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Margaret Epp

Sarah entdeckt Geheimnisse

Band 4

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Sarah entdeckt Geheimnisse

Epp, Margaret: Sarah entdeckt Geheimnisse. – Steinhagen: Samenkorn 2013.

Englische Originalausgabe: Epp, Margaret: Sarah and the Mystery of the Hidden Boy. – Wheaton, Ill.: Victor Books 1979. Die Rechte auf das Original liegen inzwischen bei Margaret Epps Erben. Die deutsche neue Übersetzung und Publikation im Verlag Samenkorn erfolgte auf freundliche Genehmigung von Gerald und Ruth Epp, Waldheim, Saskatchewan, Kanada. Frühere deutsche Ausgabe: Epp, Margaret: Sarah entdeckt ein Geheimnis. Übersetzt von Herta Martinache. – Neuhausen-Stuttgart: Hänssler 1996. © der vorliegenden deutschen Übersetzung 2013: Samenkorn e. V., Liebigstr. 8, 33803 Steinhagen Die Bibelzitate erfolgen nach der Schlachter Version 2000. Übersetzung: Naemi Fast und Dorothea Siebert Illustrationen: Irina Schulz Satz: Jakob Penner Titelbild: Irina Schulz Umschlaggestaltung: Jakob Penner, Nelly Hildebrant Druck und Bindung: Druckerei C.H. Beck, Germany

ISBN: 978-3-86203-100-9 2


Inhalt 1. Alte und neue Freunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 2. Bouncer trifft eine Wahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 3. Eine Ankunft und ein Geheimnis . . . . . . . . . . . . . . . 34 4. Unerwartete Ereignisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 5. Sarah als Detektivin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 6. Ein neuer Junge in Braeburn . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 7. Eine Überraschung für Sarah . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 8. Sarah übernimmt die Verantwortung . . . . . . . . . . 104 9. Wieder in der Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 10. Iwan eilt zur Hilfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 11. Was Sarah lernte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146

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rühlingsmatsch ist tief und schmutzig und trügerisch. Das war der Grund, warum Sarah Scott ihren Bruder Robbie auf dem Weg von der Schule nach Hause vorne reiten ließ. Sein Pferd Wally war nicht halb so fein wie ihre Blackie. Wenn die Wege trocken und eben waren, dann flog Blackie fast so leicht wie eine Schwalbe darüber. Wally war eben Wally. Ein schwerfälliges, plump aussehendes Pferd. Aber er hatte einen Pferdeinstinkt. Er wusste, wie man die Stellen fand, auf denen die Hufen fest stehen konnten. Und genau das tat er heute. Trotz des Schlammes sang Sarahs Herz heute, an diesem Freitagabend im April 1926. Seit ihrem elften Geburtstag vor zwei Wochen gehörte Blackie ihr. Das Pferd war ein Geburtstagsgeschenk von drei Menschen, die ihr viel bedeuteten – Sarahs Freundin Linda Bolton, Lindas Vater, welcher Diplomat in Ottawa war, und seiner Schwester, Tante Jane Bolton. Eigentlich war Tante Jane überhaupt nicht mit der Familie Scott verwandt. Doch Sarah und Robbie nannten sie schon seit vielen Jahren „Tante Jane“. Im vergangenen Sommer, an einem außergewöhnlichen und ziemlich schrecklichen Tag, war Tante Jane auf der Treppe in ihrem Haus herunter gestürzt und besinnungslos mit einem ge5


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brochenen Bein liegen geblieben. Außer ihr war nur noch Linda im Haus gewesen – aber sie war gelähmt, weil sie Kinderlähmung gehabt hatte. Sie hatte überhaupt nichts tun können, nicht einmal das Telefon benutzen um anzurufen. Und dann war Sarah gekommen. Blackie war eine Erinnerung an jenen Tag. Sie war ein großes lebendiges Dankeschön von allen Boltons. Aber ich habe nichts Besonderes getan, nichts heldenhaftes, dachte Sarah zum fünfzigsten Mal, als sie und Robbie an Tante Janes Auffahrt vorbeitrabten. Der Weg führte hier über einen kleinen Hügel. Er war fast trocken. Wally und Blackie gingen in leichten Galopp über. Sarah fühlte den Frühlingswind an ihren Wangen. Sie warf ihren Zopf zurück und lachte. „Wer schneller zuhause ist!“, rief sie. „Auf, Blackie!“ „Hüa, Wally! Schwing die Hufe!“, rief Robbie. „Wir können uns doch nicht von den Mädchen schlagen lassen!“ -Soweit Sarah sich zurückerinnern konnte, war er ihnen immer entgegengelaufen, wenn sie von der Schule nach Hause gekommen waren. Im Sommer und im Winter, im Frühling und im Herbst, immer hatte er sie begrüßt. Er musste wohl faul geworden sein. Es war schon das vierte Mal in Folge, dass er nicht wenigstens zum Weg getrottet war, um sie zu begrüßen. In der nächsten halben Stunde vergaß Sarah Spencer. Sie und Robbie mussten im Stall die Pferde waschen und bürsten. Das war eine Arbeit, die niemand für Sarah erledigen würde. Es gehörte dazu, wenn man ein Pferd besaß, sagte Vater. Ein Besitzer ist verantwortlich für die Pflege, die Gesundheit und das Aussehen seines Tieres. Sarah machte ihre Aufgabe ziemlich gut. Doch Robbie war trotzdem einige Minuten vor ihr fertig. Er ging zur Kammer, um die Bürste, die Tücher und den Eimer wegzuräumen. Die erste Ahnung, dass etwas nicht stimmte, bekam Sarah, als Robbie plötzlich 7


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zurückkam, halb stolpernd. Als ob ihm die Beine versagen würden! Er hatte einen starren Ausdruck auf dem Gesicht. „Komm mal mit“, sagte er mit eigenartiger Stimme. Ein Streifen Sonnenlicht war über den Boden des Stalls gewandert. Jetzt ruhte er auf einem zusammengerollten weiß-gelbbraunen Fellbündel. Spencer. „Doch nicht – tot!“, flüsterte Sarah mit einem Kloß im Hals. Aber er war tot. Sein Kopf lag auf einem alten Mantel von Robbie, und das passte irgendwie zusammen. Er war auf die Farm der Scotts gekommen, als Robbie ein Baby gewesen war – fast drei Jahre bevor Sarah geboren wurde. Ihr ganzes Leben lang waren der Hund und der Junge besondere Freunde gewesen. Für einen Hund war Spencer alt, sehr alt. Aber erst in den vergangenen Wochen schien er gealtert zu sein. Sarah raste ins Haus – ihr Herz klopfte bis zum Hals – um es dem Rest der Familie zu sagen – Vater, Mutter und ihrem großen Bruder Keith. Ihr anderer Bruder Stuart, der jeden Tag zur Schule in die Stadt fuhr, kam gerade nach Hause, als die Familie sich in die kleine Kammer gedrängt hatte, um das regungslose Bündel Fell anzusehen, welches ein liebevoller, lebhafter, treuer Freund gewesen war. Vater und Keith nahmen Spaten mit und gingen los, um in dem Obstgarten einen Platz für ein Grab zu suchen. Aber es war Robbie, der das Bündel auf die Arme nahm und es dorthin trug. Beim Abendessen versuchten alle heiter zu sein. Doch Sarah fühlte sich innendrin ganz leer. Sie musste an so vieles denken. Wie er immer mit ihnen gespielt und getobt hatte. Er war immer neben ihnen her gehüpft, wenn sie im Winter den Hügel herunter gerodelt waren. Er war im Sommer mit ihnen im Bach schwimmen gegangen. Als sie während dem heftigen Blizzard im vergangenen Herbst alleine zuhause gewesen war, hatte er ihr Gesellschaft geleistet. Normalerweise konnte man ihn nicht ins Haus zwingen, außer wenn es ein Gewitter gab. Aber an jenem Tag hatte er ge8


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jault, bis sie ihn hereingelassen hatte. Und dann hatte er wieder gejault, damit sie ihn herausließ. Sein Bellen draußen war gerade rechtzeitig gewesen, um Robbie das Leben zu retten! Wäre das nicht gewesen, sagte Robbie, dann wäre er in dem heulenden Sturm verloren gewesen. Sie dachte daran, wie sie im vergangenen Winter krank gewesen war. Tagelang hatte sie im Fieber fantasiert. Und die ganze Zeit hatte Spencer so nahe an der Tür gelegen, wie es nur ging. Er hatte sich nicht wegbewegt, bis es ihr gut genug ging, um zur Tür zu gehen und mit ihm zu sprechen. Dann war er außer Rand und Band gewesen, ganz wild vor Freude. Sie dachte daran, was Vater gesagt hatte – es war noch gar nicht so lange her – und jetzt dachte sie, dass er sie vielleicht hatte vorwarnen wollen. Er hatte über Robbie und Spencer gesprochen. „Bei einem Jungen ist Vierzehn erst der Anfang. Aber bei einem Hund geht es dem Ende zu.“ Nun, heute war das Ende da. Es war, wie wenn man ein wunderbares dickes Buch las, dachte Sarah. Man will, dass es weitergeht und niemals endet. Aber schließlich blättert man doch die letzte Seite um. „Hat jemand gehört, wo man einen Welpen kriegen könnte?“, fragte Vater. „Grant Millar-“, fing Keith an. „Wer will schon einen nervigen kleinen Hund um sich haben?“, unterbrach Robbie ihn mit heiserer Stimme. „Eine Farm braucht einen Hund“, antwortete Vater sanft. „Wir hätten schon längst einen neuen anlernen sollen.“ In diesem Moment hörten sie das langsame Rattern eines Wagens, der auf den Hof gefahren kam. Heute war da kein Spencer mehr, der eine Warnung oder ein Willkommen bellen konnte. Ein Mann und eine Frau saßen auf dem Wagensitz. „Die Tschernischenkos“, sagte Vater. 9


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So hieß Tante Janes neuer Knecht. Alle Scotts gingen hinaus um die neuen Nachbarn willkommen zu heißen. Das ukrainische Ehepaar war in die nächste große Stadt gefahren – nach Paxton – um gebrauchte Möbel für ihr neues Heim zu kaufen. An diesem Morgen hatten sie den Wagen der Scotts dafür ausgeliehen. Vater und Sarahs drei Brüder standen auf Mr. Tschernischenkos Wagenseite. Mutter, die sich die Schürze um die Hände gewickelt hatte, damit ihr nicht so kalt war, stand und unterhielt sich mit der pummeligen Dame. Mutter musste langsam und in kurzen Sätzen sprechen. Mrs. Tschernischenko war erst einige Monate zuvor nach Kanada gekommen. Sie sprach nur wenig Englisch. Sie musste Farben lieben – bunt durcheinander gemischt. Ihr Pullover war dunkelrot, fast kastanienbraun. Ihre Bluse war pink. Ihr Rock, voller Rüschen, war orange. Auf ihrem Kopf trug sie ein schwarzes Tuch, aber es war über und über blau, rot und gelb bestickt! Und am interessantesten von allem waren die weißen Strümpfe, voll mit gestickten Blumen. Die Ladung hinter dem Ehepaar sah genauso bunt aus wie Mrs. Tschernischenkos Kleider, fand Sarah. Wenn sie den Hals streckte, konnte sie einen Waschkessel sehen, einen Geschirrschrank, ein Waschbecken, ein paar umgedrehte Stühle, deren Beine in die Luft steckten, und auf denen eine Matratze thronte. Sarah hüpfte auf die Achse des großen Rads und von da auf das Trittbrett, um besser sehen zu können. „Nuh!“, Mrs. Tschernischenko wirbelte herum. Sie gab Sarah einen leichten Schubs. „Nuh! Nix gutt!“ „Sarah!“, rief Mutter peinlich berührt. Sarah sprang herunter. Ihr Gesicht war feuerrot. „Guttes Mädchen, guttes Mädchen“, sagte Mrs. Tschernischenko. Sie lächelte und versuchte, wieder freundlich zu sein. Aber Sarah rannte ins Haus, um außer Sichtweite zu sein. In der Küche sammelte sie die Teller vom Abendessen zusammen 10


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und stapelte sie. Und immer noch sprachen Vater und Mutter mit ihren neuen Nachbarn. Sarah füllte die Geschirrschüssel mit heißem Wasser aus dem Wassertank neben dem Küchenherd. Sie war beinahe mit dem Geschirrspülen fertig, als die Eltern wieder herein kamen. „Hey! Wer arbeitet hier so fleißig?“, rief Vater aus. Er nahm das Geschirrtuch. „Und warum so ruhig, Prinzessin?“ „Ich hab nichts gemacht!“, platze Sarah heraus. „Nur das Gerümpel angeschaut. Warum hat sie sich darüber so sehr aufgeregt?“ Vater lachte selten laut, doch diesmal bebten seine Schultern. „Sie ist die Tochter ihrer Mutter, Sheila. Das ist dein irisches Blut. Je wütender du bist, desto besser arbeitest du.“ „Sei bloß ruhig, John“, sagte Mutter. Doch sie zwinkerte mit den Augen. „Sarah, du hast kein Recht, böse auf Mrs. Tschernischenko zu sein. Du hast deine Nase in Sachen gesteckt, die dich nicht direkt etwas angehen. Übrigens hat sie dir ein Versöhnungsgeschenk geschickt.“ Zwei Apfeltörtchen, in Zeitungspapier eingewickelt. Und ein wunderschön bemaltes Osterei in einem Nest von buntem Stroh. So wunderschön, wie Sarah es noch nie gesehen hatte. Sarah vergab Mrs. Tschernischenko – und aß eines von den Törtchen. Sie waren saftig und krümelig und gut. Das andere hob sie für Robbie auf. Er war heute so still und traurig. In dieser Nacht blieb Spencers kleines Häuschen leer. Ginger, die Katze, Spencers besondere Freundin, hatte sonst immer zwischen seinen Pfoten geschlafen. Sie miaute die halbe 11


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Nacht vor Einsamkeit. Sarah vergoss keine Träne, doch innerlich weinte sie. Montag war ein großer Tag. Baumpflanztag in der Schule, Schweineschlachttag zuhause. Blackie blieb zuhause, weil Sarah und Robbie nicht reiten und gleichzeitig alles tragen konnten, was sie in die Schule mitnehmen sollten. Sie mussten den Wagen nehmen, um die Harken und Eimer, die Bürste, die Arbeitskleider und die Essenseimer mitzunehmen. So ratterten sie mit dem Wagen davon, vorne Wally zwischen den Deichseln und hinten heraussteckende Harkenstiele. Kurz bevor sie den Weg erreicht hatten, brausten zwei Autos an ihnen vorbei in den Hof. Vorne die Gerricks. Seit Sarahs große Schwester Kathleen im letzten Herbst Herbie Gerrick geheiratet hatte und mit ihm nach Kalifornien gegangen war, steckten die beiden Familien oft zusammen. Sie halfen einander immer bei besonderen Familienanlässen wie an Geburtstagen, beim Holzsägen, Dreschen und Schweineschlachten und ähnlichen Dingen. Das zweite Auto fuhr Tante Jane Bolton. Ihr neuer Knecht und seine Frau, die Tschernischenkos saßen hinten. Mrs. Tschernischenko klammerte sich an der vorderen Sitzlehne fest. Sie sah aufgeregt und besorgt aus. Das erinnerte Sarah an gestern – Sonntag. Zum ersten Mal seit vielen Jahren war Tante Jane in die Kirche in Braeburn gegangen. Es fiel kaum noch auf, dass sie einmal die Hüfte gebrochen hatte, auch wenn sie eine Krücke benutzte, um nicht zu stolpern. Ihr Rücken war so gerade wie immer. Tante Jane sagte, dass eine gebrochene Hüfte ein geringer Preis war für ein geflicktes Herz. Durch ihre Krankheit war sie zu Gott zurückgekommen! Mit geröteten Wangen war sie tapfer die Stufen zum Kircheneingang hinaufgestiegen und hatte dabei immer geradeaus geschaut. Bruder und Schwester Hammond, der Prediger und seine Frau, kamen lächelnd, um sie und die Tschernischenkos zu 12


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begrüßen. Das musste wohl einigen geholfen haben. Aber nicht jeder war freundlich. Irgendwie konnte Sarah auch verstehen, warum die Leute sich nicht um das ukrainische Ehepaar scharten, um ihnen die Hand zu schütteln. Die Dame trug dieselben Kleider wie gestern abends, außer dass sie heute statt des braunen Pullovers einen hellgrünen anhatte. In ihrer alten Heimat, der Ukraine, würde sie sehr fein und schick aussehen. Aber hier sah sie einfach seltsam aus. Doch die Menschen beachteten sie nicht halb so viel wie Tante Jane. Sarah hörte ein großes Mädchen flüstern: „Stellt euch vor! Die alte Miss ‚Hoch und Mächtig‘ kommt mit ihren Dienern zur Kirche. Was kommt als nächstes?“ Und jemand anders sagte lachend: „Ich wette, sie hat diese Russen mitgebracht, damit sie selbst nicht so angestarrt wird.“ Sarah war sich ziemlich sicher, dass Tante Jane das gehört hatte, denn ihre Wangen wurden noch röter. Sarah war stolz auf ihre beste Braeburner Freundin Susan Gerrick. Susan stupste Sarah an und flüsterte: „Komm, wir beide sitzen heute bei ihr.“ Und das taten sie auch, sobald die Sonntagschule aus war. „Guten Morgen, Tante Jane“, flüsterte Sarah. Tante Jane – Robbie und Sarah hatten Miss Bolton immer so genannt, obwohl ihre Nachbarin jahrelang nicht mit ihrer Mutter gesprochen hatte! (Niemand hätte glauben können, dass die beiden Damen einmal beste Freundinnen gewesen waren!) Für Susan und für jeden anderen in Braeburn war sie Miss Jane Bolton und niemand anderes. Außer wenn sie ihr Spitznamen gaben wie„Miss Hoch und Mächtig“. Oder „alte Steife“. Oder „Alte Miss Feuerstein“. Nun, auf gewisse Weise hatte sie diese Spitznamen verdient. An diesem Sonntag konnte Sarah fühlen, wie Tante Janes Arm neben ihrem zitterte. Tante Jane war nervös. Sarah konnte verstehen, wie sie sich fühlte. Oh, sie verstand ganz genau! Denn an einem Abend, vor fast einem Jahr, hatte Sarah in der Kirche genau das 13


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getan, was Tante Jane heute vorhatte. Ein Zeugnis ablegen – allen Leuten erzählen, was Jesus für sie getan hatte. Das ist manchmal sehr schwer. Aber es ist schön, wenn man es getan hat, und wenn dann jeder weiß, dass man Jesus liebt und Ihm folgen will. Sarah wusste alles über Tante Janes Entschluss, weil er genau der Grund dafür war, dass sie wieder zurück nach Braeburn gekommen war, um hier zu leben. Um jedem zu zeigen, dass Jesus sie verändert hatte. Sie war nicht mehr Miss Feuerstein. Oder die alte Sonstwas. Sie war ein Kind Gottes! Zu dem Zeitpunkt, als Bruder Hammond normalerweise mit der Predigt begann, stand er heute vorne und schaute die Leute an. Er lächelte glücklich. „Unsere Schwester Jane Bolton hat gebeten, uns heute morgens etwas sagen zu dürfen“, sagte er. „Du bist dran, Schwester.“ Tante Jane stand auf und berichtete. Oh, sie erzählte! Wie leid es ihr tat, dass sie in all den Jahren so gewesen war. Wie froh sie war, dass Jesus Christus ihr Leben geändert hatte. In der Kirche war es totenstill. Man konnte eine einzelne Fliege an einem der Seitenfenster summen hören. Dann begannen die Leute, ihre Augen zu wischen und sich leise zu schnäuzen. Nachdem Tante Jane sich gesetzt hatte, begann Schwester Hammond auf der keuchenden Orgel „Amazing Grace“ zu spielen. Vaters Tenor erhob sich klar und stark über all die anderen Stimmen. Danach scharten sich die Leute um Tante Jane, um ihr die Hand zu schütteln. Und Mutter stellte allen „meine Freundin, Martha Tschernischenko“ vor. Sie sagte es stolz. Das war typisch Mutter. Sie war freundlich und dabei direkt. An all das dachte Sarah, als Wally sie an diesem Tag zur Schule brachte. Sie war stolz auf ihre Mutter. Aber trotzdem war sie froh, dass es keine Tschernischenko-Kinder gab, die mit zur Schule kamen. Man stelle sich nur vor, wenn sie in der Schule zu einem Haufen kleiner „Russen“ freundlich hätte sein müssen. Wie Grace Millar und die anderen großen Mädchen sie ärgern würden! 14


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Sie beaufsichtigten heute morgens die Innenarbeit in der Schule. Grace war die Schwägerin der Lehrerin, deshalb war sie die Oberaufseherin. Kleine Mädchen, auch Sarah und Susan, mussten draußen im Hof Wasser pumpen. Sie brachten es in Eimern nach drinnen. Die großen Mädchen wuschen die Tafeln und schoben die Tische in eine Ecke. Dann kehrten die kleinen Mädchen den Boden. Das war eine schmutzige Arbeit. Danach stiegen die großen Mädchen auf die Tische und von da auf die Fensterbänke, um die großen Fenster zu waschen und zu polieren. Dann wuschen und polierten sie die Tische, und die kleinen Mädchen schrubbten den Boden – im Schulzimmer, in den Gängen, die Treppe und die Veranda. Man musste gut aufpassen, damit man keine Splitter in die Hände und Knie bekam. Als die Arbeit getan war, roch die Schule nach Nässe, Seife und Politur. Und alles war so sauber und still, dass man sich in der Schule wie ein Fremder fühlte. Währenddessen hatte Grant Millar, der Mann der Lehrerin, ihr geholfen, die Jungen draußen anzuleiten. Sie rechten den Hof und häuften den Müll zum Verbrennen auf. Sie begradigten die Zäune und das Tor und besserten die Wippe und die Schaukel aus – eben alles, was es zu reparieren gab. Und dann war es drei Uhr – Zeit für das Lagerfeuer! Die Lehrerin läutete die Glocke und alle Jungen und Mädchen kamen angerannt. Manche hatten Kartoffeln oder Äpfel zum Rösten. Manche hatten nur ihre übrig gebliebenen Pausenbrote. Einige hatten Popcorn in Drahtröstern. Aber die Lehrerin hatte Pfannkuchen für jeden gemacht, und eine Fünf-Gallonen1-Kanne mit Limonade. Alle saßen um das Feuer herum. Am Rücken war ihnen etwas kalt, weil es so früh im Frühling war. Aber ihre Gesichter waren warm, und auch ihre Hände und Füße. Grant Millar erzählte Geschichten über die Natur, während das Essen röstete. Danach 1 Eine Gallone, wie sie in Kanada benutzt wird, sind etwa 4,5 Liter.

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sangen sie sich heiser. Sie sangen„Bilder in den Wolken“ und„Alter Schwarzer Joseph“ und „Schöner Fluss“ und „Mein Liebling Nellie Gray“ und„Meine Liebe ist hinterm Ozean“. Nach den Pfannkuchen und der Limonade hielt die Lehrerin eine Rede. Sie dankte allen für das fleißige Arbeiten, die gute Zusammenarbeit und dass sie so gut aufgeräumt hatten. Dann gingen sie alle nach Hause. „Komm zu mir nach Hause“, bat Sarah Susan. Susan wollte sehr. Doch sie war sich nicht sicher, ob ihre Ma und ihr Pa immer noch bei den Scotts waren. Und Susan war immer zuverlässig. Sie fuhr mit Chuckie und Bertie nach Hause – winkte aber, als sie losfuhren, um zu zeigen, wie gerne sie mit Sarah mitgekommen wäre. Die Gerricks waren immer noch bei den Scotts, als Sarah und Robbie nach Hause kamen. Und auch die Tschernischenkos. Die Küche war voller Gerüche und arbeitender Leute, als Sarah sie betrat. Mr. und Mrs. Tschernischenko rieben die großen rohen Schinken mit Salz ein und packten sie in ein großes Fass. Die Schinken würden in dem kühlen Holzschuppen aufbewahrt werden, bis sie vom Salz durchzogen waren. Dann würden sie geräuchert werden. Die Tschernischenkos gingen über die Weide zu Tante Janes Hof. Tante Jane würde bis zum Nachmittag bleiben, sagte Mutter. Sie musste immer noch aufpassen, dass sie sich nicht zu sehr anstrengte. „Arbeiten können diese Russen“, sagte Mrs. Gerrick anerkennend. „Ja“, sagte Vater, „Jane hat dies Jahr wirklich Glück mit den Arbeitern.“ Er nannte die Tschernischenkos niemals „Russen“. Sie waren Ukrainer. Die beiden Männer machten Würste in dem Würstemacher, während Mutter und Mrs. Gerrick ein Glas mit heißem Konservenfleisch nach dem anderen aus dem großen dampfenden Kessel holten. Eimer und Töpfe voller Grieben, Schmalz und Sülze häuften sich auf dem Küchentisch. 16


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„Nun, Sarah!“, sagte Susans Ma. Das bedeutete: „Stehst du immer noch rum?“ Und wahrscheinlich bedeutete es auch:„Meine Susan hätte sich jetzt schon umgezogen und angefangen, sich nützlich zu machen.“ Mutter sagte: „Keith wird heute das Melken erledigen. Geh du lieber und versorge die Küken und die Gänschen und sammle die Eier. Aber zuallererst geh in den Keller und hol etwas Gemüse. Schnell! Wir brauchen es für das Abendessen. Nimm dir eine Keule, wenn du hungrig bist.“ „Wir haben Pfannkuchen und Limonade in der Schule gekriegt“, rief Sarah, während sie die Kellertreppe herunterlief. Zuerst schien es unten stockdunkel zu sein. Verschiedene Gerüche schlugen ihr entgegen. Erdige und ölige. Das Öl war aus dem Brutkasten, mit den 132 Hühnereiern in einer Lade, und mit einem langen schmalen Fenster. Dadurch konnte man das Thermometer sehen, das auf den Eiern lag. Die winzige Lampe, die den Brutkasten wärmte, gab gerade genug Licht, damit man hineinschauen konnte. Noch eine Woche und dann würden die Eierschalen platzen und eine Menge nasser, wackeliger Küken würden herausschlüpfen. Sobald sie getrocknet waren, waren Küken die piepsigsten Dinger! Man konnte kaum glauben, dass so viel Lärm und Leben in diesen Schalen eingeschlossen war! „Sarah! Kommst du?“, rief Mutter. „Schnell!“ Sie sprang auf und fing an, Gemüse in den alten Obstkorb zu sammeln. Etwas später, als sie schon ihr Alltagskleid und einen alten dicken Pullover von Robbie darüber anhatte, trottete Sarah hinaus zu dem Bruthaus. Es war klein und niedrig und stand direkt neben dem Hühnerstall. Der Brüter war eine große flache Kiste, über der ein breiter Schirm aus Blech hing. Die Fläche unter dem Schirm wurde von einem kleinen Ölofen beheizt. 17


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Als Sarah die Tür öffnete, begannen 127 zweiwöchige Küken einstimmig zu schreien: „Tschiep-tschiep-tschiep!“ Sarah füllte schnell die Rinnen mit Futter und die Tränken mit Wasser. Dann vergewisserte sie sich, dass der Ofen richtig brannte. Die Gänseküken, achtzehn an der Zahl, waren in einer Kiste in der südlichen Ecke des Bruthauses. Sie waren schlau. Sie watschelten Sarah entgegen, als sie über die Ecke der Kiste schaute. Ihre Begrüßung war ein weiches „piele-piele-piele“. Später, wenn sie groß sein würden, würde eine Gans alle Küken übertönen. Aber jetzt waren sie weich und knuddelig und einfach liebenswert. Sarah brachte ihnen frische Butterblumen, grünes Gras und eine Pfanne voll gekochtem Weizen. Dann ging sie zur nächsten Tür, um die Eier zu holen. Die meisten waren kalt. Die Hennen hatten ihre Nester verlassen und saßen auf der Stange, gähnend und leise klagend. Aber das war nur Schwindel. Hühner klangen immer traurig, wenn sie versorgt waren. Wer wirklich traurig war, war die Katze Ginger. Plötzlich fühlte Sarah Gingers flauschigen Schwanz um ihre Knöchel streifen. Ginger miaute und miaute, wie eine Mutterkatze, der die Kätzchen weggenommen wurden. Sarah fühlte einen Kloß im Hals. Sie hob Ginger auf. Die Katze legte ihre Vorderpfoten fest um ihren Hals, aber sie miaute immer noch. „Ich hab Spencer auch nicht vergessen“, flüsterte Sarah. Und das hatte sie nicht. Es war ein interessanter Tag gewesen, ein zu beschäftigter um viel Zeit für eigene Gedanken zu haben. Aber einen Freund zu vermissen ist eine Sache, die einen tief berührt. Das ist immer da, auch wenn man über andere Dinge denkt und spricht. „Aber er war doch nur ein Hund!“, hörte Sarah Susans Ma ausrufen, als sie die Küche mit einem Drei-Gallonen-Eimer voll bräunlicher Eier betrat. Nur ein Hund. Spencer! Plötzlich hatte Sarah das Gefühl, als ob ihr Herz in ihrer Brust keinen Platz mehr hatte. 18


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Am Schlimmsten war es, als Mrs. Gerrick später mit Robbie sprach, während er auf der Bank am Tisch saß und auf das Abendessen wartete. Sarah sah, wie Mutter ihn besorgt anschaute. Alle Scotts wussten, dass er sich ziemlich schlecht fühlen musste. Aber er sagte nichts und blieb da sitzen. Vater wechselte das Thema und jeder aß sein Abendessen. Dann fuhren die Gerricks nach Hause. Nach dem Geschirrwaschen und als die Küche geputzt und der Boden gewaschen war (Mutter machte den größeren Teil), rannte Sarah nach oben in ihr Zimmer. Es war dunkel, aber sie wusste, wo die Streichhölzer waren. Vorsichtig zündete sie eines an der Unterseite der Fensterbank, hob den geblümten Lampenschirm auf und zündete die Lampe an. Ihre Finger zitterten vor Aufregung. Ihr war gerade etwas Großartiges eingefallen! Morgen war Dienstag. Und seit die Lehrerin nach Braeburn gekommen war, war Dienstag immer Aufsatztag. Sarah hatte ihr Schreibheft mit nach oben genommen. Sie schlug eine leere Seite auf und schrieb den Titel ihrer Geschichte: „Mein Freund Spencer.“ Sie schrieb und schrieb. Über all die liebevollen Dinge, die Spencer immer getan hatte, und all den Spaß, den sie zusammen gehabt hatten. „Sarah! Sarah Naomi Scott!“ Sarah sprang beim Klang von Mutters schockierter Stimme auf und ihr Stift rollte über die Seite. „Bist du immer noch wach? Es ist schon nach zehn!“ Mutters Stimme kam durch das Loch im Boden, das für das Ofenrohr gemacht war. „Blas die Lampe aus. Sofort!“ „J-ja, Mutter.“ Pufff. Aus war sie. Der Aufsatz war immerhin fast fertig. Sarah streckte ihre müden Finger und Arme. Sie fühlte sich jetzt innerlich viel wohler.

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2. Bouncer trifft eine Wahl

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ie Schulglocke läutete nach der letzten Pause am nächsten Nachmittag und die Braeburner Schüler kamen zurück ins Schulzimmer gerannt. Draußen im Hof, der heute so seltsam ordentlich war, hatten die großen Jungen und Mädchen Softball gespielt. Die jüngeren Mädchen hatten Bälle dopsen lassen und waren Seil gesprungen. Sarah war außer Atem. Sie hatte „Mabel, Mabel“ gespielt. Dieser Hüpfreim fing langsam und leicht an, in einem Singsang: „Mabel, Mabel, deck den Tisch, denk an die Stühle ...“ Zuerst hat man Zeit, langsam zu springen. Doch dann muss man aufpassen! „Salz und Pfeffer!“, rufen alle Mädchen. Bei „Pfeffer“ drehen diejenigen, die das Seil drehen, wie verrückt, und man muss sehr schnell hüpfen – bis man sich verheddert, dann ist man draußen. Sarah hatte ohne Fehler bis 37 gezählt, – zum ersten Mal in ihrem Leben – als es klingelte. Schade! Jetzt konnte sie nicht wissen, wer aus ihrer Klasse am besten sprang. Veronica Siddons war einmal bis 38 gekommen. Die Lehrerin lächelte über all die rotwangigen Kinder, die ganz außer Atem hereinstürmten und auf ihre Plätze schlüpften. 21


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„Heute gibt es eine Abwechslung für euch – ein Vergnügen“, sagte sie. „Einer der Aufsätze, die ich bekommen habe, war so gut, dass ich ihn euch einfach vorlesen muss.“ Bums, machte Sarahs Herz. Und dann dachte sie: Oh bitte, nicht meiner! Sie versuchte, mit ihren Augen Zeichen zu machen. Robbie war hier. Er durfte die Geschichte nicht hören. Aber die Lehrerin griff zielsicher nach Sarahs Schreibheft. Sie erkannte es an dem Tintenfleck auf dem Umschlag. Die Lehrerin fing an zu lesen: „Mein Freund Spencer“. Der Aufsatz erzählte alles: Spencer, der Beschützer. Spencer, der Wächter. Spencer, der Freund. Vor allem der Freund. Er liebte – und liebte – und liebte. Sarah wagte nicht aufzusehen. Sie wagte nicht, sich umzusehen. Als plötzlich jemand aufstand und hinausging, wusste sie, dass es Robbie sein musste, ohne dass sie ihn weggehen sah. Die Lehrerin hörte auf zu lesen und starrte die Tür an, die sich gerade geschlossen hatte. Sie sah verwirrt aus, doch sie rief Robbie nicht zurück. Eine Minute später hörte man, wie ein Pferd weggaloppierte – Wally. Und die Lehrerin las immer noch weiter – bis zu der Stelle, wo Sarah und Robbie ihren Freund zusammengerollt in der Kammer gefunden hatten. Und sie las von dem Grab im Obstgarten. Sarah hatte den Kopf auf den Tisch gelegt und hinter dem Ellenbogen versteckt. Sie hörte, wie die kleinen Mädchen schluchzten. Sogar einige von den großen putzten sich die Nase. Es war eine seltsame Sache. Dann war es vorbei. „Nun gut. Gehen wir wieder zur Arbeit über“, sagte die Lehrerin kurz. „Sarah, ich möchte dich nach vier noch gerne kurz sprechen.“ Oh nein! Aber worüber die Lehrerin auch sprechen wollte, es konnte nicht allzu schlimm sein. Sie lächelte, als Sarah aufschaute. Als alle anderen sich auf den Heimweg machten, sagte sie: „Wenn du die Gelegenheit hast, Sarah, dann richte Robbie etwas aus. Sag ihm, dass ich die Geschichte nicht vorgelesen hätte, wenn ich 22


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gewusst hätte, wie sehr sie ihn berühren würde. Übrigens, wir haben einen neuen Wurf Welpen auf der Farm ...“ „Robbie sagt, er will keinen Hund um sich haben“, sagte Sarah traurig. „Nun, wie auch immer – es hat mir sehr gefallen. Ich glaube, du könntest mal Schriftstellerin werden. Das war‘s schon.“ An jedem anderen Tag wäre Sarah schwindlig geworden, wenn die Lehrerin so etwas gesagt hätte. Aber heute war sie zu bedrückt. Sie hielt nach Robbie Ausschau, als sie nach Hause ritt. Er war bestimmt nicht nach Hause gegangen. Da war sie sich ziemlich sicher. Er würde sonst alles erklärt haben müssen. Sie sah ein Pferd mit einem Reiter über den langestreckten Hügel im Süden kommen. Das war das Land, das Keith gekauft hatte. Es würde zu seiner Pferdezucht-Farm gehören. Das Pferd bewegte den Kopf genau wie Wally es tat. Es war Wally, mit Robbie auf dem Rücken. Er gesellte sich zu Sarah. Keiner von ihnen sagte ein Wort, aber sie ritten zusammen nach Hause, genau wie immer. Robbie sah eigentlich auch normal aus. Trotzdem war er anders – ruhiger. In den folgenden Tagen und Wochen erwähnte er Spencer nie. Er ging oft in den Wald zum Wandern nachdem er seine Aufgaben erledigt hatte, aber das hatte er schon immer gerne getan. Gewöhnlich war Spencer vor ihm her gesprungen oder neben ihm getrabt. (Spencer wusste immer sofort, ob man froh oder traurig war. Und je nachdem, wie man sich fühlte, verhielt er sich.) An dem Tag, als Grant Millar, der neue Ehemann der Lehrerin, Sarah aufhielt, war Robbie zuhause geblieben, um bei der Feldarbeit zu helfen. Grant Millar war ein schüchterner Mann. Er sprach selten zu jemandem, wenn man ihn nicht zuerst ansprach, deshalb war das ungewöhnlich. Aber seit dem Tag, an dem Braeburn gehört hatte, wie er seine Naturgeschichten erzählte – weil die Lehrerin ihn gebeten hatte – mochte Sarah ihn sehr. 24


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Er zog gerade einen neuen Zaun am Wegrand, grub Löcher, steckte Pfosten hinein und zog den Stacheldraht straff. Grant Millar war einer der besten Viehfarmer in der Gegend. Das sagten die Leute. Ein guter Zaun war wichtig, wenn man ein guter Viehfarmer sein wollte. Als Sarah angeritten kam, verließ er seine Arbeit und wartete an der Straße auf sie. „Ich hab gehört, dein Bruder braucht einen Welpen“, sagte er. „Robbie? Nein“, sagte Sarah trübselig. „Doch.“ Mr. Millar lächelte. „Vielleicht weiß er es noch nicht, aber er braucht einen. Nun, ich habe einen wunderschönen Wurf. Das Problem ist nur – wie bringt man Junge und Hund zusammen?“ „Es würde nicht funktionieren“, sagte Sarah entschieden. Schließlich kannte sie Robbie. „Einen Versuch ist es wert“, sagte der Farmer, und klang dabei auf freundliche Weise stur. „Euer Spencer war zufällig ein Vorfahre dieses Wurfs. Einer ist sein genaues Ebenbild. Ich würde es darauf ankommen lassen, dass er seinen Weg zu Robbies Herz findet, wenn man ihm die Chance gibt.“ „Wenn es irgendwie zufällig passieren könnte“, sagte Sarah mit einem kleinen Hoffnungsschimmer. „Aber wie?“ „Lass uns nachdenken“, sagte Grant Millar. Er gab Blackie einen freundlichen Klaps. Sie hatte sein Gesicht, seine Hände und den Overall beschnuppert. Alle Tiere mochten Grant Millar. Er lüftete höflich seinen Hut zum Abschied und wandte sich wieder seiner Arbeit am Zaun zu. Sarah hatte das Gespräch bereits vergessen, als Vater einige Tage später sagte, dass sie lieber mit Wally und dem Wagen zur Schule fahren sollten. Diesmal war Sarah froh, Blackie zuhause zu lassen. Es war ein trüber Morgen und es hatte die ganze Nacht geregnet. Sie wusste, wie matschig die Wege sein würden. Und den Schlamm von Blackie abputzen zu müssen war nicht gerade Sarahs Lieblingsarbeit. 25


Sarah entdeckt Geheimnisse

„Und wenn ihr sowieso schon den Wagen habt“, bemerkte Vater, „dann könnt ihr auch bei Grant Millar vorbeischauen. Er hat mir einige Scheffel von der neuen Sorte des Nr. 1 Northern Weizen2 angeboten, damit ich ihn diesen Frühling ausprobiere.“ Auch da schöpfte Sarah noch keinen Verdacht. Es nieselte den ganzen Tag und Sarah war unzufrieden, dass sie noch zwei extra Meilen bei diesem Wetter fahren mussten. Ihr Mantel war feucht. Die Decke, die sie über ihre Knie gelegt hatte, war feucht. Der Weg war glitschig vom Matsch und Wally spritzte Matschklumpen auf ihren Schoß. Einer davon klatschte auf ihr Lesebuch. Und wenn Sarah etwas überhaupt nicht leiden konnte, dann war es, wenn ihre Bücher schmutzig wurden. Die Tür von Mr. Millars Scheune stand offen. Er steckte seinen Kopf heraus in den Regen. „Oh, ihr seid es“, sagte er. „Hilf mir bitte mal mit den Säcken, Robbie.“ In dem Moment durchfuhr Sarah ein aufregender Gedanke. Lass uns nachdenken, hatte er gesagt. Was, wenn Vater und er – was, wenn die Welpen in der Scheune waren? Sie hüpfte aus dem Wagen und band die Zügel an den nächsten Zaunpfahl. Dann patschte sie durch den Morast zur Scheune. Ungeduldig versuchte sie, an dem Farmer und den Weizensäcken und Robbie, der sich gerade bückte, um einen Sack aufzuheben, vorbeizusehen. Dahinter war eine flache Kiste mit einem Haufen Mäntel und Säcke. Und darauf lag ein bunter Haufen Hunde: eine Mutter mit ihren Welpen. Einer saß aufrecht und schaute Robbie an. Und Robbie starrte zurück. Er stand einfach nur da und schaute. Sarah stieß ein glückliches Quietschen aus, rannte hin und kniete sich auf den rauen Boden, der ganz staubig vom Weizen war.

2 Die Sorte Nr. 1 Northern war jahrzehntelang eine erstklassige Weizensorte in Kanada.

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2. Bouncer trifft eine Wahl

„Schau! Das ist Spencer! Er ist genau wie Spencer! Schau, was für eine weiße Brust er hat. Und der Fleck auf seinem Ohr und seine weißen Füße. Oh, bist du ein goldiges Ding!“ Sie streichelte den pummeligen flauschigen Welpen. Und er leckte ihre Hand. Dann hüpfte er aus der Kiste und hüpfte über den Boden, blieb vor Robbie sitzen und schaute zu ihm hoch, die ganze Zeit mit seinem lustigen Stummelschwänzchen wedelnd.

Glücklich schaute Sarah an ihnen vorbei zu Grant Millar. Er zwinkerte ihr bedächtig zu. Aber Robbie schob das Hündchen sanft beiseite und bückte sich wieder, um den Sack hochzuheben. „Komm, ich helfe dir“, sagte Millar. Zwei dicke Säcke voll Weizen füllten die Fläche hinter ihren Sitzen. Einer lag schwer auf Sarahs und Robbies Füßen. 27


Sarah entdeckt Geheimnisse

„Der Welpe gehört dir, wenn er dir gefällt“, bemerkte der Farmer, als er zurücktrat, nachdem er den letzten Sack verstaut hatte. „Ich kann so viele Hunde nicht gebrauchen, weißt du.“ „Oh, Mr. Millar!“, rief Sarah. „Nein, danke“, sagte Robbie. „Tss, tss, hüa, Wally!“ Robbie machte eine so scharfe Wendung, dass die Räder gegen den Wagenboden kratzten. Schlamm und Wasser tropften von den Rädern und Wallys Hufen machten schmatzende, quietschende Geräusche, während sie den Weg entlang fuhren. Hinter ihnen erhob sich ein Geheul. Erschrocken zog Robbie an Wallys Zügeln, um ihn anzuhalten. Da, in einer schlammigen Pfütze, saß ein pummeliger Welpe. Als sie anhielten, begann er fröhlich zu bellen und rannte auf sie zu. Sarah kletterte über die Räder. Jetzt war ihr egal, was Robbie sagte oder dachte. Sie wurde ganz schmutzig, von oben bis unten, aber auch das war ihr egal. „Du armes Ding! Du armes Ding!“, sagte Sarah mitleidig. Sie hob ihn auf und er zappelte vor Freude. „Und was willst du mit ihm anfangen?“, fragte Robbie. „Ich nehm ihn mit nach Hause, das mach ich! Mr. Millar hat gesagt, wir dürfen, und ich mach‘s. Wenn du ihn nicht willst, ich will ihn.“ Aber der Welpe wusste, wem er wirklich gehörte. Sarah wickelte ein Stückchen Decke um ihn, und er ließ es geschehen. Aber er wand sich solange darin herum, bis er sich gegen Robbies Schienbein gelehnt hatte, und schlief dann dort ein. Sarah machte das nichts aus. Ein Lächeln breitete sich in ihrem Inneren aus und leuchtete aus ihren Augen. Sie musste ihre Wangen ansaugen, damit es nicht herausbrach – wegen Robbie. Aber eine Sache beschäftigte sie noch. Wie hatte der nette Mr. Millar den Welpen laufen lassen können, in den Nieselregen und den Schlamm? Was, wenn er sich verlaufen hätte? Was, wenn er 28


2. Bouncer trifft eine Wahl

sich schlimm erkältet hätte? Bei der nächsten Gelegenheit hielt sie an, um ihn zu fragen. „Es wäre nicht für lange gewesen“, sagte Mr. Millar. „Dafür hätte ich natürlich schon gesorgt. Aber verstehst du, wenn ein Hund seinen Herrn gefunden hat, dann hat er das Recht, ihm zu folgen.“ Der Farmer hatte ein Zwinkern in den Augen. „Ich konnte mich auf sein durchdringendes Heulen verlassen.“ Als sie ihn nach Hause brachten, trug Sarah den schmutzigen Welpen in ihren Armen, zusammen mit ihrem Essenseimer, den Büchern und den Heften. Mittlerweile war alles ungefähr gleich schmutzig. „Sarah! Was um alles in der Welt!“, begann Mutter, als Sarah mit ihrer Ladung in der Küchentür erschien. Dann fuhr sie ruhiger und interessierter fort: „Erzähl uns, was geschehen ist.“ Sie ließ das Hündchen auf dem Küchenflur laufen. Überall, wo seine Pfoten hingetreten waren, hinterließ er schwarze Rosetten. Er hopste zu Vater, der am Tisch saß, und leckte seine Knöchel. Dann hopste er zu Mutter, machte Männchen und legte seine Vorderpfoten auf ihre Schürze. Er hopste zurück zu Sarah, die immer noch lachend auf der Matte am Eingang stand. Er rollte sich auf ihren schlammigen Überschuhen zusammen. „Ich finde, wir sollten ihn Bouncer3 nennen“, sagte Sarah, während sie sein rundes schmutziges Bäuchlein kraulte. Von dem Tag an hieß er Bouncer. Tagsüber war er ein unbekümmertes Hündchen. Er hatte wahrscheinlich noch niemals Milch aus einem Schälchen getrunken. Sarah ließ ihn erst einmal Milch von ihren Fingern lecken. Danach wusste er genau, was er machen musste. Er hatte wahrscheinlich noch niemals gebadet, außer wenn seine Mutter ihn mit der Zunge gewaschen hatte. Er ließ sich von Sarah einseifen, während Vater ihn in dem warmen Wasser festhielt, um ihn zu beruhigen. 3 “Bouncer” von to bounce = hopsen, also “Hopser”.

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Sarah entdeckt Geheimnisse

Er wurde wieder ausgelassen, als sie ihn trocken rubbelte und anfing, sein Fell zu bürsten und zu schütteln. Aber als Robbie zum Abendessen hereinkam, vergaß Bouncer alles andere. Er war Robbies Hund. Die Frage war nur: würde Robbie einverstanden sein, sein Junge zu sein? Zu Sarahs Erstaunen erlaubte Mutter ihr, hinter dem Ofen ein Bettchen für Bouncer zu machen. Mutter war nicht so begeistert davon, Tiere im Haus zu haben. „Steck ihm den alten Wecker dazu“, sagte Vater. „Du machst Witze, Vater!“, sagte Sarah. „Nein, ich meine es ernst. Bouncer ist gewöhnt, nahe bei seiner Mutter zu schlafen und ihr Herz schlagen zu hören. Die Uhr wird ihm ein vertrautes Gefühl geben, bis er sich an uns gewöhnt hat.“ Es schien zu funktionieren. Bouncer rollte sich zusammen und schlummerte den ganzen Abend durch, während Sarah, Robbie und Stuart am Küchentisch lernten. Dann kam die Abendandacht, und danach die Schlafenszeit. In dieser Nacht waren Sarahs Träume sehr geschäftig. Sie ging auf einem schlammigen Weg im Dunkeln. Sie hörte Bouncer heulen und jaulen. Sie versuchte verzweifelt, zu ihm zu gelangen, aber ihre Füße blieben immer tiefer im Schlamm stecken, bis sie sie nicht mehr hochheben konnte. Sie steckte fest! Sie versuchte zu schreien, aber es kam nur ein Krächzen heraus. Dann wurde sein Heulen immer leiser und sie bekam Angst, dass er für immer verloren war, draußen in der kalten Nacht. Und sie war allein im Dunkeln, ganz allein. „Sarah!“ Jemand flüsterte ihren Namen. Sie öffnete die Augen. Es war morgens! Die Sonne schien durch die beiden Fenster, aber es war noch sehr, sehr früh. Ihr großer Bruder Stuart schaute durch die Tür. Er legte den Zeigefinger auf den Mund und flüsterte: „Komm, schau.“ Etwas Ungewöhnliches musste geschehen sein. Er sah fröhlich und belustigt aus. 30


2. Bouncer trifft eine Wahl

Stuart war ganz besonders. Sarahs ältester Bruder Keith war lustiger. Er war aufregend. Gutaussehend! Er konnte viele Geschichten über die Zeit, als er ein Cowboy im Westen war, erzählen. Und Robbie – nun, er war ihr im Alter am nächsten und sie neckten einander sehr viel. Sie stritten sich oft, aber sie verstanden sich gut. Doch Stuart war derjenige, der ihr ruhig zuhörte, wenn sie Probleme hatte. Und er war klug! Diesen Frühling würde er die High School in Blakely beenden. Nur wenige Farmerjungen kamen in der Schule so weit! Als er ihr jetzt winkte, schlüpfte Sarah aus dem Bett und folgte ihm barfüßig. Vorsichtig, weil manche Stufen knarrten. In der Küche streckte Stuart den Finger aus. Da saß Robbie auf dem Boden neben dem Ofen und schlief. Seine Füße hatte er von sich gestreckt. Er hatte einen alten Pullover von Vater über seinen Pyjama gezogen und zugeknöpft. Ein wuscheliger Kopf schaute aus dem herunterhängenden Ausschnitt heraus. Bouncer. Er schlummerte auch. Sarah und Stuart schlichen auf Zehenspitzen wieder nach oben. Sarah zitterte und lachte lautlos. „Wie hast du das entdeckt?“, flüsterte sie. „Nun, zum einen hatte der Hund aufgehört zu jaulen. Dann fiel mir auf, dass Robbies Bett leer war. Also ging ich nach unten um nachzusehen. Robbie hat es erwischt. Das Hündchen hat sein Herz gewonnen, das ist klar.“ Genau in diesem Moment hörten sie es knarren. Robbie kam. Er schrak zusammen, als er sie sah, doch dann grinste er verlegen. „Ein Bettler“, sagte er. „Das ist ein richtiger Bettler.“ Bouncer war immer noch in seinen Armen. „Was wird Mutter sagen?“, fragte Sarah. Haustiere ins Zimmer mitzunehmen war schlimmer, als sie in der Küche zu haben. „Ich denke, sie wird heute morgens gerne etwas Ruhe haben wollen“, sagte Stuart. „Geh zurück ins Bett, Schwesterchen. Es ist erst fünf Uhr.“ 31


Sarah entdeckt Geheimnisse

An diesem Abend standen Sarah und ihre Eltern am Küchenfenster und beobachteten wie Robbie und Bouncer zum Stall gingen. „Nun, Sheila“, sagte Vater, „da haben wir wieder einen Jungen und seinen Hund.“ „Ich kann nicht verstehen, warum er erst so stur war und keinen Hund wollte“, sagte Mutter, und klang leicht ärgerlich. „Er wollte eine der Lektionen des Lebens nicht lernen, das ist alles“, sagte Vater. „Er dachte, wenn man sein Herz für eine neue Liebe öffnet, dann hat man die alte verraten. Aber Liebe ist dehnbar. Weißt du, wovon ich spreche, Sarah?“ „Ja. Nein. Ich weiß nicht.“ Er lachte. „Und das ist eine ehrliche Antwort, daran zweifle ich nicht, Prinzessin Sarah.“ „Zeit, die Küken und Gänschen zu füttern“, sagte Mutter energisch. „Lauf, Sarah.“ Das Bruthaus war heute abends doppelt so laut wie vor zwei Wochen. Seit eine zweite Brutkastenladung Eier geschlüpft war, waren es doppelt so viele Schnäbel, die Sarah „Tschiep! Tschiep! Tschiep!“ zuriefen. „Selber Tschiep!“, sagte Sarah. „Kurr-r-r-r!“ (Das bedeutete: „Seid still!“ in der Gluckensprache.) Es war lustig. Sofort wurden sie still. Nur die Gänschen murmelten weiter „piele-piele-piele“. Aber dann begann der Lärm wieder, bis Sarah die langen Futterrinnen und die Wasserbehälter gefüllt hatte. Man konnte den Küken nicht einfach die flachen Wasserschalen vorstellen. Sie würden direkt hineinhüpfen, ganz nass werden, sich erkälten – und wahrscheinlich sterben. Küken sterben schnell! Deshalb füllte man ein Glas mit Wasser, bedeckte es mit einer Untertasse und drehte das Ganze um – aber schnell. So kam nur etwas Wasser herausgesickert. Ein Ring von flauschigen schwarzen Küken drängelte sich um jede Untertasse; sie tauchten ihre 32


2. Bouncer trifft eine Wahl

winzigen gelben Schnäbel hinein und hoben sie dann hoch, damit das Wasser ihre Kehlen herunterlief. Küken wussten viele Dinge instinktiv. Es gab keine Mutterhennen, die ihnen Vernunft beibrachten. Aber sie wussten es, auch ohne dass man es ihnen sagte. Wie man trank, wie man nach Futter scharrte, wie man sich zusammenkauerte und regungslos dasaß, wenn Gefahr drohte. Sie kauerten sich gerade zusammen – und da war Ginger, die über den Rand der Brutkiste schaute. Sie musste für sie wie ein riesiges orangenes Biest aussehen, vielleicht wie ein gefährlicher Tiger. „Miau?“, fragte sie traurig. „Sicher, ich bin gleich fertig“, sagte Sarah. Arme Ginger. Sie vermisste Spencer immer noch sehr. Jetzt, da Robbie Bouncer angenommen hatte, war Ginger die einzige, die nicht getröstet werden konnte. Sie hatte nicht einmal kleine Kätzchen zum Knuffen und Lecken und Mäusejagen beibringen. Aber in der Nacht überraschte Ginger alle. Robbie und Sarah machten für Bouncer ein Bett in der Scheune. Mutter sagte entschlossen, wenn der Hund sowieso vorhabe zu heulen, dann könne er es genauso gut auch außerhalb des Hauses tun. Sie zogen die Uhr auf und steckten sie neben Bouncer, aber er wimmerte immer noch. Da schaute Ginger über den Kistenrand und schnurrte. Sie sprang hinein, legte sich neben Bouncer und steckte drei Pfoten unter sich, wie Katzen das tun. Die vierte Pfote aber legte sie um Bouncers Hals, und berührte sein Ohr mit ihrer Zunge. Das Ohr zuckte. Sie wedelte mit dem Schwanz und zwinkerte Sarah zu. „Du kannst gehen. Alles ist unter Kontrolle. Ich kümmere mich um dieses Heulbaby“, schien sie zu sagen. Bouncer war zuhause angekommen.

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