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Samenkorn 1


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Ernst Modersohn

In der Lebensschule Allerlei Erzieher in meinem Leben

Samenkorn 3


Mit freundlicher Genehmigung der Familie Modersohn Frßher erschienen bei der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin Neuauflage 2009 Š Samenkorn e. V. Christlicher Schriften- und Liederverlag Liebigstr. 8 D-33803 Steinhagen Umschlag: Samenkorn e.V. Satz: Samenkorn e.V. Druck und Bindung: CPI Books, Ulm ISBN

978-3-936894-74-5 4


Inhaltsverzeichnis Allerlei Erzieher. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 1. Meine Mutter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 2. Der alte Jude . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 3. Ein verlorenes Jahr. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 4. Verkannte Wohltäter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 5. Das Leid. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 6. Im finstern Tal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Wir haben einen Gott, der da hilft!. . . . . . . . . . . . . . . . 42 Mein Museum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 Gefährliche Vögel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 In der Apotheke. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Auf dem Friedhof . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Er denkt an uns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 Die alte Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Die Glocken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Präzisionswaagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Der Parlograph . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Was uns die alte Weide gelehrt hat . . . . . . . . . . . . . . 118 Der große Magnet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 Leuchtturm oder Heulboje? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Gott weiß alles. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Fröhlicher Dienst. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 5


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Allerlei Erzieher

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enn ich auf mein Leben zurückblicke, dann muss ich die Gnade Gottes preisen, die sich in wunderbarer Geduld und großer Liebe um mich bemüht hat. Das Wort, das Gott einst durch den Propheten geredet hat: „Du hast Mir Arbeit gemacht mit deinen Sünden und Mühe mit deinen Missetaten“, das hat seine Wahrheit auch in meinem Leben gehabt. Aber auch das andere Wort ist Wahrheit und Wirklichkeit geworden in meinem Leben: „Ich habe dich je und je geliebt; darum habe Ich dich zu Mir gezogen aus lauter Güte.“ O ein treuer Gott, der nur Liebesgedanken mit den Menschenkindern hat, der sich um jeden einzelnen Menschen mit solcher Liebe und Geduld bekümmert, weil Er will, dass allen Menschen geholfen werde und dass sie alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen! Was braucht Er nicht alles für Mittel, um die Ziele zu erreichen, die Er sich mit den Menschen gesteckt hat! Wenn ich zurückschaue, dann sehe ich allerlei Erzieher, die an mir gearbeitet haben. Davon möchte ich in diesem Buch etwas erzählen. Vielleicht dient mein Rückblick dazu, dass du, lieber Leser, auch einmal in deine Vergangenheit schaust 7


und dann die Wunderwege anbetest, die Gott dich geführt hat. Möchte die Erziehung Gottes bei dir und mir gesegnet sein!

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1. Meine Mutter

ch kann von den mancherlei Erziehern, die ich gehabt habe, nicht reden, ohne zuerst meiner Mutter zu gedenken. Die Mutter ist doch der erste und wichtigste Erzieher, den ein Mensch hat. Der Eindruck und Einfluss der Mutter bleibt gewöhnlich bedeutungsvoll fürs ganze Leben. Wenn in der Bibel die Namen der Könige Israels oder Judas aufgezählt werden, dann stehen oft die Worte dabei: „Und seine Mutter hieß ...“ Wenn dann von dem Könige gesagt wird, dass er in den wegen Jahwes wandelte und tat, was dem Herrn wohlgefiel, so darf man schließen, dass es der Einfluss der Mutter war, der ihn dazu bestimmte. Glückselig der Mensch, dem Gott als ersten Erzieher eine fromme, betende Mutter gegeben! Meine allerfrüheste Kindheitserinnerung ist die, dass ich mich auf dem Schoß meiner Mutter sehe und die Hände zu dem Kindergebetlein falte: „Ich bin klein; mein Herz mach rein; soll niemand drin wohnen als Jesus allein!“ Was für ein Gnadengeschenk Gottes ist eine betende Mutter! Wie viel danke ich ihr, dass sie mich früh beten lehrte und mir biblische Geschichten erzählte! Freilich hielt der Kinderglaube, den sie in mein Herz gepflanzt hatte, nicht stand in den Stürmen meiner Jugendjahre. Ungläubige Professoren rissen ihn aus meinem Herzen, zum Teil sogar mit ironischem Lächeln. Arm, bettelarm verließ ich die Hochschule. Öde und leer war mein Herz wie das Chaos vor der 8


Schöpfung. Aber dann begann Gott das Werk der neuen Schöpfung in mir, von dem Paulus schreibt: „Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Schöpfung.“ Aber wenn der Kinderglaube auch ersetzt werden musste durch lebendigen und persönlichen Heilsglauben, der sich dann in allen Proben als echt erwiesen hat, – eins hat er doch zuwege gebracht: mich zu bewahren in den Gefahren der Jugend. Die Jugendjahre sind gefährliche Jahre. Wenn man aus dem Schutz des Elternhauses hinauskommt in die Freiheit des Studentenlebens, wo man mit einem mal sein eigener Herr ist, wo niemand sich darum kümmert, was man tut und treibt, wie versuchungs- und gefahrenreich sind solche Jahre! Wie oft ging mein Fuß am Abgrund vorbei! Dass ich nicht strauchelte und fiel, das danke ich meiner Mutter. In doppelter Hinsicht. Einmal dadurch, dass sie es mir früh eingeschärft hatte: „Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor Mir und sei fromm!“, so dass ich in Stunden der Gefahr mit Joseph sprechen konnte: „Wie sollt’ ich ein so groß Übel tun und wider meinen Gott sündigen?“, und zum anderen, weil sie gewiss allezeit für den Sohn in der Ferne betete. Aus ihren späteren Jahren weiß ich es, da habe ich mit ihr darüber gesprochen, und da hat sie es mir erzählt, dass sie jeden Tag alle ihre Kinder mit ihren Gebeten besuchte und ihnen das erflehte, was sie brauchten. So danke ich’s meiner Mutter, dass ich bewahrt geblieben bin vor traurigen Entgleisungen, durch die so manches junge, hoffnungsvolle Leben auf verkehrte Bahn und ins Verderben gerät. Sie hat einen guten Samen in mein Herz gelegt. Und in der Sturm- und Drangperiode meiner Jugend, als der Kinderglaube in Scherben gegangen war, da war es die Mutter, die ihre Hoffnung nicht aufgab, 9


dass der Sohn sich zurechtfinden würde, die den Herrn bat, ihm zurechtzuhelfen. Und ich kam zurecht. Hatte ich früher geglaubt auf die Autorität meiner Mutter hin, jetzt glaubte ich aus eigenem Erleben und Erfahren heraus; jetzt wusste ich, dass Jesus Christus wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat, dass ich Sein Eigentum sei. Dann erst ist das Werk der Erziehung – in gewissem Sinne wenigstens – beendet, wenn ein Kind zur lebendigen Erfahrung des Heils gelangt ist, wenn es ein Kind Gottes geworden ist. Wie freue ich mich, dass die Mutter diesen Abschluss ihres Erziehungswerkes erlebte, dass sie ihr Werk gekrönt sah durch den Segen Gottes, den ich in meinem Leben und in meinem Dienst erfahren durfte. Was waren das immer für Erquickungsstunden, wenn ich zu kurzem Besuch in der Heimat weilte und erzählte der Mutter von so mancher kostbaren Erfahrung, die ich in meinem Amt hatte machen dürfen. Dann gingen ihr wohl die Augen über vor freudiger Bewegung und sie sagte: „Junge, dein Beruf ist doch der schönste!“ Meine Mutter war mir aber nicht nur in geistlicher Beziehung eine gesegnete Erzieherin, sie war es auch in den Fragen des praktischen Lebens. Was für eine Lebensweisheit lag in ihren einfachen Sprüchen, die sie immer wiederholte, wodurch sie sich uns unvergesslich und unverlierbar einprägten. Wie gesegnet war mir ihr Sprüchlein: „Der Weg über die Zunge ist kurz.“ Verstehst du, was sie damit sagen wollte? Sie wollte damit sagen: Man hat nur so lange Genuss und Geschmack an einer Speise, solange 10


man sie auf der Zunge hat. Hat man sie erst hinuntergeschluckt, dann weiß man schon nicht mehr, wie sie geschmeckt hat. Wenn der Weg, auf dem es gut schmeckt, aber so kurz ist, dann lohnt es sich nicht, dass man für Leckerbissen und Süßigkeiten viel Geld ausgibt. Mit diesem einfachen Sprüchlein hat sie es erreicht, dass wir Kinder wohl alle nie einen Groschen für Süßigkeiten ausgegeben haben. Das Geld war uns zu schade für solchen kurzen Genuss. Wir wussten ja: „Der Weg über die Zunge ist kurz.“ So einfach diese Lektion ist, so wichtig ist sie doch auch. Ich lernte später im Leben eine Familie kennen, da dachte der Mann sehr viel anders als meine Mutter. Er legte sehr großen Wert auf gutes Essen. Es musste immer etwas Besonderes sein. So kam es, dass er über seine Verhältnisse lebte, dass er mit seinem Gehalt nicht auskam. Er war aber an das gute Leben so gewöhnt und gebunden, dass er sich verleiten ließ, die Kasse anzugreifen, die er zu verwalten hatte. Und dann kam die Revision und der Fehlbetrag wurde gefunden. Derselbe war nicht sehr groß, aber er war da. Und da wusste der arme Mann keinen andern Ausweg als – den Revolver. Was für Kummer und Herzeleid hat er dadurch über seine Frau und seine Kinder gebracht! Und was war die Ursache? Er hatte das Sprüchlein nicht gelernt, das mich meine Mutter gelehrt hat: „Der Weg über die Zunge ist kurz.“ Und nicht nur vor überflüssigem und unnötigem Geldausgeben hat sie mich durch dies Sprüchlein bewahrt; sie hat es auch erreicht, dass an ihrem Tisch nicht über das Essen gemäkelt wurde. Das Wort „Das mag ich nicht“ gab es nicht am Tisch meiner Mutter. Wie dankbar bin ich ihr dafür! Wenn ich nicht gelernt hätte, alles zu essen, wie sollte es mir jetzt ergehen, wo mich mein 11


Evangelistenberuf soviel in andere Häuser führt. Überall gibt es andere Speisen und andre Zubereitungsarten. Wie übel wäre ich dran, wenn ich alle Speisen erst darauf untersuchen müsste, ob ich sie „mag“ oder nicht. Wenn ich jetzt mit Danksagung essen kann, was mir vorgesetzt wird, ob es im Osten ist oder im Schwabenland, in Holstein oder in Kärnten, in Holland oder in Schweden, in Ungarn oder im Elsass, so danke ich das der Erziehung meiner Mutter und ihrem einfachen Sprüchlein: „Der Weg über die Zunge ist kurz.“ Ein anderes Sprüchlein von ihr hieß: „Immer fein ist nimmer fein.“ Wenn Kinder neue Sachen bekommen haben, dann wollen sie die natürlich auch gleich tragen, um sich „fein“ zu machen. Welches Kind wollte nicht gern „fein“ sein? Da machte uns die Mutter klar, dass das neue Stück sehr bald alt werden würde, wenn es immer getragen würde. Wenn man es aber schone, dann bliebe es viel länger neu und schön. Das drückte sie in dem kurzen Verschen aus: „Immer fein ist nimmer fein.“ Wer immer fein sein will, wird es gar nicht sein, weil das neue Stück bald auch gebraucht und alt aussehen wird. Dieses schlichte Wort hat den Grund dazu gelegt, dass wir sehr schonend und vorsichtig mit unsern Sachen umgingen, um lange etwas davon zu haben. Wie freue ich mich jetzt, dass ich es in meiner Jugend gelernt habe: „Immer fein ist nimmer fein.“ In einer Beziehung nur konnte meine Mutter mir nicht helfen. Da war sie machtlos. Da halfen alle ihre Mahnungen nichts. Ich war so sehr jähzornig. Die geringste Kleinigkeit konnte mich in die Hitze bringen. „Krittelkopf“ nannte sie mich deshalb. „Nun sieh mal einer den Krittelkopf!“ „Junge, du machst dir das Leben schwer mit deinem Krittelkopf!“ 12


Das wusste ich selber. Aber meine Vorsätze halfen ebensowenig wie die Bitten und Mahnungen meiner Mutter. Von meinem Krittelkopf konnte mich niemand anders befreien als Jesus, der Gekreuzigte. Davon kam ich erst los, als ich das Kreuz von Golgatha verstand und die Erlösung, die dort der Herr auch für mich vollbracht hat, um mich von meinem alten Menschen zu erlösen, auch von meinem aufgeregten und jähzornigen „Krittelkopf“. Und auch das hat die gute Mutter noch erlebt, dass ich von meinem Krittelkopf loskam. Und wie sehr hat sie sich darüber gefreut! Sie sah, dass nun ein Andrer meine Erziehung in die Hand genommen hatte. Und Dem vertraute sie ihren Jüngsten getrost an in dem Bewusstsein, dass, Der das gute Werk in mir angefangen hatte, es auch hinausführen und vollenden würde.

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2. Der alte Jude

a, der gehört auch mit zu meinen Erziehern, dem muss ich auch ein Denkmal setzen in diesem Kapitel. Unser Schulweg ging in der Nähe unsers Hauses durch Hecken. An der einen Seite lag eine große Bleiche, von Gräben durchzogen. Da versammelten sich die Waschfrauen aus der ganzen Stadt und wuschen ihre Wäsche, oder sie legten sie auf den Rasen nieder, oder sie spannten sie an langen Leinen auf, dass sie im Winde flatterte. Wenn ich frischgewaschene Wäsche sehe, dann steht sogleich diese große Bleiche vor mir, auf die wir immer hinausblickten, wenn wir aus dem Fenster sahen, an der wir immer vorbeigingen, wenn wir zur Schule mussten. Jetzt ist die große Bleiche längst verschwunden. Ein ganzes Stadtviertel ist an der Stelle entstanden, wo sich 13


einst die Bleiche befand. Aber ihr Bild steht noch deutlich vor meiner Seele. An der andern Seite der Hecken lagen Gärten. Darin standen Obstbäume, die ihre Zweige an manchen Stellen über die Hecke streckten. Der Heckenweg war nicht sehr belebt. Da geschah es nicht selten, dass die Schuljungen mit einem Stück Holz oder mit Steinen in die Bäume warfen, um einen rotbackigen Apfel oder eine saftige Birne herunterzuholen. So machte ich es auch eines Tages. Weit und breit war niemand zu sehen. Darum benutzte ich die Gelegenheit, Beute zu machen. Im Garten, der das Elternhaus umgab, standen auch Obstbäume. Davon durften wir essen. Das war uns nicht verboten. Aber – es mussten nun gerade diese Äpfel sein, die an den Bäumen jenseits der Hecke hingen. Verbotene Früchte sind süß. Das Verbotene lockt und reizt. Das haben schon unsere ersten Eltern im Paradies leidvoll erfahren. Also ich werfe in die Obstbäume hinauf. Da plötzlich bekomme ich eine Ohrfeige, dass mir ganz schwindlig wurde. Ein alter Jude war des Weges gekommen. Er wohnte wohl in der Nähe und machte öfters seinen Spaziergang durch den stillen Heckenweg. Der hatte mich erwischt. Der verabfolgte mir die Ohrfeige und sagte dazu sehr ernst: „Junge, du stiehlst ja!“ Und „du sollst nicht stehlen!“ So hatte ich das noch nie angesehen, dass das Stehlen war, wenn man einen Apfel von einem fremden Baum herunterzuholen versucht. Der Gedanke, dass ich ein Dieb sei, war mir noch nie gekommen. Aber die Ohrfeige des alten Juden, über die ich mich erst sehr schämte, brachte mir diese Erkenntnis, die ich nie wieder vergaß. 14


Auf einmal wusste ich, dass es Sünde war, was ich tat, dass es Diebstahl war, was ich beging. Und da sagte ich mir: Nein, ein Dieb willst du doch nicht sein und werden! Ich habe mich zuerst gewiss sehr über die Ohrfeige geärgert und entrüstet. Aber längst, längst habe ich Gott danken gelernt für die gesegnete Ohrfeige des alten Juden. Wie oft sind Leute zu mir gekommen, wenn ich da oder dort Versammlungen gehalten habe, und haben mir Diebereien bekannt und haben um Rat gefragt, wie sie diese alten Geschichten göttlich ordnen könnten. Wie oft habe ich gesehen, wie unglücklich man wird, vielleicht für Jahre oder Jahrzehnte, wenn man sich mit unrechtem Gut schleppt, wenn man sich mit solchen Gewissenslasten trägt. Wie oft habe ich dann gehört: „Das machen sie alle.“ Das weiß ich wohl, dass man sich aus solchen Unredlichkeiten gewöhnlich nicht viel macht, – bis der Heilige Geist auf einmal Licht fallen lässt auf solche dunklen Punkte, bis man erkennt: Ich habe gestohlen! Dass ich davor bewahrt geblieben bin, dass es bei mir nicht hieß: „Das machen sie alle!“ das danke ich dem alten Juden und seiner gesegneten Ohrfeige. Er hat mich dadurch vom Wege des Unrechts abgehalten und mir Erkenntnis der Sünde beigebracht. Die Lektion war wohl schmerzhaft, aber sie war mir gesund. Und ich danke Gott für diese gesegnete Ohrfeige.

3. Ein verlorenes Jahr

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s war ein paar Tage nach Neujahr, da kam ein Brief an für meinen Vater. Er war verreist. Aber meine Mutter dachte, es sei eine Rechnung darin, darum machte sie den Brief auf. Es war ein Brief von meinem Klas15


senlehrer. Er teilte meinem Vater mit, dass ich mir ein sehr schweres Vergehen habe zuschulden kommen lassen, welches sehr leicht mein Verbleiben auf der Schule unmöglich machen könne. Er forderte meinen Vater auf, zu ihm zu kommen, um die Sache zu besprechen. Meine Mutter fragte mich: „Was hast du denn gemacht?“ Und ich antwortete: „Ich weiß von nichts.“ „Aber er könnte doch nicht so schreiben, wenn du nichts gemacht hättest!“ Ich blieb dabei, ich wisse von nichts. Zu der in dem Brief angegebenen Stunde ging mein ältester Bruder mit mir zu dem Lehrer. „Es wird sich nur darum handeln,“ sagte der Lehrer in großer Erregung mit einem Blick auf mich, „ob er die Wahrheit sagen wird.“ Ich versicherte, das zu tun. Dann kam es heraus, wessen er mich beschuldigte. „Er hat mir nämlich zu Neujahr eine Anzahl von sogenannten Witzkarten geschrieben, die gemeine Beleidigungen enthalten.“ „Auf Ehre und Gewissen, das habe ich nicht getan!“ Aber meine Erklärung hatte kein Gewicht. Während ich draußen warten musste, zeigte der Lehrer meinem Bruder die Karten und verglich die Adresse derselben mit der Schrift in meinen Heften. Und auf dieser Ähnlichkeit der Handschrift ruhte sein Verdacht, den er als eine Tatsache aussprach. Es gab eine lange Untersuchung, bei der nichts herauskam. Ich beteuerte meine Unschuld; aber ich fand keinen Glauben. Ich wurde nicht bestraft, weil man keine Beweise bringen konnte. Und darum hat sich auch der Täter nie gemeldet. Es blieb auf mir sitzen. Das war ein schweres Vierteljahr, das ich noch bei diesem Lehrer zubrachte. Gewiss für beide Teile schwer. Er war ja von meiner Schuld und von meiner 16


Verlogenheit überzeugt. Und ich wusste, dass mir Unrecht geschah. Das Ende war: ich blieb sitzen. Ich musste die Klasse noch einmal durchmachen. Das war ein verlorenes Jahr. Und doch war ich froh, dass ich nicht mehr bei diesem Lehrer sein musste. Denn wäre ich versetzt worden, dann hätte ich ihn behalten. Ein verlorenes Jahr und doch war’s nicht verloren für mich. Ich bin Gott auch für dieses Jahr so dankbar. Denn da bekam ich eine Predigt, wie sie eindringlicher gar nicht sein konnte: wie gemein doch die Hinterlist ist. Wie habe ich alles heimliche und versteckte Wesen hassen gelernt in dieser schweren Führung! Wie schändlich, dass der Schüler dem Lehrer diese gemeinen Karten schickte, und wie schändlich, dass er sich nicht meldete und mich jahrelang, solange ich auf der Schule war, unter dem Verdacht einhergehen ließ, der Täter zu sein! Ich sagte mir: nie schreibst du etwas, und nie sagst du etwas, wofür du nicht mit deinem Namen und deiner Person eintreten kannst und willst. Wenn ich jedes namenlose Schreiben, jedes Reden hinter dem Rücken hasse, dann danke ich das diesem „verlorenen Jahr“. Wie oft, wenn ich meiner Frau einen Brief vorlese, den ich abschicken will, sagt sie zu mir: „Das muss man sagen: ehrlich bist du; ich möchte fast sagen: Brutal ehrlich! Ich wüsste niemand, der den Leuten so offen, so unverblümt die Wahrheit sagte.“ Das habe ich in jenen Jahren gelernt. Und ich bin dankbar dafür. Denn als Seelsorger braucht man nichts so sehr, als ganze, volle Offenheit. Mit Halbheiten ist den Seelen nicht gedient. Sie haben Anspruch auf die ganze Wahrheit. Darum war es kein verlorenes Jahr für mich. Gott hat es gebraucht, um mich durch diese Führung, so 17


schwer und schmerzlich sie mir auch war, zu erziehen für meinen Beruf, in dem ich Ihm dienen sollte: als Schriftsteller und Seelsorger.

4. Verkannte Wohltäter

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er sind die verkannten Wohltäter? Das sind die Menschen, durch die uns Schweres zugefügt worden ist, die uns wehe getan und gekränkt haben. Ach, ich habe sie erst gar nicht für Wohltäter gehalten. Ich habe mich über sie geärgert. Ich habe über sie geseufzt und geklagt. Sie haben mich Tränen gekostet und mir den Schlaf in der Nacht geraubt. Oftmals und lange Zeit, bis ich endlich dahinter kam, dass es nicht meine „Feinde“ waren, wie ich gedacht, sondern meine Wohltäter. Du wirst es verstehen, lieber Leser, dass ich diese Wohltäter nicht genauer zeichne. Auch nicht andeutungsweise kann ich von ihnen reden. Denn zum Teil leben sie noch, und es wäre nicht schön, wenn ich ihnen für den Dienst, den sie mir geleistet haben, dadurch dankte, dass ich sie so bezeichne, dass die Leute mit Fingern auf sie zeigen könnten. Nein, das tue ich nicht. Wenn ich auch viel zu erzählen hätte unter dieser Überschrift, ich will es doch nicht tun. Sieh mal, eins ist gewiss: Gott hat ein Ziel mit uns, das Er gern erreichen möchte. Er möchte uns gern dem Lammesbild Seines Sohnes ähnlich machen. Wenn aber dieses Bild des Lammes bei uns in die Erscheinung treten soll, dann muss alles das beseitigt werden, was damit nicht übereinstimmt. Und dabei leisten uns die Menschen, die uns Schweres zufügen, sehr wesentliche Dienste. Oder würden wir uns wohl in Sanftmut und Demut und Langmut ausbilden können, wenn wir 18


nicht den groben und unfreundlichen Nachbar hätten? All die unangenehmen und unbequemen Menschen müssen mit daran arbeiten, dass der Plan Gottes mit uns in Erfüllung gehe. Darum sind sie in Wirklichkeit unsre Wohltäter, die uns erziehen helfen, dass wir dem Lammesbilde ähnlich werden. Als ich dafür den Blick gewann, da wurde mein Leben so frei und so froh. Da hörte der Ärger auf. Da erkannte ich, dass Gott sie in mein Leben hineingestellt habe und dass Er mich durch sie erziehen wolle. Und als der Ärger aufhörte, da fing das Danken an. Da lernte ich es, diese Menschen mit Dank aus der Hand Gottes zu nehmen. Du meinst, das sei aber doch übertrieben? Doch nicht. An die Epheser schreibt Paulus: „Saget Dank allezeit und für alles!“ Und an die Thessalonicher schreibt er: „Seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an euch.“ Nicht wahr, wenn das der Wille Gottes ist, dass wir in allen Dingen dankbar sind, dass wir allezeit und für alles danken sollen, dann – müssen wir es doch auch tun! Ach, ich wollte, ich hätte es früher gewusst, dass diese Menschen meine Wohltäter waren, berufen, mich zu erziehen! Ich hätte mir viel Kummer und Herzeleid sparen können. Wie lange habe ich darunter gelegen mit Ach und Weh! Aber als ich gelernt hatte, sie als meine Wohltäter anzusehen, sie aus Gottes Hand anzunehmen, da konnte ich dafür danken, und – ich stand drüber, ich hatte Sieg. Einst stand einer von diesen meinen Wohltätern mit jemand anders zusammen. Das Gespräch kam auf mich. Mein Wohltäter sprach sehr schlecht von mir. Er sprach mir wohl auch den Himmel und die Seligkeit ab. Da sagte der andre, der bis dahin dem „Wohltäter“ 19


immer zugestimmt hatte: „Das glaube ich aber doch, dass er in den Himmel kommt!“ Da sagte mein Wohltäter: „Das will ich Ihnen sagen: wenn der in den Himmel kommt, dann will ich nicht hinein!“ So weit ging sein Hass. Und ich? Ich kann in Wahrheit sagen: wenn ich in den Himmel komme und begegne dort meinem Wohltäter, – ich hoffe von Herzen, dass ich ihm dort begegne, – dann werde ich auf ihn zugehen und ihm die Hand schütteln und ihm sagen: „Lieber Bruder, dir möchte ich ganz besonders danken! Du bist mir ein wirklicher Wohltäter gewesen. Du hast mich die schwere Kunst gelehrt, stille zu schweigen im Unrecht; du hast mich genötigt, mich an den Herrn zu klammern wie nie zuvor. Ich kann es gar nicht alles sagen, was ich durch dich gelernt habe. Du bist einer meiner Erzieher gewesen; du hast mir viel geholfen auf dem Wege zur Seligkeit!“ O ich wünschte, du lerntest die unangenehmen und unsympathischen Menschen auch so ansehen, wie ich sie anzusehen gelernt habe. Recht betrachtet, sind sie wirklich unsre Wohltäter, die Gott gebraucht, um uns zu erziehen, damit wir verwandelt und gestaltet werden in das Lammesbild Seines Sohnes. Und nicht wahr, an dies Ziel willst du doch? Nun, dann musst du dir auch den Weg gefallen lassen, der an dieses Ziel führt!

5. Das Leid

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inen Erzieher muss ich noch nennen, dem ich viel zu verdanken habe. Das ist das Leid. Ach, wenn es bei uns anklopft und Einlass begehrt, dann ist uns sein Besuch wohl sehr unwillkommen. Und danach sehen wir doch ein, dass auch das Leid 20


als ein Bote Gottes kam, um uns zu erziehen, damit wir tauglich würden für unsern Dienst auf Erden und passender für unsern Platz im Himmel. Als es zum ersten Mal bei mir einkehrte, da war ich des Leides noch sehr ungewohnt. Da konnte ich mich gar nicht darein finden, dass es so lange blieb und gar keine Anstalten machte, mich wieder zu verlassen. Bis dahin war mein Leben so sonnig verlaufen, keinerlei Störung und Trübung hatte das junge, glückliche Heim beeinträchtigt. Denn die Kinderkrankheiten, die kamen, verliefen leicht und – was die Hauptsache war – wurden gemeinsam getragen und durchgebetet. Aber nun kam das Leid und legte die liebevolle Gattin, die treusorgende Mutter der Kleinen, aufs Lager der Schmerzen. Ein Anfall von Gelenkrheumatismus schien bald vorüberzugehen. Eine Badekur sollte Hilfe und Heilung bringen. Aber die erwartete Hilfe kam nicht. „Ich weiß nicht, ob Sie sich die Sache ernst genug vorstellen,“ sagte eines Tages der alte Sanitätsrat zu mir. „Wenn Ihre Frau sich im geringsten überanstrengt, etwa mal zu schnell zum Bahnhof geht oder dergleichen, kann sie plötzlich tot umfallen. Damit werden Sie immer rechnen müssen.“ Da wusste ich, dass das Leid nicht mehr fortgehen, sondern bei mir bleiben würde. Und es blieb. Lange, bange Monate. Die Gebetsgemeinschaft, die wir so lange gehabt hatten, hörte auf. Wir konnten nur noch für sie beten, aber nicht mehr mit ihr – ihre Krankheit nahm sie bald so völlig in Anspruch, dass die Außenwelt für sie versank. Das Leid wich und wankte nicht, bis es der müden Dulderin die Augen zugedrückt hatte. Aber – das Leid war nicht umsonst bei uns eingekehrt. Es war wenige Tage vor ihrem Heimgang, da ließ die Kranke sich ihre Kinder ans Bett bringen – drei 21


kleine Mädchen –, legte jedem die Hand aufs Köpfchen und sprach über ihnen ein Wort Gottes und einen Segenswunsch. Danach gab sie ihrem Gatten die Hand und sagte, mit liebevollem Blick ihn anschauend: „Wir sind sehr glücklich zusammen gewesen; aber nun bin ich los von euch allen.“ Und dann schaute sie himmelan und sprach: „Komm, Herr Jesu!“ Wie hängt sonst ein Mensch, namentlich in jüngeren Jahren, am Leben! Hier hatte das Leid sein Werk getan und die teure Seele gelöst von all den Fäden, die sie mit dem Leben verbanden, um sie einzig und allein zu binden an ihren Heiland und Herrn. Und wie es bei der lieben Heimgegangenen seinen Zweck erreicht hatte, so darf ich auch bekennen, dass das Leid mir Segen gebracht hat. Noch heute hängt an meiner Wand, ein Spruch, der stammt aus jener Zeit. Eigentlich ist’s kein Spruch, es ist nur ein einziges Wort. Das heißt: „Dennoch!“ Das ist das „Dennoch“ aus dem 73. Psalm: „Dennoch bleibe ich stets an Dir.“ Ich weiß nicht mehr, wer mir damals dieses gebrannte und gemalte Wort geschenkt hat – in so einer Zeit, die von einem einzigen großen Gedanken beherrscht und erfüllt wird, vergisst man so viel; – aber ich weiß, dass es eine Erinnerung war an eine Predigt, die ich kurz nach dem Heimgang meiner Frau hielt. Es war Totenfest. Alle dachten, an dem Tage würde ich mich gewiss vertreten lassen, die Wunde sei doch zu frisch. Aber ich fühlte, dass ich predigen musste. Der Herr gab mir das Wort: „Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde, und wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist Du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ Und wenige Verse vorher steht das „Dennoch“ des Glaubens, des Durchhaltens in Not und Tod. 22


Was ich sagte? Ich weiß es nicht. Ich redete nicht nach einem geschriebenen Konzept; ich sprach aus der Erfahrung der jüngsten Vergangenheit heraus, aus dem großen Schmerz über den Verlust einer treuen Gefährtin und aus der größeren Freude über den Besitz eines solchen Heilandes. Hatte ich doch in dieser Zeit den Psalmisten Asaph verstehen gelernt wie nie zuvor, und konnte ich doch nun von ganzem Herzen mit ihm einstimmen: „Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ Wer das sagen kann an Sarg und Grab, von Herzensgrund, dem hat das Leid einen Segen gebracht, denn es hat ihn inniger und fester mit dem Herrn verbunden. Was auch kommen mag: „Dennoch bleibe ich stets an Dir!“ Und ich merkte bald, dass das Leid noch etwas anderes ausgerichtet hatte bei mir. Nicht nur dies war die Frucht seines langen Weilens unter meinem Dach, dass ich fester mit dem Herrn verbunden wurde, ich erfuhr auch, dass mein Dienst dadurch innerlicher und tiefer geworden war. Wenn Seelen in Trübsal und Leid gerieten, dann kamen sie gern zu mir. Sie sprachen es aus, wenn sie kamen: „Sie wissen, wie es tut.“ Ja, das war der andere Segen, den mir das Leid gebracht: Ich wusste es, wie es tat. Ich konnte mitfühlen und mittragen, mittrauern und mitweinen. Das will erst gelernt sein. Das kann man nicht, wenn man nur sonnige Wege gegangen ist. Das lernt man erst in dem dunkeln Tal, in dem man mit dem Psalmisten erfährt: „Und ob mir gleich Leib und Seele verschmachten.“ So blicke ich zurück auf den Besuch, den mir damals das Leid gebracht hat, und sage dankbar: Trübsal ist Segen. Es nimmt nicht nur, es gibt uns auch. Es nimmt Zeitliche Freuden und vergängliche Stützen, aber es gibt Ewigkeitswerte und tiefe Segnungen. 23


Die Jahre vergingen. Gottes Gnade baute das zertrümmerte Heim wieder auf. Er gab mir wieder eine Gefährtin. Und Er schenkte wieder glückliche Jahre, sonnige Zeiten. Da – ganz unerwartet – klopfte das Leid wieder an. Nach langer und schwerer Winterarbeit sehnte ich mich nach einer Zeit der Stille und Ruhe. Hinter meiner Frau lag eine lange und anstrengende Krankenpflege. So brauchte sie auch die Erholung sehr nötig. Wir beschlossen, anschließend an einen Dienst, den ich zu tun hatte, einige Zeit auszuspannen. Wir kamen gerade von einem Ausflug zurück, da fanden wir ein paar Telegramme vor, die uns sagten, dass unser ältester Sohn schwer erkrankt und dass unsere Rückkehr dringend erwünscht sei. Mit dem nächsten Zug fuhren wir nach Hause. Der Herr erhörte unsere Gebete, die wir unterwegs immer wieder getan hatten, dass Er doch geben möchte, dass wir unsern Jungen noch lebend träfen, und dass er uns noch kennen möchte. Er lebte noch und er kannte uns noch. Er streckte die Arme – ach wie abgezehrt waren sie – nach Vater und Mutter aus und zog sie zu sich nieder und gab ihnen letzte Küsse der Liebe und Wiedersehensfreude. Die ärztliche Wissenschaft sagt, dass die Krankheit gewöhnlich in wenigen Tagen zum Tode führt. Aber wir durften unsern Jungen noch vierzehn Tage haben, durften noch kostbare Worte aus seinem Munde hören und sehen, wie wunderbar der Herr ihn ausreifte und zubereitete für die Herrlichkeit. Auch dies Leid hat bei uns, den Eltern, etwas ausgerichtet. Es war an einem der letzten Tage der Krankheit, da sagte meine Frau mir ein Wort, das vergesse ich nie. 24


Es hieß: „Wenn jetzt der Herr Jesus zu mir käme und fragte: Was soll Ich tun? Soll Ich ihn euch nehmen – oder soll Ich ihn euch lassen? – ich könnte doch nur antworten: Herr, wähle Du für mich! Du weißt, was am besten für ihn und uns ist!“ Wer so sprechen kann, dem hat das Leid einen Segen gebracht. Denn wer so spricht, der ruht in kindlichem Vertrauen in der Liebe Gottes. Der Tag der Beerdigung war gekommen. Wir saßen zusammen in meinem Arbeitszimmer, meine Frau und ich. Wir gestanden uns gegenseitig: „Ich habe gar keine Kraft; ich bin ganz am Ende.“ Und doch hatte ich es mir ausgebeten, am Sarge und Grabe meines Jungen selber zu sprechen. Wie sollte das werden? Sollten die Leute sagen: Da hat er sich etwas vorgenommen, was er nicht durchführen konnte? Das ging doch nicht. Da blieb nichts andres übrig als: Wir klammerten uns an den Herrn. Und – Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug den Unvermögenden. Das ist wahr. Ich konnte am Sarge stehen und erzählen, wie der Herr sich in dem Leben dieses Knaben so wunderbar verherrlicht habe, und ich konnte an seinem Grabe stehen und den Herrn preisen, der alles wohlgemacht habe. Die Leute verwunderten sich und sprachen: Der muss aber ein festes Herz haben! Und als wir dann im Allianzhause mit den Gästen zusammensaßen, und noch manches gute Wort aus dem Worte Gottes hörten, da sagte Schwester Eva von Tiele-Winckler, es würde doch schön sein, wenn die Mutter uns noch etwas erzählen würde von der reichen Heilandsgnade, die der Herr in dieses Kinderleben hineingelegt habe. Und – da stand die Mutter auf und erzählte, was der Herr an ihrem Kinde getan hatte. 25


Das war eine selige Stunde unter einem offenen Himmel. Und dann habe ich das Büchlein geschrieben, was von seinem Leben erzählt. Es war nicht leicht, es zu schreiben. Es kostete viel Gebet. Aber dann ging’s. Dann floss es wie von selber. Kaum war das Büchlein erschienen, da war es auch schon vergriffen. Eine Auflage folgte der andern. Es wurde ins Ungarische übersetzt und ins Schwedische, ins Dänische und ins Holländische. Ich weiß nicht, in welche Sprachen sonst noch. Und immer wieder kamen Briefe, die Kunde gaben von dem wunderbaren Segen, den Gott auf dieses Kinderleben gelegt hatte. Sonntagsschullehrer lasen es in ihren Gruppen vor – und ganze Gruppen wurden dadurch erweckt. Vielen Kindern wurde der Heimgegangene so ein Wegweiser zu dem guten Hirten, zum Freund der Kinder. Auf einer Reise drückte mir ein Bauer mit besonderer Kraft die Hand. „Durch das Büchlein von Ihrem Werner ist meine Frau zum Glauben gekommen – und dann ist sie selig heimgegangen.“ In einer Buchbesprechung hieß es, durch das kleine Büchlein habe der Knabe mehr Seelen gepredigt als sein Vater auf all seinen Reisen. Das ist gewiss wahr. Ist das nicht ein Segen des Leides? Wir schauen zurück und wir beten die Wege Gottes an. Auch wenn Er uns das Leid schickt, hat Er uns lieb, ja dann gerade! Er macht keine Fehler. Und Er ist immer derselbe: immer Liebe, lauter Liebe, nur Liebe. So wollen wir nach solchen Erfahrungen der Vergangenheit Ihm die Zukunft getrost befehlen, fest davon überzeugt, dass alle Seine Wege recht und gut sind, all Sein Tun weise und vollkommen. 26


Und wenn Er wieder Leid schickt zu mir oder zu dir, dann wollen wir nicht erschrecken. Dann wollen wir es willkommen heißen in dem Bewusstsein: Es kommt von Gott und führt zu Gott. Es will uns im Namen Gottes erziehen und zubereiten für unsere Aufgaben auf Erden und für unsern Platz im Himmel. Darum: Gelobt sei Gott – für alles!

6. Im finstern Tal

S

o wie das Leid in mancherlei Gestalt zu mir kam, um mich zu erziehen, so gehört zu meiner Erziehung auch die Zeit im finstern Tal. Es war in der Nazi-Zeit. Ich mochte in meinem Blatt schreiben, was ich wollte, immer wieder wurde ich der Gegenstand hässlicher Angriffe. Einmal schrieb ich über den Bann finsterer Mächte, unter den man gerät, wenn man zu Wahrsagern geht oder sich die Karten schlagen lässt, und wie man davon frei wird. Da stand ich alsbald in der Zeitschrift „Der Textilarbeiter“ am Pranger mit dem höhnenden Artikel „Modersohn treibt Teufel aus“. Einmal war in einem Artikel die Rede von einem Juden, der durch das Lesen des Neuen Testamentes zum Glauben an Jesus gekommen war. Da war ich ein „Landesverräter“, vor dem gewarnt werden musste. So ging es immer wieder. Ich habe mich nicht sonderlich darüber erregt. Der Herr Jesus hat ja gesagt: „Der Jünger ist nicht über seinen Meister. Hat die Welt Mich gehasst, so wird sie euch auch hassen.“ Wie oft hatte ich gepredigt, dass zur Nachfolge Jesu das Leiden um Seinetwillen notwendig mit dazu gehöre. Nun konnte ich mich doch nicht darüber wundern, dass ich etwas von der Schmach Christi zu spüren bekam. Ich habe ruhig weitergearbeitet. Und der Herr 27


hat sich in Gnaden zu meinem Dienst bekannt. Mit besonderer Freude denke ich noch an die Allianz-Konferenz in der Georgenkirche am Alexanderplatz in Berlin. Was waren das für große und gesegnete Versammlungen. Wir mussten schließlich noch eine Versammlung einlegen, die erst nicht vorgesehen war, so groß war der Zustrom der Besucher. Als ich von einer Reise nach Hause zurückkehrte, hatte meine Frau Besuch gehabt von ein paar Herren der Geheimen Staatspolizei. Da sie mich nicht angetroffen hatten, bestellten sie mich nach Weimar. Nach längerem Verhör unterbrach mich der Regierungsrat: „Also nun will ich Ihnen sagen, was Sie sind. Entweder sind Sie ein Betrüger, der das selber nicht glaubt, was er andern sagt, und dann muss man unser Volk vor Ihnen schützen. Darum werde ich beim Staatsanwalt Anzeige wegen Betruges gegen Sie erstatten. Oder wenn Sie wirklich glauben, was Sie sagen, dann sind Sie verrückt und gehören in ein Irrenhaus. Ich werde dann das Weitere veranlassen. Ihre Lebensarbeit ist getan. – Führen Sie ihn ab!“ Wie betäubt schritt ich hinter dem Manne her, der als mein Sachbearbeiter mich verhört hatte. Dann wurde ich in eine Zelle geführt, in der sich schon fünf Häftlinge befanden. Mein Neues Testament wurde mir abgenommen, meine Uhr, mein Geld, mein Messer, alles, womit ich mir hätte ein Leid antun können. Da saß ich in der Zelle, in der drei Pritschen standen, die nun für sechs Mann reichen mussten. Einer meiner neuen Kameraden fragte mich, wer und was ich sei, und unterrichtete mich, wie ich mich nun zu benehmen habe. Die Nacht lag ich schlaflos. Nicht nur, weil die Pritsche so hart war, dass mir die Knochen weh taten, 28


sondern weil mich ein Gedanke quälte. Stand etwas zwischen Gott und mir, dass Er mich in diese Tage kommen ließ? Denn es war mir ja klar, dass ich um dieser Anschuldigung willen, dass ich an einen lebendigen Gott glaube, der Gebet erhört, nicht von Gott ins Gefängnis gebracht war. Gott antwortete mir nicht gleich. So hatte ich Zeit in dieser Nacht, mein Leben gründlich zu überprüfen und all meinen Dienst daraufhin anzusehen, ob darin Gott etwas missfallen haben könne. Am Morgen kam Gottes Antwort. Sie lautete klar und deutlich, so, als ob jemand sie mir mitteilte: „Selig seid ihr, so euch die Menschen um Meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen! Seid fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnt werden!“ Da kehrte ein tiefer Friede in meine Seele ein, und er hat mich auch nicht mehr verlassen, so schwer es oft war, was ich erlebte. Ich stand innerlich doch darüber. Am Morgen wurde ich zum Verhör gerufen. Hierbei wurde ich nach allerlei Vorgängen im Thüringer Bunde gefragt, wie viele Gemeinschaftshäuser wir hätten usw. Da sagte ich: „In meiner Mappe habe ich ein Notizbuch, wenn Sie mir das geben, dann kann ich Ihre Fragen besser beantworten.“ So bekam ich mein Notizbuch. Und – in diesem Notizbuch standen die Losungen der Brüdergemeine abgedruckt für jeden Tag. Als das Verhör vorbei war, steckte ich das Buch in die Tasche und nahm es mit in die Zelle. Wie froh war ich, nun doch die Losungen alle Tage lesen zu können! Und sie dienten mir auch zu einer guten Ausfüllung meiner Zeit, die ja aus lauter müßigen Stunden bestand. Ich nahm die Losungen als Predigttexte und überlegte mir, was man darüber wohl sagen könne, ebenso auch die Lehrtexte. Und dann schrieb ich The29


ma und Teile der Predigt ins Notizbuch ein. So habe ich die Zeit gut ausgekauft und mich am Worte Gottes erquickt. Das gab mir solche Freude ins Herz, dass ich auch etliche Verse ins Notizbuch schrieb. Hier ist ein solches Gedicht, das im Gefängnis entstanden ist: „Ich bin in Gottes Hand, das will getrost ich glauben, ob man mir Amt und Stand und alles auch will rauben. Ich bin in Gottes Hand. Ich bin in Gottes Hand, darin will ich verbleiben. Von diesem sel’gen Stand lass’ ich durch nichts mich treiben. Ich bin in Gottes Hand. Ich bin in Gottes Hand, ob mich umweh’n die Sorgen wie eine Wolkenwand, so bin ich doch geborgen. Ich bin in Gottes Hand. Ich bin in Gottes Hand, nicht in der Menschen Händen. Tun sie mir allerhand, das Übel wird sich enden. Ich bin in Gottes Hand Ich bin in Gottes Hand, da ruhe ich in Frieden. Es ist dem Herrn bekannt, was alles mir beschieden. Ich bin in Gottes Hand.“ 30


Besonders erfreute ich mich an dem Wort „Immanuel“, Gott mit uns, weil ich des Herrn Nähe in so wunderbarer Weise erlebte. Darum schrieb ich auch darüber etliche Verse nieder. Sie lauten: Jesus, Immanuel. Gottesheld, Gnadenquell, bleib Du mir nah! Wenn ich Dich nicht kann sehn, muss ganz im Dunkeln gehn, ist’s auch im Finstern schön, wenn Du nur da! Daniel hat’s auch erprobt, als ihn der Hass umtobt, warst Du ihm nah. Auch in der Löwennacht hast Du ihn treu bewacht, gnädig hindurchgebracht, ja, Du warst da! So den drei Männern auch in Feuersglut und Rauch warest Du nah. Du hast der Glut gewehrt, dass sie ganz unversehrt blieben im Feuersherd, denn Du warst da! Petrus im Kerker lag. Das war ein harter Schlag. Doch Du warst nah. Als die Gemeinde fleht, hörtest Du ihr Gebet. Offen der Kerker steht, denn Du warst da! 31


Paulus im Sturmgebraus hielt ganz alleine aus, denn Du warst nah. Ob auch das Meer erbost, ob auch der Sturmwind tost, Paulus ist ganz getrost, denn Du warst da! Ist auch die Not gar groß, scheint alles hoffnungslos, bist Du nur nah. Auch öde Kerkerzell’ wird durch Immanuel sonnig und licht und hell, ja, Du bist da! Heiland, Immanuel, Dir strömt der Lieder Quell, Du bist es wert! Du bist den Deinen nah heut’ wie es einst geschah, drum Dir Halleluja, sei hoch geehrt! Und naht die letzte Not, kommt uns der blasse Tod erschreckend nah, dann ist Immanuel mit Seinem Heer zur Stell’, führt uns zum Himmel schnell – Halleluja! Zwei Wochen waren so vergangen, da kam ein Sachbearbeiter zu mir in die Zelle: „Packen Sie Ihre Sachen zusammen, Sie werden entlassen!“ Es sah mir 32


aber gar nicht danach aus, dass ich wirklich entlassen würde. Man ließ mir keine Zeit, den Kragen anzulegen, ich musste alle meine Sachen, die mir zurückgegeben wurden, in einen Karton packen, dann hieß es: „Machen Sie schnell!“ Draußen stand ein Auto, in das ich geradezu hineingeworfen wurde. Am Steuer saß der Herr Regierungsrat selber, neben ihm der Kommissar, neben mir hatte ich noch einen Beamten, um zu verhindern, dass ich nicht etwa den vor mir sitzenden Herren etwas antun konnte. Dann ging’s los! Wohin? Das wurde mir nicht gesagt. So nahm ich an: zum Buchenwald, dem Konzentrationslager! Aber da die Fahrt länger dauerte, merkte ich: Nein, Buchenwald ist nicht das Ziel. An den Wegezeichen sah ich, dass wir uns Jena näherten. Aha, also war die Nervenklinik in Jena das Ziel! Es dauerte auch nicht lange, da kam Jena in Sicht. Endlich waren wir da. Der Direktor der Klinik wurde gerufen und die Herren von der Gestapo gaben ihm genaue Anweisung, wie er mich zu behandeln habe, das merkte ich dann später aus dem Verhör, dem er mich unterzog. Aber zuerst wurde ich gebadet, gewogen, die Temperatur gemessen, eine Blutprobe gemacht, als ob ich ein wirklicher Kranker wäre. Dann hieß es: „Nun legen Sie sich zu Bett!“ Das war wenigstens ein richtiges Bett und nicht so eine elende Pritsche wie in Weimar. Und – weiter kümmerte man sich nicht um mich. Der Professor fragte nicht nach mir, auch kein andrer von den Ärzten. Nur einmal kam ein jüngerer Arzt zu mir, um mich zu fragen, was ich denn eigentlich für einen Glauben hätte. Als ich ihm das dann auseinandergesetzt hatte, meinte er, das sei ja ein ganz primitiver Glaube. Ich antwortete ihm, wenn er anstatt „primitiv“ „kindlich“ sage, dann habe er recht, denn ich sei durch 33


Gottes Gnade ein Kind Gottes geworden. Da schüttelte er natürlich über meine Verrücktheit den Kopf. Zwei Tage war ich in der Klinik, da kam ein Herr, um mir mitzuteilen, dass er beauftragt sei, mich abzuholen, ich hätte drei Tage Urlaub. Das war eine frohe Botschaft! Ich bekam meine Sachen zurück, die ich in Verwahrung hatte geben müssen – aber mein Neues Testament hatte man mir gelassen –, dann ging es im Auto fort. Unterwegs sagte mir der Abholer: „Ihrer Frau Gemahlin geht es nicht so hundertprozentig gut. Sie ist gefallen und hat sich weh getan.“ Aber Genaueres konnte er mir nicht sagen. Es war aber schlimmer, als ich dachte nach dieser Eröffnung. Im Dunkeln war sie auf dem oberen Flur der Treppe zu nahe gekommen und war die ganzen achtzehn Stufen der Treppe hinuntergestürzt, so dass sie unten bewusstlos liegen blieb. Sie hatte einen Bruch des Schlüsselbeines davongetragen und auch eine Gehirnerschütterung. Nun lag sie sehr schwach und elend im Bett. Wenn sie mich auch erkannte und sich über mein Kommen freute, so merkte ich doch nachher, dass mein Besuch kaum in ihr Bewusstsein gekommen war. Wie schnell waren die drei Tage um! Dann brachte mein Sohn, der gerade auf Urlaub zu Hause war, mich wieder zurück. Aber es ging wieder ins Bett hinein, da der Professor nicht daran dachte, sich mir zu widmen. Da wurde mir wieder ein Besuch gemeldet. Mein Schwiegersohn Benzinger war gekommen mit seiner Frau, und auch mein Sohn war mitgekommen. Ehe sie zu mir kamen, hatten sie mit dem Professor gesprochen und hatten ihn gefragt, wie es mir denn gehe, da hat er sagen müssen, dass er mich noch gar nicht gesprochen habe! Aber was er ihnen – nach Angabe der Herren aus Weimar – sagte, das war nicht sehr 34


hoffnungsvoll. Das Urteil war gefällt, ehe die Sache untersucht war. Aber kaum waren meine Besucher fort, da wurde ich zum Professor gerufen. Das waren furchtbare Stunden! Er fragte mich, ob mein Vater auch schon geisteskrank gewesen sei, was ich energisch verneinte. Ob meine Geschwister Spuren davon trügen. Nein, der älteste Bruder sei als Landesgerichtspräsident gestorben, der zweite sei der berühmte Maler, meine Schwester sei die Frau eines Fabrikanten, wir seien alle ganz gesund. Ja, aber ich glaube doch an die Macht des Gebets, und das sei doch Wahnsinn! Als ich ihm sagte, ich hätte die Macht des Gebets in meinem Leben ganz offenbar erfahren, ich sei in jungen Jahren von Arzt und Professor aufgegeben worden, ich sei aber durch das Gebet gesund geworden, da gab es nur ein höhnisches Lachen: Dann hatten sich die Herren eben in der Diagnose geirrt! Ungefähr zwei Stunden lang dauerte der Hohn und Spott über das, was mir heilig war, dann wurde ich entlassen. Wenn dieser Mann ein Urteil über mich abgab, dann war mir das Irrenhaus sicher. Das war mir klar. Aber nun brauchte ich doch nicht mehr im Bett zu liegen, nun durfte ich aufbleiben und mit den anderen Insassen reden. Was für ein Elend umgab mich da! „Mir scheint,“ sagte mir einmal einer, „Sie sind der Gesundeste von uns allen!“ Das war ich auch, der einzig Gesunde unter lauter mehr oder weniger Gestörten. Wie konnte ich ihnen nur einen Dienst leisten? Da verfiel ich darauf, ihnen Geschichten zu erzählen. Das hatte ich auch schon in Weimar getan, wo mir jede religiöse Einwirkung streng untersagt war. Aber Geschichten erzählen war mir nicht verboten worden, und so hatte ich ihnen denn wunderbare Bekehrungsgeschichten erzählt, von dem Zuchthäusler August Michel in Wei35


denau und dem Trinker Hugo Fritsche in Mülheim an der Ruhr, und dort wie hier waren meine Zuhörer ganz Ohr und sagten mir, ich hätte sie einen Blick in eine ganz fremde Welt tun lassen. Gewiss, sagte ich ihnen, aber diese Welt sei auch für sie da, es sei die Welt Gottes, die Welt des Glaubens. In dieser Zeit entstand in Erinnerung daran, was der Regierungsrat von der Gestapo in Weimar mir im Blick auf meine Zukunft eröffnet hatte, ein Gedicht, das ich hier folgen lasse. Es schließt sich an das Hiobwort an: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Es lautet: Der Herr hat es gegeben, ein reiches Erdenglück, ich schaue auf mein Leben mit tiefem Dank zurück. Er hat mir aufgetragen den schönsten Dienst am Wort, ich durft’ es freudig sagen an manchem, manchem Ort. Es kam nicht leer zurücke, wie Er verheißen hat. Was war das für ein Glücke, zu säen gute Saat! Dann hat Er mir zu schreiben das teure Wort erlaubt. Das wird mir teuer bleiben, viel teurer, als man glaubt. Bis fern zu den Gestaden der Südsee lief das Wort, es kam, mit Dank beladen, als Echo heim von dort. 36


Was war das eine Freude, so vielen Helfer sein, sie auf der besten Weide des Wortes zu erfreu’n! Und mehr hat Er gegeben, ein Weib, so lieb und gut, das mir ein langes Leben nur lauter Gutes tut. Ein treuer Kamerade in gleichem Schritt und Tritt, so ging durch Gottes Gnade sie durch mein Leben mit. Mein Tagwerk ist beendet, es war ein langer Tag, der Herr hat’s so gewendet, dass ich nun feiern mag. Erst wollt’ es schwer mir scheinen, zu ruhen vor der Nacht, nun ist mein Wünschen, Meinen vor Gott zur Ruh’ gebracht. Das war ein selig Wandern, gemeinsam Hand in Hand, und eines stets im andern erprobte Treue fand. Und Kinder hat gegeben der treue Gott und Herr. Was für ein reiches Leben erblühte um uns her! Er hat ein Haus gegeben, ein liebes, altes Haus. Dran klettern edle Reben am warmen Schiefer drauf’. 37


Er gab viel frohe Gäste und Freude ohne Zahl, und endlich, was das Beste: der Gnade Sonnenstrahl. Ja, viel hat Er gegeben, der liebe, treue Herr, ein reich gesegnet Leben, wie’s so gibt wen’ge mehr. Nun hat Er das genommen, was mich so reich gemacht. Der Abend ist gekommen, der Ruhe mir gebracht. Ich muss mein Schaffen enden, darf nicht mehr schreiben nun, den nimmer müden Händen erlaubt Er nun zu ruh’n. Dem Reisen und dem Reden gebietet Er nun Schluss. Ich darf zurück nun treten. Ich will es, weil ich muss. Nur einen Wunsch ich habe: er werde Dir bekannt, Herr, sprich Dein Amen drauf! dass ich bis hin zum Grabe mög’ wandern Hand in Hand mit meinem lieben Weibe. Und dann hol’ aus dem Leibe zusammen uns hinauf! Dein Name sei gelobet! Herr, Du machst alles recht! Ich habe Dich erprobet als Dein geringster Knecht. 38


Nun leg’ ich meine Hände in Deine treue Hand, ich weiß, Du führst am Ende mich heim ins Vaterland. An einem Abend sagte mir einer der jungen Ärzte: „Nun, Sie werden morgen entlassen?“ Ich fragte ihn genauer, aber da gab er keine Antwort mehr, ich würde es ja schon erfahren. Wie lang wurde nun die folgende Nacht und der folgende Tag! Aber Stunde um Stunde verging – keine Entlassung geschah! Da endlich, als es schon dämmerig wurde, rief man nach mir. Die Herren aus Weimar seien da, um mich abzuholen! Also das war die Entlassung! Zurück nach Weimar oder nach Pfaffenrode ins Irrenhaus. Wieder wurde ich ins Auto gesetzt und dann ging’s los mit unbekanntem Ziel. Was für seelische Foltern können doch Menschen einander bereiten! Wieder übergab ich mein Leben dem Herrn fürs Leben und Sterben. Es war ja die Zeit, wo die Irrenhäuser von ihren Insassen geleert wurden, weil das Deutsche Reich keine unnützen Esser haben wollte. Nun bekam meine arme Frau also doch noch die Urne mit meiner Asche! Wir fuhren auf den Hof der Gestapo in Weimar. Ich ging auf die Tür des Gefängnisses los. „Nein, dahin kommen Sie nicht wieder!“, hieß es. „Also doch ins Irrenhaus!“, dachte ich. „Kommen Sie mal mit ins Büro!“ Da saß ich wieder in dem Zimmer, in dem ich so manches quälende Verhör durchgemacht hatte. Mein Sachbearbeiter nahm den Löffel vom Telefon. „Der Regierungsrat ist nicht da? Auch nicht der Kriminalrat?“ Inzwischen war der Kommissar zum Rat befördert worden. „Nun, dann muss ich es allein machen! Also, Sie werden entlassen.“ – „Entlassen? So dass ich nach Hause 39


gehen kann?“ – „Jawohl, entlassen! Es sind nur ein paar Bestimmungen Ihnen auferlegt worden, die wohl nicht lange bestehen bleiben werden. Sie dürfen nicht mehr reden und nicht mehr schriftstellern, und dann dürfen Sie Blankenburg nicht verlassen. Wie gesagt, ich denke, dass das nur ein kurzer Übergang ist. Bitte wollen Sie das eben unterschreiben!“ Ich unterschrieb das Papier. „Kann ich nun gehen?“ – „Jawohl, Sie sind frei. Haben Sie denn heute noch eine Möglichkeit, nach Blankenburg zu fahren?“ – „Jawohl, ich habe um neun Uhr noch einen Zug über Erfurt, der mich um Mitternacht nach Hause bringt.“ Er begleitete mich bis zum Tor, dann stand ich mit meinem Köfferchen draußen in der Freiheit. Es ging wohl tief hinab in den Wochen, aber ich durfte es doch auch erfahren, was der Psalmist bezeugt: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.“ Fürwahr, das finstre Tal ist auch ein Stück von der Lebensschule. Zu diesem finstern Tal gehören auch die folgenden Jahre, in denen ich in meiner Wohnung gewissermaßen gefangen saß. Der Inhalt meines Lebens und der Auftrag Gottes für mich war, die frohe Botschaft zu verkündigen in Wort und Schrift. Nun durfte ich nicht reden, nicht schreiben und nicht reisen. Damit ich auch nicht schreiben könnte, hatte man mir meine Schreibund Diktiermaschine abgeholt. Aber untätig konnte ich nicht sein. So habe ich mit der Hand viele Briefe geschrieben und vielen seelsorgerlich zu helfen versucht. Reden durfte ich nicht, aber meiner Familie jeden Sonntag eine Predigt vorlesen, das konnte mir niemand verbieten. So entstanden zwei Jahrgänge Predigten. Wie dankbar war ich, als auch das finstere Tal zu Ende war, und ich nach dem Zusammenbruch wieder 40


ungehindert reisen und hin und her in Kirchen und Gemeinschaften dienen durfte. Was für eine Freude war das für mich, all die lieben Geschwister wieder zu grüßen. Ja fürwahr, die Anforderungen in der Lebensschule werden immer größer. Gott will mit uns zu Seinem Ziele kommen. Und Er macht keine Fehler, Er macht alles wohl. Gelobt sei Sein Name!

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