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DONNERSTAG, 16. JUNI 2011

Wechselspiel von Gut und Böse

„Jackie und Hyde“ im Freilichttheater Ulm Die Novelle von Robert Luis Stevensons um das schaurige Doppelleben des Dr. Jekyll aus dem 19. Jahrhundert stand schon Pate für zahlreiche Adaptionen in der Literatur und auf der Bühne. So nahmen sich auch Mareike Jonas und Wolfgang Neruda des spannenden Thrillers an. Im Gegensatz zur Originalversion und deren Thematisierung der Doppelmoral in der aufkommenden Industrialisierung stellt das Stück „Jackie und Hyde“ die Frage, ob es legitim sei, einige Leben zu opfern, um Tausende zu retten. Derzeit ist es in einer Inszenierung des „Theaters in der Westentasche“ im Grünen Hof zu sehen. Schlüsselfigur der Handlung ist die ehrgeizige Forscherin Jaqueline Heinrich. Schauspielerin Michaela Kampka meistert gekonnt die anspruchsvolle Doppelrolle von Gut und Böse. Sie entfesselt im Selbstversuch das Wesen der Evelyn Hyde. Regisseur Thomas Dentler überzeichnet bunte Figuren für das Stück, die vor gewohnt kargem Bühnenbild in die Falle der männermordenden Forscherin tappen. Zum finalen Showdown richtet sich Dentler jedoch an sein Publikum. Dabei klagt er den Egoismus unserer Ellenbogengesellschaft an und stellt gleich im Anschluss die Frage, ob es doch gerade unsere durchsetzungsstarken Vorgänger waren, die das Überleben der Steinzeitmenschen ermöglichten. Sei es legitim, wenn ein Soldat tötet, um einen mutmaßlichen Selbstmordattentäter zu stoppen? Letztlich fragt er, wie unverrückbar die Maßstäbe unserer Gesellschaft sind. (anbr)

O Weitere Aufführungen am 17., 18., 24. und 25. Juni sowie am 1. und 2. Juli, jeweils um 20.30 Uhr.

„Die Buhlschaft ist nun mal kein vertrocknetes Mauerblümchen“ Interview Die Schauspielerin Christine Neubauer über ihre Rolle im „Jedermann“, der am 14. Juli bei den Sommerfestspielen im Wiblinger Klosterhof zu sehen ist Neu-Ulm/Wiblingen Keine Schauspielerin ist so oft im deutschen Fernsehen zu sehen wie Christine Neubauer. Dass sie inzwischen weit mehr ist als das „Vollweib“, hat die 49-Jährige zuletzt unter anderem als Nonne und Privatsekretärin des späteren Papstes Pius XII. in „Gottes mächtige Dienerin“ gezeigt. Bei den Sommerfestspielen im Wiblinger Klosterhof ist sie am 14. Juli aber in einer der Paraderollen praller Weiblichkeit zu erleben: Christine Neubauer spielt die Buhlschaft in der „Jedermann“-Inszenierung von Peter Willy Willmann. Mit der NUZ sprach sie im Vorfeld am Telefon. Frau Neubauer, der „Jedermann“ ist einer der deutschsprachigen Bühnenklassiker. Wie sah Ihr erster Kontakt mit dem Stück aus? Christine Neubauer: Mein erster Kontakt war ganz klassisch in Salzburg. Damals habe ich als junge Schauspielerin mit Helmuth Lohner gedreht, der damals den Jedermann gespielt hat. Er hat mich eingeladen.

„Unsere Inszenierung ist an allen Spielorten erfolgreich“ Christine Neubauer

Die Salzburger Festspiele und der „Jedermann“ gehören untrennbar zusammen. Warum ist die „Jedermann“-Aufführung, bei der Sie in Wiblingen mitwirken, trotzdem eigenständig und relevant? Schließlich spielen die Akteure sogar in Originalkostümen aus dem Salzburger „Jedermann“ von 1959. Neubauer: Unsere Inszenierung ist an allen Spielorten erfolgreich. Ursprünglich war die Aufführung ja nur für Schloss Emmeram in Regensburg gedacht. Doch weil die Nachfrage so groß ist, spielen wir den „Jedermann“ in unserer Fassung seit mittlerweile acht Jahren. Das war so nicht geplant. Dass so viele Menschen unseren „Jedermann“ sehen wollen, zeigt, dass er relevant ist.

dem Theater und seiner Sprache. Ich genieße den Kontakt mit dem Publikum. Natürlich bringt aber das Versmaß eine komplett andere Arbeitsweise – und die Herausforderung, die Verse in einen normalen Sprachduktus zu überführen. Es geht darum, die Sprache mit Leben und Natürlichkeit zu erfüllen. Die Buhlschaft wurde auch in Salzburg immer wieder von prominenten Schauspielerinnen wie Senta Berger oder Veronica Ferres übernommen. Worin liegt der Reiz dieser Rolle? Neubauer: Die Buhlschaft ist eigentlich eine eher kleine Rolle – aber eine mit viel Tradition. Die Buhlschaft ist eine Metapher, ein Sinnbild einer speziellen Sorte Frau, die auch nicht ohne Kritik dargestellt wird. „Das Vollweib stahl allen die Schau“ schrieb vor Jahren ein Kollege über die Inszenierung. Seitdem sind Sie als Fernsehschauspielerin noch erfolgreicher und vor allem vielseitiger geworden. Haben Sie 2011 einen anderen Bezug zur „Buhlschaft“? Neubauer: Natürlich entwickelt man sich immer weiter. Aber die Buhlschaft ist, wie sie ist. Ich bin eine Verfechterin der Idee, eine Rolle so zu belassen, wie sie sich der Autor gedacht hat. Der „Jedermann“ entstammt einer Zeit voll Opulenz und Lebenslust. Die Buhlschaft ist nun mal kein vertrocknetes Mauerblümchen. Im „Jedermann“ geht es um einen egoistischen Kapitalisten, der im Angesicht des Todes zur christlichen Nächstenliebe bekehrt wird. Eine aktuelle Botschaft auch in unserer Zeit? Neubauer: Das ist sicher ein Aspekt, der die Zuschauer immer wieder zum Nachdenken anregt – obwohl das Stück bereits 100 Jahre alt ist. Jeder Mensch steht irgendwann vor der Situation, dass ein Strich unter seine Rechnung gezogen wird. Dieses Thema verliert nie an Aktualität und bewegt nach wie vor. Interview: Marcus Golling

Michaela Kampka meistert gekonnt die Doppelrolle von Gut und Böse. Foto: anbr

Premiere für „Schneiderlinge“ Ulm „Die Schneiderlinge von Ulm“, ein Figuren-Dokumentarfilm über die Faszination des Fliegens für die ganze Familie, feiert am Freitag, 17. Juni, im Stadthaus Premiere. Geschrieben und gedreht wurde der Film von dem Ulmer Künstlerpaar Mark Klawikowski und Ritti Soncco. Soncco war für Kamera und Schnitt zuständig, Klawikowski für das Figurenspiel, die sieben Figuren baute er selbst, auch das Modell der Stadt Ulm aus dem Vorspann schuf das Künstlerpaar selbst. Für Musik, Animation, Sound Mastering waren Ulmer Künstler wie Jonas Dorn oder Andreas Usenbenz zuständig. In dem Film geht es um Herrn Schneider, einen leidenschaftlichen Erfinder und großen Bewunderer von Albrecht Berblinger. In Begleitung von vier Kindern besucht er den Tiergarten Ulm, den RC Modellfliegerclub Ulm/Neu-Ulm und den Zirkusverein Serrando, um mehr über das Fliegen zu lernen. Die Filmpremiere wird von einer Ausstellung der Filmkulisse begleitet. Nach den Filmvorführungen werden die Filmemacher eine Führung durch die Ausstellung geben. Making-Of-Videos erlauben einen weiteren Blick hinter den Kulissen. Vorführungen sind um 16 und 20 Uhr, der Eintritt ist frei. (az)

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Feuilleton regional

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Zu eigen ist dem „Jedermann“ die bewusst altertümliche Verssprache. Wie überwindet man als Schauspielerin die Distanz zu dieser künstlichen Sprache? Neubauer: Auch ich habe meine Karriere auf der Bühne begonnen, insofern habe ich genug Erfahrung mit

O „Jedermann“ nach Hugo von Hoff-

mannsthal am Donnerstag, 14. Juli, um 20 Uhr im Klosterhof Wiblingen. Karten für diese und die anderen Veranstaltungen der dortigen Sommerfestspiele gibt es beim Ticketservice der Neu-Ulmer Zeitung, Telefon (0731) 7071-44.

Als Buhlschaft im „Jedermann“ bald im Wiblinger Klosterhof zu erleben: Christine Neubauer. Foto: agt

Der „Jedermann“ und seine Geschichte ● Das Stück „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ von Hugo von Hofmannsthal erlebte seine Uraufführung 1911 in Berlin. Seit 1920 ist es jährlicher Bestandteil der Salzburger Festspiele. ● Das Drama ist inspiriert von frühmittelalterlichen Mysterienspielen. Im Zentrum des Stückes steht der reiche und geizige Jedermann, der auf einem Fest, das er gemeinsam mit seiner Buhlschaft besucht, plötzlich Besuch vom Tod bekommt. Im Angesicht seines Endes kehrt Jedermann um – und erfährt doch noch die Gnade Gottes.

Wie von Kinderhand Galerie Schrade Irene Fastners vordergründig naive Malerei Ulm Deutlicher könnte der Gegensatz nicht sein: Nach den altmeisterlichen Akten von Pavel Feinstein zeigt die Galerie Tobias Schrade im Fischerviertel in ihrer neuen Ausstellung „Bilder, Menschen, Tiere“ plakative, naiv wirkende Malerei der Münchner Künstlerin Irene Fastner. Doch sind die verspielt wirkenden Bilder keineswegs kindliche Schmiererei. Irene Fastner, geboren 1963 in Zwiesel, studierte an der Münchner Akademie und gehört bereits seit 2000 zum Künstlerstamm von Schrade. Sie orientiert sich an naiver alpenländischer Malerei, setzt aber auch die Tradition der „Art Brut“ fort, die Kinder und Laien zu Künstlern machte. Auch Fastner stellt ihre Figuren, überwiegend Frauen, in Frontalperspektive dar, Proportionen, Farbgebung und räumliche Darstellung sind frei von jeglichem Realismus. Doch sie erzählen surreale Geschichten, persönliche Erlebnisse der Malerin, die der Betrachter aber selbst entschlüsseln muss – und die oft auch unter der Oberfläche verborgen sind. Fastners Gemälde entstehen in langen Malprozessen, in denen die Leinwand immer wieder

übermalt wird. Manchmal sind in Schemen noch andere Darstellungen erkennbar, manchmal sind sie auch freigelegt. Doch die primitiven Figuren, die schematischen Formen

sind vor allem der Rahmen für die Farbe: Sie spielt die Hauptrolle in Irene Fastners Bildern. (mgo)

O Ausstellung noch bis 7. Juli.

Entstanden bei einem Arbeitsaufenthalt in Mecklenburg-Vorpommern: „Drei Frauen am Strand“ von Irene Fastner. Foto: Galerie Schrade

● In Wiblingen wird eine ursprünglich textlich gestraffte Fassung aufgeführt. Neben Christine Neubauer ist darin unter anderem Peter Willy Willmann als Jedermann zu sehen. Die Inszenierung bietet ein Spektakel mit Falken, Pferden, Fackeln, Moriskentänzern und mittelalterlicher Musik. ● Für die Wiblinger Inszenierung werden noch Kinder-Statisten gesucht. Vier Mädchen oder Buben zwischen fünf und acht Jahren haben die Chance mitzumachen. Interessierte Eltern melden sich bitte bei der Produktion Carpe artem, Telefon (089) 33 03 56 68 21. (mgo)

Auszeichnung für Neu-Ulmer „Helden“ Neu-Ulm/Bamberg Starker Auftritt für das AuGuSTheater bei den 29. Bayerischen Theatertagen in Bamberg. Die Neu-Ulmer Bühne gab dort seine selbst verfasste Farce „Helden auf dem Abstellgleis“ zum letzten Mal – und wurde nach Angaben der Macher Claudia Riese und Heinz Koch richtig überrascht, weil das Stück sogar mit einer Auszeichnung bedacht wurde. Die Jury vergab einen Sonderpreis an die Neu-Ulmer Profibühne. Katja Hofmann, die für die Organisation verantwortliche Dramaturgin vom E.T.A.-Hoffmann-Theater, schreibt den Neu-Ulmern (die bei der Schlussfeier nicht anwesend sein konnten) in einem Brief unter anderem: „Natürlich gibt es auch eine wunderschöne Urkunde, von allen sieben Fachjuroren unterschrieben und sogar in einer Mappe in unserem E.T.A.-Hoffmann-Theaterrot“. An den Theatertagen hatten 27 Theater mit 44 Stücken teilgenommen. Die „Helden“ waren im „Showroom Müller 7“, einem Einrichtungshaus zu sehen. In dem Stück spielten Heinz Koch als „Mario“, Richard Aigner als „Diabetes“, Gerhard Hulka als „Hepatitis“ und Lena Böhm als „Schwester Doris“. (az)

Jeder ist ein „schöner Arsch“ Michael Altinger im Ulmer Zelt

VON FLORIAN L. ARNOLD Ulm Er ist ja so „böse“, der „Michi“ Altinger. Im Ulmer Zelt entzückt das Mensch gewordene Kasperl mit einem pfeffrigen Mix aus altbekannten Bosheiten, sattem Spott, Eigenironie und der einen oder anderen nachdenklichen Zeile, was bei einem quirligen Power-Lästermaul wie Altinger durchaus erstaunt. Denn bekannt wurde der 40-jährige Dampfspötter durch Sendungen wie „Ottis Schlachthof“ oder „Die Komiker“, wo er die Zote bei den Hörnern packte und um handfesten Unsinn rund ums imaginäre „Strunzenöd“ nie verlegen war. Sein Programm „Schöner Arsch oder: Das Ende vom Ich“ ist ein deftiger Mix aus all diesen Altinger-Facetten: Das Zappelkasperl, das sich mit zeltumspannendem Grinsen als Beziehungskiller zeigt („Bei mir ham’s alle geplärrt!“) und der Satiriker, der im Lied „Satire“ irgendwie distanziert feststellt, dass „Satire nix ändern wird, weil’s zu viele Deppen gibt“. Von der Ein-Mann-Band Martin Julius Faber begleitet, gibt Altinger den Schmalzsänger, den giftigen Bänkelsänger und den bitterbösen Barden. Die Deppen sind sein Angriffsziel, das er im Frontalangriff auf die Hörner nimmt, denen er mit lärmigen Parodien, heiterer Verschmitztheit und nachvollziehbarem Zorn den Garaus zu machen versucht. Da kriegen jene, die ihm mit „Ich hab da einen Spitzenwitz für dein Programm“ ebenso ihr Fett weg wie die „lieben Freunde“, die so sehr nerven, dass „sogar die Zeit denkt: Jetzt möchte ich vergehen“. Altinger rast durch das Gag-Gewitter, oftmals sehr routiniert; seine zappelige Performance lässt einen die vielen Satireperlen fast übersehen und -hören.

Hellwache Satire, deftige Zoten Der Kabarettist trumpft immer dann besonders auf, wenn er Alltag, Satire und astreinen Nonsens personalisiert. Grandios blödelt er sich zu Spitzenform, wenn er über seine eigene Beerdigungsfeier räsoniert („da soll so ein richtig dickes Mädel My Way plärren“) oder die Gestresstheit der iPhone-Generation als Running Gag über den ganzen Abend thematisiert. Ein „Schöner Arsch“ ist einfach jeder, der sich zwischen Midlife-Crisis, Attraktivitätszwang und Todesangst aufreibt. Lieber zu Altinger gehen und sich gepflegt auf die Schenkel klopfen. Altinger ist oft böse, aber hinter dem Spitzbubengesicht verbirgt sich ein hellwacher Satiriker, der neben den „Deppen“ auch die Pseudointellektuellen und Quartalsdenker nicht ungeschoren lässt. Hier und da darf sich der Routinier aber ruhig etwas mehr Zeit lassen.

Kultur kompakt NEU-ULM

Die Tierwelt entdecken im Edwin Scharff Museum Einen wahren Zoo kann man derzeit im Edwin Scharff Museum am Neu-Ulmer Petrusplatz entdecken. Um die Sonderausstellung „Giraffe, Pudel, Dromedar – Tierplastik deutscher Bildhauer des 20. Jahrhunderts“ und parallel dazu die Kabinettsausstellung des Künstlers Thomas Putze „Wilde Tiere“ intensiver kennenzulernen, gibt es am Sonntag, den 19. Juni, um 11.30 Uhr eine Führung, die sich den vielen Seiten der Tiere nähert. Speziell an Kinder und Eltern gibt es am gleichen Tag ein weiteres Angebot. Um 14.30 Uhr stellt das Klappmaulpuppen-Kamel Suleika mit seiner Kamelführerin Anja Müller, begleitet von Claudia Maschke, die dort versammelten Tierplastiken einmal aus der Sicht der Tiere vor. Die Führungen sind kostenlos, es muss jeweils nur die Eintrittsgebühr entrichtet werden. (az)


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