Skip to main content

697491

Page 1

Erzählungen von damals

Samenkorn


O.F. Walton

Rosalie Das Mädchen vom Wandertheater

Samenkorn


Vorher erschienen bei Dynamis Verlag, Kreuzlingen 1. überarbeitete Auflage 2009  Samenkorn e.V. Christlicher Schriften- und Liederverlag Liebigstr. 8, 33803 Steinhagen, Germany

Übersetzung: Umschlag:

A. Sperling-Botteron I. Schulz, A. Fast

Zeichnungen: I. Schulz Satz: Samenkorn e.V. Druck und Bindung: CPI books, Ulm ISBN

978-3-936894-91-2


Inhalt Rosalie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Das Wandertheater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Der Tag nach der Jahrmarktsmesse. . . . . . . . . . . . . . 20 Mutters traurige Geschichte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 Rosalies erste Predigt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Ein Familiengeheimnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Die Zirkus-Prozession. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Zwergen-M端tterchen Manikin . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Der Besuch des Doktors. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 Britannia. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Der Traum. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Allein. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 Die Jahrmarktsmesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 Betty Anne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 Die Pension. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Eine dunkle Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Weggelaufen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 Der Krug. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 Skirrywinks. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 M端tterchen Manikins St端hle. . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 Beinahe zu Hause. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 Gefunden!. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 Die gr端ne Aue. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 5


6


Vorwort zu „Erzählungen von damals“ In manchen Regalen und Schränken liegen sie noch, vergilbt und verstaubt, vielleicht von niemandem mehr gelesen – kleine gedruckte Heftchen in altdeutscher Schrift, mit kurzen oder längeren Geschichten aus einer vergangenen Zeit, oder ganze Bücher, von Hand abgeschrieben. Sie sind das Erbe der Großeltern-Generation, die sich gute Bücher nicht mit solcher Leichtigkeit kaufen oder bestellen konnte, wie wir heute. Für viele deutsche Gläubige in der ehemaligen Sowjetunion war ein gutes deutsches Buch eine solche Rarität, dass man keine Mühe scheute, es in tagelanger Arbeit abzuschreiben, denn sie lebten in einer Zeit, in der es keine Computer, Kopierer und Scanner gab. Viele solcher Handschriften und auch alte gedruckte Heftchen werden bis heute von ihren Besitzern geschätzt und behütet. Manch einer hat sich bereit erklärt, den Inhalt mit anderen zu teilen. Wir bekommen viele Kopien solcher Heftchen und Bücher zugesandt, mit dem Angebot, die Geschichten in unserer Verlagsproduktion zu verwenden. Nun haben wir wieder einige solche Erzählungen ausgesucht, sie sprach7


lich etwas bearbeitet und möchten sie den heutigen Lesern als Lektüre anbieten, die uns eine verflossene Zeit näher bringen und uns von dem menschlichen Erleben „von damals“ erzählen. Auch wenn vieles „damals“ anders war als heute – Gott war derselbe wie heute und Sein Wirken an den Menschen damals wie heute staunenswert. Herzlichen Dank an alle, die bei der Neuherausgabe der alten Geschichten mitgewirkt haben: an alle, die Handschriften, Heftchen und Bücher zur Verfügung stellten, die abtippten, korrigierten, Bilder malten, guten Rat gaben, kritisierten und Vorschläge machten! Wer gute inhaltsreiche Bücher oder Manuskripte zuhause liegen hat, die sich für eine Herausgabe im Rahmen der Reihe „Erzählungen von damals“ eignen würden, und sie gerne zur Verfügung stellen würde, könnte diese an folgende Adresse schicken: Samenkorn e.V. Christlicher Schriften- und Liederverlag Liebigstr. 8 D-33803 Steinhagen

8


R

Rosalie

Kapitel 1

egen, Regen, nichts als Regen! Den ganzen Sonntag regnete es auf dem Jahrmarktsplatz. Am Spätnachmittag nahm der Regen noch an Stärke zu. Die Pfützen wurden immer größer und der Morast immer tiefer. Am Samstagabend hatten Petroleumlampen den Jahrmarktsplatz in helles Licht getaucht. Die abwechslungsreichen Phantasiebeleuchtungen der großen Schaubuden hatten wie ein Magnet auf die schaulustige Menschenmenge gewirkt. Doch jetzt brannte kein Licht mehr. Und so fehlte auch der romantische Lichtschein, der die verschmutzten, vom Wetter strapazierten Zelte und Wohnwagen umgeben hatte. Dennoch, und trotz des Regens, bummelte eine Schar von Spaziergängern auf dem Gelände herum, schaute sich interessiert die halb zugedeckten Karussells an, steckte neugierig den Kopf in die verlassenen Schaubuden und schmiedete eifrig Pläne, was sie am nächsten Tag unternehmen wollte, wenn die Jahrmarktsmesse wieder in alter Herrlichkeit im Gange sein würde. 9


Im Innern der Wohnwagen hockten die Schausteller vor ihren Öfen und murrten über das Wetter und klagten über die hohe Platzmiete, die von ihnen verlangt wurde, und das zu einer Zeit, wo sie doch so wenig Gewinn machten! Ein alter Mann mit einem gutmütigen Gesicht suchte seinen Weg zwischen den Pfützen und dem Morast hindurch, der die einzelnen Schaubuden voneinander trennte. Offensichtlich gehörte er nicht zu den Schaulustigen. Er war an diesem Sonntagnachmittag mit einem ganz bestimmten Zweck auf den Jahrmarktsplatz gekommen, und er beabsichtigte, ihn nicht eher zu verlassen, bis er diesen Zweck erreicht hatte. Nachdem er einen Bogen um die größte Wasserpfütze herum gemacht hatte, stieg er die paar Stufen zu einem kleinen, hellgelben Wohnwagen hinauf und klopfte an die Tür. Die obere Türhälfte bestand aus Glas und diente als Fenster, das auf der Innenseite mit zwei kleinen, durch rosafarbenes Band zusammengebundenen MusselinVorhängen verziert war. Niemand öffnete die Tür, als der alte Mann anklopfte, und er wollte gerade weggehen, als ihm ein paar Jungen zuriefen: „Klopfen Sie nochmal, Herr, klopfen Sie nur! Es ist ein Mädchen drin.“ Der alte Mann dankte und klopfte nochmals an die Wohnwagentür. Jetzt erschien ein Mädchen am Fenster, ungefähr zwölf Jahre alt. Ihr langes kastanienbraunes Haar hing beinahe bis zu ihrer Hüfte herab, und ihre Augen waren die schönsten, die der alte Mann je gesehen hatte. Sie war sehr ärmlich gekleidet, und sie fröstelte, als die feuchte, kalte Luft durch die geöffnete Tür ins Innere drang. „Guten Abend“, sagte der alte Mann. 10


Das Mädchen wollte ihm gerade antworten, als ein lauter Hustenanfall sie nach hinten schauen ließ. Eine drängende Stimme sagte: „Schließ die Tür, Rosalie; es ist so kalt. Wer auch da ist – er soll hereinkommen.“ Der alte Mann ließ sich das nicht ein zweites Mal sagen. Er trat in das Innere des kleinen Wohnwagens, und das mit „Rosalie“ angeredete Mädchen schloss die Tür hinter ihm. Am hinteren Ende des Wohnwagens befand sich ein schmales Bett, ähnlich einem Kajütenbett auf einem Schiff. Darauf lag eine Frau, die offenbar sehr krank war. Sie war die Mutter des Mädchens, da war sich der alte Mann ganz sicher. Sie besaß dieselben schönen Augen und das gleiche leuchtende Haar, obgleich ihr Gesicht schmäler war. Der Raum war zu klein, um vielen Möbeln Platz zu bieten: ein kleiner Ofen, dessen Rohr durch das hölzerne Dach nach außen führte, ein paar Kochtöpfe, ein Regal mit Tassen und Untertassen sowie zwei Kisten, die als Stühle dienten. Es war gerade soviel Platz, dass der alte Mann stehen konnte, und das Feuer im Ofen war so nahe, dass er sich fast versengte. Rosalie setzte sich auf eine der Kisten dicht am Bett ihrer Mutter. „Sie müssen mein Eindringen bei Ihnen entschuldigen, liebe Frau“, sagte der Alte mit einer höflichen Verbeugung, „aber ich habe ein Bild gebracht, das Ihre Tochter vielleicht gerne von mir annehmen möchte.“ Ein freudiger Ausdruck kam in Rosalies Gesicht, als der Mann aus seiner Tasche das versprochene Geschenk hervorzog. Eifrig ergriff sie es und wickelte es mit offensichtlichem Vergnügen aus, während sich ihre Mutter, gestützt auf ihren Ellbogen, leicht aufrichtete und ihr zusah. 11


Es war das Bild eines Hirten. Er hatte ein freundliches, Liebe ausstrahlendes Gesicht und saß auf einem großen Felsblock. Auf seinen Knien lag ein Lamm, das er fest in seinem rechten Arm hielt. Noch zwei andere Lämmer waren dicht bei ihm, und auf Rosalie machten sie alle einen glücklichen Eindruck. Der Glücklichste von allen schien der Hirte zu sein, wie er liebevoll auf das Lamm in seinem Arm herabblickte. Unter dem Bild stand mit großen Buchstaben geschrieben: „Freut euch mit Mir; denn Ich habe Mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der umkehrt.“ Das Mädchen las die Worte mit einer klaren, deutlichen Stimme, während ihre Mutter auf das Bild starrte. „Das sind schöne Worte“, sagte der alte Mann. „Ja“, erwiderte die Frau mit einem traurigen Lächeln; „ich habe sie früher oft gehört.“ „Hat der Gute Hirte sie auch zu Ihnen gesagt, liebe Frau? Hat Er je die Engel im Himmel zusammengerufen und zu ihnen diese Worte von Ihnen gesagt: ,Freut euch mit Mir; denn Ich habe Mein Schaf wiedergefunden, das verloren war‘?“ Die Frau sagte nichts. Dafür schüttelte sie ein neuer Hustenanfall, und der alte Mann schaute sie nachdenklich an. „Ich fürchte, Sie sind sehr krank, liebe Frau“, sagte er. „Ja, sehr krank“, entgegnete die Frau. „Jedermann sieht das, nur nicht August!“ Es klang bitter. „August ist mein Vater“, sagte das Mädchen erklärend. „Nein, er sieht das nicht“, fuhr die Frau weiter. „Er meint, ich sollte aufstehen und wie gewöhnlich meine Theaterrolle spielen. Am letzten Ort, wo wir waren, habe ich es auch versucht. Aber kaum war die Vorstel12


lung zu Ende, brach ich zusammen, und seither liege ich im Bett.“ „Das Umherreisen muss Sie sicher müde gemacht haben“, sagte der alte Mann voller Mitgefühl. „Müde!“, erwiderte sie. „Müde ist gar kein Wort dafür! Jedenfalls ist es etwas anderes als das, wofür ich aufgezogen wurde.“ Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich habe genug davon – wirklich genug.“ „Sind Sie ständig unterwegs, liebe Frau?“, wollte der alte Mann wissen. „Den ganzen Sommer“, antwortete sie. „Im Winter mieten wir uns für kürzere Zeit eine bescheidene Wohnung und versuchen in kleinen Stadttheatern ein Engagement zu bekommen. Aber sonst ziehen wir das ganze Jahr hindurch von Messe zu Messe.“ Das Mädchen stieg auf eine der Kisten und holte ein viereckiges rotes Nadelkissen von der Konsole, die oben rund um den Wohnwagen lief. Sie zog zwei Nadeln aus dem Kissen und befestigte das Bild so an der Holzwand, dass ihre Mutter es vom Bett aus sehen konnte. „Es passt gut hierher“, sagte das Mädchen. „Mutter, so kannst du es gut anschauen!“ „Ja, liebe Frau“, sagte der alte Mann, indem er sich anschickte, wieder zu gehen; „und wenn Sie es anschauen, dann denken Sie an den Guten Hirten, der Sie sucht. Er möchte Sie gerne finden und Sie in Seinen Arm nehmen und Sie heimbringen. Er wartet nur darauf, dass Sie damit einverstanden sind.“ Vorsichtig ging der alte Mann die Stufen des Wohnwagens hinunter. Rosalie stand am Fenster und blickte ihm nach, wie er seinen Weg zu einem der anderen Schaustellerwagen am gegenüberliegenden Ende des Platzes suchte, um dort die gleiche Botschaft auszurichten. Sie schaute ihm nach, bis er verschwunden war. 13


Dann drehte sie sich um zu ihrer Mutter und sagte voll Eifer: „Das ist ein sehr interessantes Bild, nicht wahr, Mutter?“ Aber es kam keine Antwort vom Bett her. Rosalie glaubte, ihre Mutter sei eingeschlafen, und ging zu ihr hinüber, auf leisen Zehenspitzen, um sie ja nicht aufzuwecken. Doch sie fand sie mit ihrem Gesicht im Kissen vergraben, das von Tränen nass war. Rosalie setzte sich still an ihre Seite und betrachtete das Bild so lange, bis sie jede Linie auswendig wusste. Schließlich schlief ihre Mutter ein, und mit flüsternder Stimme sagte Rosalie: „Freut euch mit Mir; denn Ich habe Mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. So wird auch Freude sein im Himmel über einen Sünder, der umkehrt.“

14


E

Das Wandertheater

Kapitel 2

s war am nächsten Abend. Die Jahrmarktsmesse war wieder in vollem Gange, und es wimmelte nur so von Menschen auf dem Platz. Die Schaubuden waren beleuchtet, und drei Reihen von Sternen leuchteten über dem Zelttheater, das Rosalies Vater August gehörte. Er war den ganzen Tag über weggewesen und hatte in der Stadt herumgebummelt. Zurückgekommen war er erst, als es Zeit war, die Vorbereitungen für den Abend zu treffen. „Nora!“, rief August, als er seinen Kopf durch die Wohnwagentür streckte, „du kommst doch und spielst heute Abend deine Rolle?“ „Ich kann nicht, August, und du würdest wissen warum, wenn du nur lange genug bei mir geblieben wärest. Ich habe fast den ganzen Tag lang husten müssen.“ „Na, hoffentlich geht es dir bald besser. Es ist sehr mühsam, jedesmal auch noch deine Rolle übernehmen zu müssen.“ „Ich werde kommen, sobald ich wieder kann“, sagte seine Frau. 15


„Hoffentlich ist das bald!“, entgegnete ihr Mann. „Frauen wie du meinen immer, sie wären krank. Sie liegen da, denken darüber nach und pflegen sich noch lange, nachdem ein Mann schon wieder bei seiner Arbeit ist. Zur Hälfte ist das nichts anderes als Faulheit!“, sagte August grimmig. „Wenn du so krank wärest wie ich, August“, meinte seine Frau geduldig, „würdest du bestimmt auch nicht arbeiten.“ „Halt deinen Mund!“, fuhr der Mann sie an. „Das weiß ich besser. Sorge lieber dafür, dass Rosalie zur rechten Zeit bereit ist. Wir werden heute Abend früher anfangen.“ Rosalie hatte sich inzwischen zur Mutter gesetzt und hörte schweigend den groben Worten ihres Vaters zu. Tränen standen ihr in den Augen. „Hör auf zu heulen, Kind!“, schnauzte August sie an. „Wisch dir die Tränen ab, du großes Baby! Glaubst du etwa, du könntest mit verheultem Gesicht und roten Augen auf der Bühne erscheinen? Hörst du? Hör sofort auf!“, rief er barsch, während er die Wagentür hinter sich zuschmetterte. „Rosalie, Liebling“, versuchte ihre Mutter sie zu trösten, „weine nicht. Dein Vater wird nur noch ärgerlicher, und gleich ist es Zeit, dich fertig zu machen. Welch ein Lärm herrscht jetzt schon auf der Messe!“, fügte sie hinzu und hielt sich den schmerzenden Kopf. Rosalie wischte sich die Tränen aus den Augen und wusch sich das Gesicht, um dann ein Kleid aus einer der Kisten hervorzuholen. Es war das Kleid, das sie bei der Vorstellung trug – ein Kleid aus Musselin, versehen mit rosa Rosen, und dazu gehörte ein Kranz von Papierrosen, den sie auf ihrem Kopf trug. Sie zog sich an und 16


ging zur Mutter, um sich von ihr den Kranz mit Rosen im Haar feststecken zu lassen. Welch einen Gegensatz bildete Rosalie jetzt zu ihrer unmittelbaren Umgebung! Das schäbige Mobiliar, das schmuddelige, zerschlissene Kleid, das sie eben auf die Seite gelegt hatte – das passte gar nicht zu der schön in Weiß gekleideten Gestalt am Bette der Mutter. Da rief sie auch schon die Stimme ihres Vaters. Rasch stellte sie noch ein Glas Wasser auf eine der Kisten neben dem Bett für den Fall, dass ihre Mutter wieder von starkem Husten geplagt würde, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und lief dann eilig die Wagentreppe hinunter und hinüber zu dem hellerleuchteten Zelt, welches das Theater war. Eine Schar von Menschen starrte sie an, während sie an ihnen vorbeihuschte und oben auf den Theaterstufen verschwand. Die Zuschauermenge war noch nicht eingelassen worden, und so schlängelte sich Rosalie hindurch zu der Stelle hinter der Bühne, wo die Schauspielertruppe ihres Vaters versammelt war. Sie sahen alle müde und mürrisch drein; denn dies war der letzte Abend der Jahrmarktsmesse, und sie hatten in diesen Tagen nur wenig Schlaf bekommen. Endlich gab August das Signal, dass es Zeit war zu beginnen, und alle begaben sich hinaus auf die Plattform, die sich direkt unterhalb der drei Reihen beleuchteter Sterne befand. Hier tanzten, sangen und klimperten sie mit ihren Tambourinen, um die Leute zum Eintreten zu bewegen. Dann verschwanden sie wieder, und eine Menge erwartungsfroher Zuschauer stürmte die Treppen hinauf, zahlte den Eintritt und suchte ihre Plätze. Kaum war die Vorstellung vorüber, drängten sie wieder ins Freie, um sich nach einem neuen Vergnügen umzusehen. Doch die Schauspieler hatten keine Ruhe. 17


Wieder erschienen sie auf der Plattform, um eine neue Zuschauerschaft anzulocken. Dann wurde das gleiche Stück wieder aufgeführt, dieselben Lieder wurden gesungen, dieselben Worte gesprochen – neu für die Leute, die zuhörten, aber abgedroschen und monoton für die Schauspieler selber! Und so ging es den ganzen Abend. Sobald eine Vorstellung zu Ende war, begann die nächste, und das Zelttheater füllte sich immer wieder und auch dann noch, als die Uhr der benachbarten Kirche schon Mitternacht geschlagen hatte. Endlich war alles vorüber. Die letzten Zuschauer hatten sich zerstreut, die leuchtenden Reklamesterne waren erloschen, und Rosalie konnte wieder zu ihrer Mutter zurückkehren. So müde und so erschöpft war sie, dass sie sich kaum die wenigen Stufen zum Wohnwagen hinauf schleppen konnte. Sachte öffnete sie die Tür, damit sie ja nicht ihre Mutter störte, und unternahm einen schwachen Versuch, sich auszukleiden. Doch jedes Glied am Körper tat ihr weh, und als sie vor lauter Erschöpfung auf einer der Kisten neben Mutters Bett niedersank, überfiel sie augenblicklich der Schlaf, und ihr Kopf sank auf das Kopfkissen der Mutter. Eine Stunde verging, bis die Mutter erwachte und Rosalie in ihrer unbequemen Lage schlafend entdeckte, immer noch bekleidet, während die Papierrosen aus dem Haar zu Boden gefallen waren. Schwach wie sie war, erhob sich die Mutter des Mädchens mühsam vom Bett, um ihrer Tochter beim Auskleiden zu helfen. „Rosalie, liebes Mädchen“, sagte sie leise, „wach auf.“ Doch Rosalie rührte sich nicht, und erst als ihre Mutter sie berührte, setzte sie sich auf und sagte wie im Schlaf: 18


„Freut euch mit Mir; denn Ich habe Mein Schaf wiedergefunden, das verloren war.“ „Sie träumt von ihrem Bild, das arme Kind!“, sagte die Mutter still für sich. Dann wachte Rosalie auf, wobei sie zitterte, als spürte sie die kühle Nachtluft an ihrem bloßen Hals und an ihren unbedeckten Armen. Ganz behutsam half ihr ihre Mutter, das weiße Kleid und den kleinen ausgefransten Unterrock auszuziehen. Darauf kroch Rosalie zu ihrer Mutter ins Bett und kuschelte sich in deren Arme. „Armes kleines Schäflein!“, flüsterte ihre Mutter, als das Mädchen sich an sie schmiegte. „Bin ich das Schäflein?“, fragte Rosalie mit schläfriger Stimme. Ihre Mutter antwortete nicht, aber es machte sie nachdenklich, und sie fand bis zum Morgengrauen keinen Schlaf mehr.

19


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
697491 by Fontis-Shop - Issuu