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Hart am Abgrund von Peter J. Daniels


Hart am Abgrund von Peter J. Daniels Copyright © 2018 Der Überwinder Verlag. Alle Rechte vorbehalten. Es ist ohne schriftliche Genehmigung des Autors nicht erlaubt, das Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer bzw. mechanischer Systeme zu speichern, systematisch auszuwerten oder zu verbreiten. Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, der Schlachter Bibel, Version 2000 Neue Revidierte Fassung entnommen. Alle Rechte vorbehalten. Original Titel: Living on the Edge – Autobiography of Peter J. Daniels © von Peter J. Daniels Verleger: Der ÜBERWINDER Verlag Astrid-Lindgren-Str. 8, 33107 Bad Salzuflen, Deutschland. Design und Layout Copyright © 2016 Der Überwinder Verlag. Alle Rechte vorbehalten. Übersetzung: Ruth Schubert Druck und Cover: “THERISMOS” Sp. z o.o., ul. Sztabowa 32, 50-984 Wrocław, Polen. Diese Veröffentlichung darf weder als Ganzes noch in Teilen ohne vorherige schriftliche Zustimmung von Der Überwinder Verlag Properties, LP übersetzt, vervielfältigt, reproduziert, in einem Datenabrufsystem gespeichert oder durch andere Verfahren (elektronisch, mechanisch, durch Fotokopieren, Audioaufnahmen, etc.) verbreitet werden. Alle Rechte vorbehalten. Weitere Information über den Autor finden Sie unter dem folgenden Link: www.peterjdaniels.com


Inhalt Briefe

5

Einführung

35

Kapitel 1 Meine unbeständigen Wurzeln

43

Kapitel 2 Junge Liebe

55

Kapitel 3 Der Prozess der Veränderung

61

Kapitel 4 Wachstumsschmerzen

83

Kapitel 5 Beginn der Veränderung

101

Kapitel 6 Unerwartete Herausforderung

107

Kapitel 7 Die Evangelisations – Veranstaltung

133

Kapitel 8 In dem, Was meines Vaters ist

153

Kapitel 9 Aussicht auf die Welt

175

Kapitel 10 Ich beginne Bücher zu schreiben

189

Kapitel 11 Bücher, Revolution und Operation

201

Kapitel 12 Eine Richtungsänderung

219

Kapitel 13 Die Wirtschaftsmaschine ankurbeln

225

Kapitel 14 Verpflichtungen einhalten

235

Kapitel 15 Ein Vermächtnis bilden

245


KAPITEL EINS

Meine unbeständigen Wurzeln

D

ie besten und frühesten Hinweise auf die Existenz meiner Familie, die wir durch ein paar Nachforschungen fanden, lassen darauf schließen, dass unsere Vorfahren Juden waren, die wegen der Verfolgung in Spanien etwa in der Mitte des Jahres 1600 geflohen waren und in einem Schmugglerhafen namens St. Austell in Cornwall ankamen. Diese skizzenhaften Details sind relativ gut dokumentiert, und es scheint, dass wir mit einer nennenswerten Ausnahme Bedienstete waren, einfache Leute oder Arbeiter in den großen Kohlenminen von England. Ein interessanter Hinweis ist, dass ein Junge namens Buzza Daniel, bereits im Alter von zehn Jahren als Minenarbeiter tätig war, was zu der Zeit recht häufig vorkam. Unsere Familie wanderte an Bord der Epaminondas von England nach Australien aus, einem Dreimaster, der in Quebec, Kanada im Jahr 1850 gebaut worden war. Sie erreichten die Holdfast Bay, nur sechs Meilen von Adelaide, Südaustralien entfernt, am Weihnachtstag 1853 und gesellten sich zu anderen Kolonisten in einer kleinen, aber aktiven Kolonie. Die Geschichtsschreibung berichtet, dass die Einwanderer, die nach Südaustralien kamen, aus verschiedenen Nationalitäten bestanden. Manche waren der Verfolgung in Europa wegen ihres christlichen Glaubens entflohen, und hatten freiwillig die gefähr43


Hart am Abgrung

liche Reise nach Australien auf sich genommen, um dort Religionsfreiheit zu genießen. Alle anderen Bundesstaaten Australiens wurden von wenigen freien Leuten besiedelt und einer großen Anzahl von Straftätern, die als Gefangene in Ketten aus England gebracht wurden, um die Kolonisierung Australiens zu unterstützen. Manche Forschungen berichten, dass andere Mitglieder der Daniels Familie ein neues Leben in Neuseeland und den Vereinigten Staaten von Amerika gesucht hatten, und dass manche von Ihnen immer noch ihren jüdischen Glauben praktizierten. Der Name Daniel wurde von unseren frühen Familienmitgliedern in Daniels geändert. Sie könnten von der großen Wesleyanischen Erweckung in England beeinflusst worden sein, die zu der Zeit weit verbreitet war und zum Schluss in der Methodistisch-Protestantischen Glaubensgemeinschaft aufging, die heute auf der ganzen Welt verbreitet ist. Nachdem sie in Australien angekommen waren, wurden unsere Vorfahren als Bedienstete, Arbeiter oder Bergleute angestellt und später als Teppichleger und Maurer, Fabrikarbeiter oder Erntehelfer. Dies bedeutete, dass sie zeitweise an den Ufern des großen Flusses Murray in Zelten und Papphütten gelebt hatten, oder in einfachen gemieteten Zimmern oder Katen. Sie reisten, um Arbeit zu finden. Eine Zeit lang lebten sie in Broken Hill und Lithgow, Bergbaustädten in New South Wales. Zum Schluss siedelten sie sich in Adelaide, Südaustralien an, nur sechs Meilen von dort entfernt, wo ihre Vorfahren im Jahr 1853 gelandet waren. Die meisten sind bis auf den heutigen Tag in dieser Gegend geblieben. Sehr wenige Informationen gibt es über meine Vorfahren mütterlicherseits; was ich dennoch gefunden habe, ist skizzenhaft und unzuverlässig. Mein Vater Joseph Daniels war eines von sechzehn Kindern, die alle ein hartes und armes Leben führten, was oft mit übermäßigem Alkoholkonsum zu tun hatte. Ihr feuriges Temperament und ein Mangel an Verantwortungsbewusstsein brachten sie in 44


Meine unbeständigen Wurzeln

Schwierigkeiten mit dem Gesetz, und manchmal wurden sie leider auch dafür eingesperrt. Mein Vater war ein adretter, beliebter kleiner Mann mit welligem Haar. Er hatte immer ein Auge für die Damen, was ihm die meiste Zeit seines Lebens Schwierigkeiten bereitete. Er heiratete meine Mutter Dorothy, als sie beide Anfang zwanzig waren – sie waren fast gleich alt. Die Nachkommen aus dieser Vereinigung waren zuerst mein Bruder Brian, dann zwei Jahre später am 9. Oktober ich selbst und dann zum Schluss, während des zweiten Weltkrieges mein Bruder David, der zehn Jahre jünger war als ich. Unser Familienleben lief nicht immer glatt. Wir erlebten Reibereien, Streitereien und Kämpfe – manchmal sogar das Einschreiten der Polizei. Mein älterer Bruder Brian war ziemlich gut in der Schule und auch ein fähiger Sportler im Fußball, Kricket und Turmspringen im örtlichen Schwimmbad, wo er zweieinhalbfache Saltos und andere perfekte Sprünge ausführte. Wäre er ordentlich trainiert worden, hätte er nach heutigen Bedingungen Chancen auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen gehabt. Meine eigenen schulischen Fähigkeiten und Verhaltensweisen wurden geplagt von Missverständnissen und einem Mangel an Begriffsvermögen, was man letztendlich der Dyslexie zuschrieb. Die Wirtschaftskrise der 30er Jahre machte als kleiner Junge einen Eindruck auf mich, der sich nicht leugnen lässt, und das ist bis heute so geblieben. Kindergarten bedeutete für Kinder zu der Zeit eine kostenlose Mahlzeit zu bekommen und die Chance, sich mit anderen Kindern gleichen Alters abzugeben, und doch ist das Einzige, woran ich mich erinnern kann, dass ich unter dem Tor durchschlüpfte und nach Hause rannte, wenn ich eine der Mahlzeiten nicht mochte. Interessant ist, dass da ein blauäugiges Mädchen mit hellem Haar war, die meine Ausbrüche gewöhnlich beobachtete. Viele Jahre später wurde das gleiche Mädchen meine Frau. Es herrschte eine weltweite Diphterie Epidemie in den späten 30er Jahren, und mit dieser Krankheit wurde ich in ernstlichem 45


Hart am Abgrung

Zustand ins Krankenhaus geschickt. Ich erinnere mich noch recht lebhaft an Menschen in weißen Gewändern, die mich mit subkutanen Nadeln und Medikamenten eine ganze Nacht hindurch behandelten, während ich mich unbeschreiblich heiß anfühlte. Ich habe indessen herausgefunden, dass niemand erwartet hatte, dass ich überlebte. Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, blieb ich viele Jahre lang ziemlich kränklich, mal mehr und mal weniger intensiv. Ich stand auch der beängstigenden Herausforderung gegenüber, in die Schule gehen zu müssen. Der Tag, den ich fürchtete, kam endlich heran. Ich erinnere mich gut daran. Mir wurden Fragen gestellt und meine mentale Kapazität wurde von einer Frau ausgewertet, die ich nie vergessen werde, sie hieß Frau Thomas. Ich konnte ganz klar mithören, wie sie den anderen Lehrern im nebenliegenden Zimmer von meinem Mangel an Begriffsfähigkeit und meinem einfachen Verständnis berichtete, was es nötig machen würde, mich in eine spezielle Klasse für unterentwickelte Kinder zu platzieren, die die Chancen-Klasse genannt wurde. Endlich sagte eine Lehrerin namens Frau Phillips, die dazu gekommen war: „Ich werde ihn in meine Klasse aufnehmen.“ Obwohl das außergewöhnlich erscheint, erinnere ich mich an diese Ereignisse bis heute, was ein Anzeichen dafür ist, welch große Auswirkungen sie auf meinen jungen Verstand gehabt haben müssen. Frau Phillips war wahrscheinlich alles, was ein Lehrer nicht sein sollte. Sie war ungeduldig und hatte ein Überlegenheitsgefühl, dem eine Prise Grausamkeit beigemischt war. Unfähig zu begreifen und zu verstehen, fand ich mich darin wieder zu schummeln und die Arbeit von jedem anderen abzuschreiben, der mich über seine Schulter sehen ließ. Das ließ eine eher ungewöhnliche Fähigkeit des Kopierens durchblicken und ließ mich sogar im Skizzieren und in Kunst richtig gut werden. Das Unausweichliche geschah, als Frau Phillips meine Fähigkeiten des Betrugs entdeckte und der Wiedergabe von Auswendiggelerntem, statt des Lernens oder Ver46


Meine unbeständigen Wurzeln

stehens, dass mir ins Gesicht schlug, mir in den Rücken boxte, mein Kinn zwischen ihre Finger und Daumen nahm und an meinen Zähnen schepperte und sagte: „Peter Daniels, du verursachst nichts als Schwierigkeiten. Du bist ein schlechter Junge, und du wirst niemals etwas verstehen und niemals irgendetwas werden!“ Meine Zeit in der Schule bewies sich als akademisch unfruchtbar. Ich fuhr fort zu mogeln oder aus der Erinnerung etwas aufzusagen, während ich gleichzeitig eine respektable Fähigkeit in Kunst entwickelte, im Querflöte spielen für das Schulorchester und im Gesang, obwohl ich Musik weder lesen noch verstehen konnte. Es wurde ganz offensichtlich, dass ich nicht in der Lage war, Dinge intellektuell zu begreifen, und sobald ich das Alter von 14 Jahren erreicht hatte, wollte ich die Schule verlassen und Arbeit finden. In der Zwischenzeit rannte ich, zusammen mit einem Freund von mir, von Zuhause fort, denn wir waren beide die Streitereien und Auseinandersetzungen unserer Eltern leid geworden und meinten, wir wären allein besser dran. Das Unausweichliche geschah, als die Nacht anbrach. Uns wurde kalt, nass, und hungrig gingen nach wir Hause zurück, um unsere Strafe abzuholen. Aber in der Schule erreichten wir dadurch so etwas wie einen Heldenstatus unter unseren Mitschülern. Sie sprachen oft von dem, was wir getan hatten, aber hatten nicht die Stärke, selbst einen ähnlichen Versuch zu unternehmen. Mein Einkommen für Vergnügungen und andere Aktivitäten bezog ich aus dem Reinigen der Bar und der Toiletten im Queens Head Hotel noch vor der Schule und nach der Schule als Botenjunge für die örtliche Apotheke. Des Weiteren vermehrte ich mein Einkommen, indem ich Feuerholz verkaufte, das ich in den Parks der Gegend aus heruntergefallenen, trockenen Ästen sammelte und in Stücke schnitt. Ich sammelte auch leere Flaschen, trug Eis aus, und manchmal verkaufte ich Zeitungen. Für zwei Jahre war ich Kapitän der Trommel- und FlötenBand der Schule und führte Paraden auf der Straße an oder Auf47


Hart am Abgrung

tritte im örtlichen Theater. Einmal, als der Herzog und die Herzogin von Gloucester unsere Stadt besuchten, leitete ich die gesamte kombinierte Band in einem großen Spektakel und brachte mich damit auf die erste Seite der Zeitungen! Es war eine Aufregung, die Band die Hauptstraße hinunterzuführen und den Taktstock zu schwingen, als ich meine laute Pfeife blies und Richtungsanweisungen rief, zur Freude und zum Applaus der Menge. Ich sollte viel später im Leben noch lernen, dass Leiterschaft weitaus mehr mit sich brachte, als das Anführen einer Parade. Aber damals, ausgerüstet mit dem Überschwang der Jugend, genoss ich die kurze, erhebende Aufregung des Moments – ohne mich um die Zukunft zu kümmern oder mich um sie zu sorgen. Ich muss bekennen: Sogar jetzt noch fühlt sich das großartig an. Während des Zweiten Weltkrieges wurde ich intensiv involviert mit der patriotischen Schulspende, sammelte Zeitungen, Blei und andere spezielle Gegenstände, um einen Kriegsbeitrag zu leisten. Ich erhielt besondere Abzeichen und Medaillen für meine Mühe. Die Jahre während des Zweiten Weltkrieges waren voller Anspannung und Unsicherheit, mit der Bedrohung von Adolf Hitler, der triumphierend quer durch Europa marschierte. Die mögliche Niederlage Englands verursachte eine düstere Durchhaltestimmung in unserer Nation, die jede Aktivität und jedes Gespräch zu durchtränken schien. In der Schule wurden uns drei Gummikorken an einer Schnur gegeben, die wir tragen mussten. Uns wurde gesagt wir sollten diese in unserer Tasche tragen, um bereit zu sein, falls Bomben kämen. Wenn sie kämen, sollen wir jeweils einen kleinen Korken in jedes Ohr stecken und auf den großen draufbeißen, damit erstens unsere Trommelfelle geschützt seien und zweitens weiterer Schaden abgewandt würde. Soldaten kamen und gingen, und die Nahrungsmittelknappheit erforderte die Rationierung von bestimmten Artikeln. Regie48


Meine unbeständigen Wurzeln

rungsgutscheine wurden nach Anzahl der Familienmitglieder an die Familien ausgegeben, gemäß den erlaubten Erfordernissen. Als kleiner Junge, sah ich die Möglichkeit einer Invasion des Feindes, als das Kaiserreich Japan unsere nördliche, westliche und östliche Küste angriff. Überall, wo wir hinsahen, waren Schützengräben, Sandsäcke und Luftschutzbunker, die Teil unseres Alltags waren. Wir hatten auch Kriegsübungen in der Schule. Eine Gruppe von australischen Soldaten in Zivil wurde als letzter Versuch aufgestellt und marschierte eine unser Hauptstraßen herunter; sie trugen allerlei alte Waffen. Ich sah vorsichtig zu, in Erwartung, dass der Feind jeden Moment mit voller Gewalt hereinbrechen könnte. Erleichterung kam in Form der US-Armee, die eine beeindruckende Ausrüstung mitbrachte und eine überwältigende Anzahl darstellte. Sie besaßen eine starke optimistische Einstellung, wodurch ich ihnen meine Zuneigung entgegenbrachte. Ich wurde ein Schuhputzjunge und bewegte mich frei unter ihnen. Viele Leute sind sich heute nicht darüber im Klaren, wie nah Australien dahin kam, eine japanische Kolonie zu werden, und wie die Vereinigten Staaten von Amerika eingriffen, um dies zu verhindern. Die Ankunft von General Douglas MacArthur mit seinem enormen Aufgebot an Ausrüstung und Truppen, und die ritterliche Australische Infanterie, mit ihrer Verteidigung auf dem Kokoda Trail, veränderten die Stimmung in Australien nahezu in Ausgelassenheit, als der Sieg wahrscheinlicher wurde. Die japanische Reichsarmee hatte bereits Darwin angegriffen, unsere nördlichste Stadt, und mehr Verluste gefordert als Pearl Harbour. Sie hatten Verwüstung erzeugt, indem sie den Hafen von Sydney mit Miniatur Unterseebooten durchfuhren und die Stadt unter Beschuss nahmen. Der Krieg mit Japan war so weit gediehen, dass ich Jahre später von einem ehemaligen US-Soldaten Geldscheine erhalten konnte, die die Japaner für Australien gedruckt hatten, und die an einem japanischen Gefangenen sichergestellt wurden. 49


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Der Zweite Weltkrieg hinterließ einen tiefen und bleibenden Eindruck bei mir. Zeitweise hatte ich Tagträume davon, einer Fremdenlegion beizutreten oder eine Militärkarriere zu beschreiten, aber mein Mangel an akademischer Fähigkeit brachte mich runter und limitierte meine Entwicklung. Die Jahre nach dem Krieg waren begeisternd, als Produktion und Produkte zum Überfluss kamen, Häuser gebaut wurden und Soldaten heirateten. Es schien, als habe jedermann einen Traum für die Zukunft und als gäbe es grenzenlose Möglichkeiten. Mein Vater war beim Bodenpersonal der australischen Luftwaffe. Bevor der Krieg aufhörte, wurden ihm seine Augen und seine Abwege zum Verhängnis und meine Mutter ließ sich scheiden. Zu jedermanns Überraschung heiratete sie seinen Bruder, der ungebunden geblieben und ihr langjähriger Freund gewesen war. Mein Leben wurde noch unbeständiger, als mein Onkel zu meinem Stiefvater wurde. Die gesamte Situation von Kämpfen, Betrunkenheit und Ungewissheit nahm zu. Am letzten Tag meines 13. Lebensjahres verließ ich die Schule und ging am nächsten Tag zur Arbeit – mit 14 Jahren. Ich mischte Unkrautvernichter mit bloßen Händen an, wodurch ich mich ständig übergeben musste, wurde Bote, fegte Böden und begann, ein mittleres Gehalt von $2.25 pro Woche zu verdienen. Während dieser Periode meines Lebens hatte ich Spaß an der Kaninchenjagd. Ich nahm einen Zug, trug meine Flinte, Kaliber 22, zerlegt in zwei Teile, packte sie in eine alten Leinentasche und reiste aufs Land, lief stundenlang allein herum, um Kaninchen zu jagen, weit weg von der Enge der Zivilisation. Einmal plante ich mit dem Fahrrad zu fahren, um ein paar Tage auf der Jagd zu verbringen. Ich nahm eine kleine Axt, eine Decke, eine Flinte, eine Wasserflasche und etwas Nahrung mit und begann meine 35-Meilen-Reise zu den Hügeln, auf gewundenen Straßen, von denen viele nur aus Staub bestanden, und ich bat einen Freund 50


Meine unbeständigen Wurzeln

namens Ray, mich zu begleiten. Wir waren beide 15 Jahre alt. Ray war groß für sein Alter, und sein gut gebauter Körper brachte es auf 1,80 m. Ich war gerade mal 1,70 m und ziemlich dünn, aber ziemlich drahtig und entschlossen. Wir entschieden uns, jeweils mit einem Fahrrad zu fahren. Das war gut, denn Ray sagte, es sei Wahnsinn, nachdem er zwei steile Hügel raufgefahren war. Er kam mit der physischen Ausdauer nicht klar, drehte um und fuhr nach Hause. Ich fuhr weiter, bis ich meinen Zielort erreicht hatte. Etwas Ungewöhnliches geschah mit mir während meiner Zeit allein da draußen im australischen Busch. Ich kam an einer alten, verfallenen Kirche vorbei, ohne Tür und mit zerbrochenen Fenstern. Da nisteten Vögel in den Dachbalken und Unkraut wuchs durch den Boden. Bei dieser Kirche, während ich ganz allein dort stand, fühlte ich eine strahlende Gegenwart, die mich für über eine Stunde gefangen hielt. Die einfache Tatsache war die: ich hätte nicht gehen können, wenn ich es gewollt hätte, und wiederum wollte ich auch nicht wirklich. Über viele Jahre habe ich versucht zu analysieren, was da eigentlich passiert war, und doch finde ich es bis auf den heutigen Tag unerklärlich. Als ich einige Tage später wieder zur Stadt zurückkehrte, lag diese erstaunliche Erfahrung schnell hinter mir. Ich wurde in eine Art Heldenstatus erhoben, weil ich diese Reise gemacht hatte und zurückgekehrt war mit ein paar Kaninchen als Beweis für mein Abenteuer. Als ich mich von Job zu Job bewegte, unbeständig und noch mehr unbefriedigt, ließ ich mich endlich in einer Beschäftigung an der frischen Luft als Maurer nieder. Weil der Krieg einen Mangel an Handwerkern hervorgebracht hatte, dauerte es nicht lange, bis ich als qualifizierter Maurer angenommen wurde und das Gehalt eines voll ausgebildeten Handwerkers erhielt. In meinen frühen Teenagerjahren war ich sehr an Fitness interessiert und besonders am Boxen. Ich trainierte sehr hart und hatte sogar ein paar interessante Wettkämpfe. Für eine Weile zog 51


Hart am Abgrung

ich es ernsthaft in Erwägung, ein professioneller Boxer zu werden, und träumte davon, der Weltmeister im Leichtgewicht zu sein. Sogar bis heute trainiere ich manchmal noch mit einem schweren Boxsack und einem über dem Kopf angebrachten Speedball (birnenförmiger, an der Decke befestigter Ball zum Boxtraining). Aber das Leben war für mich in diesen frühen Jahren voller Anspannung, sehr harter Arbeit, Schulden und schlechten Entscheidungen. Um mir etwas Erleichterung zu verschaffen, verbrachte ich manche Wochenenden bei einem Freund namens Johnny, der auf der anderen Seite der Stadt lebte. An diesem Punkt geschah etwas, das mein Leben für immer verändern sollte. Eine Bedingung musste erfüllt werden, wenn ich bei Johnny übernachten wollte. Offensichtlich hatten seine und meine Mutter eine Art religiöses Erlebnis gehabt und so waren wir verpflichtet, an Sonntagabenden die Baptistengemeinde zu besuchen. Johnnys Mutter war ziemlich strikt, was bedeutete, dass wenn sie am Samstagabend ins Kino oder Freunde besuchen ging, wir in einem kleinen Anbau vorne am Haus eingeschlossen wurden. Da gab es ein einziges Metallbett für uns zum Schlafen aber keine Toilette oder Wasser. Und wie Jungen so sind, haben wir dafür gesorgt, dass unsere Freunde nach Einbruch der Dunkelheit kamen, und die Türscharniere abschraubten, damit wir die Freiheit hatten, überall in der Stadt zu stöbern, Obst zu klauen und Briefkästen zu sprengen. Wir waren sehr darauf bedacht, die Scharniere wieder anzubringen, bevor Johnnys Mutter nach Hause kam und uns diese Dinge zuschreiben oder uns beschuldigen konnte. Wir machten das fast zwei Jahre lang so und wurden nie erwischt, obwohl der Verdacht durch die Beschwerden der Nachbarn immer bestand. Wegen der angeblich abgeschlossenen Tür verstanden sie bloß nicht, wie.

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Meine unbeständigen Wurzeln

Mit fünf Jahren, gutaussehend und zurechtgemacht.

Im Alter von 4 Jahren mit „Big Brother“ Brian.

1945 mit Mutter Dorothy, Brüdern David und Brian und Vater Joseph.

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Hart am Abgrung

10 Jahre alt mit Klassenkameraden (erste Reihe, zweiter von rechts).

1944 – Kapitän der Schul-Band (Mitte mit Kapitänsmütze)

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KAPITEL ZWEI

Junge Liebe

E

s war an einem dieser Sonntagabend Gemeindetreffen als ich etwas sah, was, glaube, ich der wunderschönste Anblick war, den ich jemals in meinem Leben gesehen hatte. Ich sah ein 16jähriges Mädchen namens Robina vorbeigehen. Sie hatte etwas an sich mit ihren langen, geflochtenen Haaren, die sie um ihren Kopf gelegt und mit Blumenclips befestigt hatte. Sie hatte eine Haut wie aus Porzellan, erhellt durch große, glänzende Augen. Sie war so ordentlich angezogen und bot ein Bild von Anstand und Zurückhaltung. Ich war zuerst gefangen durch ihr Äußeres, doch als ich ihr feines und sanftes Wesen kennenlernte, verliebte ich mich tief und hoffnungslos in sie. Es dauerte nicht lange, bis es mit Robina und mir recht ernst wurde. Wir trafen uns, wo wir nur konnten, ohne das Wissen oder die Erlaubnis ihres Vaters, aber mit der vorsichtigen Zustimmung ihrer Mutter. Unser Leben wurde komplett von der Begeisterung absorbiert, verliebt zu sein, und der Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft. Ein bestimmter Abend übertraf dabei alle anderen. Robina war 16 und ich war 17 Jahre alt. Ihr Vater war auf Nachtschicht, und wir sagten am Vordertürchen über den Gartenzaun hinweg „Gute Nacht“. Als wir einander in die Augen blickten, küsste ich sie spontan und ich war dermaßen begeistert, dass ich mein Gesicht zwei Wochen lang nicht abwusch. Unsere Brautzeit bestand aus unbeschreiblicher Freude in jedem Moment, den wir zusammen waren. 55


Hart am Abgrung

Wann immer wir uns treffen konnten, rannte ich zwei Meilen (3,2 km), um bei ihr zu sein. Endlich traf ich Robinas Vater und wir wurden feste Freunde. Ich kaufte ein Chevrolet Cabrio Bj. 1934, eines von vier Autos, die ich während dieser Zeit hatte und das machte es Robina und mir möglich, häufiger miteinander auszugehen. Das Auto war allerdings in einem sehr fragwürdigen Zustand und auf Raten gekauft. Da war ich in meinen mittleren Teenagerjahren, besaß als erster in meiner Familie ein Auto und konnte es noch nicht mal richtig fahren. Inzwischen arbeitete ich hart und verdiente gutes Geld, aber ich war überhaupt nicht in der Lage, finanzielle Angelegenheiten zu regeln, was bedeutete, dass ich immer Schulden hatte. Leider wurde ich von schmerzenden Gelenken geplagt und entdeckte erst nach einer Röntgenaufnahme, dass mein Herz wegen einer unbemerkten Attacke von rheumatischem Fieber von ein paar Jahren zuvor vernarbt war. Bald sollte ich mein Zuhause verlassen, nämlich als meine Mutter ihren zweiten Ehemann verließ. Als Robina 20 und ich 21 Jahre alt war, heirateten wir und lebten in einem Raum mit einer kleinen Küchenzeile, die wir nur durch ein Fenster erreichen konnten und einem Badezimmer, das wir mit zwei weiteren Leuten teilen mussten. Ein bisschen später, nachdem wir verheiratet waren, ging Robinas Vater in den Ruhestand und besaß kein Eigenheim. Und so kauften wir ein altes, verfallenes Haus, wo wir als zwei separate Familien leben konnten, nachdem Anbauten, Erweiterungen und Verbesserungen gemacht waren. Ich erinnere mich, dass ich mich an einem Sonntag, als Robina ein Fest aus geröstetem Lamm zubereitete, impulsiv dafür entschied, die Küchenmauer herunterzureißen, die sich gefährlich neigte. Mit einem riesen Schlag des Vorschlaghammers kam die gesamte Wand herunter, zusammen mit einer Staubwolke. Robina und all die Utensilien wurden mit Staub bedeckt, aber sie brachte den Dreck einfach still in 56


Junge Liebe

Ordnung und wir aßen unser Abendessen, während wir zusammen auf die Stelle blickten, wo die Mauer gewesen war. Bevor ich an dem Abend ins Bett ging, musste ich die Wand wieder zumauern, mit neuen Türen und Fenstern, was meine typische Vorgehensweise zu dieser Zeit in unserem Leben war. Als Robina schwanger mit Peter Junior wurde, war ich besorgt, dass ich sie nicht rechtzeitig ins Krankenhaus bringen könnte. Ich machte Probedurchläufe in meinem Ford V8 Clubman Sedan, Bj. 1937, der sich dreimal überschlagen hatte und ganze 14 Meilen pro Gallone (3,7 Liter) Öl schaffte. Weil dieses Auto an der Seite kein Fensterglas hatte, schaffte ich es, ein klares Stück Plexiglas aufzutreiben und an dem Fensterrahmen festzuschrauben, um den Regen abzuhalten. Unsere Freude war vollkommen, als Peter Junior geboren wurde, aber in vielerlei Weise war ich für diese Verantwortung noch nicht bereit. Das sollte sich jedoch in den nächsten paar Jahren ändern. Finanziell fuhren wir sicherlich „die harte Tour“, als ich anfing Akkordarbeiten im Mauern anzunehmen, was mehr Geld einbrachte, wenn man schnell, akkurat und sauber war. Ich hörte von großen Verdienstmöglichkeiten im Maurergeschäft in einer Stadt namens Kalangadoo. Ich fuhr dort hin, nur um zu erfahren, dass es nicht so aussah, wie es mir beschrieben worden war, und es gar keine Arbeit gab. Ich fuhr weiter nach Mt. Gambier und fand dort Arbeit im Überfluss. Ich blieb dort, hatte Arbeit und wohnte in einem Zelt, weit weg von meiner Frau und meinem kleinen Sohn. Robina entschloss sich spontan, per Zug zu mir zu kommen, und sandte ein Telegramm, das besagte: „Verderbliche Güter werden geliefert, bitte am Bahnhof abholen.“ Jetzt, wo meine Frau und mein kleiner Sohn bei mir waren, fand ich eine geeignetere Unterkunft. Wir lebten für eine Weile in zwei Städtchen, wo ich in meinem Handwerk arbeitete. Schließlich kehrten wir zurück in das Haus, in dem wir zuvor zusammen mit Robinas Eltern gewohnt hatten. 57


Hart am Abgrung

Als Robina zum zweiten Mal schwanger wurde, war es offensichtlich, dass wir mehr Platz brauchten. Und nach einer Reihe von Ereignissen war es uns möglich, ein Stück Land zu erwerben. Ich arbeitet Vollzeit und baute ein kleines Backsteinhaus. Wir zogen nach nur acht Wochen und drei Tagen ein. Mit der Ankunft unseres zweiten Sohnes Graham, hatten wir den Eindruck, dass unser Leben nicht besser sein konnte. Unglücklicherweise schien es mir, je härter ich arbeitete, desto tiefer geriet ich in Schulden. Zu einer Zeit arbeitete ich einen kompletten Auftrag mit spezieller finanzieller Prämie in einem Zeitraum von 72 Stunden ab, was bedeutete, dass ich mit sehr wenig Pausen arbeiten musste. Ich verdiente eine enorme Menge Geld, nur um sie durch Misswirtschaft wieder zu verlieren.

Die junge und schöne Robina, als ich sie zum ersten Mal sah mit 15 Jahren. Mit eingesetztem Foto von Robina mit 18 Jahren

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Junge Liebe

Mit 17 Jahren mit Robina am Strand.

FĂźr immer vereint und zutiefst verliebt.

Mit Robina im Alter von 16.

Mit Robina 1950, zwei junge Liebende an einem Wintertag.

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Hart am Abgrung

Im Alter von 25 Jahren beim Anstrich der Fassade von unserem ersten Bachsteinhaus, was ich in 8 Wochen und drei

1958 bei der Arbeit als Maurer

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