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Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen. Die zitierten Bibelverse sind folgender Bibelausgabe entnommen: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Copyright © 2025 Gerth Medien in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Berliner Ring 62, 35576 Wetzlar 1. Auflage 2025 Bestell-Nr. 821148 ISBN 978-3-98695-148-1 Umschlaggestaltung: Hanni Plato Umschlagmotiv: Gert Wagner unter Verwendung von bildgebenden Generatoren Satz: Uhl + Massopust, Aalen Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Deutschland www.gerth.de


Den Menschen gewidmet, die ihre Liebe, Kraft und Zeit in Kinder investieren!


„Wir haben Sie schon gestern erwartet, aber wie es so mit den Postkutschen ist. Willkommen in Kaiserswerth!“ Schwungvoll drehte sie sich zu den Kindern um. Vierzig neugierige Augenpaare starrten die fremde junge Frau an. „Kinder, das ist die Nichte von Schwester Sophie aus der Diakonissenanstalt! Sie ist von weit her extra zu uns gekommen, um uns zu helfen. Was sagt ihr?“ „Herz-lich will-kom-men, Fräulein!“ Der Chor klang einstudiert. „Wer hilft Fräulein Wagner, ihr Gepäck zu tragen?“ Während sie an Schwester Ruths Seite die Straße hinunterging, atmete Anna auf. Ihre größte Sorge in den letzten Stunden war gewesen, alles hätte sich als Irrtum herausgestellt und niemand würde sie erwarten. Jetzt sehnte sie sich nur noch nach einer Waschschüssel, einem warmen Abendessen und einem sauberen Bett. Nach der Reise war sie zu müde, um von der kleinen Stadt, in der sie künftig leben würde, viel aufzunehmen. Sie bemerkte nur, dass lediglich die größere Straße, durch die sie gingen, gepflastert war, dass aus der gemauerten Abflussrinne in der Mitte ein ziemlich fauliger Geruch aufstieg und dass die kleinen Häuser alle vorn eine Treppe hatten, sodass die Haustür etwa einen Meter über der Erde lag. Zum Glück für ihre schweren Beine und für die hilfsbereiten Kinderarme, die ihr Gepäck schleppten, war es nicht weit von der Poststation bis zu ihrem Ziel. „Anfangs haben die Kleinkinderseminaristinnen auch bei den Schwestern im Mutterhaus gewohnt“, erklärte Schwester Ruth, „aber dann wurde es zu eng. Sie wohnen jetzt an der 33


Wallstraße.“ Anna nickte nur. Sie hätte gerne etwas Kluges erwidert, aber ihr Kopf war dumpf und schwer und ihre Zunge schien am Gaumen zu kleben. Eine Viertelstunde später stand sie in dem Schlafsaal der Seminaristinnen, ein schmaler langer Raum ganz oben unter dem Dach – im „Anbau“, wie ihre Führerin erklärte. Betten und Schränke aus dunklem Holz standen eng aneinander. „Die anderen sind gerade alle im Haushalt beschäftigt“, erklärte Schwester Ruth, die es sichtlich eilig hatte, sich wieder ihren Schützlingen zu widmen. „In einer Stunde gibt es Abendbrot. Bis dahin können Sie auspacken, dann wird Sie jemand abholen.“ Sie lächelte ihr noch einmal aufmunternd zu, dann verließ sie den Schlafsaal und ließ Anna allein. Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung sank Anna auf das einzige unbenutzte Bett. Sie hatte es geschafft.

„Du hast Karls Augen.“ Sophie Wagner war eine kleine Person mit rundem, freundlichem Gesicht, die ihre Tracht mit stiller Würde trug. Man hatte Anna ins Mutterhaus hinübergeschickt, in dem Sophie ihr kleines Büro hatte. Jetzt, wo Anna ihrer Tante gegenüberstand, flackerte eine schwache Erinnerung in ihr auf – an eine mütterliche Umarmung und an den Geruch von Seife, den ihre Kleider verströmten. Sie wirkte wie 34


ein Mensch, der sehr beschäftigt ist, aber das galt nicht nur für sie allein. Alle, die in der Diakonissenanstalt tätig waren, schienen sich in einem ständigen Geschwindmarsch zu befinden. Das Haus summte wie ein Bienenschwarm. Dabei schien jede Frau ganz genau zu wissen, was sie zu tun hatte. Niemand schrie herum. Die Schwestern bewegten sich leise wie auf S­ ocken und sprachen in gedämpftem Ton miteinander. Anna hatte trotz des fremden Bettes und der anderen jungen Frauen im Raum geschlafen wie ein Stein, sowie sie ihren Kopf auf das Kissen gelegt hatte. Sie trug das Kleid, das man ihr hingelegt hatte – ein einfaches Hauskleid mit einer grauen Schürze. Trotz ihrer durchgerüttelten und immer noch steifen Glieder fühlte sie sich bereit, die Ärmel hochzukrempeln. Sie empfand Enttäuschung und Erleichterung zugleich, als sie erfuhr, dass sie nicht unmittelbar in den laufenden Kurs der Kleinkinderschullehrerinnen einsteigen konnte. Pastor Theodor Fliedner und seine zweite Frau Caroline, die das Werk leiteten, legten Wert darauf, sie erst einmal kennenzulernen. Allerdings sei die Not im Waisenhaus wirklich so dringend, wie sie es im Brief beschrieben hatte, betonte Tante Sophie. Anna sollte zunächst einmal dort einspringen und mithelfen, wo man sie benötigte. Nebenher könnte sie an einzelnen Unter­richtsstunden teilnehmen, wenn die Arbeit es erlaubte. Anna nickte und fühlte sich gleich wohler, weil Sophie mit ihr in dem vertrauten Schwäbisch sprach. Die Tante blickte ihr forschend in die Augen. „Anna, die Arbeit und dein Einsatz hier sind aber nicht das, worauf es ankommt. Wie sieht es mit 35


deinem Herzen aus? Bist du ein Kind Gottes?“ Unter ihrem klaren Blick senkte Anna den Kopf. Sie wurde rot. Was sollte sie sagen? Würde man sie postwendend gleich wieder heimschicken? Sie wagte nicht zu lügen. „Ich – ich weiß nicht“, flüsterte sie schließlich und fühlte sich schrecklich dumm. Wie selbstverständlich hatten alle, ob Schwestern oder Schülerinnen, beim gemeinsamen Frühstück das angegebene Lied geschmettert. Gebet schien ebenfalls die natürlichste Sache der Welt zu sein. Schon im Schlafsaal waren nicht nur in Windeseile akkurat Betten gemacht und Schränke aufgeräumt worden, sondern jede Einzelne hatte versunken und still für sich gebetet. Decken und Kleider zu falten, konnte man sich abgucken, aber beten? Anna hatte stattdessen still auf ihrem Bett gesessen und nicht gewusst, was man von ihr erwartete. Als Paul fort war, ja, da hatte sie auch gebetet. Ein einziges verzweifeltes Stoßgebet, weil sie nichts anderes denken konnte: „Lieber Gott, bring ihn zurück!“ Aber er war nicht zurückgekommen. Lag es vielleicht an ihr, dass Gott sie nicht hörte? Wie musste man sein, damit Gott einen hörte? Oder gab es besondere Formeln, die man benutzen musste? Tante Sophies wache Augen schienen alles zu ahnen, was Anna nicht sagte. „Der Karl“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war weich und ein bisschen traurig. „Er scheint alles vergessen zu haben, was er mal gelernt hat. Es tut mir so weh, dass er sein eigenes Kind nicht zum Heiland geführt hat!“ Anna hatte das Gefühl, ihren Vater verteidigen zu müssen. „Vater hat so viel zu tun.“ Tante Sophie streckte ihre Hand aus und strich 36


ihrer Nichte über die Wange. Es war eine raue, an Arbeit gewohnte Hand, aber die Berührung war sanft. „Kind. Es gibt nichts Wichtigeres im Leben, als den Heiland zu suchen.“ Sie richtete sich auf und fuhr energisch fort: „Dann ist es ja gut, dass du hier bist. Ein Kind Gottes werden muss jeder für sich selbst. Ich bringe dich noch geschwind hinüber ins Waisenhaus. Sonst werden wir uns wahrscheinlich nicht so viel sehen, aber, mein Kind, ich werde für dich zum Heiland f­ lehen, dass er dich zu sich zieht. Und deinen lieben Vater auch – und deine Mutter.“ Da ist Hopfen und Malz verloren, schoss es Anna durch den Kopf, aber sofort kam ihr schuldbewusst die Einsicht, wie respektlos das war. Wenn Tante Sophie mit Jesus auf so vertrautem Fuß stand, wer war sie, dass sie beurteilen konnte, was dann möglich war. Auf dem kurzen Weg die Straße hinunter begegneten Sophie und Anna gleich mehrere Schwestern, die sie ansprachen. Ihre Tante schien eine bedeutende Person zu sein, die jedermann kannte, und an der nur wenig vorüberging. Annas Hochachtung wuchs. Schließlich kam Tante Sophie aus demselben Ort wie sie und hatte ursprünglich keine bessere Schulbildung gehabt, als sie selbst erhalten hatte. Wie war sie zu der geachteten Person geworden, die sie nun war? Das Waisenhaus lag in derselben Straße wie auch andere Gebäude der Diakonissenanstalt, begrenzt durch die Stadtkirche in der anderen Richtung, kleine, einfache weiße Häuser wie solche, die sie schon gestern gesehen hatte, mit einer Treppe vor dem Eingang. Allerdings war es vor wenigen Jahren durch 37


den Anbau eines schmalen hohen Flügels erweitert worden, in dem jetzt auch Anna untergebracht worden war. „Das Werk wächst und wächst“, erklärte ihr die Tante. „Pastor Fliedner ist unermüdlich unterwegs, um Gelder zu sammeln und Genehmigungen zu erhalten. Denk dir, unser größter Gönner ist der preußische König Friedrich Wilhelm IV. selbst. Ihre Majestät gewährt ihm zinslose Darlehen und hat uns dazu eine gute Summe für den Bau geschenkt. Angefangen hat alles mit dem Asyl, schau hier, dieses Haus. Vor 14 Jahren hat Theodor Fliedner mit seiner Frau Friederike hier die erste Frau aufgenommen. Die kam frisch aus dem Gefängnis. Das heißt, ganz am Anfang wohnte sie sogar in deren Gartenhaus, weil es noch keinen anderen Platz gab.“ „In einem Gartenhaus?“ Anna konnte sich das nicht vorstellen. Sie hatte immer eine Anstalt vor Augen gehabt, einen großen, grauen Bau wie eine riesige Schule oder noch eher wie eine Kaserne. „Doch, ja. Sowie ich frei habe, machen wir beide einmal einen Rundgang. Gott hat Geschichte geschrieben in Kaiserswerth, das kann man sagen. Aber es ist Gottes Art, das zu gebrauchen, was wir haben, sei es noch so klein und bescheiden. Wir müssen es ihm nur hingeben.“ Für Tante Sophie schien es das Natürlichste auf der Welt zu sein, so über Gott zu reden, gerade so, als ob sie ihn persönlich kennen würde. Wer konnte schon wissen, was Gott plante und dachte? „So, da sind wir. Ich übergebe dich Schwester Ruth und dann muss ich wieder hinüber ins Mutterhaus.“ Wieder war Anna erleichtert. Schwester Ruth war freundlich zu ihr gewesen. 38


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