Hanna Roth
Erzählungen, die das Herz berßhren
I MPRES S UM © 2015 bei der Autorin Gestaltung: Marcus Weber, info@derWerbeWeber.de Fotos: Shutterstock, iStockphoto, Clipdealer Druck: Print24 GmbH 1. Auflage 2015 V ER TRIEB KDW-Musik Postfach, 37575 Bad Gandersheim info@kdw-musik.de
Ein „Ja“ für das Leben . . . . . . . . . . . . . . 5 Das Sorgenkind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Schenk‘ doch mal . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Mehr als eine zweite Chance . . . . . . . 28 Das Geschenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Die Beschenkten . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Wiedersehen im Advent . . . . . . . . . . . 44 Das ist Weihnachten . . . . . . . . . . . . . . 54 Bitte noch eine Geschichte, Oma! . . . 56 Ein Zuhause für Amalia . . . . . . . . . . . . 65 Gott will dich beschenken heut‘ . . . . 74
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ama, es tut uns so leid! Wir wünschen dir trotzdem ein schönes Fest – auch ohne
verwehungen ... Eisglätte ... Verkehrsfunk warnt ... keine Aussicht auf Wetterbesserung.“ Ich verstand die Beiden so gut. Es wäre mir auch gar nicht recht gewesen, sie bei diesem Wetter unterwegs zu wissen. Dies war wirklich ein Ausnahmezustand. Da musste wieder einmal mein Lebensmotto herhalten: „Was ich nicht ändern kann, muss ich annehmen.“ Obwohl halt doch ein ganz klein wenig Wehmut mit im Spiel war. Und ein kleiner Trost blieb: „Vielleicht hat das Wetter doch ein Einsehen und wird in den nächsten Tagen besser, dann können wir Weihnachten bei dir noch nachfeiern“, meinte meine Tochter. Aber da war ja noch meine jüngste Tochter, die mit ihrem Mann
uns!“ Mit dem Telefon in der Hand stand ich an der Terrassentür und schaute in das Schneetreiben hinaus. Dicke Flocken wirbelten nun seit dem frühen Morgen schon vom Himmel und hüllten die Welt in einen dicken weißen Mantel aus Schnee. Und das an einem Heiligabend. Mein Sohn und meine Tochter, die beide mit ihren Familien einige hundert Kilometer entfernt wohnten, hatten nacheinander angerufen und ihr Kommen über Weihnachten abgesagt: „Wir können es nicht wagen ..., lange Staus auf der Autobahn ... Unfälle und Schnee5
nicht so weit weg von mir wohnte. Doch Viola hatte mir schon vor einiger Zeit erklärt: „Mama, wir werden an Weihnachten nicht zu dir kommen. Du weißt, dass ich mit diesem Fest nichts mehr anfangen kann. Zu viel Kitsch, zu viel, ‚Kling Kässchen, klingelingeling’, zu viel Sentimentalität. Wir sind am Heiligabend zu einer Party eingeladen, die voraussichtlich die halbe Nacht andauern wird. Und dann wollen wir am 1. Feiertag mal ausgiebig ausschlafen, und am 26. will ich in der Firma den Jahresabschluss vorbereiten. Sei mir nicht böse, Mama.“ Ja, Viola hatte sich in den letzten Jahren zu einer erfolgreichen Karrierefrau entwickelt. Mit Disziplin und eisernem Willen hatte sie sich hochgearbeitet, und nun stand ihr
ein leitender Posten in Aussicht, eine der obersten Sprossen auf der Karriereleiter, ihr Lebenstraum. Doch wie so oft im Leben kann man nicht beides haben: Mit diesem Traum war verknüpft, auf Kinder zu verzichten, während Tobias, ihr Mann, sich nichts so sehr wie eine Familie wünschte. Da klafften die Lebensentwürfe schon sehr weit auseinander und führten oft zu hitzigen Streitgesprächen, und die Ehe stand schon seit längerem auf der Kippe. Konnte da überhaupt noch eine gemeinsame Basis gefunden werden? Ich wusste nur zu gut von all diesen fast unüberbrückbaren Schwierigkeiten. Aber was konnte ich tun? Hilflos musste ich zuschauen, wie meine Tochter sich unvermeidlich 6
von allem trennte, was ihr früher einmal wichtig und wertvoll war: von Gott, von ihrem Mann, und auch von mir und der ganzen Familie. Durch ihr unbändiges Streben nach Erfolg wurde sie hart und hatte den Blick für die Menschen um sie herum, die sie doch so liebten, verloren. Wie konnte das nur passiert sein, da sie doch in ihrer Kindheit und Jugendzeit so ganz anders war, so ganz andere Werte hatte? Doch nun mussten diese Grübeleien ein Ende finden. Heute war Heiligabend, und ich wollte nicht in Schwermut versinken. Der Nachmittag ging langsam schon in den Abend über, und es dämmerte bereits. Schnell räumte ich das Essen, das ich für die Feiertage vorgekocht hatte, in den Gefrierschrank in der
vagen Hoffnung, es bald wieder auftauen zu können, und machte mich bereit für mein Weihnachtsfest – allein. Der Einsamkeit gab ich jedoch trotzdem keinen Raum. Während draußen die Straßenlaternen die Welt unter einer dicken Schneedecke beleuchteten, zündete ich drinnen die Kerzen, die ich überall im Wohnzimmer verteilt hatte, und auch die an dem kleinen Bäumchen an. Licht, Wärme und weihnachtliche Musik hüllten mich ein und machten mein Herz froh und weit. Meine Gedanken schweiften zurück zu jener heiligen Nacht, in der Jesus Christus geboren wurde. Dankbarkeit und tiefe Freude erfüllten mich, dass ich ihm schon in jungen Jahren mein Leben übergeben durfte und er mein 7
Retter und Erlöser wurde. Und als der Chor sang: „Christ, der Retter ist da!“, da jubelte und sang auch mein Herz mit, weil dies für mich Wirklichkeit geworden war. Ich nahm meine Bibel und fing an, das Weihnachts-Evangelium zu lesen ... Da, was war das? Ein Poltern an der Haustür. Stampfen von Stiefeln. Wer mag das sein? Dann wurde der Schlüssel im Türschloss gedreht. Das konnte doch nur ... Ja, da standen sie auch schon in der Diele, Viola, meine Tochter und ihr Mann Tobias, und klopften sich den Schnee von ihren Mützen, Mänteln und Schuhen. Wie die Eskimos aus dem hohen Norden erschienen sie mir. „Mama, entschuldige, dass wir
so hereinplatzen. Haben uns wieder mal gestritten, du weißt schon, das leidige Thema Kind oder Karriere. Und jetzt haben wir keine Lust mehr auf Party.“ Nach kurzen Umarmungen versorgte ich die beiden Durchgefrorenen rasch mit heißem Tee und Gebäck. Dann beobachtete ich stillvergnügt eine Weile, wie sie sich im Zimmer mit den vielen Lichtern, dem Tannengrün und der weihnachtlichen Dekoration umschauten, ganz versunken alles in sich aufnehmend. Bei dem, was unter dem Weihnachtsbaum lag, blieb Violas Blick eine lange Zeit sinnend hängen. In einer Anwandlung von Heimweh nach meinen Kindern, die ja diesen Abend nicht bei mir sein
würden, war ich am Nachmittag in ihre früheren Zimmer gegangen und hatte von jedem ein Lieblingsspielzeug aus ihrer Kindheit gesucht, die noch immer dort vorhanden waren: Von meiner ältesten Tochter ein Teddybär, der zwar sehr ramponiert war, weil ihm ein Ohr fehlte; ein Bilderbuch mit weihnachtlichen Geschichten, schon ganz zerfleddert, aber immer heiß geliebt von meinem Sohn, so dass er die Geschichten fast auswendig kannte; und von meiner jüngsten Tochter, Viola, ihre Puppe Tulli, die auch deutliche Spuren der Liebe trug, mit der sie Tag und Nacht in längst vergangener Zeit umgeben wurde. Diese drei Dinge hatte ich zwischen die wenigen Päckchen unter 9
dem Weihnachtsbaum gelegt. Und nun hatten Violas Blicke und Gedanken schon eine ganze Weile sinnend gerade darauf verweilt. Ihre innere Erregung war nahezu mit Händen zu greifen, und in ihren Augen war ein verräterisches Glitzern. Das war auf einmal eine ganz andere Viola als die coole Karrierefrau. Da waren tiefe Gefühle, ein Umbruch, ein Loslassen festgezurrter Meinungen. Meinen Gästen sagte ich dann, dass ich, als sie so buchstäblich hereingeschneit waren, gerade im Begriff war, die Weihnachtsgeschichte zu lesen, und sie stimmten mir zu, dies nachzuholen. Also nahm ich wieder meine Bibel zur Hand und las die altbekannten Worte: „Es begab sich aber ... Und Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in
Windeln und legte ihn in eine Krippe. Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge ...“ Ein leises Schluchzen ließ mich aufblicken und ich sah, dass Viola ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes gelegt hatte, und heiße Tränen ihr über die Wangen flossen. Ja, da war Gott am Werk. Was Menschenworte nicht vermochten, tat Gottes Wort. Nur seine Liebe konnte die dicken Eisschichten schmelzen, die sich um ihr Herz gelegt hatten. Tobias nahm seine Frau ganz fest in die Arme und gab ihr so den Halt, den sie brauchte, während ihr Körper von weiterem Schluchzen geschüttelt wurde. Ich suchte unterdessen eine Schachtel Papiertücher, weil die Tränen ununterbrochen flossen. Da wurde sehr viel 10
Härte, Lieblosigkeit, Machtgier und Schuld herausgespült aus dem Herzen. Und auch bei mir blieben die Augen nicht trocken. So wurde es ein zweifacher Heiligabend: Die Feier der Geburt des Gottessohnes und die Feier der Heimkehr einer verirrten Tochter ans Herz des Vaters im Himmel. Welche Freude! Und als die Tränen langsam versiegten, blickte Viola ihrem Mann lange und innig in die Augen, nickte und flüsterte nur ein einziges Wort: „Ja!“ Das Strahlen in Tobias Augen sagte mehr als tausend Worte. Mein Staunen über das Wunder, das an diesem Abend geschehen war, wurde noch grösser durch die Worte, die Viola mir ins Ohr flüsterte: „Mama, gib bitte die Spiel-
sachen nicht weg. Wir könnten sie vielleicht bald gebrauchen.“ Die Krönung dieses denkwürdigen Abends, an dem der ganze Himmel beteiligt zu sein schien und jubilierte, war, als sich Viola ans Klavier setzte und mit ihrer wunderschönen Altstimme eines der ergreifendsten Weihnachtslieder (Text: C. de Roquemaure) sang: 11
„Heilige Nacht, die Sterne hell erstrahlen,
Unsere Herzen fassen kaum das Wunder,
ein großes Wunder wird wahr heute Nacht.
voll Ehrfurcht sehn wir das Kind in dem Stall.
Hirten im Feld erscheint ein Bote Gottes,
Weit strahlt das Licht, und auf der ganzen Erde
und große Freude hat dieser gebracht.
erklingt das Lob und der Dank überall.
Ein Hoffnungsstrahl erfüllt die ganze Erde.
Der Herr der Herren liegt in einer Krippe,
Für alle scheint das wahre, helle Licht.
er kam für uns als Retter auf die Welt.
Fallt auf die Knie und hört die Engel singen.
Betet ihn an, der König ist geboren.
O heilige Nacht, der Jubel laut erschallt.
O heilige Nacht, Gottes Liebe wird zur Tat.
O heilige Nacht!
O heilige Nacht!“
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ine lange Warteschlange hatte sich an diesem Morgen vor der Kasse des Supermarktes gebildet. Nun war nur noch eine Kundin vor mir. Ich kannte sie flüchtig. Sie wohnte in meiner Straße weiter hinten, und ich sah sie vom Küchenfenster aus öfters, wenn sie vorbeieilte. Sie machte immer einen etwas gehetzten, unglücklichen Eindruck, aber bisher ergab sich nie die Möglichkeit, näheren Kontakt mit ihr aufzunehmen. Nun stand sie da vor mir an der Kasse. Sie war sehr schlicht, fast sogar nachlässig gekleidet, und ihr Haar, das sicher einmal bessere Tage gesehen hatte und eine volle Lockenpracht war, war jetzt glanzlos, strähnig und lieblos zusammengebunden.
Doch sofort wurde mir bewusst, wie sehr ich meine Mitmenschen wieder einmal nach ihrem Aussehen taxierte. Was wusste ich schon? Irgendwo hatte ich gelesen, dass man, um einen Menschen kennenzulernen, in seinen Schuhen laufen müsste. Wie wahr! Während mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, hatte die Frau vor mir ihren Einkauf auf das Band gelegt, und der Kassenbon wurde ausgedruckt. Aber anstatt zu bezahlen, griff sie hektisch in alle verfügbaren Taschen ihrer Jacke, und kramte schließlich auch ihren Einkaufskorb nochmals aus. Sie wurde immer nervöser, was ja auch begreiflich war, da sie offensichtlich ihre Geldbörse suchte. Doch ihre Suche war leider vergeblich. 14