Matthias «Kuno» Kuhn
Jüngerschaft Wie bringen wir Lehre und Leben zusammen?
© 2019 Matthias Kuhn «Jüngerschaft – Wie bringen wir Lehre und Leben zusammen?» 1. Auflage Juni 2019 © Schleife Verlag, Pflanzschulstrasse 17, CH-8400 Winterthur, Switzerland Tel. +41 (0)52 2322424, Fax +41 (0)52 2336082 Email: verlag@schleife.ch www.schleife.ch ISBN 978-3-905991-45-1 Bestellnummer 120.135 Es wurden folgende Bibelübersetzungen verwendet: NGÜ: Neue Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen, © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. ZB: Die Zürcher Bibel (Ausgabe 2007), © Theologischer Verlag Zürich. ELB: Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26), © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten. LUT: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. HFA: Hoffnung für Alle (Hope for All), © 1983, 1996, 2002, 2009, 2015 by Biblica, Inc. Alle Rechte vorbehalten. Textredaktion: Judith Petri, Thomas Bänziger Umschlaggestaltung: Samuel Schuhmacher Satz: Nils Großbach Druck: Optimal Media, DE-Röbel Alle Rechte vorbehalten, auch für auszugsweise Wiedergabe und Fotokopie.
Widmung Wenn ich an meine Familie denke, fühle ich mich so reich beschenkt. Ich bin fasziniert von Susann, meiner Frau, und unseren Kindern Dorine, Timo, Flavia und Dina samt unseren wunderbaren Schwiegerkindern Peet, Joana und Luca. Ihr liebt, unterstützt, erträgt und korrigiert mich – ich möchte mir nicht vorstellen, was ich ohne euch wäre! Dies gilt ebenso für meine lieben Eltern Rolf und Elfriede Kuhn, meine leiblichen Geschwister und so viele gute, treue und langjährige Freunde – ihr seid unbezahlbar!
Inhalt Geleitwort von Geri Keller............................................................... 7 Vorwort............................................................................................. 11 Kapitel 1 Wir geben unser Leben einer verlorenen Welt hin.......................................... 13 Kapitel 2 Zurück zu den Wurzeln............................................ 33 Kapitel 3 Die Vision geht weiter – Neues entsteht.................. 53 Kapitel 4 Eine nachhaltige Vision – die Entstehung des G-Movements........................... 61 Kapitel 5 Mündigkeit.................................................................. 79 Kapitel 6 Jüngerschaft in der Familie....................................... 99 Kapitel 7 Der Weg der Jüngerschaft in unserer Familie...... 107 Kapitel 8 Jüngerschaft in der Familie im Kirchenkontext . 133 Kapitel 9 Das allgemeine Priestertum................................... 139 Kapitel 10 Das Reich Gottes...................................................... 155 Kapitel 11 Freundschaften..........................................................161 Kapitel 12 Gnade......................................................................... 169 Kapitel 13 Innere Kämpfe.......................................................... 193 Schlusswort.................................................................................... 204
Geleitwort Vor rund zwölf Jahren erschien das Buch «Die Hütte» des Kanadiers William Paul Young. Darin ging es letztlich um unser Gottesbild. Das Buch und später die Verfilmung lösten ein mittleres Beben in der christlichen Szene aus. Auch wenn theologisch längst nicht alles im grünen Bereich war, traf das Buch einen empfindlichen Nerv. Ein hörbares Aufatmen ging rund um die Welt. Viele erlebten Youngs Aussagen als einen Freischlag. Wenn ich mich nicht täusche, könnte von diesem vorliegenden Buch eine ähnliche Wirkung ausgehen. Thematisch geht es primär um Jüngerschaft. Angesprochen sind alle, die sich mit Kirche auseinandersetzen, gerade auch sogenannte Vollzeiter und Vollzeiterinnen. Wer dazugehört oder wenigstens ein Minimum an Insiderwissen hat, weiss um das Minen- und Tränenfeld, welches sich da für viele eröffnet – bei aller Freude und tiefen Erfüllung, die das Ganze mit sich bringt. Das hat nicht zuerst etwas zu tun mit Begabung, charismatischer Ausstrahlung und der richtigen Gemeinde, sondern schlicht damit, dass wir alle Menschen sind und bleiben. Wenn wir wirklich Reich Gottes auf unsern Herzen haben und nicht einfach den billigen Erfolg, dann gilt das Apostelwort: «Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen.» Es gibt ein Leiden um des Reiches willen, es gibt aber auch ein Leiden, welches uns dienen muss, damit wir wachsen können in unserer Jesus-Ähnlichkeit. 7
Jüngerschaft
Matthias Kuhn
Keine Frage, dass Kuno, wie sich der Verfasser nennt, mit einem gewaltigen Vorschuss an Gaben und Kommunikationsfähigkeit seinen Weg als geistlicher Leiter antreten konnte. Das alles Entscheidende in seinem Leben war jedoch der Entschluss, Jesus und sein Reich an erste Stelle zu setzen. Und dies nicht verstanden als eine allgemeine Wahrheit, sondern als Einwilligung, keine eigenen Wege zu gehen, sprich: die Agenda dem zu übergeben, der seinen Jüngern gesagt hatte: «Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.» Das bedeutet auch, einzuwilligen in die Tatsache, dass man nicht auf jeden Zug aufspringen muss und scheinbar einmalige Gelegenheiten an sich vorübergehen lassen kann. Vor allem beinhaltet ein solcher Entscheid, dem Herrn die beste Zeit zu geben, da Gott zuerst an unserer Freundschaft mit ihm interessiert ist. Dies gesagt, folgt an zweiter Stelle auf der horizontalen Ebene die Familie, welcher Gott eine hohe Priorität beimisst. Menschlich gesehen mag sie uns, den Vielbeschäftigten, manchmal eher als ein Hemmschuh erscheinen, sodass wir froh sind, das Nötigste zu Hause mit links erledigen zu können. Anders bei Kuno: Für ihn war und ist die Familie Kraftquelle und Inspiration für den geistlichen Dienst! Was wir in seinem Buch über Jüngerschaft erfahren, ist ein Ausfluss von dem, was Susann und er in ihren vier Wänden im Verborgenen eingeübt und durchbuchstabiert haben, und zwar eins zu eins! Ein Kindergeburtstag erscheint auf der To-do-Liste gleichwertig neben einem grossen Event! So paradox es klingen mag: An dritter Stelle stehen die leeren Hände. Nichts gegen Lebensentwürfe und grosse Visionen, doch der Herr ist der Herr! Geht es um «mein Ding» oder bleiben wir offen für Neues, für Überraschendes? Es ist Gott selber, 8
Geleitwort von Geri Keller
der Kuno zur richtigen Zeit den nächsten (oft grösseren) Stein in den Garten wirft. Genau dies macht unser Buch so unglaublich spannend und befreiend! ER schreibt Geschichte, nicht wir. An uns ist es dann, zu sagen: Hier bin ich, sende mich! Lassen Sie sich in diesem Buch den Frühlingswind einer ungeahnten Freiheit im Geist ums Gesicht wehen, und atmen Sie ganz tief durch! Geri Keller
9
Vorwort Bei einem nächtlichen Spaziergang am Thunersee legte unser Gott mir wiederholt Psalm 32,8 aufs Herz. Es war die Antwort auf viele Fragen, die mich als junger, eben gestarteter Kirchengründer bewegten. Ich vernahm dieses Reden Gottes in einer Zeit, als man noch kein Handy mit Bibel-App in der Hosentasche trug; zudem kannte ich damals noch etwas weniger Bibelstellen als heute. Also kehrte ich so rasch wie möglich in die Wohnung zurück, in der ich mich zu Tagen der Stille zurückgezogen hatte. Unwissend, ob dieser Vers nun wirklich in der Bibel steht, schlug ich das Wort Gottes auf und las: «Ich will dich lehren und dir sagen, wie du leben sollst; ich berate dich, nie verliere ich dich aus den Augen» (Psalm 32,8; HFA). Was für eine Zusage für jemanden, der Kirchengründungs-Träume hatte, aber kaum entsprechendes Wissen dazu besass. Für jemanden, der nicht zum Pastor ordiniert worden war und im Dschungel der theologischen Fachliteratur meist akute Schwindelanfälle bekam. Von dem Tag an begann ein Abenteuer, in dem ich mich immer noch befinde. Trotzdem möchte ich schon einmal etwas zurückblättern, was ich mit diesem Buch gerne tue! Seit ich in einem nächtlichen Traum in Korsika den Auftrag bekam, ein Buch zu schreiben, sind leider viel zu viele Jahre ins Land gezogen. Das Schreiben wurde auf der Prioritätenliste 11
Jüngerschaft
Matthias Kuhn
oft nach hinten gerückt und nun bin ich endlich, endlich diesem Impuls Gottes gefolgt. Dass das Werk nun vor uns liegt, entlockt mir ein aufschnaufendes «Halleluja» und ein grosses Dankeschön an alle, die mich darin unterstützt haben! Ein spezieller Dank gehört Judith Petri, welche die Textredaktion mit viel Leidenschaft ausgeführt hat und die das Stirnrunzeln meines einstigen Deutschlehrers nun wohl bestens nachvollziehen kann. Ich bete, dass das Buch ein Werkzeug des Heiligen Geistes ist, durch welches vieles geweckt, bestätigt, aufgewirbelt und entfacht wird, damit Gottes Reich in Kraft auf dieser Welt weiter Gestalt annimmt! Matthias Kuhn
12
Kapitel 1
Wir geben unser Leben einer verlorenen Welt hin Ich weiss nicht genau warum, doch tief in mir steckte schon immer der Wunsch, eine Kirche zu gründen. Der Grund muss eine Inspiration von Jesus gewesen sein, denn Freikirchen waren mir bis zu meinem 18. Lebensjahr eigentlich unbekannt; und danach fand ich sie längere Zeit eher gewöhnungsbedürftig. Ich hatte das Privileg, von Eltern grossgezogen zu werden, welche mir den Glauben intensiv vorlebten und durch ihr hohes Engagement für suchtkranke Menschen schon früh die Bandbreite des Lebens zeigten. Da gab es den Moment, wo ich mein Bett einem Alkoholiker zur Verfügung stellen durfte, damit dieser bei uns die Nacht unter einem warmen Dach verbringen konnte. Da war die Family-Weihnachtsfeier, die wir mit einem suchtkranken Menschen feierten, der unser Haus mit der Blockflöte einer meiner Geschwister in der Hosentasche wieder verliess. Persönlich wäre es mir fast lieber gewesen, er hätte die Geige meiner Schwester eingepackt, die sich damals im Anfangsstadium ihrer Geigenkarriere befand und regelmässig interessante oder je nach Tagesgefühl auch nervenaufreibende Klänge produzierte, welche unser Haus durchdrangen … Meine Eltern lebten ihren Glauben im Alltag aus, waren Teil eines Hauskreises und dazu Mitglieder der evangelischen 13
Jüngerschaft
Matthias Kuhn
Landeskirche in unserem Dorf. Ich für meinen Teil liess den obligatorischen kirchlichen Unterricht über mich ergehen, interessierte mich aber keineswegs für Gemeinde- und Kirchenbau. Aufgrund gewisser Entwicklungen in unserem Dorf kam ich dann erstmals in Kontakt mit Freikirchen und schon wenige Jahre später war ich Pastoral-Assistent in einer bestehenden Kirche. Irgendwann einmal vor meiner ersten Anstellung als Kirchenmitarbeiter muss der klare Wunsch zur Kirchengründung in mein Herz gekommen sein. So machte ich gleich zu Beginn meiner Anstellung zur Bedingung, dass ich in Zukunft einmal diesen in mir schlummernden Traum umsetzen dürfte. Dazu bekam ich grünes Licht!
Ein gemeinsamer Traum Parallel zu unserer Investition in die bestehende Kirche gründeten wir zusammen mit zwei befreundeten Ehepaaren einen Hauskreis mit dem klaren Ziel, daraus eine Kirche zu starten. Dem Ganzen gaben wir den kaum mehr nachvollziehbaren Namen «Zelle 54». Wie schrecklich! Mein Hauptfokus lag jedoch auf den Tätigkeiten in der bestehenden Kirche. Ich hatte dabei das Privileg, von der Kirche zum Teil für die Arbeit im Rollorama, einem Skatepark, freigesetzt zu werden. Dieses niederschwellige, gesellschaftsrelevante Angebot für die Thuner-Jugendlichen war ein Beweis dafür, dass Christen auch Trendsetter sein können. Es wurde gut genutzt und ich übernahm dabei vor allem samstags die Tagesverantwortung und war im Streetball-Bereich tätig. 14
Kapitel 1
Wir geben unser Leben einer verlorenen Welt hin
So war die «Zelle 54» (das ist das letzte Mal, dass ich es schaffe, diesen Namen aufs Papier zu bringen …) ein kleines Treffen mit Freunden, die gemeinsam einen grossen Traum hatten. Recht unbemerkt entwickelte sich die kleine Truppe zu drei Hausgruppen, und so starteten wir bald mit monatlichen, generationsübergreifenden Gottesdiensten, die Anklang fanden und Wachstum mit sich brachten. Als junge Familie – wir hatten inzwischen drei Kinder – wurde uns nach vier Jahren klar, dass die Zeit reif war, uns nur noch auf die Kirchengründung zu fokussieren, was bisher lediglich ein «intensives Hobby» gewesen war. Dieser Schritt verlief nicht ganz ohne «Nebengeräusche» und Schmerzen, da die bestehende Kirche, welche bis zu diesem Zeitpunkt mein Arbeitgeber gewesen war, mich gern länger anstellen wollte. Doch unser Herz brannte für das Neue, ohne im Konflikt mit dem «Alten» zu stehen. So kam es unweigerlich zu einem Bedürfniskonflikt, der für alle Beteiligten nicht einfach war. Als ich am letzten Tag mein Büro in der Kirche, die ich enorm schätzte und die ich liebte, räumte, lag eine Schwere auf mir. War mein Entschluss, aufzubrechen, falsch? Wurde ich von rebellischen Gedanken getrieben oder eher vom Geist Gottes? Es waren bohrende Fragen, die mich bewegten. Ich wollte Menschen keinesfalls enttäuschen, war jedoch auf dem besten Weg, genau das zu tun … Obendrauf kam noch die Sache mit meiner angestrebten Ordination als Pastor. Ich schrieb zum Thema «Nicht von der Welt, aber in der Welt» eine Arbeit, die zunächst guten Anklang fand. Doch dann kam wie der Blitz aus heiterem Himmel die Mitteilung, dass meine Ordination abgelehnt worden sei und man mir empfehlen würde, meine Assistenzzeit zu verlängern. In der Regel war es so, dass die Ordination nach einer erfolg15
Jüngerschaft
Matthias Kuhn
reichen Assistenzzeit ohne grosse Schwierigkeiten gutgeheissen wurde. So war diese Meldung für mich nicht nur ein Schock, sondern zugleich ein grosser Schmerz und liess Gefühle der Ablehnung und der Selbstverurteilung in mit aufkommen. Ich war bis dahin bemüht gewesen, mich gut zu integrieren. Da ich ja nicht mit «Freikirchenmilch» aufgewachsen war, war ich seit meinem Start in diese für mich neue Kultur vorsichtig. Ich wusste, dass ich durchaus Potenzial hatte, Dinge zu tun, die tendenziell religiös geprägte Leute entsetzen konnten. So versuchte ich, mich in diese Kultur einzufügen, mich zu demütigen und mich nützlich zu machen, um keinen unnötigen Stress zu verursachen. Bei meinem ersten Pastorentreffen stellte ich fest, dass es für Leiter offensichtlich «angesagt» war, sich mit einem Aktenkoffer statt mit einem Rucksack in der Öffentlichkeit zu zeigen. Mein Entschluss stand somit fest, mir so bald wie möglich ebenfalls einen Aktenkoffer zu kaufen, um wenigstens auf der «Koffer-Ebene» nicht aufzufallen. Coop sei Dank – bald gab es dort eine tolle Aktion und ich konnte mir einen metallenen Aktenkoffer leisten! Dieser ist heute bemerkenswerterweise noch immer in Gebrauch; er wird vom Technikteam genutzt, um alle möglichen Kabel unterzubringen.
Aufbruch in das Neue Bei unserem Aufbruch in das Neue wurde ich somit auch mit meinem gut gemeinten, aber falschen Anliegen konfrontiert, beliebt zu sein, nicht anzuecken, keine Leute zu enttäuschen und «aktenkoffer- statt rucksackmässig» durchs Leben zu gehen. Zu dem klaren Auftrag Gottes, die neue Kirche zu bauen, gehör16
Kapitel 1
Wir geben unser Leben einer verlorenen Welt hin
te, dass ich die Lektion lernte, mich nicht von dem Applaus der Menschen, sondern von der Stimme des Heiligen Geistes leiten zu lassen. Dies war und ist für mich «eine grosse Nummer». Immer wieder werde ich an die Aussage von Paulus im Galaterbrief erinnert: «Sagt selbst: Bin ich, wenn ich so rede, auf die Zustimmung der Menschen aus oder auf die Zustimmung Gottes? Geht es mir wirklich darum, Menschen zu gefallen? Wenn ich noch Menschen gefallen wollte, wäre ich nicht ein Diener Christi!» (Galater 1,10; NGÜ). Der Entschluss, etwas Neues zu beginnen, wurde von gewissen Leuten als rebellisch ausgelegt, was durchaus auch hätte sein können. Die Antwort darauf liess sich nur im Dialog mit Gott und mit geistlichen Vätern und Müttern finden, die uns Gott sei Dank zur Seite standen und uns bei unserem Schritt ermutigten. So starteten wir etwas zitterig in das neue Abenteuer. Wir hätten uns eine Aussendung gewünscht, doch so war’s eher eine Verabschiedung mit Stirnrunzeln und einigen Seitenhieben. Doch das Feuer für die Träume, die Gott in uns hineingelegt hatte, und die Ermutigungen und Bestätigungen, die wir von Jesus bekamen, waren stärker. Wir konnten also in das Neue und Ungewisse ausziehen in dem Wissen, dass Gott uns dazu berufen hatte. Ich werde später im Buch noch auf den Umgang mit Vergebung und Verletzungen eingehen, welche Pionier- und Leitungsdienste leider mit sich bringen. Doch das sei schon gesagt: Ich bin Gott sehr dankbar, dass diese Situation heute geklärt ist und es keine Misstöne mehr zwischen uns gibt.
17
Jüngerschaft
Matthias Kuhn
Offizielle Kirchengründung Mit einigen wenigen Personen – Mitarbeitern aus dem Rollorama –, wo sich in der Zwischenzeit organisch eine kleine Dienst-Gemeinde entwickelt hatte, starteten wir die offizielle Kirchengründung gleich einmal mit zwei gemeinsamen Ferienwochen in Spanien. Wir lernten uns in entspannter Atmosphäre kennen, waren begeistert über den gemeinsamen «Kirchentraum» und manchmal etwas verblüfft, wie Gott uns zusammengestellt hatte. Auf die herrlichen Spanien-Tage folgte der nächste Schritt hin zur Gründung. Gemeinsam mit einem Freund, den ich durch einen persönlichen Ratgeber kennengelernt hatte und der ebenfalls eine klare Vision zur Kirchengründung in seinem Herzen trug, luden wir alle Leiter der Kleingruppen der Zel… (nein, ich bringe es nun nicht mehr übers Herz, diesen Namen nochmals auszusprechen) und des Rolloramas zu einem Leiterweekend ins damalige Janz-Haus in Adelboden ein. Wir waren eine spezielle Truppe. Es hatte sich irgendwie herumgesprochen, dass wir konkrete Kirchenpläne hegten, und so klopften noch ein paar zusätzliche Leute an, die wir mit offenen Armen empfingen und gerne mit nach Adelboden einluden. Viele von uns waren in gewisser Hinsicht «Freikirchen-Geschädigte» – so nannten wir die Spezies von Menschen, die aufgrund ihres apostolischen Denkens in einem von Hirten und Lehrern geprägten Kirchenumfeld gelegentlich die vorgegebene Box sprengen und mit dem Kopf durch die Wand wollten. Dementsprechend litten sie auch unter «Kopfweh» und anderen Schmerzen. Wir hatten grosse Träume und wussten ziemlich genau, was wir nicht wollten; allerdings nicht so genau, was wir 18
Kapitel 1
Wir geben unser Leben einer verlorenen Welt hin
eigentlich anstrebten. So diskutierten wir über kirchliche Gebräuche, die wir fröhlich über Bord werfen wollten, und nahmen mit einer tüchtigen Brise «Rebellions-Wind» flott Fahrt auf, ohne dies aber selbst zu realisieren. Ganz zum Schluss dieses tollen Weekends, bei dem sich unsere Herzen miteinander verbanden, flüsterte mir einer der Teilnehmer völlig unerwartet ins Ohr: «Sag doch noch etwas über die Vision!» Ein wenig verunsichert schaute ich ihn an und hatte keine Ahnung, was ich dazu sagen sollte. Ich war der Meinung gewesen, dass wir die ganze Zeit über die Vision gesprochen hatten, und realisierte beim besten Willen nicht, dass dem nicht so war. Also war ich nun, nachdem meine Frau und ich drei Minuten zuvor feierlich als Leiter-Ehepaar eingesegnet worden waren, ein erstes Mal von unzähligen Malen massiv überfordert. Ich holte tief Luft und versuchte, möglichst entspannt in die Welt zu blicken, als ich mich auf einmal Folgendes sagen hörte: «Wir geben unser Leben nicht länger einer Institution, sondern einer verlorenen Welt hin!»
Die verlorenen Kinder zurück zum Vater führen Was dann geschah, übertraf alle meine Vorstellungen. Der Geist Gottes bestätigte diese Vision mit seiner Kraft. Viele dieser doch eher standfesten Personen kamen ins Wanken, gingen auf die Knie und fingen an, zu weinen. Es war, als würde der Vater im Himmel seine Begeisterung mit uns über diese von ihm geborene Idee teilen. Gottes Sehnsucht nach seinen verlorenen Kindern und nach einer Kirche, die sich dem Auftrag verschrieb, diese verlorenen Kinder zurück zum Vater zu führen, war in 19
Jüngerschaft
Matthias Kuhn
unserer Mitte spürbar. Ich kann heute nicht mehr sagen, wie lange wir auf diesem Lagerhaus-Boden lagen. Doch ich weiss: In diesem Moment richtete Gott unser Augenmerk auf das, wozu er die Kirche beauftragt hat. Vorher waren wir von unseren Bedürfnissen bestimmt gewesen, doch dieser inspirierte Satz lenkte den Fokus auf das Bedürfnis des Vaters und seine Sehnsucht nach seinen verlorenen Kindern. Nach diesem geistgewirkten Moment waren wir gerade noch fähig, das Lagerhaus zu putzen. Anschliessend brachen wir getroffen und benommen vom Heiligen Geist auf, um im Alltag das umzusetzen, was unsere Bestimmung war: «Wir geben unser Leben einer verlorenen Welt!» Allmählich dämmerte mir, dass dieser Satz dem Lifestyle Jesu entsprach. Er brachte seinen Auftrag hier auf der Erde unmissverständlich und klar mit folgenden Worten zum Ausdruck: «Und der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist» (Lukas 19,10; NGÜ). In Markus 2,17 erklärte er zudem: «Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder» (NGÜ). Eine Kirche, die sich in den Fussstapfen von Jesus bewegen möchte, kann diesen Auftrag nicht ignorieren. Oft delegieren wir ihn an ein paar übermotivierte Evangelisten, die von der grossen Menge gleichzeitig belächelt und bestaunt werden. Das darf nicht sein. Als Kirche repräsentieren wir Jesus auf dieser Welt und dementsprechend können wir seine Kernaufgabe nicht an ein paar rhetorisch-begabte oder von Menschenfurcht befreite Personen delegieren. Wir müssen und dürfen uns diesem grossen und herrlichen Auftrag als gesamte Kirche stellen. Nicht jedem kommt dabei die gleiche Aufgabe zu, doch jede Person kann ihren Teil dazu beitragen, dass der Auftrag erfüllt wird. 20
Kapitel 1
Wir geben unser Leben einer verlorenen Welt hin
Als Kirche verlieren wir unsere eigentliche Existenzberechtigung, wenn wir das ausser Acht lassen und stattdessen eine gut strukturierte, selbstdarstellende und bald einmal langweilige Kirche werden. Eine solche Kirche lechzt nach immer neuen Attraktionen, unterhält sich damit selbst, zwängt Pastoren in die Rolle von sonntagmorgendlichen Showmastern und ist erstaunt, warum es dabei so viele Burn-out-Opfer gibt und keine neuen Menschen für Jesus gewonnen werden. Man führt dann oft rasch das Argument an, dass der Boden für das Evangelium eben hart sei, was in den allermeisten Fällen aber nicht wirklich den Tatsachen entspricht.
«Füllt die Erde!» Interessant ist, dass die Menschen schon zu Beginn der Bibel dazu tendierten, nach innen zu schauen. Dabei war doch der Auftrag an Adam und Eva in 1. Mose 1,28 (ELB): «Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, …» Zum Glück hatten die beiden keine Vorstellung davon, wie gross die Erde war, denn sonst wären sie in Gefahr gewesen, diesen «Job» gleich mit der Begründung «chancenlos» zu quittieren oder schon vor dem Start alle viere von sich zu strecken. Den gleichen Auftrag gab Gott dann den acht Flutüberlebenden der Family Noah, welche aus der Arche stiegen: «Seid fruchtbar und vermehrt euch und füllt die Erde!» (1. Mose 9,1; ELB). Diese hatten aufgrund ihrer langtägigen Schiffsreise doch schon etwas mehr von der Grösse der Erde oder zumindest von den gigantischen Wassermassen gesehen und entsprechend eine leise Vorahnung, was für ein Auftrag nun auf sie wartete. Es ist 21
Jüngerschaft
Matthias Kuhn
erstaunlich, was die Menschen in der Folge für eine Reaktion darauf zeigten. Sie entwickelten einen Turm-Bauplan mit folgendem Ziel: «Auf, wir wollen uns eine Stadt und einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Fläche der Erde zerstreuen!» (1. Mose 11,4; ELB). Ziel des Turmbaus war es im Grunde, sich dem Auftrag Gottes zu entziehen und sich ganz nach dem schweizerdeutschen Motto «ei Wöhli i dr Höhli» – auf gut Deutsch übersetzt: «eine Wohlfühloase in der Höhle» – einzurichten. Das Meisterwerk misslang dann aber und deshalb musste ich mich wohl auch in meiner Schulzeit über acht Jahre mit französischen Wörtern abmühen, welche in meinen Hirnzellen nur im Glücksfall hängen blieben. Die Sprachverwirrung, die Gott zum Stopp des Bauprojekts einsetzte, zeigt uns eindrücklich, was geschieht, wenn wir unseren «Höhlentrieb» ausleben wollen und den Grundauftrag Gottes in den Wind schlagen: Chaos pur! Ist dies nicht der Grund für unzählige «Verwirrungen» in den Kirchen? Könnte es sein, dass wir unseren entscheidenden Auftrag als Gotteskinder nicht ausleben und uns deshalb wiederholt eine Sprachverwirrung einholt? Wir sehen im Neuen Testament, was für ein Kraftakt es war, die erste Kirche in Jerusalem dazu zu bewegen, über den Tellerrand zu schauen und sich auszudehnen, damit das Evangelium exponentiell in anderen Nationen verbreitet wird. Erst die örtliche Verfolgung brachte die Kirche zurück zu den Wurzeln ihres Auftrags und der Bereitschaft, dies dann entsprechend zu tun. Wir profitieren heute noch davon, dass sie ihre Komfortzone verlassen haben; und ich möchte mir gar nicht ausmalen, was wäre, wenn sich die Kirche ihrem Auftrag nach mehrmaligen Anläufen nicht 22
Kapitel 1
Wir geben unser Leben einer verlorenen Welt hin
gestellt hätte. Jesus selbst hat bereits zu Beginn seines Dienstes klargemacht, dass er sich in seine Jünger investieren und sie danach aussenden würde, damit sie das Evangelium hinaustragen. So heisst es in Markus 3,14–15: «…, und er bestimmte zwölf, die er Apostel nannte. Sie sollten ständig bei ihm sein, und er wollte sie aussenden, damit sie seine Botschaft verkündeten und in seiner Vollmacht die Dämonen austrieben» (NGÜ). Jesus hat wiederholt auf seine Endvision hingewiesen. So lesen wir beispielsweise in Johannes 15,16a: «Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt: Ich habe euch dazu bestimmt, zu gehen und Frucht zu tragen – Frucht, die Bestand hat» (NGÜ). Weiter ging er in seinem Gebet kurz vor der Kreuzigung klar von der Tatsache aus, dass die Jünger einen Lebensstil als Gesandte führen würden. Es heisst dort: «So wie du mich in die Welt gesandt hast, habe ich auch sie in die Welt gesandt» (Johannes 17,18; NGÜ).
Leben als Gesandte Selbst die erste Botschaft nach seiner Auferstehung war von diesem entscheidenden Gedanken geprägt. Als Jesus die traumatisierten Jünger besuchte, welche sich verängstigt eingeschlossen hatten, waren seine ersten Worte wie folgt: «Friede sei mit euch!«, sagte Jesus noch einmal zu ihnen. »Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich jetzt euch» (Johannes 20,21; NGÜ). Und auch sein letzter Satz vor seiner Himmelfahrt enthielt diese leidenschaftliche Aufforderung Gottes: «Aber wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, werdet ihr mit seiner Kraft ausgerüstet werden, und das wird euch dazu befähigen, meine 23