Samenkorn e.V.
Ernst Modersohn
Die beste Gabe Elf Weihnachtserzählungen von Pastor Ernst Modersohn (sprachlich leicht bearbeitet)
Samenkorn e.V. Christlicher BĂźcher- und Liederverlag
Auflage 2007 ď›™ Samenkorn e.V. Christlicher BĂźcher- und Liederverlag Liebigstr. 8 D-33803 Steinhagen, Germany Korrekturen: N. Hildebrant, H. Hildebrant, N. Fast, H.Peters, L. Anders, A. Schartner Umschlag: I. Schulz, A. Fast Zeichnungen: Irina Schulz Satz: Samenkorn e.V. Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm ISBN
978-3-936894-39-4
Inhaltsverzeichnis Vorwort zur Originalausgabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Unter dem Weihnachtsbaum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Ein Weihnachtsabend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Nur ein Anfang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Am Sonntag vor Weihnachten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Blaue Weihnachten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Eine Ăœberraschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Ich hab einen herrlichen Heiland . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Die Pilgerreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Der Wunschzettel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Durch Nacht zum Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Das Allerbeste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
Vorwort zur Originalausgabe
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ie wenige Menschen wissen doch eigentlich, was Weihnachten bedeutet! Man feiert das Fest aus alter Gewohnheit als ein Fest der Liebe und der Geschenke – aber an die Liebe Gottes, der also die Welt geliebt hat, dass Er seinen eingeborenen Sohn gab, und an die Gabe, die uns in der Geburt Jesu Christi zuteil geworden ist, wird so wenig gedacht! Man feiert den Geburtstag Jesu Christi – und hat doch für das Geburtstagskind kaum einen Gedanken! Da wollen diese kleinen Geschichten, die ich nach dem Leben im Krieg und Frieden erzählt habe, nachdrücklich darauf hinweisen, was die beste Gabe ist, deren Empfang uns allein in den Stand setzt, Weihnachten recht zu feiern: Jesus Christus, unser Heiland. Was hilft uns alles Singen und Feiern, Schenken und Beschenktwerden, wenn wir nicht die beste Gabe in unserem Herzen und Leben empfangen haben? Das Wort ist wahr: „Und wäre Christus hundertmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir, du gingest doch verloren!“ Möchten diese Geschichten dazu beitragen, dass manches Herz sich nach dieser besten Gabe ausstreckt und sie im Glauben ergreift! Das gäbe dann eine in Wahrheit „fröhliche, selige, gnadenbringende Weihnachtszeit.“ Bad Blankenburg, Thüringer Wald, im November 1921 Ernst Modersohn -6-
Unter dem Weihnachtsbaum
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o, da bin ich wieder“, sagte der Vater, als er in die Stube eintrat. „Seid ihr denn auch lieb gewesen?“ „Wir haben Weihnachtslieder gesungen, Vater“, antwortete Elisabeth, die Älteste, ein blondes und lebhaftes kleines Mädchen von sieben Jahren. „Dabei ist uns die Zeit gar nicht lang geworden. Meine Hausaufgaben hatte ich schon gemacht.“ Der Vater strich zärtlich mit der Hand über den blonden Kopf. Dann setzte er sich schwer und müde auf einen Stuhl. Aber auch wenn er, wie es schien, voll von Sorgen und schweren Gedanken war, so hatte er keine Zeit, ihnen nachzuhängen. Das muntere Kleeblatt ließ ihn dazu nicht kommen. „Vater, reiten!“, bat der kleine Max, indem er sich dem Vater aufs Knie schwang. Nun wollte das kleine Gretchen natürlich auch nicht zurückstehen. Saß Max auf dem rechten Knie, so bettelte sie so lange „Heb mich auf!“, bis sie auf dem linken saß. Und nun wurden all die Reiterkunststücke vorgeführt, die der Vater einst als kleiner Junge auf seines Vaters Knie gelernt hatte. Erst ging es: „So reiten die Herren!“ – dabei hob das Knie ganz gleichmäßig auf und ab, um das Traben eines edlen Renners nachzumachen. Dann hieß es: „So fahren die Damen!“ – nun ging das Knie sanft von rechts nach links und wieder von links nach rechts. Dann kam, das schon längst mit -7-
Ungeduld erwartete Hauptvergnügen: „So juckeln die Bauern!“. Bald stark und bald wieder sanfter ging es, so als ob ein schwerer Landgaul über eine holprige Dorfstraße trabt. Und als das auch ein Weilchen gedauert hatte, wobei das kleine Gretchen fast noch lauter krähte als Max, da folgte der beliebte Schluss: „Pardauz, da liegen sie im Graben!“. Und von jedem Knie fiel ein Kind hintenüber, mit dem Kopf nach unten, von der starken Hand des Vaters festgehalten. Und dabei krähten die kleinen verunglückten Reiter vor Freude und Wonne. Es war gut für den Vater, dass die „wilde Bande“, wie er sie nannte, ihm über seine sorgenvollen Gedanken hinweg half. Die Haushälterin, die er nach dem Tod seiner Frau ins Haus genommen hatte, war plötzlich an Lungenentzündung erkrankt. Der raue Ostwind der letzten Tage hatte es ihr angetan. Nun war sie heute ins Krankenhaus gebracht worden. Wer hätte sie auch pflegen sollen? – Der Vater war den ganzen Tag im Geschäft, Elisabeth ging zur Schule, und die beiden Kleinsten waren dann ganz ohne Aufsicht. Und wer sollte den Haushalt versorgen? – Da hatte er sich an eine Verwandte erinnert, die vor kurzer Zeit ihre Mutter verloren hatte und nun ganz allein in der Welt dastand. Wenn es nach den Regeln dessen, was sich gehörte, auch vielleicht nicht ganz recht war, sie zu sich zu bitten, so hatte er in der Not seiner Lage doch den Bann des „Es gehört sich nicht“ durchbrochen. Um zwei Uhr nachmittags war ein Telegramm mit bezahlter Rückantwort abgegangen, das die Worte enthielt: „Kannst Du um Gottes willen vierzehn Tage hier haushalten? Haushälterin plötzlich erkrankt.“ Nun fing es an zu dunkeln, und es war noch keine Nachricht gekommen! Wenn sie absagte? – Übelnehmen konnte er es ihr nicht. So Hals über Kopf in die große, schwere Arbeit hinein und gerade jetzt im Dezember, gewiss, es war wohl viel verlangt. Darum hatte er auch „um Gottes willen“ hinzugefügt. Eigentlich hatte er ein gewisses Gefühl der Verleug-8-
nung, dass er nicht „um Jesu willen“ telegraphiert hatte, wie er erst wollte. Aber er wagte es nicht, vielleicht hätte der Telegraphenbeamte ihn verwundert angesehen, und vielleicht wäre Cousine Elisabeth dann auch erst recht nicht gekommen, wenn er in dem Wort seinen Glaubensstandpunkt darlegte. Er wusste so wenig von ihr, seit Jahren hatte er nichts von den Verwandten gehört; er hatte nur das Beileidsschreiben beim Tod seiner Frau und nun erst kürzlich die Todesanzeige der Tante bekommen. Das waren die ernsten Gedanken, die ihn beschäftigten, als er aus dem Krankenhaus nach Hause kam. Wird sie kommen oder wird sie nicht kommen? Sonst, ja, sonst bleibt nichts anderes übrig, als die Kinder so lange im Waisenhaus unterzubringen. Er seufzte tief auf, wenn er daran dachte, was für ein trautes, glückliches Familienleben sie einst hatten, und nun lag alles in Trümmern und Scherben. So fleißig und treu auch die Dorette war, die Mutter konnte sie den Kindern doch nicht ersetzen. Wenn die Kinder auch jeden Tag satt wurden, so war doch etwas in ihrem Wesen, als ob sie immer an Hunger litten. Sie hungerten nach Liebe, nach der Liebe der Mutter. Das war es, was ihnen fehlte. Plötzlich übertönte die elektrische Türklingel den Kinderlärm. Sie tönte so lange anhaltend, als ob schon öfter geschellt worden wäre, und nun der Wartende die Geduld verloren hätte. Schnell setzte der Vater die beiden Reiter ab und eilte, die Tür zu öffnen. Richtig, da stand der Telegraphenbote. „Sekretär Menzel“, sagte er und reichte das Telegramm hinein. „Ich hatte schon mal geklingelt.“ Das klang, als ob er eine Entschädigung haben wollte. Der Vater brach aber erst das Telegramm auf und überflog den Inhalt, – dann sagte er: „Warten Sie mal“, griff in die Tasche und erfüllte die unausgesprochene Bitte. -9-
„Gott sei Dank!“, atmete er auf, als sich die Haustür wieder geschlossen hatte. „Komme gern morgen Vormittag 9:52. Gruß Elisabeth.“ So lautete die Botschaft. „War das Christkindchen da, Vater?“, fragte der kleine Max. Und das kleine Gretchen, das getreue Echo, wiederholte: „War das Christkindchen da, Vater?“ „Ja, und es hat uns eine frohe Botschaft geschickt: morgen früh kommt Tante Elisabeth zu uns. Dann braucht ihr nicht mehr so allein zu sitzen wie heute Nachmittag. Morgen hat Vater noch Urlaub, da kann er noch bei euch bleiben. Aber übermorgen muss ich wieder ins Geschäft. Da ist es schön, wenn Tante Elisabeth dann da ist.“ „Wird sie uns auch lieb haben?“, fragte die altkluge Älteste.
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„Lieschen, wenn sie doch das Christkindchen zu uns schickt! Dann kann sie doch gar nicht anders.“ Aber so gewiss war sich der Vater seiner Sache doch nicht. Er kannte die Verwandte doch zu wenig. Die Hauptsache war für ihn vorerst nur, dass der Haushalt versorgt war und die Kinder nicht ins Waisenhaus mussten. Am Abend brachte der Vater selber seine Kinder zu Bett. Als Gretchen in dem kleinen eisernen Bettchen lag, faltete es die Händchen zum Abendgebet. Erst kam das bekannte Gebet: „Ich bin klein, mein Herz mach rein!“ Dann aber betete es aus dem Herzen weiter, wie die Kinder es von Vater und Mutter gelernt hatten: „Lieber Heiland, ich danke Dir, dass Du mich so lieb hast, und ich bitte Dich, mach aus mir ein ganz gehorsames Kind! Segne Vater, und mach Dorette bald wieder gesund! Und dann, lieber Heiland, andere Kinder haben alle eine Mutter. Bitte, gib uns auch eine Mutter! Gretchen und Max sind immer so allein. Amen. Gute Nacht, Vater!“ Der Vater beugte sich über das Kind und gab ihm einen Gutenachtkuss. Dabei fiel ein großer warmer Tropfen auf das blonde Köpfchen. *** s war gegen 6 Uhr am nächsten Abend, als der Vater nach Hause kam. Er war im Krankenhaus gewesen, um nach Dorette zu sehen. Sie hatte immer noch hohes Fieber und Stiche in einer Seite. Man musste die Krise abwarten, hatte der Arzt gesagt. Auf dem Heimweg beschäftigten sich seine Gedanken mit „Tante Elisabeth“, die heute Morgen angekommen war. Es war eine schlanke Erscheinung, die um der schwarzen Trauerkleidung willen noch schlanker erschien. Sie war nicht mehr ganz jung, etwa 33 oder 34 Jahre alt. Ihr Gesicht hatte nichts Anziehendes, es war vielmehr ziemlich herb und unschön. Aber die Augen hatten etwas so Gutes, dass man die Unregelmäßigkeit ihrer Züge gar nicht mehr sah.
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Diese Augen gaben ihm die beruhigende Gewissheit, dass seine Kinder es gut bei ihr haben würden. Er war an der Tür seines Hauses angekommen. Geräuschlos öffnete sich die Flurtür seinem Schlüssel. Der Kokosläufer auf dem noch dunklen Hausflur dämpfte seinen Schritt, so dass niemand sein Kommen gehört hatte. Er ging auf die Wohnstube zu, – da machte er Halt. Drinnen hörte er ein lebhaftes Geplauder. „Ja, Tante Elisabeth“, hörte er gerade Klein-Gretchen sagen, „wir kennen ganz viele Weihnachtslieder. Wir kennen: Vom Himmel hoch, und –“ „Stille Nacht“, fiel Max ein. „Und: Der Christbaum ist der schönste Baum, den wir auf Erden kennen.“ „Ja, und: Ihr Kindelein kommet! Und: Alle Jahre wieder.“ Es war die Älteste, die jetzt den Schluss machte. „Na, da kennt ihr aber viele Lieder“, erklang die Stimme der Tante. Sie klang so eigentümlich, als ob sie vom Fußboden her käme. „Wer hat euch die Lieder denn alle gelehrt? Dorette?“ „Nein“, versicherten sie einstimmig. „Unser Mütterchen im Himmel. O, die hat uns so viel Lieder gelehrt!“ „Erinnert ihr euch denn noch wohl an euer Mütterchen?“ „Natürlich!“, sagte Elisabeth, und auch Max stimmte eifrig mit zu. Nun sagte auch Gretchen: „Natürlich!“ „So? Du auch, mein kleines Mäuschen?“ „Ach, du weißt ja nichts mehr“, nahm Elisabeth das Gespräch wieder auf. „Du bist ja noch viel zu klein.“ „Wisst ihr was, Kinder? Nun müsst ihr immer besonders lieb und folgsam sein, damit ihr auch mal dahin kommt, wo euer Mütterchen ist, in den Himmel. Und da ist auch der liebe Heiland.“ „Ja, und die Mutter ist jetzt beim lieben Heiland“, brachte Max etwas verspätet hervor. „Aber hier haben wir jetzt keine Mutter mehr.“ -12-
„Aber wir haben jetzt dich, Tante Elisabeth!“, sagte die kleine Elisabeth schmeichelnd. „So? Mögt ihr mich denn wohl leiden?“ Die Liebeserklärungen mussten wohl sehr derber und drastischer Natur sein, denn der Vater hörte jetzt, wie die Tante lachend sagte: „Au, Kinder, lasst mich los, ihr macht mich ja tot!“ Jetzt trat der Vater ein. Die Stube war dunkel. Nur der Ofen warf durch seine Glimmerscheiben ein rotes Licht auf den Boden. Und in diesem Licht kugelten die drei Kinder über die Tante auf dem Boden her. „Der Vater! Der Vater!“ Im Nu waren sie alle vier auf den Beinen. „Entschuldige, Vetter“, sagte Elisabeth, „wir haben dein Kommen gar nicht gehört.“ „Ja, ihr ward so am Plaudern und Lärmen, dass ihr mich nicht hören konntet. Na, Kinder, das war wohl schön?“ „Wundervoll, Vater“, entgegnete Max. Tante Elisabeth hatte inzwischen schnell die Lampe angezündet, was den Kindern ein bedauerndes und lang gezogenes „Oh!“ entlockte. „Was ist das?“, fragte die Tante. „Schon Viertel nach sechs! Da müsst ihr ja euer Abendbrot haben.“ Und schnell war sie in der Küche, um das Feuer, das nur noch eben glimmte, anzuschüren. Der Vater blieb mit den Kindern im Wohnzimmer. „Das war aber ein Spaß!“, sagte Max. Seine hochroten Wangen legten beredtes Zeugnis davon ab, wie gut er sich unterhalten hatte. „Besser konnten wir mit Mütterchen auch nicht spielen!“ Der Vater nahm den kleinen Mann auf den Schoß, Gretchen beanspruchte dasselbe Recht. Elisabeth schickte er in die Küche, „um der Tante zu helfen“, wie er sagte. Sonst wäre er sie gewiss nicht so schnell los geworden. -13-
„Nun, wie gefällt euch denn die Tante?“, fragte er. „Weißt du, Vater“, entgegnete Max, „viel besser als Dorette. Die hat nie so mit uns gespielt. Wenn doch die Tante immer hier bleiben könnte!“ „O ja!“, sagte Gretchen, deren Gesicht bei dem Gedanken zu strahlen anfing. „Tante Elisabeth soll hier bleiben!“ *** ach dem Abendbrot, als die Kinder zu Bett gebracht waren, saßen der Vater und die Tante zusammen am Tisch im Wohnzimmer. Elisabeth sah die Kleider der Kinder durch, und der Vater schnitzte an einem Zaun, der die Krippe umgeben sollte. Im Ofen knisterte und prasselte es zuweilen. Die beiden schwiegen. Endlich brach der Vater das Schweigen. „So habe ich lange nicht mehr gesessen“, sagte er und ließ einen Augenblick die Hand ruhen. „Etwas Ähnliches dachte ich auch gerade“, entgegnete Elisabeth. „Seitdem die Mutter gestorben ist, sitze ich auch immer allein, wenn ich zu Hause bin. Oft habe ich auch Beschäftigung mit meinen Mädchen.“ „Mit deinen Mädchen?“ „Ja, ich habe seit einiger Zeit angefangen, Fabrikmädchen zu sammeln, um diesen armen vernachlässigten Mädchen, um die sich sonst niemand kümmert, das Evangelium nahe zu bringen. Seit Mutters Heimgang habe ich mich dieser Arbeit noch ausschließlicher gewidmet.“ „Und hast du Freude an dieser Arbeit?“, fragte er. „O doch“, entgegnete sie. „Sie ist ja freilich erst in den Anfängen, aber ich verspreche mir doch viel davon. Hart genug ist der Boden zwar schon; aber ich habe eine Freundin, mit der ich zusammen die Arbeit mache; die vertritt mich auch jetzt. Deswegen konnte ich auch nicht sofort telegraphieren, wie du wohl dachtest. Ich musste erst mit ihr darüber sprechen.“ „Ja“, sagte er, „die Stunden, bis deine Antwort kam, wurden mir lang; ich hätte wirklich nicht gewusst, was ich hätte
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machen sollen, wenn du nicht gekommen wärest. Ein Haus, dem die Frau fehlt, ist doch wie ein Leib ohne Seele.“ Er brach ab und seufzte. Sie sah ihn an und sagte leise: „Ich verstehe dich. Es ist doch auch erst ein Vierteljahr, dass ich mein Liebstes verloren habe.“ Sie schwiegen beide, und ihre Hände setzten die unterbrochene Arbeit fort. Nach einer Weile begann er wieder: „Einen so schönen Abend habe ich lange nicht mehr gehabt. Ich hatte so ganz das Gefühl verloren, zu Hause zu sein. Wenn man sich mit niemand unterhalten kann. Dorette bleibt meist in der Küche –, dann fühlt man sich so fremd und allein in der eigenen Wohnung, als wäre man gar nicht zu Hause. Ich danke dir, Elisabeth, für den schönen Abend.“ Er reichte ihr die Hand, in die sie die ihre legte. Seine Stimme klang bewegt; sie sah ihn teilnehmend an. „Ich glaube“, sagte sie, „du hast von uns beiden doch am meisten verloren.“ „Ja“, sagte er, „wenn man jahrelang die tägliche Aussprache, die Gemeinschaft des Glaubens und Betens gewöhnt war, dann fühlt man sich furchtbar vereinsamt, wenn das alles plötzlich fehlt. Und wir waren so verbunden, dass der eine nichts ohne den andern tat. Denke dir: als ich die Todesanzeigen schrieb, kam ich an eine Anschrift, die ich nicht genau wusste; da stand ich auf, um, wie ich das gewohnt war, meine Frau zu fragen. Als ich die Türklinke schon in der Hand hatte, fiel es mir erst wieder ein, dass ich sie nie mehr um etwas fragen könnte. Das ist jetzt ein Jahr her. Aber der Schmerz ist noch genau so tief wie damals. Ich bin ein einsamer Mann geworden, Elisabeth, und manchmal komme ich mir auch schon recht alt vor.“ Er brach ab und griff nach der Bibel, die auf dem kleinen Harmonium lag. -15-