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Bibelstudien zum jĂźdischen Volk, zum Land Israel, zur Stadt Jerusalem und zum Berg Zion

Stefan Haas


© 2018 TOS Verlag, Tübingen, 1. Auflage ISBN: 978-3-9818040-2-7 Die Bibelzitate in diesem Buch sind, wenn nicht anders angegeben, entnommen aus der Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Zu den alttestamentlichen Datierungen verweise ich auf „Das Alte Testament. Entstehung – Geschichte – Botschaft“, von Helmuth Egelkraut (W. S. LaSor, D. A. Hubbard, F. W. Bush), Gießen 2012, 5. Auflage. Satz: Stefan Gärtner Lektorat: Carmen Shamsianpur, Nicole Anders Umschlaggestaltung: Jonathan Rager, Annika Krempel


‫ּבָ ִחיר‬ [bachir]

Auserwählt

Bibelstudien zum jüdischen Volk, zum Land Israel, zur Stadt Jerusalem und zum Berg Zion

Stefan Haas


1. Der Bund mit Abraham

1.1. Von der Urgeschichte zu Abraham In den ersten elf Kapiteln der Bibel lesen wir die Geschichte einer globalen Katastrophe. Es beginnt mit einem goldenen Zeitalter von unvorstellbarer Schönheit: Gott erschafft eine wunderbare Welt, das Paradies schlechthin. Dem Menschen geht es ausgezeichnet. Es gibt nur Gutes. Auch nicht im Ansatz ist etwas von Leid, Not, Krankheit, Tod, Trauer, Frustration, Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit oder Armut zu spüren. Es gibt auch keinerlei Beziehungsprobleme. Die Menschen erleben Gottes Nähe und Liebe täglich unmittelbar. Sie sehen ihn und sprechen mit ihm. Dann entscheidet sich der Mensch für die Sünde. Es ist wie ein Ehebruch: Das Vertrauen und die Beziehung zwischen Gott und Mensch sind in einem Moment zerstört. Die Menschen müssen daraufhin das Paradies verlassen. Sie verlieren damit den Zugang zur unsichtbaren Welt. Sie sehen und erleben Gott nicht mehr und sind von nun an in einer finsteren Welt auf sich alleine gestellt. Innerhalb von einigen Jahrzehnten haben sie jede Erkenntnis Gottes verloren. Gleichzeitig reißt die Sünde immer weiter ein – wie ein Stück Stoff, das einen Riss bekommen hat, der nicht mehr zu flicken ist. Bereits im 6. Kapitel der Bibel lesen wir, dass Gott in seinem Herzen zutiefst traurig und erschüttert darüber ist, wie böse die Menschen geworden sind. 2 Der Riss geht immer weiter, bis wir schließlich in Kapitel 11 vom Turmbau zu Babel und der anschließenden Sprachverwirrung und Verteilung aller Völker auf die Erde lesen. Damit sind wir in der heutigen Realität angekommen. Die Sünde hat alles zerstört.

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Genesis (1. Mose) 6,5+6 (siehe Fußnote 3)


Wenn man diese Geschichte nicht kennen und zum allerersten Mal lesen würde, dann würde man es im 11. Kapitel der Bibel vor Spannung kaum aushalten: „Und was kommt jetzt?!“ Man fühlt sich wie an einem Day After nach einem globalen Atomkrieg. Wie kann es wohl nach dieser größten Katastrophe der Menschheit weitergehen? Es ist auf dem ganzen Erdball finster geworden. Wir schauen uns die beteiligten Akteure an: Wer könnte jetzt noch etwas bewegen? Die Menschen sind im Innersten ihres Herzens durch und durch böse, gottlos und rettungslos verloren. Sie haben keine Chance mehr, ihre Lage von sich aus zu verändern. Und Gott? Was hat er nun vor? Wenn Gott an dieser Stelle nichts getan hätte, dann wäre die Geschichte der Menschheit mit Gott bei den Fakten von Kapitel 11 des Buches Genesis 3 (1. Mose) stehen geblieben. Und was tut der Herr? Er zündet auf diesem inzwischen finsteren Erdball weit im Osten ein einzelnes Licht an. Gott ruft einen einzigen Menschen, mit dem er nach dieser Katastrophe eine neue Geschichte beginnt: Abraham. Dieser Geschichte kann man gar nicht genug Aufmerksamkeit und Bedeutung zumessen. Es ist nicht die Geschichte eines einzelnen Mannes aus dem fernen Osten. Es ist der Anfang einer neuen Beziehung Gottes zur Menschheit. Wir können die gesamte folgende Geschichte Gottes mit der Menschheit nur verstehen, wenn wir seine Geschichte mit Abraham verstehen. Dazu müssen wir genau hinschauen und sehr genau auf die Worte Gottes achten. Wir werden dabei sehen, dass es in der nun folgenden Geschichte Gottes mit der Menschheit zwei Koordinaten gibt, die aus Gottes Sicht das Zentrum dieser gesamten Geschichte 3  Das 1. Mose-Buch – ich bevorzuge die lateinische Bezeichnung der 5 Bücher der Thora, da sie auf dieser Basis auch international in vielen Sprachräumen verwendet werden: Genesis (Gen.) – 1. Mose; Exodus (Ex.) – 2. Mose; Levitikus (Lev.) – 3. Mose; Numeri (Num.) – 4. Mose; Deuteronomium (Dtn.) – 5. Mose. Da dies für viele Leser im deutschsprachigen Raum aber ungewohnt ist, setze ich die Erklärung immer in Klammern dahinter.

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darstellen: Das jüdische Volk und das Land Israel (mit der Hauptstadt Jerusalem und dem Berg Zion). Was passiert nun am Day After – nach der großen Katastrophe? Während wir in den Kapiteln 1 bis 11 ständig eine gewisse globale Perspektive hatten, engt sich der Fokus plötzlich auf einen einzelnen Mann ein. Ganz unscheinbar werden wir eingeführt in die Familienherkunft eines gewissen Abraham. 4 Wir lesen davon, dass bereits sein Vater Terach zusammen mit der Familie seine Heimat in Ur in Chaldäa verließ, um nach Kanaan zu ziehen. Schauen wir es uns auf der Karte an:

Karte 1 (erstellt mit Bible Mapper 5.0)

Um von Ur in Chaldäa (heutiger Irak, rechts unten auf der Karte) zum Land Kanaan zu kommen, musste Terach zunächst auf der Indien- bzw. Seidenstraße (grau-gestrichelte Linie) nach Norden ziehen, da der direkte Weg durch die Wüste geführt hätte. Die Strecke von Ur nach Haran ist etwa 1.500 Kilometer lang und führte vermutlich etwa in der Nähe 4  Zuerst lautet sein Name „Abram“ („Erhabener Vater“), wird jedoch später von Gott in „Abraham“ („Vater einer Menge“) umbenannt – vgl. Gen. (1. Mose) 17,5.

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des heutigen Bagdad, Kirkuk und Erbil entlang. So kam Terach mit seiner Familie nach Haran und siedelte dort. Warum er von dort (entgegen seinem ursprünglichen Vorhaben) nicht mehr weiterzog, verrät uns die Bibel nicht. In Gen. (1. Mose) 11,32 wird uns berichtet, dass Terach im Alter von 205 Jahren in Haran starb. Anschließend beginnt in Kapitel 12 die Geschichte Abrahams. Es klingt so, als ob Abraham erst aus Haran ausgezogen wäre, als sein Vater bereits gestorben war. Rechnet man aber die Jahreszahlen zusammen, dann stellt sich heraus, dass dieser Eindruck täuscht: Terach war 70 Jahre alt, als er Abraham zeugte 5 und Abraham zog mit 75 Jahren aus Haran aus. 6 Abraham verließ die Stadt Haran also im 145. Lebensjahr seines Vaters Terach, der aber 205 Jahre alt wurde. Nach 25 Jahren des Wartens wurde schließlich der lang ersehnte Sohn Isaak geboren. Abraham war zu der Zeit 100 Jahre alt. 7 Und: Sein Vater Terach lebte immer noch in Haran – mittlerweile in seinem 170. Lebensjahr. Terach hätte Isaak also noch als erwachsenen Mann kennenlernen können. Der Vater Abrahams zog also aus einem Grund, den wir nicht kennen, von seiner Heimat Ur in Chaldäa in Richtung des Landes Kanaan. Auf mehr als der Hälfte der Strecke blieb er stehen und wurde in Haran sesshaft. Hier spricht nun der Herr zu Abraham und ruft ihn.

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vgl. Gen. (1. Mose) 11,26

6

vgl. Gen. (1. Mose) 12,4

7

vgl. Gen. (1. Mose) 21,5

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1.2. Die Berufung Abrahams Wir lesen dazu in Gen. (1. Mose) 12,1-3: (1) Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. (2) Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. (3) Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Wir wollen uns diese Verse genau anschauen, weil sie so grundlegend sind. Es sind neun einzelne Elemente, aus denen diese drei Verse bestehen: 1. Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause 2. in ein Land, das ich dir zeigen will. 3. Und ich will dich zum großen Volk machen 4. und will dich segnen 5. und dir einen großen Namen machen, 6. und du sollst ein Segen sein. 7. Ich will segnen, die dich segnen, 8. und verfluchen, die dich verfluchen; 9. und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Betrachtet man einmal den Inhalt, so zeigt sich, dass es drei große Themenschwerpunkte gibt: 24


1. Ein Land, das der Herr Abraham zeigen will. 2. Ein Volk, das der Herr groß machen wird. 3. Gewaltiger Segen: Fünf Mal wird das Wort „Segen“ oder „segnen“ innerhalb von nur zwei Versen benutzt. Der Gipfel dieses Segens besteht schließlich darin, dass der Herr sagt, dass er durch Abraham alle Familien der ganzen Erde segnen wird. Im Hebräischen steht hier das Wort ‫ש ָּפחָ ה‬ ׁ ְ ‫( ִמ‬Mischpachah – im Deutschen: „Mischpoke“): „Familie“. Wir müssen dabei wahrnehmen, dass es zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Verheißungen in der Bibel gibt: Verheißungen mit Bedingung und Verheißungen ohne jede Bedingung. Verheißungen mit Bedingung 8 können verloren werden, wenn die Bedingung nicht erfüllt wird. Welche Art von Verheißung haben wir hier bei Abraham? Wenn überhaupt, dann ist die einzige Bedingung der erste Versteil von Vers 1: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause (…)“. Abraham hat es getan. Von nun an gab es keine weitere Bedingung mehr, an die die Erfüllung der Verheißungen Gottes geknüpft gewesen wäre. Daher müssen sich die in Gen. (1. Mose) 12,1-3 ausgesprochenen Verheißungen Gottes an Abraham erfüllen – sonst würde Gott lügen. Schauen wir uns die Aussagen des Verses 3 noch einmal genauer im Hebräischen an:

8  z. B. Dtn. (5. Mose) 28,1 „Wenn du nun der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchen wirst, dass du hältst und tust alle seine Gebote, die ich dir heute gebiete, so wird dich der HERR, dein Gott, zum höchsten über alle Völker auf Erden machen.“ – und ebenso auch die folgenden Verse

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 ‫„ ַוא ָ ֲֽברֲ כָה֙ ְמ ָב ְ֣ר ֶ֔כיָך‬Ich werde segnen, die dich segnen“

– auch wenn man kein Hebräisch kann, kann man doch erkennen, dass hier im Hebräischen zweimal dasselbe Wort steht: segnen und segnen.

 ‫ּומקַ ּלֶלְ ָך֖ אָ אֹ֑ ר‬ ְ „… und verfluchen, die dich verfluchen“

– während hier in den deutschen Übersetzungen in der Regel wieder zweimal dasselbe Verb vorkommt, stehen im Hebräischen zwei unterschiedliche Wörter:

•• ‫( אָ ַרר‬arar) – „Ich werde verfluchen“. 9 •• ‫( קָ לַל‬qalal) – bedeutet dagegen in der

Grundform: „gering, unbedeutend, verachtet sein“. 10 Die hier in Gen. (1. Mose) 12,3 benutzte Verbform (Piel) hat die Bedeutungsebene: „jemand gering oder verächtlich machen“ 11 – und in diesem Sinne dann auch „verfluchen“.

Man kann diesen Versteil also etwa folgendermaßen übersetzen: „Ich werde den verfluchen, der dich geringschätzig behandelt.“ Diese Aussage sollten wir sehr bewusst wahrnehmen. Hier ist nicht sofort von heftigem Antisemitismus die Rede, nicht von Judenverfolgung oder vom Holocaust. Was hier steht, hat eine große Bandbreite, die bereits bei einfacher Geringschätzung oder auch schlichtweg Gleichgültigkeit beginnt. Wer dich geringschätzig behandelt, den werde ich verfluchen. Wenn der lebendige Gott einen Fluch ausspricht, dann hat das ganz praktische Auswirkungen auf unser Leben. Es kann bedeuten, dass einzelne Lebensbereiche einfach nicht zum 9  GESENIUS, WILHELM. Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch, Berlin – Göttingen – Heidelberg 1962, 17. Auflage. S. 68 10

GESENIUS, a. a. O., S. 714

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GESENIUS, a. a. O., S. 714+715

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Blühen kommen – ganz egal, wie sehr wir uns auch darum bemühen und uns anstrengen. Oder unser Leben oder ein Teilbereich davon (z. B. Beziehungen, Finanzen, beruflicher Erfolg) ist schlichtweg wie eine Wüste. Einen Fluch ändert man nicht durch Mühe, Arbeit oder Klugheit. Ein Fluch muss vergeben und zerbrochen werden. Dafür muss man aber erst einmal erkennen, dass man es mit einem Fluch zu tun hat. Und nun kommen wir noch zum Zielpunkt und Fokus der ganzen Berufung – der letzte Versteil: „(…) und durch dich sollen alle Familien der Erde gesegnet werden“. Auf diesem Weg, den Gott hier beschreitet, soll also durch Abraham die gesamte Menschheit berührt werden. Das bedeutet: Wir werden sofort in diese Geschichte mit hineingezogen. Wir können die Geschichte Gottes mit Abraham gar nicht unbeteiligt lesen. Wir kommen sofort selbst darin vor – entweder weil uns Fluch durch einen falschen Umgang mit Abraham und seinen Nachkommen droht oder indem wir den Segen bekommen. Es ist der Beginn einer neuen Geschichte Gottes mit der gesamten Menschheit. Von nun an steht diese Menschheit aber umgekehrt vor der Herausforderung, dass es ihre Geschichte mit Gott nur mit den von Gott selbst gesetzten Koordinaten gibt. Im Fokus seiner Weltgeschichte stehen von nun an die Nachkommen Abrahams und das Land Israel (mit der Hauptstadt Jerusalem und dem Berg Zion). Diese grundlegenden Weichen stellt der Herr nach dem Sündenfall bereits bei seinem ersten Schritt auf die Menschheit zu: bei Abraham. Und an dieser Weichenstellung wird sich von da an nichts mehr ändern.

1.3. Weitere Etappen auf Abrahams Weg Schauen wir uns nun entscheidende weitere Etappen auf Abrahams Weg an: Nach dieser Berufung macht sich Abraham tatsächlich auf den Weg. Er verlässt seinen Vater Terach, seinen Bruder Nahor und weitere Familienmitglieder und 27


macht sich auf den Weg in das Land, das der Herr ihm zeigen würde. 12 Dann lesen wir weiter in Gen. (1. Mose) 12,6+7 „(…) und Abram durchzog das Land bis an die Stätte bei Sichem, bis zur Eiche More; es wohnten aber zu der Zeit die Kanaaniter im Lande. (7) Da erschien der HERR dem Abram und sprach: Deinen Nachkommen will ich dies Land geben. Und er baute dort einen Altar dem HERRN, der ihm erschienen war.“ Der erste Teil der Verheißung Gottes an Abraham in Gen. (1. Mose) 12,1-3 bezieht sich auf „ein Land, das ich dir zeigen will“. Erst danach ist von dem Volk die Rede. Es ist also kein unwichtiger Teil der Verheißung. Er kommt zuerst. Als Abraham bereits die Hälfte des Landes durchzogen hat, kommt er nun (nach etwa 800 Kilometern Reise von Haran) an einen Ort, der in der weiteren Geschichte Israels immer wieder eine wichtige Bedeutung hat: Sichem.

12  Wie gesagt: Wir wissen nicht, was Terach bewegte, aus Ur in Chaldäa auszuziehen, um in das Land Kanaan zu kommen. Später sagt der Herr aber zu Abraham, dass er ihn aus Ur in Chaldäa geführt hatte - vgl. Gen. (1. Mose) 15,7. Als Abraham nach seiner Berufung aus Haran auf bricht, hatte der Herr zu ihm nur von einem Land gesprochen, das er ihm zeigen will. Interessanterweise lesen wir dennoch in Gen. (1. Mose) 12,5 „(…) und zogen aus, um ins Land Kanaan zu gehen“. In Hebr. 11,8 heißt es dagegen: „Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme.“

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Karte 2 (erstellt mit Bible Mapper 5.0)

Dieser Ort liegt sowohl in Ost-West- als auch in Nord-SüdRichtung ziemlich genau in der Mitte des Landes. Dort erscheint der Herr Abraham und verheißt ihm 13: „Deinen Nachkommen will ich dies Land geben.“ Abraham ist also angekommen. Hier erfährt er nun zum ersten Mal von Gott, dass dies das Land ist, das er ihm zeigen wollte. Daraufhin baut Abraham den ersten Altar für den Herrn in diesem verheißenen Land. Wir wollen gleich einmal eine Parallele zur heutigen Zeit ziehen und uns diesen Ort im Vergleich auf einer aktuellen 13

Gen. (1. Mose) 12,7

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politischen Karte Israels anschauen: Der biblische Ort Sichem heißt heute Nablus und liegt in der sogenannten Westbank. Der Ort, an dem der Herr zu Abraham zum ersten Mal sagt: „Deinen Nachkommen will ich dies Land geben“, gehört damit heute zu den palästinensischen Autonomiegebieten und nicht zu Israel (siehe Karte).

Karte 3.1 (erstellt mit Bible Mapper 5.0)

Karte 3.2 (Quelle: Shutterstock)

Anschließend zieht Abraham von Sichem weiter nach Bethel. Darüber lesen wir in Gen. (1. Mose) 13,14-15: (14) Als nun Lot sich von Abram getrennt hatte, sprach der HERR zu Abram: Hebe deine Augen auf und sieh von der Stätte aus, wo du wohnst, nach Norden, nach Süden, nach Osten und nach Westen. (15) Denn all das Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen geben für alle Zeit (…) Abraham soll an diesem Ort Bethel ausdrücklich in alle Himmelsrichtungen schauen, denn Gott sagt zu ihm: „… all das Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen geben für alle Zeit.“ Diese Aussage hat eine zweifache Brisanz: 30


 Wir haben hier eine deutliche Steigerung zu allem, was der Herr bisher zu Abraham gesagt hatte: Nun verheißt er Abraham dieses Land für alle Zeit. Und auch hier haben wir wieder eine Verheißung ohne jede Bedingung.  Auch Bethel liegt heute in der palästinensisch regierten Westbank. Es ist jedoch der Ort, an dem Abraham ausdrücklich aufgefordert wird, sich in alle Himmelsrichtungen genau umzuschauen, da der Herr ihm und seinen Nachkommen eben genau dieses Land geben möchte, welches er sieht. Ganz in der Nähe des biblischen Ortes Bethel liegt heute Ramallah, in dem sich teilweise der Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde befindet.

Karte 4.1 (erstellt mit Bible Mapper 5.0)

Karte 4.2 (Quelle: Shutterstock)

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Auch der zweite Ort, an dem der Herr zu Abraham über das verheißene Land redet, befindet sich heute also nicht im israelisch regierten Bereich des Landes. Von hier aus bricht Abraham schließlich zum nächsten Ort auf: Hebron. Im Kapitel 15 lesen wir dazu folgendes: (7) Und er sprach zu ihm: Ich bin der HERR, der dich aus Ur in Chaldäa geführt hat, auf dass ich dir dies Land zu besitzen gebe. (…) (18) An dem Tage schloss der HERR einen Bund mit Abram und sprach: Deinen Nachkommen will ich dies Land geben von dem Strom Ägyptens an bis an den großen Strom Euphrat: (19) die Keniter, die Kenasiter, die Kadmoniter, (20) die Hetiter, die Perisiter, die Refaïter, (21) die Amoriter, die Kanaaniter, die Girgaschiter, die Jebusiter. Der Herr erklärt Abraham, dass er ihn aus Ur in Chaldäa geführt hat (anfangs also durch seinen Vater Terach) mit dem ausdrücklichen Ziel und Zweck, ihm dieses Land zum Besitz zu geben. Anschließend finden wir erneut eine Steigerung zu allem, was der Herr bisher schon mit Abraham geredet und getan hatte: Er schließt einen Bund mit ihm und nennt ihm noch einmal ausdrücklich das ganze Gebiet. Und wieder lesen wir nichts von einer Bedingung für diesen Bund. Es ist ein einseitiger Bundesschluss Gottes mit Abraham.

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Schauen wir uns Hebron auf der Karte an:

Karte 5.1 (erstellt mit Bible Mapper 5.0)

Karte 5.2 (Quelle: Shutterstock)

Wir sehen: Auch das biblische Hebron liegt heute in der Westbank. In Hebron geht der Herr mit Abraham noch einen Schritt weiter. Wir lesen davon in Kapitel 17: (7) Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir und deinen Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht, dass es ein ewiger Bund sei, sodass ich dein und deiner Nachkommen Gott bin. (8) Und ich will dir und deinem Geschlecht nach dir das Land geben, darin du ein Fremdling bist, das ganze Land Kanaan, zu ewigem Besitz und will ihr Gott sein. (…) In diesem Zusammenhang schließt Gott mit Abraham einen ewigen Bund – und gibt ihm als Bundeszeichen die Beschneidung. Welche Bedeutung hat dieser Schritt! Nach etwa 4.000 Jahren ist bis heute die Beschneidung immer noch das entscheidende Bundes- und Zugehörigkeitszeichen für das 33


jüdische Volk! Eingebettet in diesen Bundesschluss erneuert Gott wiederum seine Zusage 14: „Und ich will dir und deinem Geschlecht nach dir das Land geben, darin du ein Fremdling bist, das ganze Land Kanaan, zu ewigem Besitz und will ihr Gott sein.“ Auch dieser Bundesschluss fand in der heutigen Westbank statt: in Hebron. Mit diesem aktuellen Bezug wollen wir uns weiter im siebten Kapitel beschäftigen.

Vorbemerkungen zur weiteren Vorgehensweise Ich möchte eine Skizze des weiteren Vorgehens entwerfen – wie eine Landkarte mit einer Wegbeschreibung: Indem wir der Reihenfolge der zentralen Aussagen Gottes an Abraham in Gen. (1. Mose) 12,1-3 folgen, wollen wir zunächst im nächsten Schritt im zweiten Kapitel durch die weitere Geschichte des Volkes Israel im Tanach 15 die Frage untersuchen: Wie geht es mit dieser Landverheißung an Abraham in den folgenden Jahrhunderten weiter? Anschließend nähern wir uns mit dem dritten Kapitel über die Bundesschlüsse dem sicherlich zentralsten vierten Kapitel über „Das auserwählte Volk“, in dem wir nach einer Antwort auf die Frage suchen: Was bedeutet „auserwählt“? Diese Frage wird durch das Studium unterschiedlichster Bibeltexte von verschiedensten Seiten her ausführlich beleuchtet. 14  Gen. (1. Mose) 17,8 15  „Tanach“ ist die jüdische Bezeichnung für die Bücher des „Alten Testaments“ (nach evangelischer Tradition). Ich benutze diesen Namen für die heiligen jüdischen Schriften aus Abgrenzung zu der von viel Antisemitismus und Ersatztheologie geprägten Kirchengeschichte und aus Respekt vor meinen jüdischen Freunden. Die Bezeichnung als „Altes Testament“ kann einen abwertenden und negativen Ton haben.

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Anschließend spezifizieren wir im fünften Kapitel noch die Frage des verheißenen Landes auf Jerusalem und den Berg Zion – und beschäftigen uns dabei auch mit den prophe­ tischen Aussagen für die Zukunft Israels. Im sechsten Kapitel befassen wir uns anschließend mit der Frage, was denn das Neue Testament und Jesus zur Auserwählung sagen und ob es antisemitische Äußerungen im Neuen Testament gibt? Das siebte Kapitel fasst die Ergebnisse der Bibelstudien zusammen – und stellt uns vor die Frage, welche Konsequenzen diese Ergebnisse für uns haben.

2. Das verheißene Land Wie geht es nun also mit dieser Landverheißung an Abraham in der Geschichte Israels weiter? Wir werden nun einen kurzen Durchgang durch die unterschiedlichen Epochen der Geschichte Israels im Tanach machen und nach dem weiteren Verlauf der Landverheißung forschen:

2.1. Isaak Mit Abraham hat es begonnen – nun folgt Isaak. In Gen. (1. Mose) 26,3 lesen wir, dass der Herr zu ihm sagt: Bleibe als Fremdling in diesem Lande, und ich will mit dir sein und dich segnen; denn dir und deinen Nachkommen will ich alle diese Länder geben und will meinen Eid wahr machen, den ich deinem Vater Abraham geschworen habe, (…) Isaak befindet sich während dieser Begegnung mit Gott in Gerar, das heute etwa einen Kilometer außerhalb des Gaza-Streifens liegt:

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