichzeitigkeit sehr ­unterschiedlicher Eigenschaften. Dadurch wird der

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Raum nicht als starres Gefäß ge­­­­­schaffen, sondern oszilliert zwischen vielfältigen Z ­ u­­ständen. Videos mit Tänzern dokumentieren die w ­ echselseitige ­Beziehung zwischen Körper, Raum und Wahrnehmung.

Elli Mosayebi, geb. 1977, Architektin, Zürich [CH] Jury Landespreis 2020


bruno moser digitales arbeiten im analogen raum

Der digitale Traum ist wahr. Mit steuerlicher För­ derung aufgerüstet, plant man im virtuellen Raum. Planer, Mitarbeiter, Behörden und Bauherren ­begutachten zeitgleich das virtuelle 3D-Gebäude (natürlich BIM), ­dis­kutieren, beratschlagen da­rüber. Materialien, Farben, Größen können in Echtzeit ­verändert werden. Die Vision wurde 2020 real, Homeoffice zur Pflicht, digitale Meetings zur Norm. Nach zwanzig Jahren „Homeoffice“ (Wohnen und Arbeiten am selben Ort) hat sich für mich nur die be­­rufliche Besprechungskultur drastisch verändert. Zeitintensive Fahrten zu Meetings e­ntfallen, bemerkenswerte Pünktlichkeit der Teilnehmer, effizientere, fokussierte Besprechungen. Welchen Inhalt „sharen“ wir am Bildschirm? Ist er nur ein digitales Abbild der (künftigen) Rea­ lität? Ein virtueller Raum, durch den man sich

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­ ewegt, ohne sich im analogen Raum zu regen? b Sind es nur Bits und Bytes? Wie real ist der digitale „Zwilling“? So zeitgeistig und „normal“ es ist, sich in digi­ talen Welten zu bewegen, so verliert man doch leicht den Bezug zum analogen Realen. Der Raum ist unendlich, die Schwer­kraft aufgehoben, statische Einschränkungen entfallen, unbegrenzte ­Materialfreiheit (Wände und Decken aus Wasser möglich) etc. Wermutstropfen: Strom weg – ­digitale Realität weg! Meinen Ausgleich zur virtuellen Arbeit finde ich derzeit verstärkt im (Natur-)Raum, mangels ana­ loger Alter­­nativen („Shutdown“ Kultur, Gastronomie etc.) und h ­ interlasse temporäre Spuren im Schnee. Wie lange bleiben unsere digitalen Spuren lesbar, wenn sie nicht analog umgesetzt werden?

Bruno Moser, geb. 1969, Architekt, Breitenbach am Inn „Vor Ort“-Gespräche 2015 und 2016


thomas moser luftraumüberwachung

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Moser + Kleon (Thomas Moser, Werner Kleon), Architekturbüro, Innsbruck „Vor Ort“-Gespräche 2010 und 2016


carmen müller spiel-räume

Meine bewusst wahrgenommene Erfahrung mit Raum­stimmungen erlebte ich in meinen frühen Volks­schuljahren (Mitte der 1960er Jahre). Unsere damals ­fünfköpfige Familie wohnte in einer groß­en Dienst­w ohnung, die auch über ein sehr großes ­Kinderzimmer verfügte. Wir besaßen sämtliches Mobiliar, das wir von einem Hotel geschenkt ­bekamen. Die Anzahl des Mobiliars inspirierte uns Kinder, sämtliche „Wohnun­gen“ im Kinderzimmer aufzubauen, das heißt, jede von uns drei ­Mädels stapelte Schränke, Stühle, Tische, Nachtkästchen auf, um Wohnhöhlen zu schaffen. Wir kraxelten über die Möbellandschaften hinauf und hinunter, verkrochen uns in die Hohlräume, wo wir unserer Phantasie freien Lauf ließen. Wir zogen jeweils mit unseren Puppen und Spielsachen ein und h ­ austen dort, solange es uns Spaß machte. Als ­älteste Schwester hatte ich das Privileg, auf der höchsten Ebene zu wohnen, was ich sehr genoss.

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Nach einer bestimmten Zeit wurden die „Zelte“ wieder abgebaut und neu zusammengestellt. ­Spannend fand ich, wie durch verschiedene Positionierung des Mo­­bi­liars neue Stimmungen im Raum erzeugt werden k­önnen. Vermutlich wurde ich in dieser Zeit für die Gestaltung von Räumen sensibilisiert, was mir heute in meinem künst­ lerischen Wirken zugutekommt. Ich er­innere mich gern an diese Zeit und bin meinen Eltern dankbar, dass sie uns die Freiheit ließen, diese Aktio­nen ­auszuführen. Im kleinen Modell versuchte ich, die damalige „Möbel­landschaft“ zu rekonstruieren, so wie ich sie in Erin­nerung behalten habe.

Carmen Müller, geb. 1955, Künstlerin, Meran [I] Ausstellung 2020/21


hans-walter müller MOTOräume und körper

Dans sa bulle d’air, il ne met pas les gaz. Paris, 1998

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Hans-Walter Müller, geb. 1935, Architekt, Cerny [F] Vortrag 2018


MVRDV body & play

Wie widerstandsfähig sind unsere Räume gegenüber grundlegenden Veränderungen? Die CoronaPandemie hat die Beziehung zwischen uns, den Nutzern und den Räumen, die wir bewohnen, ­unseren Wohnungen, unseren Arbeitsplätzen, ­unseren öffentlichen und so­zialen Begegnungs­ räumen, ­infrage gestellt. Der Beitrag von MVRDV präsentiert ausgewählte internationale Arbeiten des Büros, von Privat­ häusern bis zu Gemeindezentren, von öffentlichen ­Plätzen bis zu großen urbanen Interventionen, ­gezeigt unter Be­­dingun­gen vor und während der Pandemie. Wir untersuchen hier, wie sich unsere Gebäude und Räume unter extremen Bedingungen verhalten und ob die ursprünglichen Entwurfs­ absichten einen Rahmen ge­­schaffen haben, der stark genug ist, um das Spiel und die Interaktion der Nutzer zu ermöglichen, wenn sie unter Druck gesetzt werden. Auf zwei Tafeln zeigt eine Serie ausgewählter Bilder von zwölf Projekten von MVRDV in einem

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kontinuier­lichen Strom verschiedener Arten von Räumen, die für Spiel und Interaktion sorgen. Jedes Bild vermittelt eine spezifische Nutzung und Anwendung des Körpers, die den vorherrschenden Umständen entspricht und die große Bandbreite der Möglichkeiten zeigt. Zu den Projekten gehören frühe Arbeiten wie die Fern­sehzentrale Villa VPRO (Hilversum, NL, 1997), wo ein Dachgarten Pausen im Freien und Beisammensein ermöglicht; das Gemeinschaftszentrum KU. BE (Kopen­hagen, DK, 2016), ein Ort für Kinder und Erwachsene gleichermaßen, an dem es meist vor Leben, Spiel und Aktion nur so wimmelt, beherbergt eine Vielzahl u ­ nterschiedlicher Räume, drinnen und draußen, die weiterhin körperliche Aktivitäten und Spiele ermög­lichen; in Asien bietet Seoullo 7017 (Seoul, KR, 2017) interessante Spielmöglichkeiten und zeigt, wie ein städtischer Wald auf eine einzigartige Weise erlebt werden kann.

MVRDV (Winy Maas, Jacob van Rijs, Natalie de Vries), Architekturbüro, Rotterdam [NL] Ausstellung 2019, Natalie de Vries: Vorträge 2011 und 2019


werner neuwirth raumillusion, raumtraum und raumwirklichkeit

wieviel raum braucht der mensch? eine archai­sche und zentral kulturelle frage. menschliche ­exis­tenz b ­ e­­ginnt und endet in sehr beengten ­platz­verhältnissen, dazwischen braucht jeder mensch raum zum leben. raum ist gegeben, wir stecken in ihm und können uns ihm nicht ­ent­ziehen. zum überleben müssen wir diese ele­ mentare substanz teilen, in mehrere und ver­ schiedene räume, diesen eine form geben und sie o­rdnen. wir hätten auch die fähigkeit, unseren ­räumen eine ange­messene größe, anmut und ­dauerhaftigkeit zu verleihen. die unzähligen möglichkeiten liegen dabei im wesen des raumes selbst begründet, die ver­­ wirklichung ­hingegen bleibt in der vorstellungskraft

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Werner Neuwirth, geb. 1964, Architekt, Wien Vortrag 2014

einzelner wie im sinnlichen und intellektuellen ­zustand einer ge­­sellschaft der zeit begrenzt. radikale optimierung ­einzelner aspekte, persönliche extremerfahrungen oder akrobatische kunststücke sind vielleicht spektakulär oder amüsant, helfen aber nicht, gewissheit für e ­ ntscheidungen zu ­finden bei einer einfachen tätigkeit wie jener, räume zu schaffen. Cesar Pindo, Zirkus Charles Knie, Schließfach O ­ ffenburg Bahnhof, 2013


walter niedermayr denkschutzmaskenbaum biopolitik im pharmapornografischen zeitalter

„Brechen Epidemien aus, wird der Ausnahme­ zustand verhängt, werden drastische Maßnahmen angeordnet. Das macht Epidemien zu Laboratorien für soziale Innovationen, bieten sie doch die Ge­ legenheit, Körper­techniken und Technologien der Macht im großen Maßstab neu zu konfigurieren. Foucault verglich den Umgang mit der Lepra mit dem mit der Pest und kam zu dem Schluss, die ­Unterschiede seien typisch für die Ausbreitung verräumlichter Machttechniken in der Moderne. Wo die Lepra mit strikten nekropolitischen Maßnahmen und einer Exklusion der Leprösen bekämpft wurde, die sie, wenn nicht zum Tode, so doch zu einem Leben außerhalb der Gemeinschaft verurteilten, wurden in der Reaktion auf die Pest neue Formen der Disziplinierung und die ‚exklusive Inklusion‘ erfunden: die strenge Segmentierung der Städte und die Einsperrung der einzelnen Körper in ihrer jewei­ligen Unterkunft. Das typische Subjekt technopatriarchaler neo­ liberaler Gesellschaften, wie es im Zuge der ­Coronakrise ­fa­­briziert wird, hat keine Haut, ist unbe­rührbar, hat keine Hände. Die Strategien, auf die Länder im Kampf gegen die Ausbreitung von Covid-19 setzen, lassen sich zwei radikal unterschiedlichen Typen biopoli­tischer Technologien zuordnen. Bei der ersten, die vor allem in Italien, ­Spanien, Frankreich und anderen e ­ uropäischen ­Ländern verfolgt wird, ergreift man strikte dis­zipli­ narische Maßnahmen, die sich in vielerlei Hinsicht nicht wesentlich von jenen unterscheiden, die im Fall der Pest zur Anwendung kamen: Man sperrt die Be­­völkerung zu Hause ein. Liest man das der Be­kämpfung der Pest in Europa gewidmete Kapitel in ‚Überwachen und Strafen‘, wird schnell deutlich, dass sich die f­ ranzösische Politik des Managements von Epidemien seither nicht groß verändert hat. Wir stoßen auf eine Logik der architektonischen Grenze, infizierte Personen werden in Enklaven wie Krankenhäusern und ver­gleichbaren ­In­stitutionen behandelt. Ob diese Technik wirklich effektiv ist, lässt sich zum Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, noch nicht endgültig beurteilen. Die andere Strategie, auf die man unter anderem in Südkorea, Taiwan, Hongkong und Japan setzt, lässt die disziplinarischen und architektonischen

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Walter Niedermayr, geb. 1952, Fotograf, Bozen [I] Ausstellungen 2008 und 2017


Kontroll­tech­niken der Moderne hinter sich und bringt pharma­pornografische Techniken in Anschlag: Hier liegt der Fokus auf dem Erkennen der individuellen Viruslast durch das Hochfahren der Testkapazitäten sowie auf einer permanenten und strengen digitalen Über­wachung der Patienten ­mithilfe ihrer mobilen digitalen Geräte. Mobil­ telefone und Kreditkarten werden zu Werkzeugen, die es erlauben, die individuellen Be­w e­gungen ­potenzieller Träger des Virus nachzuverfolgen. Wir brauchen keine biometrischen Armbänder. Ein ­besseres Armband als das Mobiltelefon lässt sich gar nicht denken; selbst wenn sie schlafen, trennen sich die Menschen nicht von ihren Geräten. Temperatur und Bewegungen individueller Körper werden mithilfe mobiler Technologien überwacht, per GPS an die Poli­zei übermittelt und in Echtzeit vom digitalen Auge eines cyberautoritären Staates beobachtet. Die Gesell­schaft wird zu einer Ge­ meinschaft der User, Sou­veränität bedeutet vor allem digitale Durchleuchtung und den Einsatz von Big Data. Diese Maßnahmen der politischen Immunisierung sind dabei alles andere als neu, sie kamen zuvor unter anderem bei der Fahndung nach mutmaßlichen Terroristen zur Anwen­dung, allerdings nicht nur dort: In Taiwan beispiels­weise können die Behörden schon seit Anfang der 2010er Jahre auf die Kontakte der Nutzer von ­Dating-Apps zugreifen. Die Maßnahmen sollen der Aids-‚Prävention‘ und der Bekämpfung der Inter­ net­prosti­tution dienen. Covid-19 verschafft diesen staatlichen Praktiken der Bioüberwachung und der digitalen Kontrolle nun zusätzlich Legitimität. Sie werden aus­gedehnt und standardisiert, da sie als ‚notwendig‘ g ­ elten, um ein gewisses Gefühl der Immunität aufrechtzuerhalten. Trotzdem denken dieselben Staaten, die auf diese extremen digitalen Überwachungs­maßnahmen setzen, bislang nicht darüber nach, den Handel mit und den ­Verzehr wildlebender Tiere zu v­ erbieten oder die ­industrielle Produktion von Geflügel sowie Säugetieren und ihre CO2-Emissionen zu reduzieren. ­Gestärkt wurde hier also weniger die Immunität des sozialen Körpers als vielmehr die Toleranz der Bürger gegenüber der kybernetischen Kontrolle durch den Staat und die Unternehmen.

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Im Umgang mit Covid-19 als Form des Managements des Lebens und des Todes zeichnen sich die Konturen einer neuen Subjektivität ab. Es sind eine neue Utopie der immunitären Gemeinschaft und neue Möglichkeiten, die Masse der mensch­ lichen Körper zu kontrollieren, was nach der Krise erfunden worden sein wird. Das typische Subjekt technopatriarchaler neoliberaler Gesellschaften, wie es im Zuge der Corona­krise fabriziert wird, hat keine Haut, ist unberührbar, hat keine Hände. Als digitaler Konsument und Kreditkartenbesitzer tauscht es keine physischen Güter aus und bezahlt nicht länger mit Bargeld. Dieses Subjekt hat keine Lippen und keine Zunge. Es kom­muniziert nicht direkt, sondern schickt eine Sprach­nachricht. Es trifft sich mit niemand und schließt sich nicht mit anderen zusammen. Es ist in einem radikalen Sinn individuell. Es hat kein Gesicht, es trägt eine Maske. Um existieren zu können, verbirgt es s­ einen organischen Körper hinter einer Vielzahl semiotechnischer Vermittlungsinstanzen, hinter einer Reihe kybernetischer Prothesen, die obendrein als Masken fungieren: E-Mail-Adressen, Facebook-, Instragram- oder Skype-Accounts. Es ist kein phy­ sischer Akteur, sondern ein Teleproduzent, ein Code, Pixel, Bankkonto, ein Port mit einem Namen, eine Adresse, an die Amazon Bestellungen verschicken kann.“ Textauszug aus dem Essay „Vom Virus lernen“ von Paul B. Preciado, erschienen in „Ein Apartment auf dem Uranus. Chroniken eines Übergangs“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020 (deutsche Erstausgabe)


numen / for use latex karlsruhe, negative space

Das Latex-Konzept geht einen Schritt weg von ­unseren ­bisherigen Installationen, da es sehr stark auf u ­ nsere entworfenen Bühnenbilder und deren theatralische Transformation aufbaut. Die Arbeit stellt einen generischen häuslichen Innen­raum – Zimmer – dar, dessen Oberflächen vollständig mit einer Schicht aus Naturkautschuk überzogen sind. Der Raum wurde über und über mit flüssigem Natur­kautschuk – Latex – bestrichen, um eine dicke, elas­tische Haut zu erzeugen, die alle Möbel und Objekte im Inneren umschließt und stark genug ist, deren Gewicht mitzuziehen. Die Räumlichkeit nimmt durch die vor Ort erzeugte Gummischicht eine seltsame, gedämpfte Erscheinung an, so als wäre die Haut eines lebenden ­Körpers gewachsen. Wenn die Luft in die Struktur „eingeatmet“ – einge­blasen – wird, reißt die gummiartige Membran ­all­mählich von Wänden und Boden ab und stülpt die Abformung des Zimmers wie einen ­inversen Hand­schuh aus.

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Räumlichkeit und Konturen füllen und verformen sich, wie von einer plötzlichen Flut getrieben, und ­reißen die Utensilien des häuslichen Lebens – Stühle, Tische, Tassen etc. – mit sich. Wenn sich der Prozess der Inversion wieder umkehrt und die Luft abgesaugt wird, kehrt die Haut in schlaffer Form in ihre alten Koor­­­dinaten zurück, der Raum wird wieder an seinen ur­­­sprüng­lichen Platz ge­zogen. Während die erste V ­ er­wandlung durch die selt­­ same Kraft des Auf- und Aus­blasens von Masse, also von der kompletten Zer­störung des bekannten R ­ aumes geprägt ist, wirkt die d ­ arauf folgende ­inverse ­Transformation beruhigend sanft und ­fließend, als würde die Zeit rückwärts ­strö­men – wie ein Film im Rückwärtsgang, eine Gegen­­­­spur.

Numen / For use (Sven Jonke, Christoph Katzler, Nikola Radeljkovic´ ), Designbüro, Wien Ausstellung 2015, Christoph Katzler: Vortrag 2015


simon oberhammer, pia prantl café sandmann

Für den Moment der Aufnahme sind ihre Augen geschlossen. Das Filmstill – nur scheinbar reglos. Die Früchte nehmen leicht den Rhythmus ihrer ­Atmung auf. Die Falten führen dorthin, wo sie ­hergekommen sind – ans Tageslicht, das sanft durch die Schichten des Stoffes dringt. Dem Blick bleibt das verwehrt. Nur Schatten zeichnen sich ab, wie man selbst ein Schat­ten ist in einer Falte des endlosen Stoffes. Der eigene Körper ohne Material. Nach dem Bild, nach dem Augen­aufschlag: Der Raum wird synchron. Für einen Moment vereint er alle Räume, in denen man je a ­ uf­gewacht ist. Er ist die Schwelle, durch die wir an­­dauernd schreiten und uns wieder materialisieren. Die Beschreibung dieses Raums bleibt vage, auch wenn er durch den Plan klar ablesbar scheint. Die Konstruktion führt auf die Notwendigkeit zu­ rück, in einem nackten und harten Raum – dem ehe­­maligen Foyer des Kinos Sandleiten – einen Zustand zu er­­reichen, der es einem möglich macht zu ­schlafen. Aus diesem Grund haben wir aus Kreis­

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segmenten und Geraden eine scheinbar endlose Linie konstruiert. Sie stellt den geringsten Ein­griff dar, das Vorgefunde zu vereinnahmen, aber auch zu verbergen. Folgt man dieser Linie, gerät man immer tiefer in ein Gefüge von Raumtaschen und Schlaf­ nischen. Eine dünne Schicht – Ernte­verfrühungs­ vlies, das normalerweise vor der Stadt Pflanzen vor Frost schützt – wird hier zum Bau­material. Von außen betrachtet, ist das sogenannte Café Sand­mann Fiktion. Es ist Set für einen Film wie ­Installation in einem Festival. Es ist Café und Ort des Aus­tausches. Es ist aber auch dieser reale ­undurchsichtige Raum, in dem kollektiv geschlafen wurde, ein tempo­rärer Ort für Schlaftrunkene und Nachtwächter. Ein ­tiefer Raum, dessen Architektur genauso fragil ist wie der Schlaf selbst, auf den sie vorbereitet. Ein Projekt für brut wien und gemeinsam mit ­irreality.tv im Zuge von Nachtwache und dem SOHO Festival Ottakring 2018.

Simon Oberhammer, geb. 1979, Architekt, Wien | Ausstellung 2009 Pia Prantl, geb. 1989, Architektin, Wien | „Kellerbar“ 2016/17


paul und oskar ott dancefloors ... kein flirrendes, schrilles, farbiges Licht, keine ­bass­vibrierenden Wände, kein Ton, keine nach Schweiß duftende Ekstase – schwarze Stille in den Wiener Clubs und Dancefloors … Die Serie von Oskar Ott versinnbildlicht für mich ­ein­drucksvoll den Einschnitt in unser ­derzeitiges Leben, ­besonders in das der jüngeren ­Generation Z. Räume, die Körper brauchen.

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Paul Ott, geb. 1965, Fotograf, Graz Ausstellung 2014, „nimm 3“ 2016


thomas parth raumwechsel

Räume werden durch ihre Grenzen, durch drinnen und draußen definiert. Einen Raum zu wechseln, bedeutet, eine Grenze zu überschreiten. Es ist der Schritt in einen anderen, möglicherweise völlig neuen Raum. Für einen solchen Schritt braucht es das nötige Be­­dürfnis, die erforderliche Beweglichkeit und zuweilen den gehörigen Mut. Selbst ein alltäglicher Raumwechsel, eine oftmals geübte Grenzüberschreitung, kann bei ­Än­derung kleinster Konstanten zur Herausforderung werden, und der erste Schritt ist der mutigste. Auch tun sich Er­­wachsene keineswegs leichter als Kinder. Das ist in dreidimensionalen Räumen nicht anders als in den unendlichen Räumen der Psyche und des Geistes.

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Thomas Parth, geb. 1954, Verleger, Innsbruck Vorträge 2009 und 2011


PAUHOF

the mile long viennese

In kritischer Auseinandersetzung mit den PAUHOFStadtszenarien argumentierte der Architekt und Stadt­theoretiker Hermann Czech unter dem Titel „Pole­mi­sche Architektur“ („Before Architecture“, Wien-New York 2008) mit den beiden Grund­ schemata der Polemik Otto Wagners: „Mit der Notwendigkeit gegen schlechte Kunst, aber mit der Kunst gegen die öde Not­w endigkeit“. Wagners „Notwendigkeit“ ortet Czech auf der Seite der Objektivität, basierend auf einer der Bestand­struktur abgeleiteten städtebaulichen ­Matrix, die sich zu bewähren hat. Nur im Sonderfall, wie etwa bei der Stadtbahnarchitektur, wäre dann die Aufhebung der Gleichförmigkeit der gründerzeitlichen Block­struktur durch künstlerische Überhöhung legitimiert. In den großmaßstäblichen PAUHOF-Stadtarchitekturen erkennt Czech da­ gegen „… den Versuch einer ver­bindlichen Intervention ohne Konsens; eines Sonder­falls von

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etwas, das es als Regel nicht gibt, aber geben könnte. Das ist echte Experimentierarbeit; denn mit der Methode des punktuellen Erfassens eines Problem­felds kann es auch einmal zum vollen ­Einklinken kommen.“ Mit unserem Plan „radikal urban – Wien West“ wagten wir den Spagat, sowohl über eine großmaßstäbliche Projektarchitektur als auch über die Ausdehnung der objektiven Bestandstruktur zu ­interagieren, um zu einer neuen und anschluss­ fähigen Raumstadt zu gelangen. Im gegebenen Fall wäre das insofern eine realistische, zukunftstaug­ liche Methode, als der Plan innerhalb des zu­ sammenhängenden Projektareals funktioniert und trotzdem mittels einer präzise kalkulierten Bild-­ regie über das Feld hinausweisende, übergeordnete ­Be­­deutungszusammenhänge generiert werden, die so für die Stadtbewohner erst wahrnehmbar würden und dann im Alltag erlebbar sind.

PAUHOF (Michael Hofstätter, Wolfgang Pauzenberger), Architekturbüro, Wien Vortrag 2008, Ausstellungsgestaltung 2017, Michael Hofstätter: Jury Landespreis 2006


pedevilla architects D HO M

Eine Zirbenstube – allumfassend hüllt sie uns ein. Vertrauter Geruch lässt uns vertrauen, Licht ­streichelt Holz und Haut, Gespräche werden zu Musik. Wir werden berührt, öffnen uns, lassen uns fallen in Wärme, Geborgenheit und Gemeinschaft. Unmittelbar sprechen die Dinge und­ ­Oberflächen mit uns, erzählen ihre Geschichte und weben uns und unsere Körper ein in den ­Erfahrungsraum alter Handwerkskunst. Mensch und Raum sind sinnlich miteinander verbunden, an­­gefüllt mit Erinnertem, gewachsenen Erfah­ rungen und Wirklichkeit. Als innerster Kern einer von Bergen um­­standenen Lebenswelt umsorgt und nährt die Zirben­stube Seele und Körper des Menschen. Eingebettet in einen mächtigen und magischen Naturraum, lässt sie den Menschen nach innen und außen das Wesent­liche ­augenblicklich erkennen.

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pedevilla architects (Alexander Pedevilla, Armin Pedevilla), Architekturbüro, Bruneck [I] Armin Pedevilla: Vortrag 2018


robert pfurtscheller, nikolaus schletterer 5,5 sec ton-schleife: 5,5 sekunden einatmen, 5,5 sekunden ausatmen, d. h. 5,5 atemzüge pro minute ent­ sprechend denselben atemmustern von mantren und gebeten eines „om mani padme hum“, eines „sa ta na ma“ oder auch des „rosenkranz­ gebetes“ etc.

2 körper, 2 aufnahmen – 2 boxen mit 2 lautsprechern samt abspielgerät in ihrem inneren verborgen und im abstand zueinander im raum p­latziert

fotografien einer blasmusikkapelle vor bzw. nach der spanischen grippe

Korpus – Blasmusik­ kapelle, 27 Musiker, 1903

Korpus – Blasmusik­ kapelle, 30 Musiker, 1921

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Robert Pfurtscheller, geb. 1961, Künstler, Neustift | „Vor Ort“-Gespräch 2011, „nimm 3“ 2007 und 2016 Nikolaus Schletterer, geb. 1960, Künstler, Kufstein | Ausstellung 2005, Fotograf der Ausstellungen seit 1995


sasha pirker DISCOVERY

On-Site Installation, Freihandzeichnung, Acryl Mitarbeit: Lukas Klestil

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Sasha Pirker, geb. 1969, Künstlerin und Filmemacherin, Wien Ausstellung 2014


wolfgang pöschl o. t.

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Wolfgang Pöschl (tatanka ideenvertriebsgmbh.), geb. 1952, Architekt, Mils „Vor Ort“-Gespräche 2007 und 2011


PPAG architects PCM regal körperwärme und aufenthaltsqualitäten eines raumes

Das Problem der Überwärmung in dicht genutzten Räumen wie Schulen, Universitäten und Büros wird heutzutage durch die meist große Anzahl von Computern auf die Spitze getrieben. Als Lösungsansatz entwickelten PPAG architects ein Regal aus Aluminiumpaneelen, das zusammen mit der natürlichen Sommernachtslüftung zum Wärme­ ausgleich beiträgt. phase change material Bei den CSM-Platten (Compact Storage Module) handelt es sich um mit PCM (Phase Change Mate-

rial / Latentwärmespeicher) gefüllte Aluminium­ hüllen. Das verwendete Aluminium sorgt für einen hohen Wärmeübertrag. Die entsprechenden Füll­ materialien (meist Paraffin) besitzen im Wechsel des Aggregatszustands (von fest zu flüssig und umgekehrt) eine extrem hohe Wärmeaufnahme­ kapazität. Es können nahezu alle PCM-Materialen in die CSM-Platte gefüllt werden. Dadurch wird eine Anpassung an unterschiedlichste Einsatztemperaturen gewährleistet. wärmeaufnahmekapazität

Durch die Wahl des richtigen Materials wird bestimmt, bei welcher Temperatur das Material – unter Aufnahme von Umgebungswärme – vom ­festen in den flüssigen Zustand wechselt. Steigt die Temperatur über zum Beispiel 24° C, verflüssigt sich das Wachs in dem Paneel. Jedes Paneel ­besitzt dabei eine Wärmekapazität von 80 Watt­ stunden. Das Regal sammelt die Wärme und kann sie nachts bei einer kühleren Temperatur über die Sommernachtslüftung wieder in den Außenraum abgeben. spielerisch, klimatisch, praktisch

Diese Eigenschaften des Regals zeigen vor allem in Schulen nützliche Vorteile. Die vielen anwesenden Kinder wirken wie kleine biologische Öfen. Ihre Wirkung ist so immens, dass in einer Klasse bis -5 °C Außentemperatur durch die Kinder und ohne Heizung mehr Wärme entsteht als über die Außenbauteile durch Transmission verloren geht. Aber ihre Heizaktivität hat einen Preis: Die Kinder atmen.

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Sie atmen so viel (25 m3 pro Stunde), dass sie i­nnerhalb einer halben Stunde den Bildungsraum leeratmen. Lösungsansätze dahingehend sind ­mechanische Lüftungen mit Wärmerückgewinnung, hybride Lüftungen oder sogar avancierte reine Fensterlüftungen. Achtzig Watt entsprechen der Wärmeleistung eines Kindes. Ein Regal mit hundert Paneelen kann somit insgesamt hundert „Kinderkörperwärmestunden“ raumklimatisch puffern. Temperatur und Luftverhältnisse sind essenziell für die Aufenthaltsqualität in jedem Gebäude: Das PCM-Regal löst auf spielerische Weise klimatische und nutzungstechnische Aufgaben.

PPAG architects (Anna Popelka, Georg Poduschka), Architekturbüro, Wien Anna Popelka: „nimm 4“ 2014, Jury Landespreis 2014, Vortrag 2016


carl pruscha quadrangle housing

Zu den wenigen grundlegenden Eigenschaften, die mich wohl über den Tod hinaus mit meinem seiner­zeitigen Lehrer Roland Rainer verbinden, gehört unsere Abneigung, ja Ablehnung der beiden bis heute so beliebten Lebensformen, des frei ­stehenden Einfamilien­hauses und des frei stehenden Wohnhochhauses. Demgegenüber Alterna­ tiven zu offerieren, zählte für mich als Architekt zu den wesentlichsten Aufgaben, derer ich mich an­ zunehmen versuchte. Für die hier gezeigte Wohnform des „Qua­drangle Housing“, die ich bereits wiederholt in Aus­stel­ lungen und Präsentationen vorgestellt hatte, konnte

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bis dato jedoch noch kein interessierter D ­ eveloper von Riad bis Kloburg für die Realisierung zu­ mindest einer Prototyp-Siedlung gefunden werden. Da ich jedoch nicht aufzugeben bereit bin, an den Erfolg dieser Siedlungsform zu glauben, soll hier im Rahmen des aut nochmals der Versuch ­unternommen werden, für diese besondere Wohnform Interesse zu wecken. Video: Valerie Messini und Damjan Minovski

Carl Pruscha, geb. 1936, Architekt, Wien Ausstellung 2005, „Vor Ort“-Gespräch 2005, Gespräch 2006 und 2020


johannes rauch körper – psyche – geist

Mensch sein ist das gleichzeitige Sein von Körper, Psyche (Seele) und Geist. Dennoch sind es drei ­unterschiedliche Aspekte des Seins aufgrund einer ge­­wissen Eigendynamik dieser drei Dimensionen. Körper, Psyche und Geist können in eine Divergenz kommen. Mensch sein heißt, im Spannungsfeld dieser Dimen­sionen sein zu können. • körperlich: zwischen Gesundheit und Krankheit (Schmerz) • psychisch: zwischen angenehm und unangenehm bzw. Lust und Unlust • geistig: zwischen Erfüllung und Leere bzw. ­ Hoffnung und Verzweiflung Körper und Psyche bilden die psychosomatische Ein­heit des Menschen und sind miteinander verwoben, das heißt, Gefühle, Affekte und Stimmungen erzeugen eine körperliche Resonanz. Umgekehrt ist die körper­liche Verfassung im psychischen Befinden gespiegelt. Das Gesamterleben von Körper, Seele und Geist bildet die Offenheit des Menschen zur Welt.

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Durch das Geistige ist der Mensch in der Lage, das Sinnvolle in seinem Leben in der ganzen ihm mög­lichen Offenheit zu erkennen und zu sehen: • Die Wahrheit als Grundlage der Entscheidung • Das Gute und Repräsentative des Lebens • Das Rechte / Stimmige als das vom Gewissen ­Geleitete Raum ist eine Voraussetzung für die Offenheit des Menschen gegenüber der Welt. Dem ästhetischen Raum kommt eine besondere Bedeutung zu, da dieser den Menschen mit Werten konfrontiert. Diese Zeit ist herausfordernd durch Einschränkung und Verzicht auf „Räume“. Die Wechselwirkung von Raum und Person ist dadurch vermehrt ins Be­­ wusstsein gekommen.

Johannes Rauch, geb. 1947, Psychotherapeut und Entwicklungshelfer, Feldkirch Vortrag 2017


max rieder die körper und der raum. der versuch einer re-konstruktion Der Urstoff des Raumes ist der WasserKörper. Der Urstoff des Körpers ist der WasserRaum. Körper und Raum sind nicht trennbar, also eine EINS – eine Art monadische Ganzheit. Diese Dualität, vergleichbar mit turbulentem und laminarem Wasser, wirkt dann in einem komplexen Vorgang: Wenn beide, dieses EINS von Körper und Raum in Resonanz geraten, können wir eine (sinnliche) Erkenntnis erhalten. Diesen Resonanzvorgang wahrzunehmen, bedarf es mehr als des Ich oder des Du, es bedarf des Wir. Das Wir hingegen, eine formulierte, gegebenenfalls vergäng­liche gemeinsame Gruppe von Ich und Du, also zumindest zwei, löst die sinnliche Erkenntnis „die körper und der raum“ aus. Bei StadtKörper und StadtRaum würde es ­bedeuten, dass wir eine RaumGestalt wahrnehmen müssen, um eine sinnliche Erkenntnis – einen ­Resonanzfall – auszulösen. Das Spezifische unserer gegenwärtigen BauKultur, nämlich die Omnipräsenz von autistischen (Bauwerks-)Solitären und einem undefinierten, neu­tralen, austauschbaren Dazwischen-Raum, löst k­ einen Resonanzfall aus. Die Rest- und ZwickelRäume, eine Art Abfall der Architektur-Objektkunst oder der Da­zwischen-(Ver­ kehrs-)Korridore, eine Art Abfall der nebeneinander, quasi parallel verlaufenden Expertendisziplinen, beherrschen mittlerweile unsere Umwelt­Räume. Mein, dein, ihr Leib („RaumKörper“) interagiert mit anderen Leibern. Die Lust am körperlichen ­In­teragieren ist in den gegenwärtigen Umwelten ­zugunsten des Interagierens mit Technologien und Apparaten ge­­wichen. Dies trifft im übertragenen Sinn auch auf die StadtKörper zu. So haben „Raum­-Körper“ nur mehr e ­ ingeschränkte Lust – kein Ani­mo mehr –, sich freiwillig in den „NichtRäumen“ unserer Städte selbsttätig – etwa ­fuß­läufig – zu bewegen. Er, Sie, Divers will lieber trans­portiert werden, als sich der Qual im (un)wir(t)(k)lichen Raum (RealReality) auszusetzen. Die ­physisch-wirklichen Räume, mannigfaltig wie Waldlichtung, Gründerzeitboulevard, Altstadtplatz und Gassen, Parkwiese, Heckenlabyrinth und ­Wasserrand, werden zu Sehnsuchts(t)räumen. Damit wird klar, warum wir von unseren Wohn­ sied­lungen und Traumeinfamilienhäusern Urlaub

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Max Rieder, geb. 1957, Architekt, Salzburg Vorträge 2007, 2012, Diskussion 2018

benötigen, Shopping als Zerstreuung kultivieren und zum Touris­ten werden (müssen). Arbeits­­stätten gar nicht ausgenommen. Wir haben uns angewöhnt, diese Sehnsüchte des RaumGestaltens zu ignorieren wie zu abstrahieren. Techniken der Smart-Welt (VirtualReality) sind nicht zuletzt so beliebt, weil RealReality so unerträgliches und austauschbares Irgendwie im Irgendwo geworden ist. Die potenzielle (soziale) Kunst der Architektur und Stadtplanung, nämlich Körper und Raum sinnlich zu­­sammenzubringen, wird wohl oder übel durch Vir­tualRealität ersetzt werden, oder? „Architektur ist eine soziale Kunst. Stadt ein soziales Kunstwerk.“ (maxRIEDER, 1998) Stills aus der Performance „der körper der stadt“, 15. 11. 2014, Wien, im Rahmen der Konzertreihe des Klangforum Wien und des Manifests „URBO KUNE“ von Jan Tabor zur Errichtung der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Europa.


arthur salner körper – raum

„Körper“ ist ein Begriff, der sich in sehr verschiedene Bedeutungen auffächern lässt, so ist ja auch in der Architektur von „Baukörpern“ die Rede. ­Primär betrifft die Thematik aber wohl den menschlichen Körper – unsere räumliche Hülle, die uns sozusagen in der Welt in Erscheinung treten lässt. Unsere Existenz (bedeutet ja ursprünglich „Hinausstehen“) ist in meiner Auf­fassung zuallererst raum-, natürlich auch zeitgebunden, bevor sie eine gesellschaftliche, soziale, politische wird. Diese Tatsache wird für mein Gefühl im Diskurs weitgehend ignoriert, auch wenn offenbleiben muss, ob und welche Bedeutung sie überhaupt hat. Als bildender Künstler fühle ich mich sehr auf meine Sinne, insbesondere die Augen angewiesen, und was ist damit fassbar? Ein Sprung in die Sprachwissen­schaft zeigt, dass die Worte sehen und wissen mit ihrem Stamm zusammenhängen, was ja bedeuten könnte, dass das Wissen ursprünglich anschaulich war. Vorausgesetzt, diese

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Arthur Salner, geb. 1956, Künstler, Innsbruck Ausstellung 2016

Komponente spielt immer noch mit, sind die Augen immer noch ein Instrument, das vom Er­ kennen nicht zu trennen ist. Es scheint mir unbestreitbar, dass der Raum eine alles eher als selbstverständliche Kategorie ist, sondern ­vielmehr ein Rätsel, das auf wissenschaftlicher Ebene bekanntermaßen die fortschrittlichs­ ten Denker der Astrophysik in Atem hält. In einem erweiterten Sinn denke ich, der „kosmische“ Raum kann gar nichts Fernes sein, er ist immer da, in jeder alltäglichen Si­tuation. So weit das hergeholt scheint – auch der Raum zwischen zwei Personen, die sich im Café u ­ nter­halten, ist letztlich „kosmischer“ Raum. Aber schmälert das oder erhöht es nicht vielmehr die Be­­deutung zwischenmenschlichen Kontaktes?


bruno sandbichler momente. quartiershaus grüner markt Angenommen, man könnte einen Moment in einem definierten Rahmen aufzeichnen, mit allem, was sich gleichzeitig ereignet, ohne Inszenierung, ohne Dreh­buch, genauso wie er stattfindet … Die vielen Szenen aneinandergereiht, quasi mit einem Zoom betrachtet, ein Mensch in einem Raum bei einer alltäglichen Tätigkeit. Alles Gezeigte kann sich theoretisch gleichzeitig ereignen und tut das auch t­ atsächlich in der einen oder ­anderen Form ununterbrochen. Die Ereignisse finden in räumlicher Nähe bei gleichzeitiger Trennung statt – Architektur – dies lässt Rückschlüsse auf die räumliche Organisation des Ortes zu. Die Reihung der Szenen ist zufällig und nicht in realer räumlicher Abfolge. So entsteht eine individuelle Erinnerung an eine imaginierte Architektur. Die Porträts sind als kurzes Video aufgezeichnet, was die übermittelbare Information wesentlich ­erweitert. Das Hochformat konzentriert sich auf den Menschen, seine sichtbare Erscheinung. Den Raum dahinter, davor, rundherum kann man mehr erahnen als erfassen. Die Wiederholung der Abfolge ist eine Fort­ setzung und bringt neue Informationen, zeigt den nächsten Mo­­­­­­ment – vertieft die Wahrnehmung und weist auf die Gleichzeitigkeit und Permanenz, den unablässigen Strom des Sich-Ereignens. Alle vorkommenden Personen wohnen, arbeiten, lernen im Grünen Markt am Hauptbahnhof in Wien, einem Quartiershaus mit gemischter Nutzung, das von einer Baugruppe (ca. 107 Personen), einer Schule (ca. 25 Personen), einer Behindertenwerkstätte (ca. 60 Perso­nen), einem Cocreationspace (ca. 12 Personen), einem Architekturbüro und mehreren Praxen (Ergotherapie, Sexualtherapie etc.) genutzt wird. An den Aufnahmen nahmen ca. 60 Personen, also gut ein Drittel der Nutzer*innen, teil. Alle waren einge­laden, sich in ihrer Lieblingssituation im Haus zu präsentieren.

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Bruno Sandbichler, geb. 1961, Architekt, Wien Vortrag 2017, „nimm 3“ 2019


lukas schaller alter jüdischer friedhof am wiener zentralfriedhof

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Lukas Schaller, geb. 1973, Fotograf und Filmemacher, Wien Ausstellung 2019/20


martin scharfetter soziale räume ohne reale orte

Meine Gedanken, dokumentiert durch den Ka­meraBlick des Smartphones, wandern über den Ein­­ ladungstext zur Ausstellung „Die Körper und der Raum“, dann über das mouse pad weiter in die ­virtuelle Gemeinschaft eines Zoom-Meetings, ­w elches einen kurzen Einblick in die am Bildschirm versammelten Privaträume der TeilnehmerInnen öffnet. Das Kameraauge wendet sich zu einem ­w eiteren Bildschirm und taucht in die Filmauf­ nah­me einer bewegten Menschenmasse bei einem Open-Air-Konzert ein. Nach kurzem Verweilen­ ­ver­lässt das Video die Szene und kehrt über die

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Computertastatur zurück an den Ausgangspunkt, zum bearbeiteten Textblatt. Den tragenden Hintergrund bildet die Tonspur, auf der beiläufig der Song „Save Yourself“ von Sharon van Etten läuft.

Martin Scharfetter, geb. 1972, Architekt, Innsbruck „nimm 3“ 2007 und 2011, „Vor Ort“-Gespräche 2010, 2011 und 2014


andreas schett musicbanda franui, quart heft für kultur tirol

Einmal spielte ich DJ. Der in Bozen lebende Architekt Christoph Mayr Fingerle – er verstarb plötzlich im Februar 2020 im Alter von 68 Jahren – feierte seinen 50. Geburtstag und lud mich ein, Platten aufzulegen. Wir feierten in dem von Clemens ­Holzmeister erbauten Hotel Drei Zinnen in Sexten. Gegen fünf Uhr morgens, als die Nacht graute, ­traten die letzten Gäste mit einem letzten Glas auf die große Terrasse des Hotels hinaus und blickten ins Fischleintal hinein, in den a ­ ufgehenden Tag. Durch die offene Terrassentür hörten wir Morton Feldmans „Triadic Memories“ – eine Augen­­­blicks­ musik, die sich auf Dauer in unser Gedächt­­nis ­einschrieb.

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Feldman soll auf die Frage, warum er Musik komponiere, geantwortet haben: Weil ich so traurig bin, dass Franz Schubert gestorben ist. Das kam mir als Erstes in den Sinn, als ich über den Zusammenhang von Orten und Klängen nachdachte. Morton Feldman, Triadic Memories (1981), Markus Hinterhäuser (Klavier), col legno music GmbH

Andreas Schett (Circus), geb. 1971, Kommunikationsdesigner und Musiker, Innsbruck „nimm 3“ 2008


lotte schreiber: skizze zu BELL VIE oder „you don’t have to live in these apartments to love graz. owning them will do.“

Durch den Ausbruch der Pandemie hat sich nicht nur das unmittelbar physische Verhältnis von ­Körper und Raum als Folgeerscheinung der Vor­ kehrungen zur Bekämpfung des Virus spürbar ­verändert, sondern sie hat auch die sozialen Ungleichheiten in unserer Gesellschaft verstärkt ans Licht gebracht. Selten zuvor wurde uns derart deutlich vor Augen geführt, dass Raum auf un­ serem Planeten nur begrenzt zur Verfügung steht und dieser mehr und mehr zu einem Luxusgut für wenige Privilegierte wird. Während sich in so ­manchen dicht besiedelten Stadtteilen mehrere Geschwisterkinder das einzige ihnen zustehende Zimmer in der Plattenbauwohnung fürs Home Schooling teilen mussten, erfüllten sich viele Wohlhabende den Wunsch nach der lang ersehnten Dachterrassenwohnung oder dem Zweitwohnsitz auf dem Land. Einer der großen „Pandemie-Gewinner“ ist die Immobilienbranche. Grundstückspreise steigen trotz oder gerade wegen der Corona-Krise weiter kräftig an, die Nachfrage nach Wohnraum als ­risikofreie Wertanlage ist ungebrochen.

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Unter diesen Vorzeichen entstand die Idee zum Film BELL VIE, der auf unterschiedliche Weise die Mechanismen betrachtet, durch die Wohnraum systematisch zur Kapitalanlage der Reichen wird. Er beleuchtet die Auswirkungen von S ­ pe­kulation mit Grund und Boden auf individuelle Schicksale sowie auf die Struktur ganzer Städte. Dabei ana­lysiert der Film die Sprache der Im­mobilien­ branche und verwendet sie als Ausgangs­material für ein­zelne Handlungsminiaturen, die g ­ emeinsam mit den beiden in Graz lebenden Schau­ spieler*innen Vera Hagemann und Klaus Meßner erarbeitet ­w erden.

Lotte Schreiber, geb. 1971, Filmemacherin und Künstlerin, Wien Ausstellung 2014


jonathan sergison (sergison bates architects) the old path between campora and monte

It is a sad fact that in contemporary life we spend too much time in front of screens and arguably as a consequence our sensory perception is diminished. And yet it is our ability to see, hear, smell, taste and touch that all together support our a ­ ctivities as ­creative people. One Saturday after­noon in early spring I recorded the sounds of the forest on the old path that leads from Campora to Monte, Castel San Pietro, Ticino, Switzerland.

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Like those moments when it is possible to see the night sky without light pollution reducing the ­spectacle, the sound of birds without human ­generated noise is so wonderful. The recording that forms my contribution to this exhibition is a record of a special moment where it was possible to listen to nature and bird song. It felt like the most wonderful gift.

Sergison Bates (Jonathan Sergison, Stephen Bates), Architekturbüro, London [GB] Vortrag 2008


snøhetta über präposition und großzügigkeit

Die Pandemie hat gezeigt, dass Kommunikation im ­virtuellen Raum zwar (mehr oder weniger) problemlos möglich, der Wunsch nach physischem Kontakt und Treffen aber stärker denn je ist. Diese Sehnsucht nach der Überwindung des „physical distancing“ wird auch den Wunsch nach der entsprechenden Umgebung für und die Wertschätzung des physischen Raums (wieder) steigern. Dies bestärkt uns in zwei wesent­lichen Aspekten, die unsere Auffassung und unser Ver­ständnis von „Körper und Raum“ definieren: die Kunst der Präposition und „generosity“ (Großzügigkeit). Architektur und Raumproduktion bedeuten für uns auch die Kunst der Präposition, die Kunst, den mensch­lichen Körper in Beziehung zum Raum und seiner Umgebung zu setzen. In der modernen Architektur gibt es eine lange Tradition des In­neren und Äußeren, aber es gibt wenig Diskurs über das Dazwischen, das Darunter oder das Darüber. Wir suchen immer das Auf, Unter, Neben, Da­ zwischen nicht nur als Fort­setzung des Raumes, sondern als Konstante, um Raum zu definieren. Bei der Oper können Besucher über das Dach des Gebäudes spazieren. Dieser neue öffentliche Raum definiert nicht nur das Verhältnis des Körpers zur direkten Umgebung, sondern auch das Verhältnis zur Stadt oder zum weiteren Naturraum neu. Solche (auch ungewöhnliche) Erweiterungen des Verhältnisses von Körper und (Stadt-)Raum werden in der Nach-Pandemie-Zeit eine wichtigere Rolle spielen.

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Ein zweiter wesentlicher Aspekt, der zusätzlich an Bedeutung gewinnt, ist „generosity“ (Groß­ zügigkeit). Unser Ziel ist es, Menschen nicht nur in Beziehung zum Raum zu setzen, der ihn umgibt, sondern sie zu inspirieren und zur Aneignung zu animieren, sei es als Individuum oder als Gruppe. Dies gilt für den Innenraum genauso wie für den öffentlichen Freiraum. Der konsumfreie, „zweckfreie“ Raum auf dem Dach der Oper bietet mit seiner Großzügigkeit eine Erwei­te­rung des Stadtraums. Gruppen erobern das öffentliche Dach genauso wie Individuen, die dort ihre Nische finden.

Snøhetta, Architekturbüro, Innsbruck | Oslo [N] Ausstellung 2017, „Vor Ort“-Gespräch 2015, Kjetil T. Thorsen: Vorträge 2008 und 2017


hannes stiefel mit roger connah o. t.

Wenn Raum zur E ­ rfahrung wird. Oscar Niemeyer, Geschlossenes Theater, ­Inter­nationales Messegelände, ­Tripolis, Libanon, seit 1963

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Hannes Stiefel, geb. 1967, Architekt, Wien „nimm 3“ 2010 und 2015, „Vor Ort“-Gespräch 2010, Jury Landespreis 2014


teresa stillebacher a different room „A Different Room“ erzählt von der Entfremdung in den v­ irtuellen Räumen und einer neuen Körperlichkeit der visuellen Medien. Die siebzig ver­meint­lichen Kuschel­tiere sind künstlich erzeugte Bilder, Produkte eines GAN (Generative Adversarial ­Networks), das mithilfe von „image synthesis“ die „Gene“ verschiedener Bilder miteinander verschmilzt und immer neue Arten kreiert. So ent­ stehen Bilder, die nur den Anschein haben, dass wir sie kennen. Erst beim genaueren Hin­sehen ­verrät sich die künstliche Intelligenz. Von einer „text-to-speech“-Software wird vorgelesen. Sie heißt Amy. Der Text bezieht sich auf das 1969 vertonte Klang­­kunst­w erk „I Am Sitting in a Room“ des Komponisten Alvin Lucier. Das Stück zeigt Lucier, wie er selbst einen Text erzählt und dann die Tonbandaufnahme in den Raum immer wieder zurückspielt und erneut aufzeichnet, bis dieser sich in Rauschen auflöst.

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Teresa Stillebacher, geb. 1981, Architektin, Innsbruck | Wien „nimm 3“ 2016


erich strolz mit ekehardt rainalter der arbeiter

„Die Gewohnheiten unseres Geistes sind auf ­Materie fixiert. […] Die Materie wird gestaltet, der Raum ist die Folge. Der Raum ist ‚Nichts‘ – eine bloße Negation des Körpers. Deshalb übersehen wir ihn ständig.“ (Geoffrey Scott)

Video: Betonschuh-Performance. Ekehardt ­Rainalter, 2019 für Nika Valeos Ausstellung „c o n c r e t e“, ESC Graz, 2011 Audio: verbesserte Version, Hintergrundmusik, Brttrkllr 2019

Wir sehen unsere Körper als Ausgangspunkte der Aus­dehnung unserer eigenen Welten. Wir träumen, ­denken, sprechen und handeln von diesem Punkt aus. Die eigene Welt ist dabei der eine Teil unseres Da­­seins. Der zweite Teil ist die Projektion, die von der Welt zu­­rückgeworfen wird – wie die Rückseite unseres Kopfes, die wir ohne Spiegel nie zu sehen bekommen. Dieser Spiegel ist eine Reflexion aus unserer gedanklichen Welt. Wenn wir denken, sprechen oder handeln, dann tun das auch „andere mit uns“. Unser Körper ist nie allein im Raum – ich denke an Tanzperformances von Pina Bausch. „Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich be­­wegen, sondern, was sie bewegt.“ (Pina Bausch)

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Erich Strolz, geb. 1959, Architekt, Innsbruck Vortrag 2015, „Vor Ort“-Gespräche 2017 und 2018


mario terzic AutoMobil Im September 1984 waren 38 Reisende zehn Tage mit dem Bus in Südfrankreich und Italien ­unterwegs. Am ersten Tag wählte jeder sich eines der von mir ­ent­w orfenen Kostüme aus. Die Reise sollte eine weitere Sicht auf Landschaften und Stätten unserer Kultur eröffnen. Die ­Reisenden waren Fi­guren füreinander und Forscher für sich selbst, sie spielten nicht Theater, sondern Wirklichkeit. Wir waren in Museen und Gärten, im Depot des Karne­vals von Nizza, auf dem Autofriedhof und im Fuß­ballstadium. Wir bewältigten Tagesfußmärsche auf den Mont Ventoux, quer durch Mailand und einen Land­ strich der Toskana. Wir kehrten zurück mit neuen Freundschaften, ge­­sammelten Objekten, Tausenden Fotos. Es ­blieben Aus­stellungen, Kataloge und Emotionen! Sie halten 37 Jahre danach immer noch an …

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Mario Terzic, geb. 1945, Objektkünstler und Landschaftsdesigner, Wien Vortrag 2015


the next ENTERprise – architects silent conquest

Wir lieben die lustvolle Üppigkeit des Barock, und wenn der Goldstuck zu tropfen beginnt, die Raum­ fluchten sich verflüssigen, dann transformiert sich der Repräsentationsraum in lebendige, an­eigenbare Architektur, wie wir sie uns vorstellen. Der barocken Repräsentationsarchitektur des Winter­palais stellen wir ein körperlich-haptisches Objekt gegenüber, das eine Interaktion der Besucher unter­einander und mit dem Raum ermöglicht. Das Objekt ist mit Wasser und Luft gefüllt und gibt Verformungen (z. B. durch das Anlehnen am Objekt) wie ein Wasserbett eins zu eins an andere „Lehnende“ und ans Wasser weiter. Das Licht eines Scheinwerfers reflektiert die Wasserbewegung an die Decke und übersetzt die Bewegungen in ein „interaktives Decken­gemälde“. Das Wasser wird mit einem „teuflischen Elixier“ dezent ergänzt. Ist der Besucher bereit, darin einzutauchen, tritt eine unterschwellige Sinnes­verstärkung ein, durch die Gewohnheiten überwunden werden können.

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Das Objekt ist mittig im Raum positioniert und ­ins­zeniert den Endpunkt der Raumabfolge als (mögliche) Endlosschleife („roundabout“). Duft von Yogesh Kumar. Silent Conquest. Eine ­mystische Begegnung. Basisnote: Kumkum (Element: Erde) Herznoten: Amber (erweckt den animalischen ­Instinkt in uns), Tonkabohnen (vanilleartige Note, sättigendes Gefühl, macht glücklich) Der Duft hat einen Körper und erweckt eine ­Sehnsucht nach mehr und mehr. Eine verführerische Magie … Installation / roter Salon Winterpalais Belvedere 26. 02.–31. 05. 2014

the next ENTERprise–architects (Marie-Therese Harnoncourt, Ernst J. Fuchs), Architekturbüro, Wien Vorträge 2009 und 2012, Ausstellung 2012, Marie-Therese Harnoncourt: Jury Landespreis 2008


wolfgang tschapeller raum-wesen Film Still: Ausschnitt aus „Unstable Bodies“, Projektnummer FWF PEEK AR 574, unter der Leitung von Wolfgang Tschapeller mit Christina Jauernik und Fabian Puttinger Liege ich z. B. auf einem Ruhebett, und schließe das rechte Auge, so bietet sich meinem linken Auge das Bild der folgenden Figur. In einem durch den Augenbrauenbogen, die Nase und den Schnurrbart gebildeten Rahmen erscheint ein Teil meines Körpers, so weit er sichtbar ist, und dessen Umgebung (Von dem bino­cularen Gesichtsfeld, das mit seiner eigenthümlichen Stereo­scopie jedermann geläufig ist, das aber schwie­ riger zu be­­schreiben und durch e i n e ebene Zeichnung nicht darstellbar ist, w ­ ollen wir hier absehen) nur teilweise und insbesondere ohne Kopf gesehen wird. Ernst Mach, Analyse der Empfindungen, 1886. 2 Um ein scharfes Bild zu erzeugen, muss Licht in einem zentralen Punkt der Retina zusammenlaufen. Schlangen können dies durch ein Verschieben der gesamten Linse im Verhältnis zur Retina m ­ ithilfe von Muskeln in der Iris. Harvey Lilllywhite, Perceiving the Snake’s World, 2014. 3 Die meisten Schlangen besitzen drei Sehpigmente und sind ­häufig zweifarbensichtig bei Tageslicht – sie sehen zwei Primär­farben anstatt drei wie es bei den meisten Menschen der Fall ist. … Schlangen, die sich zum Jagen untertags auf ihre Augen verlassen, wie zum Beispiel die gleitende, goldene Baumschlange Chrysopelea ornata … haben Linsen, die UVLicht blockieren … um schärfer sehen zu können. „Snake Eyes: New Insights into Visual Adaptations“ Molecular Biology and Evolution, Volume 33, Issue 10, October 2016. 4 Die Augen von Schlangen sind meist von einer durchsichtigen Kopfschuppe bedeckt, auch Brille genannt. „Visual Pig­ ments, Ocular Filters and the Evolution of Snake Vision“ Mole­ cular Biology and Evolution, Volume 33, Issue 10, October 2016. 5 Wenn ich jemanden anschaue, schaue ich auf die Augen, nicht auf den Mund oder einen Punkt an der Nase … Das Aug ist besonders, denn es wirkt, als wäre es aus einem anderen Material gemacht als das restliche Gesicht. Das Eigenartige dabei ist, dass wenn man versucht, das Auge möglichst präzise wiederzu­geben, riskiert man, genau das, was man versucht hatte darzu­stellen, zu verlieren. Nämlich den Blick. So zumindest scheint‘s mir. Alberto Giacometti: Ausschnitt aus einem Interview für den Film Alberto Giacometti von Ernst Scheidegger, Peter Munger und Jacques Dupin, 1966. 6 Ich hatte immer schon vermutet, dass ich fernsehe, anstatt zu leben. Andy Warhol, The Philosophy of Andy Warhol (From A to B and Back Again), 1975. Das ist nicht wie Fernsehen, es ist besser. Es ist Leben. Es ist ein Stück aus einem Leben. Unverfälscht und ungeschnitten – direkt aus der Gehirnrinde. Es ist, als wärst du dort, du tust es, du siehst es, du hörst es, du fühlst es. Lenny Nero in Kathryn Bigelows Strange Days 1995. 1

„Es ist eine Vorstellung von Raum, die sich von der Verankerung in der Ursprünglichkeit befreit. Es scheint ein Raum ohne Wurzeln zu sein, der ab ­initio coexistentiae entsteht – ausgehend von der gemeinsamen Bedingtheit in einem Zustand von Koexistenz. Anstatt eines vereinzelbaren Ursprungs hat dieses Raum-Wesen ein Selbst.“ (Vera Bühlmann, Klappentext für INTRA! INTRA! Towards an INTRA SPACE, 2021) „Bis dahin hatte das Haschisch schon gänzlich von Allals Geist Besitz ergriffen. Er lag da1 in reinem Ent­zücken, fühlte den Kopf der Schlange an dem seinem und dachte an nichts als daran, dass er und die Schlange beisammen waren. Die Muster, die hinter seinen Augenlidern entstanden und verschwammen2, schienen jenen auf dem Rücken der Schlange zu g ­ leichen. Ab und an wirbelten sie allesamt in starker, wilder Bewegung hoch und ­zerfielen in Bruchstücke, die sich rasch zu einem großen gelben Auge formten, dessen Mitte die schmale senkrechte Pupille s­ paltete, die im Takt seines Herzens pulsierte. Dann verschwand das Auge hinter dem Wechselspiel von Schatten und Sonnenlicht3, bis nur noch die Schuppen­muster4 ­blieben, die mit neuem Drang wimmelten, verschmolzen und sich spalteten. Schließlich kam das Auge zurück5, nun so riesig, dass es randlos war und die Öffnung der erweiterten Pupille beinahe breit genug, um ihn aufzunehmen. Er starrte in ihr Dunkel und fühlte, dass es ihn langsam zu der ­Öffnung6 hin trieb. Er streckte die Hände nach der glatten Augenoberfläche zu beiden Seiten, und da spürte er den Sog aus dem Inneren. Er glitt durch den Spalt und wurde von der Dunkelheit verschluckt.“ (Paul Bowles, Allal, 1983)

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Raum-Wesen

Wolfgang Tschapeller, geb. 1956, Architekt, Wien „nimm 3“ 2008 und 2015, Vorträge 2009 und 2013, Jury Landespreis 2010

die körper und der raum


dieter tuscher: das krematorium im waldfriedhof zu stockholm SKOGSKYRKOGÅRDEN 1917 – 1940

Ein bedeutendes Beispiel für die Verschmelzung von Architektur und Kulturlandschaft. Besichtigung bei einem Stockholm-Besuch im Jahr 2008. 1915 wurde ein internationaler Wettbewerb zur Gestaltung des Friedhofs für den südlichen Teil der Stadt Stockholm, Enskede, ausgeschrieben. Der 1. Preis wurde den Architekten Gunnar Asplund (1885 – 1940) und Sigurd Lewerentz (1885 – 1975) zuerkannt. Dabei sahen die Regeln vor, dass die Gewinner einen klaren und möglichst einfach strukturierten Plan vorlegen mussten, der keine größeren Eingriffe in die Landschaft vorsah und vor allem auch würdevoll genug für einen Begräbnisplatz sein sollte. Die notwendigen Gebäude sollten zu einer Ensemblebildung beitragen. Beide Architekten führten durch ihre Bauten, Ausstellungsbeteiligungen und dergleichen vom Klassizismus und Funktionalismus zur Modernen in Schweden. Für die Realisierung von 1917 bis 1940 übernahm Sigurd Lewerentz die Landschaftsplanung und Gunnar Asplund die baulichen Anlagen. Der Haupteingang führt über einen leicht an­ steigenden Weg entlang einer Mauer bei zwei ­kleinen Krematorien mit begrüntem Vorhof vorbei bis zur großen überdachten Kolonnaden-Vorhalle mit anschließender Kapelle und Krematorium. Begrenzende Mauern und Baukörper sind mit hellem Travertin verkleidet. Vor den Gebäuden wurde ein Weg angelegt, der in einem großen Bogen zu den Gräbern in den ­anschließenden Wäldern führt. Einen weiteren Weg konzipierte Sigurd Lewerentz so, dass er, von Ulmen begrenzt, zu einem künstlichen Hügel führt

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Dieter Tuscher, geb. 1939, Architekt, Igls „Vor Ort“-Gespräch 2010, „nimm 4“ 2020

(Meditationslund). Nahe bei den Gebäuden be­ finden sich ein Teich, eine Begrenzungsmauer zur Aufnahme von Urnen sowie das große Granitkreuz von Gunnar Asplund. Die Anlage ist 108 Hektar groß und wird heute auch als Erholungsraum angenommen. Sie kann durchaus als „Land Art“ bezeichnet werden. Auf diesem Waldfriedhof spielt die Natur die wichtigste Rolle, nicht die Grabstätten. Die Anordnung der Gräber erfolgt mit kleinen Hügeln, eingelegten Steinplatten im Rasen und bescheidenen Grab­ steinen. Damit wurde die nordische Tradition der Zusammengehörigkeit mit der Natur aufgegriffen. Die Anlage ist seit 1994 UNESCO Weltkulturerbe.


rens veltman außerkörperlich durch die löcher des netzes fliegen, 2021

Zweiteiliges Objekt (Kopf 1: „Homer“, Kopf 2: „Die Fliege“) Material: Ahornholz Der Titel bezieht sich auf einen Aufsatz von Werner Zurfluh in „Der Wissenschaftler und das Irrationale“, Bd. 1: Beiträge aus Ethnologie und Anthropologie, hg. von Hans Peter Duerr, Frankfurt a. M. 1981, S. 473 – 504.

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Rens Veltman, geb. 1952, Künstler, Schwaz Ausstellung 2013/14


peter volgger regeln für faltwerke

vorher

nachher

Das Hemd ist eine Schnittfläche zwischen Körper und Raum. Wer es sorgfältig gefaltet in den Kasten legt, stimmt damit überein, dass die Welt eine ­Ordnung hat. Das gefaltete Hemd gehört zu den anspruchsvollen Faltwerken. Schon die erste Falte enthält den Verweis darauf, dass alles in allem ­irgendwie „eingefaltet“ ist. Der Hemdenfalter folgt dem unerschütterlichen Wissen um die richtige Form. Mit dem australischen Zahnlaubenvogel (scenopoetes dentirostris) teilt er die Eigenschaft, mit seinem Werk auf die Bühne zu treten, einem metaphysischen Ort, denn niemand weiß ja, wo das Falten aufhört. Zuerst also das Hemd aus­ breiten und glattstreichen, auf die Vorderseite ­drehen und die Seiten samt Ärmeln ein Drittel zur Mitte einfalten, dann einmal in der Mitte zusammenlegen. Mit klaren Regeln lässt sich der Zukunftsoptimismus pflegen. In den Vorher-nachherBildern wirkt die heilende Kraft des Denkens, dass sich alles zum Guten wende. Zurecht stehen sie in der Tradition des Andachtsbildes, aber nichts entlässt einen in ihre Routine.

Wenn wir nämlich Angst haben vor dem Unlös­ baren, wenn wir uns zu klein fühlen vor der Größe des Problems, dann siegt die Angst. Dann ist die Angst selbst die Handlung. Wenn es stimmt, dass die Falten in der Seele den Faltungen der Materie ähneln, dann braucht man keine Fragebögen mehr über Lebenseinstellungen auszufüllen … die zerzausten Haare, die Unmöglichkeit, das Scheitern, die Zeichen dafür sind offensichtlich. Der Blick auf das Hemd offenbart das ABC des Verfalls, des schleichenden Verlusts, der Kontrolle, des Mensch­ lichen ... War es am Ende der Körper, der fliehen musste vor diesem ungnädigen Körperbesatz? Ein Hemd, das nicht mehr gefaltet ist, sondern faltend wird, was ist das? Grenzenlos? Animalisch? Kindlich? Anders? Dass das Leben am Leben bleibt, daran ist kein Zweifel, aber es kann mit leichter Hand andere Formen annehmen als die mensch­ liche. Bis es irgendwann zum totalen Lockdown kommt.

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Peter Volgger, geb. 1970, Architekturtheoretiker, Innsbruck Ausstellung 2018


elias walch der ort und die nase

Gleich vorweg – die Tontöpfe sind es nicht, die hier eine Verbindung zwischen diesen beiden Orten ­herstellen. Seit nun schon mehr als einem Jahr hat sich unser aller Leben verändert. An jenem Tag, an dem die Erde stillstand und uns vermittelt wurde, dass wir beim Verlassen des Hauses sterben würden, da hat sich ohne Zweifel etwas verändert. Und als sich herausstellte, dass die Sache mit dem raschen Tod doch nicht sofort und unmittelbar eintritt, da fuhren wir doch auch gerne wieder weit weg in den Urlaub – diesmal Toskana. Vielleicht haben Sie ja auch schon einmal dieses Gefühl erlebt: Eine lange Autofahrt in brütender Hitze, das Auto stark heruntergekühlt. Entlang der Zufahrt zu einem Weingut wird noch einmal viel Staub aufgewirbelt auf den erdigen Straßen. Endlich angekommen, fährt einem beim Öffnen der ­Autotür diese trockene Hitze ins Gesicht, ein ganz bestimmter Geruch steigt in die Nase.

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Ein paar Wochen später, Altweibersommer und Hitze­tage – auch in Innsbruck. Beim Betreten der Terrasse dann dieser bekannte Geruch. Wilder ­Rosmarin. Wie in der Toskana. Die Erinnerung daran – schön. Wir treffen uns immer noch, weil wir das brauchen. Und wie froh wir sein können, dass es die technischen Hilfsmittel für virtuelle Konferenzen und Treffen gibt. Wir sehen uns und wir hören uns. Was mein Bild­schirm allerdings nicht ausspuckt: Gerüche. Nun müssen die Gerüche einer direkten Be­ gegnung keineswegs nur angenehm sein – und dennoch fehlen sie. Sie helfen uns, Situationen ­einzuordnen, Orte zu verstehen, Gefahren zu ­er­kennen. Gerüche erinnern an Vergangenes und ­bereiten vor auf Kommendes. Über die räumliche Verknüpfung von Orten und Räumen durch die Nase.

Elias Walch (he und du), geb. 1985, Architekt, Innsbruck Mitglied aut: forum


lois weinberger: 37 zellen, modell für ein wohnhaus, 1998 / 99, ­insektenhaus, lupe

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Lois Weinberger, 1947 – 2020, Künstler, Wien Ausstellung 2007


günter richard wett in einer längst vergangenen zeit im jahr 3 vc (vor corona)

als DJ BAUMANN

architektInnen und zivilen ingenieurInnen solange einheizte bis selbst der statischste statiker seine statik verlor da war wohl sommerfest im haus der musik ausgedacht von columbosnext und teresa stillebacher oh heiliger corona lass doch wieder sommer werden

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Günter Richard Wett, geb. 1970, Architekturfotograf, Innsbruck Ausstellungen 2009 und 2014, Vortrag 2009, Fotograf der Ausstellungen im aut seit 2014


roland winkler bildakkord

Ein Ton ist keine Musik. Ein Signal vielleicht. Ein Ruf. Nicht in Beziehung gestellt zu einem zweiten Ton kann er keinen Umstand ausdrücken, kein Verhältnis, nur sich selbst. Zwei Töne ergeben ein Intervall. Passen sie zusammen, ist es ein harmonisches, ­folgen sie aufeinander, ein melodisches ­ Intervall. Ein Klang. Musik entsteht. Musik als Ausdruck der Beziehung zweier ­Ein­heiten. Nicht harmonisch, bleibt es ein Geschrei – ein ­zusammenhangloses Nebeneinander, Durch­einander.

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Zwei Bilder übereinanderzulegen, ergibt meist Durcheinander, ein Chaos. Bisweilen ergeben zwei Bilder wiederum eine ­Einheit. Einen Klang. Es sind nicht nur die Farben, es sind auch die ­Geometrien, die Fluchten, die unterschiedlichen Räumlichkeiten, die sich ergänzen oder abstoßen. Manchmal kommunizieren sogar die Inhalte ­miteinander. Zwei Bilder komponieren sich zueinander. Fingerübung. Ein Suchen. Bilder finden, die völlig unabhängig voneinander entstanden sind, gemeinsam aber eine Beziehung aufbauen, miteinander zu einer dritten, eigenen Geschichte verschmelzen. Die Eigenschaften verweben. Musik. Wie ein Haus in eine Landschaft stellen …

Roland Winkler (WINKLER + RUCK), geb. 1965, Architekt, Klagenfurt am Wörthersee Jury Landespreis 2016


manfred wolff-plottegg plottegg bügelt die 2. haut | plottegg bügelt den raum

Extreme Ironing bügelt alles: die Falte bei Gilles Deleuze, die gefaltete Zeit bei Michel Foucault / Michel Serres. Diller & Scofidio bügeln extrem gut. Extreme Ironing bügelt überall: am Surfbrett oder in der Felswand hängend und Plottegg bügelt an der TU in Wien gegen das Paradigma der ­Funktionstrennung > Hybrid Architektur & Hyper Funktionen: am anderen Ort, in anderer Ver­ wendung. Nach dem Trennen und Einschachteln nun Überlagerungen ohne Grenzen und das ­Steuern von simultanen Funktionsabläufen. Bügelmaschine oder Rasenmäher, ausbügeln oder ­niederbügeln: Der Raum ist nicht Funktion der Archi­tektur, der Raum zuckt. Egal ob erste, zweite, dritte oder vierte Haut oder überhaupt

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„die Körper Raum Beziehung“ – alles muss ­ge­bügelt werden. Und der sechste Sinn bügelt im Hirn, und das ist mehr als Schwerarbeit. ­Dissidentes Bügeln ist disruptives Planen.

Manfred Wolff-Plottegg, geb. 1946, Architekt, Graz Gespräch 2006, Vortrag 2008


karl wutt gyantse 07 07 01

Einmal nahm ich an einer Exkursion nach Tibet teil, deren Hauptsache für mich im Grunde in einer ­einzigen günstigen Stunde lag, der ich eine FotoSerie über das Streetlife der Stadt Gyantse verdanke. Dort sah ich gesellige Menschen, die sich frei auf kleinem Raum bewegten, so vielen ­Geschäften nachgingen, und nicht liefen, um zu ­laufen – im genauen Gegensatz unserer zwang­ haften Busfahrt übers Dach der Welt, von d ­ essen Traufe wir in den Regen kamen, der uns endlich aufhielt. Die besagten Fotos erzählen von „Leuten ­unterwegs“, die ich damals mehr einfing als richtig sah, bis sie in der Dunkelkammer aus der Ent­ wicklerschale ­wieder auftauchten, anders als ich

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sie in der bloßen Erinne­rung hatte. Und es gab Phantome darunter, an die ich mich gar nicht ­er­innern konnte, zum Beispiel der l­aufende Junge in Generalsuniform, als hätte ich sie gar nicht ­gesehen. Diese abgedunkelte Zwischenzeit ­zwischen Sehen und Wiedersehen in einer anderen Welt ist der analogen Fotografie eigen. Es handelt sich um eine Serie, für die ich 4 Schwarz-Weiß-Filme zu 36 Aufnahmen (Kodak TMX, TMY, TMZ) innerhalb von vielleicht einer Stunde belichtete. Auf­genommen von einem Hotelzimmer mit Blick auf die Straße. Es war im späten Streulicht eines Vor­abends, und ich musste schnell sein, bevor es dunkel war.

Karl Wutt, geb. 1943, Architekt, Ethnologe und reisender Forscher, Wien Ausstellung 2008


cino zucchi a cat on a catilina As dogs can hear sounds beyond the limits of our audible range, cats can understand space and take possess of it in ways yet unseen. After centuries of civilization, the place in which we still feel better is one which embraces and ­protects our back and let us gaze over a panorama; be it the view of Capri’s Faraglioni from the rooftop of Casa Malaparte, the busy crowd walking in St. Germain-des-Prés from a table of Les Deux Magots or just kids playing in a beloved “domestic land­ scape” from our favourite armchair. But the “good manners” prescribing us how to sit ­properly in the “salotto buono” often pre­ vent­ed us from exploring all the variations between posture and comfort; and Henry Dreyfuss’ anthropometric standards transformed us into ordered crash test dummies with hinges drawn on our body joints. Protection, control of the enemy and of the ­w eather, a pleasant visual background, a set of furniture “servants” created to ease our life: this is what we asked of our house until “Functionalism” established a one-to-one correspondence between objects and behaviour in the attempt to enact a real “social engineering” through the design of space: for years we have been forced to sleep in a bedroom, cook in a kitchen, wash in a bath­ room, eat in a dining room. The rather famous picture of Luigi Caccia ­Dominioni sitting on the Catilina chair he designed shows us how its upper oval metal plate – which a simple ninety-degree twist metamorphs it from an armrest to a backrest – can give for a moment to his and our body the noble poise of an ancient Roman senator. But my grey cat indolently stretching its body on its soft felt-lined cushion can certainly teach us new freedoms. “Cats are the connoisseurs of comfort” once stated James Herriot; they are in fact the most qualified to suggest a happy end to Searching for Comfort in an Uncomfortable Armchair (Domus 202 / 1944), the witty photographical sequence through which Bruno Munari asks for a revision of the stiffness embedded in the design practices of his times.

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Cino Zucchi, geb. 1955, Architekt, Mailand [I] Vortrag 2008

Better than a dowser or a Feng Shui diviner, c­ ats ­intercept the invisible forces that relate archi­ tectural space to our body, helping us to understand better the hidden orbits of uncanniness and well-being flowing in our daily environment.


vom „haus enzian“ zu „die körper und der raum“ kommentare und einblicke zu einem thema ...

Mit dem „Haus Enzian“ lud das Architekturforum Tirol 1999 erstmals Architekt*innen und Künstler*innen aus dem Inund Ausland zu einem Ausstellungsprojekt ein. Es folgten nach ähnlichem Konzept die Ausstellungen „ex libris“, ­„sketches“, „genius loci“, „einfach alltäglich“ und aktuell „die körper und der raum“.

haus enzian. 70 kommentare zu einem thema 1999 wurden 106 Architekt*innen und Künstler*innen aus

dem In- und Ausland eingeladen, einen Kommentar zum oder über das Modelleisenbahn­haus „Haus Enzian“ ­abzugeben. 71 Objekte wurden retourniert, in einer ­Ausstellung präsentiert und im Rahmen einer Finissage ­versteigert. Ausstellung von 9. bis 23. September 1999 Publikation erschienen 1999 vergriffen, pdf-file auf www.aut.cc

ex libris

Bücher prägen Architekt*innen und Künstler*innen, sind Weg­ begleiter, Impulsgeber und zentrale Vermittlungs­instanzen innerhalb der Diskussionen über Raum und Architektur. 56 Architekt*innen und Künstler*innen aus ganz Europa ­stellten die für sie wichtigsten Bücher zur Verfügung und boten einen Einblick in mentale „Hintergrundbiblio­the­ken“. Ausstellung von 22. Feber bis 5. April 2002 Liste der Bücher (pdf-file) auf www.aut.cc

sketches. skizzen zu architektur und tirol 79 österreichische und inter­nationale Architekt*innen

s­ tellten für diese Ausstellung ihre Entwurfsskizzen bzw. ­ma­te­rialisierten Ideen zur Ver­fügung und machten so die Ent­stehungs­bedingungen von Architektur und die ­ dahinter­liegende kreative Kraft sichtbar. Die S ­ kizzen ­ wurden ­ver­steigert, der Erlös kam der Ausstattung des aut im Adambräu zu Gute. Ausstellung von 29. Jänner bis 12. März 2004 Kurzdokumentation (pdf-file) auf www.aut.cc

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genius loci. vermessungen zu architektur und tirol

Orte und Bauwerke prägen Menschen und wirken am ­Denken über Architektur und Raum mit. Sie sind Wegbe­ gleiter, Impulsgeber und Orientierungspunkte innerhalb der Architekturdiskussion. 95 Architekt*innen aus Tirol haben für diese Ausstellung das Land ver­messen und ihre persönlichen „genius loci“ mit Hilfe selbst angefertigter ­Fotografien präsentiert. Ausstellung von 5. Mai bis 16. Juni 2007 Publikation erschienen 2008 im Eigenverlag 104 Seiten, zahlreiche Farb- und s/w-Abbildungen ISBN 978-3-9502621-2-4 EUR 15,00

einfach alltäglich. über gegenstände und ihre geschichten

Unser Leben ist geprägt von gestalteten Gegenständen, die unser Alltagsleben durch ihre Funktionalität erleichtern und mit ihrer Ästhetik bereichern. Die Ausstellung ver­ sammelte solch „einfach alltägliche“ Gegenstände, zur Verfügung gestellt von 138 Architekt*innen, Grafiker*innen, Designer*in­nen, Künstler*innen und Theoretiker*innen, die in den vorangegangenen zehn Jahren zum Programm des aut beige­tragen haben. Ausstellung von 3. März bis 3. Juni 2017 Publikation erschienen 2017 im Eigenverlag 168 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen ISBN 978-3-9502621-6-2 EUR 19,00

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impressum

Herausgeber: aut. architektur und tirol Redaktion: Cam nhi Quach, Arno Ritter, Marina Treichl, Claudia Wedekind Grafik, Satz: Claudia Wedekind Lektorat: Esther Pirchner Cover: Walter Bohatsch Druck: Alpina Druck, Innsbruck © 2021 bei aut. architektur und tirol und den Autoren Lois Welzenbacher Platz 1 6020 Innsbruck www.aut.cc ISBN 978-3-9502621-8-6

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet die Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, detaillierte ­bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar

bildnachweis

David Amort S. 102 unten | Architekturzentrum Wien, Sammlung, Foto: Margherita Spiluttini S. 65 | Badische Zeitung S. 93 | Tom Bause S. 55 unten li. | Adolf Bereuter S. 20 | ­Mikael Bergquist S. 66 | Giulia Bruno S. 51 | Laurent Burst S. 28 | Barbara ­Eibinger S.  57 | Joe Feichtinger S. 39 | ­Susanne Hallmann / City Museum of Stockholm S. 123 | Hertha Hurnaus S. 77 unten | Anton Karg S. 102 oben | ­Hermann Kastner (1963) S. 63 | Lukas Klestil S. 103 mitte re. | Gunnar Meier S. 87 oben | Zita Oberwalder S. 86 | Arno Ritter S. 103 oben | Lukas Schaller S. 121 li. | ­Nikolaus Schletterer S. 4 unten, S. 34 oben li., S. 74, S. 85 unten re., S. 103 unten li., S. 121 re., S. 124, S. 127 unten, S. 129 | Helge Sommer S. 38 | Claudia Wedekind S. 52 | Günter Richard Wett S. 4 oben, S. 6 – 10, S. 44, S. 45, S. 83, S. 109 | Walter Zimmeter S. 55 oben | alle anderen Fotos von den Autor*innen

mit freundlicher unterstützung von


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